HORIZONT - Gottesdienst in Filderstadt - Bernhausen vom 8.10.2000 :

 

Was heisst schon reich ?

 

Lukas 19, 1 – 10 Zachäus

 

 

Zachäus geht uns auch nach Wegfall der EU-Zollschranken was an, denn

Vers 2

„der Oberste der Zöllner" heißt heute : Der Schlaueste der Schnorrer, Abzocker, Vorteilsnehmer, unredlichen Profiteure. Finanziell, karrieremäßig, menschlich.

„Ehrlichkeit muß man sich erstmal leistern können" ? Nein, wer sich im Geschäftsleben heute keine Moral leistet, kann sich morgen gar nichts mehr leisten.

 

Vers 3

„er war sehr klein und niemand machte ihm Platz". Genügend Kohle, Rücklagen, Häusle, Statussymbole können nicht kaschieren, daß wir als

„kleinkariert", „menschlich ärmlich", eben nicht „reich" im immateriellen Sinne

wahrgenommen werden. Zachäus ist eigentlich arm, denn er kann seinen Mitmenschen immer nur Großes, aber nie Größe zeigen. Im Gesprächszimmer seiner Bank und im Nobelrestaurant macht man ihm sofort Platz, im Herzen nie.

 

Vers 4

„Da kletterte er auf einen Maulbeerbaum"

Maulheldenbäume stehen heute an Stammtischen, in der Betriebskantine, an der Bar des SquashCenters oder am Telefon. Weil Zachäus gar kein „gestandener Mann" ist – er hat weder Standpunkt noch Rückgrat – hat er sich verstiegen in die Verästelungen der Anekdoten, Übertreibungen und Halbwahrheiten, die er im Bekanntenkreis wuchern läßt. Auch Vorurteile und Vorbehalte sind gute intellektuelle Feigenblätter, hinter denen sich der reiche Arme versteckt.

Er will zwar Jesus sehen - einen geistig, geistlich und menschlich Reichen

sehen. Jemanden, der das hat, was man nicht kaufen kann : Spiritualität, heitere Gelassenheit, Weisheit, Format, Größe - will dabei aber selbst nicht beobachtet werden.

 

Vers 5

„und Jesus entdeckte ihn und rief..."

Alle Umstehenden erwarten ein Gerichtswort. Bill Gates, Du obszön Reicher,

Mooshammer, Du widerlicher Geldschleimi ; Schrempp, Du überbezahlter Supermanager – hält Jesus eine völlig berechtigte Moralpredigt über die ungerechten Wirtschaftsverhältnisse in Jericho, die Zachäus ja mitbetreibt und gutheißt, von denen er lebt ? Nein, Jesus will in sein Haus. In seine Verhältnisse, sein Leben.

 

Vers 6

„da nahm er ihn mit Freuden auf"

Ohne vorher aufgeräumt zu haben. Wer weiß, wie`s bei Zachäus zu Hause aussieht !

Der rückgratlose Durchhänger kommt auf den Boden der Tatsachen, stellt sich seiner mangelnden Größe, öffnet Haus und Herz. Warum ?

Weil er den Reichtum eines liebenden Blicks erfährt. Den unschätzbaren Wert einer persönlichen Anrede. Weil er seinen Namen rufen hört. Weil ihm schwant, wer Jesus ist : Sein Retter aus einem hohlen Überflußleben.

 

Vers 7

Da empörten sich die andern über Jesus : „Jeder weiß, wodurch der reich wurde.

Wie kann Jesus nur dieses Haus betreten !"

Empören wir uns nicht vorschnell über die Empörten : Das sind nicht Betonköpfe, sondern Realisten . „Müßte Jesus nicht erst die Verhältnisse hier in Jericho ändern ?! Also Zöllner entmachten, Gerechtigkeit schaffen, die Gauner bestrafen ?" Aber : Nur veränderte Menschen verändern wirtschaftliche Verhältnisse. Jesus will nicht von den Rändern her, sondern im Zentrum, im Herzen sein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens bauen.

 

Vers 8

„Herr, ich werde die Hälfte meines Vermögens den Armen geben und wem ich am Zoll zuviel abgenommen habe, dem gebe ich es vierfach zurück."

Das müßten Sie sich jetzt im Kopf mal für I h r Vermögen durchrechnen. Und „Zoll" mit „Zinsen", „Mieteinnahmen", „Privisionen" übersetzen. Vierfach zurück ?! Die Verhältnisse in Jericho verändern sich zugunsten der Betrogenen ! Jesus steht auf der Seite der Verlierer, handelt anwaltschaftlich für die Armen. Kein Zweifel. Aber wie ? Indem der Reiche sich bekehrt. Indem der Betrüger Buße tut. Umdenkt, Umkehrt. Anders handelt-

 

Vers 9

„Heute ist diesem Hause Heil widerfahren"

Wodurch ? Durch großzügiges Spenden ? Durch imageförderndes Sponsoring ?

Nein, durch eine lebensverändernde Begegnung mit Jesus.

Die den Zachäus reicher macht, als er es jemals sein kann :

Reich an Größe, Güte, Zustimmung, Integration, Liebe.

 

 

Andreas Malessa, 8.10.2000

 

 

 

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