HORIZONT - der etwas andere Gottesdienst in Filderstadt - Bernhausen vom 22. 4.2007 :

Thema: Wer schneller lebt ist eher fertig !

Eigentlich bräuchte man über dieses Thema gar nicht predigen oder sonst irgend welche Worte verlieren!

 Denn sind wir nicht alle eher fertig?

Ich weiß ja nicht wie ihr Alltag aussieht, mit welchen Zielvorgaben und Orientierungspunkten Sie sich herumschlagen müssen? Bei mir im beruflichen Alltag heißt es jedes Jahr aufs neue: Wachstum! Oder anders formuliert: schneller, höher, weiter! Stillstand ist absoluter Rückschritt!

Lassen Sie uns doch mal unseren Alltag genauer betrachten. Ob beruflich oder auch privat wir sind doch nur am Hektik und Streß verbreiten. Alles ist mindestens genau eingetaktet. Zu früheren Zeiten hatte man einen kleinen Terminkalender; heute spricht man von „Timesystem“ oder „Organizer“ oder die elektronische Variante: PDA

Wünschen wir uns nicht alle samt öfters mal Zeit? Ist es nicht in dieser unserer Zeit ein Wunsch geworden, der eher in das Land der Träume verbannt wird? Und ich denke dabei vor allem auch an den „frommen“ Streß dem wir uns aussetzen. Heute Gottesdienst, morgen Kirchengemeinderatsitzung, am Dienstag Kirchenchor, am Mittwoch Förderverein, am Donnerstag Posaunenchor, am Freitag Hauskreis, am Samstag und Sonntag Kirchengemeinderatswochenende! Ich gebe zu sicher nicht in vollem Umfang repräsentativ; aber vielen von uns an der einen oder anderen Stelle bekannt.

„Wer schneller lebt, ist eher fertig!“ – Doch vielleicht muß man sich an der Stelle fragen: mit was ist man dann schneller fertig? – mit seiner Gesundheit, mit seiner Familie, mit seiner Ehe ...?

Zum Thema Gesundheit: in Amerika gibt es eine neue Krankheit mit dem Namen: Hurry Sickness! Im Internet bin ich auch fündig geworden:

Unter Hurry Sickness oder Hetzkrankheit versteht man die erst zur Gewohnheit und daraufhin krankhaft werdende Neigung, möglichst viele Dinge schnell hintereinander oder überhaupt zugleich erledigen zu müssen. Der telefonierende Autofahrer im Berufsverkehr, die sich an Kreuzungen die Krawatte fertig bindet und am Beifahrersitz die Morgenzeitung nebst Fast-Food-Frühstück liegen hat, dient uns als erhebendes Beispiel.

 

 „Wer schneller lebt, ist eher fertig!“

Vor einigen Wochen war ich auf einem Seminar zum Thema: „Work-life-balance“

Dozent war Prof. Seiwert – einer der angesehensten und angesagtesten Zeitmanagement-Experten in unserem Land. Zum Eingang seines Referats erzählte er eine kleine Geschichte von T. Eulenspiegel:

Dieser zog eines Tages die Straße entlang. Dabei begegnete ihm eine sehr schnell daher kommende Kutsche. Sie hielt an und der Kutscher fragte ihn: „Wie lange ist es denn noch bis zur nächsten Ortschaft?“ Daraufhin antwortete T. Eulenspiegel: „Wenn Du langsam fährst eine halbe Stunde; wenn Du so schnell weiterfährst wie Du eben hier vorbeigekommen bist, dann einen halben Tag!“ Der Kutscher lachte und trieb seine Pferde wieder an alles zu geben. Mit dem Ergebnis: T. Eulenspiegel fand die Kutsche hinter der nächsten Kurve wieder – nämlich im Straßengraben!

Ist das nicht ein sehr treffendes Beispiel für uns heutiges Thema? Könnte es anstatt der Schnelligkeit nicht vielmehr um das Lebenskonzept bzw. um die Art der Geschwindigkeit gehen?

Ich möchte heute Abend sicher nicht den gesamten Vortrag von Prof. Seiwert wiedergeben. Aber der eine oder andere Ansatz fand ich für unser Thema sehr passend und zutreffend. Daher möchte ich einige Punkte noch ausführen:

Er ging im Verlauf seines Vortrags auf die 4 wesentlichen Lebensbereiche eines Menschen ein:

1)      Körper / Wellness / Gesundheit

2)      Leistung / Arbeit

3)      Kontakt / Familie / Beziehungen

4)      Sinn des Lebens / höhere Werte

Seiner Meinung nach kommt es darauf an diese 4 Lebensbereiche in Einklang zueinander zu bringen. Darin liege die Kunst: Work-life-balance eben!

Das eigentlich interessante für mich war dann, daß er eben nicht darauf einging, daß alles eben nun von der körperlichen Fitneß oder dem inneren Antrieb bei der Arbeit oder auf möglichst viele Kontakte im Leben ankommt. Nein: er hat eine erstaunliche Position bezogen, daß es seiner Meinung nach auf eine Ausrichtung im Leben ankommt, die mit dem Sinn des Lebens umschrieben werden könne. Näher ging er aber dann auf diesen Ansatz nicht ein.

Also, wenn er es schon nicht macht, dann lassen Sie uns doch heute Abend mal Gedanken dazu machen was Gott zum Thema leben und Schnelligkeit bzw. Lebenskonzept sagt? Oder anders gesagt: Was bzw. wie will ich leben? Worauf kommt es an?


Im 1. Johannesbrief Kapitel 5 schreibt der Apostel Johannes:

„Und das ist das Zeugnis, daß uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn. Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht.

Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wißt, daß ihr das ewige Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes.“

Wenn wir so die Zeilen auf uns wirken lassen, dann könnten wir sagen: alles eine Frage der Definition! Es kommt letztlich einzig und allein darauf an, was wir denn unter Leben verstehen? Denn diese Antwort ist doch auch die Basis dafür um darüber nachzudenken, bzw. die Frage beantwortet zu bekommen, in welchem Tempo wir den Leben sollen oder wollen? Bzw. ob es überhaupt im Leben auf das Tempo ankommt? Oder ob es überhaupt möglich ist schneller fertig zu sein?

Das ist ein Leben!

Das sagen wir, wenn wir das Leben genießen. Wenn wir am Ende eines langen Urlaubstages, an dem wir Sand und Sonne und Wellen miteinander genossen haben, noch da sitzen. Blick aufs Meer, ein guter Rotwein im Glas, Familie und Freunde sind dabei. So kann es immer sein. Das ist ein Leben.

Das ist doch kein Leben!

Das sagen wir, wenn das Schicksal Menschen um alles bringt. Wenn die Kinder aus dem Haus gegangen sind und sich nicht mehr kümmern, wenn man alt wird und keiner ist mehr da, wenn man einsam liegt und keiner ruft an, wenn man krank wird und Pflege braucht und man nur noch satt und sauber gehalten wird. So darf es doch nicht sein. Das ist doch kein Leben!   Was macht das Leben aus?

Gesundheit? Freunde? Familie? Geld? Ein gutes Auskommen? Sicherheit? Bildung? Kultur und Kunst? Gutes Essen und Trinken? Reisen und ferne Länder? Treue? Glauben an Gott?

Was macht das Leben aus? Was ist das Leben?

Mir kommt es manchmal vor wie ein komplizierter Bruch, den man, bevor man daran gehen kann, kürzen muß auf den kleinsten gemeinsamen Nenner bringen muß.

Große aufgeblähte Nummern erweisen sich als Luftnummern. Und wenn man diese kürzt und zurecht bringt, dann sieht alles ganz anders aus. Und in unserem Leben ist vieles, was uns wichtig ist, morgen schon wieder vergessen. Was bleibt? Was bleibt für sie, wenn Sie die Liste der Dinge, die das Leben ausmachen, noch einmal durchgehen? Was kann man kürzen, auf was kommt es wirklich an? Ich kann reich sein und völlig einsam.  Ich kann gesund sein und in der Seele krank. Ich kann kulturell gebildet sein und doch hält es kein Mensch mit mir aus.

Was ist das Leben? Worauf kommt es an?

 

Gleichung: Ewiges Leben = Jesus = Leben

Ewiges Leben:

„Ich habe euch diesen Brief geschrieben, damit ihr wißt, daß ihr ewiges Leben habt“

 

das schreibt Johannes im Brief an seine Gemeinde.

Was ist das ewige Leben? Wir denken bei Ewigkeit einfach nur mathematisch an eine unendliche Verlängerung der Zeit. Ewigkeit hört halt nicht auf. Das ist biblisch gesehen aber viel zu wenig.

Ewiges Leben - das kann ja nicht sein, daß unser Leben einfach nur verlängert wird! Da muß sich doch auch die Qualität des Lebens ändern, damit sich die Ewigkeit lohnt!

Wenn unser Leben gelingt, wenn es schön ist, dann gibt es Augenblicke für die Ewigkeit. So sagen wir dann. Momente, in denen uns das Glück wie ein warmer Schauer überkommt. Wenn ich abends mal wieder etwas später heim komme und dann ganz leise ins Kinderzimmer zu meiner Tochter Julia schaue und sie dort ganz friedlich schläft. – Ein Augenblick für die Ewigkeit!

Und dann spüren wir, daß es eben nur ein kurzer Augenblick war. Daß uns dieser Moment nicht auf Dauer gegeben ist.

Doch wir wissen eines sicher: Wenn es eine Ewigkeit gibt, die diesen Namen verdient, dann ist sie nicht nur unendlich lang, sondern unendlich schön, gefüllt mit dem Reichtum des Lebens.

Gott hat uns ewiges Leben gegeben, und wir erhalten dieses Leben durch seinen Sohn. Wer den Sohn Gottes hat, hat auch das Leben. Wer aber den Sohn nicht hat, hat auch das Leben nicht.

In unserem Beispiel mit dem Bruchrechnen und in Bezug nehmen auf unser Leben bzw. auf die Qualitätsbeschreibung unseres Lebens haben wir gespürt, wie sehr sich der komplizierte Bruch aus Schein und Wirklichkeit auf etwas kürzen läßt, das man ehrliche und tragfähige Beziehungen nennen kann.

Um nichts anderes geht es Gott:

Gott will zu uns und mit uns, mit dir und mir eine ehrliche und tragfähige Beziehung. Er will - aus freien Stücken und ungezwungen - ohne dich und mich nicht sein. Wer den Sohn Gottes hat, hat auch das Leben.

Denn also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Die Geschichte vom 12-jährigen Jesus zeigt uns, wie es in jedem Menschen eine Sehnsucht gibt, den komplizierten mathematischen Bruch des Lebens auf diese Frage hin zu kürzen:

Was ist meine Beziehung zu Gott? Vertraue ich ihm, glaube ich, daß er mir genug schenkt?

Weiß ich, daß ich mein Leben habe, weil ich ihn damit loben soll? Weil alles was ich bin, etwas ist, das er geschenkt hat?

 

Ewiges Leben haben?  „...daß ihr das ewige Leben habt“

Es ist eine merkwürdige Formulierung: Das Leben haben? Ich kann doch das Leben nicht haben, wie ich ein Kleid oder ein Auto habe, das ich irgendwann gekauft habe und wieder verkaufen oder wegwerfen werde?

 

Das Leben haben, kann ich nur, wenn ich das Leben lebe. Ich kann es nicht haben und im Tresor liegenlassen.

 

Ich kann das ewige Leben nicht haben, in dem ich meine, ich bin einmal getauft und konfirmiert worden und habe das ewige Leben jetzt, wie ich den Narbenring von der Schutzimpfung auf dem Arm habe.

 

Das ewige Leben haben, das ist auch kein Optionsschein, der für mich im himmlischen Safe liegt und wenn ich einmal sterbe, mir das Anrecht gibt, auf ein Leben danach.

 

Nein. Das ewige Leben haben, das heißt: Heute und jetzt das ewige Leben leben. Und was ist das? Das Leben leben?

 

Das Leben leben ist Atmen. Mein Leben ist nie Stillstand: Ich kann einmal kurz den Atem anhalten, aber mein Blut fließt weiter, das Herz schlägt? Auch mein ewiges Leben, mein geistliches Leben ist nie im Stillstand. Die russischen Pilger haben einst das Herzensgebet entdeckt, das sich im Takt der Worte auf den Atem legt. Beim Einatmen: "Herr Jesus Christus", beim Ausatmen "Erbarme dich meiner". Und so dringt es in das Herz. Das ewige Leben leben, heißt Atmen.

 

Das Leben leben ist Stoffwechsel. Das klingt vielleicht etwas ordinär, aber es gehört zum Leben. Es gehört zum Leben, daß wir Essen und Trinken und auch wieder Ausscheiden und das der Körper sich aus dem Guten der Nahrung die Nährstoffe und Vitamine nimmt, die er braucht. So gesehen setzen wir unser ewiges Leben oft auf Diät - und viele leben so, als würden sie das ganze Jahr über von den Weihnachtsplätzchen leben. Nein, unser Leben ist auch Stoffwechsel und wir brauchen was zum Beißen!

 

Unser Leben leben heißt Tun! So wie wir beim Stoffwechsel vieles zu uns nehmen, was wieder den Darm verläßt, so tun wir in unserem Leben auf vieles, das sich hinterher als umsonst herausstellt. Und es gibt Enttäuschungen, auch wenn wir unser Leben in den Dienst von Gott stellen. Das führt Menschen dahin, daß sie das genau überlegen, wo und ob sie sich einbringen, und ob auch etwas für sie heraus springt. Ich glaube, daß das nicht geht. Das ewige Leben leben, heißt. Jetzt das tun, was Gott mir vor die Füße legt und ihm vertrauen, daß ein Schuh daraus wird. Und während wir es tun, werden wir beschenkt, mit viel mehr und anderem, als wir erträumen konnten. – Augenblicke für die Ewigkeit!

 

Doch wie bekommen wir jetzt eine Anwort auf das Ausmaß der Schnelligkeit in unserem Leben? Gehört zum Leben im Sinne Jesu Christi und in seiner Nachfolge auch Tempo und Schnelligkeit? Können wir überhaupt jemals schneller mit dem Leben fertig sein?

 

Durchatmen in der Nähe Gottes!

So möchte ich unseren Titel, unser Thema für den heutigen Gottesdienst umändern. Leben leben im Sinne unseres Gottes heißt: in der Beziehung zu ihm und in seiner Nähe Ruhe finden und daraus wieder gestärkt werden für Aufgaben in dieser Welt. Und durch diese Stärkung und Besinnung auf das Wesentliche auch das richtige Maß für sämtliche Dinge zu bekommen.

 

Um auf den Anfang zurück zu kommen:

 

Doch eines steht fest: mit dem Leben leben ist niemand eher fertig!

 

AMEN

 

Lektor Daniel Traub, 22. 4.2007

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23. 4.2007 JH/ZT

 

 

 

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