HORIZONT - Gottesdienst in Filderstadt - Bernhausen vom 10.12.2000 :
Auseinandergelebt ?
Überlegungen im Horizont - Gottesdienst am 10.12. 2000 von Christian Kohler, Filderstadt
1. Das zerbrochene Herz
Sie haben`s gesehen auf dem Einladungsblatt zu diesem Gottesdienst:
ein zerbrochenes, gesprungenes, zerborstenes Herz. Ein Herz mit einem großen, tiefen Sprung;
schon fast ganz auseinandergebrochen.
Und das Herz, das symbolisiert doch die Liebe, das geteilte Leben!
Manchmal fast trivial wie beim mitgebrachten Lebkuchen-Herzen aus dem Zimmer einer
Jugendlichen.
Oft aber einfach auch nur tief das Gemeinte treffend, das Erhoffte, Ersehnte, Vermißte.
Und manche von Ihnen erinnern sich sicher auch an die großen Plakate, mit denen unter dem
Titel "Auseinandergelebt?" in die Musicals von "Stella - Entertainment" eingeladen wurde:
Jenes Paar zum Beispiel, das da beziehungslos nebeneinander steht: sie im großartigen Hoch-
zeitskleid, er im Frack, doch mit der aufgeschlagenen Zeitung in der Hand:
nicht mehr aneinander interessiert, voneinander wegschauend, den Blick nicht mehr dem
Partner schenkend.
2. "Auseinandergelebt" - das geht von selbst!
Ja, das ist meine These an dieser Stelle unserer Überlegungen!
Auseinandergelebt - das ereignet sich, Gott sei`s geklagt, fast von selbst! Dazu muß man/frau
gar nichts Besonderes tun.
Es scheint wie ein natürliches Gefälle, auf dem wir auseinander rutschen, voneinander weg.
Der Lauf der Dinge in den Jahren; die Zentrifugalkraft des Lebens, und sicher auch insbeson-
dere: der Lebensstil unserer Zeit.
Unterliegen wir nicht alle mehr oder weniger jenem ausgesprochenen oder unausgesprochenen
Motto: "immer mehr immer schneller!"?
Jenem Lebensrhythmus, der uns scheinbar immer mehr verspricht, der uns paradoxerweise
aber gleichzeitig auch immer mehr nimmt.
Der unsere Lebensqualität vielleicht sogar wirklich erhöht, uns aber einen immer höheren Preis
dafür zahlen läßt.
Während ich diese Zeilen schreibe, bewegen uns zum Beispiel die BSE -Fälle, die nun auch in
Deutschland aufgetreten sind. Wir wollten möglichst billiges Fleisch möglichst oft, und jetzt
wird uns die medizinisch - moralische Rechnung präsentiert!
3. "Zusammengelebt" - doch das haben wir!
Denn das ist ja wohl der positive Gegenbegriff zu "auseinandergelebt"! Ja, wir haben zusam-
mengelebt, und es war gut!
Die allermeisten heute wie selbstverständlich schon vor der Ehe. Wobei die Frage bleibt, ob
man Liebe auf Probe leben kann?!
Manche im Laufe der Jahre mit vielen Partnern, manche vielleicht mit ihrer ersten als der ganz
großen Liebe.
Doch, wir haben zusammengelebt, Jahre, unter Umständen Jahrzehnte!
Und dann ist irgendetwas von dem passiert, was jeder von uns aus seinem Freundes- oder Ver-
wandtenkreis kennt: ein Einbruch, ein Ausbruch, ein Bruch jedenfalls des Vertrauens.
Bei den allermeisten ist er nicht mehr zu heilen!
Ich jedenfalls kenne nur zwei Ehepaare, denen es gelungen ist, die Krise zu meistern und aus
ihr sogar gestärkt hervorzugehen.
Bei den Allermeisten wird aus dem "Zusammengelebt" dann doch ein "Auseinandergelebt" mit
all den teilweise schrecklichen Folgen, die das vor allem auch für die Kinder hat.
Ich denke, ich brauche dies hier nicht zu vertiefen.
Ich will stattdessen weiterüberlegen:
4. Was hält uns denn zusammen?
Wenn wir uns gegen diese scheinbare oder tatsächliche Eigengesetzlichkeit unserer heutigen
Beziehungen bzw. gegen ihr Brechen wehren wollen, dann müssen wir ja wohl so fragen!
Was hält uns zusammen? Was bringt uns wieder neu zusammen?
Was ermutigt uns, durchzuhalten? Was stärkt uns selbst und unsere Beziehungen?
5. Beziehungen brauchen Pflege!
Sie sagen vielleicht: "das ist doch selbstverständlich!" Schön wär`s! Ich bin mir da nicht so sicher, leider!
Bei allem und jedem ist uns mehr oder weniger klar, dass Sorgfalt und Pflege notwendig sind.
Keiner wird im Normalfall die Türe seines Autos mit einer Brechstange öffnen oder sein Video- oder DVD - Gerät mit Zange und Feile bedienen.
Bei allem ist uns der "Service" wichtig. Und ausgerechnet bei unseren menschlichen Beziehun-
gen sind wir so nachlässig!
So fahrlässig oberflächlich. So grob und ungeduldig. Lesen keine Gebrauchsanweisung, son-
dern stolpern mit dem, was wir vom Elternhaus mitbekommen haben (oder auch nicht) hinein.
Kein Wunder, dass so etwas nicht lange gut gehen kann!
Beziehungen brauchen Pflege!
Je länger wir zusammen sind, desto größer ist unsere Verantwortung, etwas füreinander zu tun.
Die Andere, den Anderen nicht als Selbstverständlichkeit, gar als Besitz anzusehen, sondern als ein äußerst wertvolles, aber auch zerbrechliches Geschenk!
6. Grundelemente solcher Beziehungspflege:
Was fällt Ihnen selber ein? Was tut Ihnen gut? Wonach sehnen Sie sich? Wovon wissen Sie,
dass es Ihrem Partner, Ihrer Partnerin, aber auch Ihrem Kind, Ihrer Mutter, Ihrem Vater gut tut?
Ich bin sicher, es fällt uns viel ein! Ich will an dieser Stelle nur ein paar Dinge nennen, die
für Sie vielleicht pure Selbstverständlichkeiten sind, und das wäre dann nur gut!
Braucht unsere Beziehung nicht vor allem Zeit? Den Schutzraum einer gewährten, geschenkten
Zeit, abends zum Beispiel, die nicht von einem wichtigen Fernsehprogramm oder dringenden
Telefonaten durchlöchert und unterbrochen wird.
Braucht unsere Beziehung im Schenken der Zeit und deren Annehmen nicht Geduld?
Geduld, dass es fast nie perfekt ist. Dass der so liebevoll geplante Abend eben doch unter-
brochen wird, gestört durch Unvorhergesehenes. Geduld mit der Unruhe des Anderen, der oft
im erhofften Maße nicht mitgehen kann.
Braucht unsere Beziehung nicht die Pflege durch Überraschungen?
Durch diese Unterbrechungen des immer Gleichen, des Eintönigen, des langweilig -Werdenden
Ideen, Phantasie, Kleinigkeiten können helfen.
Braucht unsere Beziehung nicht vor allem auch das Gespräch?
Und ist das vielleicht sogar das Schwierigste? Jedenfalls für uns Männer! Dass uns so schnell
die Worte ausgehen, wir den Faden verlieren, uns nichts mehr einfällt.
Auf die einfache Frage, wie es uns geht, bleiben wir unter Umständen eine echte Antwort
schuldig. Nicht, weil wir böswillig ihr ausweichen, sondern, weil wir es meistens gar nicht ge-
lernt haben, richtig zu reden und richtig zu hören.
Und beides macht ja ein echtes Gespräch aus.
Auch mir fällt das oft sehr schwer. Gerade, wenn ich erschöpft bin.
Deshalb bin ich froh, dass meine Frau und ich (wir sind seit19 Jahren verheiratet und haben
vier Kinder) zur Zeit eine neue Form des Ehegespräches testen.
Wir haben sie nicht selber erfunden, sondern folgen dabei den Anregeungen eines Buches von
Michael L.. Moeller, das als Taschenbuch im Rowohlt - Verlag erschienen ist.
Die Eine, der Eine beginnt, womit immer sie/er möchte. Man erzählt dem Anderen, was einen
beschäftigt, wie es einem geht. Der Zuhörer aber muß nicht gleich antworten, reagieren und
damit seinerseits das Gespräch beeinflussen. Sie/er hört einfach zu , eine Viertelstunde oder
noch länger. Es können Pausen entstehen, Stille, nach und nach kommt Tieferes hervor.
Und dann ist die Andere, der Andere dran und hat auch den Raum vor und mit dem Partner. Und in einer dritten Phase unterhält man sich über das Gehörte.
Wir machen das noch nicht lang, vielleicht anderthalb Monate, und natürlich ist das gewöhn-
ungsbedürftig. Aber ich habe den Eindruck, es hilft.
Lassen Sie mich nun gleich zum letzten Punkt kommen, in dem ich versuche, dies alles noch
einmal zu bündeln.
7. Was wir wirklich brauchen.
Das Leben ist kompliziert. Es läßt sich nicht mit ein paar Sätzen beschreiben und nicht mit
ein paar "Pflege - Tips" künstlich vereinfachen.
Und natürlich müßten wir noch die Zärtlichkeit und die lebendige Sexualität nennen, aber Sie
werden zugeben, dass dies nochmals ein eigenes Thema wert wäre!
Heute bleiben wir bei dem stehen, was unser Leben in seiner Alltäglichkeit ausmacht: unsere
Sehnsüchte und unsere Erschöpfungen; unsere guten Anfänge und unser hinzugekommener
Zynismus; das Wenige an Liebe, das wir meistens nur bekommen konnten und das wir dem-
entsprechend auch nur so beschränkt weitergeben können.
Mir als Christ geht es in alledem so:
Wenn ich nicht von einer größeren Liebe, der des lebendigen Gottes nämlich, wüßte, müßte
ich resignieren!
Wenn ich nicht mit allem Scheitern und allem Versagen von "Ohr und Herz" dieses lebendigen
Gottes wüßte, müßte ich davonlaufen. Vor mir selbst und sicher irgendwann vor und von meiner Frau.
Wenn ich nicht den vergebenden Gott in Jesus Christus kennengelernt hätte, bliebe vielleicht
nur die Aggression oder die Depression.
So aber fühle ich mich ermutigt. Ermutigt von außen, zum Beispiel dem Wort der Bibel, in
der es einmal heißt, die Liebe Gottes sei "ausgegossen in unsere Herzen" (Röm.5,5).
Das ist doch eine Chance! So kann ich mir ein Leben als Christ vorstellen!
Angesprochen, gehalten, geliebt vom lebendigen Gott.
Diese tiefste Bejahung gibt mir Mut, zu kämpfen. Um und für unsere Beziehung. Gegen das
Auseinanderleben. Diesen Automatismus des Lebens in der gefallenen Schöpfung.
Gott will mehr! Das ist mir total klar! Nicht im Sinne der Überforderung, sondern der Aus-
rüstung, die wir für ein solches Leben des Miteinanders brauchen.
Wenn ich die Augen dieses liebenden Vaters im Himmel, wie wir Christen zu IHM sagen, auf
mir ruhen weiß, dann gewinne ich Mut und Zutrauen, mein Herz IHM hinzuhalten.
Dieses Herz mit dem Riß und Sprung, dieses Herz, das Herzeleid macht und selber spürt.
Ja, Gott ist ein "Herzspezialist"!
Sicher, er läßt uns die Freiheit, den Karren auch an die Wand zu fahren.
Aber sein eigentlicher Wille ist die Heilung von Beziehungen.
Das Herz, das wieder ganz und heil wird.
Das ist doch eine hervorragende Basis, einander (und sich selbst) nicht aufzugeben.!.
So wahr Gott, der lebendige Gott, uns sein Herz schenkt, wenn man das so metaphorisch sagen darf!
Sich selbst in seinem Sohn Jesus Christus. Um durch ihn eine ganz neue und tiefe Beziehung
zu uns Menschen einzugehen.
Und uns zu ermutigen, weder Gott noch uns noch die uns anvertrauten Menschen aufzugeben.
Sie sind Gott seine Liebe wert Wir sind IHM seine Liebe wert, also lohnt es sich, zu kämpfen!
Pfarrer Christian Kohler, Filderstadt - Bernhausen, Johannes - Kirche