Wir werfen im Hebräerbrief einen Blick in Gottes Heilsgeschichte. Im Alten Bund hatte Gott seinem Volk die Opfer gegeben, um deutlich zu machen: Sünde bringt Trennung von Gott und den Tod! Das Opfertier musste für die Schuld des Opfernden sterben. Denn »ohne Blutvergießen geschieht keine Vergebung« (Hebr. 9, 22). In Hebräer 10 unterstreicht der Verfasser noch einmal, dass das Opfer von Jesus besser ist als die alttestamentlichen Opfer, weil sie wirkungslos waren. Man musste immer wieder opfern, aber der Mensch wurde nicht wie es im Neuen Bund durch den Heiligen Geist geschieht erneuert und verändert. Tieropfer und Tierblut konnten Sünden nicht wegnehmen, sondern nur an sie erinnern. (Vgl. Hebr. 9, 9; Micha 6, 6. 7.) Das Entscheidende geschah durch Gottes Sohn, der als Mensch in die Welt kam, um unser vollkommenes Opferlamm zu werden. Dieser Weg und dieses Opfer war der Wille Gottes. »Siehe, ich komme, zu tun deinen Willen« (Ps. 40, 7-9; lies Joh. 4, 34; 5, 39). Das steht wie eine Überschrift über dem ganzen Leben von Jesus bis zu seinem Tod am Kreuz. Nicht durch Tieropfer werden wir zur Gemeinschaft mit dem heiligen Gott passend gemacht, sondern dadurch, dass der Sohn Gottes den Willen des Vaters vollbracht und sich für uns geopfert hat. Das eine vollkommene Opfer ist dargebracht, in dem alle Opfer ihre Erfüllung fanden. Jesus hob die Opfervorschriften des Gesetzes auf, indem er sie erfüllte. (Vgl. Röm. 10, 4.) Auf ihn und sein Opfer hatten sie ja hingewiesen. Die Opfer waren wie Schuldscheine für alle begangenen Sünden. Als der Sohn Gottes am Kreuz diese Schuldscheine bezahlte, da waren deine und meine auch dabei. (Lies Joh. 1, 29; 1. Joh. 2, 2.)
»Nach diesem Willen sind wir geheiligt ein für alle Mal durch das Opfer des Leibes Jesu Christi.« Jesus hat sich für uns geheiligt, indem er sich für uns geopfert hat. So sind wir geheiligt worden, zu Heiligen geworden. So hat er uns erkauft für Gott. Der Herr hat damit seine Hand auf uns gelegt und gesagt: »Fürchte dich nicht. Ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein!« (Jes. 43, 1; lies Off b. 5, 9. 10). Das ist ein göttliches Geschenk, das wir dankbar annehmen dürfen und das uns zu Lob und Anbetung führen will. Wer zu Jesus gehört, ist geheiligt. Vielleicht hat es uns schon erstaunt, dass Paulus die Gemeindeglieder in seinen Briefen als »Heilige« anredet, wobei er dann im Folgenden manches bei ihnen bean-standen muss. (Vgl. 1. Kor. 1, 2.) Heilige sind wir nicht durch eine besonders hohe moralische Qualität, sondern durch den, dem wir angehören. Er ist der Heilige, der will, dass wir ihm ähnlich werden sollen. »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.« (Lies 1. Petr. 1, 14-19; 1. Kor. 6, 11.) Wir wollen nicht nur unserem Status nach Heilige sein, sondern aus Liebe zu unserem Herrn ihm ähnlich werden. Aber wie? In V. 16 weist uns der Apostel auf eine Ankündigung des Propheten Jeremia hin (Jer. 31, 33), die am ersten Pfingstfest, als der Vater und der Sohn den Heiligen Geist sandten, erfüllt ist. Durch den Heiligen Geist, den Jesus in unser Herz gegeben hat, als wir unser Leben ihm anvertraut haben, verändert er uns. Unser Leib soll nun ein Tempel seines Geistes sein. »Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört? Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe« (1. Kor. 6, 19. 20; lies Röm. 8, 14-16; 2. Kor. 4, 7).
Wir werden nun aufgefordert, das anzuwenden, was wir bereits haben: »Weil wir nun, liebe Brüder, durch das Blut des Herrn Jesus Christus die Freimütigkeit haben zum Eingang in das Heiligtum . . . « (Nur die Brüder werden angesprochen, weil es damals nicht üblich war, Frauen öffentlich anzureden; sie sind aber selbstverständlich auch gemeint.) Wir sind berech-tigt und ermächtigt, jetzt schon in der Gegenwart Gottes zu leben. Dazu fordert uns Jesus auf, wenn er sagt: »Bleibt in mir«, das bedeutet: »Bleibt in Verbindung mit mir, und ich bleibe in euch.« (Lies Joh. 15, 4. 5. 7. 16. ) Worin besteht der Unterschied zwischen unserem Leben in der Gegenwart Gottes heute und dann im Himmel? Jetzt dürfen wir noch nicht Gottes Angesicht schauen. Leider bleiben wir auch noch nicht beständig in seiner Gegenwart wegen der Sünde, die uns noch wegzuziehen versucht. Für unsere Zukunft aber gilt 1. Johannes 3, 2. Was gibt uns überhaupt das Recht, uns in das Heiligtum der Gegenwart Gottes zu wagen? Gott könnte uns ja auch davonjagen lassen, weil wir noch so viel falsch machen. Aber wir kommen nicht hinein, weil wir uns ver-vollkommnet hätten, sondern allein aufgrund des Opfers von Jesus. Sein Blut gibt uns die Ermächtigung, im Gebet in die Gegenwart Gottes zu treten, egal wie sündig wir uns fühlen. Dass wir versagt haben, darf uns nicht davon abhalten. Wir kommen gleichsam mit der roten Karte. Wir haben die Regeln verletzt, Gottes Gebote nicht gehalten. Das dürfen wir ihm bekennen. Wir müssen es nicht verbergen, dass wir in der Arena des Glaubens Spieler mit roter Karte sind. Doch sie kann uns durch ihre Farbe auch an das Blut von Jesus erinnern. Wir bekommen bei Gott keinen Platzverweis, wie wir es verdient hätten, sondern um des Blutes unseres Herrn willen dürfen wir immer wieder zu ihm kommen und neu anfangen. (Lies 1. Joh. 1, 8 - 2, 2.)
»Da wir nun, Brüder, durch das Blut Jesu Freimütigkeit haben zum Eintritt in das Heiligtum, den er uns eröffnet hat als einen neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang das ist durch sein Fleisch . . . « Unser Zutrittsrecht basiert allein auf dem Blut von Jesus. Eine andere Eintrittsberechtigung in das Heiligtum gibt es nicht. Pfarrer Andrew Murray (1828-1917) betonte diese Tatsache: »Die Freimütigkeit, mit der wir eintreten sollen, ist nicht etwa ein bewusstes Gefühl der Zuversicht; sie ist vielmehr das objektive Recht und Privileg zum Eintritt, die uns sein Blut zusichert.« Als Jesus starb, zerriss der Vorhang im Tempel von oben bis unten. (Lies Mark. 15, 37-39.) Der Weg ins Allerheiligste war frei. Diesen Weg hat Jesus uns dadurch gebahnt, dass er seinen Leib für uns »zerreißen« ließ. »Wir haben Freimütigkeit zum Eingang in das Heiligtum« (V. 19) und »Wir haben einen großen Hohen Priester über das Haus Gottes« (V. 21). Der Hohe Priester vertrat das Volk Israel vor Gott. Er war ein Stück weit verantwortlich für die Beziehung zu Gott. Wenn sie gesündigt hatten, erwirkte er ihnen Sühne durch das Opfer, das er für das ganze Volk am großen Versöhnungstag darbrachte. Das war eine Vorausschau von Golgatha im Alten Bund. (Lies 3. Mose 16, 6-10. 14-17. 27. 29-31; Hebr. 13, 11. 12.) Was es in der Vorausschau im Alten Bund nicht geben konnte, gibt es in der Wirklichkeit: Jesus ist unser Hoher Priester und unser Opfer zugleich. »Christus aber ist gekommen als Hoher Priester der zukünftigen Güter . . . und ist nicht mit Blut von Böcken und Kälbern, sondern mit seinem eigenen Blut ein für alle Mal in das Heiligtum hineingegangen und hat uns eine ewige Erlösung erworben« (Hebr. 9, 11. 12). »Wie wunderbarlich ist doch diese Strafe! Der gute Hirte leidet für die Schafe, die Schuld bezahlt der Herre, der Gerechte, für seine Knechte« (Johann Heermann).
»Wir haben einen großen Priester über das Haus Gottes.« Die besondere Qualität unseres Hohen Priesters Jesus Christus wird im Hebräerbrief ge-schil dert. Er identifiziert sich mit uns. (Lies Hebr. 4, 15. 16; 5, 8. 9.) Er hat alle Tiefen der Anfechtung und des Schmerzes auf Erden selbst erfahren. Deshalb können wir mit allem, was uns umtreibt, im Gebet zu ihm kommen. Der Vater hat ihn über sein Haus, die Gemeinde, gesetzt (Hebr. 3, 6). Er ist vor dem Vater verantwortlich für uns. Seine Anliegen für uns bringt er dem Vater in seinem hohepriesterlichen Gebet in Johannes 17. Darin legt er in den Versen 4-8 und 12 vor dem Vater Rechenschaft ab, wie er seinen Auftrag ausgeführt hat. »Die du mir gegeben hast, habe ich behütet.« Was erbittet er für seine Nachfolger, für uns? Vers 11: »Bewahre sie in deinem Namen.« Bewahrung, dass wir uns nicht von Gott wegtreiben lassen. Vers 13: » . . . damit sie meine Freude vollkommen in sich haben.« Vers 15: » . . . dass du sie bewahrst vor dem Bösen.« Vers 17: »Heilige sie in deiner Wahrheit! Dein Wort ist die Wahrheit.« Vers 18: »Wie du mich in die Welt gesandt hast, so sende auch ich sie in die Welt.« Vers 19: »Ich heilige mich selbst für sie, damit auch sie geheiligt seien in Wahrheit.« Er weiht sich selbst zum Opfer für uns. Vers 22: »Ich habe die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, ihnen gegeben.« Verse 21-23: » . . . auf dass sie in uns eins seien, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.« Vers 24: »Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen.« Diese Anliegen können wir unserem Hohen Priester im Gebet auch für uns und andere bringen.
Nun geht es um die Konsequenzen, die sich für uns daraus ergeben, »dass wir einen so großen Priester über das Haus Gottes haben: So lasst uns hinzu treten mit wahrhaftigem Herzen in voller Gewissheit des Glaubens.« Weil unser Hoher Priester sich für uns aufgeopfert hat, können wir mit völli-gem Vertrauen zu ihm kommen im Gebet. Diese volle Glaubenszuversicht beruht nicht auf unseren Gefühlen. Der englische Erweckungsprediger Roy Hession schreibt: »Der Glaube ist jene Haltung, die ungeachtet des Aus-bleibens angemessener Gefühle trotzdem zu glauben wagt, dass die Gnade Gottes und das Blut von Jesus Christus für unsere augenblickliche Not aus-reicht, einfach deshalb, weil Gott es sagt.« (Lies Hebr. 11, 1-3. 6.) » . . . die Herzen besprengt und damit gereinigt vom bösen Gewissen und den Leib gewaschen mit reinem Wasser.« »Besprengt, gewaschen« erinnert an die Einsetzung der Priester. (Lies 2. Mose 29, 4. 8. 9. 19-21; 3. Mose 8, 6. 30.) Sie wurden erst gewaschen, dann eingekleidet mit dem weißen Priestergewand und schließlich besprengt mit dem Blut des Opfertieres. Jesus hat uns zu Priestern gemacht, indem er uns reinigte durch sein Blut: »Dem, der uns liebt und uns von unseren Sünden erlöst hat durch sein Blut und uns ge-macht hat zu einem Königtum, zu Priestern seinem Gott und Vater . . . « (Offb. 1, 5. 6). Doch auch nach der grundlegenden Reinigung bei der Amtseinsetzung muss ten die Priester des Alten Bundes jedes Mal, ehe sie ins Heiligtum gingen, ihre Hände und Füße am kupfernen Waschbecken reinigen. Am Abend vor seiner Kreuzigung, als Jesus seinen Jüngern die Füße wusch, reinigte ihr Hoher Priester sie, damit sie mit ihm Dienst im Heiligtum tun konnten. Jesus ruft uns zum Priesterdienst, dass wir die Not der Menschen, die das Evangelium noch nicht gehört haben, und die Nöte der Menschen in unserer Umgebung vor Gott bringen und helfen, wo es möglich ist. (Lies 1. Petr. 2, 9; Joh. 13, 1-17.)
»Lasst uns festhalten am Bekenntnis der Hoffnung, ohne zu wanken denn er ist treu, der die Verheißung gegeben hat, und lasst uns aufeinander achtgeben, damit wir uns gegenseitig anspornen zur Liebe und zu guten Werken, indem wir unsere eigene Versammlung nicht verlassen, wie es einige zu tun pflegen, sondern einander ermahnen, und das umso mehr, als ihr den Tag herannahen seht!« Wir tragen priesterliche Verantwortung füreinander, dass wir in der Spur von Glaube, Hoffnung und Liebe bleiben. Diese drei Säulen finden wir in den Versen 22-24. Es geht nicht nur darum, dass wir selbst ans Ziel kommen, sondern dass wir auch andere mitbringen. Das ist priesterlich. Wie Jesus mit uns umgeht, das soll uns prägen. Wir wollen lernen, Menschen mit den Augen von Jesus zu sehen und ihnen mit seiner Barmherzigkeit zu begegnen. Wir sind beauftragt, füreinander zu beten, nacheinander zu schauen und uns gegenseitig zu ermutigen. (Lies Joh. 13, 34; 1. Kor. 15, 58; Gal. 6, 9. 10; Kol. 4, 3; 1. Thess. 4, 9. 10; 5, 25; Hebr. 3, 13. 14.) Das fürsorgliche Aufeinander-Achten ist im Zeitalter des Indivi-dualismus nicht »in«. Jeder scheint sich selbst der Nächste zu sein. Aber wir können für den anderen beten und Gott um ein hilfreiches Wort bitten. Mehrere Scheite zusammen brennen hell. Legt man aber eins davon zur Seite, so erlischt das Feuer rasch. Damit wir hell brennen, brauchen wir die Gemeinschaft mit den Glaubensgeschwistern. Gemeinschaft ermutigt und stärkt uns im Glauben und hilft uns, festzuhalten am Bekenntnis. Wenn wir uns von der Gemeinschaft fernhalten, zerbröckelt leicht auch unser Bekennt-nis. Zweifel beginnen daran zu nagen. Es kostet Überwindung, zurück zu-kehren in die Gemeinde. Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf sagte: »Ich statuiere kein Christentum ohne Gemeinschaft.« (Lies Apg. 2, 42-47; 2. Tim. 4, 9. 10. )
»Lasst uns unsere eigene Versammlung nicht verlassen, sondern einander ermahnen, und das umso mehr, als ihr den Tag herannahen seht.« Alles bisher Gesagte wird umso dringlicher angesichts der nahen Wiederkunft unseres Herrn. Wenn wir schon Gemeinschaft mit anderen Christen in nor-malen Zeiten brauchen, dann haben wir sie erst recht nötig in kritischen Zeiten. Welche Strapazen nehmen Christen in vielen Ländern auf sich, um zu einem Gottesdienst zu gehen! Sie wissen, wie glaubensstärkend die Gemein schaft mit Christen ist und dass das Wort zutrifft: »Allein geht man ein!« (Lies Eph. 4, 1-3. 11-16.) Wir sehen in unseren Tagen Entwicklungen, die uns näher an das Kommen von Jesus heranführen. Wir wüssten natürlich gern den Zeitpunkt! Jesus antwortete seinen Jüngern auf ihre Frage nach dem Termin: »Um jenen Tag aber und die Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch nicht der Sohn, sondern nur der Vater« (Mark. 13, 32; lies Matth. 24, 38. 39. 42). Wenn wir durch die Nachrichten erkennen, was unser Herr längst angekündigt hat, dann zeigt er uns, dass er die Ge-schichte lenkt und vertrauenswürdig ist. Gott lässt das Böse ausreifen. Nicht lähmen, sondern getrost machen und stärken will er uns mit seiner Vor-hersage, damit wir nicht blind sind gegenüber dem Zeitgeschehen. Nicht das Leiden, sondern der Sieg von Jesus ist das Ziel, auf das wir zugehen. Er hat es angekündigt, damit wir uns darauf einstellen können und damit wir wissen, er hat alles in der Hand. (Lies Joh. 14, 29; Matth. 24, 6. 25.) »Dann werden sie den Menschensohn kommen sehen in den Wolken mit großer Kraft und Herrlichkeit« (Mark. 13, 26). Jesus wird öffentlich kommen als Herr und Weltenrichter, dem keiner ausweichen kann. »Wenn aber dieses zu geschehen anfängt, so richtet euch auf und erhebt eure Häupter, weil eure Erlösung naht!« (Luk. 21, 28; lies 1. Thess. 3, 12. 13; 5, 23. 24)
Die Hebräerchristen kamen aus dem Judentum. Ob sie versucht waren, dort-hin zurückzukehren? Das würde aber das Abfallen vom Glauben an Jesus Christus beinhalten. Abfallen ist etwas anderes als Fallen. Abfallen bedeutet das bewusste, öffentliche Ende der Beziehung zu Jesus. Der Apostel spricht hier eine eindringliche Warnung aus. Um ins Judentum zurückzukehren, musste man Jesus als Sohn Gottes und als Erlöser verleugnen und bestätigen, dass er ein Verführer und Gotteslästerer war, weshalb er auch gekreuzigt wurde. (Lies Mark. 14, 61-64.) So kommt es zu der scharfen Aussage in Vers 29: »Wie viel schlimmere Strafe, meint ihr, wird der verdienen, der den Sohn Gottes mit Füßen getreten und das Blut des Bundes, durch das er geheiligt wurde, für gemein erachtet und den Geist der Gnade geschmäht hat?« Der bekannte Bibel-Ausleger Adolf Schlatter überträgt diesen Vers sinngemäß so: »Wie viel mehr ist euch gegeben als den Alten! Euch hat Gott nicht nur durch das Gesetz mit sich verbunden, sondern durch seinen Sohn und durch das heiligende Blut des Neuen Bundes und durch den Heiligen Geist. Das sind die Bande, mit denen Gott euch zu sich gezogen hat. Wenn ihr sie antastet und entheiligt, seid ihr tiefer verschuldet als die Übertreter des Gesetzes.« (Lies Apg. 20, 28; Röm. 8, 9. 14. 16; Eph. 4, 30; 1. Petr. 1, 2; 1. Joh. 1, 7-9; Off b. 1, 17. 18.) Hier geht es nicht um das Fallen in eine Sünde. Wir werden, solange wir auf Erden sind, nicht sündlos sein. Die Sünde kann uns wieder ereilen. Aber früher suchten wir sie, jetzt laufen wir weg vor ihr. »Diese ernsten Worte im Hebräerbrief sind nicht für Schwermütige geschrieben, sondern für Leicht-sinnige« (H. Brandenburg). »Wenn jemand sündigt, so haben wir einen Für-sprecher bei dem Vater, Jesus Christus, den Gerechten; und er ist das Sühnopfer für unsere Sünden« (1. Joh. 2, 1. 2; lies Off b. 3, 7. 8. 10-12) .
»Denn wir kennen ja den, der sagt: Die Rache ist mein; ich will vergelten; und wiederum: Der Herr wird sein Volk richten. « Haben wir hier nicht ein Wort des Rachegottes aus dem Alten Testament vor uns? Ist der Gott des Neuen Testaments dagegen nicht ein Gott der Liebe? Doch Gott ist derselbe im Alten wie im Neuen Bund. Aber im Alten Bund stehen wir in einer anderen Phase von Gottes Heilsgeschichte als im Neuen Bund. Deshalb tritt »jedes unberechtigte Mitleid der Majestät und Ehre Gottes zu nahe und muss darum abgewiesen werden. Wir haben hier nicht eine Äuße rung des erbar-mungs losen Gottes des Alten Testaments vor uns, sondern des heiligen Gottes, der seinen Sohn für uns gegeben hat« (O. Michel). Gott hat alles für uns getan: »Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richte, sondern damit die Welt durch ihn gerettet werde. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, weil er nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes geglaubt hat« (Joh. 3, 17. 18). Wer bewusst die Rettung durch den für Sünder gekreuzigten Sohn Gottes ablehnt und ihn lästert, schließt sich selbst vom Heil aus. (Vgl. Hebr. 10, 26b. 27.) Nur in Christus haben wir Vergebung unserer Schuld. Es ist unsere Entscheidung, das Heil anzunehmen oder auszuschlagen. Im Himmel sind nur Freiwillige. »Wer an den Sohn glaubt, der hat ewiges Leben; wer aber dem Sohn nicht glaubt, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm« (Joh. 3, 36; lies Apg. 4, 12; Gal. 6, 7). Doch keiner, der für Zeit und Ewigkeit bei Jesus bleiben will, muss sich durch diese Worte erschrecken lassen. Er selbst hat gesagt: »Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen« (Joh. 6, 37) und »sie werden in Ewigkeit nicht verloren gehen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen«.
Hier erinnert der Apostel die Briefempfänger, durch welche Kämpfe und Leiden sie schon um ihres Herrn willen gegangen sind. Sie sind öffentlich geschmäht und zum Schauspiel geworden und haben Gefangenschaft und Drangsale erlebt um ihres Glaubens an Jesus Christus willen. Andere haben die Verfolgten finanziell unterstützt und mit ihnen gelitten. Sie sind durch Hilfe in Wort und Tat zu ihren Leidensgefährten geworden. Dabei haben sie den Verlust ihrer Güter mit Freuden hingenommen in dem Bewusstsein, dass sie ein viel besseres Gut besitzen. (Lies Matth. 25, 34-36; 1. Kor. 4, 9; Phil. 1, 29. 30; 1. Thess. 2, 14; 3, 3-6; Hebr. 13, 13. 14.) Viele unserer Mitchristen werden heute verfolgt. Anlass kann der Besuch eines Gottesdienstes, einer Gebetsgruppe, der Besitz einer Bibel, ein Zeugnis von Jesus Christus sein. Wir wollen uns kundig machen über die Situation unserer Glaubensgeschwis-ter in verschiedenen Ländern, in denen es keine Religionsfreiheit gibt, und sie unterstützen durch unsere Fürbitte und durch materielle Hilfe. Unsere Für bitte reicht über den Thron Gottes hinein in Gefängniszellen, Arbeitslager und andere Elendsstätten. »Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mit gefan-gene, und an die Misshandelten, weil ihr auch noch im Leibe lebt« (Hebr. 13, 3; lies Apg. 12, 3-7; Off b. 8, 3. 4). Was ist mit dem besseren, bleibenden Besitz gemeint, der uns gehört? Wir haben einen Herrn, der alle Macht hat, und beständig bei uns ist. Wir haben eine himmlische Heimat, die uns niemand nehmen kann. Wir sind geborgene Leute. »Unser Bürgerrecht aber ist im Himmel, von woher wir auch den Herrn Jesus Christus erwarten als den Retter, der unseren Leib der Niedrigkeit umgestalten wird, so dass er gleichförmig wird seinem Leib der Herrlichkeit, nach der Kraft, durch die er sich selbst auch alles unterwerfen kann.« »Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind« (Phil. 3, 20. 21; Luk. 10, 20; lies Off b. 3, 5).
Begegnung am Brunnen Jesus erkannte die Notwendigkeit, Judäa zu verlassen und zurück nach Galiläa zu gehen. Dabei musste er durch das Gebiet der Samariter, wenn er den Weg durch das Jordantal meiden wollte. Er näherte sich mit seinen Jüngern der Stadt Sychar, die in der Nähe von Sichem lag. Sie erreichten den »Jakobsbrunnen«, eine Quelle, auf die man durch tiefe Bohrungen gestoßen war. Ob wirklich Jakob diesen Brunnen gegraben hatte, muss offen bleiben. Vermutlich war es sehr heiß, und Jesus beschloss, am Brunnen auszuruhen, während die Jünger in die Stadt gingen, um Nahrung einzukaufen. Johannes hält fest: Jesus war müde von der Reise. Da er Mensch geworden war, kannte er wie wir Hunger, Durst, Versuchungen, Schmerzen und Leid. (Vgl. Phil. 2, 6-8; Hebr. 4, 15; 5, 7. 8.) Es war um die Mittagszeit, und eigentlich v iel zu heiß, um am Br unnen Was-ser zu holen. Trotzdem hatte sich eine Frau auf dem Weg gemacht, eine samaritische Frau. Sie war allein mit Absicht? Wollte sie den Frauen, die gewöhnlich morgens oder abends Wasser holten, ausweichen? Wurde sie von jenen gemieden? War sie erschrocken, einen unverkennbar jüdischen Mann am Brunnen sitzen zu sehen? Jesus, der Herzenskenner, nahm trotz seiner Ermüdung die Ungereimtheiten im Leben dieser Frau wahr. »Die Juden ver-kehrten nicht mit den Samaritern.« Sie galten nach jüdischer Meinung ihrer Mischreligion wegen als »unrein«. Diese war entstanden, als nach der Erobe-rung des Nordreichs Israels durch die Assyrer Heiden angesiedelt wurden, die ihre Götter mitbrachten. Sie verehrten aber auch den Gott der Juden. Die Samariter, das Misch-Volk, erkannten die fünf Bücher Mose als Wort Gottes an und bauten auf dem Berg Garizim ihren eigenen Tempel. (Siehe 2. Kön. 17, 24-41; Luk. 17, 15. 16; Apg. 8, 5-25; 9, 31. )
Als die Samariterin sich dem Brunnen näherte, stand Jesus nicht auf und ging weg. Er schaute auch nicht betont in eine andere Richtung wie wir es möglicherweise tun, wenn wir jemandem aus dem Weg gehen wollen. Jesus sprach die Frau freundlich an. Da war keine Spur von Ablehnung; stattdessen bittet er sie um einen Gefallen: »Gib mir zu trinken.« Jesus wollte nicht nur selber zu trinken haben, sondern sich der Seele dieser Frau annehmen und ihren Durst nach wahrem Leben stillen. Und die Samariterin? Sie konnte es nicht fassen, dass ein Jude erkennbar an seiner Kleidung sie um einen Gefallen bat. Jesus beginnt nun kein Gespräch über Rechtmäßigkeit oder Unrecht mäßigkeit des Verhaltens von Juden gegenüber den Samaritern. »Jesus ant wortet in der ganzen Ruhe, wie sie die Liebe und das Wissen um die wahre Größe des eigenen Besitzes verleihen« (W. de Boor). Seine Antwort hat etwas Verheißungsvolles, das für die Frau noch Geheimnis ist. Die Verheißung bezieht sich sowohl auf seine Person, als auch auf die Gabe, die er zu geben hat. Unter dem Ausdruck »lebendiges Wasser« kann sie sich bis jetzt nur Quellwasser vorstellen, das aus dem Brunnen, vor dem sie steht, zu schöpfen ist. Ihr Bewusstsein ist ganz von dieser Notwendigkeit einge-nom men. Sie kann auf das, was Jesus ihr sagt, nicht anders antworten. Verwundert stellt sie fest, dass der geheimnisvolle Jude gar kein Gefäß hat, mit dem er ihr zu trinken geben könnte. »Die tiefe Not ihres Lebens, die Jesus so klar vor sich sieht, soll dieser Frau selbst zum Bewusstsein kommen, und aus ihr, der Gebetenen, eine Bedürftige und Bittende machen« (W. de Boor). (Lies Jes. 41, 17-20; Joh. 7, 37-39; Off b. 22, 1. 17.)
Jesus sieht eine Frau vor sich, die bisher vergeblich versuchte, ihren Durst nach Liebe zu stillen. Erfüllt von ungestillter Sehnsucht, wählte sie ein Leben außerhalb der Ordnungen Gottes. Die Frau konnte noch keine Beziehung zwischen ihrer Not und dem »lebendigen Wasser« herstellen, wovon der Fremde sprach. Sie stellte nur fest, dass Jesus nichts zum Schöpfen hatte und ihr deshalb auch nichts geben konnte. Ihre Gedanken drehten sich noch um den Bedarf dieses Tages an Brunnenwasser. Und das hatte sie bisher immer selbst erledigt. Was wollte also dieser seltsame Mann ihr sagen? »Du bist doch nicht größer als unser Vater Jakob?« Der Patriarch Jakob ist in ihren Augen auch der Stammvater der Samariter, über allen Zweifel erhaben. Also hatten sie auch das Anrecht, hier kühles und sauberes Quellwasser aus der Tiefe zu schöpfen. Jesus muss nun deutlicher den Unterschied zwi-schen diesem Brunnenwasser und seinem »Wasser« darstellen (V. 13. 14). In geistlichem Sinn ist Wasser eine »Erfrischung Gottes«, die Leben hervorbringt: Psalm 23, 2; 42, 2; 65, 10; Jesaja 12, 3. Das natürliche Wasser brauchen wir zum physischen Leben. Ein Mensch kann ungefähr drei Tage ohne Wasser überleben. Das geistliche Leben ist ebenso auf »Wasser« angewiesen, um lebendig zu bleiben. Es ist das Wort Gottes, das diesen erfrischenden und erhaltenden Einfluss auf unser Leben nehmen will. Der Durst nach »weltlichen Dingen« kann nur vorüber gehend gestillt werden. »Wer vom diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten.« Alles irdische Verlangen nach Leben und Erfüllung wird nie wirklich gestillt, sondern gebiert neue Sehnsüchte. Der Gegenspieler Gottes verspricht den Menschen alles Mögliche, damit sie ja nicht an den »Quellen des Heils« zur Ruhe kommen. (Lies Jes. 44, 3; 55, 1-3; Jer. 17, 13; Matth. 11, 28.)
Nie mehr Durst haben! Nicht länger in der größten Tageshitze den Weg zum Brunnen gehen müssen! Das wäre eine Entlastung im ohnehin mühsamen Alltag! Eine eigene Wasserquelle haben und das für alle Zeiten das wärs doch! »Herr, gib mir dieses Wasser!« Jetzt ist die Frau zur Bittenden ge-worden. Dieser Fremde hatte etwas zu geben, auch wenn noch gar nichts davon zu sehen war. Jesus geht behutsam in kleinen Schritten vorwärts, die Frau für das ewige Leben zu gewinnen. Ihr Denken ist zwar noch in den Alltagssorgen gefangen. Sie scheint aber verstanden zu haben, dass das Brunnenwasser nicht Thema ihres Gesprächs ist. Ihre Bitte verlangt nach etwas, von dem sie noch keine nähere Vorstellung hat, das sie noch nicht benennen kann. Die Sehnsucht nach diesem Unbestimmten ist aber geweckt. Vielleicht erwartet sie jetzt, dass Jesus zu einer längeren Erklärung ansetzt. Doch seine Antwort auf ihre Bitte trifft sie direkt ins Herz: Ist das nicht meine Privatsache? Muss ich darauf antworten? Geht das diesen Fremden etwas an? Das Gespräch mit Jesus hatte eine unerwartete Wendung genommen. Es wurde ernst und sehr persönlich. Es ändert sich nur etwas, wenn der Herr die wunden Punkte des Lebens berührt. Damit hat Jesus der Samariterin eine Brücke gebaut, den Weg zur heilenden »Quelle des Lebens« zu finden. Er hat das gute Werk in ihr begonnen und wird es auch vollenden. Der Herr wird nicht aufhören, bis diese Frau ein »neuer Mensch« geworden ist. Noch versucht sie, seinem Anspruch auszu weichen: »Ich habe keinen Mann.« Doch Jesus lässt sich nicht täuschen. Er weiß, wie es bei ihr zu Hause aussieht. Er will sie aus dem alten Leben herausführen und ihr den Zugang zur ewigen, nicht versiegenden Lebens quelle verschaffen. (Lies Ps. 30, 1-6; 40, 1-4. )
»Jeder, der Arges tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Werke nicht bloßgestellt werden« (Joh. 3, 20). Die Samariterin fürchtete, die sündige Beziehung zu ihrem jetzigen Partner könnte aufgedeckt werden. So gab sie schließlich eine Antwort, die sachlich richtig war, und doch un-wahr. Jesus wusste das. Er bezichtigte sie jetzt nicht der Lüge, sondern stellte ihr die ganze Wahrheit vor Augen: Verse 17b. 18. Die Lebensgeschichte der Frau ist erschütternd: Fünf gescheiterte Beziehungen! Eine hätte schon gereicht, ein Leben zu beschädigen. Jesus sah die Wunden ihrer Seele. Sie wollten nicht vernarben. Und die Frau sucht weiter nach dem, was sie schon lange verloren hatte, weil sie ihr »Lebens-Gefäß« in rissige Zisternen tauchte statt aus der »lebendigen Quelle« zu schöpfen (Jer. 2, 13). Die Antwort der Samariterin ist verblüffend: Verse 19. 20. Keine Zustimmung, kein Bekenntnis. Allerdings die Erkenntnis, dass der Fremde etwas Besonderes ist, ein »Prophet«. Indirekt gesteht sie damit ein, dass Jesus ihr Problem und ihre Sünde erkannt hat. Das ist recht verstanden befreiend. Ein Stein mag ihr vom Herzen gefallen sein: Da ist Einer, der davon weiß und mich dennoch nicht verurteilt, sondern mich ernst nimmt. Das wird die Samariterin ermu-tigt haben, mit Jesus ein »theologisches Gespräch« zu beginnen. Sie war nicht so ungläubig, dass sie ihre religiösen Wurzeln vergessen hätte. Jesus knüpft an die Kenntnisse der Frau an, führt sie aber geistlich weiter. Es wird eine Zeit anbrechen, in der die Anbetung Gottes nicht mehr an religiöse Orte gebunden sein wird. Dann wird nur eins wichtig sein: Gott als Vater zu kennen und anzubeten. Alle Schritte, die Jesus mit der Frau geht, zeigen den einfühlsamen und wahrhaftigen Seelsorger.
»Unsere Väter haben auf diesem Berg (Garizim) angebetet.« Auf seinen Höhen hatte ein Jahwe-Tempel der Samariter gestanden . . . Haben die Väter nicht richtig gehandelt, als sie »auf diesem Berg« ihre Gottesdienste hielten? Liegt das Recht nicht auf Seiten der Samariter? Doch die Juden behaupten: »Jerusalem ist der Ort, wo man anbeten muss.« Ist das richtig? Jesus sagt weder »das ist richtig« noch »das ist falsch«. Die Frage nach dem Ort der Gebets-Stätten wird letztlich keine Rolle mehr spielen. Aber die Samariterin will wissen, wie und wo sie selber Gott begegnen soll. Sie sucht nach ihm und will ihn finden. »Gerade Menschen mit einem zerrütteten Leben tragen oft in der Tiefe ihres Herzens ein starkes Sehnen nach Gott« (W. de Boor). Der Streit zwischen den Samaritern und den Juden trug nicht gerade zur Klarheit bei. Deshalb sagt Jesus: »Ihr betet an, was ihr nicht kennt, wir (die Juden) dagegen, was wir kennen. Denn das Heil ist aus den Juden.« »Das war und ist immer wieder der große Anstoß bei allen selbstbewussten Völkern, dass das Heil von den Juden herstammen soll. Aber es ist ein großes Missverständnis dabei. Nicht die Juden erhalten hier einen besonderen Ruhm. Das Alte Testament hat ihn nachdrücklich ausgeschlossen (5. Mos e 7, 7. 8; Hes. 16, 59ff). Aber Gott hat sein innerstes Wesen darin kundgetan, dass er auch in der Völkerwelt gerade das Geringe, Schwache und Unedle erwählt hat (1. Kor. 1, 26ff). Darum ist er nicht der Gott der Helden, sondern der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs und gerade als solcher der Vater von Jesus Christus. So stammt das Heil von den Juden her, und wer es nicht so empfangen will, wird es nicht finden« (W. de Boor).
»Aber es kommt eine Stunde und ist schon jetzt da, dass die wahrhaftigen Anbeter den Vater anbeten werden in Geist und Wahrheit.« Die Samariterin musste nicht nach Jerusalem pilgern, um dort im Tempel Gott anzubeten. Man hätte sie ja gar nicht hineingelassen. Niemand, der sich nicht als Jude ausweisen konnte, durfte die Absperrung passieren. Mit dem Tod wurde bestraft, wer es versuchte. Jesus gibt der Frau zu verstehen, dass die Be-gegnung mit Gott im Gebet künftig nicht mehr ortsgebunden ist. Zu jeder Zeit und an jedem Ort kann jeder den Vater anbeten, wenn er von seinem Geist und seiner Wahrheit erfüllt ist. Was sollen wir darunter verstehen? Der »Geist« ist aus Gott und bezeichnet sein Wesen, sein Denken und Tun, seine Macht und Kraft. (Vgl. Jes. 9, 5; 55, 8. 9.) Diesen Geist bekommen wir, wenn wir an Jesus Christus als den Sohn Gottes glauben, der die Wahrheit in Person ist (Joh. 14, 6). Auf diesem Weg wird der allmächtige Gott und Schöpfer der Welt unser Vater. Er hat immer Zeit für die Seinen. Jesus, der Sohn Gottes, weiß, wie sehr sein Vater im Himmel nach wahren Anbetern verlangt. »An den unechten, eigenmächtigen Frommen hat Gott mehr gelitten als an den Sündern« (W. de Boor; vgl. Jes. 29, 13; Amos 5, 21. 23). Gott »in Geist und Wahrheit« anzubeten, bedeutet auch, in Übereinstimmung mit seinem Willen zu beten: »Unser Vater . . . dein Wille geschehe« (Matth. 6, 9. 10; 1. Joh. 5, 14. 15). Welch ein Vorrecht, dass Jesus der Samariterin das anvertraut, was in vollem Maß erst nach Pfingsten Wirklichkeit werden kann. Die Frau erkennt, dass Jesus von etwas spricht, das mit dem ver heiße-nen Messias zusammenhängen muss. Auch die Sama riter warteten auf ihn. Da öffnet Jesus ihr die Augen: »Ich bins, der mit dir redet.«
Wie ungewöhnlich es war, dass ein jüdischer Mann sich mit einer fremden, dazu noch heidnischen Frau in der Öffentlichkeit unterhielt, erkennen wir an der Reaktion der vom Einkauf zurückkehrenden Jünger: »Sie wunderten sich.« Doch sie wagten nicht, Jesus gegenüber ihrer Verwunderung Ausdruck zu geben. Vielleicht wussten sie schon um die wertschätzende Einstellung von Jesus gegenüber Frauen. Sie war nicht von überkommenen Ansichten bestimmt, sondern richtete sich nach der Schöpfungsordnung: Gott hat Eva mit der gleichen Liebe geschaffen wie vorher Adam. Deshalb hat sie ebenso eine Seele wie er. Verantwortung wahrnehmen war nicht nur die Ange legen-heit Adams. Das ist erkennbar an der Tatsache, dass beide für ihre Übertretung des Gottesgebotes bestraft wurden (1. Mose 1, 27. 28; 3, 16-19; vgl. die Einstellung zur Frau im Neuen Bund: Matth. 26, 6-13; Luk. 10, 38-42; Joh. 20, 17. 18; Gal. 3, 26-28). Die Samariterin erkannte, dass mit der Ankunft der Jünger ihr Gespräch mit Jesus beendet war. Was tat sie nun mit dem, was Jesus ihr offenbart hatte? Zunächst ließ sie ihren Wasserkrug stehen. Wasserschöpfen war jetzt zweit-rangig. Sie machte sich sofort auf den Weg in die Stadt, um genau das zu tun, wovon Jesus zu ihr gesprochen hatte: Sie gab »lebendiges Wasser« an andere weiter. »Kommt und seht . . . « Ihr ehrliches, persönliches Zeugnis brachte eine Stadt in Bewegung. Ausgerechnet sie, die nach Liebe suchende, aber ihres Lebenswandels wegen gemiedene Frau, wurde zur Botin des Evangeliums. Man hörte auf sie! Auf ihr Wort hin liefen viele aus Sychar hinaus zum Brunnen. Mitten im verachteten Samaria erlebten sie einen geistlichen Auf bruch hin zu Jesus. (Lies Joh. 4, 39-42; Apg. 8, 4-8.)
Begegnung mit einem Blinden Die Seelsorge von Jesus hat zum einen das Ziel, Menschen in seine Nachfolge zu rufen zum anderen will er ein Zeichen setzen, das zur Verherrlichung Gottes führt. (Vgl. Joh. 11, 40.) Jesus begegnet einem Blindgeborenen, von dem die Jünger sogleich mutmaßen, dass einer, der so behindert ist, ge sün-digt haben muss. Demnach hätte der Blinde sich schon im Mutterleib etwas zuschulden kommen lassen. Wie absurd! Dann so vermuten die Jünger weiter müssen die Eltern etwas Schlimmes getan haben. Damals war es üblich, so zu denken. Hatte Gott denn nicht gesagt, es würde dem Volk gut gehen, solange sie seine Gebote hielten? Wenn aber nicht, dann würde Krankheit, Dürre und Krieg über sie kommen? Gott hatte über sein Volk als Ganzes gesprochen (5. Mose 28). Manche wandten es nun auf den Einzel nen an. Das führte zu einer unbarmherzigen Einstellung gegenüber Kranken und Behinderten. Es gibt allerdings etliche Aussagen in der Bibel, die den Umstand beklagen, dass es dem Gottlosen gut geht, während der Treue Not leidet, z. B. in Psalm 73, 3-5. 13. 14. Viele sehen auch heute Krankheit als Strafe Gottes an. Zwar gibt es tatsächlich hier und dort einen Zusammenhang zwischen Krankheit und Sünde. Das berechtigt uns aber nicht, Betroffene zu beschuldigen oder gar Rückschlüsse auf einen scheinbar mangelhaften Glauben zu ziehen. Denn Krankheit und Behinderung, so notvoll und belastend sie auch sind, hindern Gott nicht, seine Herrlichkeit gerade in der Tiefe des Schmerzes und der Traurigkeit zu offenbaren. Wie er das tut, dürfen wir ihm überlassen. Ob wir es sehen können oder nicht: Er ist da und erbarmt sich aller unsrer Not. (Lies Ps. 84, 6-12. )
Am Blindgeborenen soll nicht nur ein Schöpfungs-Wunder vollbracht wer-den, sondern vor allem Gottes Herrlichkeit aufleuchten, die den Menschen aus der Finsternis der Sünde zu Jesus, dem Licht des Lebens, führt. Jesus bezieht die Jünger in sein Wirken ein, denn sie sind Träger der Herrlichkeit Gottes, die das Werk ihres Herrn fortführen bis die Nacht kommt, in der niemand wirken kann. (Lies Joh. 9, 4; 14, 12; 17, 22.) Noch ist sie nicht da, noch kann die gute Nachricht von Gott weltweit verkündigt werden. Solange es »Tag« ist, sind dem »Wirken« durch Jesus keine Grenzen gesetzt. Denn er ist das Licht der Welt. Es leuchtet, solange er in der Welt ist, und durch die Seinen tätig sein kann. (Lies Joh. 8, 12; 11, 9. 10; Matth. 5, 14-16.) Dieses »Licht« ist ein Hinweis auf Gottes Herrlichkeit. (Vgl. Ps. 104, 2; 44, 4; 36, 10; 97, 11; Eph. 1, 18.) Gott sendet sein Licht und seine Wahrheit, dass sie den Menschen in seine Herrlichkeit leiten (Ps. 43, 3). Wir brauchen täglich und Schritt für Schritt Gottes Licht. »Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg« (Ps. 119, 105). Es zeigt uns den richtigen Weg, entlarvt aber auch die dunklen Stellen in unserem Leben: Lieblosigkeit, Unbarmherzigkeit, Untreue. Jesus will, dass niemand in der Finsternis bleibt. Ob unser Blinder ahnte, dass der Herr noch ein ganz anderes Licht als das Augenlicht meinte? Er wendet sich jetzt dem Kranken ganz persönlich zu und streicht einen Teig auf seine Augen. Damit erinnert Jesus an das Schöpfungshandeln Gottes bei der Erschaffung Adams (1. Mose 2, 7) und an die neue Schöpfung, die mit seinem Kommen anbricht. Er bringt als der Gottessohn das endzeitliche Heil für die Menschen. So ist er das Licht der Welt.
Der Blindgeborene beugte sich über das Wasser und wusch sich den Brei von seinen Augen. Und dann sah er alles, was er vorher nur gefühlt, betastet, geschmeckt und gehört hatte. Können wir ermessen, was er in diesem ersten Augenblick des Sehens empfand? Wie groß mag seine Verwunderung ge-wesen sein, als er die Vielfalt der Farben und Formen erblickte? Konnte er sich gleich orientieren? Davon wird uns nichts berichtet. Vielleicht kann sich der eine oder andere erinnern, wie es ihm »wie Schuppen von den Augen fiel«, als er zum ersten Mal die Liebe und Güte Gottes erkannte und die Welt mit »neuen Augen« sah, schöner, reiner und klarer. (Vgl. Apg. 9, 17. 18; Röm. 11, 33a; Eph. 1, 18-20.) Dann erblicken die Nachbarn und Bekannten den ehemals blinden Bettler. Welch eine Verwunderung, ein Getuschel und Mutmaßen, als sie gewahr werden, dass der Mann jetzt sehen kann! Unbegreiflich! Unfassbar! So wollen sie wissen, wie die Heilung geschehen ist. Der Geheilte antwortet schlicht und wahrheitsgemäß ohne Ausschmückung und Aufschneiderei. Ob auch wir so einfach, wahrhaftig und klar bezeugen, wie man Jesus begegnen kann? »Seid aber jederzeit bereit zur Verantwortung jedem gegenüber, der Rechenschaft von euch über die Hoffnung in euch fordert« (1. Petr. 3, 15b). Mit der Frage der Nachbarn: »Wo ist er?« richten sie ihre Gedanken auf Jesus. Aus dem sachlichen Interesse (»Wie«, V. 10) wird ein persönliches (Wer: »Der Mensch, der Jesus heißt«, V. 11). »Auch der Glaube wendet sich, wenn er gesund wächst, von der Gabe zum Geber« (G. Maier). Bemerkenswert ist, dass Jesus sich dem Trubel, ähnlich wie in Johannes 5, 13, entzogen hat. Der Herr will nicht im Mittelpunkt allgemeiner Begeisterung stehen. Er will keine Bewunderer, sondern Nachfolger.
In Vers 14 erfahren wir, dass die Heilung an einem Sabbat geschah. Die Zubereitung der »Arznei« (V. 6) galt der jüdischen Frömmigkeit als Arbeit, die zu verrichten am Sabbat nicht erlaubt war. Dieser Umstand machte die Heilung des Blinden fragwürdig. Da sollten die Pharisäer, höchste religiöse Autorität im Volk, entscheiden, wie der Vorgang nach dem Gesetz zu beurteilen war. Noch einmal wird der Geheilte nach dem Heilungsgeschehen befragt, noch einmal antwortet er deutlich knapper (V. 15b). Aber genug für harsche Kritik einiger Pharisäer (V. 16a). Andere hingegen erhoben laut ihren Ein spruch. So entstand ein Streit unter den Pharisäern: die einen waren für Jesus, die anderen gegen ihn. Immer noch hielt sich der Herr im Verborgenen. Offenbar sollte der Geheilte selbst zur Erkenntnis geführt werden, wer Jesus wirklich ist. Dazu musste er den »Weg durch die Instanzen« gehen, um am Widerspruch der Pharisäer die Gewissheit darüber zu erlangen, dass Jesus der Messias Israels ist. Der Geheilte stand gewissermaßen in der »verborgenen« Seelsorge Jesu. Er war frei, sich zu entscheiden, und doch geschützt und gehalten. Der Streit der Religionswächter, ob Jesus von Gott gesandt oder ein Sünder sei (V. 16) , mag dem ehemals Blinden geholfen haben, seinen Wohltäter in einem ande-ren Licht zu sehen als bisher: »Er ist ein Prophet.« (Vgl. Joh. 4, 19; Luk. 7, 16; 24, 19; Matth. 21, 46.) Damit ist nicht unbedingt ein Mensch gemeint, der in die Zukunft schaut das auch. Aber zuerst muss er einer sein, den Gott gesandt hat. Davon ist der Geheilte überzeugt. Propheten sind »Sprecher« Gottes, die in einer lebendigen Beziehung zu Gott stehen und seinen Willen verkünden. In diesem Licht sah der Geheilte nun seinen Wohltäter.
Will man etwas trotz Beweisen nicht wahrhaben, wird der Auslöser der Diskussion, in diesem Fall der Blindgeborene, in Frage gestellt: Stimmte es denn wirklich, dass dieser blind war? Hatte er sich vielleicht nur so verhalten, als ob er nichts sähe und so den Mitbürgern auf der Tasche gelegen? Da der Geheilte noch Eltern hatte, befragte man auch sie. Doch das Gespräch ergab nichts, was die Pharisäer gegen den ehemals Blinden und gegen Jesus hätten verwenden können (V. 19-21). Statt Gott zu danken, dass er einem jungen Menschen das Augenlicht geschenkt hat und damit ein neues Leben, bemühten sich die Feinde des Herrn, eine Anklage zu konstruieren. Sie übten Druck auf die Zeugen aus, um eine Aussage zu erpressen, die ihnen genehm war (V. 22. 23). Der Ablauf der Wahrheitsfindung durch die religiösen Würdenträger trieb jedoch den Geheilten noch näher zu Jesus. Seine Eltern waren ihm keine Stütze. Sie ließen ihn allein. (Vgl. Ps. 27, 1. 9-11.) Die Schrift-gelehrten verhörten den Mann erneut und versuchten seine Antwort in ihrem Sinn zu manipulieren (V. 24). Er sollte Gott die Ehre geben und »diesen Menschen« (Jesus) als Sünder, d. h. Übertreter der Gebote Gottes, bezeichnen. Der Geheilte hätte jetzt zum Verbündeten der Pharisäer werden und der Gefahr, ausgestoßen zu werden, entgehen können. Er dachte aber nicht daran. Seine Antwort war klar, deutlich und sachlich (V. 25). Der Versuch, mit nervenden Fragen dem Geheilten einen Anklagepunkt gegen Jesus zu entlocken, ihn etwa der Zauberei zu beschuldigen, schlug fehl. Er begann die Absicht der Pharisäer, Jesus anzuklagen, zu durchschauen und parierte mit einer Gegen frage (V. 26. 27). Furchtlos stand er vor den Gegnern seines Wohltäters und bekannte die Wahrheit. (Vgl. Apg. 4, 5-13. )
Eine unliebsame Wahrheit zu hören, kann zu aggressiven Reaktionen führen. Die Pharisäer waren wütend, dass ein ungelehrter Mensch ihnen widerstand. Mit einer theologischen Rechtfertigung versuchten sie, den ehemals Blinden einzuschüchtern. Sie erreichten aber das Gegenteil (V. 29-33). Es blieb ihnen nichts anderes, als den mutigen Zeugen hinauszuwerfen. Er durfte sich bei ihnen nicht mehr sehen lassen. Das wirkte sich auch auf seine persönlichen Beziehungen zu Eltern, Freunden und Nachbarn aus. Man würde ihn mei-den, um selber dem Zorn der Pharisäer auszuweichen. Der Geheilte konnte nun sehen, aber wer würde ihm unter diesen Umständen Arbeit geben? Musste er nicht ein Ausgestoßener bleiben? In diese Anspannung spricht Jesus hinein. Er hatte von der Verstoßung des Mannes gehört und suchte ihn auf. Wen der Herr sucht, den findet er auch. Der Geheilte seinerseits hatte sich soweit für Jesus geöffnet, dass er ihn als Sohn Gottes erkennen konnte. Alles, was bisher geschehen war, hatte den ehemals Blinden zu diesem Punkt geführt. »Zuerst war sein Glaube der einfache, vertrauende Gehorsam gegen eine bestimmte Weisung von Jesus. Jetzt in der Anfechtung und unter den bedrängenden Fragen der Gegner wird dieser Glaube immer klarer ein vertrauendes Erkennen der Person des Herrn selbst. Jesus ist ein Prophet. Jesus ist ohne Sünde. Jesus ist besonders mit Gott verbunden, Jesus ist von Gott. Nun will Jesus diesen Glauben zur klaren Reife führen« (W. de Boor). Dem Blindgeborenen wurde nicht nur die natürliche Sehkraft geschenkt. Seine Heilungsgeschichte beschreibt auch die Entstehung einer ganz anderen »Sehkraft«, nämlich in Jesus den Retter der Sünder zu erkennen und an ihn zu glauben. (Lies Ps. 146, 8; Apg. 26, 16-18; 2. Kor. 4, 3-6; Eph. 1, 15-19.)
In Psalm 65 entdecken wir, wie persönlich David mit seinem Gott redet. Dank bar spricht er ihn mit dem vertrauten »Du« an. »Du erhörst Gebet . . . Du vergibst Sünden . . . Du lässt mich zu dir nahen . . . Du bist die Zuversicht aller!« Zwölf- bis vierzehnmal, je nach Übersetzung, finden wir in Psalm 65 dieses »Du«, und jedes Mal verbindet David es mit dem Wirken Gottes, das auch uns persönlich gilt. (Lies Ps. 16, 2. 11; 18, 37; 40, 12. 18; 66, 10-12. ) Indem David sich Gottes Handeln bewusst macht, öffnet sich vor ihm ein weiter Horizont: Er lobt Gott für seine Schöpfermacht, und er dankt Gott für die reiche Ernte. Doch nicht nur die äußeren Gaben stehen im Mittelpunkt sei ner Anbetung. David dankt auch für den persönlich empfangenen geist-l i c he n S e ge n, f ür Gebet s e r hör unge n, Ve r gebung d e r Sünde n u nd d i e Ge me i n-schaft mit Gott. Nehmen wir uns doch heute einmal Zeit, um wie David einzu stimmen in das Lob über Gott, ihm zu danken für allen geistlichen Segen, den er schon in unser Leben hineingelegt hat, für sein wunderbares Handeln in der Schöpfung und für sein treues Versorgen im Äußeren. Haben wir es nicht schon oft erlebt: Wenn ich in solchem Bewusstsein betend vor Gott trete, finde ich heraus aus dem Kreisen um mich selbst, aus Problemen und Schwierigkeiten, die unlösbar vor mir stehen und mich gefangen neh-men wollen. Ich finde eine neue Perspektive, die mich mitten im Chaos und in den Herausforderungen getrost und gelassen macht. Ich entdecke neu, wie glücklich mein Leben in einer von Gott wunderbar geschaffenen Welt sein kann. Wir sind eingeladen, Davids Worte nachzusprechen, und wir werden dabei eigene Worte finden, um dem Glück unserer Verbindung mit Gott Aus druck zu verleihen. (Lies Ps. 103, 1-13; 8, 1-10. )
David hat sein Anbetungslied überschrieben: »Gott, man lobt dich in der Stille zu Zion, und dir hält man Gelübde.« »Man könnte diesen Vers auch so übersetzen: In feierlicher Stille beten wir dich an, Herr, weil wir nicht wissen, wie wir dich am besten loben können. Unser Schweigen ist Lobgesang. Wenn unser Herz mit tiefster Anbetung gefüllt ist, spüren wir, dass unsere schönsten Lieder nicht gut genug sind für den Herrn in seiner Herrlichkeit und Güte. Eine Gemeinde, die sich in stiller Anbetung vor dem Herrn beugt, weil sie seine Barmherzigkeit so tief empfindet, bringt dem Herrn ein besse-res Lob dar als die schönsten Stimmen und Instrumente in einem lauten Lobgesang, hinter dem kein inneres Erleben steht . . . Es ist wichtig, vor jedem Singen die Saiten des Herzens zu stimmen und daran zu denken, dass die schönsten Lieder nicht ausreichen, um den Herrn der Herrlichkeit gebührend zu loben« (C. H. Spurgeon). Gott in der Stille zu loben, fällt uns oft schwer, besonders wenn uns die Dinge des Alltags nicht zur Ruhe kommen lassen. Dennoch gilt es, Zeiträume der Stille gezielt zu suchen, um sich auf das Lob und die Anbetung Gottes konzentrieren zu können. Dann wird uns die Größe, die Herrlichkeit und die Allmacht unseres Gottes, der sich uns zugleich liebend mit seinem Segen zuwendet, bewusst werden. (Lies 1. Chron. 16, 8-12; Ps. 95, 1-7.) David fährt in seinem Gebet fort: »Dir hält man Gelübde (Versprechen).« Mancher hat in einer besonderen Lebenslage Gott etwas versprochen und es dann vergessen oder unterdrückt. Manchmal können wir ein Versprechen Gott gegenüber nicht mehr einlösen. Dann wollen wir den Herrn um Ver-gebung bitten. Doch es mag »Gelübde« geben, die wir heute noch einlösen können. Dann sollten wir Gott gehorchen. (Lies Ps. 50, 14; 116, 12-19; Jona 2, 10. )
»Weil du Gebet erhörst, kommen die Menschen zu dir.« David ermutigt uns, die alltäglichen wie besonderen Begebenheiten und Situationen im Gebet vor Gott zu bringen. Der Psalm-Sänger weiß um die Macht des Gebets. In wie vielen ausweglosen Lagen erlebte er nicht schon Gottes rettendes Eingreifen! »Erhöre mich, wenn ich rufe, Gott meiner Gerechtigkeit, der du mich tröstest in Angst; sei mir gnädig und erhöre mein Gebet!« Dann erlebte David Gottes Hilfe: »Erkennet doch, dass der Herr seine Heiligen wunderbar führt; der Herr hört, wenn ich ihn anrufe« (Ps. 4, 2. 4; lies Ps. 28, 6; 31, 23; 34, 5-7). Wir haben einen allmächtigen Herrn, der uns hört und erhört. Mit dieser Gewissheit können wir in den heutigen Tag hineingehen. Das hilft zu einer tiefen Gelassenheit, wenn wir einer Situation hilflos gegenüberstehen, wenn wir in einer ungeklärten Angelegenheit um eine Lösung ringen, wenn Zeitdruck uns zu schaffen macht, wenn Angst und Schrecken uns lähmen wollen, und auch dann, wenn wir unsere ganze Ohnmacht empfinden. Immer kann ich mit der Himmels-Zentrale in Verbindung treten und mir von dort Hilfe und Wegweisung erbitten. Gott kümmert sich genauso um unsere alltäglichen Kleinigkeiten wie um die weltbewegenden Dinge unserer Zeit. Er hat auf jeden Fall auch wenn wir es nicht sehen die Fäden in seiner Hand. (Lies Jes. 65, 24; 58, 9; 30, 18. 19.) Der Bibellehrer Hans Peter Royer stellt die Frage: »An wen oder wohin wenden Sie sich, wenn Sie Sorgen plagen? Wenn Sie etwas Unvorhergesehenes trifft, wo gehen Sie zuerst hin, zum Telefon oder zum Thron Gottes? Ich muss mich ganz konkret und bewusst darin üben, mit meinen Sorgen gleich zu Gott zu gehen. Es kommt bei mir ganz selten vor, dass ich automatisch zu Gott gehe, fast immer ist es eine Willens ent scheidung, die ich treffen muss.«
»Du vergibst unsere Sünden!« David wusste um schwere Schuld in seinem Leben, die ihn zu Boden drückte. Was tun, wenn uns Schuld bewusst wird? Wir können sie wie einen Ball im Wasser »hinunterdrücken« und uns ein-reden: »Ist doch nicht so schlimm, macht ja heute jeder.« Wir können jede Sünde mit entschuldigenden Worten verzieren: »Ich hatte es nur gut gemeint und deshalb zwei Augen zugedrückt.« Wir können auch anderen Schuld vor-werfen, um von uns abzulenken. Doch auch dieses Ausweichmanöver führt keinen Schritt weiter und kann in einer Sackgasse enden. Wenn wir Sünde in unserem Leben erkennen und uns zu ihr stellen, werden wir die befreiende Erfahrung machen: »Du vergibst unsere Sünden!« »Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit« (1. Joh. 1, 8. 9; lies Spr. 28, 13; Ps. 32, 3-5; Tit. 2, 11-14). Der verlorene Sohn kehrte aus der Sackgasse seines Lebens zu seinem Vater zurück: »Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir . . . « (Luk. 15, 18. 19). Sein Bekenntnis ermöglichte es dem Heimkehrer, die offene Tür ins Vaterhaus zu erkennen und in Gemeinschaft mit seinem Vater zu leben. Zu Hause erhielt er alle Rechte, die einem Sohn zustanden, zurück. So verhält sich Gott in seiner großen Barmherzigkeit bis heute gegenüber dem, der mit seiner Schuld zu ihm kommt. Vergebung ist das Höchste und Schönste, was wir erfahren können. »Der kann sich freuen, dem die Schuld vergeben ist. Der hat es gut, dem die Sünde abgenommen ist. Wohl dem, dem der Herr sein Vergehen nicht anrechnet« (G. Schnitter). (Lies Ps. 32, 1. 2; Jes. 6, 5-7. )
»Wohl dem, den du erwählst und zu dir lässt, dass er in deinen Vorhöfen wohne! Der hat reichen Trost in deinem Haus, in deinem heiligen Tempel.« »Ich möchte unter diesen Bevorzugten sein, mein Heiland! Das Herz kann sich nichts wünschen, was mit solchem Glück zu vergleichen ist. Die Schönheit der Natur und wie schön ist deine Schöpfung! die Freuden echter Gemeinschaft, der Reiz der Kunst und Wissenschaft nichts kann mich so mit Freude und Glück erfüllen, wie das Nahen zu dir, das Wohnen in deiner Gegenwart. Aber je besser ich mich selbst erkenne, umso klarer wird es mir, dass du mich zulassen musst, dass du außerordentliche Mittel anwenden musst, wenn ich bei dir wohnen darf. O lass mich zu dir, lass mich dir nahen!« (F. B. Meyer) (Lies Ps. 15, 1-5; 84, 1-13.) Wenn wir uns so im Gebet an Gott wenden, können wir sicher sein, dass er uns hört und auf unsere Bitte eingeht. Das ist die Folge der erfahrenen Vergebung: Wir dürfen in herzlicher Gemeinschaft mit Gott leben, seine Wegweisung, seinen Trost und seine Korrektur erfahren und mit seiner Zuwendung und seinem Segen rechnen. »Wie glücklich ist der, den du erwählst, er darf in deine Nähe kommen.« Begehren wir diesen Platz in Gottes Nähe? Wir können bei ihm Heimatrecht anmelden und schon hier und bis in Ewigkeit Gemeinschaft mit dem Herrn haben. Welch ein Vorrecht! (Lies Ps. 26, 8; 27, 4-6; Spr. 8, 34. 35; Luk. 10, 38-42.) Charlotte Hosch, die sich schon mit 12 Jahren zum Dienst im Reich Gottes berufen wusste und sich um Prostituierte und Suchgefährdete kümmerte, schrieb in einem ihrer Lieder: »Gott, lass mich immer Heimweh haben, wenn ich nicht nahe bei dir bin.«
»Wie glücklich sind alle, die du, Herr, erwählst!« Gott trifft seine Wahl nach anderen Kriterien, als Menschen es tun: Das Volk Israel war das Geringste unter allen Völkern und dazu noch undankbar, halsstarrig und unbelehrbar. Als der Herr Mose, der zum Mörder geworden war, in seinen Dienst holte, war er bereits achtzig Jahre alt. Offensichtlich rechnete Mose nicht mehr mit dem Eingreifen Gottes ganz abgesehen davon, dass er sich zum Dienst für völlig ungeeignet hielt. (Lies 2. Mose 3, 6-12.) Gideon war voller Fragen Gott gegenüber: »Warum überlässt du uns den Midianitern? Wo bleiben die Wunder, von denen unsere Väter erzählt haben? Und womit soll ich Israel retten, da mein Stamm der geringste . . . und ich der Jüngste in meines Vaters Haus bin?« (Lies Richt. 6, 11-24.) Der Hirtenjunge David galt als »der Kleine« in seiner Familie. Als es um die Wahl zum König des Volkes Israel ging, dachte niemand daran, dass David der Erwählte Gottes sein würde. Der Herr wählte anders. Er machte dem Propheten Samuel klar: Lass dich nicht von Aussehen und Größe beeindrucken. Denn ich urteile nach anderen Maßstäben als die Menschen. Für die Menschen ist wichtig, was sie mit den Augen wahrnehmen können; ich dagegen schaue jedem Menschen ins Herz. (Lies 1. Sam. 16, 1-13.) Jesus selber wählte sich Jünger, die alles andere als Berühmtheiten waren. Sie galten als »ungelehrte und einfache Leute« (Apg. 4, 13). Von ihnen sagt der Herr: »Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibe« (Joh. 15, 16). Jesus macht deutlich: Die Erwählung Gottes hat nichts mit Selbst- Empfehlung zu tun, sondern mit schlichtem Gehorsam und mit der Hingabe des Lebens an ihn. (Vgl. Röm. 1, 1; 2. Kor. 3, 1; Gal. 1, 15-17; Jes. 49, 1; Jer. 1, 5.) So baut Gott sein Reich.
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