Eine lange Bibelstunde bei Jesus! Die Jünger »sehen auf die Uhr« (V. 35) und fordern Jesus auf, die Zuhörer-Gemeinde zu entlassen, damit sie sich noch etwas zu essen kaufen kann. Gut gemeint und vorsorglich geplant! Die Jünger wollen die Leute vor Anbruch der Dunkelheit versorgt wissen. Als ob der Herr das nicht wollte! Sein Versorgungsplan aber verfolgte die entgegengesetzte Absicht: Ihr sollt die Menschen nicht ausladen, sondern einladen! »Gebt ihr ihnen zu essen!« Wieder organisieren die Jünger - diesmal ein wenig behutsamer, indem sie Jesus fragen: »Sollen wir einkaufen gehen und ihnen zu essen geben?« Der Herr aber nimmt sich seiner Jünger an und lehrt sie, mit den wunderbaren Möglichkeiten Gottes zu rechnen. Es geht dabei um Grundlegendes: o Jesus will alle, die zu ihm kommen, sättigen. Der gute Hirte ist der Herr des inneren und des äußeren Menschen. Gott versorgt und beschenkt ganzheitlich. o Jesus aktiviert seine Jünger, indem er sie restlos auf die Güte Gottes reduziert. Der Herr zeigt seinen Mitarbeitern ihre Grenze, aber doch so, dass er sie nicht »fertig« macht, sondern herausfordert, das wenige, das da ist, dankbar zu sehen und zu beachten. Nicht die »großen Sprünge« sollen hier und jetzt helfen, sondern die »kleinen Schritte« der Liebe. o Die Fäden dieser groß angelegten Essensausgabe liegen in der Hand des königlichen Gastgebers (»Hirte«). Jesus selbst lädt zur Tischgemeinschaft ein. Er bestimmt die Tischordnung und liefert als »Liegepolster« das grüne Gras. Der dankbare Aufblick zum Vater im Himmel weist auf die Quelle allen Segens hin. Von ihm darf der Beter alles erwarten. Die Jünger »vermitteln « nur, was der Vater durch den Sohn schenkt. Die Jünger steigen nicht langsam zum Herrn auf, sondern gehen dem Herrn zur Hand. Zur Vertiefung: Psalm 107, 1-9; 145, 15; 147, 1-3. 11. 14.
»Fünftausend Männer« - ungerechnet die Frauen und Kinder (Matth. 14, 21) - waren satt geworden. Zwölf Körbe mit den eingesammelten Essensresten bezeugen die Segensfülle Gottes. »Jesus schafft keine Teillösung. Er bringt das Leben in der Fülle und hilft ganz« (G. Maier; vgl. Joh. 10, 10b; 6, 35. 47-51; 7, 37-39). Dieser Herr sammelt jetzt das Gottesvolk des Neuen Bundes, wie einst Mose das Volk Israel sich lagern ließ um die Offenbarungsstätte Gottes, die Stiftshütte (4.Mose 2, 2. 34). Doch Jesus ist größer als Mose. Jesus ist die Selbstoffenbarung Gottes in Person. Er allein bringt das Heil in seiner ganzen Tiefe und Weite. Das sollen die Menschen verstehen, darum wirkt der Herr solch herrliche Wunder. Die Leute haben verstanden: »Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll«, ergänzt Johannes. Aber sie gehen in ihrer Begeisterung für Jesus entschieden zu weit, wenn sie den Herrn »ergreifen und zum König machen« wollen. Jesus lässt sich nicht für menschliche Ziele vereinnahmen. Wie leicht können da auch die Jesus-Jünger mitschwimmen auf der Welle der Begeisterung. Der Herr wirkt dem entgegen - »und alsbald trieb er seine Jünger, in das Boot zu steigen«. Wörtlich heißt es, »und er zwang sie«: Mit ernstem Nachdruck löste Jesus die Seinen von allem Rauschhaften, um sie bei nüchterner Ruderarbeit zur Besinnung zu bringen. Er selber aber zog sich nach der Verabschiedung des Volkes zurück »auf einen Berg, um zu beten«. In der Einsamkeit des Hügellandes, das sich vom Ostufer des Sees Genezareth zum Golan hinaufzieht, suchte er das Gespräch mit dem Vater. In den Strömungen seiner Zeit, im Wirrwarr der Stimmen und im Andrang der Erwartungen konnte er seinen Weg nur finden, wenn er betete und den Willen des Vaters erfuhr. (Lies Ps. 40, 9; Joh. 4, 34; 5, 19. 20a. 30; 8, 28. 29; 14, 10. 11.)
Welch ein Bild! Jesus »auf dem Land allein«, im Gebet - und die Jünger »mitten auf dem See«, in Bedrängnis. »Er sah, dass sie sich abplagten beim Rudern; denn der Wind stand ihnen entgegen.« Räumlich war Jesus weit von seinen Jüngern getrennt, im Gebet aber war er ihnen ganz nah. Mit den Augen Gottes sah er ihre Not. Das »Sehen Gottes« ist also nicht bloßes Zusehen, sondern beschreibt seine fürsorgende Nähe: 1. Mose 16, 13; 2. Chronik 16, 9a; (vgl. Hiob 34, 21; Spr. 5, 21; Sach. 4, 10b; Matth. 6, 4. 6). Wie bedrängt auch meine Situation sein mag - Jesus sieht mich. »Dass seine Augen auf mich gerichtet sind, das macht mich froh! Das macht froh. Ganz gleich, was ich trage an den Lasten meiner Tage, ob ich sehr enttäuscht oder voll Freude bin: Mein Herr schaut immer zu mir hin« (H. Führer). Zwischen 3 und 6 Uhr morgens kommt der Herr zu den Seinen, »indem er auf dem See einherging«. Schon das Alte Testament berichtet davon, dass große und tosende Wassermassen dem Schöpfer unterlegen sind: »Er geht auf den Wogen des Meeres« (Hiob 9,8; vgl. Ps.77,20; Jes.43,16). Wenn Jesus auf dem Wasser schreitet, bedeutet das also, dass er Gott ist. Hier leuchtet eine weitere Botschaft aus dem Alten Testament auf. Im Unterschied zu den toten Götzen »geht« Gott unter seinem Volk »einher« (3.Mose 26, 12; 2. Sam. 7, 6; 1. Chron. 17, 6). Das Einhergehen Gottes unter den Seinen ist also Ausdruck lebendiger Gemeinschaft. Wenn wir uns mit den Wellen der Sorgen und Ängste abplagen, haben wir manchmal den Eindruck: Die Lage ändert sich nicht, Gott hat mich vergessen. Doch gerade dann dürfen wir wissen: Jesus betet für mich. Jesus sieht mich. Jesus lässt den Faden der Gemeinschaft mit mir nicht abreißen. Siehe Jesaja 43, 1-5a.
Jesus schreitet auf dem Wasser seinen Jüngern entgegen. Wenn es nun von ihm heißt: »und er wollte an ihnen vorübergehen«, bedeutet dieses Vorübergehen keineswegs ein Vorbeigehen und damit ein Weggehen. Gemeint ist »nicht Verweigerung, sondern gerade tröstliche Gegenwart, wenngleich unter Wahrung einer majestätischen Hohheit. Als Gott Mose ein Zeichen gewähren wollte, dass er mit seinem Volk mitziehen wolle, sagte er: Ich will vor dir alle meine Güte vorübergehen lassen, und zu Elia in ähnlicher Lage: Und siehe, der Herr wird vorübergehen (2.Mose 33, 19. 22; 1. Kön. 19, 11)« (A. Pohl). Wie beschämend hingegen ist die Reaktion der Jünger! Sie rechnen mit allem, sogar mit »Gespenstern«, nur nicht mit Jesus. Er ist weit weg für sie. So buchen sie die Zeichen seiner Gegenwart falsch. Statt zu ihm hinüberzurufen, schreien sie sich gegenseitig ihre Angst vor. Haben sie denn gar nichts mitgenommen von der langen Predigt des Herrn? Haben sie die Lektion über seine wunderbare Hirtenfürsorge schon nach wenigen Stunden wieder vergessen? Der Evangelist Markus stellt eine erschütternde Diagnose: »Sie waren um nichts verständiger geworden angesichts der Brote, sondern ihr Herz war verhärtet« (V. 52). Sind wir weniger »vergesslich«? Haben wir ein tieferes Vertrauen, ein feinfühligeres, aufnahmebereiteres Herz? Ach wie können sich auch langjährige Christen in ihre Sorgen, Enttäuschungen und Mutlosigkeiten verbeißen, als gäbe es Jesus nicht! Welch ein Geschenk, dass der Herr tatsächlich nicht an den Seinen vorbeigeht und sie »sitzen lässt«! Sein Wort bringt Frieden und Ordnung in die verwickelte Lage: »Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht!« Herr Jesus, vergib mir meinen Kleinmut. Komm und hilf meiner Schwachheit auf. Auf dein Wort will ich heute neu anfangen zu beten, zu glauben, zu lieben und zu hoffen. (Lies Jes. 41, 10. 13. 14; 51, 7. 12. 13; Joh. 16, 33.)
Der Evangelist Markus hebt erstaunlich oft das Unverständnis der Jünger hervor (1, 35. 36; 4, 13; 7, 18; 8, 17ff; 9, 10. 19. 32; 10, 14; 16, 14). Trotz der harten Stellen im Herzen der Jünger macht Jesus mit ihnen weiter. Er trägt seine Jünger in überwältigender Geduld. »Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte« (Ps. 103, 8). Aber das andere gilt auch: Der Jesus-Jünger wird immer wieder eine klare Entscheidung zu treffen haben, dass er bei Jesus bleiben und mit ihm gehen will. Das machen besonders die Ereignisse um die Speisung der Fünftausend im Johannesevangelium deutlich. Damals vollzog sich eine Trennung innerhalb der großen Jüngerschar: Johannes 6, 66-69. Dass eine kleine Gruppe Jesus treu blieb, verdankt sie der Liebe und dem Wort des Herrn. Aber der Herr sucht auch unser Vertrauen und unseren Gehorsam. Im Markusevangelium sehen wir Jesus jetzt wieder mit dem Zwölferkreis unterwegs. Die gute Nachricht »Er ist da!« breitet sich in Windeseile aus (V. 55). Es ist bewegend, welch ein gigantischer Schlepp- und Tragedienst hin zu Jesus sich ereignet. Jede Not berührt sein Herz: »Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen« (Joh. 6, 37). Und wer immer den Herrn im Glauben berührt, dem hilft er wieder auf. Jesus ist wirklich der »Heiland« der Menschen. Wie kein anderer hat er die Macht, von allen Krankheiten zu heilen. Aber die alles entscheidende Frage lautet: Was ist aus diesen Gesunden geworden? Nur Gesundgewordene oder auch Gerettete? Nur Geheilte oder auch Nachfolger? Siehe Matthäus 20, 29-34; Markus 1, 30. 31; Lukas 8, 1-3.
Bei dir, Jesus, will ich bleiben, stets in deinem Dienste stehn;
nichts soll mich von dir vertreiben, will auf deinen Wegen gehn.
Du bist meines Lebens Leben, meiner Seele Trieb und Kraft,
wie der Weinstock seinen Reben zuströmt Kraft und Lebenssaft.
Philipp SpittaMuss ein Mensch des Glaubens nicht stark sein (vgl. Jes. 40, 31), erfolgreich (vgl. 1. Mose 39, 3. 23) und gesund (vgl. Luk. 8, 50)? Solche ausgewählten Zitate und entsprechende Äußerungen unserer Tage können zur Anfechtung werden. Auch in Korinth gab es Zweifel, inwieweit der wenig attraktive Alltag von Paulus mit seiner Botschaft zusammenpasste. War er nicht viel zu schwach (2. Kor. 10, 10; 11, 30)? War sein Weg nicht von zu viel Leiden und Erfolglosigkeit gezeichnet (2. Kor. 11, 24-28)? Mit wenigen Worten korrigiert Paulus diesen geistlich falschen Denkansatz. Gott kann wohl Stärke, Erfolg und Gesundheit freundlich gewähren. Segen und Vollmacht jedoch ist daran nicht unweigerlich gebunden. Es gilt: »Wir haben diesen Schatz in irdenen Gefäßen. « Irdene Gefäße zählten zu den üblichen und bewährten Behältern, um Lebensmittel wie Getreide und Wasser oder andere Artikel wie zum Beispiel Schriftrollen sicher zu verwahren. Solche zerbrechlichen Tonkrüge waren nur von geringem Eigenwert. Das Bild des Schatzes steht hier für die Erkenntnis von Jesus als dem Christus und für das Zeugnis von ihm als dem Sohn Gottes und Herrn dieser Welt (4, 6). »Merkwürdig, dass Gott diesen Schatz, zu dem es in der Menschheitsgeschichte keine Parallele gibt, so kümmerlichen Werkzeugen anvertraut hat, wie wir Menschen sind. Die Botschaft von Jesus ist ein Diamant, der eine goldene Fassung braucht. Kein Mensch ist ein Gefäß, das dem Wert dieser Botschaft entspricht« (E. Schnepel). Andererseits sorgen gerade Schwachheit und Unzulänglichkeit der Boten dafür, dass Schatz und Gefäß nicht verwechselt werden können. Die Versuchung, den Menschen statt Gott zu bewundern, war und ist zu allen Zeiten gefährlich groß. Darum gilt: »Das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist, damit sich kein Mensch vor Gott rühme« (1. Kor. 1, 28. 29; vgl. 5. Mose 8, 17. 18; Richt. 7, 2).
Wir bekommen nun einen Einblick, was es für Paulus bedeutet hat, ein zerbrechliches, tönernes Gefäß zu sein. Dabei ist sein Maß an Kämpfen und Nöten nicht als Grundregel für alle Gläubigen zu verstehen. Gott führt jeden seiner Nachfolger individuell und ganz persönlich. Er mutet nicht jedem gleiches Leid zu. Wieder gelingt es Paulus, sowohl ein realistisches Bild der Schwierigkeiten zu zeichnen als auch den großen Trost anschaulich vor Augen zu stellen. Wir treffen auf Gegensätze, die man auch so übersetzen könnte: Wir sind von allen Seiten bedrängt - aber nicht ausweglos in die Enge getrieben. Wir sind ratlos, zweifelnd - aber nicht verzweifelt. Wir werden verfolgt - aber wir sind nicht im Stich gelassen. Wir werden zu Boden geworfen - aber wir kommen nicht um. (Lies Apg. 13, 49-52; 14, 5-7. 19. 20; 16, 23.) Diese Berichte stellen uns einerseits den Ernst der Nachfolge vor Augen. »Der Knecht ist nicht größer als sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen« (Joh. 15, 20). Andererseits kann Paulus bezeugen, dass der Herr seinen Diener niemals allein lässt. Wir brauchen es, an diesen Zusammenhang erinnert zu werden. Und es tut Not, einander diesen Trost zu sagen. Martin Luther schreibt an Vikar Leonhard Kaiser, der wegen seiner evangelischen Predigt verhaftet worden war, in sein Gefängnis nach Passau: »Also, mein allerliebster Bruder, stärke dich in dem Herrn und sei getrost in seiner mächtigen Kraft, auf dass du du werdest, frei oder nicht, den väterlichen Willen Gottes erkennest, tragest, liebest und lobest aus gutwilligem Herzen. Dass du aber solches vermögest zu Ehren seines heiligen Evangeliums, das wolle in dir wirken der Vater unsres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, nach dem Reichtum seiner herrlichen Gnade, Amen.«
2.KORINTHER 4, 10-12; 1.KORINTHER 15, 30. 31 Nun geht Paulus einen Schritt weiter. Er versteht sein Leiden nicht nur als Teil seiner Nachfolge, sondern zugleich als Teilhabe am Leidens- und Sterbensweg seines Herrn. Dabei hat er nicht in erster Linie das Passionsgeschehen im Blick. »Auf Golgatha fasst sich nur in den wenigen Stunden am Kreuz zusammen, was dem ganzen Leben des irdischen Jesus von seiner Krippe an die Todesgestalt gab« (W. de Boor). Er verließ die Herrlichkeit beim Vater und wurde ein sterblicher Mensch (Phil. 2, 6-8). Er erlebte Ablehnung und Demütigung (Matth. 9, 4; Luk. 9, 52-55). Er verzichtete auf eine eigene Familie, persönlichen Besitz und irdische Sicherheiten (Matth. 8, 20; 2.Kor. 8, 9). Er ertrug Verleumdung und tödliche Feindschaft (Matth. 12, 24; Mark. 3, 6). Er hielt Unverständnis und Verlassenheit aus (Matth. 16, 8-11; 26, 56; Joh. 14, 9). Er lebte das Geheimnis: »Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht« (Joh. 12, 24). In diesem Sinne kann Paulus seine Schwierigkeiten und Kämpfe einordnen und für sich annehmen. Er zeigt auf, dass Sterbenswege nicht Abwesenheit von Gottes Güte und Fürsorge bedeuten. Ihr eigentliches Ziel heißt ja Leben. Menschen können erkennen: So vermag nur Gott selbst mit Zeugenmut auszurüsten und in Schwachheit zu stärken. Auch für die Korinther waren die Todesgefahren des Paulus Anlass, in Jesus Christus das wahre Leben zu finden (Vers 12). Offen bleibt, wann dieser Glaube die Korinther selbst gefahrvolle Wege führen wird, damit andere Menschen gerettet werden. Mit dem Liederdichter F. M. von Zaremba können wir beten:
Du starbest selbst als Weizenkorn und sankest in das Grab;
belebe denn, o Lebensborn, die Welt, die Gott dir gab!
Send Boten aus in jedes Land, dass bald dein Name werd bekannt,
dein Name voller Seligkeit. Auch wir stehn dir zum Dienst bereit;
zum Dienst in Kampf und Streit.
In der Lutherbibel trägt Psalm 116 die Überschrift »Dank für die Rettung aus Todesgefahr«. Wir können nachvollziehen, dass Paulus diesen Psalm in besonderer Weise für sich genommen und gebetet hat. »Wenn ich schwach bin, so hilft er mir« (V. 6). »Du hast meine Seele vom Tode errettet« (V. 8). »Ich habe geglaubt, darum rede ich; ich wurde aber sehr gebeugt« (V. 10). - Wie jener Beter weiß sich Paulus den Menschen gegenüber zum Zeugnis verpflichtet, auch wenn gerade dies Ursache seiner Bedrängnisse wird. »Wir können's ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben« (Apg. 4, 20). Paulus ist sich dessen bewusst, dass Gottes Hilfe nicht immer zeitliche Errettung bedeuten muss. Auch davon spricht unser Psalm 116. »Der Tod seiner Heiligen wiegt schwer vor dem Herrn« (V. 15). Für Paulus war es kein Grund zu schweigen. Viele Zeugen haben uns diesen Glaubensmut vorgelebt, der uns hinterfragt und ein wichtiges Vermächtnis ist. So lesen wir in den Tagebuchnotizen von Jim Elliot: »Wie dein ganzes Leben, so ist auch die Dauer deines Lebens in Gottes Hand. Denke daran: Gott lässt dich nicht sterben, ehe nicht dein Werk getan ist. Aber lass nicht den Sand der Zeit in deine Augen kommen, sodass sie nicht mehr die sehen, die noch in der Finsternis sitzen. Sie müssen die Botschaft hören. Ehefrauen, Familie, Beruf, Erziehung, alles muss lernen, sich der Regel zu unterwerfen: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber gehe hin und verkündige das Reich Gottes.« - Am 8. Januar 1956 töteten jene Auca-Indianer, für die J. Elliot sechs Jahre lang gebetet hatte, ihn und seine vier Gefährten. Die Segensspuren ihrer Hingabe sind nicht zu ermessen und reichen hinein bis in unsere Tage.
Für eine Todesanzeige hatte jemand folgende ungewöhnlichen Worte gewählt: »Eines Tages werdet ihr in der Zeitung lesen, dass ich gestorben bin. Eines ist ganz sicher: niemals in meinem Leben werde ich lebendiger sein als in diesem Augenblick.« - Das ist kein Bekenntnis auf Grund geistlicher Überheblichkeit. Es ist das Zeugnis eines getrosten Glaubens, der im Wort Gottes fußt. Men- schen, die zu Jesus gehören, dürfen wissen, dass ihr Leben bei Gott einmündet und ewig währt. »Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes« (1. Joh. 5, 13; vgl. 1.Kor. 15, 17-20; Röm. 8, 11). Die Hoffnung auf die Auferstehung tröstet nicht allein in der Konfrontation mit Tod und Sterben. Hier erwächst Tatkraft für die Gegenwart. Mitten im Alltag ist der Sieg, den Jesus am Kreuz vollbracht hat, vor unseren Augen zumeist verborgen. Wir reiben uns an den Grenzen, leiden an der Vorläufigkeit unseres Tuns. Aber nun wird uns eine frohe Perspektive vorgestellt. Einmal wird vor Gott alles offenbar. Und was er angefangen hat, wird er auch vollenden. (Lies Phil. 1, 6; Eph. 5, 27; Kol. 1, 22; Offb. 7, 9.) Das höchste Ziel der Verkündigung dabei ist, dass Gott geehrt wird. Wenn also noch viele gerettet werden, werden ihm noch mehr danken und damit die überschwängliche Gnade Gottes in einem reicheren Maß erkennbar werden lassen. »So schließt das Leidensleben des Verkündigers die Gemeinde, wenn sie es recht versteht, mit ihm im Tiefsten zusammen zu einer Gemeinschaft des Dankens und der Anbetung für das, was Gott durch das Wort seines Boten an Menschen getan hat und noch tun wird trotz des irdenen Gefäßes« (E. Schnepel). Herr, auch dieser Tag ist dein Tag. Ich danke dir, dass ich deiner Lebensspur folgen und andere mitnehmen darf.
Die Begriffe äußerer und innerer Mensch sind der griechischen Philosophie entlehnt. Dabei wurde die Bedeutung des Körpers niedriger eingeschätzt als die des Geistes. Paulus verwendet beide Begriffe unter einem völlig neuen Vorzeichen. Er versteht sie auf dem Hintergrund dessen, was Jesus für uns bewirkt hat und ist. Der äußere Mensch ist dabei keinesfalls nur als »Leib« oder »Fleisch« zu verstehen. Paulus meint sein ganzes Leben nach Geist, Seele und Leib. »Die körperlichen Leiden ziehen ganz gewiss auch das Gefühl und das Denken in Mitleidenschaft, zermürben die Freude, verwirren das Denken und treiben bis hin zur Verzweiflung. Das alles kennt der Apostel. Er ist äußerer Mensch in Benennung seines ganzen Wesens« (H. Krimmer). Aber er bleibt bei dieser Erfahrung nicht als einziger Wahrheit stehen. Aller Betrübnis und mancherlei Verzagtheit zum Trotz weiß er von einem Erneuerungsprozess, der mit dem äußeren Verfall Hand in Hand geht. Die Bezeichnung »innerer Mensch« steht nun für das Wunder des neuen Lebens, das Gott durch seinen Geist in einem Menschen des Glaubens schafft. Es ist der »Christus-Mensch«, der unter Gottes Einfluss trotz Leiden zu wachsen vermag. »Dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen« (Eph. 3, 16; vgl. Kol. 3, 10). Paulus unterstreicht: »Darum werden wir nicht müde.« Wir treffen an dieser Stelle auf das gleiche Wort wie in Kapitel 4, 1 mit der Bedeutung »wir werden nicht mutlos«. Welcher Aspekt (Blickwinkel) kann uns in diesem Zusammenhang Mut machen? Für Paulus sind die genannten geistlichen Wahrheiten nicht abgehobene Theorie. Er rechnet mit ihnen als hilfrei- chem Tatbestand in den Spannungsfeldern seines Lebens. Die folgenden Abschnitte werden zeigen, wie vor allem sein Durchblick auf das letzte große Ziel seinem jeweiligen Wegabschnitt Sinn gibt.
In der Auseinandersetzung mit Vers 17 stellen sich spontan zwei Fragen: 1. Wie kann Trübsal, also das Leiden im Dienst für Jesus bis hin zum Martyrium, als leicht bewertet werden? Eine freie Übersetzung lautet sogar: »Das augenblickliche Leichtgewicht der Drangsal wirkt im Übermaß zum Übermaß ein ewiges Schwergewicht an Herrlichkeit für uns.« In diesem anschaulichen Gegensatz liegt eine Verstehenshilfe. Die Trübsal wird nicht deshalb als leicht eingeschätzt, weil jemand das Leid in seinem Ausmaß ausblendet. Es ist der Vergleich mit einem überragenden Gegengewicht, der zu diesem Ergebnis führt. »Gemessen an der eigenen Kraft des Paulus war die Drangsal in der Asia unerträglich schwer. Nun aber misst er sein Leiden für Jesus am Schwergewicht der Herrlichkeit, das schon darum dem Gewicht der Drangsal unendlich überlegen ist, weil es Ewigkeit besitzt« (W. de Boor). 2. Wie kann Trübsal eine gewichtige Herrlichkeit »schaffen«? Wir treffen hier auf ein Wort aus dem Bereich der Landwirtschaft. Der Begriff »schaffen« spielt auf die Feldbestellung an, auf das Umpflügen des Bodens. Nur auf einem bestellten Feld wächst Frucht. Es bleibt ein Geheimnis, wie Gott gerade durch schwere Wege den Boden bereiten kann, damit Menschen in seine Gemeinschaft hineinwachsen. Diese Gemeinschaft in Vollendung zu erleben wird überwältigende Herrlichkeit bedeuten. (Lies 1. Joh. 3, 2; 1. Petr. 1, 3-6.) Den Segen des Leidensgewichtes beschreibt ein Zeitgenosse so: »Ohne Schwere würde der Anker das Boot nicht halten. Ohne Widerstand würde der Muskel nicht wachsen. Ohne Spannung würde der Bogen keinen Pfeil schießen. Ohne Belastung wüssten wir nicht die Grenzen der Belastbarkeit. Ohne Gewicht bliebe der Same nicht in der Erde. Ohne Ballast wäre der Ballon nicht zu dirigieren. Ohne Schwere würde ich davonfliegen, weder Halt haben noch geben, und ohne Verständnis sein für die Schwere der Welt!«
Bereits in Kapitel 3 kam Paulus auf das Thema Herrlichkeit zu sprechen. Dort bedachte er die Herrlichkeit des Neuen Bundes (3, 9-11). Hier öffnet er den Blick auf die Herrlichkeit, die den Glaubenden am Ziel erwartet. Vielleicht denkt Paulus auch an die Vollendung und Frucht seiner Arbeit (siehe Vers 14). Aber nichts wird größere Herrlichkeit bedeuten als allein die Tatsache, bei Christus zu sein. Dabei wollen wir den Hinweis auf eine »über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit« besonders auf uns wirken lassen. Das bedeutet doch: Die Herrlichkeit bei Christus stellt nicht einen gerechten Ausgleich dar, hält sich nicht die Waage mit den vorhandenen Trübsalen. Unser Herr wird uns vielmehr in einer Weise beschenken, für die es keinen Vergleich gibt. Was wir auf Erden an Opfern brachten, wird von ihm bedacht und übermäßig vergolten. So gnädig und barmherzig ist der Herr, geduldig und von großer Güte (Ps. 103, 8). Dieser Ausblick schenkt Geborgenheit und Kraft. Deshalb fasst Paulus als Glaubender und Realist das Unsichtbare in den Blick. Natürlich können wir nicht unsere Augen vor der sichtbaren Wirklichkeit verschließen, aber »offenbar muss man von Erde und Himmel und von allem, was sichtbar ist, die Augen wegwenden, wenn man das Unsichtbare finden will. Nicht, dass Himmel und Erde nicht schön und des Ansehens wert wären. Sie sind wohl schön und sind da, um angesehen zu werden. Sie sollen unsre Kräfte in Bewegung setzen, durch ihre Schöne an einen, der noch schöner ist, erinnern und unser Herz nach ihm verwunden. Aber wenn sie das getan haben, dann haben sie das Ihrige getan, und weiter können sie uns nicht helfen. Was du sehen kannst, das siehe, und brauche deine Augen, und über das Unsichtbare und Ewige halte dich an Gottes Wort« (M. Claudius).
Mit großem Ideenreichtum wechselt Paulus die Bilder, um seine geistlichen Aussagen anschaulich zu machen. Ging es im vorigen Abschnitt um unterschiedliche Gewichte, so treffen wir hier auf den Gegensatz von Hütte und festem Gebäude. Bei Hütte denken wir an eine provisorische Unterkunft, die auf einer Wanderung willkommenen Schutz darstellt, aber kein sicheres Zuhause. Ganz anders verhält es sich mit einem festen Gebäude. Es ist auf Zukunft angelegt, bietet Sicherheit und mehr Wohn- und Lebensqualität. Noch lebt der Glaubende wie in einer baufälligen Hütte, aber wir werden einen neuen Leib erhalten, ein festes Haus, das nicht von Menschen errichtet ist. Gott selbst ist der »Erbauer« dieser für uns noch unvorstellbaren Wohnung. Uns tröstet die klare Information, dass es um einen Bau geht, der auf Zukunft angelegt ist, Sicherheit bietet und überwältigende Lebensqualität eröffnet. In dieser Zuversicht schrieb jemand: »Der Eigentümer des Hauses, das ich jahrelang bewohnte, ließ mich wissen, er werde kaum noch etwas oder überhaupt nichts mehr ausgeben für Reparaturen. Er riet mir, mich zum Auszug bereitzumachen. Zuerst war mir dies gar nicht willkommen. Meine jetzige Umgebung ist in mancher Hinsicht angenehm, und wenn der Verfall nicht so offensichtlich wäre, würde ich mich weiter mit dem alten Haus begnügen. Doch lässt schon ein leichter Windstoß dieses Haus erzittern und schwanken, und alle Streben vermögen nicht, es zu sichern. Darum bereite ich mich zum Auszug vor.« Paulus entfaltet nicht, wie dieser Umzug und die Verwandlung sich vollziehen werden. Aber wichtig ist ihm wie in Kapitel 4, 14 die deutliche Zusage: Das dürfen wir wissen! Der Tod wird zerstören und trennen. Aber schon jetzt »haben« wir im Himmel den neuen Wohnbau für uns bereitet. Jesus sagt: »Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten« (Joh. 14, 2).
Den Gedanken an eine neue Existenz in der ewigen Herrlichkeit entwickelt Paulus mit einem erneuten Bildwechsel weiter. Nun spricht er von dem Umzug in die himmlische Heimat im Sinne eines Kleiderwechsels. Ein ähnlicher Vergleich begegnet uns an anderer Stelle. Im Gleichnis von der königlichen Hochzeit erzählt Jesus von einem Mann, der nicht willkommen war, weil er kein hochzeitliches Gewand trug (Matth. 22, 11-13). Und in Offenbarung 3, 5 lesen wir: »Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern angetan werden; und ich werde seinen Namen nicht austilgen aus dem Buch des Lebens, und ich will seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln.« Nur wer im irdischen Leben Christus angezogen hat, ist in der neuen Welt richtig gekleidet (Gal. 3, 27). Trotz zuversichtlicher Glaubensgewissheit verschweigt Paulus die mit dem Abschied verbundene Not nicht. Sterben ist schwer. Der letzte Feind ist der Tod (1. Kor. 15, 26). Auch der Apostel würde es vorziehen, nicht einen schweren Todeskampf kämpfen zu müssen. Lieber als den leidvollen Schritt durch das Todestor wünscht er den unmittelbaren Übergang von dieser Zeit in die göttliche Wirklichkeit. Ein solcher Wechsel wird sich bei der Wiederkunft von Jesus ereignen (1. Thess. 4, 15-17). Die Gläubigen werden von ihm geholt, ohne dass sie erst sterben und damit »ausgezogen« werden müssen. In 1. Korinther 15, 52. 53 scheint Paulus damit zu rechnen, die Wiederkunft selber erleben zu können. »Inzwischen ist ihm die andere Möglichkeit, dass er durch die Bitterkeit des Todes hindurch muss, näher gerückt worden. So fasst er in unserem Abschnitt die Lage ins Auge, die sich ergibt, wenn seine irdische Zeltwohnung abgebrochen werden sollte« (O. Schmitz). In den Grenzen unseres Menschseins gehören Seufzen und Erwartung zusammen. In der Gemeinschaft mit Jesus findet beides seinen Sinn und finden wir den notwendigen Halt (Röm. 8, 38. 39).
Das hier verwendete vierte Bild gibt in den genannten Spannungen besonderen Anlass zur Freude. Mitten in den Erschütterungen und Zerfallserscheinungen unserer Hütte müssen wir nicht nur sehnsüchtig auf das Kommende blicken. Wir sind bereits Besitzer eines ungewöhnlichen Pfandes. »In Jesus seid auch ihr, als ihr gläubig wurdet, versiegelt worden mit dem Heiligen Geist, der verheißen ist, welcher ist das Unterpfand unsres Erbes, zu unsrer Erlösung, dass wir sein Eigentum würden zum Lob seiner Herrlichkeit« (Eph. 1, 13b. 14). Daraus ergeben sich zwei Folgerungen: 1. Weitere Ratenzahlungen werden folgen. »Wir leben im Angeld, aber auch in der Gewissheit der Endauszahlung« (H. Krimmer). Lies Römer 8, 11. Die neue Wohnung in der Herrlichkeit kann uns durch nichts vorenthalten werden, weil wir durch Christus untrennbar zum Vater gehören. »Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind. Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi« (Röm. 8, 16. 17a). 2. Wir bekommen nicht erst in Zukunft ewiges Leben. Schon jetzt tragen wir ewiges Leben in uns. Durch den Geist nimmt Jesus in uns Wohnung. Damit ist zugleich auch der Vater präsent (Joh. 14, 23; 17, 23). Mitten in einer vergänglichen Welt sind wir bereits aufs Innigste mit der ewigen Heimat verbunden. Von dort dürfen wir Weisung erwarten und Ausrüstung, um auf dem Weg dorthin zu bestehen (Eph. 1, 18-21). Dies gilt, auch wenn wir uns dessen oft nicht bewusst sind. Es gilt auch, wenn wir uns schmerzlich bewusst sind, wie sehr wir im Blick auf seine Hingabe und Treue in unserer Dankbarkeit und Liebe zurückbleiben. »Mit dieser ersten Anzahlung ist die Gewissheit verbunden, dass alle weiteren Etappen der neuen Lebensgeschichte mit Christus sich begeben werden bis hin zu dem letzten großen Ziel« (E. Schnepel).
Ein Blick in die unsichtbare Wirklichkeit oder eine himmlische Begegnung - viele Menschen wünschen es sich als Glaubenshilfe. Manchen wurde es gewährt. Als ein aramäisches Heer die Stadt Dotan umstellte, um den Propheten Elisa unschädlich zu machen, fürchtete sich sein Diener sehr. Elisa erbat für ihn geöffnete Augen. »Und er sah, und siehe, da war der Berg voll feuriger Rosse und Wagen um Elisa her« (2. Kön. 6, 15-17). Wir verstehen oft nicht, warum Gott so sparsam damit umgeht, uns Zeichen seiner Macht und Herrlichkeit zu geben. An seinen Jünger Thomas richtete Jesus die maßgebenden Worte: »Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben« (Joh. 20, 29)! Darauf verweist uns auch Paulus. »Wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen.« In einem Brief schreibt R.A. Schröder: »Das Rezept ist ja so einfach, und seine Wirkung so sicher, und doch weigert sich immer wieder der kindische Trotz unsres verzagten, verstockten und unlustigen Herzens, es zu befolgen: Fürchte nicht, glaube nur!« Andererseits ist uns wohl bewusst, wie leicht unser Auge getäuscht werden kann, wie schnell besondere Erfahrungen durch räumliche und zeitliche Distanz an Wirkungskraft verlieren. Auf »Schauungen« ist kein Verlass. Was durchträgt, ist sein Wort. Es trägt, auch wenn uns unsere Sinne im Stich lassen und wir nicht mehr sehen und hören können. Im Vertrauen auf Gottes Wort kann Gemeinschaft mit dem Unsichtbaren und Liebe zu ihm wachsen. Petrus gibt davon Zeugnis und ermutigt: »Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude, wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit« (1. Petr. 1, 8. 9; vgl. Hebr. 11, 1).
Dieses Wort gibt Klarheit, dass wir durch das Sterben unmittelbar in die volle Gemeinschaft mit unserem Herrn kommen und nicht einem unbewussten Schlafzustand überantwortet werden. Es ist dieses Wort eine klassische Stelle für unsere Existenz nach dem Tod. Sie wird beschrieben als das Zuhausesein und Einheimischsein bei dem Herrn. »Hinein in die Gemeinschaft mit dem Herrn: das ist die Frucht unseres Sterbens nach diesem Wort der Schrift« (E. Schnepel). Auch in Philipper 1, 23 setzt Paulus die Aussage »abscheiden« mit »bei Christus sein« gleich. (Lies Joh. 12, 26; 17, 24.) Offen bleibt, wie wir bis zur Wiederkunft Jesu beschaffen sein werden (1. Kor. 15, 42. 51-54). Wir stoßen hier an Grenzen des Verstehens und wollen anerkennen, dass Gott sich vorbehalten hat, uns nur die wesentlichen Ereignisse mitzuteilen und keine Einzel-Schilderungen. Für Paulus bedeutet die Aussicht auf vollkommene Gemeinschaft mit dem Herrn so viel, dass er sogar davon spricht, an seinem Sterben Wohlgefallen zu haben. Es ist jedoch keine mystische Todessehnsucht, die ihn dieser Welt entfremdet. Er zieht sich weder in ein Einsiedler- Dasein zurück noch kokettiert er mit dem Gedanken an den Tod. Seine Jesus- Sehnsucht bringt ihn in Bewegung, hier und jetzt ein verantwortliches Leben in der Nachfolge zu praktizieren. Jesus soll seine Freude daran haben. Die Formulierung »wir setzen unsere Ehre darein« wurde im Griechischen auch im Sport verwendet. Damit kennzeichnete man einen Läufer, der mit seiner ganzen Willenskraft und Energie das Ziel anstrebte. Ähnlich beschließt Paulus das Kapitel über die Auferstehung in 1. Korinther 15, 58: »Darum, meine lieben Brüder, seid fest, unerschütterlich und nehmt immer zu in dem Werk des Herrn.« Der Hinweis auf die himmlische Heimat will also nicht einfach nur vertrösten. Er bedeutet Trost und Stärkung im Leid und setzt im Dienst für Jesus neue Kräfte frei.
Kann ich mit meinem Leben vor Gott bestehen? Paulus stellt sich diese Frage mit ganzem Ernst und verweist auf das bevorstehende göttliche Gericht. Die hier beschriebene Gerichtssituation ist allerdings zu unterscheiden vom sogenannten Weltgericht. (Lies Röm. 2, 5-8; Offb. 20, 11-13.) Dort geht es um die Entscheidung ewiges Leben oder ewige Verdammnis. Dem sind die Gläubigen entnommen. Jesus sagt: »Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen« (Joh. 5, 24). In 2. Korinther 5, 10 handelt es sich ausschließlich um eine Beurteilung der Gläubigen. Erst muss alles zwischen Christus und uns geklärt sein, bevor ungetrübte Gemeinschaft mit ihm möglich ist. Deshalb spricht er mit uns über ungeklärte Schuld (Röm. 14, 10b. 12; 1. Kor. 11, 32) und beurteilt, was wir in der uns geschenkten Zeit mit den uns anvertrauten Gaben getan haben (1. Kor. 3, 11-15). Es ist sogar von Lohn die Rede (vgl. 1. Kor. 3, 8; Eph. 6, 8). Dieser Lohn ist anders einzuschätzen als eine Belohnung nach dem allgemeinen Leistungsprinzip, bei dem nur der Erfolg von Bedeutung ist. Bei Gott zählt der Gehorsam, die Treue und die Liebe (Matth. 25, 21). Dieses Wissen um eine letzte Verantwortung vor Jesus bewahrt vor Selbstzufriedenheit und ist Ansporn in unserem Dienst.
Wir dienen, Herr, um keinen Lohn, es wär uns selbst zu Schaden,
doch stehen wir um deinen Thron im Abglanz deiner Gnaden.
Auch fordert keiner Dank und Recht; er wäre ja verloren:
Du hast den ungetreuen Knecht dir selbst zum Sohn erkoren.
Bestellst uns in die Ritterschaft, da ist uns schon gelungen,
was wir durch unsre eigne Kraft in keinem Streit errungen.
Erneuerst täglich deinen Bund in Jesu Christi Namen.
Wir stehn auf keinem andern Grund als auf dem Deinen.
Amen.
R. A. SchröderEs ist von unschätzbarem Wert, die Ziele zu erkennen, die Gott sich für seine Kinder gesteckt hat und die der Apostel Paulus so ernsthaft bittend vor den Thron Gottes brachte. Zugleich diente Paulus damit den Gläubigen in großer Weisheit und Liebe, in Kraft und Geduld, um sie praktisch diesen Zielen entgegenzuführen. (Vgl. Phil. 1, 3-6.) - Paulus war sich völlig bewusst, dass sein Bemühen um die Gemeinde nur dann Wert und Wirkung hatte, wenn Gott selber durch die Macht des Heiligen Geistes an und in ihnen arbeitete. Deshalb bestand der wichtigste Teil seines Wirkens für die Gläubigen im Bitten und Danksagen vor Gott! Paulus war ein Beter - ein Diener am Thron Gottes. Den Betern der Bibel war es von alters her selbstverständlich, die Ehrfurcht vor Gott, die in ihrem Herzen war, auch äußerlich zum Ausdruck zu bringen. Ein Abraham fiel auf sein Angesicht, als Gott ihm erschien und zu ihm redete (1. Mose 17, 3). Mose, Aaron und Josua, David und Salomo genauso, wenn Gott mit ihnen sprach oder sie zu Gott im Gebet redeten. (Vgl. 4. Mose 14, 5; 16, 22; 20, 6; Jos. 5, 14; 7, 6; 2. Chron. 6, 12-14.) - Daniel, der hohe Minister, hatte die gute Gewohnheit, dreimal täglich sein Obergemach aufzusuchen und lobpreisend, betend und flehend vor seinem Gott auf die Knie zu sinken (Dan. 6, 11). Und du? Ist es auch dir ein tiefes Bedürfnis, eine tägliche Gewohnheit, auf deinen Knien zu liegen vor deinem Gott - dein Herz vor ihm auszuschütten in Dank und Anbetung und Flehen? Betest du? Kennst du auch das große Vorrecht, den Dienst der Fürbitte nicht nur für das äußere Wohl derer, die dir nahestehen, sondern auch für die Errettung von Menschen und das innere Wachstum derer, die Gott dir aufs Herz legt? (Lies Kol. 1, 7-14; 4, 12. 13.)
Paulus rechnet mit der Wirkung, mit der Erhörung seines Gebetes. Er weiß, dass »das Gebet eines Gerechten viel vermag«, dass Gott »tut, was die Gottesfürchtigen begehren«. Der Apostel weiß, dass »alles möglich ist dem, der glaubt«. (Lies Jak. 5, 16b-18.) Was erwartet und erbittet nun der Apostel für seine Brüder und Schwestern im Glauben? Dass der Vater »euch gebe, nach dem Reichtum seiner Herrlich- keit mit Kraft gestärkt zu werden durch seinen Geist am inneren Menschen«. Der »innere Mensch« ist »der neue Mensch« in uns, das neue göttliche Leben, das durch Gottes Wort und Geist gezeugt ist. »Wie viele Christus (in ihr Leben) aufnahmen, denen gab er das Recht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus Geblüt noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind« (Joh. 1, 12. 13; vgl. Joh. 3, 3-8; 2. Kor. 4, 16-18; 1. Joh. 4, 4; 5, 1-5). Dieser neue innere Mensch ist zunächst nach der Bekehrung schwach wie ein kleines Kind. Aber wie ein solches sollen wir auch »begierig sein nach der vernünftigen, unverfälschten Milch des Wortes Gottes, auf dass wir durch sie wachsen zu unserem Heil«. Die Kräftigung, das Wachstum unseres inneren Menschen ist also von hoher Bedeutung. Viele Gläubige bleiben ihr Leben lang unmündig; man kann ihnen nur Kleinkindernahrung geben; da sie nicht gewachsen und erwachsen sind, können sie die geistliche Erwachsenen-Nahrung gar nicht ertragen. Es fehlt ihnen die innere Kraft, das geistliche Verständnis dafür. (Vgl. 1. Kor. 3, 1-4; Hebr. 5, 12. 13.) Die Apostel rufen uns zu: »Wachset in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus.« »Brüder, seid nicht Kinder am Verstand; sondern hinsichtlich der Bosheit seid Unmündige, hinsichtlich des Verständnisses aber seid Erwachsene « (2. Petr. 3, 18; 1. Kor. 14, 20; lies 2. Petr. 1, 1-11)!
Die natürliche Kraft des Menschen taugt für das geistliche Leben nichts; sie reicht gerade bis zu dem Augenblick, da wir wirkliche Kraft brauchen - sei es in Versuchungen und Verführungen zur Sünde, sei es in Leiden und Schwierigkeiten. Gerade dann lässt sie uns vollständig im Stich. Wie hat Petrus das doch erfahren! So kraftvoll versicherte er dem Herrn - sich für tatkräftiger, mutiger, hingebender haltend als die anderen Jünger: »Herr, wenn sich auch alle an dir ärgern - ich aber nicht!« Das war sein aufrichtiger Herzensvorsatz; aber er hielt nicht stand, als die Versuchung an ihn herantrat. Weil Kinder Gottes noch so viel eigene Kraft haben und ihr vertrauen, darum fallen sie so oft in Sünde und immer wieder in die gleiche Sünde, darum versagen sie häufig gerade da, wo der Herr sich auf sie verlassen können sollte. Geistliche Kraft, göttliche Kraft ist der eigenen Kraft ganz entgegengesetzt. Gott verbindet seine Kraft niemals mit der natürlichen Kraft des Menschen, sondern mit dessen tiefempfundener Schwachheit: »Dem Ohnmächtigen mehrt er die Stärke.« (Lies Jes. 40, 27-31; Ps. 18, 33-37; Hab. 3, 18. 19.) Der Gläubige muss zur Erkenntnis seines Versagens und Unvermögens kommen. In demMaß, als er dieses empfindet und seine Zuflucht demütig zur Kraft Gottes nimmt, wird er ein Überwinder sein im praktischen Leben für Gott. Paulus lernte es in einem Leben der Hingabe an seinen Herrn: »Meine Kraft wird in deiner Schwachheit vollbracht.« Er durfte es in den schweren Leidensund Geduldsproben erfahren, was Jesus so tröstend zu ihm gesagt hatte, als er dreimal vergeblich um Entfernung des Dorns im Fleisch gefleht hatte: »Meine Gnade ist genug für dich, denn meine Kraft gelangt in der Schwachheit zu voller Auswirkung.«
Wenn Gott Kraft darreicht, dann tut er es nicht kärglich - etwa so, dass man eben mit knapper Not durchkommt -, sondern »nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit«. Wer von uns könnte diesen Reichtum ermessen? O Tiefe des Reichtums, o unermessliche Fülle der Kraft, aus der unser Gott uns, den Unvermögenden, darreicht! Diese Darreichung geschieht nicht ein für alle Mal - nicht einmal über eine lange Zeit hinaus. Nein, wir bedürfen ihrer beständig. Aus seiner Fülle dürfen wir nehmen »Gnade um Gnade«, das heißt eine Gnade nach der anderen, entsprechend den an uns herantretenden Anforderungen, Leiden und Proben. Wenn die Kinder Gottes durch das Tränental gehen, erfahren sie als Realität: »Sie gehen von einer Kraft zur anderen«; oder wie ein Übersetzer es frei wiedergibt: »Ihnen wächst die Kraft beim Wandern, bis sie vor Gott erscheinen in Zion.« Darum: »Glückselig der Mensch, dessen Stärke in dir ist, in dessen Herzen gebahnte Wege sind.« (Lies Ps. 84, 5-7; Joh. 1, 16.) - »Deshalb ermatten wir nicht, sondern wenn auch unser äußerer Mensch aufgerieben wird, so wird doch der innere Tag für Tag erneuert.« (Lies Hiob 17, 9; Ps. 29, 11; 103, 5; Sach. 10, 12.) Der Heilige Geist ist es, der die Kraft aus Gott vermittelt. Er ist ja nicht ein Geist der Furcht und der Schwäche, sondern »der Liebe und der Kraft und der Besonnenheit«. Der Prophet Micha sagt: »Ich bin mit Kraft erfüllt durch den Geist des Herrn und mit Recht und Stärke« (Micha 3, 8; vgl. 2. Tim. 1, 7). Paulus rühmt: »Das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.« - Es ist etwas Wunderbares um die Kraft und Wirksamkeit des Heiligen Geistes im Herzen und Leben eines aufrichtigen und hingegebenen Kindes Gottes!
Der Heilige Geist ist stets auf die Ehre und Verherrlichung von Christus bedacht. Er will uns den Sohn Gottes groß und kostbar machen. Jesus sagt ja: »Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, gekommen ist, wird er euch in die ganze Warhheit leiten . . . Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er's nehmen und euch verkündigen.« - Er wirkt es, »dass Christus durch den Glauben in unseren Herzen wohne«. Er stellt uns durch die Schrift und in der Schrift den Herrn Jesus in all seiner Gnade und Kostbarkeit - in all seiner Liebe und Herrlichkeit vor Augen und wirkt es, dass wir uns an ihm und in ihm freuen. (Lies Ps. 63, 5-8; 73, 25. 26; Röm. 8, 10. 11.) Der Heilige Geist ist es, der in unserem Inneren diesen heiligen Trieb, diesen tiefen Zug der Liebe zu Jesus wirkt, dass wir ohne ihn - ohne bewusste Gemeinschaft mit ihm - nicht sein wollen, nicht sein können. Schon David sagt: »Ich habe den Herrn stets vor mich gestellt; weil er zu meiner Rechten ist, werde ich nicht wanken; darum freut sich mein Herz und frohlockt meine Seele.« Ja, es ist immer so, wo der Herr Jesus geschaut wird, wo seine Gnade und Herrlichkeit erkannt wird, da ist Freude. »Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen.« Jesus will sich uns für immer schenken; er will dauernd in unserem Herzen wohnen. Wie bei den Emmausjüngern will er bei uns einkehren, um bei uns zu bleiben. Er will in unserem Herzen wohnen durch den Glauben, und dieser Glaube muss stark gemacht werden durch gründliches Forschen in der Schrift und durch ein aufrichtiges Gebetsleben.
»Indem ihr in Liebe gewurzelt und gegründet seid.« Viele Gläubige denken bei diesem Wort an die Liebe, die sie selbst üben sollen. Und es wird selbstverständlich von Jesus-Jüngern erwartet, dass sie selbstlose, warme Liebe üben und darin stark und stetig werden. (Vgl. Eph. 5, 1. 2; 1. Kor. 13, 1-3.) Aber bevor ich geben kann, muss ich empfangen. Und in unserem Epheser-Wort handelt es sich um die Liebe, mit der wir von Gott und von Jesus geliebt werden: »Wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt (d. h. wer in dem Bewusstsein bleibt, wie sehr Gott ihn liebt), der bleibt in Gott und Gott in ihm.« Ein solcher pflegt die bleibende innere Verbindung mit Gott. Wie der Baum seine Wurzeln immer tiefer in den kraftspendenden Mutterboden der Erde streckt, so darf und soll unsere Seele zur Ruhe kommen und sich freuen in der wachsenden Erkenntnis der wunderbaren Liebe, mit der unser Gott uns liebt. Wie zum Volk Israel, so spricht er auch zu uns: »Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt; darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte« (Jer. 31, 3; vgl. 5. Mose 7, 7-9; 10, 14-21). Wahrlich, »die Liebe Gottes«, mit der er uns liebt, »ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben worden ist«. Unser Herz darf erfüllt sein von der Tatsache, dass wir so geliebt sind von unserem Gott. Und dann heißt es freilich: »Geliebte, wenn Gott uns also geliebt hat, so sind auch wir schuldig, einander zu lieben.« Bist du gewurzelt und gegründet in dieser unendlich großen Liebe Gottes? Lässt du dich nicht mehr so leicht erschüttern - nicht mehr so leicht umwerfen - nicht mehr so leicht wegziehen aus der herzlichen Verbindung mit deinem Gott? Es ist etwas Großes um ein in der Liebe Gottes ruhendes, im Herrn Jesus Christus befestigtes Herz.
»Auf dass ihr völlig zu erfassen vermögt mit allen Heiligen, welches die Breite und Länge und Tiefe und Höhe sei!« - Das geistliche Fassungsvermögen der Kinder Gottes ist auffällig verschieden; bei den einen ist es wenig ausgebildet. Andere bleiben auf dem Standpunkt der Unmündigkeit. Den Galatern muss der Apostel schmerzerfüllt zurufen: »Jetzt aber, da ihr Gott erkannt habt, . . . wie wendet ihr euch wieder um zu den schwachen und armseligen Anfängerlehren, denen ihr von neuem dienen wollt? Ich fürchte um euch, ob ich nicht etwa vergeblich an euch gearbeitet habe. Meine Lieben, um die ich abermals Geburtswehen habe, bis Christus in euch Gestalt gewinne« (Gal. 4, 9ff). Den Korinthern und den Hebräern muss er einen ähnlichen Vorwurf machen. (Vgl. 1. Kor. 3, 1-3; Hebr. 5, 11-14.) Bei den einen ging es um Überheblichkeit, Neid und Streit betreffs geistlicher Gaben und Erkenntnisse, was ihr Wachstum hinderte, bei den anderen war es geistliche Trägheit und Schlaffheit, eine gewisse Mutlosigkeit und Glaubenslosigkeit, die sie nicht vorankommen ließ. Alle solchen Hindernisse des inneren Lebens müssen wir energisch überwinden, wenn wir das Ziel erreichen und den ewigen Siegespreis nicht einbüßen wollen. (Lies 1.Kor. 9, 24-27; Hebr. 11, 1. 2. 39. 40; 12, 1-3. 12-14.) Soll unser geistliches Fassungsvermögen sich normal entwickeln - wollen wir wachsen und heranreifen, so müssen wir unsere Aufnahmefähigkeit ausbilden. So wie Kinder durch allmähliche Darreichung festerer und kräftigerer Speise nach und nach die Kost der Erwachsenen vertragen, so soll das Kind Gottes durch den täglichen Gebrauch des Wortes Gottes mehr Licht, mehr Klarheit empfangen. Durch betendes Nachsinnen über das Gelesene, durch treues praktisches Befolgen des erkannten Willens Gottes nimmt man zu an Gnade und Erkenntnis, an Gemeinschaft mit Gott, an Liebe zu Gott und den Mitgläubigen. (Lies Matth. 13, 23; Apg. 17, 11. 12; 1. Thess. 2, 13.)
Die Segnungen, die Gott uns im Herrn Jesus Christus geschenkt und aufgeschlossen hat, sind unaussprechlich groß und weitreichend. Wir werden erinnert an das irdische Land der Verheißung, in das Gott das alttestamentliche Bundesvolk brachte. Zu Abraham sprach er: »Das ganze Land, das du siehst, dir will ich es geben. Mache dich auf und durchwandere das Land nach seiner Länge und nach seiner Breite; denn dir will ich es geben.« Als Josua mit dem Volk das Gelobte Land betrat, sagte der Herr: »Jeder Ort, auf den eure Fußsohle treten wird, euch habe ich ihn gegeben.« (Lies Jos. 1, 3-6; vgl. 5. Mose 11, 24. 25.) So will unser Herr, dass auch wir die geistlichen Schätze, die er uns in dem guten Land der Gemeinschaft mit ihm selbst bereitet hat, wirklich erfassen und uns an ihnen freuen: »Wir haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, auf dass wir die Dinge kennen, die uns von Gott geschenkt sind« (1. Kor. 2, 12). Die Fülle und Weite, die Größe und Herrlichkeit der Segnungen, die Gott uns in Jesus geschenkt hat, ist ja unermesslich: Lies Epheser 1, 3. Es handelt sich durchaus um »greifbare« Gnaden und Güter für unsere Seele, z. B. Vergebung der Sünden für immer (Hebr. 10, 17), ewiges Leben (1. Joh. 5, 13), Frieden mit Gott und Gemeinschaft mit Gott (Röm. 5, 1. 2; 1. Kor. 1, 9), persönliche Heilsgewissheit und Heilsfreude (1. Joh. 3, 14; Jes. 61, 10). Das Zeugnis und die Innewohnung des Heiligen Geistes (2. Kor. 1, 21). Das Ruhen in der Liebe Gottes (1. Joh. 4, 16-19). Die Liebe zu allen Miterlösten und die herzliche Verbundenheit mit ihnen (1. Kor. 12, 13; 1. Joh. 4, 7). Das wachsende Erkennen Gottes, seiner Größe und Heiligkeit, seiner Liebe und Barmherzigkeit. Die herrlichen Aussichten für die Zukunft bei ihm (Offb. 21, 1-7).
»Und zu erkennen die alle Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus.« Schon im Bewusstsein, vom Vater und von Jesus geliebt zu sein, sind wir imstande, mehr von dieser wunderbaren Liebe zu erfassen. Was machte den Apostel Paulus so stark im Dienst seines Herrn, so freudig im Leiden, so hingebungsvoll in der Arbeit an Menschen? Dass er sich so geliebt wusste von seinem Herrn und Erlöser - dass er praktisch mit seinem ganzen Herzen in diesem liebenden Verhältnis zu Jesus lebte. Der Apostel sagt: »Die Liebe des Christus drängt uns« (2. Kor. 5, 14a). - In Römer 8 jubelt er: »Wer wird uns scheiden von der Liebe des Herrn Jesus Christus? Bedrängnis oder Angst oder Verfolgung oder Hungersnot oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? . . . In diesem allen sind wir mehr als Überwinder durch den, der uns geliebt hat« (V. 35. 37). Im Erkennen dieser Liebe, in der Freude über diese Liebe und im Starksein durch diese Liebe dürfen wir zunehmen, »auf dass ihr erfüllt sein möget zu der ganzen Fülle Gottes«. Unser Inneres ist - wenn wir uns wirklich dem Herrn zur Verfügung stellen - wie ein geheiligtes Gefäß, das Jesus selbst mit seiner Liebe, mit seinem göttlichen Leben, mit seiner Kraft und seinem Geist füllt. - Leider ist die Christenheit ein Haus geworden, in dem nicht allein Gefäße zur Ehre Gottes sind, sondern auch sehr viele Gefäße zur Unehre. Da gilt es für die, die dem Herrn treu sein wollen, sich zu lösen von allem, was ihm nicht gefällt. (Lies 2. Tim. 2, 20-25a.) Bist du solch ein Gefäß zur Ehre Gottes, lieber Bruder, liebe Schwester? - Denke an Stephanus; er war auch nur ein schwaches Gefäß - aber womit gefüllt? »Mit Gnade und Kraft - mit Glauben und Heiligem Geist« (Apg. 6, 5. 8).
Der Apostel schließt sein Gebet mit der Verherrlichung Gottes. Vor den Blicken des Paulus steht Gott in seiner Macht als der herrliche Erhörer unserer Gebete. Der Herr »vermag über alles hinaus zu tun«. Schon Abraham, der Vater der Gläubigen, kannte Gott als den »Gott der Herrlichkeit« - als den »Allmächtigen«, für den »nichts unmöglich« - »nichts zu wunderbar« ist (vgl. Apg. 7, 2; 1. Mose 17, 1; 18, 14). Der Prophet Jeremia wandte sich im Gebet an den Herrn: »Ach Herr, siehe, du hast die Himmel und die Erde gemacht durch deine große Kraft und durch deinen ausgestreckten Arm: Kein Ding ist dir unmöglich. Du großer, mächtiger Gott, dessen Name Herr der Heerscharen ist, groß an Rat und mächtig an Tat, der du Zeichen und Wunder getan hast bis auf diesen Tag« (Jer. 32, 17. 19. 20). Unser Bitten und Denken, unser Wünschen und Hoffen im Glauben - so kühn es sein mag, reicht noch lange nicht heran an das, was Gott zu tun vermag - was er tun will auf unser Gebet hin. - Abraham glaubte, dass Gott Tote erwecken kann, darum band er seinen Isaak auf den Altar und hätte ihn auf Gottes Befehl geopfert, wenn Gott selbst ihm nicht Einhalt geboten hätte. Er rechnete mit dem Gott, dem alles möglich ist - der alles vermag. (Lies Hebr. 11, 17-19.) Gott sieht den Glauben unseres Herzens an: »Dir geschehe nach deinem Glauben!« Deshalb heißt es in Epheser 3, 20 »entsprechend der Kraft, die in uns wirkt«. Diese lebendige, starke Kraft des Heiligen Geistes und des Glaubens muss in uns wirksam sein. Aber dann kann Gott uns auch wunderbar als seine Werkzeuge gebrauchen. Nicht ohne seine Mitarbeiter, sondern mit ihnen. Er lässt die Kraft seines Geistes, seiner Liebe in und durch uns das wirken, was vor ihm wohlgefällig ist. (Lies Matth. 7, 7-11; 18, 19; Joh. 14, 13. 14; 15, 7.)
Diesem herrlichen Gott, dem großen Erhörer des Gebets, soll Ehre und Herrlichkeit, Anbetung und Ehrung dargebracht werden in alle Ewigkeit. Viele Kinder Gottes verstehen ihren hohen Beruf als Anbeter Gottes noch nicht so gut. Sie wissen im Grunde nicht, was Anbetung und Verherrlichung Gottes heißt. Und doch ist es genau das, was die Heilige Schrift »Gottesdienst« nennt. Der Herr Jesus Christus sagt: »Es kommt aber die Stunde und ist jetzt, da die wahrhaftigen Anbeter den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten; denn der Vater sucht solche Anbeter. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten« (Joh. 4, 24). Bevor wir im Gebet unsere Anliegen und Bitten vor Gott niederlegen, wollen wir ihm zuerst in der Anbetung den Dank unseres Herzens bringen; die Ehrung für das, was er ist in seiner Größe, Liebe und Herrlichkeit und was er für uns getan hat zu unserem Heil: »Gebt dem Herrn Herrlichkeit und Stärke! Gebt dem Herrn die Herrlichkeit seines Namens! Betet den Herrn an in heiliger Pracht!« (Lies 1. Chron. 16, 23-34; Ps. 113, 1-9; 145, 1-13.) Erst durch den Herrn Jesus Christus hat Gott sich in seiner ganzen Herrlichkeit und Gnade geoffenbart. »Niemand hat Gott jemals gesehen; der eingeborene Sohn, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist, der hat ihn uns verkündigt« (Joh. 1, 18). Deshalb haben die durch Jesus Erlösten die höchste Ursache, Gott anzubeten und ihm die Ehre und Herrlichkeit zu bringen. Dürfen sie doch auf Grund der auf Golgatha geschehenen Erlösung Gott so nahe stehen - als geliebte Kinder ihn ihren Vater nennen. »Dem aber, der euch vor dem Straucheln behüten kann und euch untadelig stellen kann vor das Angesicht seiner Herrlichkeit mit Freuden, dem alleinigen Gott, unserm Heiland, sei durch Jesus Christus, unserm Herrn, Ehre und Majestät und Gewalt und Macht vor aller Zeit, jetzt und in alle Ewigkeit! Amen« (Judas 24. 25).
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