HORIZONT - Gottesdienst in Filderstadt - Bernhausen vom 10.10.1999 :

 

Toller Urlaub-öder Alltag ?

 

"Was erlaubst Du Dir eigentlich?"

Vermutlich haben Sie, liebe Schwestern und Brüder, das auch schon zu jemand gesagt oder eine andere Person hat Sie mit dieser Frage überrascht. Wenn ich davon rede, dass ich mir etwas erlaube, hat das meistens einen negativen Unterton. Ich unterstelle einem anderen Menschen, dass er oder sie etwas tut, was nicht o.k. ist.

 

Unser deutsches Wort "Urlaub" kommt von "Erlaubnis".

Im Urlaub erlaube ich mir Dinge, die ich sonst nicht tue oder habe. Das kann meinen Tagesablauf betreffen, wenn ich lange ausschlafe und später ins Bett gehe, das kann meinen Umgang mit Geld betreffen, das ich lockerer und unbedachter ausgebe, das kann meine Ernährung betreffen, wenn ich mehr und vielleicht auch ungesünder esse. Eine Gefahr des Urlaubs ist, einfach das Gegenteil von dem machen zu können, was ich tagtäglich tue. Ich sehne mich nach Urlaub, um meinem Alltag zu entfliehen.

 

Selbst wenn ich das möchte und es als ein erstrebenswertes Ziel anschaue, meinem Alltag zu entfliehen, merke ich, dass das gar nicht so leicht ist. Ein kluger Mensch hat den wichtigsten Grund dafür einmal auf den Punkt gebracht, wenn er sagt: Merke Dir, in den Urlaub nimmst Du Dich selbst immer mit!

 

Im Urlaub kann ich zunächst einmal von meinen beruflichen Tätigkeiten Abstand gewinnen. Auch kann ich mich von allen Verpflichtungen, die mich an meine Wohnung oder mein Haus binden, weitgehend lösen. Und wenn ich nicht mit den Menschen, mit denen ich den Alltag verbringe, in den Urlaub gehe, kann ich auch noch viele persönliche Bindungen hinter mir lassen.

 

Die erste Frage ist nicht, wohin ich im Urlaub will und mit wem ich fort möchte, sondern was ich im Urlaub will, d.h. warum ich Urlaub machen will, was das inhaltliche Ziel meines Urlaubs ist.

Eine kurze Geschichte kann vielleicht weiterhelfen:

 

Von einem alten Mann wird erzählt, dass er gern mit seinem zahmen Rebhahn spielte. Eines Tages kam ein junger Jäger mit Pfeil und Bogen zu ihm. Dieser wunderte sich, dass der alte Mann, der im Ort eine angesehene Persönlichkeit war, spielte. Er dachte: Hat der nichts Besseres und Wichtigeres zu tun? Und so fragte er: "Warum vertust Du Deine Zeit mit Spielen?" Der alte Mann war verwundert.- Warum sollte er nicht spielen? So fragte er den Jäger: "Warum hast Du Deinen Bogen in der Hand nicht gespannt?" Der Jäger antwortete: "Das darf man nicht, der Bogen würde seine Spannkraft verlieren, wenn er immer gespannt wäre. Wenn ich dann den Pfeil abschiessen wollte, hätte er keine Kraft mehr. "

"Siehst Du junger Mann, so wie Du Deinen Bogen immer wieder entspannst, so musst Du Dich selbst auch immer wieder entspannen und erholen. Wenn ich mich nicht entspanne und nicht einfach spiele, dann habe ich keine Kraft mehr für das, was notwendig ist und für die grossen Anspannungen jeden Tages. "

 

Im Urlaub geht es für mich um das Entspannen und Ausspannen. Wer von Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, schon mal Entspannungsübungen gemacht hat, weiss, dass eine wichtige Voraussetzung die richtige Atmung ist. Urlaub ist wie Einatmen und Auftanken und das kann ich nur, wenn ich zuerst ausatme.

Urlaub heisst auch, möglichst wenig sperrige Güter mitzunehmen, wenig Ballast. Damit meine ich vor allem Spannungen, Konflikte, Ängste, Unversöhntes.

 

Wesentlich ist für mich im Urlaub die Erholung. Ich will mich selbst er- holen, zurück-holen, ja wieder ganz zu mir selber finden. Dazu gehört für mich auch, mich zu bejahen und anzunehmen, wie ich bin, einschliesslich mit meinem Gesicht und vielen anderem mehr.

Wenn ich in der Bibel nachschlage, was sie mir zum Thema Urlaub sagen könnte, stosse ich zunächst auf eine ganz banal klingende Stelle. Aus Markus 6 lese ich Ihnen einfach mal die Verse 30-32 vor:

 

Die Apostel, die Jesas ausgesandt hatte, versammelten sich wieder bei ihm und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. Da sagte er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus. Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen. Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein.

 

Da geht es bei Jesus und seinen Aposteln scheinbar zu wie bei mir im Pfarrhaus, bei meinen Eltern auf dem Bauernhof, im Büro eines Managers, bei den Schwestern der Sozialstation, bei der Mutter mit ihren vier Kindern ...

Eine ganze Reihe von Beispielen fallen Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, bestimmt auch noch ein.

 

Bei all diesen Überlegungen ist Ihnen wahrscheinlich auch schon aufgefallen, dass es nicht um den Ort des Urlaubs geht, sondern darum, an dem Ort, wo ich gerade lebe, etwas dafür zu tun, dass das Leben geniessbar wird und bleibt.

 

Toller Urlaub - öder Alltag??

 

Ein zweifaches Fragezeichen ist angebracht. Das erste Fragezeichen mache ich an diesen Gegensatz "toller Urlaub - öder Alltag", weil ich immer wieder erschrecke, wenn ich mitbekomme, wie öde für manche Menschen nicht der Alltag, sondern der Urlaub ist. Beobachten Sie mal Menschen, die am Flughafen ankommen: Da sehe ich immer wieder welche, die keineswegs einen erholten Eindruck machen, im Gegenteil genervt und gestresst ankommen und sich um Gepäckwagen und Aufzüge streiten.

 

Das zweite Fragezeichen mache ich deshalb, weil ich überall dort, wo ich scharzweiss male und Dinge gegeneinander ausspiele, nicht weiterkomme und den Menschen und ihren Anliegen nicht gerecht werde. Es geht nicht um ein "Entweder - Oder", sondern um eine Integration.

In beiden Situationen, im Urlaub und im Alltag, muss ich schauen, wie ich mit meinen Kräften und mit meinen Grenzen umgehe, in beiden muss ich darauf achten, dass mein Leben diesen Namen verdient.

Wer nicht geniesst, wird selber ungeniessbar. Das gilt für den Alltag wie für den Urlaub.

Alltag und Urlaub sind keine getrennten Bereiche meines Lebens, sondern sind Ausdrucksweisen meiner Lebenseinstellung und Lebensgestaltung.

 

Die Einladung Jesu im Markusevangelium hiess vorher: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus.

 

Was erlaubst Du Dir eigentlich?

Diese Frage will ich nicht moralisch verwenden, sondern ich möchte Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, anhand der Einladung Jesu vier kurze Wünsche mitgeben, was Sie sich sowohl im Urlaub wie auch im Alltag erlauben könnten.

 

Jesus sagt: Kommt mit!

Damit lädt er Sie ein, mit ihm zusammen zu sein und nicht nur um sich selbst zu kreisen. Das hat nichts mit Leistung zu tun oder mit religiöser Pflichtübung, sondern damit, für ihn und seine Nähe offen zu sein.

In seiner Nähe können Sie sich klar werden, wo und wie Sie sich von anderen bestimmen lassen. Sie könnten mit sich selbst in Berührung kommen, Ihre Bedürfnisse wahrnehmen und Ihre Sehnsucht nach Gott erspüren.

 

Sein zweites Stichwort heisst: An einen einsamen Ort.

Ein einsamer Ort kann Ihnen helfen, Abstand und Distanz von anderen zu bekommen. Ein einsamer Ort ist eine Herausforderung und gleichzeitig eine Einladung, meine Enttäuschungen, Verletzungen und auch Schuldgefühle hochkommen zu lassen und zuzulassen.

 

Das kleine Wort allein hat bei Jesus auch einen besonderen Wert.

In der Bibel heisst es wörtlich übersetzt: mir selber gehörig, befreit von Ansprüchen anderer. Alleinsein führt zum Eigentlichen, ich wohne bei mir selbst, bin bei mir zuhause. Wenn ich bei mir bin, kann mein Haus offen sein für andere, können andere bei mir ein- und ausgehen und ein Zuhause finden.

 

Den vierten Wunsch verbinde ich mit dem Wort: ausruhen.

Ich habe oft Angst vor der Ruhe, weil die äussere Ruhe oft die Ruhelosigkeit meines Herzens zum Vorschein bringt. Ruhe hat mit Rast zu tun. Gönnen Sie sich immer wieder Orte, wo Sie bei sich und bei Gott zuhause sein können.

 

Filderstadt, 10.10.1999

 

Stefan Spitznagel, Pfarrer in der Katholischen St. Stephanusgemeinde

 

 

 

back