HORIZONT - Gottesdienst in Filderstadt - Bernhausen vom 2. 5.1999 :
Den Kindern gehört die Zukunft. Den Müttern auch?
Der erste Teil des Themas ist eine Feststellung, der zweite eine Frage. Ich habe mich entschieden, heute nur über die Frage "gehört uns Müttern auch die Zukunft?" mit Ihnen nachzudenken. Wir Mütter werden im Mittelpunkt stehen, das geschieht meiner Meinung nach viel zu selten. Wir sind heute das Thema, nicht die Kinder, nicht die Partner!
Am liebsten würde ich jetzt einzelne befragen:" Wie fühlen sie sich so als Mutter, jetzt gerade?" Ich stelle mir verschiedene Antwortmöglichkeiten vor:
-meine kleinen Kinder bringen mich an den Rand meiner Kräfte;
-ich habe kaum Zeit für mich, abends bin ich todmüde;
-ich sorge mich um die Zukunft meiner Kinder.
Wie würde ich antworten?
"Ich fühle mich sehr gefordert. Die 17 jährige geht gerade für ein Jahr in USA zur Schule, sie soll ich loslassen. Der 14 jährige ist in der Pubertät, es muß viel über Grenzen und Regeln diskutiert werden, ich soll geduldig sein mit ihm, großherzig und gleichzeitig konsequent. Die 12 jährige will Nähe und Freiheit und als drittes Kind nicht übersehen werden. Und die 9jährige braucht einfach oft meine Zeit und Zuwendung, z.B. beim Flöteüben oder Hausis nachschauen.Zu guter letzt haben wir noch ein 12 jähriges Tageskind, das mitbedacht sein will."
Vom zeitlichen und inneren Engagement her, empfinde ich unser Muttersein wie einen Beruf. Wir sind mit Leib, Seele und Geist gefordert, und es bleibt wenig Raum für uns selbst. Dabei erleben wir, daß dieser Beruf in der Gesellschaft kaum Ansehen hat. Wir werden eher gefragt: Bist du nur daheim? Wann gehst du denn wieder arbeiten?
Ich bin froh, daß ich nicht gezwungen bin, arbeiten zu gehen, sondern bei den Kindern sein kann. Ich glaube, daß sich eine Frau enorm belastet, wenn sie zwei Berufen nachgeht.
Als ich über unser Mutterdasein nachdachte, hatte ich ein Bild vor Augen, wie wir uns vielleicht oft fühlen.Ich möchte Ihnen das Bild vorstellen:

Da ist das Kind, das ganz in der Gegenwart lebt. Vergangenheit hat es noch nicht viel, und um die Zukunft sorgt es sich nicht.
Und die Mutter? Sie schreitet eilig von der Vergangenheit in die Zukunft. Wo ist ihre Gegenwart? Der Rucksack der Vergangenheit ist schwer.Und die Vergangenheit hat eine Stimme, wie bei mir zum Beispiel: " Halt, langsam, du bist doch belastet mit Verletzungen und Enttäuschungen. Du bist als drittes Mädchen von insgesamt fünf Kindern doch viel zu kurz gekommen."
Und die Zukunft ruft verlockend: " Komm schnell, bring die Gegenwart hinter dich. Bei mir liegt das Glück, ich bringe dir Anerkennung und Freiheit."
Ich weiß, daß ich viele Jahre so gelebt habe, und das macht mich im Nachhinein sehr traurig.
Bild weg
Mein erster Punkt: Wie sieht unsere Gegenwart aus?
Die Mutter in dem Bild lebt kaum im Jetzt.
Ich war auch so eine, die sich immer schon nach dem Nächsten sehnte: Ach, wenn das Baby doch endlich geboren ist! Wenn die Kleine erst mal durchschläft! Hoffentlich klappt es mit dem Kindergartenplatz! Wie schön muß es sein, wenn alle erst mal Schulkinder sind! Dabei ist mir sicher viel Freude des Augenblicks verlorengegangen. Ich möchte deshalb den Müttern mit kleinen Kindern Mut machen: " Versucht Euer Herz und Eure Gedanken immer wieder bei dem zu lassen, was jetzt gerade ist. Nehmt das Schöne und Mühsame in Euch auf und seht beides als Zeichen der Lebendigkeit!"
Für mich ist es immer wieder ein Kampf, die Gegenwart so zu nehmen und zu leben, wie sie sich mir stellt und nicht immer wieder innerlich oder äußerlich abzuhauen.
Denn auch mit älteren Kindern, wie meine es sind, will ich mir sagen: Genieße die Intensität der hitzigen Diskussionen, der Reibereien und manchmal schon fast erwachsenen Gesprächen. Bald werden die Kinder fortgehen , und du wirst die Nähe, die ja auch im Krach da war, sehnlich vermissen.
Ich habe als Schülerin zum ersten mal davon gehört, daß es eine lebendige Beziehung zu Jesus Christus gibt, habe Menschen getroffen, die mir das vorlebten. Ich ließ mich damals auf diesen Weg ein. Durch Höhen und Tiefen formte sich bei mir ein Glaube, der
mir zur Lebenshilfe wurde. Ich erlebe Jesus als Freund an meiner Seite, mit dem ich Traurigkeit, Wut, Hilflosigkeit, Angst und Freude teile.
Ohne diese Lebensquelle, ohne das Auftanken bei Gott, wäre mir die Erziehungsaufgabe zu schwer.
Warum so viel über die Gegenwart reden, wenn es doch um die Frage geht, ob wir Mütter Zukunft haben?
Könnte es nicht sein, daß in der Gegenwart die Früchte reifen, die wir in der Zukunft ernten werden? Nicht nur unsere Kinder, die "Früchtchen" reifen, sondern auch unser Inneres reift, wächst in Höhen und Tiefen, denen wir uns stellen, die wir aushalten. Mein Herz ist auf jeden Fall größer geworden. Früher war ich schnell im Urteilen darüber, wie blöd andere manches anpacken. Jetzt bin ich barmherziger und geduldiger- auch mit mir selbst.
Vielleicht gehört den Kindern die Zukunft, weil sie ganz im Jetzt leben. Welches Vorrecht für uns Mütter, uns manches bei ihnen abschauen zu können: wie sie spontan sind, ehrlich, offen, nicht nachtragend, versunken, neugierig.
Mein zweiter Punkt: Und wenn die Vergangenheit mich festhaten will?
Je älter ich werde, bei 42 bin ich schon angekommen, desto mehr sehe ich, was alles war, was mich prägte, was schief lief.
Viele Jahre schaute ich voller Wut, Aggression und oft auch Haß nach hinten und dachte nur: Wie anders wäre ich heute, wenn nicht damals....
Ich spürte, wieviel Lebenskraft mir dadurch verlorenging, aber ich konnte mich nicht mit dem Vergangenen versöhnen.
In vielen seelsorgerlichen Gesprächen und Gebeten machte ich mich dann doch auf den Weg und sehe es heute so: Was war, gehört zu mir , hat mich geformt und zu der gemacht, die ich heute bin. Gott war auf diesem Weg mit dabei. Er hat mir diesen Weg zugemutet und auch zugetraut. Aus vielem, was schwer war, ist Gutes geworden.
Mein dritter Punkt: Haben wir Mütter denn nun Zukunft?
Zukunft ist für uns ja die Zeit, in der unsere Kinder aus dem Haus sind, und wir wieder ganz nach uns fragen können.
Die Kindererziehung ist eine harte Lebensschule für uns, in der wir oft an unsere Grenzen kommen und in all dem geschieht in uns Wachstum und Reifung. Ich spüre z.B. über die Jahre immer besser, was ich will und was nicht. Ich kann -ja- sagen und kann -nein-sagen. Ich will es nicht mehr allen recht machen. Ich gewinne Menschenkenntnis, sehe jetzt mehr das Wesentliche. Durch die Kinder habe ich Flexibilität und Durchhaltevermögen gelernt. Das sind alles Werte, die uns zu einer Persönlichkeit machen, zu starken Frauen.
Und ich glaube, daß solche Frauen Zukunft haben.
In vielen Berufen werden diese Werte nicht gefragt sein. Deshalb finde ich die Frage entscheidend, ob überhaupt und mit welchem Beruf ich meine Zukunft gestalten möchte.Wer sich in das enge Korsett von Industrie und Wirtschaft pressen lassen wird, für den wird die Zeit der Kindererziehung im Nachhinein eine Ausfallszeit sein, eine Zeit in der keine Qualifikation geschah.
Ich finde es toll, daß es auch viele Frauen gibt, die nach der Kinderphase nicht mehr in einen Beruf gegangen sind, sondern von ihrer Zeit anderen abgeben und sich ehrenamtlich engagieren.
Ich will es mir offen halten, wie ich die Zukunft gestalten werde.
Um vorbereitet zu sein für eine mögliche Berufstätigkeit, habe ich die Ausbildung zur Heilpraktikerin gemacht und im letzten Jahr abgeschlossen.
Jetzt genieße ich es erst einmal, wieder ungeteilt daheim sein zu können.
Zum Abschluß möchte ich nocheinmal ein anderes Bild stellen:

Jetzt ist noch das Kreuz , das mir in meinem Leben so wichtig geworden ist. mit ins Bild gekommen. Das Kreuz ist bodenständig, es gibt mir Halt in der Gegenwart, ich kann mich daran anlehnen. Es erinnert mich daran, daß ich nicht alleine unterwegs bin. Meine Hände sind frei, umklammern keinen Rucksack mehr und strecken sich nicht sehnsüchtig der Zukunft entgegen.
Ich schaue zur Vergangenheit und sage: Du gehörst zu mir, mit allem Beglückenden und allem Schweren. Gott hilft mir, das anzuschauen und auszuhalten.
Ich schaue zur Zukunft und sage: Wer du wohl bist, was du wohl bringen wirst? Ich bin neugierig und ängstlich bei diesem Blick. Dann fallen mir Worte aus der Bibel ein: Sorget nicht um euer Leben... Sorget nicht für den anderen Morgen....Alle eure Sorgen werfet auf Ihn, denn er sorget für euch!
Ich sehe mein Kind und mich in der Gegenwart.
Das Kreuz verbindet mit seinen Armen und dem Stamm die Gegenwart mit der Vergangenheit und der Zukunft. Das drückt für mich Gottes Nahesein in jeder Lebenssituation aus.
Ich glaube, wir Mütter haben eine spannende Zukunft vor uns, wenn wir uns erstens auf unsere innere Stimme verlassen, und uns zweitens auf eine Freundschaft mit Jesus einlassen.
Wir hören jetzt ,quasi als Zusammenfassung, das Lied:
Meine Zeit steht in deinen Händen
nun kann ich ruhig sein, ruhig sein in dir.
Cornelia Kohler, Filderstadt-Bernhausen
Mai 1999