Im Hebräerbrief können wir Jesus anschauen. Der Brief zeigt uns Jesus auf dem Hintergrund des Alten Bundes. Das Wesen und Handeln von Jesus wird hier aus der Ewigkeitsperspektive Gottes gesehen. Das erste Wort unseres Kapitels »Darum« stellt die Verbindung zu Kapitel 2, 5-18 her. Nun wird die Konsequenz für unser praktisches Leben daraus gezogen. »Betrachtet Jesus, den Gesandten und Hohenpriester unseres Bekenntnisses.« Wir können auch übersetzen: »Sinnt ihm nach, achtet mit ganzer Seele auf ihn!« Wir werden an Hebräer 12,2 erinnert: »Lasst uns hinschauen auf Jesus.« Doch wie kann man jemanden anschauen, den man gar nicht sieht? Es ist ein »Betrachten mit den Augen des Herzens« (O.Michel). Indem wir uns innerlich ausrichten auf ihn, richten wir uns gleichzeitig an ihm aus. Es tut gut, wenn wir uns mit Jesus und seinem Wort beschäftigen. Statt uns darum zu drehen, was Menschen uns angetan haben, wollen wir lieber in Gedanken darum kreisen, was Jesus für uns getan hat, und ihm danken. So können wir heute in Verbindung mit ihm bleiben und lernen, seinen Willen zu tun. In 1.Petrus 1, 8 heißt es von Menschen, die Jesus nachfolgen, dass sie ihn nicht gesehen und doch lieb haben. Es handelt sich also nicht nur um eine religiöse Beziehung, sondern um eine Verbindung aus Liebe. Deshalb fragte Jesus seinen Jünger Petrus dreimal: »Hast du mich lieb?« Die Liebe zu Jesus kann durch keine vorbildlichen Leistungen und Verdienste ersetzt werden. Aus diesem Grund ließ der auferstandene Herr seiner Gemeinde in Ephesus sagen: »Ich habe gegen dich, dass du deine erste Liebe verlassen hast« (Offb. 2, 4). Um in der Kampfbahn des Glaubens zu bleiben und das Ziel zu erreichen, sollen wir wissen, wer unser Herr ist, und auf ihn schauen. Das stärkt uns, damit wir durchhalten können bis zum Ziel.
Hebräer 3, 1; 2, 10-12. 17. 18; Römer 8, 29. Es fällt auf, dass der Hebräerbrief gar nicht wie ein Brief beginnt. Doch hier finden wir nun eine erste persönliche und herzliche Anrede: »Ihr heiligen Brüder und Teilhaber einer himmlischen Berufung.« Die Jüngerinnen von Jesus sind übrigens in einer solchen Anrede im Neuen Testament immer eingeschlossen. Warum sind wir Brüder beziehungsweise Schwestern? Jesus hat uns durch sein Opfer dazu gemacht, sogar zu heiligen Brüdern und Schwestern, geheiligt durch die Hingabe seines Lebens für uns. Wir sind damit zuerst Brüder und Schwestern von Jesus. So wurde er der Erstgeborene unter vielen Brüdern. (Lies Mark.3,33-35; Joh.17,24.26; 20,17; Matth.25,40.) Das bedeutet für uns zunächst Beschämung. Müssen wir nicht wie Petrus bekennen: »Ich bin ein sündiger Mensch?« Ich bin nicht wert, dein Bruder, deine Schwester zu heißen und zu sein? Doch durch seinen Geist sind wir verbunden mit Jesus und unterendlos einander. »In Christus« gehören alle Nachfolgerinnen und Nachfolger von Jesus zusammen. Bei aller Verschiedenheit verbindet uns Entscheidendes, und zwar für Zeit und Ewigkeit. Für unseren Umgang miteinander stellt dies eine heilige Verpflichtung dar. Ihr zu entsprechen, fällt uns nicht in den Schoß, gerade auch da nicht, »wo wir die Unheiligkeiten der Glaubensgeschwister sehen müssen. Der in uns anfing das gute Werk, der hat es auch in ihnen angefangen, und viel Unheiliges ist noch an uns selbst. Wir wollen unsere Weggenossen anerkennen und lieb haben und einander auf dem Weg helfen, sind wir doch Teilhaber einer himmlischen Berufung, die dasselbe Leben in sich tragen, die alle durch einen Geist zu einem Leib getauft sind (1.Kor.12,13)« (B. Rohner). Diese Zusammengehörigkeit drückte sich damals und drückt sich auch in unseren Tagen in der Verantwortung füreinander aus bis in die materiellen Nöte hinein (Apg. 4, 32. 34. 35; 20, 35; 1.Kor. 16, 1-3; Gal. 6, 2. 10).
Ungewöhnlich ist, dass Jesus hier Apostel, das heißt übersetzt »Gesandter«, genannt wird. Unsere Rettung begann damit, dass der Vater seinen Sohn zu uns Menschen gesandt hat. Er verließ seine himmlische Heimat um unsertwillen. »Ihr kennt ja die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, dass er, obwohl er reich war, um euretwillen arm wurde, damit ihr durch seine Armut reich würdet« (2. Kor. 8, 9). So ist Jesus als der Sohn Gottes der Inbegriff und das Urbild von einem Apostel, einem Gesandten Gottes. Seine Botschaft ist vom Vater autorisiert und verbindlich. Nach ihm kommt kein weiterer Gesandter mehr, der eine ganz neue, von Gott ermächtigte Botschaft bringen könnte (Hebr. 1, 1. 2a; lies Joh.14,6; Apg. 4,12; Gal.1, 6-8). Der Auferstandene beauftragte seine Jünger: »Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch« (Joh. 20, 21; lies Matth. 28, 19. 20). An Jesus erkennen wir, wie Gott sich seine Botschafter gedacht hat. Deshalb sind wir eingeladen, ihn als unseren Apostel mit den Augen unseres Herzens zu betrachten, dass wir ihm ähnlich werden. Wir sind seine Botschafter, wo wir auch hinkommen: in der Schule, an unserem Arbeitsplatz, beim Einkaufen, im Gespräch mit den Nachbarn. Wir müssen uns dessen nicht immer bewusst sein, aber Jesus hat es sich so gedacht, dass wir mit unseren Worten und unserem ganzen Leben seine Botinnen und Boten sein sollen. »Betrachtet den Apostel und Hohenpriester unseres Bekenntnisses, Jesus.« Als unser Apostel hat Jesus unser Heil verkündigt (Hebr.1,2; 2, 3). Als unser Hoherpriester hat er es vollbracht, als er rechtskräftig vor Gott unsere Schuld sühnte und uns dadurch heiligte und passend machte für die Gegenwart Gottes. Deshalb ist er der »Hohepriester unseres Bekenntnisses«. Er ist der Inhalt dessen, was wir glauben und bekennen und was unwandelbar fest steht mitten in einer Welt wechselnder Wahrheiten. (Lies Hebr.10,23; Matth.10,32.33.)
»Jesus, der treu ist dem, der ihn eingesetzt hat.« Der Sohn ist in allen Anfechtungen und Versuchungen nicht vom Willen Gottes abgewichen. In den Höhen und Tiefen seines Erdenlebens hielt er vertrauensvoll am Vater fest. Er blieb in der Verbindung mit dem Vater. Nichts tat er ohne den Vater. »Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, der Sohn kann nichts von sich selbst aus tun, sondern nur, was er den Vater tun sieht; denn was dieser tut, das tut gleicherweise auch der Sohn.« In Treue sühnte er am Kreuz unsere Schuld und vollbrachte das Erlösungswerk, das der Vater ihm aufgetragen und für das er ihn als unseren Hohenpriester eingesetzt hat. So erwies Jesus dem Vater die Treue (Joh.5,19; lies Joh. 17, 4; 5, 30; 8, 28. 29; 19, 30; Jes. 50, 4. 5). In unserem Tagestext werden Mose und Jesus gegenübergestellt. Gott sandte Mose als Retter zu seinem Volk Israel, als es in Ägypten große Not litt. Er führte es heraus. Als Gott sein Volk in der Wüste auslöschen wollte wegen seines Götzendienstes, bat Mose den Herrn: »Vergib ihnen doch ihre Sünde; wenn aber nicht, so tilge mich aus deinem Buch« (2.Mose 32, 32)! Mose war bereit, sich für sein Volk zu opfern, aber er hätte ihre Schuld nicht sühnen können. Er war zwar Gottes Diener, aber nicht der reine, sündlose Gottessohn. Gottes Urteil über Mose lautete: »Er ist treu in meinem ganzen Haus« (4.Mose 12, 7). Doch Jesus ist »größerer Ehre wert als Mose«. Warum? Mose ist das Volk Israel von Gott anvertraut worden. Jesus aber hat das Haus der Gemeinde bereitet, indem er sie durch sein Blut erwarb. Gibt es eine größere Liebe? Haben wir uns dieser Liebe Gottes schon ausgesetzt und sie für uns ganz persönlich erfasst? Dann wird die Gewissheit »Mich liebt Gott!« unseren Alltag durchstrahlen. (Lies Joh.15,9.12; Röm.5,8; Eph.3,18.19; 1. Joh.3,1.)
»Auch Mose ist treu gewesen als Diener in seinem ganzen Haus, zum Zeugnis dessen, was verkündet werden sollte.« Mose, der Diener Gottes, übermittelte dem Volk treu, was Gott ihm geoffenbart hatte. Der Sohn aber erfüllte, was Gott durch Mose angekündigt hatte (1.Mose 3,15; 4.Mose 21, 6-9; Joh.3,14.15; 2.Mose 17, 5. 6; 1. Kor. 10, 4). »Christus war treu als Sohn über Gottes Haus. Sein Haus sind wir, wenn wir das Vertrauen und den Ruhm der Hoffnung festhalten.« Nicht in einem Gebäude wohnt Gott, sondern in Menschenherzen, in denen sein Geist Wohnung gemacht hat. So sind wir als einzelne Nachfolger von Jesus Gottes Tempel, wie auch als Gemeinde insgesamt. (Lies Hes. 36, 26. 27; 1.Kor. 6, 19; 2.Kor. 6, 16.) »Sobald das Leiden naht, naht auch die Versuchung!«, stellte ein Betroffener fest. Als die Hebräer-Christen verfolgt wurden, kamen Zweifel auf: Ist Jesus wirklich größer als Mose? Die Rückkehr in die Synagoge hätte ihre Schwierigkeiten beendet. Sie litten darunter, dass sie von ihren Familien ausgestoßen worden waren und von ihren Volksgenossen verfolgt wurden (Hebr. 10, 32-34). Auf die Länge der Zeit zermürbte sie die Ablehnung und Bedrohung, und sie fragten sich, ob es sich lohnt, an Jesus festzuhalten. Schließlich war doch Mose auch ein großer Mann Gottes! Für uns Christen heute ist es keine Frage, dass Jesus größer ist als Mose. Aber ist Jesus größer als die Mächte, die uns oder unsere Glaubensgeschwister bedrängen? Das kann in der Verfolgungssituation zur Anfechtung werden. Wir können einander durch die Fürbitte beistehen, dass wir dem Herrn, der uns erkauft hat, treu bleiben. »Gedenkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und derer, die misshandelt werden, als solche, die selbst auch noch im Leib leben« (Hebr. 13, 3; lies Apg. 12, 5; 1. Kor. 12,26; 2.Kor.1,9-11; Eph.6,18; Hebr.13,5.6.12.13).
»Sein Haus sind wir, wenn wir die Freimütigkeit und den Ruhm der Hoffnung bis zum Ende festhalten.« Um die Freimütigkeit und die Hoffnung bis zum Ziel festzuhalten, müssen wir wissen, wer unser Herr ist, was uns »in ihm« gehört und was er für uns tun kann: o Er ist unser Hoherpriester, der sich zur Bezahlung unserer Schuld für uns geopfert hat. Ein Missionar in Südamerika fragte einen schamanischen Priester: »Kann dein Gott Sünde vergeben?« Die Antwort des Schamanen: »Nein, das kann er nicht.« - Wie leicht ereilt uns Sünde! Doch wir können sie sofort Jesus bekennen und ihn um Vergebung bitten. Mit einem gereinigten Gewissen sind wir hörbereit für ihn und erfahren seine zarte Korrektur, seine Führung und Bewahrung. (Lies Joh.10,11.27.28; Hebr.9,14; 1. Joh.1,9.) o Jesus ist auferstanden und hat damit den Tod überwunden und uns die Tür zum ewigen Leben aufgetan. (Lies Joh.11,25; Offb.1,18.) o Da Jesus auferstanden ist und alle Macht hat im Himmel und auf Erden, können wir Großes von ihm erwarten. Er möchte, dass wir ihm heute im Gebet unsere kleinen und großen Probleme bringen und mit seiner Rettung und Hilfe rechnen. (Lies Joh.15,7; Phil.4,6; 1.Petr.5,7.) o Jesus ist gegenwärtig. Wir sind nie allein. Er ist bei uns, bei mir ganz persönlich, und wir sind bei ihm, in seiner liebenden, bewahrenden und heiligenden Nähe, bis wir ihn einmal von Angesicht zu Angesicht sehen werden. (Lies Matth.18,19.20; 28,20; Joh.14,18-20.) o Er hat uns sein Wort als Hilfe gegeben, um »die Hoffnung bis zum Ende festzuhalten«. Wir können uns eine »eiserne Ration« von Gottesworten anlegen, die wir auswendig lernen, um sie jederzeit zur Verfügung zu haben, auch zur Seelsorge an unserer eigenen Seele, wenn sie angefochten ist. (Lies Eph. 6, 17; Ps.119,11.50.133.162.)
»Sein Haus sind wir, wenn wir die Freimütigkeit und den Ruhm der Hoffnung bis zum Ende festhalten.« Was ist mit »Freimütigkeit« gemeint? Das griechische Wort hat eine Bedeutungsbreite, die wir nicht mit einem einzelnen deutschen Wort wiederzugeben vermögen. Freimütigkeit beinhaltet: »Vertrauen zu Gott, Heilsgewissheit, Überwindung des Schuldbewusstseins, Erlaubnis und Ermöglichung des Gebets, Erwartung der Zukunft, ferner Mut und Kühnheit zum Zeugnis« (O.Michel). Was bedeutet das für unser Leben mit Jesus? 1.Wir haben die Ermächtigung für den ungehinderten Zutritt zum Thron Gottes durch das, was Jesus für uns als unser Hoherpriester getan hat. Bei ihm wissen wir uns und unsere Anliegen in den besten Händen. Wir können beim Beten mit Glaubenszuversicht zum Thron Gottes kommen. 2.Wir dürfen auch Freimütigkeit haben am Tag des Gerichts. Das ist das »feste Vertrauen Gott gegenüber, die Freudigkeit, die aus der Vergebung und der Heilsgewissheit stammen« (O.Michel). (Lies Röm. 8,31-34; 1. Joh.3,19-21; 4,17.18.) 3. Der Heilige Geist kann die Freimütigkeit auch beim öffentlichen Zeugnis schenken wie in Apostelgeschichte 4, 29. 31. Das bedeutet, dass ein Christ die Scheu überwindet und in der Öffentlichkeit für das Evangelium standhaft und furchtlos eintritt, auch wenn es für ihn Nachteile bringt und gefährlich ist. (Lies Matth. 10, 19. 20.) Diese Freimütigkeit und Zuversicht müssen wir nicht aus uns selbst hervorbringen. Gott ermutigt und ermächtigt uns dazu durch sein Wort und seinen Geist. Diese getroste Freimütigkeit ist etwas typisch Christliches, die es sonst nirgends in der Welt gibt. Unsere Zuversicht hat ihren festen und unumstößlichen Grund in dem, was Jesus für uns getan hat, und in der Schrift, die es uns bezeugt. Deshalb »werft eure Freimütigkeit, eure Zuversicht nicht weg, die eine große Belohnung hat« (Hebr.10,35)!
Der Prophet Hosea hatte es nicht leicht. Zu seiner Zeit waren die Zustände in Israel sehr schlimm. Hosea lebte in der Endphase des Nordreiches, bevor das Volk nach Assyrien weggeführt wurde. Im Auftrag Gottes hatte Hosea den Israeliten die Untreue ihrem Gott gegenüber zu zeigen und gleichzeitig das Gericht anzukündigen. In Gottes Augen gleicht der Abfall einem Ehebruch (Hos. 1, 2; 4, 10-12). Wie oft hatte Gott sein Volk durch die Propheten gemahnt und zur Umkehr und zu einem neuen Anfang mit ihm gerufen! Für ganz Israel war es höchste Zeit, den Herrn zu suchen (Hos. 6, 1-6). Wir staunen, wie der Herr in den ersten Versen des 11.Kapitels um sein Volk wirbt und es an die Zeit der Errettung erinnert. Aber er klagt auch, dass seine Treue mit Untreue und Ungehorsam beantwortet wird: »Sie wenden sich ab, wenn ich sie rufe.« Wie schnell werden Wohltaten vergessen. So dachten die Israeliten nicht mehr daran, wie sehr ihre Vorfahren während der Unterdrückung in Ägypten zu Gott gerufen hatten und der Herr sich ihrer erbarmt hatte. Aus Liebe hatte der Herr sein Volk befreit und zu seinem Eigentum erwählt (2.Mose 19, 4-8). Doch kaum war Israel errettet und der Bundesschluss am Sinai vollzogen, da betrübte es seinen Gott neu. Kennen wir nicht auch solches Verhalten, obwohl wir Menschen des Neuen Bundes sind? Vor seinem Sterben am Kreuz sprach Jesus vom Blut des Bundes, das vergossen wird, um in Sünde und Tod gebundene Menschen zu befreien. (Lies Matth.26,28; Hebr.7,22; 9,15; 12,22-24.) Sein Leiden und Sterben war die letzte Konsequenz aller Menschenschuld, damit Gott allen, den Menschen des Alten und des Neuen Bundes, vergeben kann. Was Hosea dem Volk Israel zurief, gilt nun für alle Völker. (Lies Eph. 2,11-22.)
Liebe ist der Beweggrund für Gottes Handeln an Israel im Alten Bund und an der Völkerwelt im Neuen Bund. Aus Liebe hielt der Herr seinem erwählten Volk die Treue. (Lies 5.Mose 7, 12. 13; Jes. 3, 8. 9; Jer. 31, 1-3.) So sollte der Prophet Hosea innerhalb der Gerichtsbotschaft von Gottes Liebe reden. Für seine unverbrüchliche Haltung zu Israel gebrauchte der Herr das ungewöhnliche Bild von einer Seilschaft: »Ich ließ sie in Seilen der Liebe gehen«, heißt es wörtlich. Wir dürfen davon ausgehen, dass dieses Bild für Gottes Liebe auch uns gilt. Gottes Liebe gilt jedem Menschen. Wir werden uns seiner Liebe erst wirklich bewusst, wenn wir seine Liebe persönlich annehmen und unser Leben als Kinder Gottes beginnen. Dann kann jeder, der sich ihm anvertraut hat, wissen: Ich bin eingebunden in die Seilschaft der Liebe meines Herrn. Seine Liebe umgibt mich. Ich bin von ihm geliebt. - Die Liebe unseres Gottes wird uns im Wort Gottes an vielen Stellen zugesprochen. Jesus sagt es allen seinen Jüngern zu: »Er selbst, der Vater, hat euch lieb« (Joh. 16, 27). Und der Apostel Johannes bezeugt uns: »Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder sollen heißen« (1. Joh. 3, 1). Wir sind von seiner Liebe umgeben. Können wir uns darüber von Herzen freuen? Vergessen wir es nicht oft oder setzen ein Fragezeichen hinter die Liebe Gottes? Dabei dürfen wir ein deutliches Ausrufezeichen setzen, denn an seiner Liebe ändert sich nichts. Sie hängt nicht von unserem Verhalten ab, auch nicht von unserem wankelmütigen Herzen. Sie bleibt beständig. »Er hat uns geliebt, als wir noch Sünder waren« (Röm. 5, 8; lies Eph. 2, 4. 5). »Darum erhaltet euch im Bewusstsein der großen Liebe, mit der ihr von Gott geliebt seid.«
In den folgenden Tagesabschnitten wollen wir uns mit einigen Aspekten der einzigartigen Seilschaft Gottes befassen. Wir betrachten sieben »Seil-Funktionen «, die uns helfen können, Gottes Güte uns gegenüber zu entdecken.I. SEILE KÖNNEN BEWAHREN. Die Liebe Gottes will seine Menschen bewahren. Dem Volk Israel gegenüber sprach der Herr dieses Wort von seinem liebevollen Handeln zuerst aus. Darum soll bei den verschiedenen Funktionen, die ein Seil erfüllen kann, an Situationen erinnert werden, die die Israeliten als Volk Gottes erlebten. Schon die Wahl des Weges von Ägypten ins verheißene Land zeigte Gottes weise Vorsorge. Er führte sein Volk nicht durch das Land der Philister. Das wäre der direkte und kürzeste Weg gewesen. Nach wenigen Tagereisen hätten die Israeliten ihr Ziel erreicht. »Aber Gott dachte. . . « So ließ er das Volk den großen Umweg über den Sinai machen. Das bedeutete Wanderung durch die Wüste. Gottes Gedanken sind höher und oft ganz anders als unsere Gedanken. (Lies Jes.55,8.9.) Was nach zusätzlicher Last und Gefährdung des Lebens aussah, entsprach der göttlichen Planung und diente der Bewahrung. Die Güte Gottes offenbart ein feines Empfinden für die verängstigten Israeliten, die aus langer und brutaler Sklaverei kamen. Der Durchzug durch das Gebiet der Philister hätte sie zu kriegerischen Auseinandersetzungen herausgefordert. Davor wollte der Herr sein Volk bewahren. Die Israeliten erfuhren aber nicht nur Bewahrung vor feindlicher Berührung, sondern auch die tägliche Versorgung mit Brot vom Himmel. Auf diese Weise sollten sie Gott kennen lernen, der sie auf dem schwierigen und langen Weg durch die Wüste sicher ins verheißene Land führte. Die Abhängigkeit von der Fürsorge Gottes bewahrte Israel vor der Abhängigkeit von Menschen. Er schenkte ihnen wahre Freiheit. (Lies 5.Mose 1, 30. 31; Ps. 1, 6; 25, 10; 32, 8; 37,5.)
Gottes Liebe will bewahren. Das drückt der Text sehr treffend aus. Es heißt nicht »an«, sondern »in« Seilen der Liebe ließ ich sie gehen. Sich innerhalb von Seilen zu bewegen, bedeutet, ringsum geschützt zu sein. Als David betete: »Bewahre mich, Gott«, nannte er keine besondere Notsituation, wusste er doch, wie nötig er allezeit die Bewahrung seines Herrn brauchte. Von vielen Gefahren, die die Kinder Gottes umgeben, wollen wir drei herausgreifen: die Versuchung, die Verführung und die Verzagtheit. Unser Herr Jesus Christus erlebte zu Beginn seiner öffentlichen Wirksamkeit, dass er in die Wüste geführt und vom Teufel versucht wurde. Bis heute versucht es der Feind Gottes, der auch ein Feind der Menschen ist, uns vom Gehorsam Gott und seinem Wort gegenüber wegzuziehen. Wie verhalten wir uns, wenn wir vor die Entscheidung gestellt sind, auf wessen Stimme wir hören wollen? Die Stimme der Versuchung scheint so harmlos, wenn sie fragt: »Sollte Gott gesagt haben?« (Lies 1.Mose 3, 1-8; Matth. 4, 1-11.) Jesus trat dem Versucher bewusst mit einem Wort Gottes entgegen. Er setzte den Angeboten des Feindes ein klares Nein entgegen. So fiel er in der Versuchung nicht in Sünde. »Sein Halt in der Versuchungssituation ist das Es steht geschrieben. Was in der Heiligen Schrift steht, ist aus dem Munde Gottes hervorgegangen, Jesus verzichtet auf Selbsthilfe, er wartet auf Gottes Hilfe. Er gibt uns ein Beispiel dafür, wie wir in Versuchungen nur durch Gottes Wort und Gottes Kraft bestehen können« (G. Maier). Bewahrung erfahren wir nur, wenn wir in der Versuchung auf unseren Herrn schauen und uns seiner Liebe bewusst werden, die größer und kostbarer ist als alle Angebote der Welt. (Lies Matth.6,33; Röm. 8,32.)
»Lasst euch nicht verführen« (1.Kor. 15, 33)! Gottes Liebe will uns auch in der Gefahr der Verführung bewahren. Verführer können von außen kommen und sich in der Gemeinde oder einer Gemeindegruppe einnisten. Judas warnt in seinem Brief davor. Die Verführer sind Irreführer, die die Wahrheit verdrehen und von der nüchternen Klarheit der biblischen Botschaft abweichen. »Die Menschen, vor denen Judas dringend warnen muss, versteigen sich in falsche Höhen und führen zugleich ein Leben nach ihrer Lust. Es hat eine unheimlich verführende Gewalt, wenn sich sinnliches Ausleben mit dem Glanz besonders hoher Geistlichkeit und Religiosität verbindet. Hier scheinen sich freie Geister gegen die Enge und Rückständigkeit des Gemeindelebens aufzulehnen. Judas stellt kurz und hart fest: Darin verderben sie sich. Sie bedeuten aber auch ernste Gefahr für die Gemeinde, in deren Mitte sie einflussreich leben. Sie wollen Brüder und Schwestern von dem wahren Heil in Jesus abziehen und machen sie durch ihre klugen und überlegenen Reden im Glauben irre« (W. de Boor). Was rät Judas den Gläubigen in der Gefahr der Verführung? »Ihr aber, Geliebte, erbaut euch auf euern allerheiligsten Glauben und betet im Heiligen Geist und erhaltet euch in der Liebe Gottes und wartet auf die Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Christus zum ewigen Leben.« Nicht zuerst Neuerungen nach Form und Inhalt braucht die Gemeinde, sondern: Rück- und Neubesinnung auf das Wort Gottes, gegenseitige Stärkung im Glauben, vom Heiligen Geist geleitete Gebetsgemeinschaft und ein waches Bewusstsein für die Liebe und Barmherzigkeit Gottes. »Die Liebe, die uns von Gott her zuteil wird, ist das Entscheidende. In ihr zu bleiben, darauf kommt alles an« (W.de Boor). (Lies Jer. 15,16; Matth.24,35; 1.Petr.1,25.)
Das Wissen um die Liebe Gottes und seine freundliche Fürsorge kann uns bewahren, wenn die Verzagtheit nach uns greift. Als Paulus den Philipperbrief schrieb, befand er sich im Gefängnis in Rom. Er hätte viel Grund gehabt, verzagt zu sein. Zusammengekettet mit einem römischen Soldaten war er keinen Augenblick allein. Bei allem, was er tat, ob er aß oder trank, betete, ruhte oder mit Besuchern sprach, war der Soldat anwesend. Wir würden eine solche Lage vermutlich als verzweifelt erleben. Nicht so Paulus. Unter den Briefen, die wir heute kennen, bezeugt vor allem der Philipperbrief seine Freude an Jesus Christus. Diese Freude erfüllte den in seiner Freiheit eingeengten Apostel. Diese Freude ist eine bleibende Freude, denn sie hat einen tiefen Grund: »Der Herr ist nahe!« Denken wir daran, wenn Misslingen, Sorgen und Nöte uns quälen? Wir dürfen uns der Nähe des Herrn und der Zukunft mit ihm bewusst sein. Dennoch lassen wir uns oft entmutigen und sind verzagt. Sollten wir nicht vielmehr unsere Verzagtheit vor dem Herrn beklagen, unsere Not zum Gebet machen, damit die Verbindung zu ihm nicht abbricht, sondern gefestigt wird? Wie nahe ich Jesus bin oder sein will, das bestimme ich. In der Nähe des Herrn leben heißt: Ich darf mit ihm über alles sprechen (vgl. 1. Thess. 5, 17). Es heißt auch, hören und tun, was sein Wort uns sagt. In der Nähe des Herrn entdecken wir viele Gründe zur Freude und dürfen uns immer wieder an seiner Liebe zu uns freuen. Mit Seilen der Liebe will er uns in seiner Nähe halten, und wenn wir uns von ihm halten und lieben lassen, bleiben wir vor missmutiger Verzagtheit bewahrt. Der Herr ist treu. (Lies 1. Petr.5,7; Ps.55,23; Röm. 8,15.)
II. SEILE KÖNNEN ALS LEITSEILE DIENEN. Als man früher mit Gespannen fuhr, gab es das Leitseil, das der Lenker in der Hand hielt und mit dem er das Leittier lenkte. Wollte das Tier in eine andere Richtung ziehen, dann wurde durch das Leitseil der Zug verstärkt. Die Seile der Liebe Gottes sind solchen Leitseilen vergleichbar. Gott leitet sein Volk. Auf dem langen Weg durch die Wüste ließ der Herr sein Volk nie ohne Leitung, nie ohne Platzanweisung zum Lagern und nie ohne das Zeichen zum Aufbruch. Gottes Gegenwart war sichtbar in der Wolken- und Feuersäule. Vierzig Jahre lang wies sie den Weg durch die pfadlose Wüste. (Lies 5.Mose 8,2; 32,11.12.) Ein Gast, der in unserem Mutterhaus war, erzählte: »Wenn ich an meinem Schreibtisch sitze und die Briefe lese, die eingegangen sind und deren Inhalt mich manchmal wie eine drohende Wolke überfällt, wenn ich Akten durchschaue, bei deren Problematik ich nicht weiß, wie ich sie lösen soll, wenn ich Gespräche führe oder Sitzungen leite, dann kann ich manchmal seufzen: Ach, wenn ich sie doch sehen könnte, diese Wolken- und Feuersäule, wenn sie mir doch auch den Weg zeigte durch das Dickicht der Probleme, so, wie sie einst dem Volk Israel den Weg gewiesen hat. Wie schnell ertappe ich mich dann bei dem Gedanken: Ja, damals, aber nicht heute. Doch wir wollen viel mehr das Grundlegende, das Unvergängliche, das Typische der Erfahrungen Israels in unsere Gegenwart, in unser Leben herüberholen. Gott kam damals den Bedürfnissen seines Volkes entgegen, er will dies auch heute tun, wenn nicht in einer sichtbaren Wolke, dann doch so, dass wir ihn verstehen können. Die aufgeschlagene Bibel und der Heilige Geist sind die großen Wegzeichen Gottes, höhere gibt es nicht.« (Lies Ps.48,15; 73,24; Jes.30,21; 42,16.)
Der Herr will die Seinen liebevoll leiten. Manchmal jedoch verhalten wir uns wie die Tiere im Gespann, die so gern nach der einen oder anderen Seite ausbrechen und eigene Wege gehen wollen. Vermutlich war es den Israeliten nicht immer angenehm, zur Zeit Gottes aufzubrechen und zur Zeit Gottes zu lagern, aber sie taten es im Gehorsam ihrem Gott gegenüber. Ohne Gehorsam kann man keine Führung erfahren. Jemand sagte: »Wen der Herr führt, den will er ganz führen.« Sich ganz führen zu lassen, bedeutet das Wagnis einzugehen, selber die Führung aus der Hand zu geben und sie einem anderen zu übergeben. Das wird immer geschehen, wenn Vertrauen da ist. Wer dem Herrn Jesus von ganzem Herzen vertraut, weil er sich von ihm geliebt und bejaht weiß, der begreift auch, dass seine Leitseile Seile der Liebe sind, selbst wenn manches Erleben nicht nach Liebe aussieht. (Lies Ps.37,4; Jer.29,11.) Ein persönlicher Bericht darüber, was Nachfolger von Jesus Christus bezeugen, die ihm ihr Leben ganz anvertraut haben, soll für viele andere stehen: »Ich schaue auf das Leben zurück, das hinter mir liegt und sich seinem Ende zuneigt. Ich spüre, dass es Abend wird, Lebensabend. Da muss ich mich in demütigem Dank vor dem Herrn beugen, der mich so wunderbar geführt hat. Wie reich ist mein Leben dadurch geworden, dass der Herr mich seinen Weg geführt hat. Wie anders wäre mein Leben verlaufen, wenn er mich meine eigenen Wege hätte gehen lassen. Wenn ich zurückschaue auf die durchwanderte Wegstrecke, wie viel Grund zum Danken. Es ist eine große Gnade von Gott, dass er uns erlaubt, unser Leben in Gemeinschaft mit ihm zu leben, und ich habe erfahren, dass seine Gnade ausreicht für alle Bedürfnisse und Verhältnisse, für frohe Tage und für dunkle Stunden« (E.Modersohn). (Lies Röm. 14,7-9; 2.Kor.12,9.10; Phil.4,11-13.)
III. SEILE KÖNNEN DRÜCKEN UND REIBEN. Die Wege Gottes erscheinen uns manchmal unbegreiflich hart. Das erlebten die Israeliten in Ägypten, als ein neuer Regent an die Macht gekommen war, der nichts mehr von Josef und seinen rettenden wirtschaftlichen Maßnahmen wusste. »Die Ägypter zwangen die Israeliten unbarmherzig zum Dienst und machten ihnen ihr Leben sauer mit schwerer Arbeit« (2.Mose 1, 6-14). Das waren schneidende Stahlseile der Unterdrückung und Schikane. Wo blieben in dieser Zeit die Seile der Liebe Gottes? Hatte er sein Volk vergessen? Nein, das kann Gott nicht, und das tut Gott nicht. Aber seine Gedanken setzen auf höherer Ebene an. Er plante die Befreiung seines Volkes und sandte Mose mit dieser Nachricht zum Pharao. Dieser jedoch unterdrückte das Volk noch mehr. Damit die Befreiung tief ersehnt und in ihrer ganzen Bedeutung verstanden wird, scheint die vorausgehende Bedrückung notwendig. Vergessen nicht auch wir zu leicht, wie zerstörerisch das Leben unter der Sünde ist mit diesem »ewigen Sichmühen« und nicht frei werden können? Die Israeliten gingen trotz der schweren Zeit in Ägypten in den Seilen der Liebe ihres Gottes, obwohl es für sie nicht so aussah. Ihre Sehnsucht nach Rettung wurde sehr groß. Da die Befreiungsbedürftigkeit in Ägypten so groß war, wurde die Rettung aus Ägypten den Israeliten sehr kostbar. Diese umfassende Loslösung aus der Sklaverei wurde zum Hinweis auf die größte und einmalige Befreiungsaktion, auf die Erlösung aus der Knechtschaft der Sünde durch den Sohn Gottes. (Lies Joh. 8, 34. 36; Röm. 6, 17. 18.) Als seine Geliebten dürfen wir in dem, was uns zur Zeit bedrückt und woran wir uns reiben, dennoch die Liebe Gottes sehen lernen, denn letztlich haben wir es immer mit ihm zu tun. Und »du hatµs in Händen, kannst alles wenden, wie nur heißen mag die Not« (J. Lindemann).
Wie Israel aus der Knechtschaft Ägyptens befreit wurde, so wird der Nachfolger von Jesus Christus aus der Knechtschaft der Sünde und des Satans befreit. Je tiefer ein Mensch seine Verlorenheit erkannt hat, desto mehr freut er sich über die unverdiente Rettung durch Jesus und über die Retterliebe des Vaters. (Lies Luk. 10, 20b; 2.Kor. 5, 17-21; 1. Tim. 1, 12-17.) Gerettete bewegen sich in Seilen der Liebe Gottes. Trotzdem ändern sich im Leben der Christen die Lebensumstände nicht automatisch mit. Sie können weiterhin drücken und reiben wie schmerzhafte Seile. Manchmal sieht es so aus, als wäre ein anderer Mensch an den schwierigen Umständen schuld oder eine schwere ärztliche Diagnose, oder es ist die Last der Aufgaben mit ihren Schwierigkeiten, die uns drückt. Das Vorrecht der Befreiten besteht darin, hinter und über den Umständen den Herrn zu sehen, der uns nicht weniger liebt als an dem Tag, an dem wir sein Eigentum wurden. Im Glauben darf ich daran festhalten: Ich bin von seiner Liebe umgeben und bewahrt. Lässt er mich Schweres tragen, wird er es in Segen für mich und andere wandeln. - Drückende Seile wollen uns näher zum Herrn ziehen. Wer aus der Knechtschaft der Sünde befreit wurde, hat das Sohnesrecht empfangen, in naher Lebensgemeinschaft mit seinem Herrn zu leben. Denken wir an Hiob, der meinte, als frommer Mann seinen Gott gut zu kennen. Aber wirklich kennen gelernt hat er Gott erst in den schweren Führungen. Wie schmerzhaft alles Erleben war, erfahren wir aus den Klagen Hiobs. Er hat sich an den Seilen des Leides, der Vorwürfe und des Zweifels wund gerieben. Doch nach einer neuen Begegnung mit Gott konnte er demütig eingestehen: »Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen, aber nun hat mein Auge dich gesehen.« (Lies Hiob 42, 1-6.)
IV. MIT SEILEN KANN MAN BEWEGLICHES FESTMACHEN. Boote, ja selbst große Schiffe, werden mit Seilen oder Tauen am Ufer festgemacht. So können Wellen und die Strömung sie nicht abtreiben. - Nach der Befreiung aus der ägyptischen Knechtschaft wurden die Israeliten geradewegs zum Berg Gottes am Sinai geführt. Dort schloss der Herr einen Bund mit ihnen und machte sie zu seinem Volk. Als Zeichen der Zusammengehörigkeit gab er ihnen das Gesetz. Damit band sich der lebendige Gott an sein Volk, wie er es Mose angekündigt hatte: »Ich will euch annehmen zu meinem Volk und will euer Gott sein« (2.Mose 6, 7). Schon Abraham bekam die Verheißung, dass der Bund Gottes mit ihm sich erweitern sollte auf seine Nachkommen. »Und ich will aufrichten meinen Bund, dass es ein ewiger Bund sei, sodass ich dein und deiner Nachkommen Gott sei« (1.Mose 17, 7; Neh. 9, 6-8). Leider missachtete Israel die Liebe und den Bund Gottes. Wie oft übertraten sie die Gebote des Herrn, obwohl sie Gott Treue versprochen hatten. Hätte Gott Gleiches mit Gleichem vergolten, gäbe es Israel nicht mehr. Doch Gott bleibt sich selbst treu, und er bleibt denen treu, denen er seine Treue zugesagt hat. In Jesus Christus hat Gott einen neuen Bund geschlossen, der nun für alle Völker gilt. Wer aus den Völkern Jesus angehört, ist für immer mit den Seilen der Liebe Gottes im Himmel festgemacht. Freuen wir uns darüber und danken unserem Herrn dafür?! Denn selbst wenn wir versagt haben und dem Herrn untreu geworden sind, weil anderes wichtiger wurde, können wir zu ihm umkehren und seine Vergebung erfahren. (Lies 1.Mose 32, 11; Ps. 146, 5. 6; 1.Thess.5,24; 2.Tim. 2, 13.)
Der Herr hat uns für immer bei sich festgemacht, als wir Kinder Gottes wurden. Wir jedoch müssen immer wieder erneuern, worauf wir uns einmal generell festgelegt haben. Nicht unsere Bekehrung und Wiedergeburt muss wiederholt werden, wohl aber eine jeweils neue Abkehr von verkehrten Wegen und eine tiefere Hingabe an den Herrn. »Paulus spricht in seiner Ermahnung unsere Leiber an, es geht ihm um unser wirkliches leibhaftiges Leben. Das ist der genaue Gegensatz zu unserem üblichen Christentum, das Gott mit etwas Andacht und einiger Innerlichkeit abspeist und das reale Leben sich selbst vorbehält. Um lebendiges Opfer geht es hier, das Gott heilig und wohlgefällig ist. Ein so ernstes und umfassendes Opfer geschieht nicht von selbst, dazu muss immer wieder neu ermahnt werden. Das Wort des Paulus fordert hier nicht Unbekehrte zur Übergabe an den Herrn auf, sondern erinnert Bekehrte an den beständigen Vollzug dessen, was in der Bekehrung grundlegend geschehen und bejaht ist. Es geht um die Darbietung des ganzen Lebens für Gott« (W. de Boor). Es geht um das Gott hingegebene Leben. Zur Hingabe an den Herrn gehört immer wieder die Abgabe unserer Lasten und Sorgen, unserer Fehler und Sünden an ihn und die dankbare Anerkennung seiner guten Herrschaft in allen Bereichen des Lebens. Wenn wir dem Herrn unser Leben als Opfer hingeben, dann unterschreiben wir damit so etwas wie einen Blanko-Scheck, den Gott ausfüllen möchte. Wollen wir ihm die Führung unseres Lebens anvertrauen, ohne Bedingungen zu stellen? Er wird uns nicht enttäuschen. »Nimm mein Leben! Jesus, dir übergeb ichµs für und für . . . Nimm mich selbst und lass mich sein ewig, einzig, völlig dein« (F. R. Havergal). (Lies Hiob 22, 24-28; 1.Kor. 6, 19; 2.Kor. 7, 1; 8, 5.)
V. SEILE HABEN EINE VERBINDENDE FUNKTION. Wir wollen sie die Seilschaft der Liebe nennen. Ein Freund der Berge beschreibt es so: »Unser Lebensweg gleicht einer Bergtour. Da gibt es erholsame Wege am Bach entlang, herrlich blühende Wiesen, dann aber auch felsige, schwer begehbare Pfade und dunkle Täler. Doch wir haben einen erfahrenen Bergführer. An einem Gipfelkreuz in den Bergen ist zu lesen: Jesus ist der Erste der Seilschaft. Eine Tafel unter dieser Inschrift zeigt zwei Hände, die eine hält sich am Seil, das zu Christus am Kreuz führt, die andere hält den Eispickel in der Hand. In der Seilschaft des Herrn Jesus unterwegs sein, das ist das Vorrecht seiner Nachfolger. Der Sieger von Golgatha will unser Seilschaftsführer sein. Er wählt die Wege für die Seinen, und mit jedem ist er durch das Seil verbunden. Er hat Acht auf uns. Wenn wir stolpern oder fallen, sind wir durch das Seil gesichert, und er sorgt dafür, dass wir wieder aufstehen und weitergehen können.« Für Christen ist es normal, zu einer Gemeinschaft zu gehören. Wir können sie mit einer Seilschaft vergleichen. Jeder Christ ist an Christus festgemacht und gleichzeitig sind wir miteinander an ihm festgemacht und können uns gegenseitig helfen. Die Gebote und Ordnungen Gottes zeigen uns, dass Wahrhaftigkeit und Barmherzigkeit, gegenseitige Achtung und Annahme lebenswichtig sind. (Vgl. 2.Mose 23, 1-9.) In seiner großen Berglehre legt Jesus seinen Finger besonders auf ein gelingendes Miteinander, indem er die Gebote Gottes in ihrer geistlichen Bedeutung für unser Leben auslotet. Heute will ich der Frage standhalten: Was hat Matthäus 5, 17. 18. 21-24. 27-29. 37-42 mit meinem Leben und der Gemeinschaft, zu der ich gehöre, zu tun? »Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob« (Röm.15, 7).
VI. IN DEN SEILEN DER LIEBE ERLEBEN WIR ECHTE FREIHEIT. Es sieht nicht gerade nach Freiheit aus, wenn Seile ein bestimmtes Gebiet markieren und den Zutritt nach außen verwehren. Die Seile, die Gott in seiner Liebe zu uns spannt, schaffen einen Raum der inneren Freiheit und Geborgenheit, wie es ihn sonst nirgends gibt. Doch wie viel Misstrauen gibt es gegenüber der von Gott geschenkten Ordnung. Deshalb meinte manch einer schon, Seile, die uns vor dem Absturz schützen sollen, missachten zu können um einer scheinbar größeren Freiheit willen. Andere hingegen fürchten sich, den durch Seile begrenzten Raum zu betreten, weil sie ihre vermeintliche Freiheit nicht aufgeben wollen. Aber »Freiheit ohne den Vater ist nur eine Illusion« (G. Schnitter). Jede Freiheit, die ein Mensch außerhalb des Schutzraumes bei Gott sucht und zu finden meint, entpuppt sich oft schnell als Fessel und kann in tiefe Abhängigkeit führen. Denken wir zum Beispiel an jene Phase in der Geschichte Israels, als es sich einen König ertrotzte, weil es sein wollte wie die andern Völker. (Lies 1.Sam. 8, 4-8.) Wie viel Not bis hin zur jahrzehntelangen Kriegsgefangenschaft haben sich die Israeliten mit ihrem Freiheitsdrang eingehandelt, weil sie die Gebote Gottes völlig einseitig als Einschränkung des Lebens sahen. Ein Junge wurde gefragt, was das Christentum sei. Er antwortete: »Christentum ist das, was man nicht darf. In den Geboten heißt es doch immer: Du sollst nicht.« So denken viele Menschen, und das ist ein großes Missverständnis. Die Zehn Gebote sind in Wahrheit »die zehn großen Freiheiten«, weil sie das Leben und die Liebe des Menschen, seine Gaben und seinen Besitz vor der zerstörenden Macht der Sünde schützen. In der vertrauensvollen Beziehung zu Gott liegt die Kraft, seine Gebote ernst zu nehmen und Freiheit zu erleben. (Lies 5.Mose 4, 5-9; 6, 4-9; Joh. 15, 9-12.)
VII. IN DEN SEILEN DER LIEBE KOMMT MAN ANS ZIEL. Gott hatte seinem Volk zugesagt, es in das verheißene Land zu bringen, und er erfüllte sein Versprechen. Wir Christen sind ebenfalls unterwegs zu dem von Gott verheißenen »Land«: zur ewigen Herrlichkeit beim Vater. Wir finden verschiedene Zusagen im Wort Gottes, die belegen, dass unsere eigentliche Heimat die himmlische Welt ist, in der Jesus allen seinen Nachfolgern einen Wohnraum vorbereitet hat. (Lies Joh. 14, 1-3; Luk. 10, 20; Phil. 3, 20; 1.Thess. 4, 13-18.) Wir stehen immer wieder in der Gefahr, die Freude zu verlieren und auf uns zu schauen, an den Unzulänglichkeiten stehen zu bleiben und zu zweifeln, ob wir das Ziel erreichen werden. Aber wir sind aufgerufen, von uns weg auf unseren Herrn zu sehen, der uns am Kreuz den Zugang zum Himmel erschlossen hat. »Der Himmel steht offen, Herz, weißt du warum? Weil Jesus gekämpft und geblutet, darum!« Daran dürfen wir denken in allen unseren Kämpfen auf dem Weg zum Ziel. Es gibt keine Not, keine Versuchung, keine Sünde, der Jesus nicht gewachsen wäre. Wir leben täglich von seiner Vergebung und in der Kraft seiner Auferstehung. »Lass mir das Ziel vor Augen bleiben, zu dem du mich berufen hast. Lass nicht aus deiner Spur mich treiben des Weges Länge oder Last. Bin ich versucht, auf mich zu schauen und nicht mehr auf das Ziel zu sehn, hilf mir, aufs Neue im Vertrauen auf deinen Sieg voranzugehn. Dir will ich auf dem Wege singen, weil du mir Mut und Freude gibst. Du selber wirst ans Ziel mich bringen, weil du, mein Jesus, mich so liebst. Dort werden alle Dämmerungen und alle Nächte dieser Zeit in alle Ewigkeit verschlungen vom Lichtglanz deiner Herrlichkeit« (H.Winkel). (Lies Hebr. 12, 1. 2; Phil. 3, 14; 2.Tim. 4, 7. 8.)
Wer zum Volk Gottes gehört, ist von seiner Liebe umgeben. An sieben Seil- Funktionen haben wir uns klar gemacht, was Gottes Liebe für uns zu tun bereit ist. 1. Seine Liebe will bewahren, und wir wollen uns bewahren lassen. »Bewahre meine Seele und errette mich.« »Der Herr bewahrt die Seelen seiner Heiligen « (Ps.25,20; 97,10). 2.Seine Liebe will uns leiten, und wir wollen uns leiten lassen. »Weise mir, Herr, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit; erhalte mein Herz bei dem einen, dass ich deinen Namen fürchte.« »Ich will dich unterweisen und dir den Weg zeigen, den du gehen sollst, ich will dich mit meinen Augen leiten« (Ps. 86, 11; 32, 8). 3. Auch in drückenden und reibenden Seilen unseres Lebens dürfen wir seine Liebe erkennen. »Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind« (Röm. 8, 28; lies Röm. 8, 38. 39). 4. Aus Liebe hat sich der Herr bei uns festgemacht, und wir wollen uns immer neu bei ihm festmachen. »Gott ist treu, durch den ihr berufen seid.« »Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe, und mit einem willigen Geist rüste mich aus« (1. Kor. 1, 9; Ps. 51, 14). 5. In seiner Liebe schenkt der Herr Gemeinschaft mit ihm und untereinander. (Lies 1. Joh. 1, 7.) »Eines bitte ich vom Herrn, das hätte ich gern: dass ich im Hause des Herrn bleiben könne mein Leben lang« (Ps. 27, 4). 6. Von seiner Liebe umgeben zu sein, bedeutet, mit Freiheit beschenkt zu sein. »Der Herr ist der Geist, wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.« »Ihr seid zur Freiheit berufen« (2. Kor. 3, 17; Gal. 5, 13a). 7. Seine Liebe bringt uns ans Ziel. »Ihr werdet euch freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude.« (Lies 1.Petr.1,5-8.)
Neunmal fragte Hiob Gott »warum?« Unsere tiefsten und schwersten Fragen sind die im Blick auf das Leid. Wie kann uns das umtreiben! Wo ist Gott gewesen, als der Unfall geschah? Warum lässt Gott zu, dass dieser Mensch Krebs hat? Unter Tränen fragen wir »warum?« Die Bibel hat darauf keine Patentantworten, keine vereinfachenden Lösungen, aber sie lässt uns ein wenig hinter die Kulissen des Leides schauen und gibt uns Hilfen zur Bewältigung. Solch einen Blick hinter die Kulissen des Leides tun wir bei Hiob. »Hiobs Beziehung zu Gott auf dem Prüfstand«, so könnten wir sein Erleben überschreiben. Wir reisen viertausend Jahre zurück in die Vergangenheit und legen zweitausend Kilometer zurück ins Land Uz. Es lag am Rande der syrischarabischen Wüste. Am Anfang des Buches werden uns Hiobs Reichtum und seine Gewohnheiten geschildert. Hiob war wohlhabend und angesehen. Darin lag auch eine Erprobung. Hiob blieb bei Gott, als es ihm gut ging. Der normale Alltag prägt und formt uns. Hiob überhob sich nicht. Sein Reichtum stieg ihm nicht in den Kopf. Er wusste, dass alles Gottes Gabe war. »Entscheidet der sonnige Tag nicht darüber, was im Sturm geschieht? Schwere Augenblicke prägen uns nicht so sehr. Sie legen vielmehr Maß an uns an. Es ist das ruhige Wetter, das unser Leben formt, und zwar in der Weise, wie wir uns der Wahrheit oder dem Irrtum ergeben. Unsere Art, ich, mich und mein zu sagen, verrät sehr deutlich, wen wir letztlich verehren« (G. Frost). Gerade wenn Gott uns segnet, brauchen wir seine Bewahrung, damit sich das Bewusstsein in uns vertieft, dass alles Gottes Gnade und Gabe ist. Deshalb ist es wie eine Schutzmauer um uns, wenn wir ihm viel danken. (Lies Ps.103, 1-5; Joh.3,27; 2.Kor.3, 4-6; Gal. 6, 3; Kol. 3, 16.)
»Hiob war fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse.« In der Bibel ist immer wieder die Rede von »Gottesfurcht«. Sollen wir denn Angst vor Gott haben? »Hiob fürchtete Gott« heißt, dass er in Ehrfurcht vor Gott lebte. Er nahm Gott und seinen Anspruch auf sein Leben ernst. Gott war für ihn Realität und stand an erster Stelle. »Er mied das Böse.« Weil Hiob Gott ernst nahm, tat er Dinge nicht, von denen er wusste, dass sie Gott missfallen. Unsere Verbindung zu Gott hat zur Folge, dass wir uns dem Bösen verweigern und die Verbindung zum Bösen aufkündigen. Gott fordert uns in seinem Wort sogar auf, das Böse zu hassen. So ein Mensch war Hiob. Er hasste das Böse und schloss keine Kompromisse mit ihm. (Lies Hiob 28,28; Spr.3,7.8; Amos 5,15; 1.Kor.14, 20; 1.Thess.5,22.) In Vers 6 bis 12 tun wir einen Blick in die unsichtbare Welt und hinter die Kulissen des kommenden Geschehens. Gottes Urteil über Hiob lautete: »Mein Knecht!« Damit drückte Gott aus: Dieser Mann lebt für mich und dient mir, sein Herz hängt an mir. Was im Folgenden auf Hiob zukam, war kein Zufall. Es hatte seinen Hintergrund in der unsichtbaren Welt. Hiob ahnte nicht, dass Gott sagte: »Hiob, mein Knecht!« Doch Satan setzt immer ein Fragezeichen hinter das, was Gott spricht. Denken wir an seine Frage bei der Versuchung Evas: »Sollte Gott gesagt haben?« Die Art, wie Satan hier redet, ist typisch für ihn. Er ist »der Geist, der stets verneint«. Er ist negativ gepolt und stellt das Positive in Frage. Als »Verkläger unserer Brüder« versucht er, sich Gehör bei uns zu verschaffen und uns »auf jedes Haar in der Suppe« aufmerksam zu machen (1.Mose 3,1; lies Sach.3,1; Offb.12,10; Kol.3,12.13).
»Ist Hiob umsonst gottesfürchtig?« Hier liegt der Nerv des Buches. Ist Hiob wirklich Gottes Knecht? Ist nicht seine ganze Frömmigkeit letztlich Egoismus? Sie macht sich doch bezahlt für ihn! Gott hat Hiob reich gesegnet und einen Schutzzaun um seinen Besitz gezogen. Da kann er gut fromm sein! Gibt es überhaupt einen Menschen, dem es wirklich nur um Gott geht ohne Hintergedanken an den eigenen Vorteil? Vor Jahren äußerte Pastor Klaus Vollmer: »Wenn ich malen könnte, würde ich ein Bild malen: eine kleine Hand, die sich nach oben streckt und eine große Hand, die sich der kleinen von oben entgegenstreckt. Und dann würde ich noch ein zweites Bild malen: eine kleine Hand, die sich nach oben streckt und eine große Hand, die sich ihr von oben entgegenstreckt. - Ja, würde der Betrachter sagen, das sind doch haargenau die gleichen Bilder! - O nein!, würde ich antworten. Auf dem einen Bild will die kleine Hand das, was in der großen Hand drin ist! Und auf dem anderen Bild will die kleine Hand die große Hand!« Satan griff Gottes Ehre an, indem er behauptete: Du hast gar keine echten Freunde! Deine Freunde erkaufst du dir nur durch das, was du ihnen gibst! Lass sehen, ob dieser Hiob dir nicht den Abschied gibt, wenn es ihm schlecht geht! - Gott räumte Satan eine gewisse Verfügungsgewalt über Hiob ein, aber er setzte ihm Grenzen. »Alles, was er hat, sei in deiner Hand; nur nach ihm selbst strecke deine Hand nicht aus!« Satan darf nur so weit gehen, wie Gott es will. Gott setzt dem Maß der Versuchung die Grenze. »Gott aber ist treu; der wird nicht zulassen, dass ihr über euer Vermögen versucht werdet, sondern wird zugleich mit der Versuchung auch den Ausgang schaffen, dass ihr sie ertragen könnt« (1.Kor. 10, 13; lies 2.Kor. 2, 11; Eph. 4, 27; 1. Petr. 5, 8).
Hiob traf Verlust über Verlust. In kurzer Zeit wurden ihm seine Kinder und sein Besitz genommen. Das klingt zunächst unwahrscheinlich, aber im Krieg erlebte mancher Ähnliches. Wie reagierte Hiob darauf? Er beugte sich vor Gott. Er zerbrach nicht an dieser persönlichen Katastrophe, weil er sich vor Gott beugen und dahinter Gottes Hand sehen konnte. Nicht das Schicksal hatte ihn beraubt, sondern der Herr hatte ihm alles gegeben und dann wieder genommen. »Der Name des Herrn sei gelobt!« Alles verloren, aber Gott festgehalten! So können wir das Ergebnis dieser ersten Runde der Auseinandersetzung zwischen Gott und Satan zusammenfassen. Hiob diente Gott um Gottes willen, nicht um seiner Geschenke und Segnungen willen. Er bestand die Prüfung und erwies sich in der Tat als Knecht Gottes. Doch Satan ließ nicht locker und erschien wieder vor Gott: »Alles, was der Mensch hat, gibt er für sein Leben; aber strecke doch deine Hand aus und taste sein Gebein und sein Fleisch an, so wird er dir sicher ins Angesicht absagen!« Nun wurde Hiob noch größerer Hitze im Glutofen des Elends ausgesetzt. - Viele Menschen meinen, Gesundheit sei das höchste Gut, und daran ist Wahres. Alles gibt der Mensch für sein Leben und läuft unter Umständen zu Wunderheilern und gibt damit in manchen Fällen unwissentlich Satan Anspruch auf seine Seele, nur um gesund zu werden. - Satan behauptete hier Gott gegenüber: Wenn du Hiobs Gesundheit antastest, wird er dir mit Sicherheit den Abschied geben. Satan durfte diesmal weiter gehen mit der Drangsal, aber wie weit, bestimmte Gott. Auch wenn sich für Hiob Gott jetzt in Dunkel hüllte, galt ihm, dass Gott Gedanken des Friedens über sein Leben hatte und ihm Zukunft und Hoffnung geben wollte. (Lies Hiob 38,11; Jer.33,6.7; Klagel.3,22-26.)
Hiob 2, 7-10; 7, 3-6. 11. 13. 14; 19, 16-20. Hiob schildert die furchtbare Krankheit, die ihn getroffen hat. Der einst so anziehende Mensch wirkte jetzt abstoßend. Seine Frau ekelte sich vor ihm. Sie wurde zum Werkzeug der Anfechtung für ihn, indem sie fragte: »Was bringt dir deine Frömmigkeit ein? Häng deinen Glauben an den Nagel!« Hiobs Frau meinte, dass einem Frommen nichts Schweres zustoßen könne, wenn sein Glaube stimme. Wir meinen, »unser allmächtiger Leibwächter würde uns davor bewahren, unsere Arbeitsstelle zu verlieren, krank zu werden oder andere Missgeschicke zu erleiden, wie sie anderen Menschen passieren. Ich habe schon Gläubige kennen gelernt, die im Blick auf Gott bitter wurden, als in ihrem Leben etwas schief ging« (Chr. Thurman). Doch Hiobs Antwort war großartig: »Haben wir Gutes von Gott empfangen, sollten wir das Böse nicht auch annehmen?« Hiob wusste, dass er es in all seiner Not mit Gott zu tun hatte. Man gewinnt den Eindruck, dass nach den ersten zwei Kapiteln die Sache mit Satan abgeschlossen war. Hiob hatte sich in der Versuchung bewährt. Er hatte Gott nicht den Abschied gegeben, wie Satan behauptet hatte, obwohl Gott Hiob alles genommen hatte. Aber Gott ging es um mehr für Hiob. Sonst wäre Hiob nur das Opfer der Infragestellung Satans geworden. Doch es ist ein Geheimnis, wie Gott seinen Kindern im Verborgenen das Schwere in Segen verwandelt und alles zum Guten zusammenwirken lässt. »Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.« Worin das »Beste« und der Segen bestand, werden wir am Ende des Hiobbuches sehen (Röm. 8, 28; lies 1.Mose 50, 20; Röm. 8, 31-39; Phil. 1, 12. 13. 19. 20; Jak. 1, 2-4. 12. 17).
Hiob gab Gott zwar nicht den Abschied, aber er verstand ihn nicht mehr. In den Kapiteln 4 bis 27 werden die Gespräche zwischen Hiob und seinen Freunden wiedergegeben. Die Freunde hatten die Auffassung: Wenn du dich von Sünde fern hältst, segnet dich Gott. Wenn du dich der Sünde öffnest, straft dich Gott. Sie konnten Hiobs Unglück nur als Strafe für Sünde ansehen! (Hiob 4, 7-9; 11, 13-16; 22, 4. 5). So machten sie Hiobs Herz noch schwerer. Aber mit der Frage nach verborgener Schuld in seinem Leben hatte Hiob sich schon längst zermartert. Die Freunde hatten nicht den Mut, Hiobs Not, die sich jeder Erklärung entzog, einfach zu teilen. Sie schauten ebenso wenig wie Hiob hinter die Kulissen des Geschehens. Kennen wir diese Auffassung nicht auch, dass einer, dem Schweres widerfährt, fragt: »Womit habe ich das verdient? Ich habe doch immer geholfen, wo ich nur konnte, und keinem etwas Böses getan! Und nun geschieht mir so etwas!« Auch Hiob fühlte sich von Gott ungerecht behandelt und verzweifelte am Leben. »Warum bin ich nicht gestorben bei meiner Geburt? Warum bin ich nicht umgekommen, als ich aus dem Mutterleib kam« (3,11.12)? Alles wurde für ihn zum Rätsel. Er wusste ja nicht, dass Gott gesagt hatte: »Hiob, mein Knecht!« Ein Seelsorger gab auf solche notvollen Fragen die Antwort und den Rat: »Werde an Gottes Herzen nicht irre, wenn du auch einmal seine Hand nicht verstehst« (E. Frommel). »Darum lassen wir uns nicht entmutigen; sondern wenn auch unser äußerer Mensch zugrunde geht, so wird doch der innere Tag für Tag erneuert. Denn unsere Bedrängnis, die schnell vorübergehend und leicht ist, verschafft uns eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit« (2.Kor.4,16-18; lies Jes.26,3.4; 64,3; Ps.37, 5).
Gott hatte gesagt: »Hiob, mein Knecht!« Aber Hiob kannte den Hintergrund nicht für das Schwere, das ihn getroffen hatte. Wir werden durch das Wort Gottes in dieses Geschehen gleichsam als Zuschauer einbezogen, die hinter die Kulissen blicken und dadurch mehr wissen als Hiob. Wir sehen Hiob in der Arena des Leidens und der Anfechtung und möchten ihm zurufen: »Halte durch! Vertraue weiter, auch wenn du Gott nicht mehr verstehst!« Als der Pioniermissionar Hudson Taylor einmal einen völligen Zusammenbruch seiner Kräfte erlebt hatte, war er genötigt, längere Zeit untätig zu sein, obwohl er ganz dringend gebraucht wurde. Damals sagte er: »Ich kann nicht lesen, kann nicht klar denken, kann oft nicht einmal beten, aber ich kann vertrauen.« Gott hat sein Vertrauen nicht enttäuscht. Vertrauen - das ist der Weg, der uns bewahrt durch Leiden und Anfechtung hindurchführt. Ein Christ sagte: »Durch das Labyrinth des Leidens hilft nur der rote Faden des Vertrauens.« Er muss täglich neu ergriffen werden. (Lies Ps.25, 1-3; 27,14; 42,12; Röm. 8,18; Hebr.10,35.) Hiob fiel es in seinem Leiden schwer zu vertrauen. Aber er redete alle seine Fragen und Klagen an Gott hin. Er schüttete sein Herz vor Gott aus mit allem Unrat und aller Selbstgerechtigkeit. So blieb er trotz der inneren Kämpfe, die er durchmachte, bei Gott. (Lies Hiob 16, 19. 20; 30, 19-23.) Im tiefsten Schmerz Hiobs brach die Sonne durch, und er hielt daran fest, dass Gott ihn erlösen wird. So konnte er bezeugen: »Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und zuletzt wird er sich über den Staub erheben. Und nachdem diese meine Hülle zerbrochen ist, dann werde ich, von meinem Fleisch los, Gott schauen; ja, ich selbst werde ihn schauen, und meine Augen werden ihn sehen, ohne ihm fremd zu sein« (Hiob 19,25-27).
Hiob, den Gott »mein Knecht« genannt hatte, ließ sich durch seine Not und Verzweiflung nicht von Gott wegreißen. Aber wo ist der Knecht Gottes, der ihm im Leiden vollkommen vertraut? Der in Jesaja 53 beschriebene Gottesknecht war nicht eindrucksvoll und imponierend. »Er wurde verachtet, von allen gemieden. Von Krankheit und Schmerzen war er gezeichnet. Man konnte seinen Anblick kaum ertragen. Dabei war es unsere Krankheit, die er auf sich nahm. Er erlitt unsere Schmerzen. Wir aber dachten, diese Leiden seien Gottes gerechte Strafe für ihn. Wir glaubten, dass Gott ihn schlug und leiden ließ, weil er es verdient hatte.« (Lies Jes. 52, 13. 14; 53, 2-7. 11.) Hiob stellt schon eine Ankündigung des wahren, später in Jesaja 53 verheißenen Gottesknechtes dar, durch den die Frage nach dem Leiden des Gerechten im Tiefsten beantwortet wird. (Lies Phil.2, 5-11.) Hiob bewährte sich, weil er sich weder durch sein Leiden noch durch das Urteil seiner Frau und seiner Freunde von Gott wegtreiben ließ. Jesus Christus, der einzigartige Gottesknecht, ließ sich nicht vom Versucher (Matth. 4, 3-7), nicht von Petrus (Matth. 16, 22. 23), noch durch die am Kreuz Vorübergehenden (Matth. 27, 40-44) vom Weg des Vaters abbringen. Er vertraute dem Vater in Gethsemane, als er betete: »Vater, nicht mein, sondern dein Wille geschehe.« Unverbrüchlich hielt er an Gott fest in Nacht und Todesgrauen, als er am Kreuz hing, um unsere Schuld zu sühnen. Mit den Worten von Psalm 22 betete er: »Mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Gottes Angesicht war ihm verdunkelt, und er schien weit weg zu sein. Um unsertwillen musste er die Gottesferne erdulden, damit wir heute und für immer nahe bei Gott sein können.
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