HORIZONT
- der etwas andere Gottesdienst in Filderstadt - Bernhausen vom 5.12.2004 :Thema: Der Sp(i)rit in meinem Leben !
Gedanken zum Thema von Jürgen Hausmann:
Der Spirit oder der Sprit in meinem Leben !
Ich möchte kurz auf den Sprit, den Kraftstoff eingehen, der mein Leben antreibt. Ja, was treibt uns zu Höchstleistungen an ?
>Lob und Anerkennung treibt mich an.
Kaum jemand kann längere Zeit ohne Lob und Anerkennung auskommen.
>Aussicht auf einen Sieg. Sei es im Sport - oder im Beruf ganz vorne dran zu sein.
>Den Sinn des Lebens gefunden zu haben, das treibt mich an, zu wissen, auf was ich zugehe.
>Für mich als Mann ist auch die Sexualität ein wichtiger Kraftstoff, der meinen Motor antreibt.
Ich musste das sehr schmerzvoll erfahren, als ich vor Jahren mit meiner Frau eine sehr schwierige Zeit durchmachen musste. Sehr lange Zeit ohne gemeinsame Sexualität. Bei der Arbeit, in der Freizeit, ich war so träge, wie wenn mir jemand den Motor abgedreht hätte.
Kleiner Tipp an die Frauen:
Wenn sie mit ihrem Mann zu einer harmonischen sexuellen Beziehung finden, erleichtern Sie ihrem Mann den Erfolg im Beruf und sie tun sich selbst auch etwas Gutes.
Soviel zum Sprit in meinem Leben.
Ein paar Gedanken zum Spirit in meinem Leben:
Lange Zeit in meinem Leben wurde ich von einem Geist getrieben, der auf Materielles fixiert war.
Aus heutiger Sicht war mein Leben damals ein zielloses Herumirren. Alles hat sich um mich selbst gedreht.
Vor mehr als 7 Jahren wurde mir das Geschenk des Ewigen Lebens angeboten und ich habe es angenommen.
Plötzlich kam ein ganz anderer Spirit in mein Leben. Dieser Geist, der Heilige Geist, führt mich weg von dem materiellen Denken. Er zeigt mir, was wirklich wichtig ist im Leben. Er gibt mir eine innere Harmonie, wenn um mich rum alle am Verzweifeln und Rotieren sind.
Ansprache von Vikar Stefan Wittig :
Der Sp(i)rit in meinem Leben !
„Der Sprit bzw. Spirit in meinem Leben" - ich weiß nicht, was Ihnen dabei durch den Kopf schießt. Als ich das erste Mal darüber nachgedacht habe, auf was für ein Thema ich mich da eingelassen habe, ist mir aufgefallen, dass es hier ums Eingemachte geht. Denn dass der Sprit in meinem Autoleben für meinen Golf etwas günstiger ist als für Ihren Daimler, eben weil ich Normalbenzin tanke, das wollen Sie wahrscheinlich nur sehr am Rande wissen. Und dass der bevorzugte Spiritus in den Festzeiten meines Lebens Tannenzäpfle, Hofbräu oder auch mal Jever heißt, wird für Sie auch nur von mäßigem Interesse sein.
Nein, es geht wohl um mehr: Was hält unsere Lebenskiste am Laufen? Was tankt die Seele? Und um vom Sprit auf den Spirit zu kommen: Wessen Geistes Kind sind wir? Was motiviert uns, weiterzumachen, statt alles hinzuschmeißen?
Manchmal könnte man doch vielleicht meinen, wir seien Motoren, die mit genügend Sprit immer am Laufen gehalten werden könnten und müssten. Motoren, bei denen der Zündschlüssel vielleicht im Schloss abgebrochen ist und wo deshalb die Zündkerzen im Dauerfeuer stehen, um die Zylinder am Stampfen zu halten.
Viele von uns sind eingespannt in ein System, in dem wir anscheinend immer funktionieren müssen: „Existieren gleich funktionieren?", könnte man da fragen.
In dem Zusammenhang erinnere ich mich gut an ein Graffity an der Außenwand des großen Tübinger Vorlesungsgebäudes. All die Semester über, die ich dort studiert habe, war es immer auf einer ansonsten tadellos einfarbigen Wand zu lesen: „Studieren gleich funktionieren" war die deprimierend klingende Botschaft, die zig Tausenden von Studierenden seitdem ins Auge gesprungen sein mag. War sie einmal übertüncht, dauerte es meist nur wenige Wochen, bis sie wieder in neuer Farbe erstrahlte. Es war zwecklos. Denn hier schien sich ventilgleich ein bestimmt von vielen empfundenes Gefühl von Sinnlosigkeit und Resignation über den universitären Betrieb Luft und Ausdruck zu verschaffen.
Man mag fragen, wie sich die Autoren dieser Zeile erst im Berufsleben fühlen, wo wahrscheinlich noch mehr an „Funktionsbereitschaft" von ihnen verlangt wird. Zumal die Ansprüche in vielen Branchen und Firmen in den letzten Jahren ja eher gestiegen als gefallen sind. Und das verbunden mit dem Drohgespenst der Arbeitslosigkeit, das inzwischen durch die Flure der meisten Firmen geistert. Krank im Bett bleiben ist für viele heute mit der herumwälzenden Angst verbunden, ob nicht im gleichen Moment im Kopf des Chefs die Wegrationalisierung des eigenen Arbeitsplatzes beschlossen wird. „Wie, Sie wollen nicht nach Singapur?", wird ein anderer von seinem Arbeitgeber gefragt. „Dann haben wir leider keine weitere Beschäftigungsmöglichkeit mehr in unserem Konzern für Sie." Auch so kann´s gehen.
Das ist die berufliche Seite unseres Themas.
Aber dass das Ganze zu Hause genauso virulent sein kann, werde ich vielen unter uns nicht lange erzählen müssen. Vielleicht zusätzlich noch teilzeitbeschäftigt oder gar mehr - und natürlich der ganze Haushalt mit den Kindern. Und dann sind da eventuell noch die eigenen Eltern, um die man sich auch kümmern muss und ja auch möchte. So heißt es, dass frau dann doch eine ganze Reihe von Identitäten gleichzeitig auf der Pfanne haben muss: die hilfsbereite Tochter ebenso wie die liebevolle Mutter, die versierte Köchin wie die einfühlsame Ehefrau, die stets bereite Liebhaberin wie die talentierte Hauswirtschaftsleiterin, die in der Nachhilfe ihrer Kinder engagierte Lehrerin wie die immer geduldige und hörbereite Freundin von Bekannten und Verwandten. Wahrscheinlich ließe sich die Reihe noch weiter fortsetzen.
Und dann sind da – natürlich nicht zuletzt - die ganzen Klugschwätzer, die einem ausrichten: „Nein, du hast immer nur den Stress, den du dir selber machst." Ich antworte ihnen: nein und ja. Denn zum einen sind da ja wirkliche Aufgaben, die schlicht von mir verlangen, erledigt zu werden. Zum anderen ist freilich richtig, dass dann noch ich als mich selbst stressender Faktor hinzu komme. Aber das ist es doch gerade, dass diese Erkenntnis keine Entlastung von meinem Problem bedeutet, sondern, im Gegenteil, gerade noch eine Verschärfung. Wir geben es doch gerne zu: Es sind unsere eigenen Ansprüche daran, wie wir mit Menschen und Dingen umgehen wollen: Wir möchten ihnen auch wirklich gerecht werden, wir wollen vieles einfach nicht auf die leichte Schulter nehmen, die Füße nicht hochlegen und sagen: „Nach mir die Sintflut!".
So wäre die Zeit eigentlich da und nötig, mal anzuhalten, neuen Atem zu holen, neue Lebenskräfte zu schöpfen. Aber gefragt werden kann: Wie soll das gehen?. Denn das Rad dreht sich doch immer weiter und ich bin mitten drin.
Und so machen wir uns auf die Suche nach dem schnellen Sprit statt dem neuen Spirit. Und diesen Sprit finden wir tatsächlich in den großen und kleinen Stressbewältigungsmitteln, die uns ebenso helfen sollen, abzuschalten wie auch neue, vielleicht letzte Kraftreserven anzuzapfen. Da ist zunächst die Schokolade und der Kaffee, die Zigarette und Red Bull, aber ebenso der Alkohol, die Tabletten und noch Verheerenderes. Aber weil das der nur begrenzt funktionierende Versuch ist, wahren Spirit durch den schnellen Sprit zu ersetzen, wird uns das nichts helfen gegen die vielfältigen Symptome eines vielleicht schon am Horizont aufziehenden Burnout-Syndroms. Wenn der Körper und die Seele wegen Überforderung streiken, dann sind das Alarmsignale, die auf Dauer eben nicht durch eine Fortsetzung oder gar Erhöhung des Lebenstempos bekämpft werden können. Das ahnen wir alle, meine ich, aber oftmals kapieren wir es erst wirklich, wenn wir da schon mitten drin stecken.
Was wir also wirklich brauchen, denke ich, ist nicht die nächste, schnelle Tankfüllung. Nein, sondern wir benötigen eine ganz neue Perspektive auf den Wert, den Sinn und den Zweck unseres Daseins. Und genau dazu etwas existentiell Bedeutsames beizutragen zu haben, ist Anspruch des christlichen Glaubens. Hier wird unser oftmals so enger Blick auf das Leben geöffnet und geweitet für eine größere Dimension. Es ist dies die Dimension eines Gottes, der, ob wir das wissen oder nicht, uns näher ist als das Hemd, das wir auf der Haut tragen. Der am Anfang unseres Werdens steht, der unserem Herz die Kraft zum Schlagen gibt wie unserer Lunge zum Atmen. Und der deshalb ganz und gar nichts mit der Vorstellung von einem lebensfernen und weltfremden Gott gemein hat. Und eben weil das so ist, redet die Bibel und mit ihr die christliche Tradition von dem spiritus, von dem Geist, in dem dieser Gott bei seinen Menschen ist. Dieses Wort, für das in der griechischen Sprache des Neuen Testaments pneuma steht, meint hier wie dort den voranbringenden Luftstrom, den belebenden Atem, den bewegenden Wind, ja das Leben schlechthin, bis hin zur Ekstase.
Und ich frage Sie, wie wäre es denn, wenn es diesen einen wirklich gäbe, der in einem Kirchenlied als „der Herr der Geister" besungen wurde und von dem alle Lebenskraft ausginge? - Wenn der auch uns ins Dasein gerufen hätte und wenn jeder Gedanke, den wir dächten, ein Merkzeichen für unser Gewordensein durch seinen großen Gottesgeist wäre? Wenn jeder Atemzug, den wir täten, ein Verweis auf unsere Abhängigkeit von diesem großen Gottesatem wäre?
Und ich wage weiter zu sagen: Wenn das wahr ist, dann ist freilich schnell klar, dass die Anwesenheit dieses Spiritus, neudeutsch also des Spirits Gottes, nicht entbehrlich sein kann für unser Leben.
Und dann greifen alle anderen Antworten darauf, wie wir zu neuem Atem und zu wirklicher Rekreation unseres ganzen Seins kommen, zu kurz. Egal, ob das der Sport oder der Urlaub ist, die Bildung und die Bücher, die Beziehungen zu Freunden, Partnern und Familie. All das wollen wir nicht billig machen und als schnellen Sprit bezeichnen, weil wir damit so vielem an Gutem und Schönem in unserem Leben Unrecht täten. Aber wenn das, was wir bislang von Gott gesagt haben, gültig ist, dann gibt es zu seinem neuen Spirit keine wirkliche Konkurrenz.
Und dann heißt die Frage: Will dieser Gott, der mir mein Leben geschenkt hat, etwas mit mir zu tun haben? Bekomme ich irgendwie Anschluss an diese Quelle von Geist und Leben?
Und die Antwort heißt ja. Die alte und immer wieder neue Botschaft des christlichen Glaubens ist, dass dieser Gott als liebender Vater vorzustellen ist und angeredet werden kann. Dass er damit will, dass wir erkennen, dass wir von ihm abhängig und bedürftig sind. Und das nun nicht um seinetwillen, sondern um unseretwillen. Denn diese Erkenntnis soll uns nicht klein und gebeugt machen, sondern im Gegenteil, sie soll uns zurückbringen zu dem Kraftzentrum unseres Lebens.
Dass diese Botschaft von Gott her gilt, das können wir uns freilich nicht selber ausdenken und einfach zusagen. Das muss Gott schon selber tun. Und genau daran denken, das feiern wir in der Advents- und in der kommenden Weihnachtszeit. Die Botschaft der Bibel ist: Gott kommt. In dem Menschen Jesus Christus kommt er hinein in eine hektische Welt, die den Spirit mit dem Sprit verwechselt. Das war damals vor 2000 Jahren so, und das ist heute nicht anders. In unser Funktionieren-Müssen in den Systemen unseres Lebens, in unserem Drehen um die eigene Achse genau da tritt er hinein und ruft uns zu innezuhalten. Wozu? Um uns neu in Verbindung zu setzen mit der Quelle des Lebens, mit dem Zentrum der Kraft, mit dem Spirit des Schöpfers der Welt.
Was mich an diesem Lebensangebot fasziniert, ist, dass es glaubhaft ist. Warum? Weil hier zum Ausdruck kommt und erfahren werden kann, dass Leben und die Kraft dazu, wir haben es den Spirit genannt, eine Sache ist, die ich mir nicht selber erwerben kann. Leben und Lebenskraft habe ich erhalten, oder ich habe sie nicht. Da bin ich ein total Empfangender. Hier wird mir etwas zuteil, geschenkweise. Hier bin ich passiv. Und die einzige Form der Aktivität, um die es hier gehen kann, ist das Verzichten auf jedes andere Tun. Freilich ist damit schon recht viel von mir verlangt.
Und umgekehrt ist es genau das, was so viele Versprechungen unglaubwürdig macht, zu neuem Spirit zu kommen: Nämlich, dass ich dort ständig etwas aus mir machen muss, dabei bin, mich selber neu zu definieren, ja zu erfinden. Ob das nun die ausgefallensten Sport- und Outdoorevents sind, andere zeit- und kraftraubende Hobbies, der Urlaub in der Wüste oder in der Polarregion, komplizierte Meditationstechniken oder, oder, oder. Verstehen wir recht, es geht nicht um die Frage, ob all das tun oder lassen. Das wäre zu einfach. Denn wie gesagt, vieles davon mag gut und spannend sein. Aber die Frage ist, ob wir in all diesen Aktivitäten die eine wirkliche Antwort finden, die aus und mit uns etwas macht, das über den kurzen oder längeren Augenblick hinaus wirklich Bedeutung behält.
Freilich: die Zumutung des Spiritus Gottes mag nun genau darin liegen, dass er im Kontrast steht zu den vielen, von uns selbst gemachten spirituellen Vorschlägen. Denn bei Gottes Geist geht es darum, die Definitionsmacht über mein Leben aus der Hand zu geben. Mich loszulassen, mich als gemacht und abhängig von seiner Macht des Lebens zu akzeptieren. Das mag zunächst schwierig sein, aber es ist zugleich befreiend. Denn damit zieht etwas in mein Leben ein, in dem ich mich neu erfahre. Neu im Sinne einer neuen Selbstwert-Erfahrung, aber auch neu hinsichtlich der Erfahrung von Lebenssinn und Lebenszweck. So macht es einen gewaltigen Unterschied, ob ich mich als Geschöpf dieses liebenden Gottes akzeptiere oder nicht. So macht es einen gewaltigen Unterschied, ob ich mich als von und vor diesem Gott lebend erkennen möchte oder nicht. Und so macht es einen gewaltigen Unterschied, ob ich mein Leben als auf diesen Gott und seine himmlische Welt zulaufend sehe oder nicht.
Nein, die neue Lebenskraft muss aus der Welt Gottes kommen, und sie kommt von dort. Es gibt sie, die Quelle der Kraft, es gibt ihn, den Ursprung des Lebens. Und wir können dem begegnen, jetzt im Advent, dort ist er zu finden, der Spirit Gottes, im Kind in der Krippe, das identisch ist mit dem Mann aus Nazareth, dem Gekreuzigten von Golgatha und der Kraft des Auferstandenen überall dort, wo wir leben.
Seine Mission: neuer Spirit für unser ausgebranntes Leben. Amen.
Pfarrvikar Stefan Wittig, Dezember 2004
5.12.2004 JH/ZT