HORIZONT - Gottesdienst in Filderstadt - Bernhausen vom 7. 3.1999 :

Maske runter. Wer bist Du, wenn keine(r) zuschaut?

Referent zum Thema: Pfarrer Gerrit-Willem Oberman, Bernhausen

Ich bin maskiert als Referent. Eigentlich bin ich Pfarrer. Dieses Pult hier ist auch eine Maske. Wenn ich das Pult hier beim Namen nenne zum Herrn Hausmann, und Kanzel dazu sage, schaudert's ihn. Denn die Wahrheit zu hören, ist nichts schönes. Und diese Predigt soll, der Schonung der Menschen halber, Referat genannt werden.

Und dieser Gottesdienst geht klammheimlich einher, damit Ihr es nicht merkt, das braucht Ihr doch, als Zusammenkunft in etwas anderer Form. Als Pfarrer der „etwas anderen" Kirche kann ich da nur lachen. Interessant, wie wir auch als Christen in und beim Gottesdienst unbedingt unsere Masken brauchen.

Denn was ist es sonst, wenn zwei oder drei im Namen des lebendigen Gottes zusammenkommen unter’m Kreuz, was geschieht hier denn anderes als die Kirche ? Hier geschieht Kirche , Ihr seid Kirche.

Aber ich hatte ja versprochen, diese „Masken" nicht runterzuholen!

Mir war ziemlich deutlich vorgegeben, von welchen Masken ich zu reden hätte und zwischen den Zeilen war ganz klar gesagt, welche Masken ich gefälligst, um des missionarischen Impulses willen, in Ruhe zu lassen hatte.

Die Wahrheit geht aber gegen diesen Strom: Ich habe zwar schon halb erwartet, daß so unterschwellig vorbereitet wird, Ich so programmiert werde: „So richtig Masken runter, dann wird alles schöner !"

Alles Lüge ! Seien wir Gott dankbar, daß wir Masken haben. Oder möchtet Ihr mich wirklich unmaskiert sehen ? Was bleibt von mir übrig, wenn ich spüren würde, was Ihr wirklich von mir denkt? Wo kämen wir hin als Menschen, wenn wir nicht die Gottesgabe der Masken hätten? Was bliebe von meiner Ehe übrig, wenn meine Frau beständig wüßte, was ich von Ihr denke? Was bliebe von Eurer Ehe oder Partnerschaft übrig, was wäre, wenn Eure Kinder wirklich wüßten, wer Ihr seid und was Ihr denkt?

Ich habe einst lesen gelernt mit Science Fiction und ich lese sie heute noch gerne, ich denke es ist die geistlichste Literatur. Man kann nicht diese Dinge lesen und schreiben, ohne im Glauben und theologisch nachzudenken. Seit über 100 Jahren wird dort nachgedacht, was wäre, wenn wir wirklich gegenseitig unsere Gedanken lesen könnten, wenn wir keine Masken hätten. Dagegen ist der totale Krieg gar nichts!

Konsequent zu Ende gedacht ist dies nicht nur das Ende der menschlichen Kultur, sondern der Menschen überhaupt. Und diese nette, schöne Pantomime vorhin hier war eine ziemlich unfromme Lüge. Wenn wirklich abgeschminkt wird, dann bleibt von Beziehungen nicht mehr viel übrig.

Es ist ganz interessant, in der Bibel ist nicht die Rede von Masken. Es ist die Rede davon, daß Gott sich verhüllt. Im Neuen Testament ist nur einmal die Rede von verhüllt:

Lazarus, der aus dem Grab kommt als dreitägige Leiche - ist verhüllt.

Jesus redet von Menschen, die getünchte Gräber sind, außen schön und innen Unrat. Und er empfiehlt nicht unbedingt, daß man diese Gräber aufmacht. Gott sei Dank haben wir Masken. Ein Lob - ein Gotteslob der Maske! Wir brauchen sie, solange wir noch die sind, die wir sind.

Und es ist eine bürgerliche Lüge, daß man unter Euren Masken was wunderschönes fände!

Eine der wahrsten Erfahrungen, die ich mit mir selber habe, ist im Moment, den ich aus strafrechtlichen Gründen nicht die genauen Umstände beschreiben möchte, wo ich in den Spiegel gekuckt habe und in die Augen der Hölle gesehen habe - in meinen Augenhöhlen standen Flammen.

Die Pforten der Hölle sind nie weiter weg, als der Blick in den nächsten Spiegel.

Denn: das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.

Ich bin für Jesus Christus frei geworden, als ich den Aberglauben an das Gute in mir selbst verloren habe und den Tatsachen in die Augen geschaut habe. Ich bin nicht gut, ich will überleben, koste es meinen Nächsten, was es wolle. Und ich trage sehr viele Masken, damit Ihr das nicht mitkriegt - ziemlich mit Erfolg, wie Ihr seht. Sonst wärt Ihr nicht hier.

(So - jetzt fragt Ihr Euch, wie kommt er theologisch aus dem Loch wieder raus. J )

Die wirkliche Anschauung Gottes ist an dem Punkt beängstigend und deshalb ist er fürchterlich, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen, weil der Herr, unser Gott, der uns geschaffen hat und die Worte unseres Mundes kennt, bevor sie gesprochen sind, der ist es, der unsere Herzen prüft.

Und es ist uns ein Graus, daß Gott weiß, wie es wirklich in mir aussieht, und zwar auch in den Ecken, wo ich es vor mir selber nicht weiß - und auch nicht wissen will ! So viel Ehrlichkeit muß sein. Wenn ich nicht auch vor mir selbst Masken hätte, wenn ich wirklich wüßte, wer ich bin und was sich ich in mir tut, ich würde wahnsinnig werden.

Ich bin lange genug in der Psychiatrie gewesen, um zu wissen, daß diejenigen, die dort sind, nicht weniger sehen, sondern viel zu viel. Ihnen fehlt das Brett vor dem Kopf, die schützende Maske. Und Therapie besteht darin, daß sie sorgsam und liebevoll wieder hingeschraubt wird, damit diese Menschen wieder alltagsfähig sind.

Wir brauchen unsere Masken, sonst würden wir wahnsinnig. Und dann begegnen wir dem Gott, der die Herzen prüft und da hindurchschaut! Kein Wunder, daß wir diesen Gott scheuen, auf der Flucht sind und Angst haben.

Ein Gott, der sich selbst verhüllt im Rauch und Blitz des Sinai und uns deutlich sagt:

"Es kann kein Mensch mich sehen und leben. Du brauchst meine Maske!"

Und wenn dann die Masken fallen dann können wir es erst recht nicht glauben:

Ein Gott, der wenn die Masken fallen, sich zeigt als einer, der einfach ans Kreuz genagelt ist, wie unsereiner verreckt und zugrunde gegangen. Wollen wir nicht, mögen wir nicht, können wir nicht, werden wir nichts mit zutun haben!!!

Das soll ein Gott sein? Und der sagt "Sehr wohl, Ich bin Dein Gott, der Dich geschaffen, der Dich bei Deinem Namen gerufen hat, der Dich am Ende der Zeit sehen wird ohne alle Masken, Dich wiegen und prüfen wird. Und Ich schaue Dir in die Augen- nicht Kleines, sondern Möchtegerngroßer-" und Ich sage: „mit Dir, wie Du bist, unter allen Deinen Masken, mit dem Unrat, der Du als Mensch bist, bin Ich der Herr, Dein Gott, Schöpfer von Himmel und Erde, Kind in der Krippe, Mann von Golgatha, Richter des jüngsten Tages, Ich bin bereit, mit Dir weiterzugehen"

Das ist das Evangelium. Daß der einzige, der ohne Masken auskommt, der Herr ist, der zu mir "Du" sagt, "Hey Du da, mit Dir Sünder, Unrat, kann ich was anfangen. Das, was Du nicht anschauen kannst, ohne wahnsinnig zu werden, Dich selbst, macht mich der Herr, Deinen Schöpfer nicht verrückt. Ich kann dort hineinreichen und berühren und betasten, wo Du Dich mit 1000 Masken schützen mußt."

Es ist ja nicht so, daß wir aus Böswilligkeit oder Eitelkeit oder Blödheit Masken tragen. Wir können gar nicht als Menschen leben, weder mit den anderen noch mit uns selbst, der Herr in seiner unendlichen Gnade hat uns Masken gewährt. Masken, die uns schützen vor Wahrheit über uns selbst, die wir nicht aushalten. Aber der Herr, der selbst die Wahrheit ist, reicht da hindurch, überwindet Deine Verzweiflung an Dir selbst und sagt:

"Mit Dir kann ich wohl. Folge Du mir nach!"

Der Herr schaut hindurch, betastet Dich hindurch und Ihn werden wir am Ende der Zeit ohne Maske schauen- aber das geht erst in der neuen Schöpfung, wenn wir neu gemacht sind, wenn wir gerichtet sind. Und bitte schön, darin ist der Herr, unser Gott, ein Schwabe, wenn ein Schwabe ein Fenster richtet, macht er es nicht vollends kaputt, sondern er will nacher wieder durchschauen.

Gott sei Dank werden wir gerichtet werden - und ich freu mich drauf. Dann werden wir uns von Angesicht zu Angesicht schauen können, erkennen, wie wir jetzt schon erkannt sind.

Etwas, das uns fürchterlich Angst macht: aus guten Gründen will ich meinem Herrn nicht unter die Augen treten. Aber Gott hält das - mich - aus. Das ist das Evangelium, daß der Herr, unser Gott, an uns nicht wahnsinnig wird, obwohl Er wirklich durch unsere Masken hindurchschaut.

Wir werden es bis zum jüngsten Tag brauchen, daß der Clown seine Maske aufbehält, sonst muß das Mädchen schreiend und kreischend in den Wald laufen und das wollen wir ihr ersparen.

Und sie braucht ihre Maske als weinendes, schwaches Mädchen. Das sei ihr auch gewährt und das ist ein Stück Gnade in dieser Zeit, die vergeht. Aber leben wir getrost damit, daß dies nicht das letzte Wort ist und so wird es nicht bleiben. Leben wir jetzt getrost mit den Masken. Seien wir ehrlich darüber, freundlich und liebevoll im Umgang aber auch getrost darin, daß die Wahrheit über uns selbst, die wir verstecken müssen, Gott kennt, weist und diese schreckliche Wahrheit Jesus Christus auch aushält.

Halleluja. Amen!

Pfarrer Gerrit-Willem Oberman

Petrus-Kirche Bernhausen

7. März 1999

 

 

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