HORIZONT - der etwas andere Gottesdienst in Filderstadt - Bernhausen vom 23. 4.2006 :

Thema: Zeige mir deinen Terminkalender - und ich sage dir, was du glaubst !

Waren Sie in den vergangenen Monaten oder Wochen vielleicht in einer Buchhandlung? Vielleicht fiel Ihr Blick auch auf Business-Literatur.

Reihenweise stehen sie dort – die Bücher zum Thema „Zeitmangement“.

Noch nie gab es so viel Literatur über Zeitmanagement wie heute: berufliches Zeitmanagement, privates Zeitmanagement – vor dem

Hintergrund, seine Zeit richtig, diszipliniert, systematisch, effektiv, effizient und erfolgsorientiert zu planen. Carpe diem: das horazsche

Wort vom „Pflücke den Tag“ scheint erste Priorität im menschlichen Allag zu sein. Nichts versäumen, alles mitnehmen, aus dem 24-Stunden-Takt alles ausbeuten wollen. Die Folge: Beruflicher Stress, Freizeitstress, getrieben sein, ausgeliefert sein, fremdbestimmt sein, -Gewinnmaximierung, Konkurrieren, In-Sein, denn Menschen, die verplant sind, die wenig Zeit haben, sind In, wirken wichtig, werden gesellschaftlich entsprechend gewürdigt.

Im Himmel gibt es drei Eingänge: einen Eingang für Frauen, einen zweiten Eingang für Männer, die von ihren Frauen unterdrückt wurden – an diesem befindet sich eine sehr, sehr lange Schlange von wartenden Männern – und einen dritten Eingang für Männer, die während ihres

Lebens nicht von ihren Ehefrauen unterdrückt wurden. Nach langer Zeit geht ein Mann auf diesen letzten Eingang zu. Petrus ist tief beeindruckt, begrüßt ihn, schüttelt ihm die Hand und sagt: „Guter Mann, wie haben Sie das geschafft?“ Worauf der Mann antwortet: „Keine

Ahnung. Meine Frau hat mit gesagt, ich soll mich hier anstellen!“

 

Diese Geschichte habe ich ausgewählt -die Frauen unter uns mögen mir verzeihen -, weil sie zeigt, aus welchen Motiven heraus einige

Menschen Entscheidungen treffen. Sie sind fremdbestimmt – und merken es nicht einmal. Warum tue ich das, was ich tue? Will ich

überhaupt das tun, was ich tue? Bin ich fremdbestimmt von den Wünschen und Erwartungen anderer Menschen? Was treibt mich an? Nach

welchen Maßstäben, nach welchen Werten treffe ich meine Entscheidungen, die in meinem Terminkalender ihren Ausdruck finden?

„Zeige mir deinen Terminkalender – und ich sage dir, was du glaubst.“ Zeitmanagement ist immer auch Wertemanagement.

So könnte man umformulieren: „Sage mir, womit du deine Zeit verbringst, und ich sage dir, welche Werte du lebst.“

 

In der Bibel, im Jakobusbrief (4,13-17) findet sich

folgender Text: (....)   „Wohlan nun!“, so lautet die Dringlichkeitsformel im Geschäftsleben damals. Jakobus beschreibt den jüdischen Händler, der rasche Entschlüsse fasst, mehrfach den Wohnort wechselt und durchdacht geplant sein Unternehmen auf Jahre hinaus berechnet. Termine, Erfolgsplanung, Zeit-Management, Optimierung und Effizienz – das sind Werte, die den Menschen damals wie auch heute bestimmen. Jakobus wendet sich nicht gegen die Planung von Aktivitäten und deren Orientierung an sinnvollen Zielen. Sondern er prangert die menschliche herrschaftliche Haltung, die hinter dem allem steckt, an. Der Mensch ist Geschöpf und nicht Schöpfer. Als Geschöpf bleibt er angewiesen auf Gottes Geben und Schenken.

Alle Zeit steht in Gottes Hand (Ps 31,16). Die Zeit kommt von Gott. Er hat sie gemacht (1. Mose 1, 14-18). Darum gibt Gott dem Menschen Zeitmaß und Rhythmus an. Wer auf Dauer die Zeit eigenmächtig einteilt und verbraucht, kann an der selbst gestrickten Planung zerbrechen (vg. 2. Chronik 36,20-21).

Der Mensch hat seine Zukunft trotz aller Planung nicht in der Tasche. Gott als der Herr der Zeit hält auch die Zukunft in seiner Hand. Vom Menschen sagt Jakobus: „Ihr wisst ja nicht, wie es morgen um euer Leben steht.“ Diese Wahrheit veranschaulichte Jesus eindrücklich im Gleichnis vom reichen Kornbauern, der über seinen großartigen Zukunftsplänen vergaß, dass Gott über Leben  und Tod regiert (Lk 2,16-21). „Sorge dich nicht um den nächsten Morgen; denn du weißt nicht, was er dir bringt. Vielleicht gibt es kein Morgen mehr für dich.“ Diese rabbinische Weisheit erfüllte sich buchstäblich im Leben jedes Bauern. Es kann lebensgefährlich sein, wenn wir vergessen, dass unser Leben wie ein „leiser Hauch ist, der – kaum ist er da – auch schon wieder verschwindet.“ (Jak 5,14). Der Autor gebraucht das Bild vom aufsteigenden Dampf bei kochendem Wasser. So schnell wie kochendes Wasser verdampft, verfliegt das menschliche Leben (vgl. Ps 90,5-6; Sprüche 27,1, Jesaja 40,6-7). Dieses Bild der Vergänglichkeit menschlichen Seins und Planens zieht sich durch die Jahrhunderte hindurch im „momento mori“, im Appell: „gedenke der Stunde“. In der skeptischen Ethik findet sich der Gedanke menschlicher Hinfälligkeit und abschiedlicher Existenz in der Aussage: „Was ist das Leben des Menschen anderes, als der Schrei des Neugeborenen nach dem schon geöffneten Grab!“. Übersetzt heißt das: „Plane, als ob du ewig lebst. Lebe, als wäre es der letzte Tag.“ Doch was heißt das konkret für mich?

Ich möchte eine Geschichte zur Zeitplanung vorlesen, die ich vor wenigen Wochen in einem Seminar in Hamburg kennengelernt habe. Sie

machte mich nachdenklich.

„Eines Tages wurde ein alter Professor der französischen nationalen Schule für Verwaltung gebeten, für eine Gruppe von 15 Managern

großer nordamerkanischer Unternehmen eine Vorlesung über sinnvolle Zeitplanung zu halten. Dieser Kurs war einer von fünf Stationen ihres

eintägigen Lehrgangs.

Der Professor hatte nur eine Stunde Zeit, sein Wissen zu vermitteln.

Zuerst betrachtete der Professor in aller Ruhe einen nach dem anderen dieser Elitegruppe. Sie waren alle bereit, alles was der Fachmann ihnen beibringen wollte, gewissenhaft zu notieren.

Dann verkündete er: „Wir werden ein kleines Experiment durchführen.“

Der Professor zog einen riesigen Glaskrug unter seinem Pult hervor, das ihn von seinen Schülern trennte, und stellte ihn vorsichtig vor sich. Dann holte er etwa ein Dutzend Kieselsteine, etwa so groß wie Tennisbälle, hervor und legte sie sorgfältig, einen nach dem anderen, in den

großen Krug. Als der Krug bis an den Rand voll war und kein weiterer Kieselstein mehr darin Platz hatte, blickte er langsam auf und fragte seine Schüler: „Ist der Krug voll?“

Und alle antworteten „Ja“.

Er wartete ein paar Sekunden ab und fragte dann seine Schüler: „Wirklich?“

Dann verschwand er erneut unter dem Tisch und holte einen mit Kies gefüllten Behälter hervor. Sorgfältig verteilte er den Kies über die großen Kieselsteine und rührte dann leicht den Topf um. Der Kies verteilte sich zwischen den großen Kieselsteinen bis auf den Boden des Kruges. Der Professor blickte erneut auf und fragte sein Publikum: „Ist dieser Krug voll?“ Dieses Mal begannen seine schlauen Schüler, seine Darbietung zu verstehen. Einer von ihnen antwortete: „Wahrscheinlich nicht!“

„Gut!“ antwortete der Professor. Er verschwand wieder hinter seinem Pult, und diesmal holte er einen Eimer Sand hervor. Vorsichtig kippte er den Sand in den Krug. Der Sand füllte die Räume zwischen den großen Kieselsteinen und dem Kies auf. Wieder fragte er: „Ist dieses Gefäß voll?“ Dieses Mal antworteten seine schlauen Schüler ohne zu zögern im Chor: „Nein!“

„Gut!“ antwortete der Professor.

Und als hätten seine wunderbaren Schüler nur darauf gewartet, nahm er die Wasserkanne, die unter seinem Pult stand, und füllte den Krug bis zum Rand. Dann blickte er auf und fragte seine Schüler: „Was können wir Wichtiges aus diesem Experiment lernen?“

Der Kühnste unter seinen Schülern – nicht dumm – dachte an das Thema der Vorlesung und antwortete: „Daraus lernen wir, dass, selbst wenn wir denken, dass unser Zeitplan schon bis zum Rand voll ist, wir, wenn wir es wirklich wollen, immer noch einen Termin oder andere Dinge, die zu erledigen sind, einschieben können.“ „Nein“, antwortete der Professor, „darum geht es nicht. Was wir aus diesem Experiment wirklich lernen können, ist folgendes: wenn man die großen Kieselsteine nicht als erstes in den Krug legt, werden später niemals alle hineinpassen.“ Es folgte ein Moment des Schweigens. Jedem wurde bewusst, wie sehr der Professor recht hatte. Dann fragte er: „Was sind in eurem Leben die großen Kieselsteine?“

„Eure Gesundheit?“ „Eure Familie?“ „Eure Freunde?“ „Euer Terminkalender?“ „Die Realisierung eurer Träume?“ „Das zu tun, was euch Spass macht?“ „Dazuzulernen?“ „Eure Arbeit?“ „Eure Freizeit?“ „Euer Urlaub?“ „Danach zu suchen, was einem im Leben wirklich

trägt?“

„Die Kraft und die Lebensdynamik eines liebenden Gottes, wie er in Jesus Christus sichtbar und begreifbar ist, zu entdecken und

zuzulassen? „Oder vielleicht etwas ganz anderes?“

„Was wirklich wichtig ist, ist, dass man die GROSSEN KIESELSTEINE in seinem Leben an erster Stelle setzt. Wenn nicht, läuft man Gefahr, es nicht zu meistern. Wenn man zuallererst auf Kleinigkeiten achtet wie hier beim Auffüllen auf den Kies, den Sand, verbringt man sein Leben mit Kleinigkeiten und hat nicht genug Zeit für die wichtigen Dinge in seinem Leben. Deshalb vergesst nicht, euch selbst die Frage zu stellen:

Was sind die wirklich GROSSEN KIESELSTEINE in meinem Leben?“ Dann legt diese zuallererst in den Krug eures Lebens.“

Mit einem freundlichen Wink verabschiedete sich der alte Professor von seinem Publikum und verließ langsam den Saal.

Was sind in Ihrem Leben, in Ihrem Terminkalender die wirklich GROSSEN KIESELSTEINE?

 

Amen.

Karl-Heinz Röll, IVCG Reutlingen-Tübingenn, 23. 4.2006

 8. 5.2006 JH/ZT

 

 

 

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