HORIZONT - der etwas andere Gottesdienst in Filderstadt - Bernhausen vom 9.10.2005 :

Thema: Warum lässt Gott das zu ?

So fragte ich mich damals auch, als ich bei meinem Freund in Taiwan am Bett stand und er mir mitteilte, dass er MS hat.

Jahrelange hat er sich mit seiner Frau auf einen Einsatz in Taiwan vorbereitet. Beide haben Theologie studiert, Armin hat seinen PhD mit Auszeichnung gemacht, und nun waren sie mitten im Sprachstudium mit dem Ziel, am theologischen Seminar der lutherischen Kirche in Taiwan zu unterrichten.

Warum lässt Gott es zu, dass Menschen wie Armin, die so von Gott begabt sind und bereit sind sich für Gott einzusetzen, plötzlich mit einer unheilbaren Krankheit zu kämpfen haben?

 

Viele Leute haben vor fast vier Jahren, als mein Unfall in Taiwan passierte, auch gefragt, warum lässt Gott das zu?

Seit 1987 war ich in Taiwan als Missionar tätig, meine Frau und ich haben zuerst Taiwanisch und später Mandarin-Chinesisch gelernt. Für unsere fünf Kinder war Taiwan Heimat und wir hatten viele chinesische Freunde. Wir waren im dritten Term, ich war Feldleiter, hatte die Verantwortung für die Missionare, und war endlich so weit, dass ich auch von der einheimischen Kirchenleitung respektiert wurde.

Und dann kam dieser 11.11.2001. Ein voller Sonntag. Ich hatte vormittags den Gottesdienst in unserer Gemeinde zu halten, war am Nachmittag bei einer Sitzung unserer Jugendorganisation, von der ich 1. Vorsitzender war, und am Spätnachmittag war noch die Einführung einer Pastorin, bei der ich als Vertreter unserer Mission mit dabei war. Eigentlich sollte ich noch mit den anderen Pfarrern zum Essen gehen, doch wollte ich nach diesem ausgefüllten Tag nach Hause. Und da ich wusste, dass meine Frau Gulasch und Spätzle gekocht hatte, war für mich klar, dass ich nach Hause gehen würde. Leider erreichte ich an diesem Abend nicht mehr unser Zuhause. Ein entgegenkommendes Auto nahm mir die Vorfahrt. Ich konnte mit meinem Motorroller nur noch eine Vollbremsung hinlegen, wodurch ich ins Schleudern geriet und dabei so unglücklich stürzte, dass mein dritter Brustwirbel total zertrümmert wurde und ich seit diesem Zeitpunkt eine komplette Querschnittlähmung vom 4. Brustwirbel abwärts habe.

 

Warum lässt Gott das zu? Das war auch meine Frage und die Frage von vielen. Da ist jemand, der sich ganz Gott verschrieben hat, als Missionar in ein fremdes Land gegangen ist, zwei chinesische Sprachen gelernt hat und sie so beherrscht, dass er in beiden Sprachen predigen kann, und dann bewahrt ihn Gott nicht vor so einem Unfall.

 

Eigentlich ist es unverständlich, dass Gott, der mich bewahren hätte können, mich damals nicht bewahrt hat. Warum lässt Gott das zu?

 

Ich kann ihnen und mir heute Abend darauf keine Antwort geben. Und ich denke, dass wir auf diese Frage wahrscheinlich auch nie eine solche Antwort bekommen werden, wo wir sagen können: ja, so sehe ich die Sache auch. Ich denke, dass wir erst eine definitive Antwort auf diese Frage bekommen, wenn wir sie Gott selber von Angesicht zu Angesicht stellen können.

 

Ja müssen wir uns dann auf die Ewigkeit vertrösten? Mit einer Antwort vielleicht schon. Aber ich denke viel wichtiger ist: wenn wir etwas erleben, was wir nicht verstehen, dann sollten wir uns fragen: Wie kann ich damit zurechtkommen? Wie kann ich mit dieser Situation leben, ohne dass ich verbittere, ohne dass ich nur noch alles grau in grau sehe.

 

Und da möchte ich ihnen heute Abend einfach einige Dinge nennen, die mir ganz wichtig geworden sind, und die mir Kraft im Alltag geben.

 

  1. Gott hört jedes Gebet!

 

Ich glaube, und es ist eine Tatsache die in der Bibel steht, dass Gott jedes Gebet hört.

Ps. 4,4b der HERR hört, wenn ich ihn anrufe.

Ps. 17,6: Ich rufe zu dir, denn du, Gott, wirst mich erhören;

Ps. 18,7: Als mir angst war, rief ich den HERRN an

und schrie zu meinem Gott.

Da erhörte er meine Stimme von seinem Tempel,

und mein Schreien kam vor ihn zu seinen Ohren.

Ps. 34,18: Wenn die Gerechten schreien, so hört der HERR

 

Gott hat uns versprochen uns zu hören, wenn wir zu ihm schreien, wenn wir mit unseren Anliegen zu Gott kommen. ER will uns hören.

Darum ist es auch ganz wichtig, dass wir mit allem, was uns bewegt, zu Gott kommen, dass wir zu ihm beten.

 

  1. Gott kennt mich durch und durch!

 

Es gibt in den Psalmen einen ganz schönen Psalm, wo dies ganz deutlich zum Ausdruck kommt. Ps. 139, 1-5, 16

HERR, du erforschest mich und kennest mich. 2 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;

du verstehst meine Gedanken von ferne. 3 Ich gehe oder liege, so bist du um mich

und siehst alle meine Wege. 4 Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht schon wüsstest. 5 Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. 6 Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen. 16 Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.

 

Egal wo ich bin, was ich mache, was ich rede. Gott ist immer da, Er ist immer um mich herum. Egal was auch passiert, sagt hier der Psalmist.

 

Er geht sogar noch weiter, indem er sagt: Damals als du entstanden bist, als sich die Eizelle deiner Mutter und die Samenzelle deines Vaters verschmolzen haben, damals als du entstanden bist, da war Gott dabei, da hat Gott zugeschaut. Und alle Tage deines Lebens, waren damals Gott bekannt.

Das heißt doch für mich ganz konkret: Als ich entstanden bin vor über 40 Jahren, da war Gott mit dabei.

Und jeder Tag, der in meinen vergangenen 40 Jahren gewesen ist, und jeder Tag, der bis zu meinem Tod kommen wird, waren damals schon in sein Buch geschrieben. Auch der heutige Tag!

 

Kann ich das glauben? Stimmt das? Ist das die Wahrheit?

Ich denke, das ist sehr schwer und es ist schwer zu begreifen, dass Gott so groß ist, das geht über unseren Menschenverstand hinaus.

 

Aber es steht in Gottes Wort und darum ist es wahr, und darum glaube ich es!

Darum weiß ich auch, dass Gott damals am 11.11.2001 auf der Heimfahrt mit dabei war und dass Gott mich damals bewahren hätte könne, aber er hat es zugelassen. Er hat damals zugelassen, dass ich den Unfall hatte, und dass ich heute im Rollstuhl sitze.

Gott kennt mich durch und durch und alle Tage meines Lebens sind in sein Buch geschrieben und jeder Tag der in meinem Leben passiert, da ist Gott mit dabei!

Das ist Tatsache!

 

  1. Leid und Schmerz gehört zum Wesen des Menschen

 

Ich muss da in meinen Ausführungen zurück an den Anfang der Geschichte.

Gott hat den Menschen als sein Gegenüber geschaffen. Er hat den Menschen vollkommen gemacht, und es war kein Leid, keine Krankheit, kein Sterben geplant.

Gott hat dem Menschen nur ein Gebot, eine Aufgabe gegeben: dass er von dem einen Baum nichts essen soll.

 

Aber gerade dieses Gebot stellt der Gegenspieler, der Satan, in Frage, um den Menschen zu verführen. Und der Mensch widersetzte sich dem Gebot Gottes. Die Folge war:

 

1.Mose 3,16-19

16 Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein. 17 Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen -, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. 18 Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. 19 Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.

 

Bis heute leiden wir unter diesem Fluch. Wir alle müssen wieder zur Erde werden. Auch wenn wir erleben, dass uns Gott heilt, dass wir ein Wunder erleben und Gott vielleicht Jahre zu unserem Leben dazufügt, werden wir eines Tages sterben.

 

Auf der anderen Seite dürfen Christen von der Hoffnung leben, die uns in Offenbarung 21,4 gegeben ist:

 

4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

 

Können sie sich vorstellen, wie ich mich auf diesen Tag freue, wenn ich einmal wieder mit meinen Jungs Fußballspielen kann, wenn ich wieder tanzen kann, wenn ich wieder springen kann, wenn ich mal wieder keine Schmerzen habe?

 

Dieser Tag wird kommen, und auf diesen Tag lebe ich zu!

 

Aber, wir leben heute und hier, und dieser Tag ist noch nicht da. Die Erlösung unseres Leibes wird erst sein, wenn Jesus wieder gekommen sein wird.

 

Auch wenn ich schon Christ bin, stehe ich unter diesem Fluch.

 

Ich kannte eine Missionarin, die mit mir in England zum Sprachstudium war. Nachdem sie in Sambia in Afrika als Missionarin arbeitete, kamen eines Tages einige junge Männer und haben sie überfallen. Sie wollten ihr Auto und sie hat es ihnen auch gegeben, weil sie wusste, dass jeder Widerstand sinnlos war. Sie hat ihnen die Schlüssel übergeben und ging von ihrem Auto weg und dann drehte sich einer der jungen Männer um, zog seine Pistole und erschoss die Missionarin.

Ich fragte mich damals, warum hat das Gott zugelassen? Sie war eine sehr gute Missionarin, sie hat vielen Menschen geholfen und viele zum Glauben geführt. Warum?

 

Warum darf der Teufel solche Dinge tun und Leben zerstören, Menschen, die Gott dienen, töten?

Hinter allem steht ja diese Tatsache, dass wir noch unter dem Fluch stehen, dass wir darunter leiden, dass der Satan noch Macht hat.

 

Wir verstehen es oft nicht und können es auch nicht begreifen.

 

Letztendlich ist es nicht Gott, dass wir mit Leid und Krankheit leben müssen. Sondern es sind die Folgen dessen, dass die Menschen sich nicht an Gottes Wort gehalten haben.

 

  1. Gott tut Wunder

 

Das ist mir ganz wichtig, denn ich glaube, dass Gott uns viel öfters vor dem Leid bewahrt als dass er es zulässt, dass er viel öfters Wunder in unserem Leben tut als wir ahnen.

Mir war und ist es immer ganz wichtig, dass wir als Gemeinde für Kranke, für Menschen, die Leid tragen, für Menschen, die durch schwere Zeiten gehen, beten. Ja, ihnen die Hände auflegen und für sie beten. Und fest glauben, dass Gott in ihrem Leben ein Wunder tut, dass Gott Heilung schenkt!

 

Gott tut Wunder, auch heute! Oftmals sehen wir nur nicht diese Wunder, die Gott tut, weil wir auf große, spektakuläre Wunder warten.

 

Viele Menschen haben nach meinem Unfall dafür gebetet, dass ich wieder laufen kann, dass Gott dieses Wunder tut. Aber Gott hat noch nicht dieses spektakuläre Wunder getan.

Aber, ich glaube, Gott kann das immer noch tun, wenn er es will, und wenn es in seinen Plan mit meinem Leben passt.

Auf der anderen Seite möchte ihnen sagen, Gott hat unheimlich viele Wunder in meinem Leben getan.

 

Im Sommer vor meinem Unfall hatten wir ein Missionarstreffen, bei dem der Redner eine Bibelarbeit über Leiden gehalten hat. Diese Bibelarbeit hat mich sehr stark ins Nachdenken gebracht und ich habe damals gesagt, wenn Gott mich einmal ins Leiden führen sollte, dann will ich nicht an Gott verzweifeln und Gott absagen, sondern glauben, dass auch dann Gott über meinem Leben steht und für mein Leben einen Plan hat.

Ich glaube Gott hat mich damals auf meinen Unfall vorbereitet, denn ich konnte es sehr schnell akzeptieren und sagen, ja Gott hat es zugelassen und darum hat er auch einen Plan damit.

 

In unserem letzten Heimataufenthalt schlossen wir eine Unfallversicherung ab, die nach meinem Unfall 200.000,- Euro bezahlte. Dieses Geld war dann der Grundstock für den Bau unseres Hauses.

Als ich im Krankenhaus lag und meine Frau alles packen musste, waren so viele liebe Menschen bereit, ihr zu helfen. Unsere Zwillinge konnten unentgeltlich in den deutschen Kindergarten gehen, bis meine Frau mit den Kindern abreiste.

Ich könnte noch lange erzählen, wie wir erlebt haben, dass Gott ein Wunder nach dem anderen getan hat und wo wir gesehen haben, Gott hat uns nicht alleine gelassen, nein Gott ist uns ganz nahe gewesen.

Gott tut Wunder, wenn auch nicht unbedingt immer das Wunder, das wir uns wünschen, aber er greift ganz konkret in unser Leben ein.

 

  1. Wie sieht das im Leben konkret aus?

 

    1. Meine Beziehung zu Gott

 

Kann ich wirklich glauben, dass Gott so allmächtig ist, wie er in Ps 139 beschrieben wird? Dass Gott dabei war, als ich gemacht wurde, als ich entstanden bin? Glaube ich, dass damals schon alle Tage ins Buch des Lebens geschrieben waren, auch der Tag meines Unfalles?

Wenn Gott so großartig ist, wenn er so allmächtig ist, und ich sein Kind sein darf, dann weiß ich auch, dass er es gut mit meinem Leben meint, dass er das Beste für mich will und mich nie fallen lässt.

 

    1. Gott lässt mich nie fallen

 

Gott lässt mich nie allein. Das hat auch Paulus erfahren. In 2. Kor.12, 7-9 lesen wir:

7 Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. 8 Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche. 9 Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne.

 

Paulus sagt hier, ich will mich meiner Schwachheit rühmen, weil ich in der Schwachheit erlebe, dass Gott in seiner Kraft, in seiner Stärke da ist. Ich denke, um so mehr wir auf die Hilfe Gottes angewiesen sind, weil wir es aus eigener Kraft nicht können, um so mehr entdecken wir, wie groß Gott ist und wie wir in Ihm zu neuen Kräften kommen können.

 

    1. Gottes Plan mit meinem Leben ist immer gut

 

Wenn es so ist, dass Gott über meinem Leben steht, dass ich in seiner Hand bin, dann hat Gott auch immer einen Plan mit meinem Leben und hat auch für mich eine Aufgabe.

 

Viele Menschen haben damals gesagt, wie kann Gott jemanden, der zwei Sprachen spricht, der viel in der Mission getan hat und auch viele Pläne für die Zukunft hatte, so plötzlich aus allem herausreisen. Unser Wunsch war, dass wir eines Tages nach China gehen könnten, um dort Global Team aufzubauen.

Gottes Plan ist manchmal anders, als wir es uns vorstellen und ausmalen.

Als ich im Krankenhaus lag, wurde ich angefragt, ob ich die Arbeit von Global Team hier in Deutschland aus- und aufbauen würde. Ich habe mich natürlich sehr darüber gefreut, dass Gott mich entsprechend meiner Kräfte noch gebrauchen will. Vielleicht sogar noch effektiver als ich das vorher tun konnte. Es war geplant, dass ich mit meiner Familie nach China gehen würde. Nun kann ich helfen, dass viele andere Menschen nach China und Afghanistan gehen, dass Fachkräfte, Menschen mit ihrem Beruf nach China gehen und dort als überzeugte Christen arbeiten und durch ihr Zeugnis Menschen zu Jesus einladen.

Ich darf heute Menschen seelsorgerlich helfen, mit ihrem Schicksal besser umzugehen, darf ein Zeugnis sein für viele Menschen, durch mein Leben und wie Gott mir, trotz aller Einschränkung und trotz aller Leiden, Zuversicht gibt und mir täglich die Kraft gibt, meine Arbeit zu tun.

 

Auch wenn ich die Frage, warum Gott es zugelassen hat, nicht beantworten kann, weiß ich, dass Gott keinen Fehler macht und das kann und darf ich an meinem Leben sehen und erfahren.

 

 

Martin Wurster, Geschäftsführer des Global Team Hilfsbund e.V.   9.10.2005

11.10.2005 JH/ZT

 

 

 

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