HORIZONT - der etwas andere Gottesdienst in Filderstadt - Bernhausen vom 1. 7.2001 :

 

Abschalten können Sie woanders!

 

1. „Unter Strom"

Unser Leben ist gekennzeichnet von immerwährender Inanspruchnahme; ständig „unter Strom" leben wir:

- im Berufsleben: Anforderungen/Erwartungen aus der Chefetage/vom Kunden im Blick auf Mobilität, Flexibilität, Leistung – und dies schnell! Und unter Arbeitskollegen wird aus gesunder „Competition" oft zermürbende Konkurrenz – Mobbing inklusive...

- im Familienleben: Reinhard Mey und sein Lied von „Aller guten Dinge sind drei", wo auf humorvolle Weise Beispiele von „Stress pur" in Familie (und Haushalt) beleuchtet werden.

- im Freizeitleben: Ehrenamtliche Mitarbeit z.B. in Vereinen oder (Kirchen-)Gemeinden, die sich entwickeln kann von vital(isierend)er Mitwirkung zu atemlosem Aktivismus, der nur noch ermüdet und „auffrisst".

 

2. „Abschalt"-Mechanismen, die naheliegen

Wir müssen immer wieder den „Stromkreislauf" unterbrechen, „abschalten". Die „Sicherungen" sollen ja nicht „durchbrennen". Gängige Methoden des Abschaltens versprechen solchen Schutz:

- Abschalten von den Arbeitsanforderungen durch Alkohol: Keine moralistische Grundsatz-Rede gegen den Alko-hol! Aber doch kritisches Hinterfragen nötig z.B. im Blick auf das abendliche Entspannungsgläschen, schleichend immer öfter gefüllt, weil’s die Sorgen minimiert und den Schlaf erleichtert. Bitte aufmerken! Zu denken z.B. an Her-bert Grönemeyers Song „Alkohol ist das Dressing für deinen Kopfsalat". Bringt solches Abschalten am Ende echt Aufatmen? Bewahrt es tatsächlich vor dem „Durchbrennen der Sicherungen" und dem „Burnout"?

- Abschalten von den Ehrenamts-Engagements am Fernseher: Keine moralistische Grundsatz-Rede... Aber Selbstkritik ist doch nötig z.B. im Blick auf die TV-Gewohnheiten nach einer langen und anstrengenden Sitzung: (Sehn-)Sucht nach Sessel, Süßigkeiten, Salzchips – und „Zapping" durch alle möglichen und unmöglichen Sen-dungen. Bitte aufmerken! Das eigene Regulativ gerät so leicht in die Defensive, und offensiv, also verletzend, gehen viele Bilder mit uns in einen alles andere als erholsamen Schlaf. Was ist dann mit den „Sicherungen"? Wird so der „Burnout" verhindert?

- Abschalten von den Familien-Verpflichtungen durch die Arbeit: Keine moralistische... Aber doch eine Anfrage, inwieweit wir Arbeit vielleicht überbewerten in Gestalt von „Worcaholism", also arbeiten über Gebühr, über Erwar-tungen von Chef und Kunden hinaus. Bitte aufmerken! Solche Arbeitssucht kann ein Selbst-Entzug von Anforde-rungen der Familie, der Freundschafts-Beziehungen, der Selbst-Beziehung bedeuten, der schließlich die „Siche-rungen durchbrennen" lässt und den „Burn-out" gerade beschert.

3. „Abschalten" können Sie woanders

Auf der Suche nach Alternativen in Sachen „Abschalten" gibt es folgende Angebote. Angebote, die nicht zum Ausbrennen führen, sondern zum „Auffüllen des Akkus" helfen könnten:

- Abschalten von den Arbeitsanforderungen durch Beziehungspflege: Im Terminkalender sind nicht nur Ge-schäftstermine, sondern auch Familientermine fest einzuschreiben ebenso wie Zeiten für Freunde, deren Ge-meinschaft und Rat wir brauchen und umgekehrt. In der Bibel, dem Wort von Gott, ist nicht zufällig von Folgen-dem die Rede (und das nicht nur im Blick auf die Ehe): „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei..." (1. Mose 2, 18)

- Abschalten von den Ehrenamts-Engagements durch Sport und Wort: Sorge für den Leib und Nahrung für den Geist, „Walking" im wahrsten Sinn des Worts und im übertragenen auch für die Gehirnwindungen sind nötig. Laufen baut den Leib auf – und Lektüre den Geist. Bücher, Zeitungen und anderes mehr helfen den Geist wet-zen und wach halten. In der Bibel, dem Wort von Gott, ist nicht zufällig davon die Rede, dass Gott selber an solcher Pflege und Bewahrung interessiert ist: Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus." (1. Thessalonicher 5, 23)

- Abschalten von den Beziehungsverpflichtungen durch die Pflege der eigenen Seele: Planen Sie Solo-Zeiten für Ihre Seele. Wir gehen in eine noch weitere Dimension: Nicht nur die leibliche und geistige ist wichtig, sondern auch und erst recht die geistliche. Und die hat mit Gott zu tun und seinem Kraft-Potential, das er anbietet. Abschalten und Aufladen in einem – angeboten durch Bibellesen und Beten.

Zwei weitere Hinweise auf die und aus der Bibel dazu: a) Matthäus 4 und 14: Jesus als Vorbild für uns: Wie er abschaltete und für die Seele neue Kraft gewann, sollen wir das auch tun: Rückzug zur einsamen Begegnung mit Gott, dem Vater im Himmel. b) Matthäus 11, 28: Jesus als Angebot an uns: Die Einladung zum Abschalten durch die Begegnung mit ihm und die Hingabe an ihn, damit wir Ruhe finden und neue Kraft bekommen.

 

 

Pfarrer Ulrich Scheffbuch, Bernhausen.

 

 

 

 

 

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