HORIZONT - Gottesdienst in Filderstadt - Bernhausen vom 5.12.1999 :

 

Ich liebe Dich!

 

1. Die Liebe: Ein unerschöpfliches Thema, niemals auszuloten!

1.1. Man kann’s so versuchen, wie von Loriot in Szene gesetzt: und das zeigt dann, wieviel schief gehen kann; wie schwer das scheinbar Einfache ist!

1.2. Man kann seine Liebe besingen, wie in dem wunderschönen, eben gehörten Lied von Reinhard Mey.

1.3. Man kann Filme drehen zum ewig jung-alten Thema: allein aus den vergangen Monaten fallen mir mindestens drei solcher Liebes-Filme ein:

„Die Braut, die sich nicht traut", „Notting Hill", „Das Leben ist schön", und natürlich nicht zu vergessen: „Titanic".

1.4. Man kann die Liebe in Gedichten besingen, und dann klingt das zum Beispiel so:

Die Liebe hemmet nichts; sie kennt nicht Tür noch Riegel

und dringt durch alles sich;

sie ist ohn Anbeginn, schlug ewig ihre Flügel

und schlägt sie ewiglich.

Matthias Claudius

Es gibt sie also: Liebeslieder, Liebesfilme, Liebesgedichte - aber: gibt es auch „die Liebe"?!

Eine komische Frage, ich weiß:

Nur: sind’s nicht tatsächlich immer wieder nur Annäherungen, mehr oder weniger geglückte Versuche, mit diesem Ur-Phänomen umzugehen?

Und gar, wenn es dann heißt: „ich liebe dich" - wie tief, echt, aufrichtig, wunderschön kann das sein!

Wie hohl aber auch, verbraucht, ja: peinlich!

Insofern: ja, es gibt sie, die vielen „Versuche über die Liebe"! Aber ob es sie selbst gibt, die Liebe, was sie ist, das fällt uns gar nicht leicht zu sagen. Versuchen wir’s trotzdem!

 

2. Was ist sie also, die Liebe?

Hat Euripides recht, wenn er meint, die Liebe sei „von allen Krankheiten noch die gesündeste"?

Oder trifft Madame de Staëls skeptische Bewertung zu, die schrieb, Liebe sei „Eigenliebe zu zweit"?

Ganz weit greift Novalis aus, für den die Liebe der „Endzweck der Weltgeschichte und das

Amen des Universums" ist.

Hat nicht auch das russische Sprichwort recht, das die Beobachtung festhält: „Liebe ist ein

Glas, das zerbricht, wenn man es zu unsicher oder zu fest fasst."

Goethe: „Glück ohne Ruh, Liebe, bist du!"

Schiller: „Die Liebe ist der Liebe Preis."

Ebner-Eschenbach: „Liebe ist Qual, Lieblosigkeit ist Tod."

 

Und das Lieben?

Schleiermacher: „Lieben - das heißt Seele werden wollen in einem anderen."

Camus: „Einen Menschen lieben heißt einwilligen, mit ihm alt zu werden."

Dostojewskij: „Einen Menschen lieben heißt, ihn so zu sehen, wie ihn Gott gemeint hat."

Adorno: „Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren."

Oder, ganz ähnlich, mit den Worten Zenta Maurinas:

„Wer liebt, herrscht ohne Gewalttat und dient, ohne Sklave zu sein."

Wieviel mehr noch ließe sich sagen, aber das Besondere, Kostbare, Verletzliche, Geheimnisvolle ist erkennbar geworden.

Die Ahnung, dass hier die intensivste Form vorliegt, im Andereren sich selbst zu finden, in einer Beziehung des Ich zum Du zu leben!

3. Und was heißt dann „ich liebe dich"?

 

Übersetzen wir es möglichst praktisch und fragen wir, was die Liebe stärkt:

Für Ehepaare:

1) Zeit miteinander: Ehe-Abend, Ehe-Wochenende

2) Die Beziehung pflegen: Kommunikation üben, Gefühle „verwörtern", Konflikte als

Reifungschancen und -aufgaben verstehen lernen, die uns aufgetragen sind.

3) Projektionen verlassen, Echtheit und Wahrheit gewinnen: die Wahrheit des Anderen

mehr und mehr erkennen, denn jeder ist und hat seine eigene Welt!

4) Ein lebenslanger Prozess ist’s: sich selbst und den Anderen immer besser kennenlernen.

Liebe: ein absolutes Abenteuer.!.

 

Nur zu bestehen mit guter Ausrüstung und Vorbereitung.

Ausrüstung: Treue - Geduld - Vergebensbereitschaft - Selbstlosigkeit -

- Nein-Sagen-Können - Ich-Stärke.

- Glaube, Liebe Hoffnung.

Und was schadet der Liebe?

- Wenn der/die Andere in irgendeiner Form „verzweckt" wird:

Auch das Kind ist kein Kitt!

- Wenn wir ständig vergleichen und dem Anderen vermitteln, dass er/sie nicht genügt.

- Untreue: ein Artikel über „Seitensprung" in der Zeitschrift „Family".

- Objektive Faktoren: Berufsbedingungen: z.B. LKW-Fahrer, Schicht-Arbeit, Auslands-

zeiten.

Aber, vor allem an die Männer gewandt:

prüfen wir diesen Bereich gut, inwiefern wir nur „Opfer" und nicht auch Täter sind!

Und uns so den persönlichen Fragen und Auseinandersetzungen zu entziehen versuchen!

 

Hat in all dem auch der christliche Glaube eine Bedeutung? Kann er „etwas bringen", wenn es um

die Liebe, das Lieben geht?

Ich meine schon!

Schließlich wird Gott selbst in der Bibel als „die Liebe" bezeichnet. Schließlich erinnern wir uns in

diesen Adventstagen an die Geburt des Jesus von Nazareth.

Dieses Mannes, von dem die Christen sagen, er sei „die Liebe Gottes in Person" gewesen. Er habe

nicht nur von ihr gesprochen, sondern sie vorgelebt und praktiziert.

Am intensivsten, indem er sich geopfert hat für uns Menschen. Denn genau darin liegt ja die höchste

Liebe: dass eine/einer sich für den Anderen opfert!

Sich nicht selbst verwirklicht, sondern Zeit, Kraft, ja sogar im Extrem sein eigenes Leben für das

Wohl und Heil der anderen Menschen herschenkt, opfert!

 

So zu leben, das können wir nicht von uns aus.

Dazu bedarf es einer größeren Liebe, als wir sie von Natur aus in uns tragen. Und da wird es mit

dem Christsein spannend: denn Christen sind überzeugt:diese Liebe Gottes lässt sich hereinholen

ins eigene Leben.

 

Diese Liebe Gottes kann erbeten werden eben durch das uralte „Mittel" des Gebetes. Ob wir uns

darauf neu oder zum ersten Mal einlassen wollen? Als liebeshungrige und Liebe weiterschenken-

wollende Menschen?

 

Lassen Sie’s uns nachher mit einem ganz konkreten Gebet probieren! Schließlich hat Gott doch

immer ein Ohr für uns!

Amen

Filderstadt, 5.12.1999

Christian Kohler, Pfarrer in der Johannesgemeinde Bernhausen

 

 

 

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