Gedanken aus Predigt im "Horizont"-Gottesdienst am 18.10.1998 in Filderstadt - Bernhausen von Pfarrer Christian Kohler

"Männer sind Schweine"

Jeder kennt ihn, jede zumindest! Ein Mega - Hit, ein Ohrwurm ohnegleichen!

Und, `mal ehrlich gefragt, liebe Besucher dieses Gottesdienstes: haben sie nicht recht, die "Ärzte"?!

Darin, wie sie in ihrem Song uns Männer beschreiben?

Klar: wir können jetzt alles weit von uns weisen, entrüstet und der Überzeugung, mit real existierenden Männern habe dieses Lied nichts, aber auch gar nichts zu tun. Dann wären wir schnell und einfach aus dem Schneider, und die Männer - Welt wäre wieder in Ordnung. Aber so einfach will ich es mir nicht machen, und sollten wir es uns nicht machen!

Natürlich: in diesem Lied ist alles vergröbert, verallgemeinert, verzerrt. Aber braucht es nicht manchmal das verzerrte Bild, um überhaupt wieder hinzuschauen? Um den Schleier der Gewohnheit zu zerreißen?

Also, schauen wir doch einmal genauer hin! Hören wir auf dieses Lied!

Drei Strophen sind`s, unterbrochen vom dreimaligen Refrain und der warnenden Stimme eines wohlmeinenden Menschen.

Da ist einer, ein Mann, so lieb und nett. Aber eigentlich geht es ihm nur darum, das Mädchen, die Frau möglichst rasch ins Bett zu bekommen.

Da kriegen es in der zweiten Strophe die Männer knallhart gesagt: rücksichtslos, ungehemmt, gefühllos gehen sie mit Frauen um.

Da wird in der dritten Strophe der Mann in der Ehe als das allerschlimmste beschrieben: zum fetten, furzenden, rülpsenden Tier mutiert.

Noch einmal: natürlich ist das völlig überzogen und übertrieben! Aber ist nicht doch der entscheidende Nerv getroffen?! Sind Männer nicht doch oft wie Schweine? (Wobei wir diesen klugen Tieren damit vielleicht großes Unrecht tun und viel zu nahe treten!) Was mit den Schweinen gemeint ist, sagt der Song ja selbst: sie, die Männer- Schweine, wollen alle nur das Eine, das in aller Deutlichkeit im Lied an- und ausgesprochen wird.

Ich frage an dieser Stelle jetzt einfach einmal: ist das wirklich so? So grell und grass und einseitig? Sind Männer nur triebgesteuerte Monster, nichts anderes im Kopf und zwischen den Lenden als Sex, Sex, Sex?!

Eine erste Antwort: Ganz sicher gibt es solche Exemplare der Gattung Mann! Und ich stelle es mir schwierig, mühsam und schrecklich vor, als Freundin, als Partnerin, als Ehefrau mit so jemandem zu tun zu haben. Ihm vielleicht regelrecht ausgeliefert zu sein. Oder gar wirklich das Opfer, das Vergewaltigungsopfer eines solchen Tieres mit Menschenantlitz zu werden.

Aber das sind Minderheiten!

Und mich interessiert, wie der durchschnittliche Mann mit sich und seiner Sexualität umgeht. Sicher, Sie können einwenden, den "durchschnittlichen Mann" gäbe es gar nicht. Doch ich halte dagegen, daß die meisten Männer, wenn sie durch Erziehung und Medienkonsum nicht völlig fehlgeleitet werden, anders sind als die Karikatur - Männer des Ärzte - Songs. Damit will ich diese Männer der Mehrheit überhaupt nicht reinwaschen und schonen. Aber ich will versuchen, diese Gruppe jetzt ins Auge zu fassen, weil ich glaube, daß die meisten unter uns zu ihr zählen.

Mann und Sexualität: ein Thema, das nie ausdiskutiert ist. Das sich mit jedem Jungen, der in die Pubertät kommt und zum Mann wird, wieder neu stellt.

Männer und ihre Sexualität, das ist neben der genetischen Frage doch vor allem die, wie ich meinen eigenen Vater und meine Mutter erlebt habe. Nehmen wir ein Extrem: wer vom eigenen Vater mißbraucht worden ist, dessen Selbst- Erfahrung, dessen Selbst- Wert ist tiefst gestört. Dessen Selbstannahme als Mann ist vielleicht nie mehr richtig möglich, so daß ihm entweder nur noch die Übernahme der weiblichen Seite der Sexualität in Form seiner (männlichen) Homosexualität übrigbleibt. Oder die Übernahme der vom Vater erlebten Gewalt als etwas scheinbar Normales, das dann durch diesen Jungen als späteren Mann seinerseits weitergegeben werden wird. Ich denke, spätestens hier merken wir, welche Tiefen und Abgründe mit diesem Thema erreicht sind und aufgerissen werden! Wie es hier schon längst nicht mehr isoliert um Männer als solche geht, sondern immer um Männer und Frauen. Denn das können wir an dieser Stelle ja wohl auch nicht ganz unter den Tisch fallen lassen: Männer sind nicht nur Schweine, sie werden es auch! Sie werden es auch durch und mit Frauen, für die es, je nach Typ, durchaus ein gleichwertiger Erfolg sein kann, ihrerseits Männer "aufzureißen" und ins Bett zu bekommen. Aber noch einmal: bleiben wir nicht bei den Extremen stehen!

Fragen wir darum, wie eigentlich Christen mit ihrer Sexualität umgehen können. Dazu ein paar Gedanken: Sexualität ist nicht etwas an uns, das sich isolieren, ausblenden, abschalten ließe. Sexualität sind wir ganz und gar, mit Haut und Haaren, mit allen Sinnen und Hormonen. Unser Mannsein bestimmt uns ganz, auch wenn wir, Gott sei Dank, weibliche Anteile in uns haben. Unser Frausein bestimmt uns ganz, auch wenn wir, Gott sei Dank, männliche Anteile in uns tragen.

Wundern wir uns also nicht, haben wir keine Angst, wenn wir uns als Christen in unserem Mannsein von einer schönen Frau angezogen fühlen! Wundern wir uns als Frauen nicht, wenn wir merken, daß uns ein bestimmter Mann näher interessiert!

Das alles ist natürlich und schöpfungsgemäß. Entscheidend ist, wie wir damit umgehen! Lassen Sie mich das zu konkretisieren versuchen im Wissen darum, daß jeder einzelne Punkt viel ausführlicher behandelt werden müßte als es jetzt hier möglich ist.

Was also kann das für ein Ehepaar heißen?

Unter anderem doch dies: Offenheit und Vertrauen zu gewinnen, über sexuelle Wünsche und Erfahrungen überhaupt einmal zu sprechen. Sie nicht doch weiter oder wieder ein Tabu sein zu lassen. Miteinander in ehelicher Treue Sexualität wirklich zu genießen! Sie zu entdecken in Geduld, phantasievoll, beharrlich über Jahre und Jahrzehnte hin, auch durch Dürre- Perioden hindurch, in denen es mit der Lust aneinander auch einmal nicht so weit her ist.

Und wenn es in einer Ehe doch zum Seitensprung gekommen ist? Es nicht verheimlichen. Sich dem Partner anvertrauen. Und einem Seelsorger. Um die Schuld vor Gott zu bringen und sich von ihm und dem Ehepartner durch die Vergebung einen neuen gemeinsamen Start schenken zu lassen. Heilung an dieser Stelle braucht Zeit. Denn durch den Vertrauensbruch ist eine tiefe Verletzung geschehen.

Und Unverheiratete? Hier müssen wir wohl zwischen Jüngeren und Älteren unterscheiden. Älteren würde ich raten, ihr Alleinsein so konsequent wie möglich durchzuhalten. Nicht nur den Mangel, sondern auch die Chancen zu sehen. Vertrauen und Geduld zu haben, daß diese Lebensphase nicht sinnlos ist, sondern intensiv und in großer Freiheit gelebt werden kann. Dabei ist für Männer der Gang zur Prostituierten sicherlich kein "Heilmittel". Auch nicht die Selbstbefriedigung, die uns ja letztendlich doch wieder nur mit uns selbst allein läßt. Bei Jüngeren scheint mir wichtig, sich nicht in Beziehungen zu flüchten. Und bei jeder Begegnung miteinander so verantwortlich wie möglich mit dem anderen Menschen umzugehen.Im Sinne des Satzes von A. de Saint-Exupery aus dem `Kleinen Prinzen`: "Du bist ein Leben lang verantwortlich für das, was du dir vertraut gemacht hast.

Insgesamt aber gilt: es gibt kein "Allheilmittel", das uns von der Grundspannung der Sexualität, dieser so starken Lebensenergie in uns, ein für allemal "befreien" könnte. Dies wäre auch der völlig falsche, weil nicht lebbare Ansatz! Nein, es bleibt uns, ob wir verheiratet sind, in irgendeiner anderen Art von Beziehung leben oder als echte Singles, eine lebenslange Reifungsaufgabe gestellt. Daß wir mehr und mehr Herr im eigenen Lebenshause werden! Verbunden, versöhnt mit unserer Sexualität, die uns ja von unserem Schöpfer als wunderbare Lebenskraft mitgegeben worden ist! Und könnte es nicht sein, daß in aller Sehnsucht, die in uns Menschen steckt und die sich oft so plump und primitiv und schweinisch auslebt, ein Hinweis verborgen ist auf eine andere Art von Erfüllung dieser Sehnsucht?! Daß Augustin recht hatte, wenn er davon sprach, daß wir erst Ruhe finden, wenn wir Gott gefunden haben. Nicht, daß wir dann keine sexuellen Wesen mehr wären. Unser Mann- und Frausein uns nicht auch dann ganz und gar bestimmen würde. Aber dies wäre nicht mehr die einzige Macht im Leben. Eine ihr übergeordnete Macht, die des Schöpfers, wäre hinzugekommen. Könnte ihren Einfluß durch Gottes Geist in uns ausüben. Aus Schweinen Männer machen! Echte Männer: stark, ritterlich, selbstlos, opferbereit, belastbar, ehrlich, liebevoll. Nicht einer Domina ergeben, sondern dem Dominus. Dem "Herrn", dem lebendigen Gott, wie er sich in Jesus Christus gezeigt hat. Das wäre immer noch ein täglicher Kampf. Aber keiner mehr der Männer gegen die Frauen; oder umgekehrt. Keiner mehr zutiefst gegen sich selbst.Ein Kampf, positiv, nicht unter unserer Würde zu leben! Und anstatt des Kampfes der Geschlechter gegeneinander würde etwas von der gedachten Ergänzung und Hilfe erfahrbar, die wir doch füreinander sein sollen! Noch einmal: aus Schweinen würden Männer. Männer nach dem Herzen Gottes. Keine Supermänner, aber echte Männer. Keine Waschlappen, aber auch keine Arbeits- und Sex-Roboter Aus Schweinen würden Menschen: verletztliche, liebesbedürftige und Liebe schenkende Menschen. Reifende Männer, die neben der Sexualität noch die anderen Seiten der Liebe entdecken würden: die Fürsorge und Vorsorge, die Hingabe an die ihnen Anvertrauten.

Ist das nicht ein wahrhaft integratives Lebensprogramm?! Mit Sexualität und mit Gespräch; mit Arbeit und mit Entspannung. Mit der Liebe zu Menschen. Und zu Gott! Denn "Gottes zu bedürfen ist des Menschen höchste Vollkommenheit"! (Sören Kirkegaard)

Pfarrer Christian Kohler, Filderstadt-Bernhausen

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