HORIZONT - der etwas andere Gottesdienst in Filderstadt - Bernhausen vom 16. 2.2003 :

Thema: Irren ist menschlich !

Begrüßung durch Andrea Hausmann:

Irren ist menschlich!

Herzlich willkommen liebe Kinder und liebe Erwachsene bei unserem Horizont-Gottesdienst. Ich hoffe Sie haben sich nicht rein zufällig zu uns her ver-irrt sondern Sie sind ganz bewusst hier um mit uns diesen Gottesdienst zu feiern. Ich möchte Sie jetzt einladen, diesen Gottesdienst gemeinsam zu beginnen und zu feiern: Im Namen und in der Gegenwart Gottes, des Vaters, des Sohnes Jesus Christus und des Heiligen Geistes. Amen!

Irren ist menschlich!

Ich behaupte hier jetzt einmal ganz frech, manchmal ist es sogar nötig. Was wäre denn, wenn wir immer und überall, in jeder Situation alles richtig machen würden? Würden wir uns nicht zu arroganten Egoisten entwickeln? Um dem vorzubeugen, scheinen wir eben des öfteren in die Irre gehen zu müssen. Es fällt uns dann meist ziemlich schwer den Rückweg anzutreten und vielleicht auch noch anderen gegenüber zugeben zu müssen, ich habe mich geirrt. Aber ist es nicht auch ein Stück Reife, diesen Schritt dann gehen zu können? Ist es nicht auch wichtig für das tägliche Leben, sich irren zu dürfen und Fehler zu machen? Stellen Sie sich ein Leben vor, in dem immer alles in vorgegebenen Bahnen laufen würde. Wir hätten dann doch gar keine Möglichkeit einen Weg für uns zu finden, uns zu orientieren. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich als Jugendliche immer darum gekämpft habe Fehler machen zu dürfen um für mich daraus lernen zu können. Leider haben manche Erwachsene das nicht verstehen können und mir auch nicht zugestehen wollen. Darunter habe ich sehr gelitten. Vor allem weil mir bei jedem Irrweg der Rückweg ziemlich verbaut war und ich wusste: Wenn Du jetzt eine neue Richtung einschlägst, wirst Du das nicht ohne Vorhaltungen und Moralpredigten tun können. Dabei wäre es so wichtig gewesen, den Weg der zu mir passt, nämlich meinen persönlichen Weg für mich, zu finden und gehen zu dürfen. Deshalb empfinde ich es heute als große Gnade, mich irren zu dürfen, mir Fehler eingestehen zu können - auch wenn´s weh tut - und trotzdem zu wissen, ich bin geliebt von einem Herrn, der Fehler zulässt, sie mir vergibt und mich deshalb nicht verspottet. Ich freue mich heute auf dieses Thema im Gottesdienst und auf die Gedanken von Dekan Rainer Kiess.

Weiterre Gedanken zum Thema von Jürgen Hausmann:

Irren ist menschlich !

Ich bin auf ein Zitat gestossen und das hat mich nicht mehr losgelassen. Das Zitat stammt von Winston Churchill, dem englischen Premierminister, der England durch die dunkelsten Tage des 2. Weltkrieges geführt hat. Winston Churchill sagte:

"Es ist von großem Vorteil, die Fehler, aus denen man lernen kann, recht früh zu machen."

Früh irrt sich, wer ein Meister werden will. Warum ist unter den vielen Zitaten gerade das eine an mir kleben geblieben? Vielleicht weil auch ich einen Fehler, aus dem ich lernen konnte, früh genug gemacht habe. Was war das für ein Fehler ? Ich bin 1982 verärgert über die Ansichten des Papstes aus der Kirche ausgetreten. Auch vorher habe ich nicht an Gott geglaubt, ihn eher verspottet. Mit meinem Wissen von 1982 war das auch richtig so. Aus meiner heutigen Sicht war das ein großer Fehler, aus dem ich lernen durfte. Mit meinem 40.Geburtstag begann ich mir Gedanken über mein Leben zu machen und 2 Tage vor meinem 41. Geburtstag war ich so weit, meinen Fehler zu korrigieren. Ich habe mein Leben Gott anvertraut. Heute bin ich dankbar, dass ich diesen Fehler, aus dem ich lernen durfte, früh genug gemacht habe.

Jetzt möchte ich ihnen unseren heutigen Referenten, Dekan Kiess in einem kurzen Interview vorstellen. 

Ansprache von Dekan Rainer Kiess:

Manchmal verwechseln wir etwas, stellen jemandem Essig statt Wein oder Salz statt Zucker hin und merken es erst später. Ein harmloser Irrtum. Und schön, wenn es solche harmlosen Irrtümer gibt. Sonst hätten wir ja nicht so viel zu lachen. Das macht uns ja ein Stück menschlich. Perfekte Leute, die niemals einen Fehler machen, erscheinen nicht gerade menschlich, sondern kalt, unnahbar, abgehoben.

Freilich, es gibt auch ganz andere Irrtümer. Als vor bald vier Jahren in Eschede der ICE entgleiste, weil ein Radreifen gebrochen war, kamen 101 Menschen dabei ums Leben, 105 wurden schwerverletzt. Das war dann kein harmloser Irrtum mehr, sondern menschliches Versagen. Drei Ingenieure mussten sich vor Gericht verantworten. Aber auch da stimmt das Motto noch, so hart das klingt: Irren ist menschlich. Wir sind Menschen. Seit dem Beginn der Moderne vor gut dreihundert Jahren, als der berühmte Satz fiel: "Ich denke, also bin ich", fällt alle Verantwortung auf den Menschen zurück.

"Vielleicht zeigt sich die Entmenschlichung des gegenwärtigen Weltzustandes in nichts so sehr wie darin, dass dem Menschen der Vorbehalt des Irrtums und damit sein Vorrecht auf Unvollkommenheit genommen ist.", hat ein Journalist einmal gesagt (H. Zahrnt). Die vielen Selbstrechtfertigungen und Selbstentschuldigungen bis in die hohen Etagen von Politik und Management scheinen es zu bestätigen. Irrtum ausgeschlossen! Das kann es nur bei der Konkurrenz oder Opposition geben- aber nicht bei uns.

Irren ist menschlich. Ist das nun eine Binsenweisheit oder der pausenlose Versuch, sich selbst zu entschuldigen? Ich möchte den Blick auf die Biografie lenken. Wie kommen wir mit unseren Lebensirrtümern zurecht? Haben wir die großen Irrfahrten längst hinter uns und können nur noch abgeklärt darüber lächeln? Oder geht uns das noch ganz aktuell an? Wo stehen wir gerade? Wenn schon gegen Irren und Wirren kein Kraut gewachsen ist- kann dann auch etwas Gutes daraus hervorgehen?

1. Das Strickmuster des Zeitgeistes durchschauen

Mit den geistigen Dingen, mit den Werten und Zielen, die im Umlauf sind ist es wie mit Strickmustern. Zwei beliebte Strickmuster nenne ich an dieser Stelle. Das eine heißt: Try and error -Versuche es und irre dich. Wie soll ich wissen, ob das, was draufsteht, auch wirklich drin ist, wenn ich es nicht teste? So machen wir es mit den Produkten, die uns im Supermarkt angeboten werden. Die Schokolade, die Soße, der WC-Reiniger- sie werden gekauft und ausprobiert; und wenn es nichts ist, dann landen sie eben das nächste Mal nicht mehr im Einkaufswagen. Wir haben ja ein Riesenangebot zum Auswählen. Mit den geistigen Dingen verhalten wir uns ähnlich. Es gibt einen religiösen Supermarkt, in dem ganz unterschiedliche Angebote nebeneinander stehen. Wellness, Spiritualität, Bibelstunde und Bachblüten, Reiki und Channeling, Glaube und Yoga- alles wird angeboten. Nicht immer zum reinen Wohl des Menschen. Es lässt sich auch ein gutes Geschäft damit machen. Viele kaufen ein, lassen sich drauf ein nach diesem Muster: Versuche es und irre dich. Wenn es nichts bringt, kann man es ja wieder lassen. Dachten Eva und Adam übrigens auch, als ihnen eingeflüstert wurde: Versuchs doch mal! Test it! Dann weißt du es. Du versäumst sonst vielleicht etwas. Das ist das Strickmuster des praktischen Atheismus. Es gibt einen theoretischen Atheismus, der aus dem Denken heraus die Existenz Gottes bestreitet. Und es gibt einen praktischen Atheismus, der nicht denkt, sondern einfach handelt. Mal ausprobieren. Mal einsteigen und losfahren und dann sehen, was passiert. Versuche es und irre dich.

Das andere Strickmuster ist auch ziemlich einfach, aber vielleicht noch populärer. Es heißt: Du bist dir selbst der Nächste. Du musst zuerst an dich denken. Du kannst dann immer noch ein bisschen sozial sein. Das läuft dir nicht davon. Aber zuerst musst du sehen, wo du bleibst. Die Ich-Orientierung steckt ja von Haus aus in uns tief drin, und sie hat auch ihren Sinn. Das ist ein Stück Natur, Überlebensstrategie aller Geschöpfe. Aber wenn wir Menschen sind, können wir uns nicht mit unserer animalischen Seite begnügen. Das wissen wir auch. Trotzdem gehen wir oft allzu leicht diesem Strickmuster auf den Leim und merken vielleicht doch insgeheim, dass das nicht alles ist und wir einsamer sind, als wir möchten.

2. Die Klopfzeichen des Heiligen Geistes wahrnehmen

Wenn jemand zur Türe hereinmöchte und es gibt keine Klingel, dann klopft er an. Irgendwie muss er sich erkenntlich machen. Und wenn wir nicht wissen, wer das ist, der da klopft, dann fragen wir nach. "Wer da, bitte?" Und wenn wir dann die Stimme hinter der Türe kennen und Vertrauen haben, dann öffnen wir. Nun behaupte ich: Gott macht es ähnlich. Er klopft immer wieder bei uns an. Manchmal leiser, manchmal deutlicher, manchmal sehr heftig. Die Frage ist, ob wir auf diese Klopfzeichen reagieren. Ob wir sagen: "Alles nur Einbildung" oder: "Das muss wohl eine Verwechslung sein". Oder ob wir an die Türe gehen und wenigstens nachfragen: "Wer da, bitte?" Es wäre ja ärgerlich, wenn der Anklopfende eine wichtige Nachricht für uns hätte und wir nicht reagieren würden. Oder wenn wir am nächsten Tag erfahren müssten, dass uns ein guter Freund vor der Tür stand und wieder abzog, weil er nichts hörte. Irren ist menschlich. Aber Gott findet sich nicht damit ab. Er klopft an. Er versucht es immer wieder bei uns. Ein afrikanisches Sprichwort sagt: "Gott besucht uns oft. Aber meistens sind wir nicht zu Hause."

Ich musste bei unserem Thema an die Lebensgeschichte Augustins denken. Der war später Bischof von Karthago, 354 geboren in einer Stadt im heutigen Algerien. Augustin hatte eine sehr bewegte Zeit erlebt, bis er zum Glauben an Jesus Christus fand. Er hatte viel versucht und sich kräftig geirrt. Mit 17 ging er er zum Studieren nach Karthago, "in einen Hexenkessel schamloser Liebeshändel", wie er später schreibt. Mit 19 hat er einen unehelichen Sohn. Dem gibt er den Namen Adeodatus- von Gott gegeben. Starkes Stück- als ob Gott mit seinem Lebensstil einverstanden gewesen wäre! Augustin studiert Rhetorik, liest in der Bibel, aber das Alte Testament ärgert ihn. Ihn interessiert die Frage: Woher kommt das Böse? Er schließt sich einer Sekte mit einem persischen Guru namens Mani an, der sagt, Licht und Finsternis, Geist und Materie seien unvereinbar und der ein religiöses Mischmasch-System entwickelt. Augustin erwartet sich Hilfe von dem großen Mani-Bischof Faustus von Mileve, wird aber herb enttäuscht, als er ihm begegnet. Bis er dann in Mailand dem Bischof Ambrosius begegnet, einem Christen, der ihn überzeugt. Er fängt wieder an in der Bibel zu lesen. Vor allem Paulus fasziniert ihn. Unzufrieden, unruhig ist Augustin. Von Tag zu Tag wird ihm sein Leben mehr zur Last. Er hört die Lebensgeschichte von Menschen, die zu Christus gefunden haben- und dann geschieht es auch bei ihm.

Gott klopft immer wieder anders an, denn unsere Herzenstüren sind verschieden gebaut. Wichtig ist, dass wir die Klopfzeichen hören, und wenn wir uns nicht sicher sind, nachfragen. Gott kann durch seinen Geist, durch Menschen und Worte und Situationen in unser Leben hineinkommen. Er kann auch die Unruhe, das Suchen und Nichtfinden und wieder suchen dazu gebrauchen, dass wir auf ihn aufmerksam werden. Irren ist menschlich. Aber Gott findet sich nicht damit ab. Er will sich uns offenbaren.

3. Dem Wort Gottes vertrauen

Augustins Schlüsselerlebnis fand in einem Garten statt. Er setzte sich unter einen Feigenbaum und klagte sich heftig an: "Wie lange noch, wie lange morgen und morgen? Warum nicht jetzt? Warum soll nicht diese Stunde das Ende meiner Qual sein? "Und siehe, da hörte ich eine Stimme aus dem Nachbarhaus," schreibt er in seinen Bekenntnissen, "ob es ein Knabe oder ein Mädchen ist, weiß ich nicht, die in singendem Tonfall immer wiederholt: "Nimm und lies, nimm und lies" So hielt ich den Strom meiner Tränen zurück und stand auf; denn ich konnte es nicht anders deuten, als dass mir von Gott befohlen wurde, ein Buch zu öffnen und dort das erste Kapitel zu lesen, das ich finden würde." Er kehrt schnell ins Haus zurück, wo er die Paulusbriefe liegen gelassen hatte, greift danach und liest Römer 13,13: "Lasst uns ehrbar leben wie am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Eifersucht; sondern zieht an den Herrn Jesus und sorgt für den Leib nicht so, dass ihr den Begierden verfallt." Weiter wollte er nicht lesen; es war auch nicht nötig. Denn Licht erfüllte sein Herz und alle Finsternis war zerstoben.

Augustins Geschichte ist so einmalig, wie es jede Lebensgeschichte ist. Gott macht keine Kopien. Er gibt nur Originale aus. Aber es gibt eine Konstante, etwas, das bleibt- und das ist sein Wort. Die Klopfzeichen können mehrdeutig sein. Das ist ja auch der Grund, warum wir aus manchen Begebenheiten ganz unterschiedliche Schlüsse ziehen und dabei auch Täuschungen auf den Leim gehen. Gottes Wort aber ist eindeutig. In seinem Wort offenbart sich uns Gott, gibt sich uns zu erkennen. Unsere Gefühle, unsere Stimmungen können wechseln und schwanken. Aber Gottes Wort bleibt fest, gewiss und verlässlich.

Irren ist menschlich. Der große lateinische Rhetoriker Cicero, den Augustin ja auch studieren musste, hat diesen Satz geprägt. Aber Augustin hat den Satz fortgesetzt: "Irren ist menschlich, aber aus Leidenschaft im Irrtum zu verharren ist teuflisch." Da steckt ganz gewiss seine Lebenserfahrung dahinter, genau so wie in dem bekannten Wort von ihm: "Unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in Gott."

So sind wir eingeladen, immer wieder aus unseren kleinen und große Irrtümern aufzubrechen, die Klopfzeichen zu hören, aber vor allem zum Wort Gottes zu greifen, wo Gott uns eindeutig und glasklar begegnet, wo er zu uns spricht. Und am klarsten und eindeutigsten spricht er in diesem großen Buch in seinem Sohn Jesus Christus, der uns den Vater gezeigt hat. Ja, Gott ist unser Vater, der Vater der Liebe. Die Liebe, die heilt und neu macht und zum Nächsten hinbewegt, vom ich zum Du, das Strickmuster der Ewigkeit, das bleibt. Irren ist menschlich, aber vergeben ist göttlich. So groß ist Gott.

Bernhausen, 16.02.03

Rainer Kiess

Segen, gesprochen von Andrea Hausmann:

Der Herr segne dich.

Er erfülle deine Füße mit Tanz - und deine Arme mit Kraft.

Er erfülle dein Herz mit Zärtlichkeit - und deine Augen mit Lachen.

Er erfülle deine Ohren mit Musik - und deine Nase mit Wohlgerüchen.

Er erfülle deinen Mund mit Jubel - und dein Herz mit Freude.

Er schenke Dir immer neu die Gnade der Wüste: Stille, frisches Wasser und neue Hoffnung.

Er gebe uns allen immer wieder die Kraft, der Hoffnung ein Gesicht zu geben.

Es segne dich der Herr, der Vater und der Sohn und der heilige Geist.

Amen.

 

 

24. 2.2003 JH/ZT

 

 

 

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