HORIZONT - Gottesdienst in Filderstadt - Bernhausen vom 25. 7.1999 :

 

Gut gedopt ist halb gewonnen.

 

Vom Einzelfall zur Tour ohne Titelträger

 

1997 war es erwiesenermaßen nur ein einzelner Fahrer bei der "Tour de France", der zu Dopingmitteln griff, um die Tortur über die Pyrenäen und die Alpen durchzustehen. Nur einer flog auf, nur einer flog raus. Der einzige "Dopingsünder", für den es keine Ankunft gab auf den "Champs-Elysées", den "Himmlischen Feldern" von Paris.

1998 war dann schon ein Jahr der Überführung ganzer Teams. Indizien zuhauf wurden gesammelt, belastendes Beweismaterial wurde zusammengetragen, Teams beendeten nach positiven Tests die Tage der Tour vorzeitig. Dem Mythos des Radrennens par excellence drohte das Ende.

Wie haben wir über die miesen Machenschaften jener Mannschaften gemosert. Zum Glück gab es dagegen noch makellose Maestros wie Marco Pantani und unbestechliche Überflieger wie Jan Ullrich! Keine Frage, wenigstens die Helden der vergangenen Jahre würden auch 1999 die vielen Tests ohne Fehl und Tadel bestehen! Aber dann kam der "Giro d'Italia", und Pantani musste die Koffer packen. Dann kamen Vermutungen übers "Team Telekom" ans Tageslicht, die die Stimmung trübten und die Euphorie enttäuschten. Es ist zum Jammern - auch "uns Jan" wird nicht über die Pässe nach Paris radeln. Die "Tour" findet heuer ohne die Titelträger der letzten Jahre statt.

 

Ohne EPO keine Zieleinfahrt?

 

Trotz aller Tristesse: Es ist gut, dass endlich deutlich wird: Gut gedopt ist höchstens halb gewonnen. Denn gerade die, die EPO und andere unerlaubte "Energizer" einnehmen, erreichen nicht das Ziel. Falschspieler fliegen langfristig auf. Falschfahrer fliegen raus.

Und das zurecht. Weil es sich auch in Frankreich um fairen Wettbewerb handeln soll und nicht um eine Farce. Und weil die, die Erythropoietin und andere verbotene Fremdsubstanzen mit sich und zu sich führen, ja nicht nur den Sport, sondern auch sich selbst kaputtmachen. Throm-bosen und Herzinfarkt holen sie sich statt Titel und Höhenflug. Gut gedopt ist, aufs Ganze gesehen, ganz verloren. Langsam setzt sich wieder die neue alte Erkenntnis durch: Nur ohne EPO gelingt die Einfahrt am "Arc de Triomphe".

 

EPO live - Doping auf der Tour des Lebens

 

Was im Blick auf die "Tour de France" und alle anderen Titelrennen je länger, desto deutlicher wird, kann zweifelsfrei erst recht hinsichtlich der Tour des Lebens festgestellt werden: Gut gedopt ist nur halb gewonnen. Wer im Lebensrennen dubiose Mittel zum Durchstehen des Daseins verwendet, fährt sich, langfristig gesehen, aus dem Rennen, kommt nicht wirklich weit, muss vom Rad steigen, bleibt auf der Strecke und hat am Ende ganz verloren. Auch und erst recht im Leben erweist sich als wahr: Wer, im übertragenen Sinn verstanden, EPO einnimmt, bricht ein.

 

Was könnte EPO, aufs Lebensrennen bezogen, bedeuten? Welchen Gehalt, welche Gestalt hat EPO live? Vielleicht können wir es ganz vage folgendermaßen definieren:

 

- E wie "Ego" -

"Mein EPO ist mein Ego. Egoismus ohne Ende! Immer nur ich! Ich bin gut, ich bin recht, ich schaff's allein! Ich brauche niemand außer mir selbst!"

Mit Egoismus fährt man scheinbar ganz gut, aber am Ende bleibt nur das elende Gefühl von Einsamkeit und Verlassenheit.

- P wie "Power" -

"Mein EPO heißt 'Power'. Ich brauche Power und hole sie mir durch Pille, Pulle und viele andere Potentiale, die mich pushen!"

Ja, spontan und prompt pushen diese Potentiale, aber, auf Dauer und definitiv gesehen, powern sie aus und wirken also kontraproduktiv, bewirken am Ende das Gegenteil vom eigentlich gewünschten Effekt.

 

- O wie "Ohne Gott" -

"Mein EPO ist dieses Credo: Es geht ganz gut ohne Gott. Ja, nur ohne Gott geht's wirklich

flott!"

Ja, auf einen flotten ersten Blick scheint es sich ohne Gott tatsächlich viel toller 'volle Kanne'" zu leben. Aber, in der Totale betrachtet, fehlt ehrlicherweise die wirkliche Fülle, und die Erfahrung ist nicht fremd, dass sich das vermeintlich volle Leben oft als wahre Leere entlarvt.

 

Nur "clean" klappt's!

 

Es gibt dazu eine Alternative. Es gibt demgegenüber einen Ausweg. Aussicht auf wirklich kraftvolle Fahrt, auf konditionsstarken Kampf und auf erfolgreiche Ankunft besteht für die, die die Courage haben, "clean" zu werden und "clean" zu bleiben. Die ohne dubioses Daseins- Doping zurechtkommen und so erst wirklich klar fahren.

 

"Clean" zu fahren, ist freilich nicht nur eine negative Bestimmung. Als ob es einfach Verzicht auf Power bedeutete! Nein, wir müssen positiv bestimmen und betonen, dass die eigentliche Power gerade darin zugänglich wird, dass man "clean" wird und bleibt, um aus einer anderen, der richtigen Kraftquelle zu schöpfen. Aus einem Power-Potential, das legitim ist und förderlich - und das in eben dieser Bedeutung nicht beliebig, sondern erforderlich ist für eine erfolgreiche Fahrt.

 

Vitamine, Kohlenhydrate - und Motivation

 

So sauber ein Radrennfahrer auch ist, für die "Tour der Leiden" braucht er natürlich einen Rückgriff auf Kraftquellen. Ohne die ständige Zufuhr von Vitaminen und Kohlenhydraten - und ohne den motivierenden Ausblick auf die Einfahrt in der Metropole Paris - schafft er die Schin-derei nicht.

 

Wie schafft ein Mensch die Schinderei des Lebens? Wie kann er die Torturen und die Leiden, die es ja auch zu passieren gilt, durchstehen?

 

a)

Indem er auf Vitamine zurückgreift - insbesondere auf "Vitamin B", also auf Beziehung. Indem er insbesondere auf die Beziehung zu Gott zurückgreift. Indem er sich an Gott erinnert und daran, dass Gott zu ihm sagt: "Ich habe dich geschaffen. Ich habe dich zum Leben berufen. Ich kenne dich mit Namen. Ich habe ein Interesse daran, dass du gut durchs Leben kommst." Solche Beziehung beflügelt. Solche Vitamine feuert an.

 

b)

Indem er sich mit Kohlenhydraten versorgen lässt. Gottes Kohlenhydrat Nummer Eins heißt "Heiliger Geist". Damit will er Menschen versorgen und ihnen Kraft zuführen. Dieser Geist gibt Glauben. Und dieser Geist schafft Gemeinschaft, schenkt dem Lebensfahrer den Blick für seine Teamkollegen, entwickelt unter ihnen Teamspirit, dass sie einander Windschatten bieten,

einander motivieren. Solcher Geist hält auf der Gewinnerstraße.

 

c)

Indem er das Ziel vor Augen behält, auf das alles zuläuft. Er wird begeistert in die Pedale treten, er wird beherzt sogar die steilen Steigungen der Bergpässe packen - schlicht beseelt davon, auf den "Champs-Elysées" als Sieger anzukommen, also auf den "Himmlischen Feldern", in denen Jesus Christus auf uns wartet. Dieses Ziel zieht. Dieser Himmel fordert heraus.

 

Gut geglaubt ist ganz gewonnen

 

Gut gedopt ist nur halb gewonnen. So wäre die Tour am Ende eine Tour der Tragödie.

Gut geglaubt ist ganz gewonnen. Auf diese Weise würde unsere Lebenstour schließlich eine Triumphtour. Diesen zweiten Weg wünsche ich uns herzlich - in Gottes Namen.

 

 

Ulrich Scheffbuch, Pfarrer an der Ev. Jakobuskirche Filderstadt-Bernhausen

Juli 1999

 

 

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