In Markus 14, 53-65 lesen wir vom nächtlichen Verhör des Herrn vor dem Hohen Rat, dem höchsten Regierungs- und Richterkollegium der Juden. Man hatte Jesus als Gotteslästerer befunden, und ihn deshalb des Todes schuldig erklärt. In den frühen Morgenstunden (etwa gegen 6. 00 Uhr) folgte eine kurze Verhandlung der Ratsherren, um zu erörtern, mit welcher Begründung die Todesstrafe bei Pilatus (röm. Statthalter) zu beantragen sei. Dem jüdischen Regierungs- und Richterkollegium war klar, dass die religiöse Begründung der Anklage als »Gotteslästerer« (14, 64) nach römischem Recht nicht die Todesstrafe verlangte. Aus Markus 15, 2 geht indirekt hervor, dass die Ratsherren den messianischen Anspruch des Herrn ins Welt-Politische drehten. Er behauptet, der Messias, der König der Juden, zu sein also ein Rebell gegen den römischen Kaiser. Pilatus durchschaut diese Täuschung (15,10). Dennoch gibt er aus politischem Kalkül den Juden nach. (Dazu Luk. 23, 1-4; Joh. 19, 12-16.) Pilatus, ein Mensch, der sichtlich von Jesus beeindruckt war und dessen Unschuld er öffentlich festgestellt hatte, sucht sich aus dieser Zwickmühle herauszuwinden. »Die Sitte der Passa-Amnestie gibt Pilatus Gelegenheit, seinem römischen Rechtsempfinden vielleicht doch noch Geltung zu verschaffen. Doch auch dies scheitert an dem festen Willen des Hohen Rates. Keiner kommt um eine klare Entscheidung für oder gegen Jesus herum! Wie gern drücken wir uns um Entscheidungen?« (J. Blunck) (Vgl. Apg. 24, 24. 25; 26, 27. 28; 1. Kön. 18, 21.) Welch eine Klarheit, welch eindeutiges Bekenntnis geht von Jesus aus! »Bist du . . . ?« »Du sagst es!« Vor welchem Gremium Jesus auch steht, sein Zeugnis ist durch und durch wahr (Joh.8,14). So schlicht, so einfach und gewaltig zugleich steht Jesus zu dem, wer er ist und was der Wille des Vaters für ihn ist. Er hatte sich entschieden, dem Willen seines Vaters zu gehorchen. So lernte er »an dem, was er litt,... den Gehorsam« (Hebr.5, 8). Da bekommt dieses »Gelitten unter Pontius Pilatus«, wie es im Glaubensbekenntnis heißt, eine tiefe geistliche Dimension.
Drei Worte hatte Jesus gesprochen: »Du sagst es« eine einzige Provokation für die Hohen Priester, die Jesus noch einmal heftig und ausgiebig beschuldigen. »Sie klagten ihn vieler Dinge an.« Pilatus ist mehr als verwundert: »Antwortest du nichts? Siehe, wie vieles sie gegen dich vorbringen!« Jesus aber »antwortete nichts mehr«. Wie eigenartig ist dieses Schweigen! Muss da nicht jede Rechtsprechung stocken? Kein Verteidiger ist da. Und Jesus verteidigt sich auch nicht selber er schweigt still. Gelegentlich ist Schweigen beredter als noch so viele Worte. Das Schweigen des Herrn ist kein Schweigen aus Angst, kein Schweigen der Erbitterung oder der Verachtung, kein enttäuschtes oder resignierendes Schweigen, sondern ein Schweigen aus Gehorsam. Jesus willigte ein, das Lamm zu werden, das seinen Mund nicht auftut wenn es zur Schlachtbank geführt wird (Jes. 53, 7). Ein Ausleger bemerkt dazu: »Jesus ist der still leidende und das Leiden für die Welt bejahende Gottesknecht von Jesaja 42, 1-4. Er ist das Salz der Erde, das nicht von sich reden macht, das Licht der Welt, das wortlos, aber machtvoll leuchtet. Wer in dieser Weise sterben will, will niemand ans Leben.« Pilatus kann sich nur wundern; vielleicht bewundert er Jesus auch im Stillen. Jedenfalls versucht er, den »König der Juden« zu retten. Da steht schon der Ersatzmann für Jesus: Barabbas (wörtl. »Sohn des Abba«). Er trug, so sagen es alte Handschriften, den Eigennamen »Jesus«. Beide kämpften für die Befreiung Israels. Der eine kämpft wie ein Raubtier gewalttätig gegen die Schreckens-Herrschaft der Römer. Der andere kämpft als Lamm Gottes gegen die Schreckens-Herrschaft Satans. Der eine macht die Sünde noch schwerer. Der andere trägt die Sünde der Welt weg. Wie wählt das Volk? Warum? Wir bedenken dazu Lukas 13, 34; 19, 41-44.
Was Jesus in Markus 10, 33 vorausgesagt hatte, geht nun in Erfüllung: »Der Menschensohn wird überantwortet werden den Hohen Priestern und Schriftgelehrten, und sie werden ihn zum Tode verurteilen und den Heiden überantworten.« Unser Tagesabschnitt zeigt sehr deutlich, wie eng miteinander verzahnt Juden und Heiden agieren bis Pilatus nachgibt und Jesus der Geißelung und dem Kreuzestod übergibt. Jesus ertrug die Behandlung eines Schwerverbrechers für Barabbas und »für viele« (Mark. 10, 45; 14, 24). Zu den körperlichen Qualen tritt beißender Spott. Die Soldaten sagen die Wahrheit (»der Juden König«), aber sie machen sie lächerlich, treten darauf herum und machen sich lustig über den ohnmächtigen Juden-König. Auf dem Weg zum Kreuz macht Jesus alle Grausamkeiten durch, die Menschen einander antun. So unermesslich sein Leiden war, so stark ist sein Trost für alle Leidenden bis heute. Niemand kann uns so verstehen und trösten wie »der Mann der Schmerzen« (Jes. 53, 4; vgl. Joh. 16, 22; 20, 19-21). Und doch ist sein Leiden einzigartig, weil es das Sühne-Leiden zur Versöhnung mit Gott ist. Das haben später die Jünger des Herrn verstanden sehr wahrscheinlich auch ein Simon von Kyrene. (Vgl. Apg. 2, 1. 9-11; 11, 20.) Er wurde zwangsverpflichtet, das Kreuz des geschundenen Jesus zu tragen. Aber diese Not- und Zwangslage wurde ihm und seiner Familie zum Segen. (Vgl. Röm. 16, 13.) Kennen wir nicht auch Situationen in unserem Leben, die uns gar nicht gefielen, in die wir uns eingesperrt fühlten, durch die wir aber gesegnet wurden? (Lies Hiob 33, 28; 42, 5; Apg. 12, 1. 2. 5-7. 24; Röm. 8, 28; Phil. 1, 12-21.) »Hoff, o du arme Seele, hoff und sei unverzagt! Gott wird dich aus der Höhle, da dich der Kummer plagt, mit großen Gnaden rücken; erwarte nur die Zeit, so wirst du schon erblicken die Sonn der schönsten Freud« (Paul Gerhardt).
»Und sie führten IHN hinaus« weg mit dem!, hinaus mit ihm! Für jüdisches Empfinden bedeutet eine Hinrichtung »draußen vor dem Lager« totale Ausstoßung aus der jüdischen Volksgemeinschaft (3. Mose 24, 14; vgl. Mark. 14, 64). Wenn Jesus als »Lamm Gottes« die Sünden der Welt hinwegtragend hinausgeführt wird, erinnert dies an den großen Versöhnungstag, an dem der »Sündenbock« in die Wüste hinausmusste (3. Mose 16, 21ff). Jesus, der leidende Gottesknecht, »war zerschlagen um unserer Sünden willen . . . der Herr ließ ihn treffen unser aller Schuld« (Jes. 53, 5. 6). Bis zum Schluss hielt er die volle Wucht der Schmerzen aus. Rausch-Trank zur Schmerzenslinderung lehnte er ab. Er wollte sich »nicht berauscht Gott hingeben. In einem tieferen Sinn war er hier sogar der einzige Unberauschte und Freie. Simon von Kyrene handelte gezwungen, die Soldaten befehlsgemäß, würfelten auch von Gier besessen um die Kleidungsstücke« (A. Pohl). Gänzlich entehrt, kreuzigen sie den »König der Juden«, rechts und links neben ihm zwei »Räuber« (damalige Bezeichnung für Guerilla-Kämpfer, das waren die aufständischen Zeloten). Damit ist Jesus öffentlich als Rebellenführer gebrandmarkt. Welch böse Verkennung! Jesus ist der wahre König, der sein Reich nicht mit dem Blut seiner Untertanen stiftet, sondern mit seinem eigenen. Natürlich stört ein so völlig andersartiger Herr die Herrschaften dieser Welt, aber er gewinnt sich auch immer wieder Diener, die ihn mehr lieben als ihr Leben. (Vgl. Offb. 12, 11; Apg. 20, 24.) Was mag aus Barabbas geworden sein? Jesus starb an seiner Stelle. Welch ein Tausch! Darum konnte der Schuldige freikommen. Ob Barabbas auch noch den tiefsten Sinn dieses Tausches begriffen hat? Ob wir ihn erkannt haben? »Denn es hat auch Christus einmal für die Sünden gelitten, der Gerechte für die Ungerechten, damit er uns zu Gott führe« (1. Petr. 3, 18; dazu Röm. 5, 6-8; 1. Kor. 15, 3; 1. Petr. 2, 22-25).
Es war ein ständiges Kommen und Gehen derer, die den geschundenen Jesus begafften, ihn verlästerten und verspotteten. Sie »schüttelten ihre Köpfe« und zeigen die Geste heftiger Abweisung (Ps. 22, 8). Jesus ist ihnen widerwärtig. Mit beißender Ironie ziehen sie über das Tempelwort des Herrn her (Joh.2,19). Es hatte messianische Erwartungen in ihnen geweckt. Aber nun ist, was den Anspruch des Herrn betrifft, das Thema Messias bei ihnen abgeschlossen. Der »Messias« hängt auf der Schutthalde am Galgen Schluss damit! Und doch ziehen die Spötter noch ein diabolisches Register: Wenn du tatsächlich der Messias bist, »hilf dir selbst (wörtl. »rette dich selbst«) und steig vom Kreuz herab!« Diesen Spottruf greifen dann auch die Hohen Priester und Schriftgelehrten auf: Die Parallele zur Versuchung des Herrn am Anfang seines öffentlichen Wirkens ist unverkennbar: Lukas 4, 1ff. Bis zum letzten Atemzug des Gekreuzigten versucht der Feind das Lebenswerk des Retters zu zerstören. Satan weiß, dass »der Sohn des Menschen gekommen ist, zu suchen und zu retten, was verloren ist« (Luk. 19, 10). Der Teufel sieht die Stunde vor sich, in der sich die Verheißung Gottes erfüllt: »... ER wird dir den Kopf zermalmen, und du, du wirst ihm die Ferse zermalmen« (1.Mose 3,15). Dass der unschuldige Jesus die Todesstrafe erleidet, ist furchtbar. Das Furchtbarste aber wäre, wenn er jetzt vom Kreuz herabsteigen würde. Doch er bleibt seiner Sendung treu, er ist nicht gekommen, sich selbst, sondern die Verlorenen zu retten. Welch selbst-lose Liebe! Wir können ihm gar nicht genug danken, dass »er sich selbst erniedrigte und gehorsam wurde bis zum Tod, ja, zum Tod am Kreuz« (Phil.2,8). Was bedeutet der Gehorsam des Herrn für mein praktisches Leben mit ihm? (Vgl. Luk. 9, 23-26; Eph. 6, 12-17; Hebr. 13, 20. 21; 1. Petr. 5, 6-10.)
Am helllichten Mittag kam eine Finsternis »über das ganze Land«. Seit jeher sind Finsternis und Licht Sinnbild für Unheil und Heil. »Wer in der Nacht sitzt, sitzt im Gericht. Gott hat sich von ihm abgewendet,...« (A.Pohl). Ein treffendes Beispiel lesen wir in 2. Mose 10, 21-23. Während Gott über Ägypten eine dreitägige Finsternis verhängte, war es in den Wohnsitzen des Volkes Gottes hell. Dort schweres Gericht hier Leben und Licht. Die dreistündige Finsternis während der letzten Stunden des sterbenden Jesus signalisierte: Gott wendet sich ab. Er schüttet seinen Zorn über die Sünde aus. Er richtet sie an DEM, der jetzt zur Sünde gemacht wird (2. Kor. 5, 21). Dieser Moment ist für den Sohn Gottes der allerfurchtbarste. Jesus schreit in die Nacht hinein: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Gott verließ ihn und übergab ihn aktiv ins Gericht. Was das für Jesus auf dem Hintergrund von Johannes 8,29 bedeutet hat, können wir nur erahnen. Das Gebet des sterbenden Jesus ist aber auch ein tröstliches Gebet. Jesus hält im Gericht, das er voll und ganz durchleidet, an seinem Gott fest: »Mein Gott, mein Gott...« Wenn uns Kummer und Leid das Herz brechen, wenn wir uns aus der Asche eines geschundenen Lebens nicht erheben können, wenn uns das »Warum« niederdrückt, dürfen wir den Mann am Kreuz anschauen und es machen wie der Verfasser des Hebräerbriefes: »...lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und . . . aufsehen zu Jesus,... der das Kreuz erduldete ... Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst« (Hebr. 12, 1-3; lies Hebr. 10, 34. 39; Ps. 25, 1-8. 11. 15-17. 20).
Einige, die den Schrei des Gekreuzigten hörten, meinten er habe den Propheten Elia gerufen. Zum allgemeinen Volksglauben gehörte, dass der Messias mit dem Propheten Elia auftreten werde. Darum bot man Jesus eine Erfrischung, die ihn möglichst lange am Leben lassen sollte, damit Elia als Nothelfer eingreifen könne. Doch »am Ausbleiben des Elia scheiterte nach jüdischem Urteil der messianische Anspruch« (A. Schlatter). Wie leicht kann doch der allgemeine Volksglaube am Wort Gottes vorbeizielen! (Dazu Matth. 17,12.13.) Auch Jesus-Nachfolger stehen in der Gefahr, sich einem traditionell geprägten Glauben zu überlassen: »So war's schon immer. Punkt.« Das ist wenig hilfreich und löst viel Unmut aus. Stattdessen sollten wir unser Traditions-Gut immer wieder im Licht des biblischen Wortes prüfen. Warum? 1. Unser Erkennen, damals wie heute, ist Stückwerk. 2. Unsere Glaubens- Vorbilder, damals wie heute, sind nicht sündlos. 3. Manche praktischen Entscheidungen in alten Zeiten bezogen sich auf den damaligen gesellschaftlichen Kontext. Früher war z. B. das Klonen, vor allem menschlichen Erbgutes, kein Thema. Die ethischen Werte und Normen waren deutlicher auf Gott, den Herrn des Lebens, bezogen als heute. Ganz zu schweigen von der Religionsvermischung, die sich weltweit schleichend und rasant in unserer Zeit entwickelt. Wir können viel von Glauben und Ethik unserer »Väter und Mütter in Christus« lernen. Der Apostel Paulus gibt den Rat: »Prüft alles, das Gute haltet fest!« (1. Thess. 5, 21; dazu Phil. 1, 9-11; Kol. 1, 18; 1. Joh. 4, 1-4). Es war Paulus auch wichtig hervorzuheben: »Alles bei euch geschehe in Liebe« (1. Kor. 16, 14). Dazu gehören Wahrhaftigkeit, Bereinigung von Schuld, Demut und ein zuvorkommender Umgang der Generationen miteinander. (Vgl.Eph.5,21; Tit.2,1-8; Jak.5,16; 1.Petr.5,5; 1.Joh.1,8-10.) »Nun gib uns Pilgern aus der Quelle der Gottesstadt den frischen Trank; lass über der Gemeinde helle aufgehn dein Wort zu Lob und Dank. Zeig uns dein königliches Walten, bring Angst und Zweifel selbst zur Ruh. Du wirst allein ganz recht behalten; Herr, mach uns still und rede du« (O. Riethmüller).
Jesus starb bewusst und willig. Er wartete nicht auf den Elia und lehnte Lebensverlängerung ab, sondern hielt Gott in Ehren, auch bei »großem Geschrei und Tränen« (Hebr. 5, 7). Nachdem der Herr sein Leben (wörtl.) ausgehaucht hatte, zerriss der Vorhang des Tempels, die »Trennwand« zum Allerheiligsten, dem Thronsitz Gottes, »von oben an bis unten hinab«. Gott hat das Selbst-Opfer seines Sohnes angenommen (Hebr. 9, 14), der Gerichtsthron war zum Gnadenthron geworden. (Lies Röm.3,23-26.) Der Tod des Sohnes Gottes begründete die neue Gemeinschaft mit Gott und den neuen Gottesdienst. (Siehe Jer. 31, 31; Luk. 22, 19. 20; Joh. 4, 23; Phil. 3, 3; Jud. 20.) Dieses »Neue« keimt bereits in den Sterbestunden des Gekreuzigten auf. Hier deutet sich schon ein Wetterleuchten der Jesus-Gemeinde aus Juden und Heiden an. Dem einen reumütigen jüdischen Befreiungskämpfer sagte Jesus zu: »Heute wirst du mit mir im Paradies sein« (Luk. 23, 43). Der andere, ein römischer Hauptmann, spricht sein Bekenntnis: »Wahrhaftig, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen.« Damit ist der Hauptmann Vorbild der Erfüllung von Psalm 22, 28. 29. Auch die Frauen, die »von Weitem« das Geschehen verfolgt hatten, heben sich positiv von den anderen Gruppen auf Golgatha ab. Während der römische Hauptmann die »Neugläubigen« aus den Heiden darstellt, verkörpern die Frauen die Langgedienten, die den Herrn kannten und liebten. So zieht der Gekreuzigte die Seinen aus allen Richtungen zu sich hin. (Vgl. Jes.53,12; Joh. 12,32.33.) Dieses Wetterleuchten der Mission weist schon hinüber zum wich tigsten Auftrag des Auferstandenen: Matthäus 28, 18-20; Markus 16, 15. Jesus spricht hier weder eine Empfehlung, noch einen Tipp aus, sondern er stellt die Seinen unter Befehl! Es gibt nur eine Alternative: Gehorsam oder Ungehorsam. Was blockiert unseren Gehorsam? Wie können wir praktisch den »Missions-Befehl« persönlich und gemeinsam leben? Hier einige Anregungen: beten gehen bezeugen durch Wort, Tat und Lebensstil gemeinsam handeln.
Warum ist es allen vier Evangelisten (Matthäus, Markus, Lukas, Johannes) so wichtig, die Grablegung von Jesus schriftlich festzuhalten? Ins Grab wird nur ein wirklich Toter gelegt. Als Jesus begraben wurde, war er tatsächlich tot. Nur so hat er in seiner Auferstehung den Tod wirklich und wahrhaftig besiegt. Ein Ausleger notiert: »Der Leichnam des Herrn diente sozusagen als Gottes Waffe, die Todeswelt im Mark zu treffen, oder als Hebel, mit dem Gott ganz unten ansetzte und den letzten Feind aus den Angeln hob.« Nach römischem Brauch ließ man Hingerichtete am Kreuz hängen und verwesen. Das war für jüdisches Empfinden undenkbar. »Wir halten es für unsere Pflicht, selbst Feinde zu bestatten«, erklärte der Geschichtsschreiber Josephus. Darum gehörte, besonders im Fall des gekreuzigten Jesus, eine Portion Mut und Entschlossenheit dazu, um die Freigabe des Leichnams beim römischen Statthalter zu bitten. Eigentlich wäre es Aufgabe der Jünger gewesen, den toten Meister ehrenvoll zu bestatten. (Vgl. Mark.6,29.) Aber sie sind nicht zur Stelle. So übernahm der vornehme Ratsherr Josef von Arimathäa die Bestattung für den verängstigten Jüngerkreis und die ohnmächtigen Frauen. Ein »heimlicher Jünger« überwindet seine Menschenfurcht und tritt mutig aus der Verborgenheit, indem er offiziell die Bestattung des toten Meisters in die Hand nimmt. Jesus will uns Weisheit schenken, ihn freimütig zu bezeugen. Unsere »Brüder und Schwestern«, die um ihres Glaubens willen gedemütigt und gequält werden, brauchen unsere besondere Unterstützung. Und wir wollen die Freiheit, die uns noch geschenkt ist, sorgfältig und standhaft nutzen. »Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne. Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige errette« (1. Kor. 9, 22; dazu Röm. 1, 16; 10, 10-13; 1. Kor. 9, 16).
Noch sind die Treusten unter den Jesus-Nachfolgern ganz dem alten Denken verhaftet. Sie wollen dem Toten die letzte Ehre erweisen und die Kräuter- Mischung zwischen die Leinen-Binden geben. Die Salbung der Toten bei den Juden geschah nicht zur Abwehr der Verwesung, wie etwa die Mumifizierung in Ägypten, sondern als Zeichen außerordentlicher Ehrung. Obwohl die Frauen schon lange mit Jesus unterwegs gewesen waren, rechneten sie nicht mit einem Wunder Gottes. Das kennen wir auch. Darum brauchen wir, wie die Jüngerinnen und Jünger damals, eine starke Hand, die den dicken Stein des Zweifels, der Traurigkeit und Sorgen vor unserer Herzenstür wegwälzt. Doch ehe wir rufen, hat Gott schon für uns gehandelt (Jes. 65, 24), mögen wir's auch noch nicht wahrnehmen. »Siehe, ich wirke Neues! Jetzt sprosst es auf. Erkennt ihr es nicht?« (Jes. 43, 19a) Der Herr handelt allerdings nicht nach unseren Vorstellungen, sondern entsprechend seiner »höheren Gedanken«. Diese können uns durchaus erschrecken. Die Offenbarung SEINER Licht-Herrlichkeit in unserem Text verkörpert durch den Engel Gottes löst Entsetzen und Furcht aus. (Vgl. Luk.1,11.12.26-30; 2,9.) Doch der Herr will uns nicht in die Flucht schlagen, sondern in die Freude führen: Matthäus 28, 2-8. Zum Nachdenken: »Das leere Grab bewirkt noch kein neues Denken. Ohne die Botschaft von der Auferstehung weckt es nur Fragen (vgl. Joh. 20, 13). Umgekehrt: Wo die Botschaft von der Auferstehung verkündigt wird, ist das leere Grab der deutliche Hinweis, dass Auferstehung nicht symbolisch, sondern leiblich-real zu verstehen ist. Mit der Auferstehung von Jesus hat der neue Abschnitt der Weltgeschichte begonnen. Der Abschnitt, in dem der Tod nicht mehr das letzte Wort hat. Der Abschnitt, in dem die absolute Herrschaft des Christus signalhaft offenbar geworden ist« (J. Blunck).
Die Botschaft von der Auferstehung des Sohnes Gottes wirkt zunächst großes Entsetzen (Mark. 16, 5. 6. 8). Sie übersteigt wirklich alles menschliche Verstehen und Begreifen, auch das der Glaubenden, die Jesus über alles lieben. Dabei sagt der Bote nichts anderes, als was der irdische Jesus mehrfach betont hatte. (Vgl. Mark. 8, 31b; 9, 31b; 10, 34b; 14, 28.) Da haben wir auch unsere Erfahrungen: Wir haben Gottes Wort, lesen es, haben Einblick in die biblische Heilsgeschichte, wir kennen Gottes Gebote und zahlreiche Verheißungen, wissen auch um Stärkung unseres Glaubens, und doch ist da eine Wand wie aus Seidenpapier zwischen dem Wort Gottes und unserer Verfassung. Bemerkenswert ist, dass der Engelbote nicht sagt: »Ihr müsst noch viel mehr beten, euch noch genauer als bisher an Gottes Wort halten. Ihr müsst euch halt durchglauben.« Nein. Gott weiß, dass der Türöffner zu unserem Herzen nicht das Gesetz, sondern seine unverbrüchliche Treue und Gnade ist. Darum sagt der Engel: »Fürchtet euch nicht!« Darum gibt er den aufgescheuchten Seelen eine Nachhilfestunde über die Treue Gottes: Ihr sucht Jesus den Nazarener den Gekreuzigten. Ihr steht im richtigen Grab. Aber was hilft euch ein toter Jesus? Er ist nicht mehr im Grab. Er hat die Verwesung nicht gesehen. Denn Gott hat ihn aus den Toten auferweckt, ganz so, wie es der Herr euch eingeprägt hat. Er ist nicht tot, er lebt. Zum Zuspruch »Fürchtet euch nicht« und zur Vertiefung der Herrenworte tritt nun der Anspruch, der Auftrag Gottes (V. 7). Selbst wenn wir geschockt und zitternd davonlaufen wie jene Jüngerinnen, sollen wir wissen: Jesus läuft nicht weg. Er geht euch voran. Ihr werdet ihn noch sehen. »Ihr sollt nicht . . . in Hast entfliehen; denn der Herr wird vor euch herziehen« (Jes. 52, 12; vgl. Micha 2, 13).
Dicht gedrängt fasst Markus 16,9-20 die Erscheinungen des Auferstandenen, die Aussendung der Jünger und die Himmelfahrt des Herrn zusammen. Nach seiner Auferstehung begegnete Jesus · Maria Magdalena (genauer: Maria aus Magdala). Sie erfuhr eine zweifache Befreiung. Befreit aus dem Bannkreis satanischer Mächte, stellte sie ihre Gaben und Kräfte gemeinsam mit anderen Frauen dem Reich Gottes zur Verfügung. (Siehe Luk. 8, 1-3.) Befreit von Entsetzen und Erschütterung, bezeugte sie die Auferstehung des Herrn im Kreis der trauernden Jünger (Mark. 16,1.8.10; Joh. 20,18). · zwei Jüngern auf dem Weg nach Emmaus. Der Evangelist Lukas berichtet ausführlich darüber, wie geduldig und ernstlich der »fremde Wanderer« ihnen die Augen öffnete für die Erlösung, wie Gott sie geplant und durch den Messias verwirklicht hat (Luk. 24, 13ff). · den elf Aposteln. Sie hatte Jesus erwählt, Grundstock seiner Gemeinde zu sein. (Lies Mark. 3, 14. 15; Matth. 16, 16-18; Joh. 20, 19-23.) Wie es schien, hatten sie ihre Verantwortung an den Nagel gehängt. Angst, Skepsis und Zweifel bekamen Raum in ihren Herzen wie nie zuvor. Ihr Unglaube überlebte das Zeugnis der Frauen (Luk. 24, 9-11) und das der beiden Männer und anfänglich auch die Erscheinung des Herrn selbst (Matth. 28, 16. 17; Luk. 24, 37; Joh.20,24.25). Jesus deckt den Unglauben der Jünger schonungslos auf: »Er schalt ihren Unglauben und ihre Herzenshärtigkeit.« Die Jünger lassen sich das sagen. In der persönlichen Begegnung mit dem Herrn wird ihr Glaube neu entfacht. Wie? Maria ruft er beim Namen, den Emmaus-Jüngern reicht er das Brot, die Zehn segnet er mit seinem Frieden, und Thomas darf seine Wundmale berühren. »Könnt ich's irgend besser haben als bei dir, der allezeit so viel tausend Gnadengaben für mich Armen hat bereit? Könnt ich je getroster werden als bei dir, Herr Jesus Christ, dem im Himmel und auf Erden alle Macht gegeben ist?« (Philipp Spitta)
Der auferstandene Herr beruft und ermächtigt seine Jünger zum weltweiten Verkündigungsdienst. Er vertraut sein Evangelium denen an, die ihn blamiert, verlassen und verleugnet haben. Dabei legt er den Akzent nicht auf rettende Werke, sondern auf den rettenden Glauben. Das haben die Apostel stets beherzigt: »Glaube an den Herrn Jesus Christus, und du wirst errettet werden« (Apg. 16, 31; vgl. Apg. 20, 20. 21; Joh. 3, 18. 36; 5, 24; Röm. 5, 1. 2). Wie aber steht es um »die Zeichen, die denen folgen werden, die glauben«? · Der Glaube an den Herrn Jesus Christus ist zu allen Zeiten von wunderbaren Zeichen begleitet worden. Wo aber Wunder in den Mittelpunkt der allgemeinen Bewunderung rücken, muss man sich fragen: Welche Rolle spielt der Herr eigentlich in unserem persönlichen und gemeinsamen Leben? · Zeichen sind nicht die Sache selbst. Ein Ehering z. B. ist ein Zeichen der Liebe und Treue, aber nicht die Liebe und Treue selbst. Und doch wird das Zeichen zur Farce, wenn die Liebe zerbricht. · Wunder-Zeichen an sich sind zweideutig. Denn auch Satan kann »Wunder« wirken. (Vgl. 2. Mose 7, 10-12a; Matth. 24, 24; 2. Thess. 2, 9; Offb. 13, 11-14.) Darum gilt: »Glaubt nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind! Denn viele falsche Propheten sind in die Welt hinausgegangen« (1. Joh. 4, 1; vgl. Matth. 7, 15; 24, 5. 11. 12). · Dort, wo der Herr Wunder wirkt, dürfen wir uns von Herzen freuen und IHN darüber anbeten. Wenn er uns aber wunderbare Zeichen vorenthält, entzieht er uns nicht seine Liebe. Was können wir aus Apostelgeschichte 12, 1. 2 im Vergleich zu 12,3-7 lernen? Beides gehört zum Lauf des Evangeliums. Beides zielt auf Kapitel 12, 24: »Das Wort Gottes aber wuchs und mehrte sich.« Bedenken wir dazu noch Johannes 21,18.19; Apostelgeschichte 3,12.19; 4,1-4. AUS DER ENGE IN DIE WEITE PSALM 3 UND 4
In Psalm 3 und 4 gewinnen wir einen kleinen Einblick in eine besondere Bedrängnis in Davids Leben. Beide Psalmen lassen sich in jene Zeit datieren, in der David als König restlos »am Ende« war. Er befand sich in akuter Lebensgefahr auf der Flucht vor seinem Sohn Absalom. Doch mitten in der harten Bedrohung wusste er sich in Gottes Gegenwart geborgen und konnte in tiefem Frieden sagen: »Ich liege und schlafe und erwache; denn der Herr hält mich« (Ps. 3, 6). Den 4. Psalm schrieb David am Ende des Tages, an dem ihm seine Feinde deutlich machten, dass ihn nichts Gutes erwarten würde. Doch David blieb in den spannenden und gefährlichen Situationen im Gespräch mit seinem Gott. Der Psalm beginnt mit der nachdrücklichen Bitte an Gott: »Erhöre mich, antworte mir, wenn ich rufe.« Der Gebets-Schluss bezeugt: Gott hat erhört. Er ist kein stummer Gott: sondern ein Gott, der antwortet. David erlebt die Zuwendung Gottes als tiefe Geborgenheit. Er wusste sich bei Gott beheimatet und geborgen. »Du allein, Herr, hilfst mir, dass ich sicher wohne« (Ps.4,9; lies Ps.17,5-9; 32,7; 91,9.10; 121,2-4). David hielt daran fest: Wenn Gott sich mir zuwendet mit seinem Wohlgefallen, brauchen mich die verächtlichen und verletzenden Worte der bösen Zungen nicht zu bekümmern. Wenn das Licht seines Angesichts über mir leuchtet, brauchen mich die Lügen der Kläger nicht durcheinanderzubringen. Wenn Gottes Segen auf mir ruht, können auch die Vielen, die Gott spöttelnd hinterfragen (4, 7), mein Vertrauen auf den Herrn nicht erschüttern. Mitten in der Anfechtung erfährt David durchs Gebet innere Freude (4, 8) und tiefen Frieden (4, 9a). So kann man unbekümmert seinen Weg gehen. (Lies Ps. 37, 39. 40; 54, 1-9; 71, 1-5. 20. 21.)
»Wenn ich rufe, antworte mir, Gott meiner Gerechtigkeit!« David wendet sich in der Bedrängnis zuerst an Gott, nicht an Menschen und bleibt mit seinen Gedanken an der notvollen Situation nicht hängen. David macht sich bewusst: Gott allein hat die Macht einzugreifen. Er verfügt über Mittel und Wege, schwierige Situationen zu ändern, Lösungen zu schenken, Menschenherzen nach seinem Willen zu lenken. Wie immer Gott wirkt, er macht keinen Fehler. Er handelt richtig. David nennt den Herrn »Gott meiner Gerechtigkeit«. Die Gerechtigkeit Gottes im Alten Testament bezieht sich durchgängig auf den Bund Gottes mit Israel. Darum kann man geradezu von der Gemeinschafts-Treue Gottes sprechen. Er hält seinen Bund, komme, was wolle. Das ist Gerechtigkeit Gottes. Zu dieser Gemeinschafts-Treue Gottes bekennt sich David in seinem Gebet: Herr, wenn du Israel die Treue hältst, dann auch mir persönlich. »Gott meiner Gerechtigkeit« darum: »Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir! Habe keine Angst, denn ich bin dein Gott! Ich stärke dich, ja, ich helfe dir, ja, ich halte dich mit der Rechten meiner Gerechtigkeit« (Jes. 41, 10). Es lohnt sich, auf diesem Hintergrund Jesaja 41, 8-14 zu lesen und Jesaja 51, 4. 5 zu beachten. Dort rücken schon die Völker ins Blickfeld, die Gott auch in seine Gerechtigkeit einbeziehen will. Darum sandte er seinen Sohn Jesus Christus. In Christus offenbart Gott für Juden und Heiden seine Gerechtigkeit als Gnaden- Geschenk. Am Kreuz hat Jesus einen Tausch vorgenommen. Er nahm mein Unrecht auf seine Schultern und schenkte mir Gottes Gerechtigkeit. Wenn ich dieses Geschenk annehme, sieht Gott mich als gerechtfertigt an. Jetzt bin ich vor Gott richtig, und er hat sich verpflichtet, mir die Treue zu halten. Die Gemeinschafts-Treue Gottes ist zutiefst an Jesus gebunden. (Dazu 1. Kor. 1, 9; Röm. 1, 17; 2. Kor. 5, 21; Gal. 2, 16.)
»In der Bedrängnis hast du mir Raum gemacht« (Elberfelder Übersetzung). Mitten in der Bedrängnis gibt es einen Ort der Geborgenheit, den Gott uns bereitet. Wenn wir sein Wort lesen, betreten wir diesen weiten Raum. Dabei erfahren wir, dass wir das Kraftfeld des Wortes Gottes nie so verlassen, wie wir es betreten haben. Sein Wort hat verändernde, befreiende und Mut machende Kraft. In der Luther-Übersetzung heißt es in Psalm 4, 2b: »Du tröstest mich in Angst.« Andere schreiben: »Du zeigtest mir den rettenden Ausweg«, oder »Du hast mich aus bedrängter Lage befreit.« Wir sehen, Gott bringt zur Ruhe, er tröstet, »wie eine (gute) Mutter tröstet«, er lässt uns nicht zappeln, sondern er führt uns, auch wenn wir es nicht spüren. Gott ist in Aktion für seine bedrängten Leute. Das bezeugte auch David. Er wusste sich ganz auf Gott geworfen, auf seine Hilfe angewiesen und erlebte oft, dass der Herr ihm im heißesten Gedränge weiten Raum verschaffte. (Vgl. 1.Sam.23,14-28.) »Darum ruft er jetzt wieder, dass Gott eingreifen möchte. Wenn Gott nicht an ihm und für ihn handelt, ist er verloren. Gott selbst muss ihn aus der Klemme herausführen wie damals Israel, als es vor sich das Schilfmeer sah und hinter ihnen die Streitwagen der Ägypter herannahten. Allein kommt er nicht heraus« (B. Peters). Wo aber Gott eingreift, gibt es einen Ausweg: »Den Elenden wird der Herr in seinem Elend erretten und den Armen das Ohr öffnen in der Trübsal. Und auch dich lockt er aus dem Rachen der Angst in einen weiten Raum, in dem keine Bedrängnis ist, und an deinem Tisch, voll von allem Guten, wirst du Ruhe haben« (Hiob 36, 15. 16; lies 1. Chron. 4, 10; 5, 18-20; 1. Sam. 7, 7-13).
David stellt seinen Gegnern die Frage: »Ihr Herren, wie lange soll meine Ehre geschändet werden?« Wie lange? Dem, der in der Krise steckt und Not leidet, kann solch eine angefochtene Zeit unendlich lang werden. Aber Gott macht die Termine, dass er zum richtigen Zeitpunkt eingreift. David setzt sich mit Menschen seiner Umgebung auseinander. Es sind angesehene und einflussreiche Männer, die seine äußere Stellung und seine innere Haltung nicht respektieren. Dementsprechend halten sie ihre harsche Kritik nicht zurück und bedenken auch nicht, dass David als Staatsmann und Familienvater große Lasten zu tragen hat. David aber wendet sich von seinen Kritikern nicht ab. Er ist nicht einfach fertig mit ihnen. Dazu gehört, dass er ihnen wahrhaftig begegnet (Ps. 4, 3b) und ihren Blick auf Gott lenkt: »Erkennt doch, dass der Herr seine Heiligen wunderbar führt. Der Herr hört, wenn ich rufe.« Bemerkenswert ist, dass David sich nicht selbst verteidigt, sondern den bezeugt, der ihm Halt und Mut gibt und bei ihm in der Not ist. (Vgl. Ps. 91, 15; Jes. 43, 2.) Er macht diesen Herren deutlich, dass Gott der »Herr der Herren« ist (5.Mose 10,17; Ps.136,3), der die Gottesfürchtigen für sich ausgesondert hat, und seine Heiligen führt. So kann David denen, die geringschätzig auf ihn und seine Frömmigkeit herabsehen, sagen: »Der Herr hört mich, wenn ich rufe.« David weiß, dass Gott ihn noch nie im Stich gelassen hat und dass der Herr sich auch jetzt zu ihm stellt. Gott will jedem, der unter Druck steht, weil er an Jesus glaubt, seinen Frieden schenken, der größer ist, als unser menschlicher Verstand es begreifen kann (Phil. 4, 7). »Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zum Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben« (Hebr. 4, 16; lies 1. Petr. 3, 13-17).
»Erkennet doch, dass der Herr einen Frommen für sich ausgesondert hat« (Elberfelder Übersetzung). Es ist ungeheuerlich, dass David, der von Gott Erwählte, vor seinem Sohn Absalom aus der königlichen Residenz in die Wüste fliehen musste. Gottes Wege können rätselhaft und schwer für uns sein. Hüten wir uns, einem anderen »erklären« zu wollen, welche Bedeutung seine Not für ihn hat. In der Regel täuschen wir uns und vertiefen den Schmerz des Not-Leidenden. Gott hat mit jedem seine eigene Geschichte. Manchmal schenkt Gott uns möglicherweise erst Jahre später Einblick in die Bedeutung der Not für uns persönlich. (Vgl. Hiob 42,1-6.) Manchmal bekommen wir keine Erklärung, und immer wieder schieben sich dunkle Wolken vor unser Gemüt. Dann lenke deinen Blick auf den Mann am Kreuz. Er sagt dir: Deine Not ist meine Not, dein Leiden mein Leiden. Ich verstehe dich. Gib mir deine Last und vertraue mir. Auch David vertraute sich immer neu seinem Gott an. Er blieb mit Gott im Gespräch und lernte es, auch die unfassbaren Fügungen anzunehmen: Der Herr ist und bleibt mein Hirte. Er bringt mein aufgewühltes Herz zur Ruhe und gibt mir neue Kraft. Er führt mich richtig. Dafür verbürgt er sich mit seinem Namen. Bei ihm bin ich herzlich willkommen. Er sorgt für mich. »Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich« (Ps. 23; dazu Ps. 46, 3; 68, 20; 143, 6-11; 1. Kor. 10, 13). »Wie liegt auf unserm Pfade oft schweres Hindernis; doch leitet deine Gnade uns sicher und gewiss. Sie lässt dein Heil uns finden durch Kampf mit Angst und Graun. Wir könnens nicht ergründen, wir können nur vertraun« (Verf. unbek.).
Zweimal wendet David sich mit der Bitte an Gott, sein Gebet zu erhören, bevor er seinen Gegnern erklärt: »Der Herr hört, wenn ich rufe.« David spricht diese Worte mit einer tiefen Gewissheit aus, auch wenn er nicht weiß, ob Gott nach dem Hören die Erhörung schenkt. Unbeirrt hält der Beter im Glauben daran fest, dass Gott wie auch immer auf sein Rufen antwortet. Das kann David denen bezeugen, die seine Ehre in den Schmutz ziehen, die Lügen verbreiten und noch Freude daran haben, ihn zu verleumden. »Denn er deckt mich in seiner Hütte zur bösen Zeit, ER birgt mich im Schutz seines Zeltes und erhöht mich auf einen Felsen« (Ps. 27, 5). Gott stellt sich auf die Seite derer, die sich zu ihm bekennen und ihr Vertrauen auf ihn setzen. Sie sollen erfahren, dass »Gott weit mehr tun kann, als wir bitten oder verstehen« (Eph. 3, 20). »Über die Maßen mehr vermag Gott zu geben. Das heißt, er überschreitet damit die weiteste Grenze dessen, was wir uns erbitten und erdenken können. Es ist mehr, als wir uns in unseren kühnsten Träumen vorstellen können. Die Kraft Gottes kennt keine Grenzen, wenn wir beten! Wer betet, empfängt Kraft! Gebet bewegt den Arm Gottes, und Gott kann die Welt bewegen« (A. Gould). (Lies Ps. 54, 6; 116, 1-7; 28, 7; 40, 18.) Aus dem Gespräch mit Jesus werden wir immer entlastet und gestärkt hervorgehen und ausgerüstet sein für die unterschiedlichen Situationen des Tages. Dort liegt die Kraftquelle für ein gesegnetes und erfülltes Leben mitten im Trubel unserer Tage, in Anfechtung, Leid und Schmerz. David und andere Psalmbeter haben diese Erfahrung wiederholt gemacht: Psalm 17, 1-9. 15; 38, 16; 118, 5. 6.
Nach seinem Kurz-Gebet in Psalm 4, 2 wendet David sich an zwei Personen- Gruppen. Er spricht zuerst die Selbstsicheren an (V. 3-6), die meinen, Gott nicht wirklich nötig zu haben und dem Erwählten Gottes ihren Spott und ihre Verachtung zeigen. Diese »Herren« scheinen zur vornehmen Führungsschicht des Volkes zu gehören. David fordert sie mit einer Frage heraus, die ins Schwarze trifft: Wie lange soll meine Ehre verunglimpft werden? David reagiert hier nicht gekränkt oder beleidigt, sondern stellt diese Herren mit seiner Frage vor das Angesicht Gottes. Der HERR hat David erwählt und als König eingesetzt, der aus eigener Erfahrung weiß, dass der Gesalbte Gottes nicht angetastet werden darf. (Vgl. 1. Sam. 24, 1-8.) David spricht allerdings nicht von handfesten Mordplänen seiner Gegner, aber von ihrer spitzen Zunge, dieser mörderischen Schusswaffe (Jer. 9, 7), die in Windeseile die Ehre und Würde des Menschen tötet. (Vgl. Spr. 13, 3; 16, 27; Matth. 5, 22; Jak. 3, 5. 6.) Wenn Gott sich zu sündigen Menschen bekennt, indem er ihnen vergibt, sie erwählt und krönt, indem er seine Heiligen wunderbar führt, dann müsst ihr doch nicht vor Neid und Zorn erbeben. Aber wenn der Zorn euch doch überkommt, dann sündigt dabei nicht. Denkt darüber in der Stille nach und fangt ganz praktisch an, Gott zu dienen mit rechten, dem Willen Gottes entsprechenden Opfern. Und setzt eure Hoffnung und euer Vertrauen ganz und gar auf den Herrn! »Übrigens, Brüder, alles, was wahr, alles, was ehrbar, alles, was gerecht, alles, was rein, alles, was liebenswert, alles, was wohllautend ist, wenn es irgendeine Tugend und wenn es irgendein Lob gibt, das erwägt!« (Phil. 4, 8; lies Eph. 4, 26; 5, 18-20; Kol. 3, 16)
Bei der zweiten Personen-Gruppe, die David anspricht, geht es um die Verzagten, die durch mancherlei Enttäuschungen müde geworden sind. Sie klagen: »Wer tut uns noch Gutes?« Im Unterschied zu den Kritikern wenden sie sich bittend an Gott: »Herr, lass leuchten über uns das Licht deines Antlitzes!« Bemerkenswert ist, dass sie Gott bei seinem Wort fassen: 4. Mose 6, 25. Das ist ein guter Weg: Gottes Wort ins mutlose, traurige Herz einzulassen, den Blick, über die Not hinwegschauend, zu Gott zu erheben und ihn anzuschauen. So werden die Verzagten erleben, was David aus persönlicher Erfahrung bestätigt: »DU hast mir das Herz mit Freude erfüllt; das ist ein besserer Schatz als viel Korn und Wein« (H. Bruns). (Lies Neh. 8, 10; Est. 8, 16; Ps.16, 11; 21,7; 30,12; Jes. 61,3; Joh. 16,22.) Ist uns aufgefallen, dass David seinen Gott gewissermaßen mit einem Dreiklang im Herzen lobt? Freude Frieden Sicherheit. Mag sein, dass wir unruhige Nächte haben, so dürfen wir dennoch in Jesus, unserem Friedensfürsten, zur Ruhe kommen, ausruhen und uns bei ihm bergen. Dazu ein humorvoller wie hilfreicher Tipp: Ein altes Ehepaar war zu Bett gegangen. Nach kurzem Schlaf lagen die beiden wach. Dann sangen sie gemeinsam ein Glaubens-Lied, das sie auswendig gelernt hatten. Mit einem Mal sagte der Ehemann: »Und bei der letzten Strophe wollen wir aufstehen.« Die waagrechte Lage hatte er ganz vergessen, nicht aber die anbetende Herzenshaltung vor dem Herrn. Auch in schlaflosen, vielleicht mit Schmerzen behafteten Nächten, sogar in Bewusstlosigkeit oder auf dem Sterbebett, ist Jesus da. In seinen Armen dürfen wir zur Ruhe kommen. Der Herr hat versprochen: »Es soll meine Freude sein, ihnen Gutes zu tun, und ich will sie in diesem Land einpflanzen, ganz gewiss, von ganzem Herzen und von ganzer Seele« (Jer.32, 41; vgl. Ps. 34, 5-10. 19. 23).
Bedenken wir noch einmal, in welch furchterregender Situation David sich befand! Waren es Selbstgefälligkeit (2.Sam.14,25), Neid und Machtgier Absaloms, die ihn zum Intriganten werden ließen oder die unbereinigte Vergangenheit nach der Vergewaltigung seiner Schwester Tamar durch den Bruder Amnon (2. Sam. 13 und 14)? Mit wie viel Schein-Heiligkeit dem Vater und Augendienerei dem Volk gegenüber »stahl Absalom das Herz der Männer Israels«! Schutzlos, entehrt, niedergeschlagen, betet David: »Du aber, Herr, bist ein Schild um mich her, meine Ehre, und der mein Haupt emporhebt.« Zu dieser Zeit hat David keinen Jonatan mehr, der ihm zur Seite stand und »seine Hand in Gott stärkte« (1. Sam. 23, 16. 17). Der Herr aber sorgt auch jetzt für seinen Erwählten: Mit einem bewegenden Treueschwur hält sich Ittai, der Gatiter, mit 600 Landsleuten zu David (2. Sam. 15, 18. 21). So trostreich und ermutigend gute Freunde sind, so ist doch ihre Freundschaft nur ein winziges Abbild von DEM, der die Liebe und Treue in Person ist. Der eigentliche Schutz geht von Gott aus. Darum betet David zuversichtlich: »...der Herr stützt mich. Ich fürchte nicht Zehntausende Kriegsvolks, die ringsum mich belagern.... Bei dem Herrn ist Rettung« (Ps. 3, 6b. 7. 9a). Der Herr führt David aus der Enge in die Weite, aus der Bedrängnis in die Freude, aus der Unruhe in den Frieden, aus der Bestürzung in Sicherheit und Geborgenheit. (Lies Ps. 31, 8. 9. 15-17. 20-25.) »Wenn der Boden unter meinen Füßen schwankt, reichst du mir deine Hand und hältst mich fest. Wenn ich keinen Boden mehr unter den Füßen habe, stellst du mich auf festen Grund. Wenn die Erde sich auftut, um mich zu verschlingen, umgibst du mich mit deiner Liebe, denn dein Reich ist nicht zu zerstören« (U. Seidel).
Wir leben in einer Zeit, die schnelle und ereignisnahe Informationen möglich macht per E-Mail, SMS, Handy usw. Trotzdem freuen wir uns noch immer über einen persönlichen Brief in unserem Briefkasten. Wie viel mehr Bedeutung jedoch kam im Altertum bei fehlender Technik und gefährlichen Verkehrswegen einem Brief zu. Bedenken wir außerdem die schwierige Situation vieler fern von Jerusalem lebender Christen, dann ahnen wir den hohen Stellenwert eines ersten Petrusbriefes. Wir haben heute dieses Schreiben als Teil der großen Sammlung jener Schriften vor uns liegen, die wir als Gottes Wort überliefert bekamen. Obgleich wir also Buchlektüre betreiben, wollen wir den Briefcharakter dieses Schriftstückes im Blick behalten. Der Verfasser ist Petrus, ein Jesus-Jünger und damit ein Augenzeuge von Leben, Sterben und Auferstehen seines Herrn (Mark.1,16-18; Luk.24,36-49). Er stellt sich in der Einleitung ausdrücklich als Apostel vor. Seine Absicht ist nicht, einen privaten Erzähl- oder Gebetsbrief zu schreiben. Post von Petrus bedeutet Nachricht von Jesus Christus durch seinen bevollmächtigten Gesandten (Joh. 21, 17). Zeit und Ort der Niederschrift lassen sich nicht eindeutig bestimmen. Vermutlich befindet sich Petrus in der Stadt Rom, die er mit dem Decknamen »Babylon« umschreibt. (Lies 1. Petr. 5, 13; vgl. Offb. 17, 5; 18, 10.) Die Christenverfolgung durch den römischen Kaiser Nero im Jahr 64 n. Chr. scheint sich durch eine zunehmend feindliche Haltung den Christen gegenüber anzubahnen (1. Petr. 4, 12-14). Damit befinden wir uns in den Anfängen des sechsten Jahrzehnts. »Der Brief liest sich wie ein Handbuch für Botschafter in einem fremden, feindlichen Land. In der Erwartung unmittelbar bevorstehender Verfolgungen versieht der Verfasser seine Boten mit genauen Verhaltensmaßregeln, damit sie für den, den sie vertreten, Ehre einlegen können« (R. M. Raymer). Gleichzeitig will er die Gläubigen für ihren Alltag stärken und ermutigen. (Lies Hebr. 12, 3.)
Als Empfänger wird keine Einzelperson oder Gemeinde genannt, sondern ein Kreis von Christen, der sich auf ein großes Gebiet verteilt. Die genannten Landschaften und römischen Provinzen umfassen mit Ausnahme der südlichen Region fast alle Gemeinden in Kleinasien. Viele entstanden durch den Missionsdienst des Paulus. Bei anderen bleibt offen, ob sie durch Zeugen des Pfingstgeschehens mit dem Evangelium in Berührung kamen oder auf noch ganz andere Weise. Nach 1. Petrus 2, 10 und 4, 3 sind es vorwiegend Heidenchristen, die durch dieses Rundschreiben angesprochen werden. Ungewöhnlich ist zunächst die Anrede, die Petrus den Empfängern gegenüber verwendet. Von verstreut wohnenden »Fremdlingen« ist die Rede. Er spricht sie hiermit auf ihre Beziehung zur Umwelt an. Jesus hatte seine Jünger darauf vorbereitet, mitten in der Welt zu leben, aber nicht in der Welt verwurzelt zu sein (Joh. 14, 19; 17, 14-16). Dies lediglich als Information zur Kenntnis zu nehmen oder täglich unter Fernstehenden als einzelner Christ einsam andere Werte zu vertreten, ist allerdings zweierlei. Mit wenigen Worten macht Petrus deutlich, dass er um die Last und die Chance dieser Herausforderung weiß. Als Jesus-Nachfolger fremd und verstreut zu sein, bringt wohl Erfahrungen an Verlust und Kämpfen mit sich. Aber verstreut sein bedeutet auch ausgestreut sein. Mit den Gläubigen in der Diaspora geschieht Aussaat des Evangeliums. (Vgl. Matth. 5, 13-16.) Das weiß Petrus aus eigener Anschauung. Schon bald begann für die ersten Christen der Gegenwind und damit Verfolgung und Vertreibung bis nach Antiochien. Ihr Leid war der Anfang neuen geistlichen Lebens an vielen neuen Orten (Apg. 8, 4; 11, 19-21). Was für Menschenaugen aussieht wie ein großer Verlust, das verwandelt der lebendige Herr in Segen und Rettung für viele. So sind auch unverständliche Wegführungen unseres kleinen Lebens eingebettet in seinen groß angelegten Plan.
Obgleich zum Teil auf einsamem Posten sind die Adressaten nicht »benachteiligte Gläubige«, sondern »auserwählte Fremdlinge«. Hinter allem stehen die guten Gedanken eines sorgenden Vaters, der in dieser Welt an seinen Kindern und durch seine Kinder handelt. Mit Vers zwei wechselt Petrus die Perspektive von der Umgebung der Gläubigen hin zu ihrer Stellung vor Gott. In den folgenden Versen wird sich mehr und mehr erschließen, welch umfassende Bedeutung sich hinter diesen knappen Formulierungen verbirgt. Gleich zu Beginn stellt er ihnen geistliche Tatsachen vor Augen, die mitten in der Fremde für sie trostvolle Realität sein dürfen. Was aber meint Petrus mit dem Hinweis, dass Gott, der Vater, sie als Fremdlinge »ausersehen« hat? Der verwendete Begriff kann sowohl Vorkenntnis als auch Vorsehung bedeuten. Wir berühren damit jenes Geheimnis, dass Gott seine Absicht, mit dem Menschen Gemeinschaft zu haben, schon vor der Zeit zielstrebig verfolgt hat, auch im Vorherwissen von Abfall und Sünde. In seiner Liebe, Weisheit und Macht schuf und schenkt er alle nötigen Voraussetzungen. · Er gibt seinen Geist. Die Gläubigen gehören ganz und gar Gott, der sie durch seinen Heiligen Geist für sich beschlagnahmt hat. (Vgl. Röm. 8, 14-16; Eph. 1, 13. 14.) · Er heiligt sie zum Gehorsam. Sein Geist wirkt an ihnen und befähigt sie, ein neues Leben zu leben, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen (Apg. 5, 29-32; Eph. 2, 10). · Er heiligt sie zur »Besprengung mit dem Blut«. Sie dürfen Tag um Tag vom Geschenk der Vergebung leben, weil Jesus für sie sein Leben und Blut gegeben hat. (Vgl. 2. Mose 24, 7. 8; 1. Joh. 1, 7.) Dazu wünscht ihnen Petrus zunehmend Gnade und Frieden. Gott kann und will mehr geben, als wir bitten und verstehen (Eph.3,20.21), damit das Leben mit ihm im Alltag Gestalt gewinnt.
Wer den Seitenwechsel von einem selbstbestimmten Leben hin zu einem Leben unter Gottes Herrschaft vollzogen hat, der ist neugeboren, oder wie unser Text sagt »wiedergeboren«. So wichtig erscheint Petrus dieser geistliche Tatbestand, dass er auch in Vers 23 darauf Bezug nimmt. Worin unterscheidet sich der Begriff »Wiedergeburt« im Blick auf jenes Geschehen, das wir an anderer Stelle eine »Entscheidung für Jesus« oder auch »Bekehrung« nennen? Während Bekehrung davon spricht, dass ein Mensch seinen falschen Weg erkennt und bewusst umkehrt, um sich an Jesus zu halten, beschreibt Wiedergeburt das Geschehen aus göttlicher Sicht. Gott handelt an dem Menschen, der Buße tut und schenkt ihm neues, göttliches Leben. Jesus nennt die Wiedergeburt im Gespräch mit Nikodemus eine grundlegende Notwendigkeit für ein Leben mit Gott. »Es sei denn, dass jemand von Neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen« (Joh.3,3). Paulus redet staunend von der Neuschöpfung, die durch den Glauben an Christus völlig neue Lebensbedingungen schafft. »Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden« (2. Kor. 5, 17). Der Mensch empfängt dieses gewaltige Geschenk aus Barmherzigkeit (Tit. 3, 5). Eine Konsequenz dieses neuen Lebens ist für Petrus die lebendige Hoffnung der Christen. Wir können auch übersetzen, dass Christen neugeboren sind »zu einer Hoffnung, die durch die Auferstehung des Herrn Jesus Christus aus den Toten eine lebendige ist«. Allein durch die Auferstehung können wir wissen, dass Gott das Opfer am Kreuz zur Bezahlung unserer Schuld angenommen hat (1. Kor. 15, 17-22; Röm. 8, 33. 34). Nur der Sieger über Sünde und Tod garantiert eine Hoffnung, die über diese Zeit hinausreicht (Kol.3,1-4; Röm.6, 4. 5). Wir haben mit Petrus allen Grund, dafür unserem Herrn heute zu danken.
Die von Petrus bezeugte lebendige Hoffnung reicht bis in Regelungen des Erbrechts hinein. Wer an Jesus glaubt, ist Kind des Vaters und darf verlässlich mit seinem Anteil in der himmlischen Welt rechnen. Paulus schreibt: »So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott« (Gal. 4, 7; vgl. Kol. 3, 24; Dan. 12, 13). In der Begrenztheit unseres irdischen Denkvermögens ist das kaum vorstellbar. Wir kennen aus unserem Erfahrungshorizont nur die Vergänglichkeit aller Besitztümer. An einer Hauswand in Süddeutschland ist zu lesen: »Dies Haus ist mein und doch nicht mein. Nach mir zieht ein anderer ein. Den Nächsten trägt man auch hinaus. Nun sag mir, wem gehört das Haus?« Ganz anders verhält es sich mit unserem einzigartigen Erbe. Petrus beschreibt es als · unvergänglich Es hat kein Verfallsdatum und ist nicht vom Konkurs bedroht. Es ist unzerstörbar. (Lies Tit. 3, 7; Hebr. 9, 15.) · unbefleckt Auf dieses Erbe fällt kein Schatten durch Korruption, Betrug, Neid oder Streit. Gott selbst hat durch seinen Sohn für klare Rechtsverhältnisse gesorgt. (Siehe Kol. 1, 12-14.) · unverwelklich Es verkümmert nicht über die Länge der Zeit und ist auch nicht dem schädigenden Zugriff wechselnder Mächte ausgeliefert. Gott behütet, hegt und pflegt es für uns, wie es das Wort »aufbewahrt« umfasst. Auch die himmlische Wohnung ist jederzeit beziehbar (Joh. 14, 2. 3). Alles ist vorbereitet, und wir sind erwartet. »Diese feierliche Erklärung, dass unser Erbe für uns im Himmel aufbewahrt ist, erhöht noch seinen unendlichen Wert; sie sichert unseren Besitz. Wie kostbar muss ein Gut sein, welches im Himmel aufbewahrt wird, wo es nicht verderben, wo nicht Unreines eindringen kann! In unseren Händen würde dieses Erbe nicht gesichert sein, aber im Himmel ist es sicher« (Bischof Leighton).
Unser Erbe befindet sich in guten Händen. Das ist ein großer Trost. Aber sind damit wirklich alle Gefahren ausgeschaltet, dieses Erbe nicht mehr zu verlieren? Sind wir selber nicht selbst der größte Unsicherheitsfaktor? Wir können eben keine Garantie übernehmen, dass wir uns dieser Zukunft würdig erweisen und geradlinig das Ziel unseres Lebens ansteuern. Vielmehr treffen wir bei uns auf erschreckende Abgründe, gefährliche Versuchlichkeit und tägliches Versagen. Petrus tritt diesen Befürchtungen entgegen und sagt uns: Nicht nur das Erbe, auch die Erben werden bewahrt! 1. Aus Gottes Macht Diese Bewahrung kann sich auf Gefährdungen unseres ganz persönlichen Glaubenslebens beziehen (Luk. 22, 32; 2. Thess. 3, 3) und hat zugleich die großen Bedrohungen und Gerichte der Endzeit im Blick (Luk.21,12-19.25-28; Röm. 5, 9). Interessanterweise stammt der Begriff »Bewahrung« aus der Militärsprache. Er beschreibt die sichere Verwahrung bei der Belagerung einer Festung oder einer Stadt durch eine Garnison. Gott selbst setzt seine Macht zu unserem Schutz ein. »Der Herr verlässt seine Heiligen nicht. Ewiglich werden sie bewahrt« (Ps. 37, 28; vgl. Ps. 31, 24. 25; 97, 10. 11; 145, 19. 20; Jud. 24). 2. Durch den Glauben Mancher empfindet diesen zweiten Aspekt als Entkräftung des ersten. Wenn die Bewahrung an meinen Glauben gekoppelt ist, hängt dann nicht doch letztlich alles an mir und meiner Treue? Aber der Hinweis auf unseren Glauben ist nicht gedacht, um uns auf uns selbst zurückzuwerfen. Es soll deutlich werden: Bewahrung wird niemandem aufgezwungen. In der Beziehung zu Gott wird jeder als Gegenüber ernst genommen. König David erkannte die Notwendigkeit, ausdrücklich um Bewahrung zu bitten (Ps. 16, 1). Wir können ähnlich beten und die Worte eines alten Spruches aufnehmen: »Dein will ich sein, dein ganz allein. Hand, die nicht lässt, halte mich fest.« (Lies Spr.18,10.)
Das Ziel der Bewahrung ist Seligkeit, das heißt Rettung in einem umfassenden Sinn. Wer an Jesus glaubt, ist bereits errettet. Er steht nicht mehr unter Todesstrafe und nicht mehr unter dem Fluch der Sünde. Er ist versetzt in das Reich des Sohnes. Gleichzeitig gilt ihm die Verheißung einer zukünftigen Errettung. Er wird errettet werden vor dem Zorn Gottes am Ende dieser Zeit (1. Thess. 1, 10) und von der Gebundenheit an diese vergängliche Welt (Röm.8,23.24). Der Glaubende lebt in der Spannung, einerseits zu »haben« und andererseits erst noch zu »empfangen«. Er erfährt schon jetzt Wirkungen und Gaben aus der Ewigkeit und kann doch noch nicht die ganze Fülle verwirklicht sehen. Das geschieht zur letzten Zeit, an dem von Gott bestimmten Zeitpunkt, wenn er seine Herrlichkeit offenbaren wird. Auf dem Weg bis zur Vollendung erwarten uns Anfechtungen. Ohne Umschweife spricht Petrus von diesen Glaubenserprobungen und weiß: · Sie gefallen uns ganz und gar nicht. Sie bewirken Trauer oder wörtlich »Zerbruch«. Aber nur das, was unser Leben mit Gott gefährdet, soll auf diesem schmerzlichen Weg zu Bruch gehen (Hebr. 12, 7). · Sie treffen uns nicht willkürlich. Mit der Formulierung »wenn es sein soll« klingt an, dass die Erprobungen unseres Glaubens nicht einfach über uns hereinbrechen. Der liebende Vater setzt Maß und Grenze. Wohl »muss der Gerechte viel leiden« (Ps. 34, 20; Apg. 14, 22), aber ebenso »muss ihm das Licht immer wieder aufgehen« (Ps. 97, 11; vgl. Röm. 8, 28). · Sie führen zur Freude. Petrus rechnet die Prüfungszeit allgemein als »kleine Zeit«, was sich sowohl auf die Größe der Not als auch auf die Länge der Belastung beziehen kann. Sie ist aber nur deshalb klein zu nennen, weil die nachfolgende Freude alles übertrifft. (Vgl. 2. Kor. 4, 17. 18.)
Große Belastungen drohen oft deshalb unsere Kraft und unseren Kampfwillen zu zersetzen, weil wir keinen Sinn darin sehen. »Was soll das alles? Es lohnt sich nicht!«, klagen wir. Die Folge ist Mutlosigkeit und Resignation. Petrus möchte durch einen Vergleich den tieferen Sinn der Nöte eines Christusnachfolgers noch deutlicher aufzeigen. Das Bild ist Schriftkennern vertraut. In Sprüche 17, 3 lesen wir: »Wie der Tiegel das Silber und der Ofen das Gold, so prüft der Herr die Herzen.« (Vgl. Mal. 3, 3.) Ob Petrus an seine eigene Feuerprobe des Glaubens denkt, in der ihm klar wurde, dass er aus eigener Kraft nicht treu sein kann (Mark. 14, 66-72)? Und was müsste nicht alles bei uns weggebrannt werden? »Unser Stolz, unsere Eigensucht, unsere Oberflächlichkeit, unsere Ehrsucht, unsere bösen Begierden, unser frommer Dünkel, unsere Wehleidigkeit und vieles andere noch. Gott hat wahrlich viel an uns zu tun« (H.Krimmer). So notwendig dieser Läuterungsprozess ist, er ist nicht das sinngebende Ziel an sich. Wenn Gold dem Schmelzpunkt von über tausend Grad Celsius ausgesetzt wurde und das reine Feingold entnommen werden kann, gewinnt es seine eigentliche Bedeutung, indem es seinen Besitzer schmückt oder kunstvoll verarbeitet viele Betrachter erfreut. Erprobter Glaube findet seine besondere Bedeutung darin, dass er dem Eigentümer unseres Lebens Lob, Preis und Ehre bringt. Es kommt etwas dabei heraus für Gott! Das entspricht der eigentlichen Bestimmung unseres Lebens. (Lies Eph. 1, 12. 14.) Dafür lohnen sich Einsatz und Schwierigkeiten. Wie »geläuterter« Glaube aussehen kann, zeigt das persönliche Beispiel von Petrus. Nicht Wagemut und Größe sind die besonderen Kennzeichen. »Hast du mich lieb?« ist die alles entscheidende Frage an Petrus, als der Auferstandene dem Versager begegnet. Diese Liebesbeziehung bleibt die geheime Kraftquelle unseres Lebens. (Lies Ps. 18, 2. 3; 1. Joh. 4, 16.)
Lieben und glauben ohne sichtbare Erweise seiner Macht und Gegenwart das fällt uns nicht einfach zu. Besonders wenn Gebete scheinbar nicht erhört werden, Hilfe ausbleibt und der Druck größer wird, wachsen Zweifel auf, die unser Vertrauen erschüttern. Hier helfen uns die Berichte von der Begegnung des Auferstandenen mit seinen Jüngern. Zu Thomas sagt Jesus: »Selig sind, die nicht sehen und doch glauben« (Joh. 20, 29). Und diese Aufforderung ist keine Zumutung, einfach ins Blaue zu glauben. »Jesus legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war« (Luk.24,25-27). »Blinder Glaube« darf von Verbindlichkeiten ausgehen, die es nirgendwo sonst auf dieser Welt gibt. »Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen« (Matth.24,35). Glaube nährt sich aus dem Wort und findet darin Halt in den Stürmen, die uns wankend machen. (Lies Ps. 33, 4; Matth. 4, 4; 11, 28; Joh. 14, 23; Röm. 10, 17.) So wachsen Liebe und Vertrauen zu dem Herrn, der sich durch sein Wort mit uns vertraut macht, obgleich unser Auge ihn nicht sehen kann. »Wir machen also eine merkwürdige Feststellung. Der Glaube ist nicht nur Antwort aufs Bibellesen er entspringt und gründet und entfaltet sich dort. Echter und tragfähiger Glaube entsteht dort, wo wir Gottes Wort bewegen, wo Gottes Wort uns bewegt« (H.-R.Bachmann). Dieser Glaube kann gar nicht enttäuscht werden. Er wird in Freude einmünden. Petrus gehen die Worte aus, diese Freude angemessen zu beschreiben. So übermäßig groß ist sie, dass sie jetzt schon in unser Leben hineinreicht, nicht nur als Vorfreude. Wir können uns weder zu früh noch zu viel freuen. Die Freude der Christen ist nicht von äußeren Umständen abhängig. Gottes Geist will auch uns mit dieser Freude beschenken. (Lies Apg. 13, 52; Röm. 14, 17; Gal. 5, 22.)
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