PSALM 136, 1-4; 95, 1-7
»Kommt vor sein Angesicht mit Danken!« Heute möchten wir fünf Glaubenszeugen zu Wort kommen lassen. Sie geben uns wertvolle Impulse zum Thema DANKBARKEIT:
· »Wenn unser Herz in Dankbarkeit, Liebe und Vertrauen mit Gott verbunden ist, dann wird uns alles tragbar, die Last des Alters, der Kummer der Einsamkeit, der Schmerz der Krankheit, die Enttäuschungen und Kränkungen, die uns seitens der Welt bereitet werden« (Adolf Köberle).
· »Dankbarkeit ist der Wächter am Tor unserer Seele vor den Kräften der Zerstörung« (Gabriel Marcel).
· »Wir können Gott nichts anderes geben als Lob und Dank, zumal wir alles andere von ihm empfangen, es sei Gnade, Wort, Werk, Evangelium, Glaube und alle Dinge. Danken ist der einzige, rechte Gottesdienst!« (Martin Luther)
· Wie Dankbarkeit und Freude zusammenhängen, davon schreibt Hans Steinacker: »Freude ist die Quintessenz (Kern) meines Lebens als Kennzeichen meiner Verbindung mit dem lebendigen Gott. Ich muss sie angesichts von Turbulenzen und Problemen, Ängsten und Sorgen nicht aufgesetzt vor mir hertragen, weil sie der rote Faden meines Lebens mit Gott ist. Freude als ein Qualitätsmerkmal wird mir in meinem persönlichen Umgang mit Gott geschenkt. Sie ist sein Gütesiegel, der mein Leben auch im Leid an sich bindet. Wenn ich mich von meinem verbrauchten alten STILLE-ZEIT-BUCH verabschiede, dann blättere ich noch die vorletzte Seite auf, in der ich Stichpunkte meines Dankes festgehalten habe. Ich gehe diese Liste in Gedanken und mit Danken durch und erinnere mich, wie vergesslich ich bin, indem ich so viele Wohltaten Gottes verdrängt, ja als selbstverständlich betrachtet habe.«
· »Da wird es hell in einem Menschenherzen, wo man für das Kleinste danken lernt« (Friedrich v. Bodelschwingh). (Lies Ps. 28, 7-9; 52, 10. 11; 57, 10. 11; 100, 1-5.)
PSALM 136, 1-4; EPHESER 5, 19. 20
»Lasst das Wort von Christus reichlich unter euch wohnen: lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen« (Kol. 3, 16). Was beschäftigt uns in unseren Gedanken am Beginn eines neuen Tages? Es gibt Zeiten, in denen es uns schwerfällt, bedrängende Gedanken am Abend abzulegen. Wenn wir mit dunklen Gedanken in die Nacht gehen, kann es geschehen, dass diese Gedanken am andern Morgen schon beim Weckerklingeln wieder mit uns aufstehen und sich hellwach zu Wort melden. Dann wird es höchste Zeit, unseren Sorgengeist bei unserem Herrn abzulegen, indem wir ihn um Vergebung bitten und ihm danken, dass seine Barmherzigkeit auch an diesem Morgen neu ist. Manchmal hilft ein Glaubenslied, das wir singen oder sprechen können; denn nicht immer sind wir in der Lage, den Dank selber zu formulieren. Gott danken, ihn loben, verwandelt das Klima in unserem Herzen. Es eröffnet einen Freiraum für Gottes Handeln mit und durch uns. (Lies Kol. 2, 7; 1, 3-5. 12; Phil. 1, 3-6; Jes. 12, 1-6.) »Danket dem Herrn aller Herren, denn seine Güte währet ewiglich.« Dankbarkeit kann, ja soll, zum Lebensstil eines Jesus-Nachfolgers werden. Je tiefer die Wurzeln der Dankbarkeit reichen, desto stabiler ist sie in unserm Leben verankert. Sie bleibt auch dann noch erhalten, wenn die Lebensstürme uns kräftig durchschütteln und es vordergründig keine Gründe zur Dankbarkeit zu geben scheint. Dankbarkeit für unseren großen Gott trägt uns durch alle Zeiten bis in die Ewigkeit hinein, in der wir ihn ewig loben und anbeten werden. Bis dahin aber gilt für jeden neuen Tag: »Vergiss nicht zu danken dem ewigen Herrn, er hat dir viel Gutes getan!« (Lies 1. Thess. 5, 18; Offb.4,9-11.)
PSALM 136, 2-9; 145, 9-13 MONTAG,
In einer Zeit, in der die Herren dieser Welt kommen und gehen, dürfen wir daran festhalten: Unser Gott ist der Herr über alle Herren. Darum sind wir zuerst ihm verantwortlich. Wir müssen weder vor Menschen buckeln noch uns zu sehr vor ihnen fürchten. »Menschenfurcht stellt eine Falle; wer aber auf den Herrn vertraut, ist in Sicherheit« (Spr. 29, 25). Daran können wir uns auch halten, wenn wir in Gefahr sind, Abgöttern Raum zu geben. Unser Gott ist der Gott über alle Götter. Wir können das religiöse Durcheinander nicht entwirren, aber wir müssen uns keinesfalls verwirren lassen, wenn wir unsere Lebenswurzeln in die Bibel, das gute und wahrheitsgetreue Wort Gottes, einsenken. Nach dem Aufruf zum Danken folgen nun wie ein großes Halleluja vier Strophen. Sie sprechen
In der ersten Strophe nehmen wir Einblick in die überwältigende Schöpfermacht Gottes. Mit welch außerordentlicher Präzision hat er den Makro- und den Mikrokosmos ins Dasein gerufen. Und welch ein Wunderwerk erst ist der Mensch, die Krone seiner Schöpfung! Jesaja 40, 18-26. 28 hilft uns, in unse- ren Gebeten die Schöpfung Gottes nicht zu vergessen. Und sollte es einmal Nacht um uns werden, so bleibt es dabei, dass auch unsere Nächte von seiner Schöpferhand regiert werden, egal wie dunkel sie auch sind. Er kann sogar Lobgesänge in der Nacht schenken (Hiob 35, 10). (Vgl. Ps. 42, 8. 9; Apg. 16, 23-26.)
PSALM 33,1.6-9; 136,5-9
Jeder Schöpfungsakt, den der Psalmbeter hervorhebt, wird mit der Begründung abgeschlossen: »Denn seine Güte währt ewig.« Was Gott aus freier Liebe uns zugute erschaffen hat, das will er uns zugute auch erhalten (1. Mose 8, 22; Matth. 5, 45). »Seine Güte funkelt uns aus jedem Lichtstrahl entgegen« (C. H. Spurgeon). Diese unverdiente Güte des Schöpfers, mit der er die Welt durchwaltet, bringt aber keinen Menschen in den Himmel. (Vgl. Röm. 1, 1820.)
Die Schöpfung ist ein Hinweis auf einen einzigartigen Schöpfer. Aber sie zeigt uns Gott nicht als den einzigartigen Vater, der uns vorbehaltlos liebt und uns im Reich seiner Liebe haben will. Darum öffnete Gott selber sein Herz, indem er uns seinen einzig-einen und über alles geliebten Sohn schenkte. Allein dieser Sohn, der wie kein anderer mit dem Vater in engster Gemeinschaft verbunden ist, hat uns gesagt und gezeigt, wer Gott ist. (Dazu Joh. 1, 18; 14, 4-11; 17, 3. 6. 25. 26.)
Wenn wir von irdischen Vätern und Müttern enttäuscht, verletzt oder gar misshandelt wurden, möchte Jesus unsre Wunden heilen, indem er uns in der Gemeinschaft mit ihm das Vaterherz Gottes zeigt. »Willst du die Liebe des Vaters empfangen? Dann verbringe Zeit in seiner Gegenwart. Seine Liebe zu empfangen, ist das Ergebnis unserer Gemeinschaft mit ihm. Wir werden von seiner Liebe eingehüllt und geprägt, wenn wir uns in seiner Gegenwart aufhalten und ihn beschenken. Was schenken wir ihm? Durch unsere Worte, Lieder und Gedanken können wir ihm Ehre, Aufmerksamkeit, Lobpreis und Anbetung als ein Geschenk darbringen. Wir beten Gott aber nicht aufgrund unserer Gefühle an, sondern aufgrund dessen, was er ist. Ich bete Gott trotz meiner Gefühle an. Dabei versuche ich, mit Gott ehrlich über meine Gefühle zu sprechen, aber dann beginne ich, mich darauf zu konzentrieren, wie er ist und nicht, wie ich mich fühle« (F. McClung).
2. MOSE 15, 11-13; 136, 10-16. 21. 22
In der zweiten Strophe besinnt sich der Beter auf den Gott, der mit seinem Volk Geschichte geschrieben hat. Dabei wird das Gerichtshandeln Gottes an denen, die ihn hartnäckig verachteten, ebenso deutlich wie die Heraus-Führung der Seinen aus Knechtschaft und Tyrannei. Schauen wir uns im heutigen Abschnitt an, was Gott für die Seinen tut. Sollten wir denn weniger Hilfe erleben? Machen wirs konkret, indem wir ganz persönlich notieren, wo wir sein Handeln brauchen:
Man spürt den Worten des Psalm-Beters ab, dass Gott das Bedrohliche und Beschwerende mit einer Leichtigkeit abwendete, wie es nur der Allmächtige vermag. Aber der allgewaltige Gott ist zugleich unser Erlöser, der die größte Last selber getragen hat, um uns davon zu befreien. Das ist die Wucht, das Schwergewicht der Sünde, die uns in den Abgrund des Todes reißen müsste, wenn er uns nicht den Weg ans andere Ufer, den Weg durch die Wüste und den Weg ins verheißene Land gebahnt hätte. Zur Vertiefung: 2. Mose 6, 6-8; Johannes 1, 29. 34-37; Hebräer 2, 14-18.
5.MOSE 20,1-4; PSALM 136,10-15; JESAJA 11,15 ,
»Mit starker Hand und ausgestrecktem Arm« führte Gott sein Volk heraus aus der Knechtschaft. Pharao dagegen setzte alles ein, um Israel erneut unter seine Gewalt zu zwingen. »Die Ägypter jagten ihnen nach mit Rossen, Wagen und ihren Männern und mit dem ganzen Heer des Pharao und holten sie ein...« (2.Mose 14, 9). Israel ist eingeschlossen: vor ihnen das Schilfmeer, hinter ihnen die Ägypter! Massive Angst bedrängte die Befreiten. Bis heute gehört es zur Taktik Satans, denen nachzustellen, die sich bewusst dafür entschieden haben, ihren Weg mit Jesus zu gehen. Der Feind versucht, sie einzuschüchtern. Darum »seid nüchtern und wacht; denn der Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge« (1. Petr. 5, 8; lies weiter bis Vers 11; 2. Petr. 2, 9a; 1. Joh. 3, 8b). Wir sind dem Feind nicht hilflos ausgeliefert. Gottes »starke Hand« und sein »ausgestreckter Arm« sind für uns in Aktion. »Fürchtet euch nicht, steht fest und seht zu, was für eine Rettung der Herr heute schaffen wird. Denn wie ihr die Ägypter heute seht, werdet ihr sie niemals wiedersehen. Der Herr wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein« (2. Mose 14, 13. 14). Manchmal denken wir: Ich sehe viel von meinen Schwierigkeiten, aber nichts von Gottes versprochener Rettung. Genau das können wir ihm sagen und ihn zugleich beim Wort nehmen: Versprochen ist versprochen. Auch wenn wir das andere Ufer noch nicht sehen, wird er uns in der Bedrohung ruhig und still machen. Denn er ist unser Friede. Der Herr verspricht uns: »Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom...« (Jes.66, 12; vgl. Ps.131,2). In dieser Stille liegt unsere Stärke, dem Bösen zu widerstehen.
4. MOSE 21, 21-35; PSALM 136, 16-22
Die dritte Strophe beschreibt Gottes Handeln während der Zeit der Wüstenwanderung und der Einnahme des verheißenen Landes. Vielfältig erfuhr das Volk Israel Gottes Führung in der Wüste: Hitze am Tag, Kälte in der Nacht, unwegsames Gelände, Nahrungs- und Wassermangel, Orientierungslosigkeit, wilde und gefährliche Tiere, lauernde Feinde das alles und viel mehr machten dem Volk zu schaffen. Oft genug haben sie darüber gestöhnt, geseufzt, gemurrt. Und doch erlebten sie, wie treu der Herr sie begleitete und für sie sorgte. »Er führte sie so sicher, dass sie sich nicht fürchteten« (Ps. 78, 53). Der Psalm-Beter spricht von großen, mächtigen Königen, die sich dem Volk Israel noch kurz vor dem Einzug ins verheißene Land widersetzten, um es vernichtend zu schlagen. Wir wissen, wie umkämpft Israel bis in unsere Gegenwart ist. Doch Gott behält seine Auserwählten im Auge. Es wird der Tag kommen, an dem der wiederkommende Herr die Macht Satans aushebeln wird, um die Seinen sicher und im Frieden wohnen zu lassen (Jes. 11, 1ff). Nicht weniger realistisch wie »große und mächtige Könige« für das Volk Israel waren, sind für alle Menschen, die Jesus Christus nachfolgen, die »Fürsten und Gewalten,... die Beherrscher dieser finsteren Welt« (Eph. 6, 12). Wir wissen, dass sich »gefährliche Könige« in unserem Herzen festsetzen können. Sie tragen Namen wie: Eitelkeit, Ruhmsucht, Groll, Treulosigkeit, Augenwischerei, Unversöhnlichkeit, Begierde, Heuchelei, Unbelehrbarkeit, Rechthaberei, Misstrauen, Eifersucht. Wir sind den Machtansprüchen dieser »Könige« nicht hoffnungslos ausgeliefert; denn uns zur Seite steht der »König aller Könige«. Es ist wohl wahr, dass »durch die Übertretung des einen Menschen der Tod eine Art Königsherrschaft antreten konnte, wie viel mehr dürfen die, welche die Fülle der Gnade und das Geschenk der Rechtfertigung empfangen, königlich regieren durch den Einen, Jesus Christus« (Röm. 5, 17).
PSALM 136, 21. 22
Gott hat sein Ziel erreicht: Nach Überwindung der feindlichen Könige gab der Herr »ihr Land zum Erbe, zum Erbe seinem Knecht Israel, denn seine Gnade währt ewig«. Für die Seinen ist Gottes Güte und Gnade eng verbunden mit seiner rettenden Tat: Der Herr gab »das Land als Erbe seinem Volk Israel...
Denn der Herr schafft Recht seinem Volk und wird seinen Knechten gnädig sein« (Ps. 135, 12. 14). Die Feinde hingegen, die es unaufhörlich darauf abgesehen haben, das Volk des Herrn zu vernichten, müssen sich der richterlichen Strenge Gottes unterwerfen. Sie haben keinen Bestand, und sie nehmen ein äußerst schreckliches Ende. Die Feinde Gottes müssen verderben, seine Freunde aber werden erben.
Dieser scharfe Gegensatz zieht sich wie ein »roter Faden« durch die Geschichte des Volkes Gottes und die Geschichte der von Gott abgefallenen Welt. Bis an den Schluss der Offenbarung können wir diesen »Faden« verfolgen, wenn Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen und er das letzte, endgültige Wort sprechen wird: Offenbarung 21, 1-8. Und wie verläuft der »rote Faden« heute? Menschen, die sich Jesus Christus anvertraut haben, sind gewissermaßen Wanderer zwischen zwei Welten. Sie leben als zukünftige Erben Gottes in dieser Welt, in der Terror und Chaos herrschen. Aber sie hängen nicht in der Luft, sondern leben durch Vertrauen unter der guten Herrschaft ihres siegreichen Königs im Land der Freiheit, im Land der Liebe und des Friedens. Sind unsere Häuser, Arbeitsstätten und Gemeinden solche »Bezirke«? Und ist das kleinste aller Räume, mein Herz, ein Zuhause für den Heiligen Geist Gottes, der »in uns wohnt«? (Vgl. Joh. 14, 7; Röm. 8, 9-11; 1. Kor. 6, 19.) Herr, lass mich heute den »roten Faden« deiner Liebe und Hingabe erkennen und mich an ihm orientieren: 2. Korinther 5, 15.
2. MOSE 2, 23-25; PSALM 136, 23-26
Die vierte und letzte Strophe unseres Psalms gipfelt in der Erfahrung, dass Gott an uns denkt. »Der an uns dachte, als wir unterdrückt waren, denn seine Güte währt ewig!« Wenn die Bibel vom Denken und Gedenken Gottes spricht, ist nicht von Kopfzerbrechen oder Gedankenarbeit die Rede. Wenn Gott an die Seinen denkt, dann tut er etwas für sie. Für den Psalm-Beter bedeutete dies: Der Herr dachte an uns und . . . entriss uns unseren Bedrängern . . . gibt allen Geschöpfen zu essen. Als Gott nach dem schrecklichen Gericht der Sintflut Noahs gedachte, leitete dieses Gedenken seine Rettungs-Aktion ein (1. Mose 8, 1). Jahre später »dachte Gott an Abraham«, an das inständige Gebet seines Freundes, und verschonte Lot und seine Familie vor dem Verlust ihres Lebens (1. Mose 19, 29). König David rühmt Gott, der unsere Schuld vergibt, weil der Herr daran denkt, »dass wir Staub sind« (Ps. 103, 12-14). In Psalm 115, 12 bezeugt der Beter: »Der Herr denkt an uns und segnet uns.« Der Verfasser des Hebräerbriefs beruft sich auf Gottes persönliche Zusage, die er seinem Propheten Jesaja zurief: Der Herr denkt nicht mehr an deine Sünden; denn er löscht deine Übertretungen aus (Jes. 43, 25): Der Herr erweist seine Gnade »gegenüber ihren Ungerechtigkeiten« (Hebr. 8, 12). Auch wir dürfen es persönlich für uns nehmen: Der Herr denkt an mich. Er ist da für mich, und er vergisst mich nicht. »Kann auch eine Mutter ihres Kindes vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen. Unauslöschlich habe ich deinen Namen in meine Handflächen eingeschrieben, deine Mauern habe ich ständig vor mir« (Jes. 49, 15. 16). Du denkst an mich, mein Gott, »deine Gnade währt ewiglich«.
APOSTELGESCHICHTE 6, 1-6; 8, 1-13
1. Philippus im Auftrag Gottes nach Samarien
»Während einer Wanderung in der Schweiz wollte ich einen hohen Berg besteigen«, erzählte eine junge Frau. »Fast oben angekommen, trennte mich vom Gipfel nur ein schmaler Grat und ich hätte die 3000 Meter-Marke überschritten. Sollte ich es wagen, über diesen Gebirgskamm zu klettern? Links und rechts ging es fast senkrecht bergab. Abrupt blieb ich stehen. Nein! Ich gehe nicht! Es sei denn, ein Bergführer ginge mir voraus! Dann ja sofort! Als ich einige Zeit später Jesus Christus kennenlernte, erkannte ich in dieser Begebenheit die wunderbare Bewahrung Gottes, und ich hatte ein Vorbild dafür, was es bedeutet, dass Gott mich führt.« Wer Jesus nachfolgt, ist ein geführter Mensch. Anders wäre es keine Nach-Folge. Wir sind hinter ihm, und er ist vor uns. Wo wir auch hingelangen er ist schon da, es sei denn, wir haben unsere Position geändert. Nun sehen wir aber Jesus nicht leiblich vor Augen. Dennoch ist es möglich, ihm zu folgen. Es gibt zwei geistliche »Leitsysteme «, die nur zusammengenommen funktionieren: das Wort Gottes und der Geist Gottes. Hinzu kommt als drittes unser Glaube, der Gott vertraut. Wir wollen uns in einer neuen Themenreihe mit Jesus-Nachfolgern aus der Apostelgeschichte befassen und ihrem geistlichen »Leitsystem« nachgehen. Beginnen wir mit Philippus. Er gehörte zur Gemeinde der »ersten Stunde« in Jerusalem. Als besondere Verantwortungsträger galten diejenigen Jünger, die Jesus als Apostel berufen hatte. Sie waren mit Heiligem Geist erfüllt worden und damit eingebunden in das »Leitsystem« des Geistes Gottes. Das bedeutet nicht, dass die von Gott Geführten wie unfreie, willenlose Marionetten »funktionieren «. Ein Jesus-Jünger muss sich nicht führen lassen, aber er will es. Das galt auch für Philippus. (Vgl. Matth. 4, 18-22; Luk. 9, 57-62; Matth. 19, 27-29.)
APOSTELGESCHICHTE 6, 1-6
Zur Gemeinde in Jerusalem gehörten nicht nur aramäisch sprechende Juden aus Israel, sondern auch zahlreiche Juden aus dem bunten Völkergemisch des östlichen Mittelmeerraums. (Vgl. Apg. 2, 5.) In unserem Text werden die »Hellenisten« genannt. Sie stammten aus der griechisch sprechenden jüdischen Diaspora (Zerstreuung). Irgendwo dazwischen finden wir einen Nikanor, Parmenas, Prochorus, Timon, Nikolaus, Philippus und Stephanus (V. 5). Wir konzentrieren uns im Folgenden auf Philippus. Auch von ihm heißt es, dass er einen guten Ruf besaß, vom Heiligen Geist und göttlicher Weisheit erfüllt war. Welcher Anlass führte dazu, dass Philippus zum Diakon gewählt und eingesetzt wurde? Mit einem Murren fing alles an. Es gab heftigen Streit beim täglichen Versorgungsdienst. Wie peinlich, dass ausgerechnet die übersehen wurden, die besondere Zuwendung brauchten! Noch kurze Zeit zuvor hieß es von der ganzen Gemeinde: »Es gab niemanden unter ihnen, der Not leiden musste.« Da waren sie noch »ein Herz und eine Seele«, und die Gaben wurden »unter die Bedürftigen verteilt« (Apg. 4, 32. 34. 35; vgl. Ps. 146, 9; Jes. 1, 23; 1. Tim. 5, 3; Jak. 1, 27). Wie schnell werden Menschen übersehen und übergangen oft ohne bösen Willen (V. 1). In Jerusalem gab es mit der wachsenden Zahl an Jesus-Nachfolgern auch vermehrte Arbeit, offensichtlich besonders für die Apostel und damit echte Probleme, die gelöst werden mussten. Solch brisante Situationen sind Bewährungsproben. Wie reagieren wir auf Engpässe, Mängel, Einschränkungen, Verknappungen? Wie gehen wir mit den Fehlern der einen und mit der Unzufriedenheit der anderen um? Die Apostel reagierten buchstäblich geistesgegenwärtig, indem sie sofort nach einer guten Lösung suchten, bevor die losgetretene Lawine eine ganze Gemeinde überrollen könnte. (Vgl. Spr. 2, 6; 3, 3-7; Jak. 1, 5.) Ohne vorschnell harmonisieren zu wollen, sollten wir uns in Spannungen an die biblische Empfehlung halten: »Lasst uns dem nachstreben, was dem Frieden, und dem, was dem gegenseitigen Aufbau dient« (Röm. 14, 19; vgl. Mark. 9, 50; 2. Kor. 13, 11; 1. Thess. 5, 13b).
APOSTELGESCHICHTE 6, 3-6; KOLOSSER 3, 17
In der Jerusalemer Gemeinde war eine Situation entstanden, die es notwendig machte, die Aufgaben neu einzuteilen. (Vgl. Röm. 12, 4-8.) Von keinem der Gemeindeglieder wurde verlangt, dass er alle Arbeit selber machen sollte. Auch wurde von niemandem erwartet, dass er eine Aufgabe erfüllte, zu der er nicht berufen war (1.Kor. 12, 14ff). Die Apostel wussten das und sorgten dafür, dass die Essensausgabe von Männern in die Hand genommen wurde, die sich ebenso vom Geist Gottes leiten ließen wie die Lehrer und Verkündiger des Evangeliums. Philippus seinerseits sagte nicht: »Wie bitte? Die Apostel beschäftigen sich mit Beten und Predigen, und ich soll Tischdienst machen? Ich kann doch auch predigen und beten . . . « Natürlich konnte er das, wie sich ja später zeigte. Aber jetzt war zuerst der Versorgungsdienst dran. Es kann sein, dass Philippus sich bereits von Gott berufen wusste, Evangelist zu werden. So wird er dem Herrn vertraut haben, dass er ihn Schritt für Schritt führte. Leitung durch Gottes Wort und Geist fordert geduldiges, besonnenes und wachsames Warten. Jetzt aber sehen wir, dass Philippus sich in ein Team einbinden lässt und den Armen dient. Auch dazu braucht man Heiligen Geist, wenn der Dienst in Liebe geschehen soll. Es gibt keine Arbeit in der Familie oder Gemeinde, für die der Geist Gottes nicht notwendig wäre. »Ob ihr nun esst oder trinkt oder sonst etwas tut, tut alles zur Ehre Gottes« (1.Kor. 10, 31). »Wenn jemand redet, so rede er es als Aussprüche Gottes; wenn jemand dient, so sei es als aus der Kraft, die Gott darreicht, damit in allem Gott verherrlicht werde durch Jesus Christus, dem die Herrlichkeit ist und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen« (1. Petr. 4, 11).
APOSTELGESCHICHTE 6, 6
Die gewählten Diakone werden mit Gebet und Handauflegung gesegnet und in ihren Dienst eingesetzt. Das Auflegen der Hände bedeutet »das Übergehen von Segenskraft auf jemanden, der diese Kraft besonders braucht, um ein Amt gut wahrnehmen zu können. Gott selbst ist hier der Handelnde. ER schenkt Kraft aus seiner Fülle. Die Wirkung solcher Handauflegung hängt nicht an der richtigen Durchführung. Sie hängt an Gottes Tun und Geben« (H.-W. Neudorfer; lies Apg. 13, 3; 1. Tim. 4, 14; 5, 22). So ausgerüstet und ermutigt, machte sich auch Philippus ans Werk. Ob er sich gelegentlich fragte, wie lange er wohl im Versorgungsdienst bleiben werde? Zunächst aber ging es darum, sich ganz auf die gegenwärtige Arbeit zu konzentrieren, statt nervös auf eine Gelegenheit zu warten, aktiv an der Mission unerreichter Völker beteiligt zu werden. Die Wendung seines Geschicks kam für ihn schneller und anders als erwartet. Spannungen, schlimmste Verleumdungen und zuletzt fliegende Steine gaben den Anlass, dass Philippus und mit ihm viele andere Jerusalem eiligst verlassen musste: Stephanus, sein Mitbruder aus dem Diakonen-Team, wurde um seines Glaubens willen zu Tode gesteinigt. (Lies Apg. 6, 8-15; 7, 54-60.) »In jenen Tagen entstand aber eine große Verfolgung gegen die Gemeinde in Jerusalem, und alle wurden . . . zerstreut . . . außer den Aposteln« (8, 1). Wie mag den Christen und dem Diakon Philippus zumute gewesen sein? Der biblische Bericht schweigt darüber. Stattdessen hebt er hervor, dass die zerstreuten Christen umherzogen und mutig das Evangelium verkündeten (8, 4). Gewiss, der Tod des Stephanus war schrecklich. Nicht weniger entsetzlich aber ist die Tatsache, dass es noch so viele Menschen gab, die Jesus nicht nachfolgten und damit für den Himmel verloren waren. Es gibt keine Entschuldigung für eine Jesus-Nachfolge, die Evangelisation und Mission vernachlässigt. (Dazu Mark. 16, 15. 16. 20; Apg. 4, 12. 17-20.)
APOSTELGESCHICHTE 1, 8; 8, 4-12
Die Gemeinde von Jerusalem wurde »in die Landschaften von Judäa und Samaria zerstreut« (8, 1b). Jesus hatte seine Jünger vorbereitet: »Ihr werdet von allen gehasst werden um meines Namens willen . . . Wenn sie euch aber verfolgen in dieser Stadt, so flieht in eine andere . . . Fürchtet euch nicht vor denen, die zwar den Leib töten, die Seele aber nicht zu töten vermögen« (Matth. 10, 22. 23a. 28). Die Apostel hatten schon den scharfen Gegenwind zu spüren bekommen, nun auch die junge Christengemeinde. Aber sie wollten dem Auftrag des Herrn unbedingt gehorsam sein: »Ihr werdet meine Zeugen sein.« Das griechische Wort für »Zeuge« lautet »Martys« und enthält auch die Bedeutung »Märtyrer«. Ein Märtyrer um des Evangeliums willen ist kein Held, sondern ein schlichter Zeuge, der bereit ist, wenn es sein muss, auch den Tod auf sich zu nehmen. Und Philippus? Wir finden ihn als Evangelisten in einer Stadt von Samaria. Dort würden ihn die Verfolger, an deren Spitze der jüdische Gelehrte Saulus stand, nicht suchen; denn den frommen Juden waren die Samaritaner so verhasst wie die Heiden. Sie vermieden jeden Kontakt mit ihnen (vgl. Joh. 4, 9). Philippus hatte sich diesen Weg nicht ausgesucht. Ohne sein Zutun war er gewissermaßen über Nacht Evangelist geworden. Offen für die Führung des Heiligen Geistes, erkannte er die Chance, den ungeliebten Samaritanern das Evangelium zu bringen. Nur unter diesen besonderen Umständen war für Philippus die Hemmschwelle so niedrig, denn die Wächter über die kultische Reinheit in Jerusalem hatten derzeit andere Sorgen. Sehen wir ruhig hinter diesen Vorgängen die Hand Gottes, die die Gelegenheiten schafft, die gute Botschaft allen Menschen bekannt zu machen. Mächte und Gewalten müssen ihm dazu dienen, dass Türen sich öffnen und schließen. Lies Jes. 43, 19; 48, 6; Röm. 11, 33-36.
APOSTELGESCHICHTE 8, 4-12
Das Evangelium sollte auch zu den Menschen in Samaria kommen. (Vgl. Joh. 4, 4. 9. 10. 14. 26. 28. 29. 39.) Das Volk der Samaritaner entstand durch einen Völkeraustausch, den die Assyrer nach der Eroberung des Nordreichs von Israel (Zehn-Stämme-Reich) durchführten. Das Ergebnis war ein Mischvolk aus Juden und heidnischer Bevölkerung. Die ungute Beziehung zwischen Judäa und Samaria verhärtete sich, als die Samaritaner im 4. Jh. v. Chr. zum Tempel in Jerusalem einen Gegentempel errichteten. Da die Samaritaner nur die Fünf Bücher Mose anerkannten und auch keine lückenlose jüdische Abstammung nachweisen konnten, wurden sie verachtet und gemieden. Im Licht des Evangeliums aber fallen solche Barrieren. Der Glaube an den Erlöser Jesus Christus macht aus Teilen, die nicht zusammenpassen, ein Ganzes. (Dazu Eph. 2, 11-22.) Gott schenkte dem Philippus »die Kraft des Heiligen Geistes«, sich als Zeuge des Herrn unter das samaritanische Volk zu mischen, um ihnen die Befreiung aus ihrem Dilemma zu zeigen. Auch in unserem Land mehrt sich ein buntes Völkergemisch. Unabhängig von der damit verbundenen öffentlichen Problematik gilt auch diesen Menschen Gottes große Liebe und sein Rettungswille. Machen wir uns seinen Willen zu eigen? Entscheidend ist, dass wir unserem Gott und Herrn gehorchen, womöglich ganz im Verborgenen. Wir können es getrost dem Herrn überlassen, was er daraus macht, wenn wir nur gehorsam sind. Der Heilige Geist wird uns Liebe, Ideen, Kraft, Mut und die nötige Weisheit schenken. (Vgl. Matth. 10, 16; Eph. 5, 15.) Ob dann nicht auch bei uns wie damals zur Zeit des Philippus eine »große Freude« über das heilsame Erlösungswerk des Herrn Jesus Christus Einzug hält? Auch wir selber werden selbst unter Spott und Verachtung eine Freude und Zufriedenheit erleben, einfach deshalb, weil wir tun, was der Herr uns aufgetragen hat.
JOHANNES 4, 36-38; APOSTELGESCHICHTE 8, 26
Die Missionsarbeit in Samaria dehnte sich aus. Philippus bekam Unterstützung durch die Apostel Petrus und Johannes (8, 14). Wer sich vom Geist Gottes leiten lässt, wird immer wieder erkennen und anerkennen, dass er Rat und Hilfe braucht. Die Bewältigung des Problems mit dem Zauberer Simon war für Philippus eine Nummer zu groß. Petrus und Johannes waren zu zweit und wussten ihn in seine Schranken zu weisen (8, 13-24). Dann waren sie frei, um auch in »vielen Dörfern der Samariter« das Evangelium zu verkündigen (8, 25). Für Philippus jedoch gab es eine Überraschung. Damit muss ein Jesus-Nachfolger immer rechnen. Der Plan und die Führung Gottes sind nicht berechenbar. Anstatt sich der Festigung des Glaubens der jung Bekehrten in Samaria widmen zu können, bekam Philippus einen scheinbar sinnlosen Auftrag: Einhundert Kilometer Fußmarsch auf menschenleerem Weg Richtung Gaza, einer Stadt, die erst kürzlich durch feindliche Übergriffe gründlich zerstört worden war. »Seltsam, mein Herr. Ich habe doch gerade erst in Samaria angefangen. Die Türen für dein Wort sind offen wie nie, und es gibt noch so viel zu tun!« Möglich, dass Philippus so dachte. Wer schon vor einem vergleichbaren Wechsel stand und sich entscheiden musste, ob er dem Ruf folgen sollte oder nicht, kennt diese Gedanken. (Dazu Jes. 55, 8. 9; Spr. 3, 5-8.) Erinnern wir uns an das geistliche »Leit-System« mit seinen drei Merkmalen: Das Wort Gottes, der Geist Gottes und der Glaube dessen, der gerufen wird. Dieser Glaube ist im Sinne von Vertrauen zu verstehen und hilft dem Gerufenen zu gehorchen. So lief es bei Philippus. Ganz schlicht heißt es von ihm: »Er stand auf und ging hin« (Vers 27a; vgl. 1. Mose 12, 1. 4a; 15, 1-6; 21, 1-3. 11-14; Röm. 4, 20. 21).
APOSTELGESCHICHTE 8, 27. 28
»Und siehe, ein Mann aus Äthiopien . . . « Es handelte sich hier eigentlich um Nubien am Oberlauf des Nil. Weit mehr als 1000 km hatte dieser Mann zurücklegen müssen, um nach Jerusalem zu kommen. Er wollte den Tempel aufsuchen, um den Gott der Hebräer anzubeten, von dem er in seinem Land gehört haben musste. Er war ein hoher königlicher Beamte und verwaltete die Staatsfinanzen. Der Äthiopier suchte, in Jerusalem den lebendigen Gott kennenzulernen, wurde aber herb enttäuscht. Er musste feststellen, dass er als Nichtjude gar keinen Zutritt zum Tempel hatte. Das war bei Todesstrafe verboten. Da er lesen konnte, besorgte er sich eine Buchrolle vom Alten Testament. Vielleicht hatte man ihm das Buch Jesaja empfohlen. Darin las er nun und verstand den Sinn der Worte nicht. Sollte seine lange und sicher kostspielige Reise vergeblich gewesen sein? Doch mit Jesaja war er, ohne es zu wissen, auf der richtigen Fährte. (Lies Jes. 56, 3-5.) Vorläufig aber saß er noch in seinem Wagen, hatte das Buch bei Kapitel 53 aufgeschlagen, las und schüttelte immer wieder den Kopf. Er kapierte nichts. Vielleicht war er gerade versucht, resigniert aufzugeben, da hörte er eine Stimme neben sich: »Verstehst du auch, was du liest?« »Wie sollte ich das können, wenn mir niemand Anleitung gibt?« Hatte er schon in Jerusalem nach einem Kundigen gesucht und wurde abgewiesen? Wie dem auch sei der Herr sah diesen Suchenden, der nach Gott verlangte und fragte nicht nach Stand und Herkunft. Sagte der Prophet Jeremia nicht: »Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr« (Jer. 29, 13. 14)? (Dazu Jes. 55, 6. 7; Matth. 7, 7. 8; 5. Mose 4, 29; Spr. 8, 17.)
APOSTELGESCHICHTE 8, 29-40
Philippus zögerte nicht, sich auf den Weg zu machen. Er gehorchte der Stimme Gottes und wartete gespannt, was sich ereignen würde. Dazu hatte er viel Zeit, denn der Weg war weit. Er musste die luftigen Höhen verlassen und in südlicher Richtung in die Ebene hinuntersteigen, der Mittelmeerküste entgegen. Das schaffte er nicht in einem Tag. Er ging einen Schritt nach dem anderen und beobachtete wachsam seine Umgebung, bis er trotz seiner inneren Bereitschaftshaltung wahrscheinlich ganz überraschend den göttlichen Fingerzeig erhielt: »Geh hin und halte dich zu diesem Wagen.« Verstehen wir, was Gott da eigentlich tut? Er sieht diesen Mann aus Äthiopien, wie er auf der Suche nach Gott enttäuscht worden ist und die Rückreise angetreten hat, resigniert in einem Buch lesend, das er nicht verstand, und das doch die kostbare Botschaft von dem Retter Israels und der Welt enthält. Gott sieht diesen einen Menschen auf der Straße nach Gaza, holt einen erfolgreichen Missionar mitten aus dessen Arbeit heraus und sendet ihn zu diesem »hohen Herrn«, um ihm die Rettungsbotschaft zu bringen. Dieser Mann sollte nicht sagen müssen, dass seine Suche und seine Reise nach Jerusalem vergeblich war. Der Herr weiß, dass Philippus hier der richtige Mann ist. Als Jude kannte er sich hervorragend in den Heiligen Schriften aus. Als Jesus-Nachfolger verstand er es, die Prophetie auf Christus hin auszulegen, und als Missionar unter den »Fremden« hatte er genug Erfahrung, weise und liebevoll zu erklären, dass Jesus auch für ihn am Kreuz gestorben ist, damit er Frieden mit Gott bekommen konnte. (Lies Jes. 53, 1-12.) Der Kämmerer erfährt, dass auch für ihn der Weg ins Allerheiligste offen ist, obwohl man ihn in Jerusalem nicht einmal in den Vorhof gelassen hatte (vgl. Hebr. 4, 14-16; 9, 11. 12. 24).
APOSTELGESCHICHTE 8, 36-40
Wie lange wohl Philippus in der Kutsche des Kämmerers saß und ihm alles erklärte, was dieser von Jesus Christus wissen musste? Es war ein »Crash- Kurs« in den Fächern Bibelkunde und Heilslehre. Dem Mann aus Äthiopien wurde das Herz weit und immer weiter und das Lamm Gottes herrlicher und lieber. Welch ein Augenblick, als er erkannte, dass es auch für ihn eine lebendige Hoffnung gab! Hier wurde er nicht weggestoßen, sondern vom Allerhöchsten angenommen und rehabilitiert. Kein Schild mehr: Zutritt bei Todesstrafe verboten. Stattdessen hieß es nun »komm«! Komm zu MIR, der du mühselig und beladen bist und lege deine Last MIR zu Füßen. (Siehe Matth. 11, 25-30.) Der Kämmerer ließ sich das nicht zweimal sagen. Als sie an einer Wasserstelle vorbeikamen, machte er den Bund mit Jesus fest und ließ sich auf SEINEN Namen taufen. Dann setzte er seine Heimreise fort fröhlich mit einem neuen Lied im Herzen, mit einem neuen Herrn, der ihn, den Eunuchen und Ausländer, wertschätzte und ihm alle seine Sünden vergeben hatte. Die lebendige Hoffnung in ihm (siehe 1. Petr. 1, 3) würde ihn auch im Finanzalltag am Königshof tragen, und wir dürfen ruhig annehmen, dass er davon nicht schwieg. (Lies Ps. 40, 2-4. 17.) Und Philippus? Es erwies sich einmal mehr, dass er sich von Gott bewegen und »verrücken« ließ. Das griechische Wort »entrücken« entspricht dem hebräischen »hinwegnehmen«, das wir im Zusammenhang mit Henoch (1.Mose 5, 24), Elia (2. Kön. 2, 10. 11) und Hesekiel (Hes. 3, 14) finden. Was mit Philippus geschah, wird nicht beschrieben. Jedenfalls war er auf einmal nicht mehr da und wurde in Aschdod gefunden. Er blieb beweglich, zog an der Mittelmeerküste entlang nach Norden und verkündete das Evangelium, bis er sich in Cäsarea niederließ. (Lies Apg. 21, 8.)
APOSTELGESCHICHTE 9, 32
2. Petrus im Auftrag Gottes unterwegs nach Lydda und Joppe Nicht nur Philippus war ständig unterwegs, sondern auch Petrus hielt es nicht an einem Platz. Er folgte dem Diakon, gemeinsam mit Johannes, durch die offene Tür nach Samarien, setzte die begonnene Arbeit von Jerusalem aus fort und weitete sie aus (8, 14. 25). In den Städten und Dörfern entstanden weitere Gemeinden, die er auf seinen Reisen besuchte. Das entsprach seinem Auftrag, den Jesus ihm gegeben hatte: »Simon, hast du mich lieb? . . . Weide meine Lämmer, weide meine Schafe . . . « (Joh. 21, 15-17). Petrus ist nicht mehr der wankelmütige, ungestüme und vorlaute Jünger, den wir aus den Evangelien kennen. Der Heilige Geist erfüllte ihn nun und machte aus ihm einen Menschen, der sich durch diesen Geist leiten ließ und auf das Wort Gottes hörte. Petrus ist sich selber genommen worden und muss nicht mehr im Eigenen bleiben« (W. Lüthi). »Herr Jesus Christus, lass auch mich nicht im Eigenen stecken bleiben, sondern dir hingegeben dienen.« Aus dem sich selbst überschätzenden Jünger wurde ein treuer Hirte. Nicht er hatte sich so verändert er wurde verändert. Nur der Geist Gottes hat die Kraft, einen Menschen wie Petrus, wie dich und mich, zu prägen, zu formen, umzuwandeln. Das hat nichts mit Manipulation zu tun, sondern mit der schöpferischen und der heiligenden Kraft des Geistes. (Lies Joh. 3, 5. 6; 1. Thess. 1, 2. 5; 1. Petr. 1, 12; Tit. 3, 4. 5; Röm. 8, 8-14.) Dass Petrus ungehindert seine »Hirtenreise« unternehmen konnte, verdankte er dem Umstand, dass der Anführer der Verfolgung von Jesus bekehrt worden war (Apg. 9, 10-13. 15). »So hatte denn die Gemeinde durch ganz Judäa und Galiläa und Samaria hin Frieden und wurde erbaut und wandelte in der Furcht des Herrn und mehrte sich durch den Trost des Heiligen Geistes« (9, 31).
APOSTELGESCHICHTE 9, 32-35
»Es geschah, dass Petrus . . . auch nach Lydda kam.« Nicht zufällig kam Petrus dorthin der Herr wies ihm den Weg, den er gehen sollte. So kam der Apostel in diesen Ort, ohne über jeden Schritt Rechenschaft abgeben zu können. Er wollte die »Heiligen« in Lydda (heute Lod) besuchen. Sie waren Juden, die sich von Gott hatten rufen lassen, dem Herrn Jesus Christus nachzufolgen. Diese »Heiligen« betrachteten sich nicht als besonders wertvolle und fehlerlose Menschen, die der Welt schon beinahe entrückt waren. Sie wurden so genannt, weil sie durch den Glauben an Jesus Christus Gottes »Kinder« geworden waren. Solche »Kinder« sind heilig, weil Gott im Bild gesprochen seine Hand auf sie gelegt hat. Er ist nun ihr »Vater«. Künftig gehören sie zu ihm. In den Augen Gottes ist also ein Mensch dann heilig, wenn er glaubend in Anspruch nimmt, dass Jesus für seine Sünden am Kreuz gestorben ist. Gott sieht dann nicht mehr die Schuld des Sünders an, sondern seinen Sohn, der den Schuldigen erlöst und von der Strafe freigesprochen hat. Wie Gott, der Vater, heilig ist, so auch sein Sohn und ebenso der, den er erlöst hat. Nun gehören sie für immer zusammen. Das offenbart eine völlig neue Lebensperspektive für den Glaubenden. (Lies Apg. 26, 10; Röm. 1, 7; 8, 27; 12, 13; 15, 25; 1. Kor. 1, 2; Eph. 1, 1.) In Lydda traf Petrus einen Mann, der seit acht Jahren das Bett nicht mehr verlassen konnte. Können wir uns vorstellen, was das bedeutete, rund um die Uhr auf fremde Hilfe angewiesen zu sein? Und welch hohe Herausforderung für die Pflegenden! Es ist nicht leicht, in der Liebe Ausdauer zu beweisen. Gott hatte das Elend dieses Mannes nicht übersehen, und jetzt stand Petrus vor seinem Bett.
APOSTELGESCHICHTE 9, 34. 35
Gehörte Äneas schon zu den »Heiligen«, oder war er noch ein Suchender? Wie viele Ärzte mochten schon konsultiert worden sein und hatten doch nicht helfen können. Hatte sein Leiden ihn entmutigt? War er darüber bekümmert, dass er sich in der Gemeinde nicht nützlich machen konnte? Und nun stand Petrus vor seinem Bett. Er wusste, dass der Herr über Bitten und Verstehen tun kann (Eph. 3, 20. 21). Petrus wird auch empfunden haben, dass er genau zum richtigen Zeitpunkt im Krankenzimmer angelangt war, um dem Hilflosen aufzuhelfen: »Äneas, Jesus Christus heilt dich! Steh auf und mach dir selbst dein Bett.« Petrus war sich hundertprozentig sicher, dass er so reden durfte und dass geschehen würde, worum er bat (Joh. 16, 23). »Jesus Christus heilt dich steh auf . . . « Für Äneas ein Zuspruch, der in Anspruch genommen werden wollte. Das tat der Kranke sofort. Für Äneas begann ein neuer Lebensabschnitt. Er konnte wieder aktiv an allem teilnehmen. Er konnte aus dem Haus gehen und auch in andere Orte, um zu berichten, wie Jesus ihm geholfen hatte. »Und es sahen ihn alle, die in Lydda und Scharon wohnten; die bekehrten sich zum Herrn.« Damals hatte kaum jemand eine Bibel im Haus. Das war zu kostspielig. Deshalb waren Wunderzeichen nötig, damit die Menschen die Macht und Liebe Gottes erkennen konnten. Wie steht es heute mit Heilungen? Grundsätzlich gilt, dass Gott alle Dinge möglich sind. Aber wenn es darum geht, Aufsehen zu erregen und eigenmächtig und unberufen Gottes Allmacht zu beweisen, ist es fraglich, ob er sich vor diesen Karren spannen lässt. Gott selbst entscheidet, wann, wo und welche Wunder den Glauben an ihn stärken sollen. (Vgl. Apg. 8, 10-13. 18- 24; Matth. 7, 21-23; Apg. 19, 11ff; Gal. 3, 5; Ps. 72, 18.)
APOSTELGESCHICHTE 9, 36-41
Die Führung durch den Heiligen Geist kann sich auch durch einen Hilferuf von außerhalb unseres Wirkungskreises ereignen. Da wird es wichtig sein, dies im Gebet zu prüfen. Da der Geist Gottes mit unserem Geist in Verbindung steht, hilft er uns zu verstehen, was der Herr will. Das bedeutet nicht, dass wir unseren Verstand auszuschalten hätten, sondern vielmehr, dass wir alle Gedanken mit Jesus besprechen und seiner Regie unterordnen. Dann werden wir erleben: »Der Herr wird dich beständig leiten; und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt« (Jes. 58, 11). Vielleicht dachte der Apostel Petrus an diese Zusage, als der Hilferuf aus der Gemeinde in Joppe (heute Jaffa) kam. Von dort erreichte Petrus der Notruf. Der Todesfall in der Gemeinde von Joppe war abgesehen von der persönlichen Trauer über den Verlust eines lieben Menschen deshalb so einschneidend, weil damit vor allem für die Witwen eine lebensnotwendige Stütze weggebrochen war. Sie brauchten besonderen Schutz und tatkräftige Unterstützung. (Vgl. 2. Mose 22, 21; 5. Mose 24, 17-21; Jes. 1, 17; Sach. 7, 10.) Wie eng sich Petrus im Haus der Tabita an seinem Herrn orientierte, zeigt ein Vergleich mit Markus 5, 35-42. Petrus wusste sich so fest mit Jesus verbunden wie eine Rebe, die am Weinstock hängt. Die Lebenskraft des Herrn war auch Petrus Kraft, und sie ist unsere Kraft. Es müssen gar keine großen, aufsehenerregenden Ereignisse sein, unser schlichtes Vertrauen auf Jesus ist entscheidend, SEIN Handeln aber souverän. Petrus darf Tabita ins Leben zurückholen. Das größte Wunder jedoch ereignet sich dort, wo ein geistlich toter Mensch ein lebendiger Jesus-Jünger wird. Dann jubelt sogar der Himmel. (Vgl. Luk. 15, 7. 10; Eph. 5, 14.)
KOLOSSER 4, 14; PHILEMON 24
Einen besonders treuen Freund und Mitarbeiter hatte der Apostel Paulus an Lukas, »dem geliebten Arzt«. Unter den neutestamentlichen Schriftstellern ist er der einzige Heiden-Christ. Die Kirchenväter sagen uns, dass er aus dem syrischen Antiochien stammte. Ob Lukas sich in Antiochien während der ersten Missionsreise des Paulus (Apg. 11, 25-30) bekehrt hat, wissen wir nicht. Der Kirchenvater Tertullian nennt ihn »einen Schüler des Paulus«. Lukas war von Beruf Arzt. Er war ein einfühlsamer, kluger und liebenswürdiger Mann mit viel Verständnis für seine Mitmenschen. Seine genauen Kenntnisse bezüglich der Schifffahrt (Apg. 27) lassen uns vermuten, dass er lange Zeit als Arzt in den Hafenstädten des Mittelmeers tätig gewesen ist. Lukas ist jedenfalls schon frühzeitig in Antiochien mit Paulus bekannt geworden. Seit der zweiten Missionsreise (Apg. 16, 8) finden wir den Arzt als ständigen Mitarbeiter des Apostels. Lukas ist sofort vertraut mit der kleinen Reisegesellschaft Silas und Timotheus begleiten hier den Apostel und wird ein wichtiges Team-Mitglied. Kennzeichnend für Lukas ist seine Bescheidenheit: In beiden Schriften erwähnt er seinen Namen nicht. In der Apostelgeschichte lässt er uns nur durch das Wörtchen »wir« merken, dass er regen Anteil nahm an der Missions-Arbeit des Paulus. (So Apg. 16, 8-17; 20, 4-16; 21, 1-20; 27, 1- 28, 16.) Lukas erlebte es also mit, dass der Apostel durch eine nächtliche Vision nach Europa gerufen wurde. Er beschreibt uns genau die Schifffahrt und gibt uns mit viel Sachkenntnis Auskunft über die Stadt Philippi. Hier erlebte er, welch große Kraft das Evangelium von Jesus Christus hat: Die begüterte Textil-Händlerin Lydia vertraute ihr Leben Jesus an, und eine Wahrsagerin wurde von der Macht Satans befreit. Denn »dazu ist der Sohn Gottes erschienen, dass er die Werke des Teufels zerstöre« (1. Joh. 3, 8; vgl. Luk. 10, 19; Röm. 1, 16; 1. Kor. 1, 18).
APOSTELGESCHICHTE 20, 1-6; 2. TIMOTHEUS 3, 16. 17
Da der Apostel Paulus die Stadt Philippi schnell verlassen musste, ist es durchaus möglich, dass er seinem Mitarbeiter Lukas die junge Christengemeinde anvertraute. Zwischen Paulus und den Philipper-Christen konnte eine besonders vertrauensvolle Beziehung wachsen. Vermutlich wird Lukas daran nicht unbeteiligt gewesen sein. Er bewährte sich als verantwortungsbewusster Mitarbeiter, der sich vom Heiligen Geist leiten ließ. Nach einigen Jahren, auf seiner dritten Missionsreise, kam Paulus von Neuem nach Philippi. Das »Wir« in Apostelgeschichte 20, 6 zeigt uns, dass Lukas sich nun von Neuem Paulus und seinen Mitarbeitern auf der Weiterreise anschloss. In Troas (Westküste Kleinasiens) hielten sie sich sieben Tage bei den Glaubenden auf; dann erlebte Lukas den sehr bewegenden Abschied von den Ältesten der Gemeinde von Ephesus in Milet mit, ebenso die Seefahrt nach Cäsarea und die Ankunft in Jerusalem (Apg. 20, 7 - 21, 1. 8. 15). Namhafte Ausleger denken, dass der in 2.Korinther 8, 18. 19 erwähnte »Bruder«, dessen Dienst Paulus mit großer Wertschätzung lobt, Lukas sei: »Er steht wegen seines Wirkens für das Evangelium bei allen Gemeinden in hohem Ansehen!« Während Paulus in 2. Korinther 8, 17 den Namen des Titus nennt, wird derjenige des Lukas und des »anderen Bruders« (vermutlich Aristarchus) verschwiegen ein weiterer Grund, der für den bescheidenen Lukas spricht. Die Bezeichnung »Reisegefährte « des Paulus verdient Lukas in höchstem Maß; denn er war nicht nur auf der dort bezeichneten, sondern auch auf vielen anderen Reisen bis zuletzt der treue, fürsorgliche Begleiter und Freund des Apostels. So gilt auch für den Dienst des Lukas: »Wir sind für Gott ein Wohlgeruch des Christus unter denen, die gerettet werden, wie unter denen, die verloren gehen. Den einen sind wir Todesgeruch, der Tod bringt; den anderen Lebensduft, der Leben verheißt« (2. Kor. 2, 15. 16).
APOSTELGESCHICHTE 21, 15
In Jerusalem kam Paulus mit Lukas, Timotheus und anderen Mitarbeitern (vgl. Apg. 20, 4) gerade vor dem Pfingstfest an. Lukas schildert die Geschehnisse in Jerusalem so lebendig und bis in Einzelheiten (Apg. 21, 15 - 23, 30), weil er die Ereignisse miterlebt hat: Das Gelübde des Paulus, der Aufruhr im Tempel, die Verhaftung des Apostels und seine Abführung in die Burg Antonia. Auch bei seiner Verantwortung vor dem Hohen Rat muss Lukas präsent gewesen sein; denn er gibt nicht nur den genauen Wortlaut der Ansprache des Paulus wieder, sondern erwähnt auch, dass Paulus »unverwandt die Mitglieder des Hohen Rates anschaute«, während er zu ihnen redete. Ferner berichtet Lukas uns von einer ermutigenden und tröstenden Offenbarung des HERRN (Apg. 23, 11), vom geplanten Attentat auf Paulus, dessen Entdeckung durch einen Neffen des Apostels und von der Überführung nach Cäsarea (Apg. 23, 11-30). Diese wird so genau beschrieben, wie es nur einer kann, der den Apostel nach Cäsarea begleitet hat. (Lies Apg. 23, 31-35.) Sehr sorgfältig berichtet Lukas, wie der Apostel sich vor dem römischen Statthalter Felix verantwortete, indem er uns interessante Einzelheiten mitteilt (Apg. 24, 1-21). Besonders wertvoll ist in diesem Kapitel (V. 14-16) das freimütige Bekenntnis des Apostels! Ein endgültiges Urteil konnte Felix noch nicht sprechen. Er ließ aber den Apostel in längerer, wenn auch erleichterter Haft. Lukas wird in dieser Zeit beim Evangelisten Philippus gewohnt haben, dessen vier Töchter gesegnete Dienerinnen des Herrn waren. (Vgl. Apg. 21, 8-10a.) Doch immer wieder stand er mit anderen Gemeindegliedern seinem Freund in der Gefangenschaft bei, um ihm wohlzutun (Apg. 24, 23. 24). Paulus erfuhr: Es gibt unter den Kindern Gottes »das ermutigende Wort im Auftrag von Christus; es gibt den tröstenden Zuspruch, der aus der Liebe kommt; es gibt Gemeinschaft durch den Heiligen Geist; es gibt herzliches Erbarmen« (Phil. 2, 1).
APOSTELGESCHICHTE 24, 27
Zwei Jahre dauerte die Gefangenschaft des Paulus in Cäsarea. Menschenfurcht, Geldliebe und Ehrsucht ließen den Statthalter Felix, wie auch seinen Nachfolger Festus, keine klare Entscheidung über Paulus fällen, obwohl beide von seiner Unschuld wie auch seiner Bedeutsamkeit überzeugt waren (Apg. 24, 24 - 25, 8). Vor Festus berief sich der Apostel schließlich auf das persönliche Urteil des Kaisers (Apg. 25, 9-12). Lukas berichtet noch vom Besuch des Königs Agrippa II. in Cäsarea. Der Apostel verkündete dem König das Evangelium vom gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Zuletzt wendet er sich an das Gewissen des Königs: »Glaubst du, König Agrippa, den Propheten? Ich weiß, dass du glaubst!« Agrippa ist völlig überzeugt von der Unschuld des Apostels. Der aber hatte sich auf das Urteil des Kaisers berufen und musste deshalb nach Rom gebracht werden (Apg. 25, 13 - 26, 32). In Rom wurde es dem Apostel gestattet, unter Aufsicht eines Offiziers zunächst in einer Privatunterkunft zu bleiben und danach in einem selbst gemieteten Hause zu wohnen. Hier konnte Lukas, der ihn auf seiner abenteuerlichen Reise begleitet hatte (Apg. 27, 1. 2), nun wieder ganz bei seinem Freund sein, mit ihm arbeiten und für ihn sorgen. Hier durften die zureisenden Mitarbeiter aus- und eingehen, und der Apostel konnte, obwohl ein Gefangener, die Leitung der Missionsarbeit wieder in die Hand nehmen (Apg. 28, 16-31). In dieser zweijährigen Gefangenschaft in Rom, der ersten, schrieb Paulus die Briefe an Philemon, an die Kolosser, Epheser und Philipper. In den beiden ersten sendet Lukas (dem Paulus sehr wahrscheinlich diktierte) seine Grüße mit. Zwischendurch aber muss Lukas für gewisse Zeit zu einem »auswärtigen« Dienst unterwegs gewesen sein. Wie hätten sonst seine Grüße gerade an die Philipper, mit denen er sich besonders verbunden wusste, in dem Brief fehlen können? »Geliebte, wir wollen einander lieben, denn die Liebe stammt von Gott. Und jeder, der mit solcher Liebe liebt, ist aus Gott geboren und kennt Gott in Wahrheit!« (1. Joh. 4, 7)
1. TIMOTHEUS 1, 18. 19; TITUS 1, 1-16
Der Titusbrief und der erste Brief an Timotheus sind in einer Zeit relativer Freiheit nach der ersten römischen Gefangenschaft des Apostels geschrieben. Seine Mitarbeiter Titus und Timotheus waren in dieser Zeit immer wieder bei ihm (Tit. 3, 15). Lukas scheint sein beständiger Begleiter gewesen zu sein. Mit Titus war der Apostel auf der Insel Kreta, wo er ihn zurückließ. Titus 3, 12-14 lassen uns ebenfalls in diese Zeit freien Dienens und Reisens des Apostels hineinsehen. In 1. Timotheus 1, 3. 4 wird angedeutet, dass Paulus sich in dieser Zeit mit Timotheus von Neuem in Ephesus aufhielt und dieser dann dortblieb. Da Ephesus ein bedeutsamer Mittelpunkt der Missionsarbeit in Kleinasien war, hoffte der Apostel, in Kürze noch einmal dorthin kommen zu können (1. Tim. 3, 14. 15). Wir erfahren, dass er, höchstwahrscheinlich von Lukas begleitet, den Winter nach seiner Freilassung in Nikopolis, einem milden Erholungsort im Westen Griechenlands, zugebracht hat. Paulus bittet Titus, ihn sobald wie möglich dort aufzusuchen (Tit. 3, 12). Man nimmt an, dass Paulus dann im Frühjahr mit Lukas durch Mazedonien über Troas nach Ephesus gekommen ist (2. Tim. 4, 13). Von Ephesus aus könnte der Apostel anschließend in Begleitung des Lukas über Milet und Korinth nach Spanien abgereist sein (Röm. 15, 28). Erreichte den Apostel vielleicht dort die Nachricht von den schweren Christenverfolgungen unter Kaiser Nero? Es scheint, dass Paulus mit Lukas nach Rom geeilt ist. Als mutiger Zeuge seines Herrn wurde er dort verhaftet. Diesmal war es eine ausgesprochen harte, entwürdigende Gefangenschaft (2. Tim. 2, 9), die Lukas mit ihm teilte (2. Tim. 4, 11). »Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare « (2. Kor. 4, 16-18a; vgl. Röm. 8, 17. 18).
SPRÜCHE 17,17; 2.TIMOTHEUS 4,6-11
Mit welcher Liebe wird Lukas, der erfahrene Arzt, um den alternden Paulus besorgt gewesen sein, während er die schwere Gefangenschaft mit ihm teilte! Mit dem aus weiter Ferne herbeigeeilten Timotheus wird er schließlich Zeuge gewesen sein, als Paulus den Märtyrertod erlitt. Wie selbstlos war die jahrzehntelange Freundschaft zwischen Paulus und Lukas, die offenbar nie abriss und zahlreiche Strapazen und Nöte im Dienst für Jesus bestand. Mochte Paulus sich körperlich elend fühlen in seinem anstrengenden Missionars- Beruf, immer konnte Lukas ihm wertvolle Hilfe leisten. Und wir meinen, in des Apostels Leben, in seiner Ausdrucksweise, in seinen Gedanken und Briefen manche Spuren von Einfluss und Beruf und von der Art des Lukas zu entdecken, auch von dessen Lebenserfahrungen und ärztlichen Kenntnissen. Lukas musste ein einfühlsamer, freundlicher Mann gewesen sein, mit einem weiten Herzen und Blick, der anderen Mut machen konnte. Gern bewahrte er tröstende Worte in seinem Gedächtnis auf (Apg. 18, 9. 10; 24, 23; 27, 22. 25). Er wusste ein wohlwollendes und entgegenkommendes Benehmen zu schätzen (Apg. 24, 23; 27, 3b). Er freute sich über Ermutigung und Trost von Gott (Apg. 28, 15). Von Danksagung und Lobpreis berichtete Lukas gern (z. B. Luk. 1, 68-79; 2, 10. 14. 20. 29-32). Wenn die Sorge um alle Gemeinden, die Nachricht von Irrlehren oder Sünde in einer der Christen-Gemeinden dem Apostel Paulus schwer auf die Seele fielen, welche Hilfe mag es ihm dann gewesen sein, wenn Lukas ihm ermutigend zusprach. Nach dem Tod des Paulus soll Lukas in Theben, der Hauptstadt Böotiens (Griechenland), gelebt und für den Herrn gearbeitet haben. Der Kirchenvater Gregor von Nazianz zählt Lukas, der über 80 Jahre geworden sein soll, zu den Märtyrern der apostolischen Zeit.
LUKAS 1, 1-4; APOSTELGESCHICHTE 1, 1
Wir kennen Lukas als Verfasser seines Evangeliums und der Apostelgeschichte. Während der zweijährigen Gefangenschaft des Paulus in Cäsarea hatte Lukas die beste Gelegenheit, sein Evangelium zu verfassen und den Bericht der Apostelgeschichte vorzubereiten. Wir können bei Lukas eine genaue Beobachtungsgabe erkennen. Aber besonders seine Offenheit für alle Menschen und seine Liebe zu denen, die unter der Macht der Sünde litten. (Lies z.B. Luk. 15, 1-7; 19, 1-10; 23, 39-43.) Mit großer Sorgfalt hat Lukas alle ihm zur Verfügung stehenden schriftlichen und mündlichen Quellen für die Abfassung seiner Berichte geprüft und genutzt. Die Apostel lernte er vermutlich alle kennen und konnte von ihnen wertvolle Auskünfte erhalten. Matthäus hatte längst sein Evangelium geschrieben. Zum Evangelisten Markus hatte Lukas auch Kontakt (Kol. 4, 10. 14). Als er mit Paulus nach Jerusalem kam (Apg. 21, 18ff) und während der Gefangenschaft des Apostels in Cäsarea, bot sich Lukas die Gelegenheit, mit vielen Jüngern und Jüngerinnen zu sprechen, die Jesus noch persönlich kannten. Vor allem muss Maria, die Mutter des Herrn, damals noch gelebt haben. (Vgl. Apg. 1, 14.) In seinen beiden ersten Kapiteln berichtet der Evangelist manches, das ihm kein anderer als Maria hätte sagen können. (Siehe Luk. 2, 19.) Schon vor seiner Ankunft in Jerusalem hatte Lukas ferner die Bekanntschaft mit dem Evangelisten Philippus gemacht. Den Inhalt von Apostelgeschichte 1-8 und 10-12, wird Lukas besonders von Petrus und Johannes, teilweise auch vom Evangelisten Philippus erfahren haben. Die zweite Hälfte der Apostelgeschichte mag Lukas während der ersten Gefangenschaft des Apostels Paulus in Rom geschrieben haben, wie uns ihr Schluss zeigt (Apg. 28, 30. 31). An Lukas sehen wir, dass auch er in der Kraft des Heiligen Geistes wirkte, und es sein größtes Anliegen war, das Evangelium von Jesus Christus allen Menschen zugänglich zu machen.
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