HORIZONT - der etwas
andere Gottesdienst in
Filderstadt - Bernhausen vom 8. 7.2007
:
Thema: Mit unerfüllten Wünschen leben !
Eigentlich komisch, dass jemand in die Johanneskirche gekommen ist. Und
dass Sie da sind zeigt, dass viele den Titel eines Gottesdienstes gar nicht
anschauen! "Mit unerfüllten Wünschen leben" macht keinen Spaß, und
jeder Werbefachmann würde dringend davon abraten, so einen Slogan unter die
Leute zu bringen. "Liberté tojours" heißt es bei den Zigaretten und
die Welt war letztes Jahr "zu Gast bei Freunden." Da werden Wünsche
geweckt, und Erfüllung wird verheißen: Mit dieser Marke und mit diesem
Geschmack kannst du dich endlich frei fühlen! Nichts schränkt dich mehr ein,
vergiss die Enge des Alltags! Unseren Fußballgästen wurde ein anderer Wunsch
erfüllt - der Wunsch nach Frieden und Geborgenheit. Wenn du hier her kommst, wird
dir nicht das Geld aus der Tasche gezogen, sondern alle haben ein Interesse an
deiner Person - Freunde eben.
Lauter erfüllte Wünsche - und wir Christen setzen das Gegenteil auf die
Tagesordnung: "Mit unerfüllten Wünschen leben..." Wer mit unerfüllten
Wünschen leben will, muss sich natürlich zuerst einmal Gedanken machen, welche
Wünsche es überhaupt gibt. Die Palette ist riesig, und trotzdem gibt es wohl so
etwas wie Wunschtypen. Anhand von drei Personen möchte ich diesen Typen auf die
Spur kommen:
1. Baron Münchhausen - ewige Jugend
Münchhausen erlebt im Laufe seines Lebens die ungeheuersten Geschichten. Am
eigenen Schopf kann er sich aus dem Sumpf ziehen und noch besser: der
unglaubliche Ritt auf der Kanonenkugel. Im Münchhausenfilm warnt Münchhausen den
Zauberer Cagliostro vor einer drohenden Verhaftung. Als Dank für diesen Dienst
bekommt Münchhausen ewige Jugend. Während alle um ihn her spürbar altern und
wie die Fliegen dahinsterben, bleibt er in Saft und Kraft. Ewige Jugend - ein
alter Menschheitstraum geht für Münchhausen in Erfüllung. Und wenn wir uns
selbst und die Leute um uns herum anschauen, ging es vielleicht noch nie so
sehr um die Verwirklichung dieses Wunsches wie heute: ewig jung und ewig schön
zu sein.
2. Das kalte Herz - Reichtum
Peter, ein einfacher Köhler aus dem Schwarzwald, ist pleite. Als Ausweg
begegnet ihm ein betörendes Angebot. Der Holländermichel tauscht Steine gegen
Herzen und verspricht dafür unendlichen Reichtum. Kein Wunder, dass der arme
Schlucker darauf eingeht. Über Nacht bekommt er sagenhaften Reichtum und sein
Handel floriert. Vielleicht haben Sie es ja nicht so mit der ewigen Jugend,
dafür aber um so mehr mit dem Geld! Aktien, Fonds oder ein gut gefülltes
Sparkonto können unheimlich faszinieren.
3. Diogenes in der Tonne - Zufriedenheit
Es kann natürlich auch sein, dass Sie zu den Leuten gehören, denen solch
äußerliche Wünsche zu primitiv sind. Schönheit, Macht und Geld - darauf kommt
es doch gar nicht an! Entscheidend sind doch Glück und Zufriedenheit. Unsere
Sprichwörter sind voll von diesem einen Wunsch: "Trautes Heim - Glück
allein" oder das Märchen von Hans im Glück, der erst dann frei und
zufrieden ist, als er nichts mehr in Händen hält. Eine großartige Vorstellung:
Zufriedenheit ohne jeden Besitz. Am beeindruckendsten finde ich da Diogenes.
Der griechische Philosoph lebte zerlumpt in einer Tonne und war so zufrieden,
dass die schrägen Blicke seiner spießigen Mitbürger einfach an ihm
vorbeigingen. Als Alexander der Große zu ihm kommt, macht er ihm ein
märchenhaftes Angebot: "Ich erfülle dir jeden Wunsch." Diogenes
zögert nicht und bittet den Feldherrn: "Geh mir aus der Sonne!"
4. Der fromme Wunsch des Paulus
Welche Wünsche haben eigentlich Christen? Wonach sehnen sich die Leute, die
Gott an die erste Stelle setzen. In der Bibel begegnet uns die ganze Palette
menschlicher Wünsche von der ewigen Jugend über das Geld bis hin zur
Zufriedenheit. Paulus formuliert seinen sehnlichsten Wunsch in seinem letzten
Brief folgendermaßen: "Ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei
Christus zu sein, was auch viel besser wäre; aber es ist nötiger im Fleisch zu
bleiben um euretwillen." (Phil 1,23b-24). Auf den ersten Blick ist uns
dieser Wunsch wahrscheinlich fremd. Wer will schon "aus dem Leben
scheiden." Aber letztlich ist es der Wunsch nach Zufriedenheit. Endlich
einmal keinen Stress mehr, Ruhen in Abrahams Schoß, Erholung bei Gott in seinem
Reich. Dieser Wunsch ist nicht besser oder nicht schlechter als alle
menschlichen Wünsche, und Gott verbietet uns auch nicht, uns Dinge von anderen
oder von ihm im Gebet zu wünschen. So mancher Wunsch wird bestimmt auch erfüllt
werden. Entscheidend aber ist, was Gott von mir will. Denn er hat mit jedem
Menschen etwas vor. Er möchte, dass jeder und jede mitarbeitet beim Bau seines
Reiches. Er wünscht sich, er sehnt sich danach, dass wir seine Mitarbeiter
werden.
Paulus hat das kapiert: "aber es ist nötiger, im Fleisch zu bleiben um
euretwillen." Paulus hatte eine Aufgabe als Seelsorger der Gemeinde in
Philippi. Wo ist Ihre Aufgabe? Braucht Gott Sie als Beter, als Seelsorger, als
christliche Eltern, als Missionare an Schule und Arbeitsplatz oder als
Mitarbeiter in einem sozialen Projekt. Mit unerfüllten Wünschen leben - so
lautet das Thema dieses Gottesdienstes. Die Bibel ist da realistisch, realistischer
als Werbung und Märchen. Aber Sie stellt unsere Wünsche ins richtige Licht. Sie
sind nicht böse oder schlecht, aber sie sind lange nicht so wichtig wie Gottes
Plan für seine Welt. Und wer da mit macht, wird erleben, dass Gott besseres für
uns bereit hält als die Befriedigung unserer Wünsche. Amen.
Pfarrer z.A.
Matthias Bilger, Bernhausen, 20. 7.2007
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20. 7.2007 JH/ZT