HORIZONT - der etwas andere Gottesdienst in Filderstadt - Bernhausen vom 16. 5.2004 :

Thema: Don´t panic! – Vom Umgang mit der Angst

Marianne Gruhler, Landesreferentin für Familie der Apis in der Evangelischen Landeskirche.

Einleitung:

„Wer hat Angst vorm schwarzen Mann??" „Niemand!" … so spielen Kinder schon seit 100 Jahren. „Und wenn er aber kommt?" „Dann laufen wir davon!" – und wusch rennen alle kreischend auseinander.So einfach ist das: Man läuft der Angst einfach davon und hofft, nicht gefangen zu werden!Leider kann man der Angst im „wirklichen Leben" nicht so leicht davon laufen. Wenn man entsprechenden Studien glauben kann, ist die Angst inzwischen zu einem fast allgemeinen Lebensgefühl geworden. Beobachtungen im Alltag bestätigen es:

Da ist die Rede von Zukunftsangst, Kriegsangst, Existenzangst, allgemeiner Lebensangst, Angst vor Krankheit, Arbeitslosigkeit, Verlassenheit, Versagen, dem Alter … (vgl. Anspielszenen)

  1. Angst als Grunderfahrung menschlicher Existenz
  1. Ängste gehören zum Leben dazu. Utopie: angstfreies Leben. Es gibt zu viele Unsicherheiten und Bedrohungen
  2. Dabei ist Angst nicht nur negativ. Angst hat auch Schutzfunktion – signalisiert mir, wo Gefahren drohen, setzt ungeahnte Kräfte frei durch einen entsprechenden Adrenalinstoß… Kinder, die gar keine Angst kennen, sind oft ziemlich gefährdet – z.B. im Straßenverkehr - und versetzen ihre Eltern dadurch in Angst und Schrecken!

    b) Woher kommt die Angst?

    Einerseits geht man davon aus, dass viele Ängste „erlernt" und abgeschaut sind. Vieles hat in der Kindheit seine Wurzeln. Eltern kommt dabei die größte Vorbildrolle zu. Was lernen Kinder von uns Erwachsenen? – Beginnt beim Zusammenzucken, wenn es blitzt – und geht weiter beim ängstlichen Überbehüten von Kindern, die sich dann auch schwer etwas alleine zutrauen.

    Die positive Nachricht aus der Verhaltenstherapie ist: Was erlernt wurde, kann auch wieder verlernt werden – allerdings ungleich schwerer. Deshalb: Auf eigenes Verhalten achten und keine unnötigen Ängste aufbauen!

    Psychologen sagen: Geburtsvorgang ist Ursache für „Urangst" im Menschen > Verlust von Geborgenheit, Vertrautem ... Erfahrung von Enge. Jeder musste da durch (Ausnahme: Kaiserschnitt-Kinder!?)

    Bedeutung des Wortes:

    lat. angustiae = Enge, Beengung, Bedrängnis.

    Vgl. „das schnürt mir die Kehle zu", nimmt mir den Atem ...

    Bibel: Angst hat tatsächlich mit dem Verlust von Geborgenheit zu tun. Am Anfang, im Paradies, im Garten Eden: Angst hatte keinen Platz. Mensch lebte in Harmonie und Geborgenheit bei Gott.

    Mit der Auflehnung gegen Gott ging diese Geborgenheit verloren. Seither leben wir „jenseits von Eden" – und mit der Angst.

    Heute allerdings: Empfinden einer zunehmenden, diffusen Angst bei Kindern und Erwachsenen >> 1986 Reaktorunfall in Tschernobyl; 1991: erster Golfkrieg; 11. Sept 01, Irakkrieg, März 04: Terroranschlag in Madrid …

    Moderne Medien multiplizieren Ängste. Was in Spanien oder im Irak passiert, wird in der Tagesschau frei Haus mitten ins Wohnzimmer geliefert. Der ferne Osten ist damit so nah wie Stuttgart. > Wie kann ein Mensch – gar ein Kind – das verkraften?

    > Mutter erzählt von ihrer 13j. Tochter, die im März voller Angst vor dem Fernseher saß, jede Stunde Nachrichten hörte – und total mit Panik reagierte.

    „Angst essen Seele auf" – so hat es einst ein türkischer Mitbürger beschrieben und in den 70erJahren gab es einen Film mit diesem Titel.

    Wie gehen wir um mit der Angst? Gibt es Hilfe – oder sind wir ihr einfach ausgeliefert?

  3. Begriffsklärung

Psychologisch gesehen wird meist unterschieden:

Furcht = reale Angst, z.B. vor der nächsten Klassenarbeit, vor einer OP…

Angst = Furcht ohne Namen, allgemein und diffus – schwer zu greifen…

Panik = stark übersteigerte, alles bestimmende Angst

Phobie = zwanghaft auftretende, ebenfalls übersteigerte Furcht vor Situationen oder Objekten (Platzangst, Spinnenphobie …) > professionelle Hilfe nötig.

Überhaupt: Übergang von normaler zu bereits krankhafter, übersteigerter Furcht oder Angst ist fließend. Wer stark unter seiner Angst leidet, sollte tatsächlich Hilfe in Anspruch nehmen.

  1. Vom Umgang mit der Angst. – Hilfestellungen
  1. Angst zugeben

Zuerst vor sich selber. Sich seiner Ängste bewusst werden – und sie damit ans Licht holen. Gilt übrigens auch für Christen, für Menschen, die bewusst mit Jesus leben. Jesus hat seinen Jüngern das auf den Kopf zugesagt: „In der Welt habt ihr Angst …!"

Zitat eines Betroffenen, der jahrelang versuchte, seine Ängste mit Alkohol zu betäuben: „Erst als ich mich meiner Angst stellte, sie als normalen Teil meines Lebens akzeptierte, gelang es mir, mit ihr umzugehen. Seither tue ich Dinge zwar nicht ohne Angst, aber trotz der Angst. Hier liegt übrigens ein Geheimnis: Nur wenn ich zu meiner Angst ja sage, ihr gewissermaßen ins Auge sehe, kann sie kleiner werden."

2. Keine Vermeidungsstrategien entwickeln

Wer vor best. Situationen Angst hat, ist natürlich versucht, ihnen so weit wie möglich auszuweichen, sie zu vermeiden. Bloß: das hilft nicht weiter. Die Angst wächst.

> Wer vom Pferd gefallen ist, muss möglichst am selben Tag noch mal aufsitzen, um die Angstsituation durch eine pos. Erfahrung zu ersetzen.

Deshalb ist vorsichtige Konfrontation besser als Vermeidung. Gilt für Kinder- und Erwachsenenängste! Also: keine Schocktherapie, sondern ein Begegnen mit der Angst, möglichst in einem geschützten Rahmen.

Pers. Erfahrung: Training, mit Spinnen fertig zu werden, zunächst im Beisein der Mutter J .

Oft ist die Angst vor der Angst das größte Problem. Auch deshalb vermeidet man Situationen, in denen man mit der Angst konfrontiert werden könnte.

Bewusstmachen: Ist nicht schlimm, wenn ich Angst habe! Angstsymptome vergehen wieder (Engegefühl, Kurzatmigkeit, Schweißausbrüche …). Bewusst machen: Ich kann Dinge trotz meiner Angst tun. Und das ist der beste Weg zur Überwindung von Angst. So verliert Angst nach und nach ihre Macht. Dann habe ich vielleicht immer noch Angst. Aber die Angst hat nicht mich.

Eine Freundin von mir trainiert gerade gegen ihre Flugangst an. Eine pos. Erfahrung hat sie bereits hinter sich: sie hat ihren ersten Flug überlebt – trotz Angst. Jetzt hat sie bereits einen zweiten gebucht … (etwas teuer, aber effektiv)

3. Angstsymptome vermindern – z.B. durch Entspannungsübungen

Angst ist ein Zustand höchster Anspannung. Man verkrampft sich körperlich und psychisch, wird kurzatmig, kriegt weiche Knie, starkes Herzklopfen usw. Dann fördern die Symptome der Angst weitere Angstgefühle. Teufelskreis.

Hier können Entspannungsübungen helfen, z.B. Progressive Muskelentspannung, bei dem best. Muskelpartien der Reihe nach kurz und kräftig angespannt und anschließend spontan ent-spannt werden.

Auch Atemübungen sind hilfreich, z.B. bei Lampenfieber – durch bewusstes, langsames Atmen den Herzschlag etwas verlangsamen und so ruhiger werden.

4. Dem Grübeln keinen Raum geben

Daniel Goleman (Bestseller: „Emotionale Intelligenz") meint, dass die Besorgtheit, das sich sorgen, v.a. grübelndes Sorgen, der Kern aller Ängste ist.

Kennt wahrscheinlich jeder: Da macht einem etwas Angst, das ja ganz evtl. so kommen könnte – und schon denkt und sorgt und grübelt man daran herum, obwohl es vielleicht überhaupt nie eintreffen wird!

Sorgen werden v.a. nachts leicht übermächtig. Deshalb der Vorsatz: nachts nicht grübeln! Ich habe mir persönlich das so angewöhnt – und es funktioniert eigentlich besser als gedacht: Wenn mich nachts manchmal Dinge so überfallen und ich spüre, wie die Angst anfängt zu wachsen – dann sage ich „STOP! Schluss mit dem Grübeln! Ich denke morgen darüber nach!" Dann mache ich aus den aufsteigenden Ängsten ein Gebet, sage sie Jesus, von dem Petrus auf Grund eigener Erfahrungen gesagt hat: „Alle eure Sorge (und Angst) werft auf Ihn – er sorgt für euch!"

Manchmal muss ich mich dann innerlich und äußerlich noch umdrehen und meinen Gedanken eine andere Richtung geben. Ich singe dann in Gedanken ein Lied vor mich hin - oder tue das, was meine Mutter mir als Kind empfohlen hat, wenn ich vor Angst nicht einschlafen konnte: Sie betete mit mir und sagte dann: „Jetzt leg dich in deine beste Einschlafstellung, schließ die Augen und stell dir vor, du machst einen Spaziergang durchs Paradies, wo es nichts Gefährliches gibt; Gott passt auf dich auf, und du kannst dich einfach freuen an allem, was du da siehst …"

Manchmal versetze ich mich in Gedanken an einen schönen Urlaubsort, den ich in mir abgespeichert habe, liege im Gras und freu mich am Summen der Bienen ringsum – und merke, wie ich ruhig werde.

5. Der Angst an die Wurzeln gehen. Ursachen entdecken. Der Angst etwas entgegen setzen.

Starke Angst hat meist tiefe Wurzeln. Oft reichen sie weit in die Kindheit zurück. Angst signalisiert eigentlich einen Mangelzustand - an Liebe, an Akzeptanz, an Geborgenheit. Die Bibel weiß das auch: 1. Johannesbrief 4,18a: „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus."

Bei Kindern spürt man das am deutlichsten: Liebe und Geborgenheit sind starke Kräfte gegen die Angst.

„Ich möcht, dass einer mit mir geht, der´s Leben kennt, der mich versteht, der mich zu allen Zeiten kann geleiten. Ich möcht, dass einer mit mir geht!"

Dieses Lied drückt aus, was uns helfen könnte gegen die Angst: Wenn da einer wäre, der stärker ist als die Angst! Der uns beruhigend zulächelt, auch mitten in der Angst.

Neulich hat mir eine Frau erzählt, wie der Reaktorunfall in Tschernobyl sie genau auf diese Suche gesetzt hat. Damals hatte sie gerade beruhigt gedacht, jetzt hätte sie in ihrem Leben soweit alles „in trockenen Tüchern" – und plötzlich hat die Panik vor einer Atomverseuchung und anderen schlimmen Dingen sie total überrollt.

Sie fing an, nach Gott zu fragen – und heute sagt sie: „Aus der Beziehung zu Gott erwächst mir Vertrauen gegen die Angst!"

Genau so erlebe ich es auch. „Ich hatte eine Heidenangst", sagen wir manchmal – und treffen damit den Nagel auf den Kopf: Eine „Heidenangst" macht sich da breit, wo ich nicht mit Gott rechne und das Gefühl habe, mit allem selber fertig werden zu müssen. Jesus sagte seinen Jüngern: „In der Welt habt ihr Angst – aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden!" Joh.16,33 Wer sich an solche Zusagen hält, erlebt ihre Kraft und ihre Wahrheit, das können Unzählige bezeugen. Für mich selber war Psalm 139,5 eine Zeitlang mein „Wort gegen die Angst": „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir." Hatte ich mir auf ein Plakat gemalt und über mein Bett gehängt. In einer Zeit, als ich echt Schiss davor hatte, alleine in einem riesigen Gemeindehaus zu wohnen, habe ich mich in dieses Wort so richtig „hinein geborgen" – und erlebt, dass es stärker war als meine Angst. Es gibt noch viele Worte gegen die Angst. V.a. in den Psalmen. Für Martin Luther war Psalm 46 die Hilfe gegen die Angst. „Ein feste Burg ist unser Gott" hat er in Anlehnung daran gedichtet. Für viele ist das Lied von Dietrich Bonhoeffer zur Hilfe in Angstsituationen geworden: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag." Geschrieben im KZ Ende 1944.

Zum Schluss noch eine Erfahrung ganz eigener Art:

Vor einiger Zeit erzählte mir eine Frau, wie ihre beiden Kinder jede Nacht schweißgebadet aus Angstträumen aufwachen, obwohl sie abends mit ihnen beten und Gott um einen guten Schlaf bitten würde.

Ich empfand das als schwierige Situation. Was sollte ich dazu sagen?

Im Lauf des Gesprächs und als ich nach sonstigen Gewohnheiten fragte, stellte sich dann heraus, dass es in der Familie neben dem Abendgebet noch andere „Rituale gegen die Angst" gibt, denn die Mutter selber ist ebenfalls von Ängsten geplagt, gerade nachts.

Sie erzählte von Sorgenpüppchen aus Nicaragua, denen die Kinder ihre Sorgen und Ängste erzählen und die man dann unters Kopfkissen legen muss, damit man gut schlafen kann.

Sie berichtete auch davon, dass ihre Großmutter immer gependelt hätte wegen Angst und solchen Dingen. Ja, und jetzt gehöre das Pendel ihr. Doch, sie hätte das auch schon ausprobiert. Auch das andere: Neulich hätte eine Heilpraktikerin ihr ein Fläschchen gegeben, das sie direkt auf der Haut tragen solle, weil sie eine solch schlechte Aura um sich hätte …

Die Erfahrung zeigt: Wo Menschen sich mit Mächten einlassen, die Gott entgegen stehen, ist Angst zu oft eine konkrete Auswirkung.

Mein Eindruck: Der ganze Bereich der Esoterik, der in unserer Zeit total boomt, öffnet Türen zu solchen anderen Mächten hin – und verstärkt Ängste noch. Besonders fatal, weil diese Dinge zunächst oft als Hilfe gegen die Angst angeboten werden.

>> Ich konnte jener Frau – und damit auch jedem von uns - nur Mut machen, sich ganz auf Gottes Seite zu stellen, um seine Hilfe auch ganz und konkret zu erfahren! Er ist stärker als alle anderen Mächte und auch stärker als die Angst!

Marianne Gruhler 16. 5.2004

Segen, gesprochen von Andrea Hausmann

 

17. 5.2004 JH/ZT

 

 

 

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