HORIZONT - der etwas andere Gottesdienst in Filderstadt - Bernhausen vom 3. 2.2002 :

 

"Ich muss nur...sterben!"

 "Müssen muss ich gar nichts!" Kennen Sie diesen Satz, liebe Besucher dieses Gottesdienstes?

"Müssen muss ich gar nichts!" - Ein Satz selbstbewußter Freiheit, imponierend! Aber wahr?!  

1. "Müssen" wir nicht doch eine ganze Menge? Vor allem das ganz Elementare: atmen - essen - trinken? Das heißt, sind wir nicht, als Lebewesen Mensch ein Teil des Ganzen? Und zutiefst abhängig von der Teilhabe an diesem Ganzen! Und sollten wir uns im Ernst dieser An - teilnahme verweigern, entziehen, dann sind wir eben gerade nicht frei! Oder allenfalls "frei zum Tode"! 

2. Abgesehen jedoch von diesen elementaren Lebensvollzügen gibt es tatsächlich eine große, große Menge dessen, was wir nicht müssen! Überlegen Sie doch bitte selbst an dieser Stelle, was Sie in Ihrem Umfeld, in Ihren Lebensumständen nicht müßten. Sein lassen, loslassen könnten! Worauf sich verzichten ließe. Was wir nicht haben, nicht tun, nicht sein müßten! So vieles ist Luxus! Ist Ermessens- und meistens vor allem natürlich eine Geldfrage! Und ist nicht auch vieles, von dem, was wir tun, kein "Muß", sondern eben ein Mitmachen, um "in" zu sein?! Wer und was wir "sein" müssen, das ist sicherlich die persönlichste Überlegung. Welche Titel vor unserem Namen wir eventuell brauchen, welche Würden, welchen Rang, das hängt sicher auch ganz stark von unserem Selbstwertgefühl ab. Insgesamt also: wie vieles meinen wir haben, tun und sein zu müssen, um auf diesem Wege vor allem Halt für unser schwaches, unsicheres Selbst zu suchen! In dieses innere Feld hineinzuhören und zu erfahren, was wir alles nicht müssen, kann tief befreien. Aber auch sehr verunsichern! Verunsichern im Sinne dessen, dass wir uns fragen, was dann noch von uns bleibt: wenn wir uns nicht mehr auf die Krücken von Haben, Tun und Sein verlassen wollen.  

3. Doch auch, wer diese Unterscheidung für sich vorzunehmen versucht, steht irgendwann vor der Aussage unseres heutigen Themas: "Ich muss nur...sterben!" Und ist vielleicht, ähnlich wie ich selbst, fasziniert: dass es tatsächlich so ist, dass ich das Aller-,Allermeiste als Mensch letztlich nicht muss, dass aber immer noch gilt: "ich muss sterben". Sicher, auch dieses, das Sterben, kann ich hinauszögern, es ausblenden und verdrängen. Und doch steht am Ende all dieser Ausweichmanöver die Tatsache: "ich, auch ich; ich, nicht nur alle anderen Menschen, nein, ich muss sterben"! Natürlich wissen wir darum im Grundsätzlichen. Und macht es uns im Allgemeinen nicht viel aus, uns darüber klar zu werden, dass unser Leben schlichtweg eine biologische Grenze hat und dadurch endlich, begrenzt ist.  

4. "Noch" wird manche/r unter Ihnen hier denken! Wenige Tage nach der Entscheidung des Bundestages zur eingeschränkten Zulassung der Stammzellenforschung wird uns einmal mehr bewußt, wie intensiv im Bereich der Gentechnik daran gearbeitet wird, die bisherigen Grenzen zu verschieben. Die Lebensdauer immer weiter zu verlängern, ja, das Leben selbst durch die Technik des Klonens reproduzierbar zu machen. Der Traum von der Unsterblichkeit ist alt wie die Erfahrung des Sterbenmüssens. Und in unserer Zeit scheint es manchmal schon greifbar nahe, dieses Ziel der Unsterblichkeit zu erreichen. Ist unsere Themenstellung also schon fast veraltet? Oder gibt es noch ganz andere Aspekte, die bisher noch gar nicht in den Blick kamen? Lassen Sie mich als Pfarrer den entscheidenden theologischen Gesichtspunkt nennen: Jene Sicht des Neuen Testamentes auf die Tatsache unserer Sterblichkeit, die darin ein Verhängnis sieht. Oder, mit den Worten des Paulus, den Tod als "der Sünde Sold". Als das also, womit die Sünde zahlt. Was sie uns Menschen ausbezahlt. Was sie bringt und bewirkt. Und das ist nicht das erhoffte tolle Leben. Nicht das "Sein wie Gott". Sondern die absolute Grenzerfahrung! Die Erfahrung, abzuprallen an Gott, ihn nicht erreichen zu können.

Ihn nicht verdrängen zu können von seinem Thron! So steht`s nach biblischer Diagnose mit Gott und uns: wir wollen ganz hoch hinaus, wollen die Fesseln der Kreatürlichkeit abstreifen. Und fallen so tief in nicht zu überwindende Sterblichkeit! 

5. Wie sollen wir damit umgehen? Den Kopf in den Sand stecken? "Augen zu und durch"? Das Meiste und Beste aus dem Leben vor dem Tode herausholen? Viele machen es so in schier verzweifelter Anstrengung, das Leben auszukosten. Ich möchte demgegenüber für einen realistischen Umgang mit dem Tod plädieren! Eine Haltung, die ich gerne ich vier Fragen kleiden würde:

5.1. Ist es nicht wichtig, dass wir einüben, den Tod gerade nicht zu verdrängen? (Meistens geht das ja auch gar nicht, weil er sich so unübersehbar zu Wort meldet). 

5.2.Könnten wir uns, als Christen, immer tiefer klarmachen, worin unsere Hoffnung besteht? 

5.3. Und könnten wir diese Hoffnung nicht nur als ein Konstrukt im Kopf haben, sondern sie auch leben? Sie ausleben, vorleben, hineinleben in eine Todes - geplagte Welt?!  

5.4. Und hieße das nicht, dass wir immer wieder und immer mehr Jesus ernst zu nehmen hätten? Jesus, den sterblichen Menschen. Jesus, den von den Toten auferweckten Sohn Gottes! 

6. Was kann das möglichst praktisch heißen? Diese Grundorientierung der Christen an Christus, den gekreuzigten Auferstandenen? 

6.1. Das kann heißen, das Sterben einzubeziehen ins Leben: Hospize zu eröffnen und zu unterhalten, in denen Menschen, ob alt, ob jung, in Würde sterben können. Das todkranke Familienmitglied zuhause, in den eigenen vier Wänden, seine letzte Lebens zeit verbringen zu lassen. Kinder, wenn sie es wünschen, mit auf den Friedhof zu nehmen. Gespräche über Tod und Sterben nicht abzubrechen, sondern zuzulassen. 

6.2. Das kann heißen, einen österlichen Lebensstil zu entwickeln: Hineinzugehen in Strukturen des Todes, in denen das Sterbenmüssen Menschen von Menschen auferlegt wird: in Flüchtlingslager, Gefängnisse, in soziale Brennpunkte, die zu Drogensucht und Kriminalität führen. Dem Geist der Resignation, diesem Vorboten des Todes, zu wehren. Das heißt, ihn anzuschauen, nach seinen Ursachen zu forschen und diese zu verändern. 

6.3. Das kann heißen, sich selbst trösten zu lassen. Und dadurch fähig zu werden, andere zu trösten. Also nicht mehr in allem die Position des Stärkeren zu suchen, sondern Schmerz zuzulassen und bereit zu sein, auch von ihm verändert zu werden. 

6.4. Wie nahe auch ist dem die Angst! Als Christ mit Hoffnung zu leben, heißt deshalb auch, zu lernen, mit der Angst umzugehen Sie wahrzunehmen bei sich selbst und anderen. Sie auszuhalten, ja, sie anzunehmen als einen wesentlichen Teil unserer Persönlichkeit. In allem aber, so meine ich, geht es darum, dass wir den österlichen Lebensstil der Hoffnung durchhalten! Dass wir uns immer wieder neu klarmachen: Einer ist uns vorangegangen im Sterben: Jesus. Einer ist uns vorangegangen in der Auferstehung von den Toten: Jesus! Mit Jesus, dem Auferstandenen, verbunden zu sein, schon jetzt und hier, mitten in unserer sterblichen Existenz, diesem "Sein zum Tode", das läßt Kräfte aus einer anderen Welt in uns hineinfließen. Das ist wie eine Quelle, aus der gutes, ja heilvolles Wasser sprudelt. Ja, wir müssen sterben, auch als Christen! Und wir wünschen uns, ganz menschlich, einen einfachen, guten Tod. Wie er aber auch sei: "wir werden erwartet am anderen Ufer", (wie es Johannes Kuhn einmal formuliert hat)! Die Verbindung, die Gott zu uns geknüpft hat, wird er nicht abreißen lassen! Das macht mir sehr, sehr viel Hoffnung!

Amen.

 

Pfarrer Christian Kohler, Bernhausen, Johannesgemeinde

 

 

 

 

 

 

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