»Er trägt das All durch sein machtvolles Wort.« Der dreieinige Gott hat die Welt nicht nur durch sein Wort geschaffen, er erhält sie auch durch sein Wort. Wenn Gott sein Wort zurückziehen würde, würde sich die Erde in Chaos auflösen und vergehen. Seit dem Sündenfall befindet sich die Welt in einem Zerfallsprozess. Es ist Gottes Güte, dass er diese Welt und damit unseren Lebensraum durch sein Wort erhält. Martin Luther machte auf eine sprachliche Feinheit aufmerksam: »Das, was wir behüten nennen, nennen die Juden treffender tragen. Mit diesem Worte wird eine gnädige und sozusagen echt mütterliche Fürsorglichkeit gegen die pflegebedürftigen Geschöpfe, die er ins Dasein rief, anschaulich gemacht.« Ohne die Fürsorge Gottes wäre kein Leben möglich. Dass wir Nahrung und alles Lebensnotwendige haben, beruht auf Gottes Schenken. (Lies Hiob 34, 14. 15; Ps.104,27-30; 145, 8-10.15.16; 147, 7-9.15-19; Offb.4,11.) Durch sein Wort erhält Gott die Schöpfung, und durch sein Wort stärkt er sein Volk. Das Wort Gottes bewahrt diese Welt auch in einem geistlichen Sinn vor dem Zerfall. »Wir spüren in unserer Zeit unter dem Ansturm der dämonischen Mächte immer deutlicher: In dem Maße, wie das Wort Gottes abgelehnt wird, geht die Welt der Finsternis entgegen« (F. Laubach). »Er hat die Reinigung von den Sünden vollbracht.« Durch sein Allmachtswort hat Gott die Welt erschaffen. Doch um uns von unserer Sünde zu reinigen, genügte es nicht, ein Allmachtswort zu sprechen. Gott hat einen weitaus höheren Einsatz geleistet (vgl. Jes. 43, 24. 25). Er sandte seinen einzigen und geliebten Sohn in diese alte, von Sünde gezeichnete Schöpfung und lud ihm unsere Schuld auf. Damit begann die neue Schöpfung, die aus erlösten Menschen besteht, die Gott lieben und ihm dienen. Wer Jesus aufgenommen hat, darf mit dazugehören. Ist das nicht zum Jubeln? (Lies Hebr.9,12.14.)
»Er hat vollbracht die Reinigung von den Sünden und hat sich gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe und ist so viel höher geworden als die Engel.« Jesus ist nach seinem Kreuzestod und seiner Auferstehung bei seiner Himmelfahrt zum Vater zurückgekehrt, der ihn in das Erbe, in die Weltherrschaft eingesetzt und ihm Anteil an seinem Thron gegeben hat. Gott und das Lamm sitzen auf dem Thron der Weltgeschichte. Das wird im letzten Buch der Bibel geschildert. (Lies Offb.22,1.3.) Jesus, sitzend zur Rechten Gottes, bedeutet, dass er als unser Opferlamm und Hoherpriester zugleich auch Herrscher der Welt und König ist. (Lies Röm. 8,34; Hebr. 8, 1; 12, 2.) Die Engel stehen, der Sohn sitzt, denn er ist höher als die Engel. Jesus, sitzend zur Rechten Gottes, heißt aber nicht, dass er arbeitslos und untätig ist. Es bedeutet, dass er Anteil hat an der Regierungsgewalt Gottes. So erfüllte sich die Ankündigung von Psalm 110, 1: »Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache. Mit der Himmelfahrt »hat Gott den Christus zum Erben des Weltalls eingesetzt, obwohl der Widerstand der Gegner noch nicht gebrochen ist. Mit der Einsetzung zum Erben setzt auch die Niederwerfung der Gegner ein« (O.Michel). Hier wird der Hintergrund der weltweiten Nöte und Probleme, an denen wir teilhaben, aufgezeigt. Satan leistet noch Widerstand. Durch die Erinnerung daran, wer Jesus wirklich ist, will der Schreiber des Hebräerbriefes mitten in diesem Widerstand unser Jesusbewusstsein stärken. Trotz des Widerstandes ist und bleibt Jesus Sieger. Wir stehen auf der Seite des Siegers und erfreuen und ehren Jesus, indem wir ihm vertrauen. (Lies Röm.8,35-37; 16,20; Kol. 2, 14. 15; 1. Joh. 5, 4. 5.)
Die Hebräerchristen waren in ihrem Glauben ermüdet. Sie hatten um Jesu willen Spott und teilweise auch Verfolgung erlitten (Hebr. 10, 32-34). Jetzt waren sie versucht, zum Judentum zurückzukehren, aus dem sie ursprünglich kamen. Ihr Blick auf Jesus war verdunkelt. Der Schreiber des Briefes will ihnen, und damit auch uns heute, Jesus vor Augen stellen. Er wurde angekündigt als der, der größer ist als alle Größen des Alten Bundes, größer auch als die Engel. Ehe Gott die Erde und die Menschen schuf, erschuf er die Engel (Hiob 38, 4-7). Sie sind erhabene Wesen, die da, wo sie einen Botenauftrag von Gott erfüllen, Gottes Heiligkeit widerspiegeln und deshalb bei den Menschen Furcht auslösen (Luk. 2, 9. 10; Matth. 28, 2-5). Sie beten Gott und den Sohn Gottes an, werden selbst aber nicht angebetet (Hebr.1, 4-6; lies Offb.5,11.12; 19,10; 22,8. 9). Die Engel sind Gottes Geschöpfe wie wir. Der Sohn Gottes aber ist der Schöpfer (Hebr. 1, 2. 7-12). Sie sind Diener der Erlösten (Hebr. 1, 14), Jesus jedoch ist unser Erlöser (Hebr. 1, 3). »Sind sie nicht allesamt dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die das Heil ererben sollen?« Gott sendet seine Engel, meist unsichtbar, manchmal freilich auch sichtbar, um seinen Erlösten in gefährlichen Lagen beizustehen. Im Revolutionsjahr 1848 war Carl Büchsel (1803-1889) Pfarrer in Berlin. Zwei Arbeiter hatten sich vorgenommen, ihn bei einem Spaziergang im Tiergarten zu überfallen, weil er es wagte, jeden Sonntag für den König zu beten. Sie versteckten sich hinter einem Busch. Doch sie wagten nicht, ihren Anschlag auszuführen. Später bekannte einer der Arbeiter Büchsel das Vorhaben. »Warum haben Sie es nicht ausgeführt?« »Weil zwei Männer Sie begleiteten.« »Aber ich war doch allein.« »Nein«, erwiderte der Arbeiter, »zwei Männer gingen mit Ihnen!« »Die Engel sind die Leibwache der Kinder Gottes« (G. Arnold). (Lies 2.Kön. 6, 15-17; Ps. 34, 8; Dan. 3, 28; 6, 23; Apg. 5, 19. 20; 12, 7).
»Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache« (Psalm 110, 1). Wen nennt David hier »meinen Herrn«? Er kündigt den Messias an, der einerseits Davids Sohn und Nachkomme, aber zugleich als der Sohn Gottes Davids Herr ist (vgl. Matth.22,41-46). Gott hat seinen Sohn nach seiner Auferstehung und Himmelfahrt zu seiner Rechten erhöht. (Lies Mark. 16, 19; Apg. 2, 32-36.) Diese beiden Ereignisse waren das Siegel des Vaters darauf, dass durch Jesus Christus unsere Schuld vollgültig getilgt wurde. Doch Psalm 110, 1 ist noch nicht ganz erfüllt. »Bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache«, steht noch aus. Die Feinde des Sohnes kämpfen gegen die Gemeinde. Das wird offenbar in den Christenverfolgungen in vielen Teilen der Welt. Satan benützt dabei Menschen als seine Werkzeuge. (Lies Luk. 22, 3-6. 31; Apg. 8, 3; 1. Tim. 1, 13.) Als Nachfolger von Jesus haben wir den Auftrag, Menschen zu retten. Im kommunistischen Rumänien kam der Manager einer staatlichen Fabrik zum Glauben. Nach seiner Bekehrung wurden alle Angestellten zusammengerufen, um Zeugen seiner Degradierung zu werden. Er fragte vorher seinen Pastor: »Wie kann ich mich verteidigen?« Der riet ihm: »Verteidige dich nicht. Nutze vielmehr die Zeit, um zu erzählen, wer Jesus ist und was er dir bedeutet.« Er konnte Jesus eindrucksvoll bezeugen. Später ergriffen Menschen seine Hand und baten ihn, ihnen mehr von Jesus zu erzählen oder ihnen eine Bibel zu geben (nach Jan Pit). (Lies Apg.26,12-18.28.) Dass Gott das Leiden der Christen zulässt, macht uns Not. Aber so wie Gott den ersten Teil von Psalm 110, 1 bereits erfüllt hat, »Setze dich zu meiner Rechten«, wird er auch noch den zweiten Teil erfüllen: »bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache.« (Lies 1.Kor.15,25.57.58; 2.Kor. 2,14-16; Eph.6,12-18.)
»Darum sollen wir desto mehr achten auf das Wort, das wir hören, damit wir nicht am Ziel vorbeitreiben.« Weil wir einen so einzigartigen Herrn haben, der ein so wunderbares Heil für uns gewirkt hat, wie es uns in Kapitel 1 vor Augen gestellt wurde, sollen wir auf sein Wort hören und es in unserem Alltag umsetzen. Das Wort, das im Deutschen übersetzt wird mit »achten auf«, wird im Griechischen auch für die Richtung eines Schiffes gebraucht und heißt dann: »festen Kurs halten«. Gemeint ist hier: »Im Blick auf das, was wir gehört haben, sollen wir desto mehr festen Kurs halten, damit wir nicht am Heil vorbeitreiben. « Wie können wir »festen Kurs« halten, damit wir nicht »am Ziel« vorbeitreiben? Wer ein klares Ja zu dem großen Ziel Gottes im Herzen trägt, wird erfahren, dass das Ja zu einem großen Ziel ein vielfaches Nein verlangt. Dem entspricht in unserer Lebenswirklichkeit heute: Alles, was die Beziehung zu Jesus, zu seiner Gemeinde und zu seinem Auftrag reinigt und stärkt, verdient unser praktisch gelebtes Ja (Röm. 12, 1; Apg. 2, 42; Kol. 4, 2; Phil. 4, 8); alles, was die Freundschaft mit Jesus verborgen oder offenkundig unterspült, braucht das konkret gelebte Nein (Röm.12,2; 1.Petr.2,11; 1.Kor.15,33. 34). Die Praxisliste in Römer 12, 9-21 machts ganz konkret. Wir bedenken noch, dass nicht nur das Böse, sondern auch das Schöne und an sich Gute ein gefährlicher Sog werden kann, der uns langsam, aber sicher, von Jesus, von seinem Wort und der Gemeinschaft mit anderen Christen wegzieht. Das Böse beginnt oft mit der Übertreibung des Guten. Darum: Epheser 5,10; 1.Thessalonicher 5,21; 1. Johannes 4,1; 1. Petrus 5, 8. 9.
Hebräer 2, 1. 2; 1.Könige 3, 7-9; 11, 4-9. »Darum sollen wir desto mehr achten auf das Wort, das wir hören, damit wir nicht am Ziel vorbeitreiben.« In der Bibel wird von Menschen berichtet, die sich haben wegtreiben lassen. (Lies Phil.2,20.21; 2.Tim. 4,10; Jak. 4, 4.5; Matth.13, 22.) Salomo wollte seine verantwortungsvolle Aufgabe als König Israels nach göttlichen Maßstäben ausüben. Aber es ist erschütternd zu sehen, wie er von Gott wegtrieb. Wenn jemand ihm in jungen Jahren vorausgesagt hätte, welche Entwicklung er im Alter nehmen würde, wäre er sicher entsetzt gewesen. Über seine heidnischen Frauen fand der Götzendienst Eingang bei Salomo und dadurch auch in Israel. Mehr und mehr passte er sich an das an, was in seinen Kreisen üblich war, obwohl Gott dem israelitischen König andere Gebote gegeben hatte (5.Mose 17, 16-20). Zu seiner Zeit war ein großer Harem das Statussymbol für einen König. Außerdem verband er damit politisches Kalkül. Die Könige, mit denen er durch seine heidnischen Frauen verschwägert war, würden nicht Krieg mit ihm führen. Dass er Gottes Gebote übertrat, wurde ihm zum Fallstrick. Die Teilung seines Reiches war Gottes Antwort auf seine Sünde (1.Kön. 11, 11-13; 2.Mose 34, 15. 16; 5.Mose 7, 3-5; 2.Kor. 6, 14-16). Ein Gegenbeispiel ist Josef. Er lebte mitten in einer heidnischen Umgebung, aber er ließ sich nicht treiben, sondern setzte der Versuchung ein entschlossenes Nein entgegen. »Wie sollte ich denn nun ein solch großes Übel tun und gegen Gott sündigen?« (Lies 1.Mose 39, 7-12.) Wer sich treiben lässt, geht den Weg des geringsten Widerstandes und lässt sich von den Einflüssen um ihn herum mitreißen. Die Hilfe liegt im Hören auf das Wort Gottes. Es stärkt uns, wieder auf den richtigen Kurs zurückzufinden und festen Kurs zu halten. (Lies Ps. 119, 9. 11. 105. 133; Spr. 1, 10-19; 7, 18-23; 2.Tim. 2, 5; Hebr. 12, 1-4.)
Das einzigartige Heilsangebot, das Gott uns in Jesus gemacht hat, erreichte die Hebräerchristen durch Schüler der Apostel. Sie haben als Augenzeugen zuverlässig bezeugt, wer Jesus ist und was er tat, als er auf Erden war. Doch wenn jemand unter ihnen dieses Heil gering achtet? »Wie wollen wir entrinnen, wenn wir ein so großes Heil nicht achten?« (Lies Matth.22, 1-5; Joh.3,18-20.) Im Alten Bund empfing jede Übertretung von Gottes Geboten ihre Strafe, wenn der Schuldige nicht seine Zuflucht zum Opferlamm nahm, das seine Schuld sühnen konnte. Dann kam der Sohn Gottes, auf den bisher alle Opferlämmer hingewiesen hatten, und starb für unsere Schuld. Johannes der Täufer sagte, auf Jesus deutend: »Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt« (Joh. 1, 29). Wer dieses Opfer für seine Sünden ablehnt, wird ungerettet der Ewigkeit und dem Gericht Gottes entgegengehen. Doch so lange ein Mensch lebt, gilt ihm Gottes Gnadenangebot. »Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht« (Hebr.3,7. 8a). Aber wer sein Leben nicht endgültig an Jesus festmacht, »der schneidet sich selbst von dem Fallschirm ab, den Gott ihm gab und auffaltete, als er ihn aus dem brennenden Flugzeug seines Lebens befreite und rettete« (D. Schneider). Ein Mensch mag die Religionen der Welt studieren, doch so etwas wie das Heil, das wir durch den Sohn Gottes haben, findet er nirgendwo. Die Religionen zielen ab auf Selbsterlösung. Das Heil dagegen, das uns Jesus schenkt, könnten wir uns nie selbst erarbeiten. Es gibt in der ganzen Welt keine Alternative dazu. Deshalb wollen wir Jesus dankbar und entschlossen nachfolgen wie Paulus, der schrieb: »Ich jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus« (Phil.3,14; lies Joh.1,12; 14,6; Apg. 4, 12; Luk. 9, 62; 2.Tim. 4, 1-5).
Für die Heilsbotschaft von Jesus ist Gott selber als Kronzeuge aufgetreten. Durch die Wunder und Zeichen, die Jesus tat, und die Sendung des Heiligen Geistes hat Gott das Wirken seines Sohnes bekräftigt und beglaubigt. Dabei gilt es sorgfältig darauf zu achten, dass alle Wunder, die Jesus wirkte, generell im Dienst seiner Verkündigung standen. Sie sollten den Vater ehren und die Menschen wach machen für die ewige Erlösung, die Gott ihnen schenkt. Nicht das Wunder steht im Mittelpunkt der Verkündigung Jesu, sondern das Wort Gottes, das rettende Evangelium. Die Wunder Gottes »sind Heimwegzeichen, Leucht- türme zum Ziel der Erlösung bei Gott« (S. Ruager). Das größte Wunder besteht darin, wenn ein Mensch Christ wird, wenn er sich Jesus anvertraut und ihm nachfolgt. Vergleiche Johannes 2,11 und 14,8-17. Vom Zollbeamten Zachäus zum Beispiel können wir lernen, welche Schritte zum persönlichen Glauben an Jesus wichtig sind (Lukas 19, 1-10): 1. Zachäus wollte ein neues Leben anfangen. Er hatte von Jesus gehört, jetzt war die Stunde da, um ihn kennen zu lernen. 2.Der Zollbeamte ließ sich nicht durch die vielen Zuschauer von seinem Wunsch abbringen. 3. Er reagierte auf die Einladung von Jesus und nahm ihn in sein Haus und Leben auf. Dabei erzählte er dem Herrn von seiner Schuld und der Bereitschaft, sein Leben zu ordnen. 4. Jesus bestätigt: »Heute ist diesem Hause Heil widerfahren.« Und wie können wir heute Jesus aufnehmen? Hier ein kleiner Leitfaden fürs Gespräch mit ihm: »Herr Jesus Christus, du bietest mir ein neues Leben an und ein Zuhause beim Vater im Himmel. Ich möchte dein Angebot jetzt annehmen. Komm in mein Leben und vergib mir bitte all meine Schuld. Danke, dass du mich hörst und zu mir kommst.« (Lies 1. Joh.1,9; 2,1. 2.)MIT JESUS IM ALLTAG LEBEN EMPFEHLUNGEN AUS JAKOBUS 1
I. ER HEIßT GANZ EINFACH »JAKOB« Viele trugen seinen Namen. Es war ein Name mit langer Familientradition. Ein Name, der Geschichte schrieb, die Geschichte einer wunderbaren Verwandlung und die Geschichte eines bedeutsamen Volkes (1.Mose 31,17.18; 32,23-33; 49, 1.10; 2.Mose 3,6; Mark.12,26). Die Familie, in der Jesus aufwuchs, hatte auch einen »Jakob« (Matth. 13, 55; Jakobus ist die griechische Fassung des hebräischen Jakob). Allein in den Apostellisten der neutestamentlichen Evangelien begegnen uns zwei Männer, die den Namen Jakobus trugen. Erstens: Jakobus, der Sohn des Alphäus (Matth. 10, 3; Apg. 1, 13). Zweitens: Jakobus, der Sohn des Zebedäus. Auch er gehörtemit seinem Bruder Johannes zumZwölferkreis des Herrn (Matth. 10, 2). Dieser Jakobus erlitt um das Jahr 42 n. Chr. unter Herodes Agrippa I. den Märtyrertod (Apg.12, 2). Als Verfasser des Jakobusbriefes kommt nach altkirchlicher Überlieferung Jakobus, der älteste der leiblichen Halbbrüder Jesu, in Frage. Er hatte, wie übrigens auch die anderen Brüder von Jesus, Probleme mit dem »großen Bruder«. Sie glaubten nicht, dass er der Messias Gottes ist (Joh. 7, 5). Vielleicht erwarteten sie wie alle frommen Juden damals, dass Jesus Land und Leute von der bedrückenden römischen Regierung befreien und das herrliche Friedensreich Gottes in Jerusalem aufrichten würde. (Vgl. Luk. 24, 21; Joh. 7, 3. 4.) Doch der Sohn Gottes wollte zuerst die Schuldfrage der Menschen lösen, dann sollte die Machtfrage geklärt werden. Alle weltweite Not, der ganze Sündenjammer, entstand einst im Herzen des Menschen (1.Mose 3, 1-7; 6,5; 8,21); und hier zuerst soll sich die grundlegende Wende, die Abkehr vom eigenmächtigen Leben und die Hinkehr zu Gott, vollziehen. Das war der frohe Mittelpunkt in der Verkündigung von Jesus: Markus 1,14.15; 2, 5-11.13-17. Wir überlegen: Worauf legte Jesus in den Begegnungen mit bedrückten Menschen besonders Wert? Zum Beispiel: Johannes 4, 1-41; 5, 1-16.
Einige Jahre lang zählte Jakobus zu den energischen Gegnern seines großen Bruders. Das ist also möglich: Es geht ein Riss durch eine Familie wegen Jesus. Licht und Finsternis, Wahrheit und Lüge prallen aufeinander. Jesus selbst durchlebte diese Spannung schmerzlich: »Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich« (Luk. 11, 23a). Doch aus Gegnerschaft kann Gemeinschaft, aus Feindschaft Freundschaft werden. Eines Tages gehören die irdischen Brüder von Jesus zur überirdischen Familie Gottes (Apg. 1, 13. 14). Bald nach der Himmelfahrt Christi trafen sich seine Freunde regelmäßig zum Gebet. Sie alle wollten so leben, wie Jesus es ihnen gezeigt hatte (Luk. 8, 21). Einer von ihnen war der Herrenbruder Jakobus, der nach dem Pfingstfest (Apg. 2, 1ff) verantwortlicher Leiter der jungen Christengemeinde in Jerusalem wurde. Dies belegen Apostelgeschichte 12,17; 15,13; 21, 18 und Galater 1, 19; 2, 9. Welch eine Veränderung im Leben des Jakobus! Jetzt ist er auch ein geistlicher Bruder von Jesus (Joh. 20, 17; Hebr. 2, 11) und sein Diener. Jakobus hat in Jesus einen herrlichen Dienstherrn gefunden. Darum bezeichnet er sich als »Knecht Gottes und des Herrn Jesus Christus«. Im Urtext heißt es wörtlich »Sklave«. Mit diesem Begriff setzt Jakobus zwei Schwerpunkte: Einmal sieht er seinen Dienst in der Spur der alttestamentlichen »Knechte Gottes« (5.Mose 9, 27; 1. Kön. 8, 53; Hiob 1, 8; Jes. 20, 3; Amos 3, 7). Gott macht auch weiterhin Geschichte mit seinem auserwählten Volk, dessen geoffenbarte Mitte Jesus Christus ist. Zum anderen sieht Jakobus den Herrn als seine persönliche Lebensmitte: Er hat mich freigekauft aus der Gefangenschaft des Eigensinns und sturer Traditionen (Mark. 10, 45; 1. Petr. 1, 18. 19) und mich zu seinem Eigentum gemacht. Ich gehöre nicht mehr mir selbst, sondern Jesus. Darum gehört ihm alle Aufmerksamkeit, mein ganzer Gehorsam und meine ganze Treue.
Wie kam Jakobus »zum Glauben an Jesus Christus, unserem Herrn der Herrlichkeit«? In 1. Korinther 15 führt der Apostel Paulus an, wer alles Jesus nach seiner Auferstehung gesehen hat. Bei dieser Aufzählung fallen die Worte: »Danach ist er gesehen worden von Jakobus« (1. Kor. 15, 7). Außerbiblische Geschichtsquellen weisen darauf hin, dass Jakobus über dem Leidensweg Jesu nicht mehr zur Ruhe gekommen sei und sehnsüchtig danach verlangt habe, dem Auferstandenen zu begegnen. Diese Sehnsucht erinnert an die Verkündigung des Propheten Jeremia: »Sucht ihr mich, so werdet ihr mich finden, ja, fragt ihr mit eurem ganzen Herzen nach mir, so werde ich mich von euch finden lassen, spricht Gott, der Herr« (Jer.29,13.14; vgl. Matth.7,7.8). Durch die Begegnung mit dem auferstandenen Herrn wird Jakobus ein neuer Mensch. Alles, was ihm zuvor an Jesus ärgerlich und unverständlich war, erscheint nun in einem anderen Licht. Vorher verstand er nicht, warum der Messias am Kreuz sterben musste. Jetzt sah Jakobus mit »erleuchteten Herzensaugen « (Eph. 1, 18-21). Er wusste: Ohne das Sterben und Auferstehen Christi gibt es keinen Frieden mit Gott, keine Vergebung der Sünden, keine Gerechtigkeit, die den in sich selbst verkrümmten Sünder vor Gott aufrichtet. Das geschieht, weil Gott selber den Ungerechten gerecht macht. Jetzt kann der Zurechtgebrachte sein Leben am Willen Gottes orientieren. Das wollte Jakobus von ganzem Herzen. Was er selbst übte, empfahl er den »zwölf Stämmen, die in der Zerstreuung sind«. Es handelte sich um kleine christliche Gemeinden innerhalb jüdischer Synagogenverbände in Israel und außerhalb des Landes. (Vgl. Apg.11,19; 18,1.2.24-28; 1.Petr.1,1.)
II. ES GIBT ECHTE FREUDE IN SCHWIERIGKEITEN (1, 2-4) Jakobus hat einen scharfen Blick für unser Alltagsleben mit seinen Sorgen und Nöten. Drei Kennzeichen im Umgang miteinander und mit Schwierigkeiten fallen auf: 1. Jakobus schreibt demütig. »Meine Brüder«, nennt er seine Mitchristen. Er ist als Gemeindeleiter nicht Chef, sondern seelsorgerlicher Freund, Berater und Begleiter seiner Brüder. Er leitet, indem er dient. Diesen Diener kennzeichnen Demut und Klarheit. 2. Jakobus schreibt realistisch: Christsein bedeutet Angefochtensein. Er geht von dieser Tatsache aus. Die Hintergründe kommen später (V. 13-15) zur Sprache. Jetzt legt Jakobus den Akzent auf das breite, bunte Spektrum (»mancherlei«) der Anfechtungen, in die der Christ »gerät«, wie wenn man unterwegs überraschend in ein Gewitter geraten kann. Dann braucht der Bedrohte unverzüglich Schutz. An dieser Stelle wird der Wirklichkeitssinn des Jakobus deutlich. 3. Er schreibt ehrlich. Jakobus sagt nicht: »Es ist lauter Freude«, wenn ihr ins Unwetter der Anfechtungen geratet. Denn es ist wahrhaftig nicht angenehm. Jakobus hebt hervor, worin der Schutz für den Christen besteht: »Erachtet, haltet es für Freude, wenn ihr in mancherlei Versuchungen geratet.« Wenn die Anfechtung da ist, bedenke doch, dass du zur Freude kommen kannst. Starre nicht die Probleme an, sondern schau den Herrn über alle Probleme an. Der Blickwechsel machts! Dazu Matthäus 14, 22-33 und Hebräer 12, 1-3. Der Aufblick zu Jesus schützt vor Versagen und Verzagen. Warum ist das so? Als Jesus am Kreuz ausrief: »Es ist vollbracht!«, da hat er den Sieg über alle Feindmächte und Sündenkräfte gewonnen. Wer zu Jesus aufblickt, schaut den Sieger an, der auch meiner Not gewachsen ist. Das ist Freude! Darum die gute Empfehlung: Kämpft eure Glaubenskämpfe zuversichtlich. Mit Epheser 3, 14-21 verspricht Gott uns eine starke Ermutigung.
»Haltet es für lauter Freude, wenn ihr in bunte Anfechtungen geratet.« Wenn wir in Turbulenzen und Stürme geraten, dürfen wir uns daran erinnern: Gott hat nicht unsere Niederlage geplant, sondern den Sieg, nicht die Trübseligkeit, sondern die Glückseligkeit, jene Freude, die aus den Tiefen der Anfechtung erwächst. Ob Jakobus hier an die Seligpreisungen der Bergpredigt seines »großen Bruders« Jesus gedacht hat (Matth. 5, 3-10)? An dieser Stelle lohnt es sich, einmal darüber nachzudenken, welche Stürme, Nöte und Anfechtungen gerade die Seliggepriesenen durchleb(t)en. Vom Sieg Gottes darf schon jetzt in unserem stürmischen Alltag viel sichtbar werden. Wie kann das geschehen? Jakobus macht deutlich: Angriffe auf Glauben und Leben sind ein notwendiges Testverfahren. Es geht dabei so die wörtliche Übersetzung um »die Echtheit eures Glaubens«. Jakobus benutzt ein Wort, das für echte Münzen, die keine Legierung aufweisen, gebraucht wurde. Echt oder unecht, pur oder gemischt, kann erst ein bestimmtes Prüfverfahren, am besten durch den Fachmann, zeigen. Es ist gut, dass unser Glaube schon jetzt geprüft wird. Warum? 1. Vor Gott kann nur das Echte bestehen. Es wäre schrecklich, wenn erst am Schluss meines Lebens herauskäme: unecht, falsch, gefälscht, imitiert. Genau das will Gott nicht. 2. Jede Phase der Erprobung enthält die Chance, Echtes vom Unechten zu trennen. Anders gesagt: In der Prüfung geht es darum, unter den heiligen und gütigen Augen unseres einzigartigen Fachmanns immer echter, aufrichtiger, standfester, stärker zu werden (Eph.4,13-16). Jakobus spricht vom »bewährten Glauben, der Geduld wirkt«. Geduldig werden heißt, belastungsfähig werden. Belastungsfähig werden heißt, Schritt für Schritt vertrauensvoll an Gottes Treue festhalten: 1.Korinther 10,13.
Gehört Jakobus zu den Perfektionisten, wenn er schreibt: »Die Geduld aber soll ein vollkommenes Werk haben, damit ihr vollkommen und unversehrt seid und in nichts Mangel habt«? Der geistliche Perfektionismus war tatsächlich eine Gefahr im jüdischen Rabbinat. »Der fertig gewordene Gerechte ist das Ziel, nach dem die ununterbrochene gottesdienstliche Bemühung des Rabbi strebt« (A. Schlatter). Jakobus aber setzt einen ganz anderen Akzent: Durch die Begegnung mit dem gekreuzigten und auferstandenen Jesus weiß er, dass der an Christus gebundene Christ von dem lebt, was Christus für ihn getan hat. Sagen wirs persönlich: a. Jesus hat für mich gelitten. Er hielt im Leiden durch. Darum kann ich Geduld für mich und meine verzweifelte Lage schöpfen. Immer wieder neu. b. Jesus ist für mich gestorben. Er hat sich Gott gegeben als das fehlerlose, »unversehrte«, »vollkommene« Opferlamm. Das ist der tadellose Gottesdienst, der Gott gefällt. Darum gibt es Hoffnung für mich. Ich kämpfe mich nicht krampfhaft zu Spitzenleistungen durch, sondern schlüpfe dankbar und froh hinein in die »Kleider des Heils und den Mantel der Gerechtigkeit« (Jes. 61, 10; Röm. 8,1.2; 1.Kor.1,30). c. Jesus hat für mich den Sieg gewonnen. Die Sündenhindernisse sind überwunden und beseitigt. Sie stehen nicht mehr blockierend zwischen Gott und mir. Darum lebe ich täglich vom Sieg Jesu (Röm. 6, 1-14). Ich muss nicht der »alte Tropf« bleiben! Welche Konsequenzen sind nach Epheser 4, 20-32 für mein Leben angezeigt? d. Christus hat für mich das Tor zur ewigen Herrlichkeit aufgestoßen. Er hat mich für den Himmel gebucht! Dann wird Vollkommenheit das große und ewige »Tagesereignis« sein. Darum gehe ich heute dankwillig und gelassen an seiner Hand wenns sein muss, auch durchs dunkle Todestal einer einzigartigen Zukunft entgegen. (Lies 1.Kor.1, 4-9; 2.Kor. 4,16-18; Jud. 24.25.)
III. WENN WEISHEIT »MANGELWARE IST (1, 5-8) Der Weisheits-Begriff bei Jakobus ist kein idealistischer und kein theoretischer Gedanke, sondern ein biblisch-praktischer. Es geht um die Weisheit Gottes. Weisheit ist die von Gott geschenkte »Fähigkeit, sich im Leben mit seinen Schwierigkeiten und Aufgaben auszukennen und in jeder Lage das Gottgewollte zu treffen« (R. Luther).
Durch betenden Umgang mit unsrer Bibel. Martin Luther hat einmal sehr eindrücklich formuliert: »Gottes Weisheit ist nirgends zu finden außer in seinem Wort. Wer das lieb hat, wert hält und immerdar damit umgehet, der ist nicht allein ein erleuchteter von Gott bewährter Doktor über alle anderen Weltweisheiten und Gelehrten, sondern auch ein Richter über alle Weisheit und Lehre, über Teufel und Menschen. Wer umgekehrt Gottes Wort nicht mit Ernst treibet, sondern Menschenlehre und Weisheit folget, sein Leben danach richtet und regieret, der ist und bleibet sein Leben lang ein ungelehriger Schüler in der Schrift. Und wenn er gleich viel davon redet und dichtet und sich deshalb dünken lässt, er sei ein Meister derselben, so verstehet er doch nichts davon, gehet einher, ersoffen in seinen fleischlichen Gedanken, ist verführet und verführet andere.« Der Weg zur Weisheit Gottes ist nicht kompliziert. Beim Bibellesen darf ich bitten: »Herr, lass mich dein Wort verstehen und richtig anwenden« im Umgang mit meiner Familie, mit den Kollegen, Nachbarn, Freunden, Geschäftspartnern, Schülern, Mitarbeitern. »Lehre mich tun nach deinem Wohlgefallen, denn du bist mein Gott; dein guter Geist führe mich auf ebener Bahn« (Ps.143, 10). Orientierung finden wir auch, wenn wir überlegen: Wie wurde die Weisheit Gottes im Leben Jesu sichtbar? Das sieht ganz unterschiedlich aus: Lukas 2, 41-51; 4,15-22; 6,12.13; Markus 1,35-39; Johannes 2, 1-8.
Jakobus 1, 5-8; Matthäus 7, 7-11; 1. Johannes 5, 14. 15. Wer Gott um Weisheit bittet, hat ein Doppeltes zu bedenken: 1. Der Beter beachtet, wie Gott gibt. Gott rechnet die Gaben nicht auf. Er gibt gern und großzügig. Der Urtext spricht von einem Geben ohne eigensüchtige Nebenabsichten und Hintergedanken. Wie berechnend Menschen schenken können, haben seinerzeit die jüdischen Gelehrten zutreffend auf den Punkt gebracht: »Des Narren Geschenk wird dir nicht viel frommen; denn mit einem Auge gibt er, und mit sieben Augen sieht er, was er dafür kriege.« Gott aber ist ganz anders. Er verfügt nicht nur über ein unerschöpfliches und originelles Gaben-Potential, sondern er schenkt sehr gern und sehr gut großherzig und uneigennützig. So entspricht es seinem Wesen. 2. Der Beter bedenkt, wie er seine Bitten vor Gott bringt. »Er bitte aber im Glauben, ohne zu zweifeln.« Der Gott vertrauende Mensch ist nicht blauäugig. Er sieht sehr realistisch die Mängel und Nöte. Aber er lässt sich von ihnen nicht umhertreiben, sondern er lässt sich von den Zusagen und der Treue Gottes tragen. »Was ihr bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun, damit der Vater verherrlicht werde im Sohn« (Joh.14,13). Der Zweifler jedoch ist ein Getriebener aufgewühlt und hochgepeitscht wie die Wassermassen des Meeres. Bin ich ein getriebener oder ein getragener Mensch? Der Getragene hängt am Wort Gottes; der Getriebene an den Zuständen, Umständen und Stimmungen seiner Lebenswelt. Niemand muss ein Getriebener bleiben. Wir dürfen und sollen uns immer wieder an das zuverlässige Wort Gottes hängen: Psalm 50, 15; 66, 5-12; 93, 4; Jesaja 43, 1-3. 16-19; Matthäus 8, 24-27.
IV. SOZIALE KONFLIKTE IN DER GEMEINDE (1, 9-11) Auch in der Christengemeinde gab und gibt es Arme und Reiche. Nach damaliger Gesellschaftsnorm waren die Begüterten die geachteten und geehrten Menschen. Sie besaßen viel Macht. Dagegen hatten die Besitzlosen nichts zu melden. Sie taugten zu nichts und waren der Abschaum der Gesellschaft. Wenn Menschen, Arme und Reiche, Christen geworden sind, werden die Lebensverhältnisse dadurch nicht einfach anders. Wie bewältigt die christliche Gemeinde diese krassen Unterschiede? Jakobus zeigt die neue Wertung des Menschen durch das Evangelium. 1. Die Neuwertung des Niedrigen. Jakobus beginnt mit einer sachlichen Feststellung: »Der Bruder, der niedrig ist.« Es geht zunächst darum, zur jeweiligen »Niedrigkeit« zu stehen: zu einer »alltäglichen« Begabung und »kleinen« Ausbildung, zu einem geringen Einkommen und kleinen Besitz, zu einer einfachen Berufsstellung, zu einer schmerzlichen Behinderung oder Schwachheit. Dann aber »rühme sich der Niedrige seiner Hoheit«! Er denke an seinen Herrn, an Jesus Christus, der »arm geworden ist« um unsertwillen, damit wir »durch seine Armut reich würden« (2. Kor. 8, 9). Dieser Herr hat ein Herz für die kleinen Leute. Er nimmt sich ihrer an und nimmt sie in die Familie Gottes auf. Durch Jesus ist der »arme Schlucker« Gottes Kind und »Miterbe Christi« geworden. Alles, was Christus ist und hat, teilt dieser Herr mit ihm (Röm. 8,17. 18; Kol.3, 4). Wenn das nicht Grund genug zu Dank und Lob und Anbetung ist! Dieser Ruhm, diese Dankbarkeit rettet den Niedrigen aus dem Vergleichsdenken und bewahrt ihn vor Verkrampfung, Neid, Bitterkeit und Selbstverachtung. Dazu Matthäus 11,25-30; Lukas 1, 46-55; vgl. 1.Samuel 1,20; 2, 1-10.
2. Die Neuwertung des Reichen. Jakobus empfiehlt dem reichen Bruder in der christlichen Gemeinde: »Er rühme sich seiner Niedrigkeit.« Es geht nicht um das Abwerten oder gar Einebnen von Begabung, Bildung, Wohlstand, Einfluss und Macht. Es geht aber um die richtige, die biblische Geisteshaltung des Menschen zu allem Reichtum. Jakobus erinnert seine Leser an Jesaja 40, 6. 7 und damit an die absolute Vergänglichkeit irdischer Güter, Werte und Gaben. Abgesehen von den unzähligen Sorgen des Reichen können Wirtschaftskrisen, Fehlspekulationen, Kriege, Krankheit, Unfall, Alter, Tod in einem Augenblick alle Lebensfreuden vernichten, wie der glutheiße Südostwind, der aus der Wüste über Palästina hereinbrach, in einer einzigen Stunde die ganze Vegetation vernichten konnte. Dies sieht Jakobus als Anlass, froh zu sein: »Der Reiche rühme sich seiner Niedrigkeit!« Gemeint ist: a. Vor Gott sind wir alle armselige Habenichtse und überreich Beschenkte. Diese Tatsache soll uns nüchtern und dankbar machen. b. Alle Gaben Gottes sind anvertraute Gaben. Die Gaben stellen in die Aufgaben. Es geht um einen ehrlichen und treuen Umgang mit dem Anvertrauten. (Vgl. Matth.25,14ff.) c. Der Geber will immer größer geachtet sein als die Gaben. Gott duldet keine Zweitgötter neben sich: 2.Mose 20, 1-6; Lukas 18,18ff. Folglich geht es um die gute Einübung: Habe, als hättest du nicht (1. Kor. 7, 29-31)! Aus der Liebesbeziehung zum Geber aller guten Gaben wächst die dienende Liebesbeziehung zum Nächsten: Matthäus 22, 37-40. Diese Liebe fragt nicht, was der andere bringt, sondern was er braucht und ihm Freude bereitet.
V. DIE WIRKLICHE KRAFT DER DOPPELTEN HERZEN (1, 12-18) Noch einmal (vgl. die Auslegung zu Kap.1, 2. 3), noch intensiver, noch gezielter weist Jakobus bedrückte, angegriffene Christen darauf hin, dass Gott nicht die Tragödie geplant hat, sondern glänzenden Sieg. »Glückselig der Mann, der die Versuchung erduldet! Denn nachdem er bewährt ist, wird er den Siegeskranz des Lebens empfangen.« In der Antike war es üblich, erprobte Soldaten, erfolgreiche Staatsmänner und hervorragende Wettkämpfer mit einem wertvollen Stirnband zu ehren. Doch all die wichtigen Ehrenabzeichen, Medaillen, Orden, Auszeichnungen und Preise sind zeitlich, endlich, vergänglich. Der unvergleichliche Siegespreis Gottes aber ist ewig, unbegrenzt, dauerhaft. (Vgl. 1.Kor.9, 24-27; 2.Tim. 2,5; 4,7.8; Offb.2, 10; 3, 11; 4, 4.) Jakobus denkt unzweifelhaft an die letzte große Beurteilung unseres Lebens. Er will damit nicht Angst einjagen, sondern ermutigen: Christen haftet eine Würde an, von der andere Menschen keine Vorstellung haben. Denn die Jesusleute sind sich bewusst: Wir sind Gott einen ganzen Jesus Christus wert, der für uns gestorben und zum unvergänglichen Leben auferweckt worden ist. In seiner Leidens- und Lebensspur gehen wir als Überwinder auf eine unaussprechliche Herrlichkeit zu. Woher nehmen Christen die Kraft, in der Siegesspur des Christus zu gehen? Die Quelle der Kraft, die zum Leiden und Überwinden von Sünde, Angst und Sorgen stärkt, ist die Liebesbeziehung zu Gott. Schon im Alten Testament galten die, die Gott lieben, als Energiespender für eine matte, mutlose Umwelt (Richt.5,31; 5.Mose 5,10; 6, 4-6; 7, 9).
Die Liebe zwischen Gott und den Seinen ist eine Kraftquelle, die Kräfte verdoppelt. Dabei geht es nicht zuerst um Quantität, sondern um Qualität. Liebe ist das große »Qualitäts-Wort« des Himmels! Als »das Wort Fleisch wurde, wohnte« die Liebe Gottes in Person, in seinem Sohn Jesus Christus, »unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als eines Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit« (Joh. 1, 14). Heute wohnt Jesus durch seinen Geist in »denen, die ihn aufnahmen« (Joh. 1, 12). Hat Jesus das Sagen in meinem Leben, dann gibt seine wahrhaftige Liebe auch den Ton in meiner Beziehung zur Umwelt an. Aus der wachsenden Liebesbeziehung zu Jesus wächst die gute Liebesbeziehung zum Nächsten (Joh.15,12; 21,15-17). Ein Pastor wagte im Gemeindebrief ein ehrliches Wort: »Stichwort Liebe immer wieder fühle ich mich in meiner Arbeit dadurch hinterfragt. Oft genug entdecke ich andere Motivationen als Motor meines Gemeindedienstes. Fehlt aber die Liebe, dann geht einem schnell die Puste aus. Liebe dagegen verdoppelt die Kräfte. Liebe macht erfinderisch. Liebe ist bereit zu Vergebung und Neuanfang. Liebe setzt sich für den anderen ein um seiner selbst willen. Liebe ist das Schlüsselwort . . . im Umgang mit unserem Herrn und im Umgang miteinander.« Wie muss Jesus, »der uns zuerst geliebt hat«, sich nach unsrer Liebe sehnen! Denn er will den »Siegeskranz des Lebens« denen geben, »die ihn lieben.« An 1. Korinther 13, 4-7 lernen wir ein ganzes Leben. Was konkret ist heute bei mir dran?
Kann ein Gott, der das Beste für seine Kinder will und gibt, Menschen zum Bösen verführen? Jakobus sagt entschieden: Nein! Das kann und will Gott nicht tun! Es kann sehr wohl sein, dass wir uns bisweilen mit der alten Frage nach dem Ursprung des Bösen herumschlagen und uns immer wieder fragen: Wie passen Gottes Liebe und Gerechtigkeit zusammen mit all dem Bösen und dem schweren Leid, das geschieht? Wer so fragt, wird von Gott nicht verurteilt. Wir dürfen und sollen unseren Kummer bei Gott herausklagen. So machten es viele Beter der Bibel, zum Beispiel Hiob und Asaf (Hiob 27-31; Psalm 73). Dabei sollen wir im Auge behalten: Die Bibel beantwortet diese bedrängende Frage nach dem Woher und Warum nicht. Martin Luther gibt uns den Rat: »Gottes Wille, seine Weisheit und Allmacht sind unerforschlich; unsere Erschaffung verlangt es, dass wir nicht fragen: Warum? sondern dem gehorchen, der (uns) gebietet.« Es ist ratsam, bei der Warum-Frage nicht stehenzubleiben, sondern mit Jakobus daran festzuhalten: »Gott kann nicht vom Bösen versucht werden«, und er versucht niemanden zum Bösen; denn »Gott ist Licht und gar keine Finsternis ist in ihm« (1. Joh. 1, 5). Jakobus nennt Gott den »Vater der Lichter« (Jak. 1, 17). Konsequenz: Da Gott in seinem Wesen und Charakter durch und durch gut ist, kann er für die Tragödie »Leid, Krankheit, Sünde und Tod« nicht zur Verantwortung gezogen werden. Umso bemerkenswerter, dass Jakobus jetzt nicht umlenkt auf Satan, den großen Feind Gottes und der Menschen (Joh. 8, 44!), sondern den Menschen selbst in die Verantwortung vor Gott stellt. Johannes 15, 22, Römer 3,23.24 und 6, 8.11-14 haben mit meiner Verantwortung zu tun.
Gott kann Menschen prüfen, testen bis aufs Äußerste (Hiob 1, 11ff; 1.Mose 22,1ff) , aber Gott verführt niemals einenMenschen zum Bösen. Jakobus zeigt, in enger Verbindung zum Wort Jesu über das Menschenherz (Mark. 7, 21-23), dass der Mensch sich selbst als größtes Problem hat. In jedem Menschen gibt es ein merkwürdiges Echo auf Reize von außen und innen. Wie trickreich und teilweise gemein die zeitgenössische Werbung den geheimen Zusammenhang von bewusst gesetzten Impulsen und die dadurch entstehenden Bilder und Bedürfnisse im Menschen ausnützt, bekommen wir deutlich und tragisch zu spüren. Im schlimmsten Fall lässt sich der Mensch von seiner eigenen lustvollen Gier und Leidenschaft »ködern« (so die wörtliche Übersetzung). »Danach, wenn die Lust empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod.« Jakobus sagt eindeutig, dass die Lust selber noch nicht die Tatsünde ist. Im Menschenherzen stehen Wünsche und sehnsuchtsvolles Begehren nicht selten aus dem Vergleichen mit anderen oder aus dem Diktat des Zeitstils entstanden bisweilen Schlange. Das ist schlichtweg Tatsache. Entscheidend wird immer sein, wie wir damit umgehen. Christen haben die großartige Möglichkeit, alles, was sie bewegt, umtreibt und belastet, mit ihrem Herrn zu besprechen und wenn die Versuchung zum Bösen angeklopft hat, Jesus, den siegreichen Überwinder, an die Tür zu schicken. Das geschieht konkret einerseits durch mein Anknüpfen am vollbrachten Sieg Jesu, andererseits durch meine bewusste Abkehr vom verlockenden Köder. Manchmal lautet das Gebot der »Sekunde« allerdings, dass wir die »Flucht nach vorn« antreten (1.Mose 39, 1-12; 1.Kor. 6, 18; 10, 14; 1. Tim. 6, 10. 11; 2. Tim. 2, 22) und blitzschnell ein kräftiges »Nein« zur Sünde aussprechen und ein klares Ja zum Willen Gottes und zur Überwinderkraft des Auferstandenen leben. Dazu Römer 8, 1-17.
Hat Jakobus soeben noch von der Lust zum Bösen gesprochen, so betont er jetzt die Lust zum Guten. Gott, der Schöpfer aller Menschen und der Vater seiner Kinder, ist doch kein Miesmacher, sondern ein Freudenmacher. Wie gerne teilt er aus seinem unerschöpflichen Geschenke-Vorrat geradezu nach Herzenslust aus! (Vgl. die Auslegung zu Jak.1,5.) Jede Gabe, die von Gott kommt, ist gut; nichts, was er gibt, ist schlecht. Auch bei Christen kann jener verhängnisvolle Irrtum hängen bleiben, wenn sie meinen, Gott könne ihnen wegen ihrer eigenen Fehler- und Sündhaftigkeit nichts Gutes mehr gönnen. »Irrt euch nicht, meine geliebten Brüder!«, schreibt Jakobus. Der Unbeständigkeit des menschlichen Herzens, die ein Spiegelbild aller kosmisch veränderbaren Lichtverhältnisse ist, stellt Jakobus die Beständigkeit des Schöpfer- und Vatergottes gegenüber. Gott ist kein launischer Herrgott, sondern ein guter Vater dem Menschen fest und liebevoll, aufrichtig und treu zugewandt. Sein konsequenter und behutsamer Liebeswille zielt auf die Herzens- und Lebenserneuerung des Menschen. Es ist in Ordnung, wenn der Mensch sich als »gutes« Geschöpf Gottes erkennt. Doch die »sehr gute« Schöpfung Gottes (1.Mose 1, 31) zerbrach am Eigensinn des ersten Adam. Allein der Demutssinn des zweiten Adam, Christus, brachte und bringt die Neuschöpfung zustande: Hebräer 5, 8. 9; 2. Korinther 5, 17-19. Das ist Evangelium. Jakobus nennt es »das Wort der Wahrheit«. Dazu Epheser 1, 13 und Kolosser 1, 3-6. Der durch das wahre Wort des Evangeliums neu geschaffene Mensch gehört Gott wie jede »Erstgeburt« (2.Mose 13, 11-16) und die ersten Früchte der Ernte (2.Mose 23, 16). Christen sind und bleiben Gottes Eigentum: Epheser 1,14; Titus 2,14; 1. Petrus 2,9.
VI. HÖREN, HÖREN, HÖREN DANN MÖGEN WIR REDEN (1, 19-21) Jakobus bespricht mit den Glaubensgefährten, in welch verantwortungsvolle Aufgabe die herrliche Gabe des Wortes Gottes (V. 17. 18) stellt. Es geht um das unerlässliche Training, intensiv und sorgfältig zu hören. »Schnell zum Hören«, wie Jakobus formuliert, hat nichts mit der neuzeitlichen Plage akustischer Stress-Vielfalt und pausenloser Höchstgeschwindigkeit zu tun, sondern meint die flinke, flexible Bereitschaft, sich für ein Gegenüber zu öffnen und zuerst aufmerksam zu hören und nicht sofort zu reden. Wer kennt nicht die Gefahr vorschnellen Redens und unwilligen, halbherzigen Zuhörens? Auch Jakobus denkt daran, wie schwer wir zum Hören kommen, weil wir oft randvoll sind mit eigenen Ideen und Gedanken und uns nicht für das zu öffnen wagen, das nicht von uns selber stammt, sondern nur dadurch empfangen werden kann, dass wir hören. »Wenn wir sofort zu reden beginnen, gehorchen wir unserer Eitelkeit, die sich zum Urteil berechtigt hält, und verdrängen mit unserem eigenen Wort das, was uns gegeben ist« (Adolf Schlatter). Was ist uns gegeben? 1. Die Bibel, Gottes wegweisendes Wort: 2. Timotheus 3, 14-17; Römer 15, 4. Lese ich sie? Wie lese ich? Hektisch und oberflächlich oder planvoll und gründlich? Aufrichtige Christen sind mehr darauf bedacht, zuerst auf Gott zu hören, als darauf, eingebildet, laut und geschwätzig ihre eigenen Ansichten auszuposaunen. Lasst uns auch das hören, was uns nicht passt. Es kann sein, dass wir dem Wahrheitswort der Bibel mit Leidenschaft widerstehen. Denn die Wahrheit hat auch richtende Kraft. Und im Licht dieser Wirklichkeit wird sichtbar, was wir nicht sehen wollen. Dennoch zu hören, bringt Gottes Befreiung und Rettung in unser Leben. (Vgl. Jes.50,4.5; Hebr.3,7.8.)
Wir fragten: Was ist uns gegeben? 2. Der Nächste neben und bei uns. Übe ich mich darin, eigene Sorgen, Ansichten und Erfahrungen zurückzustellen und ihm zuzuhören, oder überflute ich ihn mit einem Wörter-Meer gut gemeinter Ratschläge oder stur angewendeter Vorschriften? »Unsere Eigenliebe, die nur unseren eigenen Besitz kennt und schätzt, macht, dass wir bloß reden können, und macht dadurch die Gemeinschaft unmöglich« (A. Schlatter). Der hörfähige Christ macht den gemeinschaftsfähigen Christen. Wie viele Missverständnisse und Ärgernisse gibt es in der Christengemeinde, weil nicht wirklich und richtig gehört wird! Jakobus rät: »Sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn.« Die Formulierung »langsam zum Zorn« lässt erkennen, dass es bestimmte Gelegenheiten geben kann, in denen Zorn angebracht ist. (Vgl. 2.Mose 32, 19. 20; 1.Sam.15,10.11; Joh. 2,13-17.) Die Schwierigkeit besteht für uns aber darin, den jeweiligen »Fall«, der unseren Zorn angeblich verdient hat, wirklich gerecht zu beurteilen und zu handhaben. Nichts anderes fügt Jakobus als Begründung hinzu: »Denn eines Mannes Zorn wirkt nicht Gottes Gerechtigkeit.« Die Bibel belegt dies mit eindrücklichen Beispielen (2.Mose 2, 11-15; 4.Mose 20, 7-13; 1.Mose 34,25-31) und ermahnt uns vielfältig zu Geduld, Vergebungsbereitschaft und Liebe: Galater 5,16-20.22; Kolosser 3, 8-10; Epheser 4,26.27.30-32. Was wir im Ton wahrhaftiger Liebe sagen, hat mehr Gewicht als alles, was im scharfen Ton des Zorns gesprochen wird. Allein das Kreuz Christi und nicht der Mensch neben und bei uns darf unser »Blitzableiter« sein. Aggressive Wut, auf sich selbst oder andere gerichtet, beschädigt die Gesundheit und unsere Beziehungen. Darum der gute Rat fürs Leben: flink und sorgfältig hören, zurückhaltend und ausgewogen reden, langsam und leise zürnen (Ps.37, 8).
Zur Aufgabe rechten Hörens und Redens gehört die Übung, »alle Unsauberkeit und die viele Schlechtigkeit« abzulegen. Jakobus formuliert bildhaft: Wie schmutzige Kleider ausgezogen werden, so sollen Christen sich von allen Verunreinigungen freimachen. Das griechische Wort für »Schmutz, Unsauberkeit« ist verwandt mit einem Ausdruck, der als medizinischer Begriff das »Wachs in den Ohren« bezeichnet. Wenn sich Wachs in den Ohren ansammelt, kann der Mensch taub werden. So können auch die Sünden den Menschen taub gegenüber Gott machen. Dann ginge es darum, alles herauszugeben und loszulassen, was den Christen hindert, auf die Wahrheit des Wortes Gottes zu hören. Mit einem zweiten Begriff, »die Fülle der Bosheit«, spricht Jakobus von der Sünde als einem krebsartigen Geschwür, das behandelt werden muss. Mit 1. Johannes 1, 9 bietet der göttliche Arzt seinen sündenkranken Patienten eine notwendige und wirksame Therapie an. (Vgl. Luk. 15, 21; 18, 13. 14; Spr. 28, 13; Ps.32, 1-5.) Neben dem Bekenntnis und Loslassen der Sünde nennt Jakobus das eigentliche, Leben rettende und Leben stärkende Mittel: Die »Heilpflanze« des göttlichen Wortes (Ps. 107, 20; 2. Kön. 20, 5; Matth. 8, 8-10; 9, 2-7; Luk. 23, 43; Apg. 16, 31-34; Röm. 1, 16; 1. Kor. 1, 18. 21). Das in Herz und Leben gepflanzte Wort Gottes soll der Glaubende »mit Sanftmut« annehmen. Sanftmut ist nicht säuselnde Unterwürfigkeit, sondern die warme Entschlossenheit, dieser einzigartigen »Heilpflanze« den nötigen Lebens- und Entfaltungsraum einzurichten und zu erhalten. (Vgl. Mark.4, 2-9.14-20.)
VII. CHRISTEN SIND EINE LEBENDIGE BIBELARBEIT (1, 22-25) So wichtig das Hören auf Gottes gutes Wort ist, so entscheidend ist die gezielte Übertragung des gehörten und gelesenen Wortes ins praktische Leben. Gottes Wort ist Tatwort. Jakobus greift auf die Jesus-Lehre zurück, wenn er kristallklar darauf hinweist: Der Nur-Hörer ist ein Selbstbetrüger. (Vgl. Matth. 7, 24-27; Luk. 8,21; 10,37.) Worin besteht der Selbstbetrug? Jakobus wählt für den gelebten Selbstbetrug ein denkwürdiges Gleichnis: Ein Spiegel verfehlt seinen Zweck, wenn ich reinschaue und »selbstvergessen« zur Tagesordnung übergehe. Wozu brauche ich dann einen Spiegel, obwohl ich ihn eigentlich brauche?! Die Bibel verfehlt ihren Zweck, wenn ich reinschaue, »sehe« und verstehe, was mit mir los ist, aber es einfach »vergesse«; dann muss ich auch keine Veränderungen vornehmen. In der Tat, die Wahrheit im Spiegel des Wortes Gottes zu erkennen kostet Sorgfalt und Zeit, sich dieser Wahrheit zu stellen braucht Mut, und Wahrheit Gottes leben zu lernen kostet Überwindung. Aber der Gewinn ist durch nichts zu ersetzen: Der Blick in den Spiegel des Wortes Gottes ist ja nicht nur peinlich für uns, wenn wir die Macken und Kanten bei uns entdecken, es wird vor allem herrlich für uns, weil im Spiegel die Herrlichkeit Christi in unser Leben kommt und »wir werden verwandelt in sein Bild« (2. Kor. 3, 18). Seine Schönheit legt einen stillen und strahlenden Hauch von Ewigkeit auf unser Leben, und all unsere Hässlichkeiten, all die kleinen und großen Mängel werden einfach bedeckt vom »Überstrom seiner Gnade« (Röm. 5, 17 nach dem Urtext). Denn bei Christus gehören Wahrheit und Gnade untrennbar zusammen: Johannes 1, 14.17. (Vgl. 2.Mose 33,19; 34,6; Ps.92,3; 100,5.)
Jakobus hält es für unverzichtbar, dass lebendige Christen sich aufmerksam und sorgfältig in ihre Bibel vertiefen. Er bezeichnet sie als »das vollkommene Gesetz der Freiheit«. Drei Gründe sprechen für die Vollkommenheit des Gesetzes: a. Es ist das Gesetz Gottes, das er selbst geoffenbart und geschenkt hat. Der vollkommene Gott setzt den vollkommenen Maßstab (Ps.19, 8-10). b. Das Gesetz ist inhaltlich fehlerfrei (Ps. 12, 7; Röm. 7, 12; 1. Tim. 1, 8) und in seinem Kern unüberbietbar. Ein größeres Gesetz als das Gesetz der Liebe gibt es nicht (Matth.22,35-40). c. Das Gesetz ist durch Jesus Christus vollkommen erfüllt: Matthäus 5,17. Kein Mensch war und ist von Hause aus in der Lage, den Willen Gottes zu tun. Im Gegenteil: Der göttliche Maßstab offenbart die menschliche Maßstablosigkeit, das Gesetz Gottes die Gesetzlosigkeit des Menschen, die göttliche Liebe die menschliche Lieblosigkeit. An dieser Stelle wird jetzt deutlich, was Jakobus mit dem scheinbar widersprüchlichen Ausdruck »Gesetz der Freiheit« meint: Der Mensch, der Gottes Willen tun, sein Gesetz ernst nehmen und erfüllen will, braucht die Befreiung von der Gesetzlosigkeit, von der Lieblosigkeit und Sündenverhaftung. Der Mensch braucht Jesus, der die Befreiung von der Sündenschuld gebracht (Joh.8, 36; Röm. 8, 1-4) und die Kraftquelle für ein Leben nach dem Maßstab der Liebe Gottes erschlossen hat. Die Verbundenheit mit Jesus versetzt mich in den Freiraum seiner herzlichen und ewigen Liebe, »dass ich die Liebe, von der ich leb, liebend an andere weitergeb«. So werden Christenmenschen glückliche Täter des Wortes Gottes: Römer 13,8; Galater 5,14; 1.Timotheus 1,5.
Jakobus 1, 26-27; 1. Petrus 1, 22; 3, 10-12. VIII. IN JEDER BEZIEHUNG ECHT (CHRIST) SEIN (1, 26. 27) Wir können erhebende Gottesdienste feiern und dabei ganz weit weg von Gott sein. Wie leicht kann unsre Frömmigkeitsform zur Fassaden-Frömmigkeit erstarren. Darum erinnert Jakobus an unsre gelebten Beziehungen. 1. Die persönliche Beziehung zu Gott ist die Voraussetzung für jeden echten und glaubwürdigen Gottesdienst. (Vgl. Röm.12,1; Matth.22,37-39.) 2. Die richtige und gute Beziehung zu sich selbst wächst aus der persönlichen Gottesbeziehung. Wenn jemand denkt, er sei mit Gott verbunden und diene ihm, wird sich das besonders an seinem Reden zeigen. Denn nichts hilft oder schadet einer Beziehung so sehr wie die Fähigkeit zu kommunizieren. Wer leichtfertig, vorschnell und unbeherrscht daherredet, schadet zuerst und zutiefst das mag überraschen sich selbst. Er »betrügt sein Herz«, schreibt Jakobus. Warum? Weil das unbedachte Reden ein Zeichen dafür ist, dass der Christ in diesen Augenblicken eigentlich gar nicht Gott dient, sondern auf die ungeistlichen Impulse seines Herzens hört. Dieser »Gottesdienst« ist tatsächlich »vergeblich«, unbrauchbar und untauglich. Anders herum gesagt: Wer Gott dient, diene auch mit »seiner Zunge«, mit der göttlichen Art zu kommunizieren. Damit kommt die dritte Beziehungsebene in Sicht:3. Die Beziehung zum Nächsten. Jakobus spricht einen besonders sensiblen Personenkreis an, »die Waisen und Witwen«. Es sind Menschen, die ihre engsten natürlichen Gesprächspartner verloren haben: Kinder die Eltern, Frauen ihren Ehemann. Sie waren damals schutzlos, rechtlos, mittellos ganz abgesehen von der schweren persönlichen Verwundung, die immer mit dem Tod geliebter Menschen aufbricht. Besucht sie, kümmert euch unaufdringlich, liebevoll, einfühlsam um sie. Lasst sie in ihrer Einsamkeit und Not nicht hängen. Lasst doch die Vaterschaft Gottes euer Vorbild sein. (Vgl. Jer. 31, 9; Ps. 68, 6; 89, 27; Jes. 9, 5; Mal. 2, 10; 2.Kor. 1, 3; Eph. 1, 17; 2. Thess. 2, 16. 17.)
Jakobus 1, 26. 27; Römer 6, 13; 12, 2.
Es geht Jakobus darum, dass Christen in all ihren Beziehungen aus der Kraft Gottes leben und sich vom gottlosen Treiben der Welt nicht verführen lassen. Dabei gilt es besonders, auf »sich selbst«, das Personenzentrum, auf sein »Herz« zu achten: »Mehr als alles, was man sonst bewahrt, behüte dein Herz! Denn in ihm entspringt die Quelle des Lebens« (Spr.4,23). Wie wichtig für echte Christen, dass sie aus der herzlichen und heiligen Liebe Christi wirken und aus der Hingabe an Jesus einer kaputten und heillosen Welt dienen. Dabei werden sie »sich selbst von der Welt unbefleckt erhalten«, formuliert der Herrenbruder Jakobus und mag dabei an das Jesus-Wort gedacht haben: »Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen« (Matth.5, 8). Das meint nicht, dass die Jesusleute auf »Wolke sieben schweben«, sondern dass sie sich nicht vom Bösen »beschmuddeln« lassen und da, wo sie gesündigt haben, konkret um Vergebung bitten: Psalm 51,11-14. Darüber hinaus wird ein Christ sich an Christus und seinem guten Wort orientieren. Das heißt, er wird sich und sein Leben immer wieder vor Gott prüfen: Wer oder was regiert mein Denken, Fühlen, Wollen, Streben, Handeln? Orientiere ich mich am Trend der Zeit, lasse ich mich beherrschen vom Diktat der Meinungsmacher, vom System der Bedienungsmentalität, vom Kommando der Leistungsgesellschaft und Freizeitkultur? Gewiss leben Christen mit beiden Beinen in dieser Welt, aber sie leben den Christus-Maßstab, denn sie sind nicht »von der Welt«, sie sind »von Gott geboren«. Sie haben Gottes Geist, der jedem deutlich zeigt, wo die Grenzüberschreitung beginnt. Wie kommen 1. Johannes 2, 15-17 und 1.Korinther 6, 12 in meinem Leben vor?
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