»Mein Gott, betrübt ist meine Seele in mir . . . « - Ist der Beter doch noch nicht aus seinem Tief herausgekommen? An seiner Lage änderte sich offenbar nichts. Noch immer musste er in der Fremde fern von seiner geistlichen Heimat aushalten. Und doch war da ein Neues in ihm, eine Wendung von sich weg zu dem, der eine Änderung herbeiführen kann. Er hat die Distanz zu Gott überwunden, die anfangs sein Beten bestimmte. Er nähert sich nun Gott, wird ganz persönlich: »Mein Gott . . . deine Fluten . . . « - »Naht euch zu Gott! Und er wird sich euch nahen« (Jak. 4, 8). Wir sind nicht einfach hilflos unserem Elend ausgeliefert. Wenn es durchs dunkle Tal geht, wenn wir den Eindruck haben, dass Wogen und Wellen über uns zusammenschlagen, können wir zum Thron Gottes hin klagen und dort unsere Not aussprechen. Sie wird nicht ungehört im weiten Raum verhallen, sondern im Himmel registriert und beantwortet. (Lies Hebr.4,14-16.) »Rechtzeitige Hilfe« ist uns versprochen, und was der Herr sagt, tut er auch. - Der einsame Beter am Hermon achtet nun darauf, dass der Gesprächsfaden mit Gott nicht wieder abreißt. Er hält Tag und Nacht an seinem persönlichen Gottesdienst fest (V. 9) und spricht ehrlich die Gedanken aus, die ihn belasten: »Ich sage zu Gott, meinem Fels: Warum hast du mich vergessen? Warum muss ich so traurig gehen, wenn mein Feind mich bedrängt?« Spott und Gotteslästerung der Feinde haben ihn zerschlagen. All diese beunruhigenden Warum-Fragen sagt er seinem Gott. Er kann nichts Besseres tun. Er ist zu schwach, um sich gegen diesen finsteren Druck zu wehren. Deshalb betet er. »Wer betet, verzichtet auf die eigenen Fähigkeiten, um sich den Machenschaften der Herausforderer zu widersetzen« (D. Schneider).
Der Kehrreim in Psalm 42, 6. 12 und 43, 5 lässt den Schluss zu, dass es sich ursprünglich um einen Psalm gehandelt hat. Sie gehören inhaltlich zusammen, auch wenn in Psalm 43 der Beter einen neuen Ton anschlägt: »Schaffe mir Recht, o Gott, und führe meine Sache wider das unheilige Volk.« Ein kühnes Gebet. Darf man denn so vor dem heiligen Gott auftreten? Der Psalmist tut es mit allem Freimut. Auch David wagte es, so zu beten: »Gott, durch deinen Namen rette mich, schaffe mir Recht durch deine Macht« (Ps. 54, 3). Seiner Erfahrung nach erhielt er auf solche Gebete auch eine Antwort: »Du hast ausgeführt mein Recht und meine Rechtssache« (Ps. 9, 5). Natürlich kann es nicht um Rechthaberei gehen, sondern um konkretes offensichtliches Unrecht. »Den Wunsch der Sanftmütigen hast du gehört, Herr, . . . lässt aufmerken dein Ohr, um Recht zu schaffen der Waise und dem Unterdrückten« (Ps. 10, 17. 18). Auch David pochte nicht eigensinnig auf sein Recht, wenn er bat: »Hilf mir zum Recht, Herr! Denn in meiner Lauterkeit bin ich gewandelt« (Ps. 26, 1; vgl. Luk. 18, 1-8). Er nahm die Durchsetzung seines Rechtes nicht selbst in die Hand, sondern übergab das Problem seinem Herrn, der allein gerecht ist und sich für den Hilflosen einsetzt. Wir dürfen also so kühn beten, wenn wir uns ins Unrecht gesetzt sehen. Wir müssen uns nicht vor anderen, die eine Schuld bei uns sehen, selbst erklären, nicht mit Selbstrechtfertigungen abplagen, um uns zu verteidigen. Das ist Ausdruck tiefen Glaubens, wenn wir uns in einer solchen Situation Gott voll und ganz anvertrauen. Es bringt uns den Frieden zurück, den wir durch vergebliche innere und äußere Kämpfe verloren haben. (Lies 1. Petr. 5, 6-11.)
Der einsame Beter im Gebiet des Hermon kämpft noch immer. Er hat seine Lage noch nicht im Griff. Er mag auf schnelle Hilfe gehofft haben. Das ist uns der liebste, aber für unser geistliches Wachstum nicht immer der beste Weg. Das Warten gibt uns die Zeit, die zu unserer inneren Veränderung nötig ist. - »Gott, schaffe mir Recht . . . denn du bist der Gott meiner Zuflucht« (so der Urtext). Es ist dem Beter in früheren Zeiten, als er noch inmitten vieler Gleichgesinnter an den Gottesdiensten in Jerusalem teilnahm, vielleicht nicht so bewusst gewesen, wie schutzbedürftig er eigentlich ist. In der Fremde erkennt er, dass er nur unter dem Schutz des Allmächtigen vor Feinden sicher ist. Trotz dieser Erkenntnis übermannt ihn wieder das Gefühl der Verlassenheit: »Warum hast du mich verstoßen?« Das gegenwärtige Übel ist wieder übermächtig geworden. Er ist versucht, den unguten und belastenden Umständen mehr Beachtung zu schenken, als ihnen zusteht. Die Lästerungen der Spötter wollen seinen Sinn und Verstand wieder gefangen nehmen. Hat Gott ihn nun doch verlassen? Gerade in diesem kritischen Augenblick entringt sich seinem Herzen das wichtigste Gebet dieser Stunde: »Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten . . . zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist.« Jetzt hat der Beter konkret vor Gott ausgesprochen, dass erihn sucht und zu ihm gelangen möchte. Das ist Sinn und Ziel seines Lebens. In seinem Gott ist er zu Hause, für ewige Zeiten sicher und geborgen. Jetzt kann ihn keine irdische Heimatlosigkeit, kein Hohn und Spott mehr irremachen. Er ist sich seines Weges wieder gewiss und kann noch eindringlicher zu sich sagen: »Was betrübst du dich, meine Seele? Harre auf Gott. Denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.« (Lies Ps.31,25; 27,14; 62, 2-9.)
3. WAS DIE VÄTER DEN SÖHNEN ERZÄHLT HABEN Wie in den Psalmen 42 und 43 ein Einzelner unter der Gottesferne litt, so leidet in diesem Psalm das ganze Volk darunter, dass Gott sich anscheinend von ihnen zurückgezogen hat. Man kann sich gut vorstellen, wie einer der Nachkommen Korachs dieses Gebet im Tempel von Jerusalem vorgebetet hat und die versammelte Gemeinde klagend mit einstimmte. Von den Vätern, den Vorfahren wusste man um die großen Taten Gottes, die er für sein erwähltes Volk getan hatte - aber heute? Wo war denn nun der Mächtige Israels in all ihrer Bedrängnis? Was unternahm er gegen die Machenschaften ihrer Feinde? Das Gebet der Söhne Korachs fasst in Worte, was viele - damals wie heute - bewegt und beunruhigt. Je weniger man von den Werken Gottes weiß, desto sorgenvoller ist der Blick in die Zukunft. Der Anfang des Psalms bringt die großen Taten Gottes in Erinnerung, die er für sein Volk getan hat. Hat er heute nicht dieselbe Kraft? »Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden« (Matth.28,18). - Es ist im Hinblick auf die Zukunft unverzichtbar, dass Eltern ihren Kindern die biblische Geschichte erzählen. Das setzt natürlich voraus, dass sie den Eltern bekannt und an ihrem Vorbild abzulesen ist, wie sehr sie ihr Vertrauen auf Gott gesetzt haben. (Lies 5.Mose 6, 20-25; Ps. 78, 5-7; 2. Tim. 3, 14-17.) - Im Alten Testament ist die Erinnerung an die Befreiung Israels aus der Sklaverei in Ägypten und die Aneignung des von Gott verheißenen Landes Kanaan zentrales Thema. Es schattet voraus, was der Gott Israels durch seinen Sohn Jesus Christus für die ganze Menschheit tun wollte: Rettung aus der Sklaverei der Sünde und Verheißung eines Lebens, das in Jesus gegründet ist und uns Anteil an der himmlischen Herrlichkeit gibt.
4. ES IST GOTTES KRAFT, DIE UNS KRÄFTIG MACHT Im Buch Josua können wir nachlesen, welche Kämpfe es gekostet hat, das Land, in dem Milch und Honig fließt, einzunehmen. Aber aller Mut und Einsatz wäre nichtig und erfolglos gewesen, wenn nicht der Mächtige Israels eingegriffen hätte. Darauf legt der Psalmist deutlich seinen Finger: Nicht ihre Kräfte bewirkten die Siege, sondern seine Rechte, sein Arm, sein Angesicht. Israel konnte ohne diesen göttlichen Rückhalt gegenüber dem Feind nicht siegreich sein. Es geht hier allerdings nicht um Kriegsberichterstattung, sondern darum, wer den Bösen, den Feind alles Guten, den Widersacher Gottes beherrscht und besiegt. Hinter den kriegerischen Handlungen, von denen wir in der Bibel lesen, haben wir den geistlichen Kampf zu sehen: Satan lässt nichts unversucht, alles, was Gott gehört, zu zerstören. Dieser Kampf hat seine handfesten Auswirkungen, und niemand kann gegen den Feind bestehen, wenn er selbst nicht in der Hand des Siegers ist. »Du selbst bist mein König, o Gott! Gebiete die Rettungen Jakobs« (V. 5). Rettung durch einen Stärkeren ist nötig, um den Feind zu überwinden. Dabei ist der Kämpfer nicht passiv, wie die Verse 6-8 zeigen. Er ist aktiv, indem er sich fest entschließt, den Angriffen zu widerstehen und zugleich bei Gott Zuflucht sucht und sich auf seine Macht verlässt. Paulus hat diesen geistlichen Kampf treffend in Epheser 6, 10-17 beschrieben. Alle, die durch Jesus Christus zur Familie Gottes gehören, sind in diesen Kampf gestellt. Denn wir sind noch nicht im Himmel, sondern noch auf der vergänglichen und von der Sünde verunstalteten Erde. Wir sind angefochtene Leute, aber in Jesus Christus unbesiegbar. Deshalb: »In Gott rühmen wir uns den ganzen Tag, und deinen Namen werden wir ewig preisen.«
5. WENN GOTT UNS SCHEINBAR FREMD WIRD Wie dicht liegen das Gotteslob und das Klagen beieinander! Wie oft wird auf unbegreiflichen Wegen die Warum-Frage gestellt. Wir dürfen sie stellen. Wir dürfen vor Gott klagen und deutlich aussprechen, was wir an ihm nicht verstehen. Wir können da ganz ehrlich sein. Gott hört auch solche Gebete und beantwortet sie so, dass wir nicht vergessen und verlassen auf der Strecke liegen bleiben. Es ist damit nicht gesagt, dass solche Zeiten des Nicht-Verstehens einfach zu bewältigen wären. Wünsche und Träume gehen in die Brüche, Beziehungen zerbrechen, offene Türen schlagen zu. - Für das Israel damals waren die Siege über die Feinde das Selbstverständliche. Der Herr würde sie doch nicht im Stich lassen! Es ging schließlich um die Ehre seines Namens. Welch eine Beschämung, wenn die Nachbarvölker über das Gottesvolk triumphieren würden! Der Psalmbeter breitet seine Klagen vor Gott aus und will damit sagen: »Das alles hast du uns angetan und zugelassen. Du hast uns verstoßen, du gibst uns dahin wie Schlachtschafe, du verkaufst dein Volk!« Der Beter stöhnt unter dieser Last: »Täglich ist meine Schmach mir vor Augen, . . . weil ich sie (die Feinde) höhnen und lästern höre« (V. 16. 17). Aber er schüttet alles vor ihm aus. Er kündigt sein Vertrauen nicht auf. Gott ist immer noch Gott, der seine Versprechen hält. Das gilt für das Volk Israel, und das gilt für alle, die sich im Namen des Herrn Jesus Christus auf Gottes Verheißungen berufen. Das gilt auch in Zeiten, in denen wir seine Wege nicht nachvollziehen können und uns sein Handeln an uns und den Völkern befremdend erscheint. »Denn er hat gesagt: Ich will dich nicht aufgeben und dich nicht verlassen« (Hebr. 13, 5b. 6; lies 1.Mose 28,15; 5.Mose 31,6; Jos.1,5; 1.Chron.28,20; Ps.118,5.6).
6. DER BEWEIS DER TREUE Das Leiden, das in diesem Psalm beschrieben wird, ist hier nicht als eine Gottesstrafe zu verstehen. Das Volk leidet, weil es Gottes Volk ist. Es leidet, weil der Widersacher Gottes alles Erdenkliche tut, um die Glaubenden zum Abfall von Gott zu verführen. Leiden ist somit ein Zeichen der Zugehörigkeit zu Gott und zugleich auch eine Erprobung des Glaubens. Leiden ist eine feste Größe im Glaubensleben. In Leidenszeiten wird offenbar, wie treu wir tatsächlich sind. Dabei erweist sich die Glaubenstreue nicht bloß im Festhalten an Bekenntnissen, sondern darin, dass wir unsere Zuflucht bei Gott suchen. (Lies Spr.18, 10; Ps. 9, 11; 62, 2. 3; 118,8.9.) Treue ist Herzenssache. »Unser Herz ist nicht abgefallen, noch unser Schritt gewichen von deinem Weg«, bezeugt der Psalmbeter. Aller Schmerz, alle Finsternis und alle Anfechtungen brachten es nicht fertig, die Glaubenden zu verführen, einen eigenen Ausweg zu suchen und sich an andere Mächte zu hängen, um dem Leidensdruck zu entgehen. Der Name Gottes blieb in ihnen lebendig und hielt sie aufrecht (Ps.63, 9). Kann man sich aber so sicher sein, dass man nicht doch eine falsche Erleichterung sucht und nur den Schein einer Treue wahrt? Nein - sagt der Psalmbeter. Wir können Gott nichts vormachen. Er kennt die Verborgenheiten des Herzens (vgl.Apg. 5, 1ff; lies Ps.94,11; 139, 2.23.24; Jer.17,9.10). Gott weiß, wie es wirklich um uns steht, ob wir tatsächlich bereit sind, ihm ganz und gar zu vertrauen. Er erkennt unser aufrichtiges Wollen, für ihn da zu sein, auch wenn wir uns ganz schwach fühlen und meinen, dass wir nichts zu Wege bringen können. Er sieht auch die heimlichen Klagen, die verborgenen Leiden, über die wir mit niemandem sprechen. Es ist gut, dass er die Geheimnisse meines Herzens kennt und damit umzugehen weiß.
7. AUS TIEFER NOT SCHREI ICH ZU DIR Geachtet wie Schafe zum Schlachten - welch ein Weg für einen Glaubenden! Die Nachkommen Korachs kannten noch nicht den Siegesruf des Paulus: »Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat«, - durch Jesus, den Sohn Gottes, der mit seinem Sterben und Auferstehen Tod und Teufel überwunden hat. (Lies Röm. 8,36.37; 1. Joh.5, 4.5.) - Für den Psalmbeter ist das Leid eine nicht mehr zu ertragende Last. Warum greift Gott nicht ein?! Er muss doch jetzt etwas unternehmen. Soll das Volk Gottes denn ganz und gar zu Grunde gehen? Natürlich nicht. Es wird überleben. Es wird die Herrlichkeit Gottes sehen. Aber es geht durch Leiden zur Herrlichkeit, und das Leiden wird nicht in eigener Kraft durchgestanden. Der Glaubende muss erfahren, dass er ganz auf Gott geworfen ist. - Der Hilfeschrei des Beters ist gewaltig. Darf man wirklich so beten? »Wache auf, Herr! Warum schläfst du? . . . Mache dich auf, hilf uns . . . « Kann ein Gebet dringlicher sein als dieses? (Lies Ps. 35, 22. 23.) »Denn unsere Seele ist gebeugt zum Staube, unser Leib liegt am Boden.« Das ist das Ende jeder Selbsthilfe. Wer an diesem Punkt angelangt ist, kann nur noch durch eine Macht gerettet werden, die stärker ist als alle Gewalt des Feindes. Mit dem Notschrei: »Mache dich auf, hilf uns, erlöse uns um deiner Güte willen«, gibt der Beter seine ganze Hilflosigkeit zu. Er kommt selber nicht mehr zurecht. Er kann für sich selbst nichts mehr tun. Gleichzeitig bekundet er aber, dass nur Einer helfen kann und dass er auch nur Einem wirklich vertraut. Und er gibt dem Höchsten zu verstehen, dass er dessen Eingreifen von ganzem Herzen will. Das ist auch der Ausdruck einer tiefen Liebe des Beters zu Gott. (Lies 5.Mose 6, 4. 5; Ps. 77, 7-16.) AN JESUS CHRISTUS SCHEIDEN SICH DIE GEISTER - Markus 3, 7-35 Vorbemerkung: Mit Markus 3,7 beginnt der dritte Hauptteil des Evangeliums. Der Schwerpunkt der Thematik liegt nicht mehr auf der Auseinandersetzung mit den religiösen Führern Israels und der Synagoge. Jetzt sehen wir Jesus und das Volk zusammen. Daneben vertieft der Evangelist das Thema (Grundwahrheiten) von Glaube und Jüngerschaft, sodass ein Drinnen und ein Draußen deutlich wird.
Markus 3, 7-12; 1, 32-34; Jeremia 31, 25. Jesus hat die Synagoge verlassen und sich mit seinen Jüngern an den See Genezareth zurückgezogen. Die einen gehen weg von Jesus, um ihm den Prozess zu machen (Mark.3, 6), die anderen kommen zu ihm und laufen hinter ihm her. Alle Welt ist hier um Jesus versammelt (Joh. 12, 19). Ein Blick auf die Landkarte zeigt die großen Entfernungen, die es zu überwinden galt. Die Menschen ließen es sich etwas kosten, um Jesus, den großen Arzt, aufzusuchen (Matth. 9, 12). Selbst aus heidnischen Ländern sind sie herbeigeströmt. Hier deutet der Evangelist eine erste Erfüllung des Propheten Jesaja über den Gottesknecht an: »Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Heiden gemacht, dass du seist mein Heil bis an die Enden der Erde« (Jes. 49,6; vgl. Jes.42, 6; 60, 3; Luk.2,29-32; Apg.13, 46-48). Wer auch immer zu Jesus kommt, den stößt er nicht weg, sondern er schafft dem eine Hilfe, der sich danach sehnt (Joh. 6, 37; lies 5.Mose 33, 26; Ps. 20,3; 22, 6; 40, 18; 115, 9-11; 119, 174; 121, 1. 2). Die Menschen hatten viel von Jesus und seiner Heilandstätigkeit gehört und erfahren: Jesus hilft. Kein Wunder, dass sich die Massen auf ihn stürzten. Aber Jesus nimmt Abstand. Durch diese Maßnahme korrigiert er ein einseitiges Verständnis von seiner Person. Das ungestüme Verlangen nach Heilung darf nicht überlagert werden vom eigentlichen Ziel seiner Sendung: Markus 1,14.15; 2,5. 17. Denn was nützt es dem Menschen, wenn er alles hat, was er sich wünscht, aber an seiner Seele Schaden nimmt? Darum hat die Arbeit des göttlichen Arztes an unserer Seele, am inneren Menschen, höchste Priorität und größte Bedeutung. Jesus will der Arzt und Herr über Geist, Seele und Leib sein. Was hat das zu tun mit 1.Thessalonicher 5,12-24?
Markus 3, 13-15; Lukas 6, 12. 13; Johannes 15, 16. In Markus 3, 9. 12 lasen wir gestern, dass Jesus sich distanzieren musste von einer falschen Gemeinschaft und von einer falschen Bezeugung. Der Abschnitt heute berichtet von der echten Jesus-Gemeinschaft und einer vollmächtigen Ausbreitung seines Namens (V. 14). Für beides erwählt der Herr sich zwölf Männer als Grundstock des wahren messianischen Volkes. Es ist ein atemberaubendes Geschehen, das mit einer Bergbesteigung beginnt. Sie erinnert an alttestamentliche Vorbilder, ganz besonders an die Gottesoffenbarung auf dem Sinai und die Erwählung und Bestimmung Israels: »Ihr sollt mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.« (Lies 2.Mose 19, 3-9; 24, 1. 2. 12. 18; 34,2.4; 5.Mose 7,6.) Auch bei Jesus vollzieht sich die Erwählung durch sein vollmächtiges Wort: »Er rief zu sich, die er selbst wollte.« Sein Ruf hat göttliche Autorität. Dabei dürfen wir nicht seine Liebe aus den Augen verlieren, die in dieser souveränen Erwählung liegt. (Vgl. 2.Mose 33,19; Eph.1, 3-6.) Es ist freilich eine tief beschlagnahmende Liebe, aber dabei so echt Liebe, dass sie den geliebten reichen Jüngling in Markus 10, 21. 22 nicht mit Gewalt umfunktioniert, sondern dieser sich ihr durchaus versagen kann, und sie ihn ziehen lässt. Die berufenen zwölf Männer hören und gehorchen: »Sie gingen hinweg zu ihm«, heißt es wörtlich übersetzt. Der Ruf dieses Herrn hat jedes einzelne Herz berührt und in Bewegung gesetzt. Jeder der Männer tat einen eigenen Schritt in die Nähe des Herrn, erfüllt und erhellt von seinem Ruf. »Noch nie waren sie so vollgültig Mensch, wo Gott ihnen jetzt vollgültig Gott war« (A. Pohl). Wie gehen wir mit dem Ruf unseres Herrn um? Wer oder was setzt uns eigentlich in Bewegung? Welche Entscheidung ist heute dran, wenn ich Jesaja 43, 21 und 1. Petrus 2, 9 ernst nehmen will?
Die griechische Sprache beschreibt die Berufung der Zwölf als einen Schöpfungsakt Gottes. Wörtlich steht in Vers 14: »Und er machte Zwölf.« Wie Gott am Anfang Himmel und Erde schuf, so will seine Allmacht auch am Ende der Zeit noch einmal in besonderer Weise schöpferisch tätig werden: Er schuf den Zwölferkreis als Fundament für ein wiederhergestelltes Israel (Jes.35,10; 49,22; 60, 4. 9; 66, 20) und als Ausgangspunkt für die neutestamentliche Gemeinde. Wo ein Fundament gelegt wird, darf man auch den Bau erwarten. Davon hört und liest Jahre später die Jesus-Gemeinde in Epheser 2,19-22 und 1.Petrus 2,5. Jesus selbst gab dem Zwölferkreis eine doppelte Bestimmung, an der sich jede christliche Gemeinschaft prüfen lassen muss: »Er machte die Zwölf, damit sie bei ihm seien und damit er sie aussende.« Es ist Jesus sehr wichtig, dass wir zuerst bei ihm sind, dass wir unser Zuhause bei ihm haben, dass wir seine Nähe suchen, seine Nähe lieben und genießen. »Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Licht sehen wir das Licht« (Ps. 36, 10; vgl. Ps. 57, 2; 73, 23; 83, 4).
»Bei ihm« kommen wir dann auch in Bewegung. Der Zwölferkreis wird vom Herrn zum Verkündigungsdienst berufen, autorisiert und eingesetzt. Das Reich Gottes wird durch das Wort Gottes gebaut. Denn »der Glaube ist aus der Verkündigung, die Verkündigung aber durch das Wort des Christus« (Röm. 10, 17; lies Röm.10, 9-18; Joh.17,20). Alle praktischen Dienste sind abgeleitete, nach-geordnete Dienste. Jesus selbst will es so haben, damit nicht der Mensch und sein Tun, sondern Gott und sein Tun im Mittelpunkt unseres Lebens und Wirkens steht. Jesus will nicht, dass wir die unterschiedlichen Dienste gegeneinander werten und ausspielen (1.Kor. 12, 4ff. 18ff). Er will die Prioritäten klar haben! Dazu Lukas 10, 38-42 und Apostelgeschichte 6, 1-7.
Markus 3, 15-19; Epheser 6, 10. 11. 14-19. Der Dienst der Jesusjünger bedarf einer Ausrüstung. Vorrangig beschenkt Jesus seine Leute mit göttlicher Vollmacht. »Denn unser Kampf ist nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Gewalten, gegen die Mächte, gegen die Weltbeherrscher dieser Finsternis, gegen die geistigen Mächte der Bosheit in der Himmelswelt. Deshalb ergreift die ganze Waffenrüstung Gottes, damit ihr an dem bösen Tag widerstehen und, wenn ihr alles ausgerichtet habt, stehen bleiben könnt« (Eph.6,12.13)! Niemand kann diesen geistlichen Kampf als Solochrist bestehen. Der Christ ist kein Solist. Ein englischer Ausleger schreibt zu Markus 3, 16ff: »Bezeichnend ist, dass der christliche Glaube von Anfang an in einer Gemeinschaft erschlossen und gelebt wurde. Während das Wesen des Pharisäertums in der Absonderung von den Mitmenschen bestand, bindet das Christentum seinem Wesen nach die Menschen an die Mitmenschen und stellt sie vor die Aufgabe, miteinander und füreinander zu leben.« (Lies Luk. 10, 25-37; Apg. 2, 42-47.) Bedenken wir noch, wer die Menschen sind, die Jesus zu einer Gemeinschaft gemacht hat. Lauter sehr verschiedene Leute. Die einen trugen konservativ jüdische Namen, die anderen moderne griechische. Die einen (Matthäus, Johannes und Jakobus) galten als wohlhabend, die anderen eher als sozial schwach. Der extremste Gegensatz aber bestand zwischen den Zöllnern und den vaterländischen Zeloten. Diese Gruppe ins Leben zu rufen, war ein außerordentliches Wagnis. »Doch in Christus gilt weder Galiläer noch Judäer, weder konservativ noch progressiv, weder Fischer noch Zöllner noch Zelot. Etwas Neues ist da« (A. Pohl)! - Diese Männer ließen sich von Jesus zu einer Gemeinschaft machen und in sein göttliches Segens- und Lebensprogramm einbinden. Sie hatten alle möglichen Mängel und Fehler; doch sie hatten Jesus lieb und wollten sich von ihm sagen und senden lassen. Inwiefern hilft uns die geistliche Waffenrüstung (Eph.6,10ff) auch zu einem guten Miteinander?
Jesus steht mit seinen Jüngern in einem übervollen Dienst-Alltag. Viele Menschen sind zusammengekommen. Sie beanspruchen Jesus total, und er diente ihnen ohne »auf die Uhr zu schauen«. Mit selbstloser Liebe investierte Jesus sein Leben in das Leben der Vielen. Dazu war er gekommen - nicht, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben, um Menschen von ihrem alten Leben mit seiner Alt-Adams-Natur zu erlösen (Mark. 10, 45). Da prallen »Welten« aufeinander: Die neue Familie von Jesus (V. 14ff) und die alte Familie. Seine Angehörigen (V. 31; Mark. 6, 3) machen sich Sorgen um Jesus und versuchen, »ihn zu greifen« und nach Hause zu zwingen. Sie tun dies mit einer ungeheuerlichen Klage: »Er ist von Sinnen«, er hat einen religiösen Tick, er ist ein frommer Spinner, ein Schwärmer. Wenn er so weitermacht, wird er sein Leben zerstören. Bevor das geschieht, soll er lieber wieder nach Hause kommen.
Jesus aber bleibt seiner Berufung und Sendung treu. Er weiß sich ganz im Willen Gottes geborgen und lässt auch für die, die »bei ihm sind«, nur eins gelten: dass sie den Willen Gottes erkennen und leben (V.35). Noch will die alte Familie von Jesus nicht neue Familie werden (vgl. Joh.7, 3-9). Noch will sie den »Ausgebrochenen« in alte Tradition und Rechtgläubigkeit zurückzwingen. Und da stehen auch schon die alten Autoritäten des Gesetzes, die Jesus aufs Ärgste anklagen: Vers 22. Dass sie Jesus verwerfen, die einen aus wohlmeinender Besorgtheit, die anderen aus bösem Vernichtungswillen, ist das Letzte, was der Herr will. Aber in Gefahr stehen sie alle, wenn sie nicht nah bei ihm sind und sich der Gottesherrschaft entziehen, die er verkündigt und bringt. Es kann wegen Jesus ein Riss durch Familien und Freundschaften gehen. (Lies Matth. 10,34-39.)
Welch furchtbare Verdrehung ist unter Menschen möglich! Jesus, der gekommen ist, die Werke des Teufels zu zerstören, wird von den Schriftgelehrten als Teufel bezeichnet. Die Parallelberichte (Matth. 12, 22ff und Luk. 11, 14ff) erzählen, dass Jesus aufgrund von Dämonenaustreibungen im Volk als Messias diskutiert wurde. Das Volk erwartete nun von den geistlich Verantwortlichen Orientierungshilfe. Die Schriftgelehrten aber holen wider besseres Wissen gegen den Gesalbten Gottes zum vernichtenden Urteil aus. Jesus gilt den Anklägern als »Teufel, der Gutes tut, also ein ganz besonders teuflischer Teufel, vor dem man sich ganz besonders hüten muss« (A. Pohl). Jesus begegnet dieser Verblendung und Herzensverhärtung mit zwei kurzen Gleichnissen (V. 24. 25), die den gefährlichen Unsinn dieser bösen Unterstellung bis zu Ende weiterdenken: Wenn Satan den Satan austreibt, macht er sich letztlich selbst den Garaus. Und wenn das satanische System im Kleinen (Haus) wie im Großen (Reich) mit sich selbst entzweit ist, wird es untergehen. Wenn aber Satans Macht ins Wanken gerät, dann doch wohl deshalb, weil es einen Stärkeren gibt, der den Starken bindet und aushebelt. Dieser Stärkere - bereits in Jesaja 49,24. 25; 53, 12; 61, 1-3 angekündigt - ist jetzt da (Mark. 1, 7. 8). Er hat den Versuchungen Satans siegreich widerstanden (Mark. 1, 12. 13) und Menschen von satanischen Gebundenheiten (Mark. 1, 21ff) befreit. Am Kreuz hat Jesus »die Gewalten und die Mächte völlig entwaffnet und sie öffentlich zur Schau gestellt und den Sieg über sie gehalten« (Kol. 2, 15). Diesen herrlichen Sieg des Herrn Jesus Christus können wir gar nicht oft genug loben und ihn in unser persönliches Leben einbeziehen. »Jesus ist mächtig genug, um Süchtige, Dämonisierte, durch Zauberei Gebundene und überhaupt alle gebundenen Menschen aus der Hand des Bösen zu befreien« (G.Maier). Welche Hilfen finden wir in Kolosser 2, 4-15, um in Versuchungen zu widerstehen?
Welcher ernsthafte Bibelleser war nicht schon erschrocken über diese schweren Worte von Jesus?! Sie fielen in einer Situation, in der er von den geistlichen Verantwortungsträgern angeklagt war, als Chef-Teufel zu agieren (V.22). In den Versen 28 und 29 nimmt Jesus dazu Stellung. »Es ist bemerkenswert, dass Jesus sich überhaupt auf diese Vorwürfe einlässt. Immer wieder hat er sich seinen Gegnern zugewandt und sich um sie bemüht. So diskutiert er auch hier mit ihnen. Letztlich verfolgt er dabei das Ziel, sie vor der nicht vergebbaren Lästerung gegen den Heiligen Geist zu warnen. Das schwierige Wort von der Sünde wider den Heiligen Geist hat ebenso wie die anderen Stellen von der unvergebbaren Sünde (1. Joh. 5, 16; Hebr. 6, 4-6; 10, 26. 27) den Sinn, vor leichtfertiger und mutwilliger Lästerung des erfahrenen Geistwirkens zu warnen. Diese Stellen sind aber nicht dazu da, empfindsamen oder grüblerischen Menschen Angst einzujagen. Im ganzen Neuen Testament - auch in Markus 3 - wird der Vorwurf der unvergebbaren Sünde wider den Geist nie auf einen konkreten Menschen bezogen; auch wir sind nicht Richter über andere Menschen (Jak. 4, 12; Röm. 14, 4). Seelsorgerlich lässt sich sagen, dass derjenige ganz gewiss nicht in unvergebbarer Sünde steht, dessen Gewissen noch unruhig ist. Die Lästerung, von der hier die Rede ist, schließt jede Furcht vor und jedes Fragen nach Gott aus« (B.Weber). - Wer mit Jesus lebt, muss nicht (länger) grübeln. Er darf aufschauen zum gekreuzigten, auferstandenen und erhöhten Herrn, dem alle Macht gegeben ist, und sich königlich freuen über Gottes Gnade und Erbarmen. Wer mit Jesus lebt, wird sich immer wieder der guten Herrschaft des Heiligen Geistes anvertrauen und auf seine Impulse und Mahnungen eingehen. »Betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung« (Eph. 4, 30; lies Eph. 1, 13. 14; 2.Kor. 1, 20-22; Röm. 8, 14-17).
Dieser Abschnitt setzt die Verse 21 und 22 fort. - Inzwischen sind die Angehörigen von Jesus eingetroffen. Sie waren mit dem Ziel gekommen, ihn gewaltsam nach Hause zu beordern. Zwei Welten prallen aufeinander: Draußen vor dem Haus steht die Angehörigen-Familie, drinnen im Haus haben sich die neu gegründete Gottes-Familie (3, 14. 15) und viele am Glauben Interessierte versammelt. Jesus ist der Mittelpunkt des »Familienkreises«. Dabei hat er jeden persönlich im Blick (V. 34a). Er schaut hier nicht »mit Zorn« (3, 5) umher, sondern mit einem unendlich liebevoll einladenden Ersehen. Jeder ist herzlich bei Jesus willkommen. Er weiß, was der Einzelne braucht, was ihm fehlt, wie es ihm geht. Er hat jeden persönlich lieb. In Jesus wird greifbar, was Gott einst dem Propheten Jeremia zusprach: »Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte« (Jer. 31, 3). Jesus ist die ewige Liebe Gottes in Person. Aus Liebe ist er zu uns gekommen, um aus Sündenkindern Gotteskinder zu machen. Aus Liebe war er bereit, sein eigenes unschuldiges Leben als Lösegeld für die in Todeshaft sitzenden Sündenkinder einzusetzen. Denn er will sie alle befreien; und er möchte niemanden in seiner neuen Familie missen und jeden im Vaterhaus Gottes persönlich begrüßen. Die wahre Jesusfamilie, sein »Haus«, istVaterhaus. »Gott der Vater selbst ist sein Schöpfer und Regierer. Ohne diesen Vater keine Brüder, ohne das Geschehen seines Willens keine wahre Gemeinschaft. So gehört der Vater in die Definition einer brüderlichen Menschengemeinschaft hinein (vgl. Offb. 21, 3). Um aber diesen Vater in unserer Mitte zu haben, brauchen wir Jesus als unseren Mittelpunkt « (A. Pohl). Ist Jesus Mittelpunkt oder Randfigur in meinem persönlichen und in unserem gemeinsamen Leben? Wie zeigt sich das praktisch? Seelsorgerliche Hilfen dazu in Matthäus 10,32; Johannes 13, 1-8.12-15. 34.35; 1. Johannes 3, 16-24.
»Den Willen Gottes tun« ist das A und O des Christseins (Röm.12,1.2; Hebr.13, 20. 21; 1. Petr. 4, 1. 2; 1. Joh. 2, 16. 17). Allerdings sprachen auch die frommen Juden sehr gern über den Willen Gottes. Sie waren stolz, ihn zu kennen und anderen zu zeigen (Röm. 2,17.18). Aber der Wille Gottes ist keine Uniform, die allen ein bisschen und keinem ganz passt. Das hatte Jesus durch sein Leben und seine Lehre deutlich gemacht. Darum brachen die frommen Juden mit Jesus ausgerechnet am Willen Gottes auseinander. Was für den Sohn Gottes Tun des Guten bedeutete, konnte für sie so böse sein, dass sie den Wohltäter umzubringen trachteten (Mark. 3, 4-6; lies Joh. 5, 13-20). Erkenntnis des Willens Gottes ist ein Unding für den, der den Vater nicht kennt und den Sohn nicht will. Wer den Willen Gottes tun will, braucht Jesus und den Heiligen Geist, der uns den Willen Gottes beleuchtet (vgl. Joh. 14, 26; Röm. 8, 5-9. 14-16; 1. Kor. 2, 10-12). Gott zeigt uns seinen Willen in erster Linie durch das Lesen der Bibel und das Herzensgespräch mit ihm. Je tiefer wir unseren himmlischen Vater im gelesenen und verkündigten Wort kennen lernen, desto besser verstehen wir, was er will und wie wir im Bereich seines Willens leben können. Wir erfahren nicht immer bis in alle Einzelheiten, was er tun will; aber immer gilt: »Was er euch sagt, das tut« (Joh.2,5; lies Luk. 8,21). Im Tun seines Willens erweisen wir uns als echte Brüder und Schwestern von Jesus. »Rede zu uns, Herr, wir möchten hören. Lass nicht zu, dass wir dein Wort hören, aber nicht tun; dass wir es kennen, aber nicht lieben; dass wir es glauben, ihm aber nicht gehorchen. Darum rede, Herr, wir möchten hören. Du hast Wort ewigen Lebens. Tröste uns und richte uns auf« (Th. v.Kempen).
Jesus ließ sich nicht von seiner Familie bestimmen und nach Nazareth zurückholen. Wir dürfen dies nicht als mangelnde Wertschätzung oder Lieblosigkeit verstehen. »Es wäre ein grobes Missverständnis, wenn man die Liebe, die Jesus zu seiner Familie hatte, übersehen wollte. Er hat sie als Handwerker wohl über 20 Jahre lang versorgt (vgl. Luk. 2,51.52). Er hat als Sterbender mit letzter Kraft die Zukunft seiner Mutter geregelt (Joh. 19, 25ff). Er ist nach der Auferstehung seinem ältesten (Halb-)Bruder Jakobus erschienen, um ihn für den Glauben zu gewinnen (1. Kor. 15, 7). Ohne diese Liebe hätten seine Angehörigen später kaum in solcher Treue der Gemeinde gedient (Apg. 1, 14; 12, 17ff; 1. Kor. 9, 5; Gal. 2,9; Jak.1,1; Jud.1). Wer als Christ seine Familie nicht liebt, kann sich also nicht auf Jesus berufen. Aber es gibt etwas, das wichtiger ist als die eigene Familie - nämlich der dreieinige Gott (vgl. Matth.10,37; 19,29)« (G. Maier). Die Angehörigen von Jesus sollten erkennen: Unsere natürliche Zugehörigkeit zum »Familienmitglied« Jesus reicht nicht, um zum Vaterhaus Gottes zu gehören. Da muss schon der Glaube an den aktiv werden, der von sich selbst sagte: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater als nur durch mich« (Joh. 14, 6). Dieses Höchste wollte Jesus auch seinen Nächsten anbieten. Sie haben noch einige Zeit gebraucht, um das zu verstehen und anzunehmen. Nach der Auferstehung von Jesus findet seine Familie zum lebendigen Glauben an den Sohn Gottes. Seine liebende Hingabe an den Willen des Vaters hat - durch allen irdischen Schmerz hindurch - überreiche Frucht getragen. »Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht« (Joh.12,24; vgl. Jes.53,11; Joh.1,29; 1. Joh. 2, 2).
Sind wir nicht alle auf der Suche nach Stille und Geborgenheit? Beides lässt sich in unseren Tagen immer schwerer finden. Lärm, Hektik, Verpflichtungen und die vielen Termine bedrohen von außen die ersehnte Stille. Sorgen, Ängste, Beziehungsnöte, Misstrauen, Bitterkeit und Zweifel machen unser Inneres voll Unruhe. Wer aber spricht diese Worte: »Meine Seele ist stille zu Gott . . . Sei nur stille zu Gott, meine Seele.« Ist es jemand, der den Frieden einer stillen Insel genießt? Jemand, der abseits von allem Weltgeschehen lebt? Jemand, der sich zurückgezogen hat aus dem aktiven Leben, der keine Herausforderungen und Spannungen erlebt? Der Verfasser dieses Psalmliedes ist König David. Wir erfahren aus seinen Worten sehr bald, wie spannungsvoll seine Tage waren. Menschen in seiner Umgebung blickten mit Neid auf ihn. Sie beleidigten und verleumdeten ihn; sie versuchten, ihn vom Thron zu stürzen und seinem Leben ein Ende zu machen. Aber gerade in der von Angst und Unsicherheit geprägten Lage singt David das Lied von der Stille zu Gott. Er tritt die Flucht nach vorne an, die Flucht in die offenen Liebesarme Gottes. (Lies Ps.27, 1-4; 37, 4-7; Jes.26,3.4.) Bei Gott findet er Frieden und Geborgenheit, sodass er getröstet und zuversichtlich sagen kann: »Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.« Wie können wir mitten in den Herausforderungen des Alltags still auf Gott ausgerichtet leben? David gibt uns in Psalm 62 fünf Tipps, wie er selber stille geworden ist: 1. Suche Gottes Gegenwart (V. 2. 6). 2. Mache dir bewusst, wer Gott für dich ist (V. 3. 6-8). 3. Schütte dein Herz vor Gott aus (V. 9). 4. Überlass Gott die Antwort auf feindliche Angriffe (V. 4-5). 5. Setze dein Vertrauen auf Gottes Wort (V. 12-13). (Lies Ps.73, 23-26.28; 84,11-13; 34, 5-8.)
1. SUCHE GOTTES GEGENWART »Meine Seele ist stille zu Gott - sei nur stille zu Gott, meine Seele!« David spricht zuerst von einer Erfahrung, die er gemacht hat: »Meine Seele ist stille zu Gott.« Doch dann ermahnt er sich selbst: »Sei stille zu Gott, meine Seele.« Leben wir nicht auch in diesem Spannungsfeld zwischen froh machenden Erfahrungen und steilen Herausforderungen, die uns beunruhigen und umtreiben (wollen)? Das Leben ist hektisch geworden, die Tage sind ausgefüllt bis zur letzten Minute. Vieles nimmt unsere Kraft und Zeit in Anspruch, und wir fragen uns: »Wo bleibt Raum zur Begegnung mit Gott, zum Stillewerden vor ihm?« »In diesem Psalm kehrt die große Stille ein. Es ist das Gebet eines Mannes, der mitten in großer Bedrängnis in Gott selbst zur Stille fand. Doch was ist das für eine Stille, von der hier die Rede ist? Nicht das ohnmächtige Verstummen vor der unentrinnbaren, überlegenen Macht des Schicksals, auch nicht die passive Resignation, die sich ohne Auflehnung und Widerspruch in den Willen Gottes fügt . . . Das Stillesein, von dem der Psalmist redet, ist kein passives, sondern ein höchst aktives Verhalten, dem Hoffen aufs engste verwandt. Halte stille dem Herrn und hoffe auf ihn! Es ist die Frucht des Glaubens, der alle Sorgen und Ängste auf die Macht und Weisheit Gottes warf und sich nun ganz in seines Gottes Hand weiß« (H. Lamparter). (Lies Ps.31,14-20; 57,3.4; 65,3. 5-8.) Dieser Weg in die Gegenwart Gottes führt heraus aus aller Unruhe, hinein in eine von Gott geschenkte Gelassenheit. Rechne mit ihm! Setze dein Vertrauen ganz auf Jesus! In aller Ratlosigkeit, in den nicht auslotbaren Tiefen des Lebens, kommt unser Herz allein in der Gemeinschaft mit Gott zur Ruhe. (Lies Ps.138,7.8; 23, 1-6; 43, 3-5.)
»Aber sei nur stille zu Gott, meine Seele.« Professor O. Hallesby weist in seinem Buch »Unsere Kraft wächst aus der Stille« nachdrücklich darauf hin: »Suche die Stille! Geh in deine Kammer . . . Wenn die Rastlosigkeit der Welt und die Unruhe deiner Seele dir dahin folgen, dann lass dir vom Herrn zeigen, ob in deinem Verhältnis zu ihm etwas nicht stimmt. Gibt es eine Sünde, die wir nicht ins Licht gebracht haben? Oder sträuben wir uns in irgendeinem Bereich gegen Gottes Handeln?« Manchmal können es auch Müdigkeit oder belastende Dinge sein, die das Stillewerden vor Gott erschweren. Dann bete dich hindurch zu deinem Gott, bis du in der Gewissheit Ruhe findest, dass er handeln wird. Jesus weiß in allen Angelegenheiten Rat und Hilfe. Er, der Sieger von Golgatha, wird unsere Sache zum guten Ende führen, darauf können wir uns verlassen. (Lies Ps.32,1-7; 140,13.14; Jer.11,20.) »Nur auf Gott vertraut still meine Seele, von ihm kommt meine Rettung.« Vertrauen auf Gott ist der Grundton in diesem Psalm. Die Angst und das Bedrängende gewinnt nicht mehr die Oberhand. David war zwar immer noch von Feinden umgeben, die ihn vom Thron stürzen wollten und ihm den Tod wünschten. Doch er selbst hatte tiefen Frieden gefunden in der Gemeinschaft mit seinem Gott. »Innere Stille ist ein kraftvolles Rechnen mit Gott, ein Wissen um ihn und ein Hoffen auf ihn. Wo dieses geübt wird, da schenkt uns Gott auch in großer Gefahr die stille Gelassenheit« (H. Brandenburg). Bei Gott kommt unser unruhiges Herz zur Ruhe. Jesus selbst lädt uns ein: »Kommet her zu mir alle . . . Ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen« (Matth.11,28; lies 5.Mose 33,3.26-28; Ps. 31, 20. 21).
2. MACHE DIR BEWUSST, WER GOTT FÜR DICH IST Wenn wir jemandem erklären sollten, wer Gott für uns ist, was würden wir ihm sagen? David fällt die Antwort nicht schwer. Er hat seinen Gott in vielfacher Weise erlebt und beschreibt ihn so: »Gott ist mein Fels, meine Hilfe, mein Schutz, dass ich gewiss nicht fallen werde . . . Bei Gott ist mein Heil und meine Ehre, der Fels meiner Stärke, meine Zuversicht ist bei Gott.« David vergleicht Gott mit einem Felsen - Symbol für Festigkeit, Halt, Sicherheit und Beständigkeit. Die Feinde vergleichen David allerdings mit einer »rissigen Wand«, die bald einstürzen wird. Aber diese Sicht ist nicht entscheidend; wichtig ist, dass David in seinem Gott felsenfest verankert ist. »Nur er ist mein Fels und meine Rettung, meine hohe Feste; ich werde nicht wanken.« Hinter dieser Aussage verbirgt sich keine Selbstsicherheit, sondern strahlt die tiefe Glaubensgewissheit aus: Gott ist mein Halt. (Lies Ps.27,5; 31,3.4; 40,2.3.) - »Bei Gott ist mein Heil.« Hier wird die Not deutlich, die David umgibt, gleichzeitig aber auch die erfahrene Hilfe. Lärm und Unruhe in dieser Welt kommen vielfach aus dem heillosen, unversöhnten Herzen des Menschen. David hat Gott kennen gelernt als den, der heil machen kann. Deshalb betet er: »Beweise deine wunderbare Güte, du Heiland derer, die dir vertrauen gegenüber denen, die sich gegen deine rechte Hand erheben« (Ps.17, 7). Johannes Calvin schreibt, dass ihm diese Worte vorkommen »wie ein Schild, den der Angefochtene in seiner äußersten Not dem Teufel entgegenstemmt«. Benutzen auch wir diese Schutzwaffe, um mitten in Anfechtung und Bedrängnis geborgen und still zu sein! (Lies Ps.27,1; 59,10.17.18; 71,1-3.)
»Meine Zuversicht ist bei Gott.« Hier bekennt David sich zu seiner persönlichen und tiefen Gottesbeziehung. Sie ist Beweggrund zu unerschütterlicher Zuversicht inmitten der Anfechtung und Bedrohung. Die Verbundenheit mit Gott gibt David festen Halt, wenn scheinbar alles um ihn herum ins Wanken gerät, wenn Beleidigungen und üble Nachrede ihn treffen. Zuversicht hat mit klarer »Sicht«, mit guter »Aussicht«, mit dem Blick in die richtige Richtung zu tun. Wenn Gott Davids Zuversicht ist, schaut er in die richtige Richtung. »Wer zum Herrn aufschaut, der strahlt vor Freude, und sein Vertrauen wird nie enttäuscht« (Ps.34, 6; lies Ps. 25, 15; 121, 1-8; Apg. 7, 55). Zuversichtlich leben - könnte das für uns heute heißen: Halte fest daran, dass es für Gott ein Kleines ist, »durch viel oder wenig zu helfen« (1.Sam.14, 6)? Könnte zuversichtliches Leben neu in unserem Herzen Wurzeln schlagen, wenn wir wie Maria glauben: »Bei Gott ist kein Ding unmöglich« (Luk.1,37; lies 1.Mose 18,14; Matth.19,26)? Rechne mit dem Gott, der allen Schwierigkeiten weit überlegen ist. Martin Luthers Lieblingspsalm beginnt mit den Worten: »Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben« (Ps. 46, 2). Wenn sich Probleme über Probleme auftürmten, konnte Luther zu seinem Freund Philipp Melanchthon sagen: »Komm, Magister Philipp, wir wollen den 46.Psalm anstimmen!« - Von Corrie ten Boom schreibt Elisabeth Elliot: »Corrie war eine Frau mit starkem Glauben und einem strahlenden Gesicht. Warum? Nicht weil sie nicht gelitten hätte, sondern gerade, weil sie ins Leid gekommen und ihm mit Gottvertrauen begegnet war. Als sie die Tiefe menschlicher Hilflosigkeit und Schwäche erleben musste, wandte sie sich voll Zuversicht an ihren Herrn.« Zuversichtliches Leben zieht Kreise. Es kann auch in anderen Zuversicht wecken, sodass sie getrost ihren Weg gehen können.
3. SCHÜTTE DEIN HERZ VOR GOTT AUS »Hoffet auf ihn allezeit, liebe Leute, schüttet euer Herz vor ihm aus; Gott ist unsere Zuversicht.« Martin Luthers Kommentar zu diesem Vers ist sehr eindrücklich: »Gott bleibt fest, also verlasst euch auf ihn, zu beiden Zeiten, es sei Glück oder Unglück. Fehlt euch etwas - wohlan, da ist guter Rat: Schüttet euer Herz vor ihm aus, klagt nur frei, verbergt ihm nichts. Es sei, was es wolle, so werftµs mit Haufen (massenweise) heraus vor ihn, wie ihr einem guten Freund euer Herz ganz und gar öffnet. Er hörtµs gern, will auch gern raten und helfen. Scheut euch nicht vor ihm und denkt nicht, es sei zu groß oder zu viel. Er ist größer und vermag und will auch mehr tun, als unser Mangel ist. Nur heraus damit, und wenn es Säcke voller Mängel wären, nur heraus, Gott ist größer als unsere Gebrechen.« (Lies 1.Sam.1, 9-17.27; Neh.1, 1-11.) Indem wir unser Herz vor Gott ausschütten, kommen wir zur Stille. Bei ihm sind alle unsere Angelegenheiten in besten Händen. Er, der den Namen »wunderbarer Ratgeber« trägt, weiß uns am fachkundigsten zu beraten. Er ist kompetent in jeder Hinsicht. Vor Gott können wir unsere Ängste aussprechen, ihm können wir unsere Sorgen anvertrauen. (Vgl. 2.Chron.20,12.) - Wir sahen: Mit Vers 9 in unserem Psalm richtet David ein ganz persönliches Wort an Menschen, die ein beschwertes und unruhiges Herz haben. Sie sollen bei Gott zur Ruhe kommen. Wer selber den Frieden Gottes erfahren hat, kann andere zu Jesus, dem Friedefürsten, einladen. Er hat versprochen: »Meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht« (Joh.14,27; lies Joh.16,33; Phil.4,6. 7).
4. ÜBERLASS GOTT DIE ANTWORT AUF FEINDLICHE ANGRIFFE Psalm 62, 4 und 5 zeigt uns, was die Unruhe in Davids Herzen ausgelöst hatte: »Wie lange stellt ihr alle einem nach, wollt alle ihn morden, als wäre er eine hangende Wand und eine rissige Mauer? Sie denken nur, wie sie ihn stürzen, haben Gefallen an Lügen; mit dem Munde segnen sie, aber im Herzen fluchen sie.« Rührt die Unruhe in unserem Leben nicht oft daher, dass man hörte, was andere über einen sagten oder welche undurchsichtigen Pläne geschmiedet werden? In unserem Psalm scheinen alle gegen einen zu kämpfen. Die Feinde Davids überlegten, wie sie ihn stürzen könnten, sie entwickelten sogar Mordpläne, verbreiten Lügen und vertuschen mit frommen Worten ihr eigentliches Ziel. Wie schmerzlich können solche Äußerungen sein! Wie tief können sie verletzen! Leider gibt es solche zerstörerischen Bemerkungen und Behauptungen, die viel Unheil, gegenseitiges Misstrauen und gegenseitige Ablehnung anrichten, auch unter Christen. Der Kirchenvater Augustin bekannte einmal: »Die Zunge der Menschen ist mein täglicher Schmelzofen.« - Wie gehen wir mit Verunglimpfungen, mit Ehrenverletzungen, mit Unterstellungen und mit Ablehnung um? Von David hören wir kein einziges Wort der Empörung oder Verteidigung. Er befiehlt seiner Seele: »Aber sei nur stille zu Gott, der dir hilft.« Dieser Weg steht auch uns offen. Fliehe zu Gott, birg dich in seinem Schutz und breite vor ihm deine Not aus. Er kann helfend eingreifen. - »Meine Seele ist in der Stille, tröstet sich des Höchsten Kraft, dessen Rat und heilger Wille mir bald Rat und Hilfe schafft; der kann mehr als alle Götter, ist mein Hort, mein Heil, mein Retter, dass kein Fall mich stürzen kann, trät er noch so heftig an« (Paul Gerhardt). Mit dieser Zuversicht im Herzen können auch wir die schweren Tage unseres Lebens bewältigen. (Lies Ps.57, 1-12; Joh.13,34.35.)
»Wie lange stellt ihr alle einem nach, wollt alle ihn morden, . . . « Das erlebte nicht nur David, auch in unseren Tagen gehen Christen um ihres Glaubens willen durch Leiden. Eine Missionarin schrieb: »Heute abend, als wir nach Hause kamen, flogen aus allen Richtungen Steine auf uns nieder. Mir wurde angst und bange. Was sollen wir tun, werden wir überhaupt mit dem Leben davonkommen, und . . . Fragen über Fragen türmten sich blitzschnell vor mir auf. Aber dann kam mitten hinein in alle Unruhe und Angst die Zusage meines Gottes: Er wird dich mit seinen Fittichen decken, Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln - und jede Furcht war wie weggeblasen. Unter seinen Flügeln, wie real das wird, das haben wir buchstäblich erlebt, als wir umringt waren von einer Meute von Männern, die sich grölend und schreiend uns näherten. Das Licht ihrer Fackeln beleuchtete zornige und zu allem wild entschlossene Gesichter. - Niemand kam ernstlich zu Schaden. Wir haben Gottes schützende und eingreifende Fürsorge in wunderbarer und unvergesslicher Weise erlebt.« (Lies Ps. 91, 1-5. 14-16; 118, 13. 14; Jes. 54, 14-17.) - »Auf Gott vertraut still meine Seele.« Aus der Stille bei Gott kommend, kann man gelassen sein und - wo es geboten ist - schweigen. Jesus selber antwortete nicht ein Wort, als er von dem Hohenpriester aufgefordert wurde, gegen die Falschaussagen von Zeugen Stellung zu beziehen (Matth. 26, 62. 63). Das Schweigen von Jesus war kein Zeichen von Schwäche und Ratlosigkeit oder gar von Trotz. Es war ein höchst aktives Schweigen als Zeugnis für sein Ja zum Willen und zum Weg des Vaters. »Ich aber würde mich zu Gott wenden und meine Sache vor ihn bringen, der große Dinge tut, die nicht zu erforschen sind, und Wunder, die nicht zu zählen sind« (Hiob 5, 8.9; lies Ps.25, 4.5; 56, 2-5.10).
In unserem Psalm fällt - nach dem Urtext - ein immer wiederkehrendes kurzes Wort auf: »nur« oder »allein«. »Nur auf Gott vertraut still meine Seele. Nur er ist mein Fels und meine Hilfe.« Dieses kleine Wort zeigt eine eindeutige Richtung, die alle anderen Möglichkeiten ausschließt. Hinter diesem »Nur« verbirgt sich Davids Glaubenshaltung, seine zielbewusste Ausrichtung auf Gott. Auf niemand anderen verlässt er sich, von keinem andern erwartet er entscheidende Hilfe als von Gott allein. - Tiefes Vertrauen kennzeichnet Davids Verbindung zu Gott, den er wie einen liebenden Vater vor Augen hat. Gott trägt für ihn Sorge mitten in den Konflikten und feindlichen Auseinandersetzungen. In der Gegenwart Gottes erfährt David, wie unverzichtbar Frieden und Geborgenheit sind. (Lies Ps. 31, 1-6; 46, 2-6.) In der Gegenwart Gottes dürfen auch wir zur Ruhe kommen. Am Vaterherzen Gottes gelingt das stille, vertrauensvolle Warten auf sein Eingreifen in unsere persönliche Situation. »Wer festen Herzens ist, dem bewahrst du Frieden; denn er verlässt sich auf dich. Darum verlasst euch auf den Herrn immerdar; denn Gott der Herr ist ein Fels ewiglich« (Jes. 26, 3. 4; lies Jer. 17, 7. 8). - Auch die Absicht der Feinde wird mit diesem kleinen Wort »nur« beschrieben: »Sie denken nur, wie sie ihn stürzen« (V. 5). Das ist bis heute die Absicht des Feindes. »Seid nüchtern und wacht, denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge« (1. Petr. 5, 8; lies 2. Kor. 2, 10. 11; Luk. 22, 31. 32). - Auf ein letztes »Nur« macht David uns in Vers 10 und 11 aufmerksam: »Nur Hauch sind die Menschen« Hier geht es nicht um eine pessimistische Verachtung des Menschen, sondern um die Grundfrage, worauf sich ein Mensch im Leben und im Sterben wirklich verlassen kann. David kannte die Antwort. Er hatte sich dafür entschieden, sein Vertrauen auf Gott zu setzen.
»Nur auf Gott vertraut still meine Seele, denn von ihm kommt meine Hoffnung! « Hier die Erfahrung eines Christen, der plötzlich hoffnungslos krank geworden war: »Ich hatte Jesus Christus verkündigt - doch wo war er jetzt, da ich ihn so dringend brauchte? Noch nie war mir so zum Bewusstsein gekommen, wie sehr wir den Verhältnissen ausgeliefert sein können, selber nichts ausrichten können. Es war nicht die Krankheit, die mir zu schaffen machte, sondern der Gedanke, dass mein Leben jetzt schon zu Ende gehen könnte. Durch die innere Unruhe veranlasst, griff ich nach einem Buch, das mir meine Mutter gebracht hatte. Meine Mutter war eine stille, nachdenkliche und betende Frau. Sollte sie schon vorher gewusst haben, was ihr Sohn bei solch einer Diagnose zu bewältigen hatte? Der Pfarrer von Heidelberg, hieß dieses Buch. Ich blätterte, wie man so blättert, nur um etwas zu tun. Da fiel mein Blick auf einen Brief. Es war ein Brief an einen schwerkranken Freund. Je mehr ich las, umso gespannter wurde ich. Dann kam jener Satz: Wie es auch um dich steht, lass dich in die Hände von Jesus fallen. Wie gebannt starrte ich auf die Aufforderung: Lass dich in die Hände von Jesus fallen. Also war ich nicht den Verhältnissen preisgegeben. Ich spürte, wie die innere Unruhe und Angst einer zunehmenden Freude wich. Die Freude wurde so stark, dass in diesem Augenblick der Tod hätte zur Tür hereinkommen können. Meine äußere Situation war keineswegs verändert, ich musste noch lange Zeit in einer Klinik zubringen. Aber ich wusste mich von meinem Herrn gehalten. Geborgen zu sein in Jesus Christus, das war Gottes großes Geschenk für mich mitten in der Krankheit.« (Lies Ps. 16, 8-11; 73, 23-26. 28; 139, 5.)
5. SETZE DEIN VERTRAUEN AUF GOTTES WORT »Eines hat Gott geredet, ein Zweifaches habe ich gehört: Gott allein ist mächtig, und du, Herr, bist gnädig.« In der Stille vor Gott wurde David durch Gottes Wort reich beschenkt. Es waren Worte, die ihn gewiss machten, dass er auf der Seite des Siegers stand. »Gott allein ist mächtig, und du, Herr, bist gnädig.« Die Feinde mochten noch so lautstark auftreten - gegen den, dem alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben ist, konnten sie nichts ausrichten. David spricht auch davon, wie gnädig Gott ist. Diese froh machende Nachricht muss er den Menschen weitersagen, die er schon in Vers 9 aufgefordert hat: »Hoffet auf ihn allezeit, liebe Leute, schüttet euer Herz vor Gott aus; er ist unsere Zuversicht.« Wer selber in der Stille Gott begegnet ist, der hat auch ein Mut machendes Wort für andere. Suche die Stille vor Gott! Lass dich von ihm beschenken, damit du ein Segen sein kannst für deine Umgebung. (Lies Ps. 119, 105; 2.Mose 33, 7-11; 34, 29.)
Im Neuen Testament begegnet uns Maria von Betanien. Sie kann uns zum Thema »Stille im täglichen Leben« etwas sagen. Jesus kam in ihr Haus. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta, ihre Schwester, machte sich viel zu schaffen. Sie trat hinzu und sprach: »Herr, fragst du nicht danach, dass mir meine Schwester die ganze Arbeit überlässt? Kannst du ihr nicht sagen, dass auch sie etwas tun soll?« Der Herr aber antwortete ihr: »Marta, Marta, du machst dir viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not: Maria hat das gute Teil erwählt, das soll nicht von ihr genommen werden« (Luk. 10, 38-42). Was es auch zu tun gab, jetzt war nur eines dran, zu hören, was Jesus zu sagen hat.
»Eins ist not!« Maria hörte Jesus zu. Ob Marta sich nach der Korrektur durch Jesus auch zum Hören entschließen konnte? Einige Zeit später bemerken wir, dass Marta voll Vertrauen auf Jesus zuging und mit ihm ein Glaubensgespräch führte. (Lies Joh. 11, 20-28. 39. 40.) Maria wurde durch das stille Zuhören nicht passiv, nicht tatenlos. Sie war brennend am Weg von Jesus interessiert. Ihre ganze Liebe zu Jesus wurde deutlich, als sie das Haus des aussätzigen Simon betrat und Jesus mit wertvollstem Salböl salbte. »Als das die Jünger sahen, wurden sie unwillig und sprachen: Wozu diese Verschwendung? Als Jesus das merkte, sprach er zu ihnen: Was macht ihr diese Frau traurig? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Arme habt ihr allezeit bei euch. Mich aber habt ihr nicht allezeit. Dass sie das Öl auf meinen Leib gegossen hat, das hat sie für mein Begräbnis getan« (Matth. 26, 6-13). Von keiner anderen Person lesen wir, dass sie die Leidensankündigungen des Herrn so ernst nahm und seinen baldigen Tod kommen sah. Hatte Maria in jener stillen Stunde Jesus und seinen Weg tiefer verstanden? Der Herr sprach von dem guten Teil, das sie erwählt hatte: das sorgfältige Hören auf sein Wort und die liebevolle Tat, die in der ganzen Welt bekannt werden sollte. Das stille Hören auf Jesus hatte in Maria eine aufrichtige und tiefe Liebe geweckt, die darauf aus war, Jesus groß zu machen. Maria hatte verstanden: »Gottes Wort will nicht ins Hirnarchiv Nr. soundso aufgenommen werden und gespeichert werden. Es will in mein Herz, es will mich verändern.« Unsere Welt braucht diese erfrischend anderen Menschen, die ihr Zuhause bei Jesus haben und seinem Wort vertrauen. »Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.« (Lies Ps.131,2.3; Dan. 6,11.23. 24.)
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