HORIZONT
- der etwas andere Gottesdienst in Filderstadt - Bernhausen vom 18. 5.2003 :Thema: Sag nicht immer Ja!
Begrüßung durch Jürgen Hausmann:
Ist unser Thema heute nicht ein wenig schwierg? Eigentlich freue ich mich doch, wenn alle immer ja sagen zu dem, was ich denke und vorschlage. Dann bin ich bestätigt, dass ich richtig liege. Dann geht es mir richtig gut.
Doch erwarten das nicht auch alle anderen von mir, dass ich immer ja sage ?
Mein Chef, wenn ich noch ein Projekt übernehmen soll .
Mein Kunde, wenn ich noch etwas Besonderes arrangieren soll.
Meine Frau, wenn sie ein neues Kleid gekauft hat.
Meine Kinder, wenn sie meinen, etwas neues zum Spielen zu brauchen.
Alle erwarten doch eigentlich immer nur mein "ja". Dann sind alle zufrieden mit mir.Das birgt aber eine groß Gefahr in sich, denn ich kann mich leicht überfordern, wenn ich immer ja sage.
Also anderes Extrem: Ich sage nur noch nein! Was steht mir dann bevor ?
Ich werde dann schnell meinen Teil zu 6 Millionen Arbeitslosen beitragen.
Meine Frau wird die längste Zeit mit mir verheiratet gewesen sein.
Meine Kinder werden mir mit nur noch Nein keine große Freude mehr sein.
Also, NEIN-sagen macht einsam !
Wir merken, dass nur Ja oder nur Nein nicht funktionieren kann. Es ist eine Gratwanderung zwischen Ja und Nein wenn ich vernünftig mit meinen Mitmenschen auskommen will und mich nicht überladen will.
Mit dieser Gratwanderung werden wir uns heute genauer beschäftigen.
Ansprache von Pfarrer Ulrich Scheffbuch:
1. Das Thema hat mit Fragen der Lebensgestaltung zu tun – dargestellt sei dies...
a. ...mithilfe eines Zeitungsartikels von Thorsten Wiese (dpa) von vor Monaten:
„Klare Signale setzen
Harmoniebedürfnis hin oder her: Nein sagen lässt sich lernen
Viele Menschen haben Schwierigkeiten damit, etwas abzulehnen. Sie wollen niemanden vor den Kopf stoßen. Oder keine Verantwortung an andere abtreten. Meist haben sie ein starkes Harmoniebedürfnis – oder einen Hang zum Perfektionismus. Diese Menschen müssen erst lernen, Entscheidungen zu treffen und zu ihnen zu stehen. ‚Wenn ich an zu vielen Fronten auf einmal kämpfe, fühle ich mich bald hilflos und ausgeliefert’, sagt Gabriele Poletajew, die eine psychotherapeutische Praxis in Albstadt bei Tübingen hat.
Wer trotz großer Anstrengung das Gefühl habe, der Berg von Terminen und Verpflichtungen werde nicht kleiner, sollte sein Verhalten hinterfragen. Sie rät, es nicht allen recht machen zu wollen, Nein sagen lasse sich lernen. Die Expertin empfiehlt Zeit- und Stressmanagement. Ein erster Schritt sei, nicht perfekt sein zu wollen. Vielmehr komme es darauf an, sein Zeitbudget realistisch einzuschätzen und Prioritäten zu setzen: ‚Ich muss mich fragen: Was will ich eigentlich?’
Hilfreich kann es sein, aufzuschreiben, wie viel Zeit eine Aufgabe in Anspruch nimmt. So kann man sich vor Augen führen, welches Arbeitspensum sich pro Tag oder pro Woche bewältigen lässt. Wenn im persönlichen Terminkalender kein Platz mehr frei ist, ist ein Nein der bessere Weg. Die Kunst ist, etwas so abzulehnen, dass es niemanden vor den Kopf stößt – ein Balanceakt, bei dem es darum geht, zu sich selbst zu stehen.
Vor allem im Beruf ist das richtige Neinsagen wichtig, rät Norbert Zeller vom Zeller-Team in Baltmannsweiler. Er bietet Kommunikationsschulungen an. ‚Entweder ich sage Nein oder ich werde mit Arbeit zugemüllt’, ist seine Meinung. Er rät daher, klare Signale zu setzen. ‚Man muss sich klar machen, dass man weder sich noch anderen damit hilft, keine Bitte abzuschlagen. Die Zeit reicht einfach nicht aus, alles gleich gut zu erledigen.’ Manchen hilft es schon, die Arbeitsplatzbeschreibung noch einmal genau durchzulesen und sich Aufgaben des Jobs noch einmal vor Augen zu führen. Andere müssen das Neinsagen mühsam üben. Diese Menschen sollen darauf achten, sich nicht überrumpeln zu lassen. Ein Tipp: sich fünf Minuten Zeit nehmen und anbieten, zurückzurufen. In dieser Zeit kann man in Ruhe eine Absage formulieren.
Wer sich im Ablehnen üben will, sollte allerdings nicht mit der obersten Weisung vom Chef beginnen. Einfache Dinge, etwa in der Freizeit, bieten sich eher an. Außerdem ist es wichtig, sich hilfsbereit und kooperativ zu zeigen. Ich kann zum Beispiel versprechen, beim nächsten Mal wieder zur Verfügung zu stehen.
Von einem Tag auf den anderen ist das Neinsagen jedenfalls nicht zulernen. Es bedeutet harte Arbeit. Sinnvoll ist, eine Vertrauensperson einzuweihen, sie soll beim Üben helfen. Das kann ein Kollege oder der Partner sein. Der Vorteil ist, dass man eine Rückmeldung über seine Fortschritte erhält.
Zum richtigen Neinsagen gehört außerdem, sich nicht für das Abweisen einer Bitte zu entschuldigen. Auch Notlügen helfen nicht weiter, sie führen nur für einen kurzen Moment dazu, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Betroffene müssen lernen, für eine Entscheidung einzustehen. ‚Wenn ich eine Einladung ins Kino bekomme, mich aber nicht gut fühle, muss ich den Mut haben, mich nicht zu rechtfertigen’, so Poletajew. Eine intakte Beziehung komme mit einem freundlichen Nein und einer ehrlichen, nachvollziehbaren Erklärung aus.
Nein sagen ist also auch ein Gradmesser für menschliche Beziehungen: Wer eine Absage akzeptiert, meint es ehrlich mit der Freundschaft."
b. ...noch einmal anhand wichtiger Zitate des Artikels:
- „Meist haben sie ein starkes Harmoniebedürfnis"
c. Veranschaulichung:
Aus: „Hoffen wir das Beste" (von Axel Kühner)
„Es allen recht machen?
Johann Peter Hebel erzählt von einem Mann, der auf seinem Esel vom Markt nach Hause reitet. Sein Junge läuft nebenher. Kommt ein Wanderer vorbei und meint: ‚Das ist nicht recht, Vater, dass ihr reitet und lasst euer Kind laufen. Ihr habt stärkere Beine!’ Da stieg der Vater vom Esel herab und ließ den Sohn reiten. Kommt wieder ein Wandersmann und sagt: ‚Das ist nicht recht, Junge, dass du reitest und deinen Vater zu Fuß gehen lässt! Du hast jüngere Beine.’ Da saßen beide auf und ritten eine Strecke. Kommt ein dritter Wandersmann und schimpft: ‚Was ist das für ein Unverstand, zwei kräftige Leute auf einem schwachen Tier! Sollte man da nicht einen Stock nehmen und euch beide hinabjagen?’ Da stiegen beide ab und gingen zu dritt zu Fuß, rechts der Vater, links der Sohn und in der Mitte der Esel. Kommt ein vierter Wandersmann und lacht: ‚Ihr seid drei kuriose Gesellen. Ist es nicht genug, wenn zwei zu Fuß gehen? Geht es nicht leichter, wenn einer von euch reitet?’ Da banden sie dem Esel die vorderen und dann die hinteren Beine zusammen, zogen einen starken Baumpfahl durch, der an der Straße stand, und trugen den Esel auf der Schulter heim.
Wer sich immer nur anderen richtet, richtet sich selbst zugrunde!"
d. Daraus folgen die für die Lebensgestaltung wichtigen Fragen:
(Prioritäten und Posterioritäten, mehr noch: Ja und Nein setzen!)
2. Das Thema greift aber über Fragen der Lebensgestaltung hinaus, indem es auch die Frage des Lebensgehalts berührt:
a. Nicht nur Struktur-, sondern auch Substanzfragen
Es geht beim Ja- bzw. vielmehr beim Nein sagen nicht nur um die Strukturierung des Lebens, sondern um die Substanz des Lebens: Welche Grundlagen tragen mein Dasein? Wozu habe ich ein Ja gefunden und kann entsprechend dem Ja zu bestimmten Überzeugungen, Werten,... Nein sagen zu Programm und Praxis von Anschauungen, die sich von meinen Überzeugungen nicht nur unterscheiden, sondern entgegenstehen?
b. Veranschaulicht werden soll dies...
... an der alttestamentlichen Person des Daniel (und seiner drei Freunde), der / die im Nein sagen aufgrund seiner / ihrer Überzeugungen, aufgrund seines / ihres Glaubens an den Gott Israels Segen erfuhr / en:
Ulrich Scheffbuch,
01.04.03.
Segen, gesprochen von Andrea Hausmann:
Der gütige Gott segnet euch:
Geht in Frieden, denn ihr seid Gott wichtig. Er handelt mit und durch euch.
Nehmt seine Liebe mit, so wird euer Handeln zu seinem Handeln.
Verlasst Euch auf die Kraft Gottes, so wird seine Kraft in euch mächtig und groß.
Geht mutig und unverdrossen auf seinem Weg, unter seinem Schutz und mit seinem Segen.
Amen.
26. 5.2003 JH/ZT