David spricht in diesem Psalm mit Stolz, Verehrung und Bewunderung von seinem
Hirten. Bei ihm ist er völlig geborgen. Sein Hirte ist absolut vertrauenswürdig. David, der selbst in seiner Jugendzeit den Hirtenberuf ausgeübt hatte, weiß, wie sehr ein Schaf den Hirten braucht. - Der Hirte musste die Schafe vor wilden Tieren und vor der Witterung schützen, die Herde zusammenhalten, verirrte Schafe suchen und kranke Schafe pflegen. Ohne ihn sind die Schafe allen Gefahren hilflos preisgegeben. Sie können sich nicht wehren, weil sie weder ein scharfes Gebiss noch Klauen haben. Aber nun redet David hier von sich selbst als Schaf. Vielleicht wirkt das auf manchen Zeitgenossen wie eine Naivität oder Idylle aus früheren Zeiten, und wir verbannen diese Aussagen in die Welt des Kindes. Wer will schon mit einem Schaf verglichen werden? Doch David findet daran nichts Ehrenrühriges. Oft hatte er im Laufe seines Lebens den Herrn als seinen Hirten erlebt, der ihn führte, ihm Sieg schenkte und in Treue die Zusagen erfüllte, die er ihm gegeben hatte. (Vgl. 1.Sam.16,11-13; 17,37.45-50; 2.Sam.7, 8.9.11.16.18; 1.Kön. 8, 24.) »Der Herr ist ein Hirte« - das wird mancher bestätigen; aber mein Hirte? Es ist Gott sehr wichtig, dass wir ihn gerade als Hirten erkennen und erleben. Darum schenkte er uns Jesus als den einzigartigen guten Hirten. Dieser Hirte ist bereit, sein eigenes Leben für jeden Menschen gegen alles, was Menschenleben zerstört, einzusetzen, ja bis in den Tod hinzugeben. So groß ist seine Liebe. So echt seine Hingabe an uns und für uns (1.Petr.1,18.19). Ihm können wir uns bedenkenlos anvertrauen: »Danke, du guter Hirte, dass du auch mich vor dem Abgrund rettest. Ich möchte immer zu dir gehören. Übernimm du doch die Führung in meinem Leben« (vgl. Joh. 6, 37). Welche Echtheits-Merkmale des guten Hirten finden wir sonst noch in Johannes 10,1ff ?
Jakob, der Stammvater Israels, segnete zwei seiner Enkel im Namen des Gottes, »vor dem meine Väter Abraham und Isaak gewandelt sind und der mein Hirte gewesen ist mein Leben lang bis auf diesen Tag«. Als er später auch noch seine zwölf Söhne segnete, sprach er von Gott als »dem Hirten und Fels Israels«. Gott hatte Jakob, dessen Name »Überlister« bedeutet und der ein Betrüger war, den neuen Namen »Israel« - »Gottesstreiter« gegeben. Jakob hatte trotz seines Versagens Gott in seinem Leben als seinen Hirten erfahren, der ihn geführt und verändert hatte. Dass Gott der Hirte Jakobs war, macht uns, die wir unsere Unvollkommenheit und Sünde spüren, Mut, uns ihm auch anzuvertrauen und mit ihm als unserem Hirten zu rechnen. Mancher meint, er müsse sich erst bessern, ehe Jesus ihn annehmen könnte. Aber damit sind wir überfordert. »Jesus nimmt die Sünder an!« Er reinigt uns von unserer Schuld und nimmt uns mit zum Vater, der uns um seines Sohnes willen in seine Gemeinschaft aufnimmt. (Vgl. Jes.53,12; Luk. 15, 1-7; Eph. 2, 12. 13. 18. 19; 1. Tim. 1, 15.) Durch die Erfahrung der Liebe und Fürsorge des guten Hirten werden wir, die wir von Natur aus wie Jakob »schwarze Schafe« sind, verwandelt. Seine Liebe zu uns ist so tief, dass er sein Leben für seine Schafe dahingegeben hat. Es ist ein gewaltiges Vorrecht, dass wir zu ihm gehören dürfen. Wir können ihm mit den Worten von Paul Gerhardt (1653) danken:
Herr, mein Hirt, Brunn aller Freuden, du bist mein, ich bin dein, niemand kann uns scheiden. Ich bin dein, weil du dein Leben und dein Blut mir zugut in den Tod gegeben. Du bist mein, weil ich dich fasse und dich nicht, o mein Licht, aus dem Herzen lasse. Lass mich, lass mich hingelangen, da du mich und ich dich leiblich werd umfangen.
»Mir wird nichts mangeln.« Ist das nicht eine sehr kühne Aussage? Vielleicht können wir heute feststellen: »Mir mangelt nichts.« Aber wer kann das so sicher auch für die Zukunft sagen? Nur der, der zum guten Hirten gehört. Unsere Zukunft liegt in seiner Hand. »Mag sein, dass ich nicht alles habe, was ich mir wünsche, aber ich werde keinen Mangel an dem haben, was mir notwendig und heilsam ist. Mag eine Hungersnot unser Land verwüsten oder ein Unglück die Städte zerstören, mir wird nichts mangeln. Das Alter mit seinen Gebrechen wird daran nichts ändern, ja, selbst der Tod wird mich nicht verlassen vor- finden, . . . weil der Herr mein Hirte ist« (Ch. H. Spurgeon). Mag kommen, was will, wir sind die Kinder dessen, der das Geschick der Welt und jedes einzelnen Menschen in seiner Hand hält. Er wird morgen so mächtig sein wie gestern und heute. Davon erfahren wir noch mehr in Jesaja 44, 6; Hebräer 13, 8; Offenbarung 1, 17. 18. »Mir wird nichts mangeln« kann heißen: Ich vertraue der liebevollen und fachkundigen Fürsorge meines Herrn. Er hat mehr Weitblick als ich und weiß, was zu meinem Besten dient als Zubereitung für die Ewigkeit. (Lies Röm. 8, 28. 29.) Eine Frau, die in den letzten Monaten durch schwere Krankheitsnot ging, fasste ihr Erleben in die Worte: »Ich bin wie in Watte gepackt vom Herrn Jesus persönlich.« Was die Prognose der Heilung aus ärztlicher Sicht betrifft, schrieb sie: »Auch in dieser Frage wird Gott sich die Fäden nicht aus der Hand nehmen lassen, und ich bete, dass er seinen Weg mit mir geht, dahin oder dorthin, und ich vertraue und weiß, dass er keine Fehler macht, sondern Gutes mit seinen Kindern im Sinn hat.« Zur Vertiefung: Matthäus 10, 29-31; Philipper 1, 19-21; Hebräer 13, 5. 6; 5.Mose 2, 7; Psalm 34, 10. 11.
»Er weidet mich auf grünen Auen und führet mich zum frischen Wasser.« Ein ehemaliger Schafzüchter, W. Phillip Keller, schreibt: »Obwohl wir so einem wunderbaren Herrn gehören, sind manche Christen mit seiner Führung nicht zufrieden. Sie meinen, dass das Gras jenseits des Zauns doch noch etwas grüner sei. Man könnte sie Zaunschleicher oder halbe Christen nennen. Sie möchten die Vorzüge der Welt und die Fürsorge Gottes genießen. Und das geht nicht. Ich besaß einmal ein Mutterschaf, das verhielt sich genau wie diese Menschen. Es hatte viele Vorzüge, und doch hatte es einen großen Fehler: Es war unruhig und unzufrieden - ein Zaunschleicher. Dieses eine Mutterschaf machte mir mehr Mühe und Schwierigkeiten als die ganze restliche Herde zusammen. Egal auf welchem Weideland sich die Schafe befanden, dieses Schaf lief immer am Zaun entlang, um irgendwo ein Schlupfloch zu finden, durch das es entwischen konnte, um auf der anderen Seite weiterzufressen. Nicht, dass es keine gute Weide gehabt hätte. Unser Gras war erstklassig. Doch es zwängte sich durch ein Loch im Zaun und fand sich auf einem dürren Stück Land wieder. Es lernte nichts aus solchen Erfahrungen. Schlimmer war, dass es seine Lämmer zum gleichen Verhalten verführte. Noch schlimmer war aber, dass es auch den anderen Schafen mit schlechtem Beispiel voranging.« Die Unzufriedenheit kann uns wer weiß wohin bringen! »Sei nun wieder zufrieden, meine Seele; denn der HERR tut dir Gutes« (Ps. 116, 7; lies 1. Kor. 10, 6-11; Eph. 5, 6-8; Hebr. 10, 24. 25; Spr. 19, 3; 26, 20; Klagel. 3, 39). Heute ist ein Tag, an dem ich die Dinge, die meiner Seele den Frieden und die Zufriedenheit geraubt haben, aus meinem Leben verbannen kann.
»Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.« Der Hirte hatte die Aufgabe, im Ödland nach Weide- und Wasserplätzen für seine Herde zu suchen. Das war mühsam, weil man damals keine Weideflächen anlegte. Jesus führt uns in seinem Wort auf »grüne Auen«, denn »der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes geht« (Matth.4, 4). Gott will uns speisen und sättigen mit seinem Wort. Gönnen wir uns die Zeit dafür? So schnell gleichen wir einem abgemagerten Schaf, das auf schlechter Weide kein Futter fand. Schafe sind übrigens Wiederkäuer, die dadurch ihre Nahrung optimal verwerten. Das Wiederkäuen wird zum Bild für unser Nachdenken über Gottes Wort. Wir werten die geistliche Nahrung richtig aus, wenn wir uns auch tagsüber das Wort Gottes, das wir morgens während unserer Stillen Zeit gelesen haben, ins Gedächtnis rufen und mit Gott darüber reden. Dann wird es sich auswirken in unserem Alltag und uns verändern. Wir tappen auch nicht mehr im Dunkeln, sondern sein Wort bringt Licht in die Dunkelheit unserer Gedanken, Gefühle, Worte und Taten. So wird es hell in unserem Herzen, dass wir erkennen, wer Jesus ist und was sein Wille für uns ist. »Wie Gott einmal befahl: Es werde Licht!, so hat er auch die Finsternis in uns durch sein helles Evangelium vertrieben« (2.Kor.4, 6). »Ihr wart einst Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Lebt als Kinder des Lichts! Die Frucht des Lichts besteht in aller Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit.« Weiter dazu Epheser 5, 8-14; Johannes 1,5; 3,19-21; 6,35.67-69; 8,12.
»Er lagert mich auf grünen Auen und führet mich zu Wassern der Ruhe.« 1.Damit ein Schaf sich lagert, muss es gesättigt sein. Hungrige Schafe bleiben auf den Beinen und suchen ständig nach Futter, um ihren nagenden Hunger zu stillen. Wenn unsere Seele nicht gesättigt ist vom Wort Gottes und nicht erfüllt von seinem Frieden, den der Heilige Geist wirkt, dann suchen wir unseren Hunger und Durst nach Leben auf andere Weise zu stillen. Schmutzlöcher und Tümpel bieten sich als Durstlöscher an, aber man infiziert sich an ihnen und holt sich Parasiten. Der gute Hirte bot der samaritischen Frau, die versucht hatte, ihren Lebensdurst durch wechselnde Partnerschaften zu stillen, lebendiges Wasser an: »Jeden, der von diesem Wasser trinkt, wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, den wird in Ewigkeit nicht dürsten.« (Vgl. Joh. 4, 10-26.) Jesus lädt uns ein: »Wenn jemand dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leben werden Ströme lebendigen Wassers fließen.« (Vgl. Joh. 7, 37-39.) Wir trinken, indem wir an Jesus glauben, wie es das Wort Gottes uns sagt. Zum Staunen ist, dass wir dann zu Wegweisern für andere hin zur Lebensquelle werden. (Vgl. Joh. 4, 39-42.) Jesus hat Worte voller »Geist und Leben« (Joh. 6, 63). Wer davon erst einmal geschmeckt hat, den kann nichts anderes mehr im Tiefsten befriedigen und sättigen. Es erscheint ihm flach, hohl und oberflächlich. Deshalb reicht kein Buch an die Heilige Schrift heran. Sie ist außer Konkurrenz, weil Gott, der die Welt durch sein Wort erschuf, bis heute weiter durch sein Bibelwort neues Leben in uns und anderen Menschen schafft. (Vgl. Jer.23,28.29; Matth.24,35; Hebr.4,12.13; 1.Petr.1,23-25.)
»Er lagert mich auf grünen Auen.« 2.Nur Schafe, die frei von Angst sind und sich sicher fühlen, lagern sich. Solange sie eine Gefahr wittern, bleiben sie auf den Beinen. Nur eins bringt sie zum Lagern und Entspannen: wenn ihr Hirte bei ihnen ist. Gibt es nicht viele Szenarien, die uns Angst einjagen und erschrecken könnten? Wir sind zwar keine »Angsthasen«, aber den ängstlichen Schafen ähnlich. Wir entspannen tief bis innen hinein, wenn unser Hirte bei uns ist. Im Unterschied zu den Schafen, die ihren Hirten sehen und hören, haben wir sein Wort. Ihm sollen wir vertrauen, auch wenn wir den Hirten selber nicht sehen und hören können. Er hat uns das umfassende Versprechen gegeben: »Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende« (Matth. 28, 20; lies 1. Petr. 1, 8. 9; Joh. 20, 29; 2.Kor. 4, 18). »Wer will uns scheiden von der Liebe Christi?«, ruft der Apostel Paulus in Römer 8 aus. Dann führt er alle möglichen uns Furcht einflößenden Schrecknisse auf und kommt zu dem triumphierenden Ergebnis: »Ich bin gewiss, dass nichts uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unsrem Herrn.« »Sollte diese gegenwärtige Zeit dich durch die schwarze Nacht großer Leiden führen, so verherrliche Gott durch ein zuversichtliches Vertrauen auf ihn!« (Ch. H. Spurgeon). Gott hat uns, als wir ihm unser Leben anvertrauten, seinen Geist als Helfer gegen die Angst geschickt, der immer bei uns und in uns ist. Daran erinnert Paulus Timotheus: »Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit« (2.Tim. 1, 7; lies Ps. 3, 6. 7; 4, 9; Jes. 41, 10. 13. 14; Mark. 4, 37-40).
3. Phillip Keller schreibt: »Schafe legen sich nicht zur Ruhe, bis bestehende Spannungen zwischen einzelnen Schafen beseitigt sind. Es gibt Eifersüchteleien und oft einen harten Konkurrenzkampf innerhalb der Herde. Diese andauernden Rangeleien können sich in höchstem Maß schädlich auswirken. Die Schafe werden empfindlich und unruhig. Sie verlieren an Gewicht und werden reizbar. Eins war für mich jedoch immer wieder interessant: Sobald ich auf der Bild- fläche erschien und die Schafe auf mich aufmerksam wurden, vergaßen sie sofort ihre Streitereien und hörten auf zu kämpfen. Die Gegenwart des Hirten veränderte ihr Verhalten völlig.« Geht es uns nicht ähnlich wie den Schafen, dass uns Spannungen untereinander viel Kraft rauben können? Oft sind sie die eigentlichen Stressverursacher, die uns nicht zur Ruhe und »zum Lagern« kommen lassen. Doch wenn wir damit in die Gegenwart unseres Hirten gehen, empfangen wir Hilfe. »Die Sonne gehe nicht unter über eurem Zorn.« Er will, dass wir uns baldmöglichst wieder aussöhnen. »Ist es möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.« Eine Atmosphäre der Liebe bewirkt Entspannung und Freude. (Lies Matth. 5, 9; Joh. 13, 34. 35; Röm. 15, 5. 7; Kol. 3, 13-15; Hebr.12,14; Jak.3,5.6.16-18.)4. Solange Schafe von Fliegen, Zecken oder anderen Quälgeistern belästigt werden, legen sie sich nicht nieder. Jesus stellt nüchtern fest, dass jeder Tag seine eigene Plage hat (Matth.6,34). Sie besteht in Überlastung, Enttäuschung, Misslingen, durchkreuzten Plänen . . . Wir ärgern uns darüber und verbreiten eine ungute Stimmung. Gehen wir doch zu unserem Hirten mit den Quälgeistern, die uns belästigen: mit allem Kummer und Missgeschick. Sein Geist vermag uns trotz der ärgerlichen Lage einzuhüllen in den Frieden Gottes, uns zu trösten und uns Ruhe und Gelassenheit zu schenken. Dazu Philipper 4, 6. 7; Johannes 14, 27; 2.Thessalonicher 3, 16.
»Er erquickt meine Seele.« Wir können auch übersetzen: »Er bringt meine Seele zurecht.« In dieser Aussage schwingt etwas Zartfühlendes, Liebevolles mit. Unser Hirte weiß, was wir gerade nötig haben. Manchmal wissen wir selbst nicht, was mit uns los ist, warum wir so niedergeschlagen und bedrückt sind. Doch er kennt uns besser, als wir uns selbst kennen. Er bringt uns wieder zurecht, indem er uns durch sein Wort anspricht, tröstet, ermutigt, Sünde vergibt und uns in seinem Dienst gebraucht. Er weiß, wie er jeden von uns wieder auf die Beine stellen kann. (Lies Ps.19,8; 34, 5-7; 42,12; Jes.57,15.) W. Phillip Keller weist darauf hin, dass ein Schaf total hilflos ist, wenn es durch Schwerpunktverlagerung plötzlich auf dem Rücken landet. Es kann allein nicht wieder aufstehen, »gerät in Panik und beginnt zu strampeln. Aber alle Anstrengung ist vergeblich. Nur der Hirte kann ihm wieder aufhelfen. Deshalb ist es wichtig, dass er die Schafe jeden Tag zählt. Fehlt eins, ist sein erster Gedanke: Mein Schaf liegt irgendwo auf dem Rücken. Ich muss es suchen und wieder auf die Beine stellen. « Ein auf dem Rücken liegendes Schaf ist gefährdet von Raubtieren. Gerade wenn wir niedergeschlagen und entmutigt sind, können wir zu einer leichten Beute für den werden, der umhergeht »wie ein brüllender Löwe« und uns zu verschlingen versucht (1. Petr. 5, 8). Wie er das macht? Er suggeriert uns, dass doch alles sinnlos sei oder malt uns zahllose Schreckensbilder vor Augen, was alles geschehen könnte. Wie leicht vergessen wir dann unseren guten Hirten, seine Liebe, seine Macht und versinken in Kleinglauben. Bis unser Hirte kommt und uns wieder auf die Beine stellt! (Lies Ps. 119, 176; 145,18.19; Jes.38,17; Mark.8,14-21; 1.Petr.5,7-9; Luk.22,31.32.)
»Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.« »Einen Hirten haben heißt unter einer klaren Führung stehen. Erwählung - Führung - Gehorsam - Nachfolge sind die Grundworte in diesem Verhältnis des Hirten zu seiner Herde« (H. Lamparter). Wir werden nicht von einem unpersönlichen Schicksal wie ein Blatt im Wind hin und her geweht, sondern von unserem guten Hirten »auf rechter Straße« geführt. Das gibt uns Geborgenheit. Wir müssen nicht durch Versuch und Irrtum einen Weg aus tausend Möglichkeiten herausfinden, der uns zu entsprechen scheint. Gott verspricht uns persönliche und sichere Führung durch sein Wort. Sie wird sich immer innerhalb des großen Freiraums seiner Gebote bewegen und doch so, dass Gott jedem persönlich gerecht wird. Der Hirte sucht die richtigen Wege aus (wörtlich »Pfade der Gerechtigkeit«), damit seine Herde und jeder Einzelne darin ans Ziel kommt. Gott wird es gut mit uns machen, auch wenn wir den Weg nicht überblicken: 1.Mose 50,20. Das Echtheits-Zeichen der Schafe liegt in ihrer Hör- und Folgebereitschaft: »Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir« (Joh.10,27). Die Befähigung dazu haben wir durch die wunderbare Gottesgabe des Heiligen Geistes erhalten: Lies Römer 8, 14-17 und Johannes 14, 15-17. 26. Wenn der gute Hirte uns durch seinen Geist leitet, wenn er uns beim Bibellesen, im Gebet, bei der Arbeit oder unterwegs im Herzen anspricht, werden wir immer neu herausgefordert, zu hören und zu tun, was er uns klarmacht. Das gilt für große Entscheidungen (Berufs-, Partnerwahl, Wechsel des Arbeitsplatzes, Umschulung) wie für die vielen kleinen Entscheidungen im Alltag. Wir dürfen ganz schlicht bitten: »Zeig mir den Weg, den ich gehen soll, denn mich verlangt nach dir. Lehre mich tun nach deinem Wohlgefallen, denn du bist mein Gott; dein guter Geist führe mich auf ebner Bahn« (Ps. 143, 8. 10; lies Ps. 32, 7. 8).
»Denn dazu seid ihr berufen, weil auch Christus für euch gelitten und euch ein Vorbild hinterlassen hat, dass ihr seinen Fußtapfen nachfolgt.« Bei den Wegen, die unser Hirte uns führt, geht er immer voraus. Unsere göttliche Berufung ist es, in seine Fußtapfen zu treten. Wenn wir ihm nachfolgen, können wir nicht mehr die ausgetretenen Pfade des Stolzes und der Selbstbehauptung gehen - und sei es, dass wir uns »nur« durchzusetzen suchen nach dem Motto: »So habe ich das schon immer gemacht!« oder: »Die anderen tun es doch auch!« Besser ist es, wenn wir uns - innerlich wach und flexibel - an unserem Hirten orientieren. Jesus geht so anders mit Menschen um als wir. Vergleiche dazu Markus 6,30-34 und Johannes 8, 1-7. Der Herr öffnet uns auch die Augen für Schuld, die wir auf den alten Wegen auf uns geladen haben. Wie David können wir bitten: »Wasche mich gründlich von meiner Schuld und reinige mich von meiner Sünde. Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz« (Ps. 51, 4. 9). Das gereinigte Herz ist fähig, die Fußtapfen von Jesus wahrzunehmen und seine Führung zu erfahren. »Deine Ohren werden hinter dir das Wort hören: Dies ist der Weg; den geht! Sonst weder zur Rechten noch zur Linken! « (Jes. 30, 21). Doch »die Führung Gottes äußert sich im Unterschied zu den Geboten mit einem gewissen Zögern, fast nur wie ein Vorschlag, und das bringt zum Ausdruck, dass die Entscheidungsfreiheit des handelnden Menschen respektiert und nicht mit Gewalt eingeschränkt wird. Sie kommt als das stille, sanfte Sausen« (1.Kön. 19, 12) (Klaus Bockmühl). Dazu Psalm 4, 4; 25, 4. 5. 8. 9. 12; 27, 11; 86, 11. Herr, lass deinen Weg mich wissen, hilf mir gehn in deiner Spur! Lass mich deine Hand nicht missen, halt mich täglich bei dir nur! Herr, du siehst, was mich bedrängen und im Laufe hindern will. Schenk du mir aus Angst und Engen neu den Ausblick auf das Ziel. Lass mir in den Dunkelheiten leuchten, Herr, dein Angesicht, - durch die Nächte mich begleiten deines Wortes klares Licht! Diakonissenmutterhaus Aidlingen
»Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.« Jesus hat uns den Namen und damit das Wesen des Vaters offenbart. Sein Name steht für seine Person. Jesus wollte, dass seine Nachfolger auf den Namen des dreieinigen Gottes getauft werden (Matth.28,19). Er hat seinen Namen mit uns verbunden, ähnlich wie ein Bräutigam bei der Eheschließung seinen Namen mit der Braut verbinden kann. Dass wir seinen Namen tragen dürfen, drückt aus, dass wir für Zeit und Ewigkeit zu ihm gehören. Nach seinem Namen heißen wir »Christen« (Apg. 11, 26). Mit seinem Namen verbürgt er sich, dass er uns auf Wegen der Gerechtigkeit ans Ziel in unser himmlisches Zuhause führen wird. »Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück. Denn du bist bei mir.« Im Orient war es damals für einen Hirten nicht leicht, geeignete Weideplätze und Wasserstellen für seine Schafe zu finden. Um dorthin zu gelangen, musste er mit seiner Herde oft auch schwierige Wegstrecken zurücklegen. In der Hitze des Tages konnten die Schafe nicht weit laufen. Also war es nötig, bei Nacht mit ihnen zu ziehen, möglichst bei Mondschein. Entscheidend war, dass der Hirte bei ihnen war. Er führte sie durchs dunkle Tal, um sie auf bessere Weiden zu bringen. Sicher hielten sich die Schafe auf dem finsteren und gefahrvollen Weg näher zu ihrem Hirten. Nie klammern wir uns so an den Herrn und wissen uns so abhängig von ihm wie in Zeiten der Not und Anfechtung. Zweitrangiges tritt zurück. Wir lesen das Wort Gottes erwartungsvoller und aufmerksamer. Gerade in den dunklen Tälern erleben wir ihn am meisten. Quellen des Segens entspringen darin. Solch ein »Talweg« bereitet uns, wenn wir ihn durchwandern, keine Freude. Aber wenn wir bei ihm am Ziel sind, werden wir seine Führung verstehen und ihn dafür preisen. Mehr dazu in Psalm 66, 12; Römer 8, 17. 18; 2.Korinther 4, 17. 18; 1. Petrus 1, 6. 7.
In Vers 4 geht David über von der staunenden und liebevollen Beschreibung seines Hirten zum persönlichen Gespräch mit ihm. »Auch wenn ich wandere im Tal des Todesschattens, fürchte ich kein Unheil, denn du bist bei mir.« Der Tod ist auch für uns als Kinder Gottes ein dunkles Tal, durch das wir wandern müssen, in dem wir aber nicht bleiben werden. »Wir wandern durch die dunkle Schlucht des Todes und treten plötzlich in das helle Licht der Ewigkeit. Wir sterben nicht, sondern wir legen uns gewissermaßen nur schlafen, um in der Herrlichkeit zu erwachen. Auch heißt es nicht: Tal des Todes, sondern Tal des Todesschattens. Wir wissen, dass der Tod besiegt und nur sein Schatten übrig geblieben ist. Kein Mensch fürchtet sich vor einem Schatten, denn ein Schatten kann niemandem auch nur einen Augenblick den Weg versperren. - Darum fürchte ich nichts Übles. Die schlimmsten Übel sind diejenigen, die nur in unserer Einbildung vorhanden sind. Wenn wir uns an den wirklichen Übeln genug sein ließen, würden wir nicht den zehnten Teil der Sorgen haben, die uns jetzt bedrücken. Wir erleiden tausend Tode, weil wir den einen fürchten. David aber war von dem Übel der Furcht geheilt, denn er wusste: Du bist bei mir « (Ch. H. Spurgeon). Auch wenn uns alle Sinne schwinden und kein Mensch uns begleiten kann, gilt: »Du bist bei mir.« (Lies Ps.73, 23-26.) Das Sterben ist nicht Endstation, sondern Durchgang zur Herrlichkeit und ewigen Gemeinschaft mit unserem dreieinigen Gott. Seit Jesus am Kreuz den Tod besiegt hat, kann dieser uns nicht mehr festhalten, weil er Jesus nicht halten konnte, und wir gehören zu ihm, ja sind einsgemacht mit ihm. Für die Erlösten ist der Tod der Eingang in das Leben, wo wir vom Glauben zum Schauen gelangen werden. Mehr dazu in Hebräer 2, 14. 15; 2. Timotheus 1, 10; 1. Korinther 15, 50. 54. 55; 2. Korinther 4, 16; 5, 8.
»Du bist bei mir. Dein Stecken und Stab trösten mich.« Der Stecken ist eine Keule, mit der der Hirte wilde Tiere und Angreifer abwehrt. Sein Stab ist ein Zeichen seiner Fürsorge für seine Tiere. Mit ihm führt er die Herde und lenkt einzelne Schafe. Sanft berührt er ein Tier damit, und es weiß, wohin es gehen soll. So macht es Gott auch mit seinen Kindern. Meist leitet er uns durch Worte der Bibel. Ebenso kann er uns warnen oder ermutigen durch die innere Stimme des Heiligen Geistes. Auch das Gespräch mit einem seelsorgerlichen Menschen gebraucht Gott dazu. »Das Leben besteht aus vielen Schritten. Einer ist immer der nächste. Ob wir ihn tun sollen, ob wir ihn meiden müssen, wohin wir ihn lenken sollen - das erfahren wir am sichersten, wenn wir im betenden Umgang mit dem lebendigen Gott bleiben« (K.-H. Bormuth). Der Heilige Geist gebraucht das Wort Gottes, um uns die Wahrheit zu lehren, uns von Sünde zu überführen und uns zu verändern, damit wir so leben, wie es Gott gefällt. Hilfreich ist es, wenn wir Worte der Bibel auswendig lernen, auch wenn wir sie oft wiederholen müssen, bis wir sie uns merken können. Durch sein Wort spricht Jesus zu uns und haben wir Gemeinschaft mit ihm. Er vermag uns dadurch zurückzuholen aus dem Labyrinth unserer Sorgen und Ängste, in die wir uns manchmal verrennen. Durch den Stab seines Wortes kann er uns auch von den Dornen der Sünde lösen, in die wir uns so leicht verfangen. Wagen wir es, uns seinem Wort auszusetzen! Jesus preist die Menschen selig, die Gottes Wort hören und bewahren. Er meint damit die, die es in die Praxis umsetzen (Luk. 11, 28; lies Matth.7,24.26; Kol.3,16; Jak.1,22; Ps.1,2.3; 119,97).
»Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.« David wechselt das Bild. »Der Hirt wird zum Wirt« (H. Lamparter). Gott selbst lädt uns als königlicher Gastgeber ein an seinen Tisch. Er will schon jetzt Gemeinschaft mit uns haben, die in seinem himmlischen Reich noch viel umfassender fortgesetzt werden wird. (Vgl. Jes. 25, 6-8; Luk. 13, 29; 14, 15-23.) Das festliche Mahl mit dem reich gedeckten Tisch drückt aus, dass wir bei Gott die Sättigung erfahren, nach der wir in der Welt vergeblich hungern. Es ist einsichtig, dass uns nur die Gemeinschaft mit demjenigen Lebenserfüllung schenken kann, der uns als Gegenüber für sich erschaffen hat. »Du machst mich satt und glücklich wie bei einem Festmahl«, bekennt David seinem Gott. (Lies 1.Mose 1,26.27; Ps.17,15; 34,9; 36,8-10; 42,2.3; 43,4.) »Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.« In der Hitze des Orients war es eine erfrischende Wohltat, wenn der Gastgeber seinem Gast Öl auf das Haupt goss. Öl ist an manchen Stellen der Bibel ein Bild für den Heiligen Geist. »Gott hat uns gesalbt . . . und in unsre Herzen das Pfand des Geistes gegeben« (2.Kor.1,22; Gal. 4, 6). Er kann bewirken, dass wir trotz der Hitze des Tages und angesichts unserer inneren und äußeren Feinde seinen Frieden im Herzen behalten. Gerade wenn wir in Gefahr sind, uns an Kleinigkeiten aufzuhalten, gereizt zu werden oder gar »die Wände hochzugehen«, brauchen wir die Salbung mit dem Heiligen Geist. W. Phillip Keller betete: »Herr, ich kann mit diesen Widerwärtigkeiten nicht fertig werden. Ich rege mich auf und ärgere mich. Bitte gieße das Öl deines Geistes auf mein Gemüt. Nimm mich unter deine Herrschaft, damit ich so reagiere, wie du es von mir erwartest.« Der Herr wird auf diese Bitte antworten. (Vgl. Röm. 8,12.13; Gal.5,16.22.25.)
»Lauter Güte und Gnade werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.« Das klingt, als wäre David von Natur aus ein Optimist gewesen. Doch er kannte dunkle Zeiten, zum Beispiel als er von Saul verfolgt wurde. Die Not schien kein Ende zu nehmen. »Da sprach David in seinem Herzen: Ich werde doch eines Tages Saul in die Hände fallen.« So floh er zu den Philistern (1. Sam. 27, 1). David kannte Kleinglauben und Verzagtheit ebenso wie wir. Aber er blieb nicht darin. Einige Zeit später heißt es: »David aber hielt sich fest an dem Herrn, seinem Gott« (1. Sam. 30, 6). Zusammenfassend wird berichtet: »Und Saul suchte ihn (David) sein Leben lang. Aber Gott gab ihn nicht in seine Hand« (1. Sam. 23, 14). Am Ende seines Lebens stellte David fest: »Er hat einen ewigen Bund mit mir gemacht. All mein Heil und alles, was ich begehrte, ließ er es nicht aufsprießen« (2. Sam. 23, 5)? Damit bestätigte David, dass lauter Güte und Gnade ihm sein Leben lang gefolgt sind, trotz aller dunklen Täler, die er durchwandern musste. So hatte er Gottes Bundestreue erfahren. Welche Zukunftsperspektive haben wir? Weil der gute Hirte sein Leben für uns gelassen hat, stehen auch wir mit Gott in einem Bundesverhältnis. (Lies Hebr. 13, 20. 21.) Wir können Tag für Tag verbunden sein mit Jesus wie die Rebe mit dem Weinstock durch seinen Geist, der in uns wohnt (Joh. 15, 4. 5; 17, 23). Außerdem verspricht Jesus seinen Schafen: »Ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden in Ewigkeit nicht umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.« Wir können jetzt schon hier in der Zeit und dann in Ewigkeit bei unserem Hirten sein, sodass wir mit David sagen können: »Ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.« Mehr dazu in Philipper 3,20.21; 1.Thessalonicher 4,17b; Offenbarung 7,16.17; 21,3.4; 22, 3-5.MIT JESUS IM ALLTAG LEBEN - EMPFEHLUNGEN AUS JAKOBUS 2
I. ICH WEISS, WORAN ICH GLAUBE (2,1) Jakobus, der Autor des Briefes, hat Jesus persönlich als »Herrn der Herrlichkeit« erkannt und anerkannt (vgl. 11. Sept. 03). Er hat zum Glauben an den Sohn Gottes gefunden und Anschluss an die Jerusalemer Urgemeinde. Es ist Jakobus wichtig, die zwischenmenschlichen Beziehungen im Licht der gemeinsamen Glaubensgrundlage zu betrachten: »Meine Brüder, habt den Glauben des Jesus Christus . . . !«, so die wörtliche Übersetzung. Ist uns der feine Unterschied zu anderen Bibelübersetzungen aufgefallen? Im Vergleich zu Apostelgeschichte 16, 31 (»glaube an den Herrn Jesus!«) formuliert Jakobus »habt den Glauben des Jesus Christus«. Daraus dürfen wir schließen: Wer an den Herrn Jesus Christus glaubt, besitzt denselben Glauben, den auch Jesus hat. Das lässt sich an seinem Leben auf der Erde ablesen. Wir lesen einige biblische Belegstellen und überlegen jeweils, wie Jesus den Glauben gelebt hat: Matthäus 4, 1-11; Lukas 6,12.13; Johannes 6, 8-15; Markus 4, 37-41; 14, 32-36. Gewiss, wir sind nicht Jesus. Christen sind und bleiben gerettete Sünder und damit begrenzte Menschen. Aber wir tragen Jesus, den »Anfänger und Vollender des Glaubens«, im Herzen. Wie wichtig, dass unsere Umwelt das mitbekommt und an unserer Lebensführung ablesen kann, wie gut es ist, Jesus zu kennen und Jesus zu lieben. »Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen. Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, dass Christus Jesus an mir alle Geduld erweise, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben« (1.Tim.1,15. 16). »Niemand verachte dich wegen deiner Jugend; du aber sei den Gläubigen ein Vorbild im Wort, im Wandel, in der Liebe, im Glauben, in der Reinheit« (1.Tim.4,12).
Zielgerichtet lenkt Jakobus den Blick auf Jesus Christus als »Herrn der Herrlichkeit «. Wir wenden uns dem Stichwort »Herrlichkeit« zu:
vierfach übersetzt mit »Klarheit, Glanz« (Luk. 2, 9), »Ehre« (Joh. 5, 44), »Herrlichkeit « (Matth.6,13) oder »Ruhm« (Röm.3,23). 3. Wo immer der Ausdruck Herrlichkeit im Alten und Neuen Testament auf Gott bezogen wird, meint er das Offenbarwerden, die wahrnehmbare Ausstrahlungskraft Gottes, und zwar unter der Betonung des Eindrucks, der bei Menschen hervorgerufen wird. Einige biblische Beispiele verdeutlichen diese Begriffsbestimmung sehr eindrücklich: Jesaja 6, 1-6; Daniel 8, 18; 10, 8. 9. 10; Lukas 1, 11.12; 1,26-29; 2, 8.9; Matthäus 17, 1-6; Offenbarung 1,12-17. 4. Inhaltlich bedeutet die göttliche Herrlichkeit ein Dreifaches: Zuerst meint Herrlichkeit Gottes seine unübertroffene Schöpferherrlichkeit (1.Mose 1; Ps.19, 2; 29, 1ff; 1.Kor. 15, 40. 41). Dann begegnet uns Herrlichkeit Gottes als heiliger Lichtglanz (2.Mose 14,16-20; 24,16.17; 40,34.35). Kein Mensch kann sich von Hause aus in der hochheiligen Lichtnähe Gottes aufhalten: 1. Timotheus 6, 16. Wenn schon Laserstrahlen töten können, wie viel intensiver muss die brennende, verzehrende Lichtherrlichkeit Gottes sein (Hebr.12,29)! Und doch liegt allein in diesem Licht unser Leben und Heil beschlossen. Darum musste die Lichtherrlichkeit Gottes so zu uns Menschen kommen, dass wir durch sie nicht vernichtet, sondern aufgerichtet werden. Es soll unser ganz persönliches Bekenntnis werden, was viele Menschen Gottes vor uns erfahren haben: »Der Herr ist mein Licht und mein Heil« (Ps.27, 1-4; 36,10; 97,11; Jes. 2,5; 60, 1-3).
Die Lichtherrlichkeit Gottes soll unser Leben hell und froh, frei und dynamisch machen. Darum offenbarte Gott seinen Lichtglanz in einer fassbaren Menschenperson - in seinem Sohn Jesus Christus. Er ist der »Abglanz des Lichtglanzes Gottes« (Hebr.1,3; vgl.31.Aug.03) und gehört ganz in die heilige Nähe seines Vaters. Zugleich ist Jesus das Licht Gottes in Menschengestalt (Joh.1,14; 8, 12; 12, 36. 46). Welch ein Wunder! Gott bettete all seine Herrlichkeit hinein in ein kleines, zerbrechliches Menschenleben - Kind in der Futterkrippe, Wanderprediger ohne viel Geld und ohne ein eigenes Zuhause, Dienstherr seiner Jünger, Freund der Zöllner und Sünder, Feind der jüdischen Theologenschaft, Todeskandidat und Schmerzensmann bis hin zum Tod am Kreuz. Gerade dort, wo die Finsternisnacht am schwärzesten über der Menschheit hing, brach sich die Licht-Herrlichkeit Gottes am Ostermorgen energisch Bahn. Gottes Herrlichkeit zeigt sich zum dritten als majestätische Siegesgewalt. Jesus Christus hat den glänzenden Sieg über die Diktatur der Sünde, des Todes und des Teufels errungen. Nun können wir uns zuversichtlich auf den Weg in die Lichtherrlichkeit Gottes machen. Wir dürfen in den Ausstrahlungsbereich des Herrn der Herrlichkeit eintreten. Alle unsre Verkehrtheiten kommen ans Licht. Wir dürfen sie bei ihm abgeben. Dann wird unser Leben hell und klar. Dann bekommen wir Kraft, das alte Leben mit den vielen Reizbarkeiten und Lieblosigkeiten abzulegen und der Siegesmacht, die Jesus uns gebracht hat, zu vertrauen. Philipper 2, 1-11 kann uns dabei helfen. Gebet: Herr, warum bin ich so mutlos? Muss ich denn verzweifeln? Auf dich will ich hoffen! Ich lobe dich und vertraue dir, weil du mir so gern hilfst. Herr, sieh nicht auf meine Verfehlungen, tilge meine ganze Schuld! Schaffe mich neu: Gib mir ein Herz, das dir völlig gehört und gehorcht. Mach mich doch wieder froh durch deine Hilfe. Amen.
II. CHRISTEN VERZICHTEN AUF SELBSTHERRLICHKEIT (2, 1-13) Jakobus betont nachdrücklich, welches Erkennungszeichen der »Glaube unseres Herrn der Herrlichkeit« hat. Der biblische Urtext ist sprachlich gedrängt formuliert und kann am besten so wiedergegeben werden: »Meine Brüder, lebt euer Glaubensverhältnis zu Jesus Christus, unserem Herrn der Herrlichkeit, nicht so, dass ihr die Glaubensgeschwister nur nach ihrem äußeren Erscheinungsbild bewertet!« Jakobus setzt sich gründlich und scharf mit einem typisch menschlichen Problem innerhalb der christlichen Gemeinde auseinander. Der damalige geschichtliche Hintergrund - die Verse 2-7 machen ihn transparent - lässt sich kurz zusammenfassen: Viele jüdische Gemeinden versuchten, die Einheit im Glauben durch den äußeren Vollzug des religiösen Brauchtums herzustellen (Traditionalismus und Formalismus). Die innere Leere aber dachte man dadurch überwinden zu können, dass man alle Kraft in den wirtschaftlichen Aufschwung steckte (Materialismus). Bald durchzog die Gemeinden eine wüste »Parteienwirtschaft«. Die Reichen wurden reicher und rücksichtsloser, die Armen ärmer und verachteter. »Die Kluft war tief und der Hass heiß, der in der Judenschaft die Besitzlosen von den Besitzenden trennte« (A. Schlatter). Jakobus wendet sich diesem üblen Trend zu, nennt die Not und deren Überwindung beim Namen. Der wirkliche Christ glaubt wie Jesus Christus - »ohne Ansehen der Person«. Die Formulierung »Ansehen der Person« bezeichnet die Wertung des Menschen nach dem, was er besitzt und zu sein scheint: »Der Anteil am Besitz und an der Macht wird zum Wertmesser für den Menschen gemacht« (Schlatter). Eine derartige Haltung aber entspricht nicht der Liebe von Jesus. Die Liebe Christi gilt vorbehaltlos allen Menschen. Vergleichen wir dazu Markus 10,17-22 mit Lukas 19, 1-10 und 8, 1-3.
Der lebendige Christ zeigt seinen Glauben nicht dadurch, dass er die Menschen nur von außen betrachtet und beurteilt. Jakobus liefert dazu ein praktisches, aus dem jüdisch-christlichen Gemeindeleben gegriffenes Beispiel. Einem gut gekleideten Mann mit mehreren Goldringen an seinen Fingern wurde im Gotteshaus ein Ehrenplatz angewiesen, während der arme, verwahrlost erscheinende Mensch einen Stehplatz in der Ecke oder Sitzplatz zu Füßen des Bessergestellten bekam. Jakobus fragt seine Leser: »Dürft ihr als Christen solche Unterschiede machen? Dann wären doch menschliche Eitelkeit und Geltungssucht euer Maßstab!« Wo liegt die Wurzel des Übels? Es geht sicher nicht um die Abschaffung der biblischen Empfehlung: »Ehre, wem Ehre gebührt« (Röm.13, 7). Aber es geht um die konkrete Überwindung eines bösen Kritikgeistes in der Gemeinde, der meint, alles und jedes beurteilen zu können. Vor dem »Herrn der Herrlichkeit« zerbrechen irdische Herrlichkeiten in Sekundenschnelle. Bestand hat nur, wer von ihm selbst gedeckt wird; wer in den »Kleidern des Heils« und im »Mantel der Gerechtigkeit« steckt (Jes.61,10); wer den »Siegelring« der Gotteskindschaft trägt (Luk. 15, 20-24) und sein ganzes Leben immer neu am Willen Gottes ausrichtet (Matth. 7, 21; Joh. 15, 5-11). Das ist die unvergängliche Bekleidung und der bleibende Schmuck des Begüterten und des Mittellosen, wenn sie sich vor Gott als arme Sünder erkannt, seine Vergebung angenommen haben und täglich davon leben. »Wie ihr den Herrn Christus angenommen habt, so wandelt auch in ihm!« (Vgl. Kol. 2,6; Eph. 4, 24.) Heute stellt sich uns die brennende Frage: Schiebe ich Glaubensgeschwister aufgrund ihrer äußeren Erscheinung (Kleidung, Frisur, Geruch, Sprache, Benehmen, Beruf, Herkunft) unwiderruflich in eine »Schublade«? Will ich Kritteleien ablegen? Wie können sich Christen da gegenseitig und konkret helfen? Praxistipp: Kolosser 3, 8-10.
Es geht Jakobus nicht darum, Reichtum, Wohlstand, Begabung und Macht schlecht zu machen oder gar zu behaupten, Jesus habe von den Großen und Reichen nichts wissen wollen. Das Gegenteil war weitgehend der Fall: Die Mächtigen und Reichen nahmen Jesus vielfach nicht ernst und nicht auf (Matth.2,3.4. 16; 19, 16-23; 26, 59-65; Luk. 9, 9; 23, 7-12), während die einfachen, zu kurz gekommenen, abgestempelten Menschen das Evangelium voller Freude hörten und sich von der Liebe Gottes beschenken ließen (Matth.4,18-22; 8, 1-4; Luk.7, 36-50; vgl. 1. Kor. 1, 26). Im Geist dieser barmherzigen Liebe sollte auch der Jünger des Herrn mit Benachteiligten und Übersehenen umgehen. Jakobus muss seine Brüder ernsthaft ermahnen: »Wie töricht von euch, dass ihr die Armen verachtet und geringschätzig behandelt. Habt ihr denn noch nicht gemerkt, dass es gerade die Reichen sind, die euch unterdrücken und vor die Gerichte schleppen?« Jakobus verurteilt nicht den Reichtum, sondern das unchristliche Verhalten der hartherzigen Reichen. Geld, Besitz und Reichtum können auch im Leben von Christen zu einem gefährlichen Machtfaktor anwachsen (Luk. 12, 13-21; Apg. 5, 1-4; 1. Tim. 6, 9. 10), sodass andere Menschen bitter verletzt werden. Solch kalte, egoistische Gewalt verwundet aber nicht nur den hilfsbedürftigen Bruder, sondern verlästert und verachtet zutiefst »den guten Namen, der über euch genannt ist«. Gemeint ist der Name Jesus Christus, nach dem die Jünger »Christen« genannt wurden (Apg. 11, 26). Das Entscheidende daran ist sicher, nicht nur »Christ« zu heißen, sondern ein Christ zu sein, von Jesus Christus zu lernen und seine Liebe zu leben; » . . . denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist« (Röm.5, 5).
Wenn Jakobus es verurteilt hat, dem Reichen beim Betreten des Gotteshauses besondere Aufmerksamkeit zu widmen, könnte aus dem Leser- oder Hörerkreis ein wichtiger Einwand laut werden: »Lieber Jakobus, das Gebot Gottes befiehlt mir aber, meinen Nächsten wie mich selbst zu lieben. Also bin ich verpflichtet, auch den wohlhabenden Mann bei uns willkommen zu heißen.« »Gut«, antwortet Jakobus, »wenn du diesen Mann herzlich begrüßt, weil du ihn mit den Augen der Liebe des Herrn siehst, ist dagegen nichts einzuwenden. Diese göttliche Liebe aber beinhaltet dann auch, dass du dich dem Armen ebenso liebevoll zuwendest. In diesem Fall hättest du ohne Ansehen der Person (V.1) und nach dem zentralen biblischen Gebot Gottes, dem königlichen Gesetz (V. 8), gehandelt. « Die Erklärung des Jakobus enthält aber noch einen anderen wichtigen Schwerpunkt: Der fromme Jude glaubte, er gewinne bei Gott einen dicken Pluspunkt, wenn er auch nur ein einziges Gebot einhalte. Jakobus macht einen Strich durch diese Rechnung. Er verdeutlicht den Christen: Wenn ein Mensch durchs Halten der Gebote sein Guthaben bei Gott aufzubessern gedenkt, ist der Mensch verpflichtet, alle Gebote, das ganze Gesetz zu halten. Das aber schafft keiner. Im Gegenteil: Wer ein Gebot übertritt, hat nach dem Gerichtsgrundsatz Gottes alles verspielt. Wer aber aus der unverdienten Gnade Gottes (»Gesetz der Freiheit«, V.12; Kap.1,25) schöpft und lebt, der wird es lernen, mit seinem Nächsten liebevoll und wahrhaftig umzugehen - wie Jesus es vorgelebt hat. »Denn das ganze Gesetz hat nur erfüllt, wer dieses Gebot befolgt: Liebe die Menschen neben dir wie dich selbst!« (Gal.5,14). Liebe, hast du es geboten, dass man Liebe üben soll, o so mache doch die toten, trägen Geister lebensvoll. Zünde an die Liebesflamme, dass ein jeder sehen kann: wir, als die von einem Stamme, stehen auch für einen Mann. (Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf, 1700-1760)
Jakobus 1, 25; 2, 12. 13; Matthäus 5, 7. Zwei wichtige Tatsachen prägen den Alltag lebendiger Christen: 1. Menschen Gottes leben unter dem »Gesetz der Freiheit« und werden durch dieses Gesetz von Gott beurteilt und gerichtet. Wir bedenken noch einmal die Auslegung zu Jakobus 1, 25 vom 28. 09. 03: »Die tiefe Verbundenheit mit Jesus versetzt mich in den Freiraum seiner tiefen Liebe, dass ich die Liebe, von der ich leb, liebend an andre weitergeb.« Während der gottesfürchtige Jude damals (heute ist es der gläubige, aber ichbezogene Mensch) dem frommen Leistungsdenken verfallen war, lebt der lebendige Christ aus der Kraft Gottes. Nicht moralischer Leistungs-Grundsatz, sondern göttlicher Liebes-Grundsatz zählt: 2. Mose 22,20-26; 5.Mose 24,15-22; Markus 12,28-34. 2. Menschen Gottes bedenken, dass Barmherzigkeit nur findet, wer selbst barmherzig ist. Wer die Barmherzigkeit Gottes übt, braucht auch das Gericht Gottes nicht zu fürchten. Dagegen gilt: Ein furchtbares Gerichtsurteil erwartete jenen hartherzigen Mann, dem ein Millionen-Schuldbetrag erlassen worden war, er selbst aber die lächerlich geringe Schuldsumme eines Kollegen rücksichtslos und brutal eingeklagt hatte (Matth. 18, 21-35). Wer es nicht dankbar angenommen hat, wie grenzenlos barmherzig unser himmlischer Vater mit dem persönlichen Schuldkapital umgeht, wird auch herzlos und kalt mit dem erfahrenen Unrecht des Mitmenschen umgehen. Worin liegt die Hilfe für uns als Christen?
a. Bitte Gott um Vergebung für die eigene konkrete Schuld. b. Danke dem Herrn für seine weite Barmherzigkeit. c. Vergib dem, der dir Unrecht tat - unter Umständen immer wieder. d. Setze gegen das Böse gute Taten der Liebe Gottes. Suchen wir zu diesen Hilfen jeweils ein passendes Bibelwort oder eine biblische Geschichte; z.B. Matthäus 6,12.14.15 zu Punkt a. und c.!
III. WIE DER GLAUBE LEBENDIG BLEIBT (2,14-26) Jakobus nimmt uns hart ran. Hat er nicht schon deutlich genug darauf hingewiesen (1, 22ff), dass Christenmenschen »Täter des Wortes« Gottes sind? Es gibt sicher sehr sensible Leute, die sich jedes Wort tief zu Herzen gehen lassen. Und doch rechnet Jakobus nüchtern damit, dass sogar der ernsthafte Christ immer neu an »alte Wahrheiten« erinnert werden muss. Ganz abgesehen davon gab und gibt es ein Grundproblem, das sich in der christlichen Gemeinde damals wie heute schnell ausbreitet: Glaube und Leben, Wissen und Handeln können zwei Paar Stiefel sein. Niemand kann auf Dauer in zwei unterschiedlich großen Schuhen gehen. Wer es versucht, läuft sich die Füße wund und weh. Im Glaubensleben verhält es sich ähnlich. »Stellt euch vor, in eurer Gemeinde sind einige in Not. Sie haben weder etwas anzuziehen noch genug zu essen. Wäre ihnen schon damit geholfen, wenn du zu ihnen sagst: Ich wünsche euch alles Gute! Hoffentlich habt ihr warme Kleider und könnt euch satt essen!, ohne dass ihr ihnen gebt, was sie zum Leben brauchen? Genauso unbrauchbar, ja nutzlos ist ein Glaube, der sich nicht in der Liebe zum Nächsten beweist: Er ist tot.« Dazu hat Jesus eine atemberaubende Geschichte erzählt: Lukas 10, 30-37. (Vgl.Micha 6,8; Jes.1,17.) In unserer Gemeinde fehlt es vielleicht nicht an Nahrung und Kleidung, aber da hungert und dürstet jemand nach Gerechtigkeit, nach persönlicher Zuwendung und Wertschätzung, nach Ermutigung und Trost, nach aufrichtiger Gebetsgemeinschaft und echtem Glaubensgespräch, nach einem guten Wort, einer stillen Ermutigung, einem freundlichen Lächeln, einer unkomplizierten praktischen Gefälligkeit. Nehmen wir solche Bedürfnisse überhaupt (noch) wahr? Wie wollen wir unsere Defizite konkret angehen? Dazu Römer 15, 5-7.
Es müsste nun klar sein: Der Glaube an den Herrn Jesus Christus wird durch die rechte Tat erwiesen. Und doch: Wie leicht kann sich der Mensch selber belügen! Jakobus kennt offenbar Christen, die meinen: »Hauptsache, der eine glaubt, und der andere tut Gutes; der eine ist eben mehr ein Denker, der andere mehr ein Praktiker.« Dagegen rät Jakobus: »Prüfe deinen Glauben vor Gott. Glaubst du, dass es nur einen einzigen Gott gibt? Gut und schön. Aber das glauben sogar die Dämonen« (Matth.8,29). Der christliche Glaube aber ist kein bloßes Für-wahr-Halten, keine allein stehende Größe. Er steht gewissermaßen auf zwei Beinen: Das eine Bein steht ganz im Wort Gottes und das andere ganz im aktiven Tun dieses Wortes. Dass Jakobus mit seiner starken Warnung vor der Amputation des Glaubens nicht seine Privatmeinung weitergibt, verdeutlicht er nun an biblischen Beispielen. Dabei liegt der Akzent auf dem praktischen Vollzug des persönlichen Glaubens. Das erste Beispiel nennt den im Glauben erfahrenen Vater Abraham. Der hätte immer wieder froh bezeugen können: Ich glaube an Gott, ganz bestimmt; denn er hat mir den versprochenen Sohn geschenkt (1.Mose 21, 1-7). Die eigentliche Frage aber ist: Wie verhält sich der Glaube - auch dann, wenn Gott ganz und gar unverständliche Wege führt? Der Glaube Abrahams erwies sich als realer Glaube, weil er tat, was Gott, der Herr, ihm gesagt hatte (V. 21; 1.Mose 22, 9. 10). Solch einen Glauben bezeichnet Jakobus als »einen vollkommen gemachten Glauben« (V. 22). Damit ist nicht ein perfekter Glaube gemeint. In Abrahams Leben gab es massive Glaubensprobleme (1.Mose 12, 10-20; 15, 2; 16, 1-6). Dennoch hielt Abraham daran fest, Gott durch aktiven Glauben zu ehren.
Jakobus 2, 21-24. 26; Römer 4, 1-5. 18-22. Lesen wir die angeführten Bibeltexte sorgfältig, kann der Eindruck eines Widerspruchs entstehen. Die neutestamentliche Wissenschaft sieht in Anlehnung an Martin Luther (Vorrede auf das Neue Testament) den mutmaßlichen Widerspruch darin: Bei Paulus werde der Mensch allein durch den Glauben gerettet; bei Jakobus durch gute Werke. - Aus diesem Grund gilt der Jakobusbrief in der kritischen Wissenschaft bis heute als »eine recht stroherne Epistel; denn sie doch keine evangelische (gemeint ist: evangeliumsgemäße) Art an sich hat«. Beachten wir aber beide Texte in ihrem Brief-Zusammenhang, kommen wir zu einem anderen Ergebnis: In Römer 4 führt Paulus die Glaubensgerechtigkeit Abrahams als Beispiel zu Römer 3, 22-28 an, wo er darlegt: Die Gerechtigkeit, die der von Gott abgefallene Mensch braucht, um vor Gott bestehen zu können, bietet Gott dem Menschen als Geschenk an. Nun aber ist der Glaube die Hand, die das Geschenk annimmt. Dabei legt Paulus an anderen Stellen Wert darauf zu betonen, dass die geschenkte und angenommene Gerechtigkeit im Alltag des Christen praktische Auswirkungen zeigt: z.B. Römer 2, 13; 12, 9-21; 1.Korinther 13, 4-8. Wirklicher Glaube ist also ein lebendiger, aktiver, tätiger Glaube. Nichts anderes meint Jakobus, wenn er offensiv und zugespitzt formuliert: »Ihr seht also, dass ein Mensch aus Werken gerechtfertigt wird und nicht aus Glauben allein« (V. 24). Hier liegt der Akzent nicht auf der einmaligen Annahme, sondern der vielmaligen Anwendung des Geschenkes. Die geschenkte und die gelebte Gerechtigkeit gehören untrennbar zusammen wie Geist und Körper. »So wie der Körper ohne den Geist tot ist, so ist auch der Glaube tot, wenn er ohne praktisches Handeln bleibt« (V.26).
Wie sehr Jakobus den Glauben als Einheit von Wissen und Handeln begreift, verdeutlicht er mit einem zweiten Beispiel aus dem Alten Testament. Während Vater Abrahams Glaube eher den Christen aus der jüdischen Tradition ansprach, konnte ein Heidenchrist besser das Beispiel von der kanaanäischen Rahab verstehen. Eine verschriene Frau, ein »leichtes Mädchen«, das berufsmäßig mit vielen Männern verkehrte, kam zum eigenständigen Glauben an den Gott Israels (Jos. 2, 9-13). Dass dieser Glaube noch mit lügenhaften Praktiken verbunden war (Jos. 2, 3-6), kann zwar nicht gutgeheißen werden, darf aber im Blick auf einen »Glaubens-Anfänger« auch nicht überbewertet werden. Deshalb greift Jakobus bewusst das Positive dieses Glaubens heraus: War der Rahab- Glaube auch noch »heidnisch angehaucht«, so handelte es sich aber im Kern um einen wirklichen Tat-Glauben. Wie sonst hätte Gott sie bei der Einnahme der Stadt Jericho retten können? Vergleichen wir dazu Josua 6, 22. 23. 25 und Hebräer 11, 31. Wie sonst wäre sie in den Stammbaum unseres Herrn Jesus Christus gekommen (Matth.1, 5)? An dieser Stelle wird noch einmal besonders deutlich, worauf auch Jakobus großen Wert legte: Die moralische Glaubensqualität, sofern der Betreffende es nicht anders weiß, steht hinter dem echten Tat-Glauben zurück. Darin liegt ein starker Trost für mein Leben als Christ: Gott schaut nicht zuerst darauf, ob mein Glaube perfekt oder »super« ist, sondern ob ich entsprechend der mir geschenkten Erkenntnis handle. Fehler werden immer wieder vorkommen. Verhängnisvoll jedoch ist die oberflächliche Glaubens-Tatenlosigkeit. Dagegen: »Mit Gott wollen wir Taten tun!« (Ps. 60, 14; 108, 14). Denn Jesus hat »sich selbst für uns gegeben, damit er uns erlöste von aller Ungerechtigkeit und reinigte sich selbst ein Volk zum Eigentum, das eifrig wäre zu guten Werken« (Tit.2,14; Eph.2,10).
Im 2.und 3.Quartal 2003 lasen wir: 1. Ein Tag der Veränderung - 2.Eine Zeit der Freude - 3. Der Ort täglicher Bewährung - 4. Gestörte Nachtruhe - 5. Ein Tag der Niederlage - 6. Ein Tag der Umkehr - 7. Tage voller Enttäuschung - 8. Ein besonderer Tag - 9. Zeiten der Begegnung mit Gott - 10. Ein Tag der Ablösung
11. TAGE WICHTIGER ENTSCHEIDUNGEN
In 1. Samuel 12 lesen wir, dass Samuel sein Richteramt offiziell niederlegte. Damit gab er die staatsmännische Verantwortung für das Volk Israel an König Saul ab. Doch sein geistliches Amt als Priester und Prophet übte er trotz seines Alters (V. 2) weiterhin aus: »Fern sei es von mir, dass ich aufhören sollte, für euch zu bitten, sondern ich will euch den guten und richtigen Weg lehren« (V. 23). Samuel sah mit klarem Blick, wie schwer es den Israeliten fiel, täglich mit und für Gott zu leben. Deshalb war es ihm sehr wichtig, für das Volk zu beten und ihm »den guten und richtigen Weg« zu zeigen. Sein Alter hinderte ihn nicht, die Israeliten auch künftig immer wieder daran zu erinnern, wie sie in der Lebensgemeinschaft mit Gott bleiben konnten. Wir haben heute keinen Samuel mehr zur Seite. Aber vielleicht einen seel- sorgerlichen Menschen, einen geistlichen Freund, der uns im Licht des Wortes Gottes berät, begleitet und für uns betet. Hilfreich ist auch ein kleiner Gebetskreis (Matth. 18, 19. 20), in dem wir einander und unserem Herrn Sorgen und Nöte anvertrauen, die wir ansonsten nicht ausplaudern. In solchen Gebetspartnerschaften darf natürlich auch jeder für sich persönlich beten, wo er in seinem Leben Wachstum im Glauben und Veränderung durch Jesus braucht. (Vgl.Kol.1, 3-11; Eph.3,14-21.) Immer wieder wollen wir - gemeinsam und allein - vor dem Angesicht Gottes stehen bleiben und nach dem guten und richtigen Weg fragen und darum bitten. »Weise mir, Herr, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit. Erhalte mein Herz bei dem einen, dass ich deinen Namen fürchte« (Ps. 86, 11). Gott hat uns den Heiligen Geist gegeben, der uns leitet, erinnert, stärkt und tröstet. Darüber hinaus möchte ich heute vor Gott darüber nachdenken, wie ich selber für andere ein »Samuel« sein kann.
Betrachtet man den Anfang von Sauls Königtum (Kap.13 und 14), gewinnt man den Eindruck, dass er sich mit Gott und seinem Wort kaum befasst hatte. Was mag er mit seinem Berufungswort gemacht haben: »Du aber steh jetzt still, dass ich dir kundtue, was Gott gesagt hat. Tu, was dir vor die Hände kommt; denn Gott ist mit dir« (Kap. 9, 27; 10, 7)? Jetzt wurde der König nochmals von dem Propheten aufgefordert: »So höre nun auf die Worte des Herrn«, als wollte er ihm sagen: Wenn du nicht wirklich auf Gott hörst und ihm gehorchst, wirst du mit deinem Königtum scheitern. Saul nahm es mit dem Gehorchen nicht so genau. Seine Angst, an Autorität und Bedeutung im Volk zu verlieren, verleitete ihn dazu, in das Priesteramt Samuels einzugreifen: Kapitel 10, 8; 13, 6-14. Leichtfertig nahm Saul, der nach dem Gebot Gottes nicht zum Priesterdienst berechtigt war, die Darbringung des Opfers in die eigene Hand, als sei das Brandopfer nur ein religiöses Ritual, das er genauso gut durchführen konnte wie Samuel. Die Opferhandlungen im Alten Testament waren aber von Gott zur Sündenvergebung angeordnet und sollten helfen, das Leben neu und dankbar am Willen Gottes auszurichten. Das Glaubensleben wird ernsthaft krank, wenn wir eigensinnige Wege gehen, wenn wir versuchen, partout unseren Willen durchzusetzen. Wie leicht kreisen wir dann nur noch um unsere Meinung, Erfahrungen und Wünsche. Wir kommen aus diesem elenden »Kreisverkehr« nur heraus, wenn wir entschlossen Gott suchen. Nehmen wir uns genug Zeit, vor dem Herrn still zu werden, damit er durch sein Wort neu zu uns reden kann! Haben wir recht gehört und dem Wort Gottes gehorcht, verändert das unser Leben zum Guten. (Lies Jer. 22, 29; Matth.7,24; Luk.8,15.21; 11,28; Joh.5,24; Eph.5,15-20.)
Nach dem ersten Versagen Sauls hieß es bereits, dass sein Königtum nicht bestehen würde (Kap. 13, 8-12). Mit dem eigenmächtigen Opfer ignorierte der König die Anordnung Samuels und missachtete damit auch Gottes Gebot. Nur der Priester war zum Opferdienst ermächtigt. Nun trat der Prophet noch einmal mit einem Auftrag an Saul heran: »So spricht der Herr der Heerscharen. . . zieh nun hin und schlage Amalek.« Das war eine schwere Aufgabe für Saul und seine Truppen. Sollte es für ihn eine letzte Chance sein, Treue und Gehorsam zu beweisen - oder würde er mit der Ausführung das göttliche Urteil über ihn nur bestätigen? In den Augen Gottes war Amalek reif für das Gericht. Gott vergaß nicht, dass sie das schwache Israel in der Wüste angegriffen hatten (2.Mose 17, 8-16). Er sieht es genau, wenn seinem Volk Unrecht geschieht. Es ist ihm nicht gleichgültig, wenn die Schwachen unter den Starken leiden. (Lies Ps.9,11; 10,14; 34, 7. 19.) Die Amalekiter hatten sich an Israel schuldig gemacht, am Volk, das der Herr aus allen Völkern für sich erwählt hatte. Israel ist sein »Augapfel«, den er sorgsam behütet. (Lies 5.Mose 32, 9-12; Sach. 2, 12.) Aber musste denn die Strafe über Amalek so radikal und grausam sein? - Das Gericht Gottes schont die Sünder nicht, es sei denn, dass sie ihre Sünden bereuen. Messerscharf unterscheidet Gott das Licht von der Finsternis. Aber »bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte« (lies Ps. 130, 1-8). »Denn auch unser Gott ist ein verzehrendes Feuer« (Hebr.12,29; lies Micha 7,18; Tit.3, 4-7). Wer im Glauben auf das Kreuz von Jesus schaut, braucht das Gericht nicht zu fürchten (Joh. 3, 14-16; Luk. 23, 29-43).
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