HORIZONT - der etwas andere Gottesdienst in Filderstadt - Bernhausen vom 12. 2.2006 :

Thema: Befreit leben !

Befreit leben – entfaltet durch die Geschichte aus Lukas 7, 36 - 50

 

Einstieg:

Frei wie der Wind, der einem ins Gesicht bläst. Glücklich sein und tun, was man will. Unbeschwert und entlastet den Alltag erleben.

Wer kennt sie nicht? Diese Sehnsucht nach befreitem Leben? Unabhängig sein von den Meinungen anderer? Unangepasst und doch nicht isoliert zu leben? Die Idee der Freiheit existiert seit Jahrtausenden. Doch zu jeder Zeit verstanden die Menschen darunter etwas anderes. Ich möchte ihnen dazu einen kurzen Überblick geben (aus: fluter 15. Juni 2005. Das Freiheits-Heft. Bundeszentrale für politische Bildung. S. 26-27. Gespräch mit Prof. Georg Schmidt von der Universität Jena).

 

Ursprung:

„Das Wort ‚Freiheit’ gehört in ein Begriffsfeld mit „Freund“ und „Frieden“. Freiheit verweist auf einen geschützten Raum (Familie, Stamm, Fürstentum), in dem Frieden herrscht.

 

Wer hat den Begriff geprägt?

Im antiken Griechenland wurde Begriff „frei sein“ im Unterschied zu „Sklave sein“ verwendet. Frei war in der griechischen Welt allerdings nur eine relativ kleine Gruppe: die männlichen und wirtschaftlich selbstständigen Bürger. Sie beanspruchten Rechte wie Meinungsfreiheit und Eigentumssicherheit.

Das Christentum fügte dem Freiheitsbegriff in römischer Zeit die Vorstellung von der Gleichheit aller Menschen hinzu. Allerdings galt diese frühchristliche Vorstellung von Gleichheit nur für das Himmelreich und die christliche Gemeinde. Außerhalt der Gemeinde blieb die Ungleichheit bestehen – der Sklave blieb Sklave“.

 

Mittelalter:

Freiheit existierte nur in Form von einzelnen Freiheiten, von Privilegien für bestimmte Gruppen und Personen (Zünfte, Stände). Freiheit wurde eingesetzt, um Machtverhältnisse zu festigen.

 

Reformation bis 20. Jhdt.:

Die Reformation sprach zum ersten Mal von der Gewissensfreiheit des einzelnen, wobei das Gewissen des Menschen nur Gott gegenüber verpflichtet ist. Diese christlichen Freiheits- und Gleichheitsvorstellungen veränderten sich in den folgenden Jahrhunderten der Aufklärung zur Idee, dass der Mensch ein natürliches Recht auf Freiheit besitzt (Jean Jaques Rousseau). Das mündete in die Veröffentlichung der ersten Menschenrechte 1776 (amerik. Unabhängigkeitserklärung), in Europa 1791 in der französischen Verfassung und bis heute gibt es Grundrechte in unserer deutschen Verfassung, die dem Menschen Freiheit ermöglichen.

 

In diesem Sinne leben wir befreit. Der äußere Rahmen stimmt, oder?

In der Ausgangsdefinition hieß es: wer einen Schutzraum hat, kann in Freiheit leben – d.h. in Frieden und Freundschaft mit sich selbst.

Fragen:

Fehlt uns dann häufig dieser Schutzraum, dass wir uns so angepasst verhalten?

Liegt darin vielleicht der Schlüssel?

Und wer kann uns diesen Schutzraum bieten?

Menschen? Nur Menschen?

Ich behaupte, dass Gott das auch kann und zwar indem er uns eine Bindung an ihn durch seinen Sohn Jesus Christus anbietet.

 

Ob diese Bindung Freiheit gibt, möchte ich ihnen am Beispiel einer Frau erzählen und dann können sie sich selbst ein Bild davon machen.

 

Konkretisierung in der Geschichte aus Lk. 7, 36-50 (Salbung durch die Sünderin)

(Inspiriert durch ein Erzählbeispiel von Birgit Dabringhaus, CVJM-Westbund)

 

Jesus ist in der Stadt.

Jesus ist eingeladen. Bei einem, den „man“ gerne kennt. Bei Simon. Simon ist ein anständiger Mann. Einer, der sich nicht lumpen lässt, wenn es um Hilfe für schwache Bürger geht. Einer, dem Gott wichtig geworden ist. So wichtig, dass es ihm manchmal den Magen umdreht, wenn er sieht, wie wenig die Menschen in seinem Land noch mit Gott rechnen. Wie sein Wille und seine Gebote der Beliebigkeit überlassen werden. Er weiß: „Wenn wir so weitermachen, geht das Volk Gottes bald vor die Hunde!“

Und das kann nicht allein durch Politik gelöst werden.

 

Darum hat Simon sich einer Gruppe von Männern angeschlossen, die Gott auch in ihrem Leben ernst nehmen wollen, die ihn „bei seinem Wort nehmen“ wollen. Oft sogar noch strenger, als Gott selbst es jemals verlangt hat. Aber die Zeiten sind chaotisch, denkt Simon, da muss man Profil zeigen. Klar sagen, was Sache ist. Er setzt sich für Gott ein. Zusammen mit den Männern, denen er sich angeschlossen hat: den Pharisäern. Und als Pharisäer zählt er automatisch zu den Reichen.

 

Jetzt hat er Jesus eingeladen zu ihm nach Hause zu kommen zu einem guten Essen. Er will sich selbst ein Bild von ihm machen: was ist dran an diesem Jesus? Ist er ein Prophet, ein von Gott beauftragter Mann? Oder vielleicht sogar noch mehr?

 

Dass er ihn zum Essen eingeladen hat, bedeutet viel! Man isst nicht gleich mit jedem! Zusammen essen bedeutet für Simon, jemanden ganz nah an sich heranlassen. Und er würde nie jemanden zum Essen einladen, wenn er nicht ganz sicher wäre, dass auch Gott diesen „jemand“ in Ordnung findet.

 

Dabei: um Jesus hat es schon viel Knatsch gegeben. Ob alle von Simons Pharisäerfreunden mit dieser Einladung einverstanden waren, ist durchaus nicht klar. Für ihren Geschmack saß Jesus viel zu viel mit denen zusammen, die Gott in ihrem Leben längst abgeschrieben hatten.

 

Ob Jesus überhaupt zu Simon kommen würde?

Er kommt, denn er richtet sich nicht nach dem was andere denken.

 

Auf jeden Fall läuft alles genau so, wie Simon es geplant hat. Jesus ist ein unterhaltsamer Gast. Die anderen Gäste begutachten ihn.

 

An den offenen Fenstern und Türen des Hauses gehen immer wieder Menschen vorbei und werfen einen Blick auf die Tischrunde. Edler Wein, gebratene Hähnchen, ein Obstbuffet mit tropischen Früchten. Da läuft einem das Wasser im Mund zusammen. Wer trifft sich denn heute bei „Simons“? Oh, dieser Jesus ist auch dabei...!

 

Ganz unerwartet taucht ein Schatten in der Tür auf. Der Schatten einer Frau. In der Runde gehen die Augenbrauen hoch. Die Gespräche verstummen, auf den Gesichtern runzeln sich Stirnen, erscheint Verblüffung. Es wird still. Was will die hier? In der Tür steht eine Frau, die jeder kennt – vom Erzählen versteht sich...! Mit ihr gesehen zu werden kann sich niemand erlauben. Mit so einer! Um Himmels Willen!

 

Wie ist das, durch die Stadt zu gehen, und ständig diese Blicke zu spüren? „Da geht sie, die Schlampe unserer Stadt!“ Wütende Blicke. Manchmal nur Abscheu: „Wie kann man sich so gehen lassen, so vor die Hunde kommen?“ Manchmal auch Neugier und manchmal ein Blick, der sie auszieht bis auf die Haut. Der nichts mehr von ihr übrig lässt, als das, was alle in ihr sehen: die Prostituierte. Von ihr selbst bleibt dabei nichts mehr übrig. Wer interessiert sich schon für die Frau, die sie ist? Wen interessiert schon, was „so eine“ denkt? Wen interessiert, dass sie ein Mensch ist, ein ganz normaler, lebendiger Mensch – der nur sieht, dass überall da, wo sie auf andere Menschen trifft, die Rolladen runter gehen, weil jeder weiß, was er von ihr zu denken hat.

 

In dem Leben dieser Frau, deren Namen verschwiegen wird, war viel schief gelaufen. Bis zuletzt nichts mehr von ihr übrig blieb, als nur ihr Körper. Nun, das ist besser als gar nichts! Oder...?

 

Welche Chance hat man eigentlich noch, wenn alle um einen herum genau wissen, wie man ist? Vielleicht besser als ich selbst zu wissen meinen, wie ich bin? Welche Chance habe ich, wenn das Bild von mir so feststeht, dass ich nicht mehr aus dem Rahmen fallen kann oder wenn meine Vergangenheit so fest an mir klebt, dass ich denke: da kommst du nie mehr raus!“?

 

SIE hatte den Kampf aufgegeben, hatte versucht mit den Blicken und dem Schema der anderen zu leben im Sinne von: „Egal, was die anderen denken.“ – aber ohne Hoffnung, dass da noch mal einer kommen könnte, der sie anders sieht, der sie aus dieser Art von Gefangenschaft befreit.

Gott war übrigens kein Thema für sie. Wer so lebte, hatte längst entschieden, die Religion den „anständigeren“ Typen zu überlassen.

 

Bis zu dem Tag, an dem sie Jesus getroffen hatte. Sie hatte ihn reden gehört. Und was er sagte, ließ Gott so lebendig werden, brachte ihn so nah. Dabei hatte sie die Menschen in seinem Schlepptau gesehen, und dabei verwundert festgestellt, dass die meisten davon ihrem eigenen Ruf nicht viel nachstanden. Ein Haufen menschlicher Ausschuss. Und sie hatte gesehen, wie Jesus mit all diesen Menschen umging. Es schien keine Frage zu geben, die unter seinem Niveau lag, die zu dumm zum Fragen gewesen wäre. Und keine Berührung gab es, die ihm peinlich war – ganz gleich, wie abgeschrieben der Mensch auch sein mochte, von dem sie ausging.

 

An diesem Tag hatte die Frau etwas verstanden: Gott ist auf meiner Seite. In Jesus gibt er mir die Hand. Mir, nicht meinem Image! Was ich getan habe, übersieht er nicht. Er nimmt es ernst. Nimmt mich ernst – und liebt mich trotzdem. Die Frau hatte befreit aufgeatmet. Ganz warm durchströmte sie dabei der Gedanke: „Ich bin wieder Mensch!“ Ich kann befreit leben, weil einer zu mir Ja sagt und mir einen Schutzraum anbietet.

 

Sie wollte ihrer Dankbarkeit Luft machen! Wie gut, dass Jesus so in der Nähe war. Die Frau hatte von der Einladung in Simons Haus gehört.

 

Und so steht sie also plötzlich in der Tür mit einer innerlichen Freiheit, die man ihrer ganzen Körperhaltung abspürt. Die versammelte Tischrunde hält die Luft an. Bevor jemand etwas sagen kann, ist sie schon weitergehuscht. Sie hat Jesus entdeckt, erreicht sein Fußende, und lässt sich dort, zu seinen Füßen, nieder. In der Hand hält sie eine Alabasterflasche, mit einem länglichen Hals, den man abbrechen kann. Ein halbes Vermögen trug sie da bei sich. In Rom zahlte man damals 400 Denare = 400 Tagesverdienste für ein Fläschchen Nardenöl. Sie musste ihr Konto, ihre Rentenrücklage geplündert haben. Sie wollte Jesus etwas Gutes tun. Ihn ihre Liebe und Dankbarkeit spüren lassen.

 

So sitzt sie am äußersten Ende des Mannes, der ihr gezeigt hat, dass Gottes Liebe und Akzeptanz viel viel größer sind, als die der Menschen.

Und dann – platzt plötzlich ein Knoten. Jetzt, als sie Jesus so ganz nah ist, ist auf einmal auch das ganze Elend der letzten Jahre und das ganze unbegreifliche Staunen über Gottes TROTZDEM da und bringt einen Knoten zum Platzen. Tränen laufen über ihr Gesicht, tropfen Jesus auf die Füße. Sie wischt sie fort, aber immer neue Tränen kommen nach. Da nimmt sie ihre Haare, trocknet die Tränen von Jesu Füßen und beginnt sie zu küssen. Dann nimmt sie die Salbe, salbt seine Füße damit, um immer wieder kleine Küsse dazwischen zu setzen.

 

Und Jesus?

Die Tischrunde beobachtet scharf: ein Skandal! Eine stadtbekannte Hure fällt weinend vor Jesus nieder und küsst seine Füße. Warum weint sie? Kriegt sie ein Kind?

Sie nimmt Salbe heraus. Ja, im Massieren sollen die Damen ihrer Kategorie ja gut sein. Ob das seine Marke ist...? – wie peinlich, sich von so einer anfassen zu lassen!!! Und dazu noch in aller Öffentlichkeit.

Und Jesus?

Nichts. Er zieht die Füße nicht zurück. Wird nicht rot bei dem Gedanken, welche Missverständnisse eine solche Situation auslösen kann. Klärt nichts auf, verteidigt nicht seinen Ruf, ist nicht besorgt, dass solche Missverständnisse ja schließlich auf Gott zurückfallen könnten („DAS will Gottes Beauftragter sein???“). Jesus lässt geschehen, was geschieht. Es ist in Ordnung.

 

Besorgt ist allerdings ein anderer: Simon. Seine Strategie geht in die Brüche. „Nein, dieser Jesus kann nichts mit Gott zu tun haben. Sonst wüsste er, was das für eine ist! Eine, die Gott längst abgeschrieben hat. Die ihn nicht will! Das zeigt doch ihr ganzes Leben! Wie peinlich! Schade, Jesus, der Mann von dem er sich neue Anstöße für seinen Glauben versprochen hat, ist ein Flop!

Laut sagt Simon aber nichts.

 

Ich habe behauptet, dass Gott uns in Jesus einen Schutzraum anbietet, in dem wir befreit leben können. Bei dieser Frau tat er es. Er setzte sein klares JA gegen alle NEIN in ihrem Leben. Keine Vergangenheit kann mehr einschließen oder die Luft abdrücken. Hoffnung bricht wieder auf. Ein neues Leben wird möglich. Ein befreites Leben.

 

Die Bindung an den Jesus Christus ermöglicht die Loslösung von Abhängigkeiten.

 

Wenn euch nun der Sohn Gottes frei macht, dann seid ihr recht frei! Joh 8,36

Dann ist Freiheit keine halbe Sache. Er befreit von Neigungen, die uns ausbremsen wie z.B. Neid, Eifersucht, minderwertiges Denken. Er befreit uns von dem Streben, uns nur mit uns selbst zu beschäftigen. Das geht nicht auf einen Schlag, aber so lange wir in dieser Bindung, die ja eine Beziehung ist, leben, haben wir immer die Chance befreit zu leben.

 

Petra Müller, CVJM Landesjugendreferentin, 12. 2.2006

12. 2.2006 JH/ZT

 

 

 

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