Als Saul den Befehl empfangen hatte, Gericht über die Amalekiter zu üben, zögerte er keinen Augenblick, gegen sie mobil zu machen. Der Feldzug endete erfolgreich. Auch hier war der König in der Ausführung seiner Aufgabe großzügig. Er verschonte das beste Vieh und nahm den König Agag gefangen. Vermutlich war es nicht Mitleid, das ihn bewegte, Agag und das Vieh nicht zu töten. Vielleicht regte sich in seinem Herzen die Ehrsucht und der Profitgeist. Das sah Gott, vor dem alles aufgedeckt ist, auch die falschen Motive. »Ich habe erkannt, mein Gott, dass du das Herz prüfst, und an Aufrichtigkeit hast du Gefallen« - » . . . denn du allein erkennst das Herz der Menschenkinder.« - »Wenn ich Unrechtes vorgehabt hätte in meinem Herzen, so hätte der Herr nicht gehört« (1. Chron. 29, 17; 2. Chron. 6, 30b; Ps. 66, 18; lies Spr. 15, 11; 1.Thess. 2, 4).
Saul konnte den Gott Israels nicht davon überzeugen, dass er mit ganzem Herzen treu sein wollte. (Lies 5.Mose 6, 4-9.) Der König ließ sich sehr gern für seine eigensüchtigen Interessen ein »Hintertürchen« offen. - Ein Leben mit solchen »Hintertürchen« wird dem Herrn nicht gefallen. Ein »geteiltes Herz« wird seinen Geboten nie ganz gehorchen. Das verhindern die eigenwilligen, selbstsüchtigen Interessen, wenn wir sie hegen und pflegen und nicht aufgeben wollen. Halbherzigkeit in der Nachfolge wird echte Gemeinschaft mit Jesus blockieren. (Lies 2. Tim. 4, 9. 10; Apg. 5, 1-4; Matth. 19, 20-22; Luk. 9, 57-62; Matth. 19, 27-30.) »Verlass dich auf den Herrn von ganzem Herzen . . . « - »Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr« (Spr. 3,5; Jer.29,13.14a).
»Es reut mich, dass ich Saul zum König gemacht habe . . . « - Hatte Gott sich geirrt und Saul nicht richtig eingeschätzt? Wir können uns sehr irren, wenn wir Personen beurteilen. Aber Gott? Das hebräische Wort für »bereuen« bedeutet »über etwas Leid empfinden, anderen Sinnes werden«. Gott ist keineswegs launenhaft. Er leidet an der Sünde des Menschen, den er geschaffen hat. Diese »göttliche Reue« ist nur ein unvollkommener Ausdruck für den Schmerz Gottes über einen Menschen, der ihn missachtet. Saul hatte sich durch seinen Eigensinn der Leitung und Fürsorge des Herrn entzogen. Man gewinnt den Eindruck, dass er nur an seiner eigenen Anerkennung interessiert war. Das zog weiteres Übel nach sich, wie es sich später zeigte (Kap.16,14). Samuel war zutiefst betroffen, als er das göttliche Urteil über Saul vernahm. »Er schrie zu dem Herrn die ganze Nacht.« Mit aller Energie und aus tiefer Not rief er zu Gott, dem Höchsten, der allein eine Veränderung der Lage schaffen konnte. In der Bibel wird uns von etlichen Personen berichtet, die in höchster Bedrängnis zu Gott schrien. Die Not ließ ihnen keinen anderen Weg: 2.Mose 17, 4-6; Richter 3, 7-9; 6, 7-10; 1.Samuel 7, 7-9. Wer sonst sollte sie denn auch aus ihren Ängsten und Gefahren retten? »Wo ist ein so mächtiger Gott, wie du, Gott, bist? Du bist der Gott, der Wunder tut.« - »Als ich den Herrn suchte, antwortete er mir und errettete mich aus aller meiner Furcht« (Ps.77,14.15; 34, 5). Wenn wir unter Druck geraten und keinen Ausweg mehr sehen, wenn die Lösung des Problems unlösbar erscheint, dann haben wir bei Jesus einen Zufluchtsort, den wir nicht vergeblich aufsuchen werden. »Dieser Elende rief, und der Herr hörte, und aus allen seinen Bedrängnissen rettete er ihn« (Ps.34,7; lies Ps.61, 2-5).
Am Morgen nach der durchbeteten Nacht brach Samuel auf, um Saul zu treffen. Während er noch unterwegs war, erhielt er die niederschmetternde Nachricht, der König habe sich ein »Siegeszeichen« errichtet, ein Denkmal zu seiner eigenen Ehre. Damit bestätigte Saul das göttliche Urteil über ihn: »Er hat sich von mir abgewandt« (Kap. 15, 11; lies Spr. 16, 2; 21, 2). Sicherlich schweren Herzens setzte Samuel seinen Weg fort. In Gilgal wurde er von einem gut gelaunten König empfangen, der den Propheten zuvorkommend begrüßte: »Gesegnet seist du vom Herrn. Ich habe des Herrn Wort erfüllt.« (Lies Spr.20,6; 30,12; 26,25; Tit. 1, 16; Luk. 6, 46.) Da stand Saul, kindisch von sich selbst überzeugt, vor seinem geistlichen Vater Samuel und erwartete vermutlich von ihm eine Bestätigung: »Ja, das hast du gut gemacht - nur weiter so!« Samuel aber ließ sich nicht täuschen. Er konnte ja die Wahrheit förmlich hören. Das Blöken und Brüllen der Schafe und Rinder bewies ihm, dass Saul den Gerichtsauftrag Gottes über Amalek dazu missbraucht hatte, sich unerlaubt zu bereichern. Auch wenn es Samuel wehtat, musste er dem König die Wahrheit deutlich machen. Würde Saul darauf hören? (Vgl.Spr.12,15; 13, 1.) Doch der König konnte keine Schuld an sich erkennen. In seinen Augen hatte er alles richtig gemacht. Zu tief hatte er sich schon in seinem Denken in Unwahrhaftigkeiten verstrickt, sodass er sein Fehlverhalten nicht mehr wahrnehmen wollte. »Wer seine Sünde zudeckt, dem wird es nicht gelingen; wer sie aber bekennt und lässt, der wird Barmherzigkeit erlangen« (Spr. 28, 13). Saul beharrte auf dem Weg, den er eingeschlagen hatte. Wie einst Adam die Schuld auf Eva schob, um sich selbst freizusprechen, so dient dem König hier das Volk als Ausrede: »Das Volk verschonte die besten Tiere, um sie dem Herrn, deinem Gott, zu opfern.« (Lies 1.Mose 3, 9-13; 2.Mose 32, 1-4.19-24.)
1. Samuel 15, 16-23; Matthäus 23, 11. 12. »Wurdest du nicht, als du gering in deinen Augen warst, das Oberhaupt der Stämme Israels?« Von dieser Demut war bei Saul nichts mehr zu sehen. Er hatte sich entschieden, für seine eigene Anerkennung und Größe zu kämpfen. Trotzig wehrte er sich, von Samuel infrage gestellt zu werden: »Warum hast du der Stimme des Herrn nicht gehorcht? - Ich habe doch gehorcht. Aber das Volk hat von der Beute genommen, um es dem Herrn, deinem Gott, zu opfern.« Der König hatte keine Skrupel, dass von der unrechtmäßig angeeigneten Beute dem Gott Israels Opfer dargebracht wurden. Es ist auffallend, dass Saul dabei nicht von »seinem Gott« spricht, sondern so, als sei der Herr nur Samuels Gott (V. 21b). Dachte er, dass er dem Gott des Propheten den Gehorsam schuldig bleiben konnte?
Was in den Augen Gottes wirklich wahr und wichtig ist, sagt uns die Antwort Samuels auf die Rechtfertigung Sauls. Da geht es nicht um Opfer - schon gar nicht, wenn sie mit eigensüchtigen Motiven oder gedankenlos dargebracht werden. (Vgl. Jes. 1, 11-17; Hos. 6, 6.) »Dein Herz halte meine Worte fest! Beachte meine Gebote und lebe!« - »Mehr als alles, was man sonst bewahrt, behüte dein Herz! Denn in ihm entspringt die Quelle des Lebens« (Spr.4,4.23; lies Spr. 23, 26). Gott will nicht irgendeine Gabe oder gute Tat von uns, mit der wir Pluspunkte im Himmel sammeln. Er will uns zuerst für sich haben, um uns - und andere Menschen durch uns - mit seiner Gnade zu beschenken. (Lies Eph. 1, 3-6.) - Die Gemeinden in Mazedonien damals waren arm. Dennoch wollten sie sich an einer Spende beteiligen. Das war ein großes Opfer für sie. Ihr Vorgehen ist beispielhaft: »Sie gaben sich selbst zuerst dem Herrn und dann uns durch Gottes Willen« (2.Kor.8, 3-5; lies 2.Kor.9,7. 8).
»Gehorsam ist besser als Opfer. Ungehorsam ist Sünde wie Götzendienst.« Gott gehorchen bedeutet, sein Wort ernst zu nehmen, ihm Glauben zu schenken, darauf zu vertrauen und danach zu handeln. Der Ungehorsame dagegen verwirft und missachtet Gottes Wort, sucht sich dann aber andere »Wahrheiten «, um existieren zu können. Deshalb bezeichnet die Bibel den Ungehorsam als Abgötterei. Wer Gott das Vertrauen verweigert, muss sich einen Ersatz suchen. Niemand lebt, ohne an etwas zu glauben. Selbst der Atheist glaubt, nämlich dass es Gott nicht gibt. Kein Mensch kommt ohne eine Hoffnung aus. Sie ist lebensnotwendig. Wer seine Hoffnung nicht auf Gott setzen will, wird sich ein anderes Objekt der Hoffnung suchen, z. B. seinen »gesunden« Menschenverstand oder eine der vielen Religionen, mit deren Hilfe man sich den Weg zu einer mystischen Gottheit zu bahnen sucht, um innere Erfüllung zu erlangen. (Lies 1. Petr.1,3.)
Saul hatte versucht, teilweise dem Wort des Herrn zu gehorchen und gleichzeitig im eigenen Interesse »ein wenig« die göttliche Anweisung zu ignorieren. In Gottes Augen ist aber ein Teil-Gehorsam ein ganzer Ungehorsam. So verlor Saul seine Stellung als König Israels. Erst jetzt zeigt sich bei ihm eine gewisse Reue: »Ich habe gesündigt, dass ich den Befehl des Herrn und deine Worte übertreten habe; denn ich fürchtete das Volk, und nun vergib mir, kehre mit mir um, dass ich den Herrn anbete« (V. 24. 25). Hier tritt die Führungsschwäche Sauls offen zutage. Er ließ sich von den Launen seiner Untertanen bestimmen. Das machte ihn schwach und abhängig. Nicht das Volk sollte er fürchten, sondern Gott. »Menschenfurcht stellt eine Falle, wer aber auf den Herrn vertraut, ist in Sicherheit« (Spr. 29, 25; lies Ps. 56, 5; 27, 1; Jes. 51, 12. 13; Luk. 12, 4; Röm. 8, 14. 15. 31; 2.Tim. 1, 7).
»Wer darf auf den Berg des Herrn gehen und seinen heiligen Tempel betreten?« Wer darf seine Hände zu ihm aufheben und den Herrn anbeten? - Jeder, der aufrichtig ist und ein reines Herz hat. So sagt es David, der Nachfolger Sauls. Der aber erfüllte keine der genannten Bedingungen und wollte doch Gott anbeten (V. 25. 30). Der Prophet Samuel musste dabei sein, und vor allem Volk sollte es geschehen: »Ich habe gesündigt; aber ehre mich doch jetzt vor den Ältesten meines Volkes und vor Israel.« Dem König ging es in Wahrheit nicht um Schulderkenntnis und Umkehr zum Herrn. Saul wollte sein Ansehen nicht verlieren und seine Macht sollte untermauert werden. Deshalb versuchte er, Samuel festzuhalten, denn das Volk vertraute ihm. Nur widerwillig lenkte der Prophet ein und erschien zusammen mit Saul vor den Ältesten. Dann würden sich ihre Wege für immer trennen. - Saul hatte seine Unwürdigkeit, Oberhaupt des Gottesvolkes zu sein, unter Beweis gestellt, als er die Anbetung politisch für sich nutzte und nur zum Schein den Namen Gottes anrief. Im Gebet begegnen wir Gott, der die Wahrheit und Heiligkeit in Person ist. Ihm können wir nichts vormachen und müssen es auch nicht. Vor ihm dürfen wir ganz wahr und ganz echt sein. Wie gefährlich es ist, gerade im Gebet sich selbst und seine Frömmigkeit zur Schau zu stellen, hat Jesus unmissverständlich zu verstehen gegeben: »Wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler« (Matth. 6, 5ff; Luk. 18, 9-14). Was heißt »nicht sein wie die Heuchler« ganz konkret für mein persönliches Beten - allein, in Ehe und Familie und im Gebetskreis der Gemeinde? Welche Hilfe gewinne ich aus Hebräer 4,16?
12. DER TAG NEUER HOFFNUNG
Nachdem Samuel an dem Amalekiterkönig das Gericht vollzogen hatte, ging er in seinen Heimatort Rama zurück. Mit Saul gab es kein Wiedersehen mehr. »Aber doch trug Samuel Leid um Saul, weil es den Herrn gereut hatte, dass er Saul zum König über Israel gemacht hatte« (Kap. 15, 32-35). Samuel verstand Gott nicht. Er hatte doch selbst den Auftrag gegeben, Saul zum König zu salben. Warum lehnte er ihn nun ab? Warum war alles so anders gekommen als geplant? Er wusste es nicht. Tief betrübt saß der Prophet in Rama und grübelte darüber nach, um die Gedanken Gottes zu verstehen. Kennen wir nicht auch Zeiten, in denen wir Gottes Handeln nicht begreifen können? Das ist eigentlich nicht verwunderlich, wenn wir bedenken, dass seine Gedanken tatsächlich höher sind, und unsere Wege nicht immer seinen Wegen entsprechen. Wer nun eine solche unverständliche Situation annimmt und darin aushält, ohne sie zu verstehen, ehrt den Herrn mit echtem Vertrauen. Er weiß, dass Gott keine Fehler macht. Was im gegenwärtigen Augenblick undurchschaubar ist, kann sich rückblickend in einem klaren Licht zeigen. Nicht immer werden Fragen beantwortet - und doch kann wieder Friede ins Herz einziehen. »Als viele unruhige Gedanken in mir waren, beglückten deine Tröstungen meine Seele« (Ps. 94, 19; lies Klagel. 3, 19-26; Ps. 86, 1-5). Gott selbst durchbrach die Trauerwand Samuels, die ihn umgab und blockierte. »Wie lange willst du Leid um Saul tragen? Fülle dein Horn mit Öl und geh hin!« Das hieß: Wie lange willst du noch dasitzen und über dieser Sache grübeln, die längst entschieden ist? Steh endlich auf - geh weiter! Geh hin - ich will dich senden. Auf Samuel wartete ein neuer Auftrag.
Samuel erschrak über den Auftrag Gottes: »Wie kann ich hingehen? Saul wirdµs erfahren und mich töten.« - Mancher betrachtet seine Aufgabe mit Angst: Wie soll ich das schaffen? Ich verstehe davon nichts. Mir fehlt die Kraft und der nötige Mut. Ich kann nicht! (Lies 2.Mose 3,10-14; 4,1.10.12.13; Apg.9,10-15.) Noch hatte Saul die Macht eines Königs. Es sollte noch Jahre dauern, bis er abgelöst wurde. Samuel fürchtete sich, einen »Gegenkönig« zu proklamieren. Gott übersah das nicht. Er ließ den Propheten wissen, wie er die Aufgabe so lösen konnte, dass die Öffentlichkeit noch nichts von der Erwählung Davids erfuhr. Samuel sollte erst einmal den nächsten Schritt tun, alles Weitere würde er dann an Ort und Stelle erfahren (V.2. 3). So musste er sich im Vertrauen auf den Weg machen, ohne zu wissen, wie er den neuen König erkennen sollte. Die Zusage Gottes hieß: »Ich will dich wissen lassen, was du tun sollst, dass du mir den salbst, den ich dir nennen werde.« Samuel sollte nichts aus eigener Ansicht und Erkenntnis tun, sondern auf die Stunde Gottes warten und für sein Reden sensibel und empfänglich bleiben. So hat auch der Sohn Gottes gehandelt. Er redete und tat nichts ohne den Vater. (Lies Joh. 2, 4. 5; 8, 28. 29; 12, 49; 14, 10.) Jesus will auch mit uns in solch einer Gemeinschaft leben. »Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein« (Joh. 17, 21). Ohne Sorge können wir uns dem anvertrauen, der auch auf undurchschaubaren Wegen die Übersicht nicht verliert. (Lies Ps. 55, 23; 62,2.6.)
Ihn, ihn lass tun und walten! Er ist ein weiser Fürst und wird sich so verhalten, dass du dich wundern wirst, wenn er, wie ihm gebühret, mit wunderbarem Rat das Werk hinausgeführet, das dich bekümmert hat.
»Ich bin gekommen, dem Herrn zu opfern . . . heiligt euch und kommt mit mir zum Opfer.« Unter den Geladenen war auch Isai mit seinen Söhnen. Samuel versuchte nun, seine eigentliche Aufgabe durchzuführen. Wer von diesen Söhnen sollte der künftige König sein? Der Prophet ahnte nicht, dass Gott ihn in die Schule nehmen wollte. Denn er wusste, wie sehr Samuel noch die imposante Gestalt Sauls vor Augen stand (Kap. 10, 23. 24). Würde er nicht alle anderen Männer am Aussehen Sauls messen? Ein würdiger König musste doch groß und stattlich sein. Er sollte etwas darstellen - sonst würde man keinen Respekt vor ihm haben. Samuel schien genau zu wissen, wie ein richtiger König aussehen musste. Als sein Blick auf den ältesten Sohn Isais fiel, dachte er: »Fürwahr, da steht vor dem Herrn sein Gesalbter.« Samuel war beeindruckt von seiner Erscheinung. Eliab musste der Erwählte sein. »Aber Gott sprach zu Samuel: Sieh nicht auf sein Aussehen und seinen hohen Wuchs« - das macht noch niemanden zum König. »Denn nicht sieht der Herr auf das, worauf ein Mensch sieht. Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an.« Als Jesus zum ersten Mal dem Fischer Simon begegnete, nannte er ihn »Kephas« (Fels), obgleich Simon Petrus zu jenem Zeitpunkt eher einem schwankenden Rohr als einem Felsenmann glich. Doch Jesus sah in ihm bereits, was noch werden sollte. (Lies Joh.1,40-49.) Seine Augen blicken hinter die Kulissen und Fassaden. Er sieht das Eigentliche der Person, den Grund ihrer Seele. Er sieht auch uns mitten ins Herz, weil er uns zurechthelfen will. (Lies Matth. 4, 18.19; 6,4; 9,2-4.36; 19,41-42; Mark.6,48; 8,33; 10,14; Luk.22,61.62.)
Samuel bemühte sich weiter, unter den Söhnen Isais den von Gott Erwählten zu erkennen. Doch jedes Mal, wenn einer der jungen Männer vor ihm erschien, vernahm der Prophet ein himmlisches »Nein, dieser ist es nicht«. Die prüfende Frage Samuels, ob das denn alle Söhne seien, löste das Rätsel. Der Jüngste fehlte. Sein Vater hatte ihn nicht zum Opferfest eingeladen. So war der Kleinste der Familie bei den Viehherden geblieben. Samuel bestand darauf, ihn zu holen. Verschwitzt, verstaubt und mit Schafsgeruch in den Kleidern mag er neben seinen Brüdern in ihren Festgewändern gestanden haben. Auch er war nicht hässlich (V.12), doch in den Augen seines Vaters nicht besonders wichtig. Aber Samuel hörte deutlich die Stimme Gottes zu ihm reden: »Auf, salbe ihn, denn er ist es.«
»Der Herr sieht das Herz an« - nicht den Dienstgrad und die Stellung oder das Alter. Wer bei den Menschen angesehen ist, wird nicht immer bei Gott der Berufene und Geeignete für eine Aufgabe sein. Als der Richter Gideon berufen wurde, Israel aus der Hand der Feinde zu befreien, konnte er das nicht verstehen: »Ach, mein Herr, mein Geschlecht ist das geringste, und ich bin der Jüngste in der Familie« (Richt. 6, 12-16). - »Ach Herr, ich tauge nicht zu predigen, ich bin zu jung.« So reagierte Jeremia auf seine Berufung. Gott sah das aber ganz anders. (Lies Jer. 1, 4-9; Joh. 15, 16.) Als Gott sich das Volk Israel zum Eigentum erwählte, tat er das nicht, weil dieses Volk so großartig war: »Du bist das kleinste unter allen Völkern« - sondern weil er es liebte. (Lies 5.Mose 7, 6-8; 2. Tim. 1, 9.) »Seht eure Berufung, es sind nicht viele Weise, nicht viele Mächtige und Edle, sondern das Törichte der Welt, und das Schwache der Welt hat Gott auserwählt.«
1. Samuel 16, 13. 14; 2.Timotheus 4, 7. 8. In Samuels Leben war wohl jeder Tag ein Tag mit Gott, dem er in Treue und Gehorsam diente. Mit der Salbung Davids zum König war nun seine Aufgabe erfüllt. »Und der Geist des Herrn geriet über David von diesem Tag an und darüber hinaus.« Von Saul dagegen wurde der Geist Gottes weggenommen. Damit war vor dem Herrn die Ablösung des ersten Königs von Israel vollzogen. Samuel konnte in Frieden nach Rama zurückkehren. Gott hatte für einen würdigen Nachfolger gesorgt. Für David aber begann eine notvolle Zeit. Schon bald wurden seine Fähigkeiten im Kampf gegen die Feinde offenbar. Saul wurde eifersüchtig und gefährlich. (Lies 1. Sam. 18, 8-16; Spr. 6, 34.) Nur knapp entkam David einem Anschlag auf sein Leben. Er suchte Schutz beim Propheten Samuel. Als Saul ihn verhaften lassen wollte, hatte der Herr seine eigene Methode, den Propheten und den zukünftigen König zu schützen und die Verfolger außer Kraft zu setzen (1.Sam. 19, 18-24). Nur kurz erfahren wir vom Tod Samuels (Kap. 25, 1). Einst hatte seine Mutter ihn »dem Herrn gegeben« (Kap. 1, 11). Während seines ganzen Lebens war er mit dem Herrn gegangen und hatte nun das Ziel erreicht. (Lies Ps.16,8-11; 23,3.6; 84,6-8.) Das Leben mit Gott ist kein ruhiger Spaziergang. Aber ein Weg unter einer großen Verheißung. »Glücklich der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er den Siegeskranz des Lebens empfangen, den Gott denen verheißen hat, die ihn lieben« (Jak.1,12; lies Offb.2,10; 3,11; vgl.1. Kor. 9, 25; 1.Tim. 6, 12; Apg. 20, 24; 2.Tim. 4, 7; Phil. 3, 13. 14). JESUS CHRISTUS - WIE ER WAR UND HEUTE WIRKT (Markus1,35-45) Im 2. Quartal (18.5.-7.6.) hatten wir uns mit Markus 1, 1ff befasst und im 3. Quartal (27.7.-11.8.) mit Markus 1,14ff. In den nächsten Tagen schließen wir das erste Kapitel ab.
XI. JESUS LEBT UND WIRKT AUS DER KRAFT DES GEBETS (1,35-39) Der fromme Jude zur Zeit von Jesus betete dreimal täglich das »Achtzehn-Bitten- Gebet«: am Morgen mit Sonnenaufgang, am Mittag um 15 Uhr und am Abend bei Sonnenuntergang. Darüber hinaus zu beten, etwa zu jeder Zeit, entsprach nicht der Sitte und galt gelegentlich als Belästigung des Allerhöchsten (Strack- Billerbeck).
Wie anders betete Jesus! Wenn Markus schreibt: »Frühmorgens, als es noch sehr dunkel war (also vor Sonnenaufgang), stand er auf und ging (aus dem Haus) hinaus«, dann setzt er diesen Akzent bewusst: Das Gebetsleben des Sohnes Gottes ist nicht der jüdischen Tradition entsprungen, sondern dem Himmel. Das Beten, wie wir es am irdischen Jesus sehen, kommt aus der Herzens-Verbundenheit des Sohnes mit dem Vater. Er betete stundenlang und zu außerordentlichen Zeiten (vgl.Mark. 6,46; 14,32ff), nach Lukas 6,12 die ganze Nacht hindurch. Sein Beten fiel auf und machte starken Eindruck auf seine Jünger (Luk. 11, 1). Jesus war der einzigartige, unvergleichliche Beter. Das persönliche Gespräch mit seinem Vater hat ihm alles bedeutet. Ohne dieses wäre er unfähig gewesen, mit göttlicher Vollmacht zu evangelisieren, zu lehren, Kranke zu heilen, hungrige Menschen zu sättigen, tobende Stürme zu stillen, Tote aufzuwecken und Dämonen auszutreiben. Der Herr sagt von sich selbst: »Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Der Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, was er den Vater tun sieht; denn was dieser tut, das tut gleicherweise auch der Sohn. Denn der Vater hat den Sohn lieb und zeigt ihm alles, was er tut« (Joh.5, 19. 20; vgl. Joh. 5, 30; 6, 38; 8, 26b-29). Zum Nachdenken: Der Leitfaden und das Motiv für echtes christliches Beten ist die herzliche und ewige Liebe Gottes. Was bedeutet das für mein Leben?
Es ist gut, wenn die Jünger von Jesus hinter ihrem Herrn hergehen, wenn sie wissen wollen, wo er sich aufhält, was er tut. Schließlich wollen sie von ihm lernen. Hier aber setzen sie, allen voran Simon Petrus, zu einer gegenläufigen Bewegung an. Sie platzen eilig und heftig in die Gebetszeit des Herrn hinein: »Alle suchen dich!« Sie fahren nicht nur selbstgewiss mit ihrem Vorwurf in seine Andacht hinein, sondern geraten in eine Gegenbewegung zur Sendung ihres Herrn; denn sie ließen sich zum Sprachrohr der wundersüchtigen Bevölkerung machen. Die Jünger treten von »außen«, von der Not, vom Bedürfnis her in Aktion; vgl. »alle Leidenden und Besessenen«, »die ganze Stadt« in V. 32. 33. Jesus kommt von »innen«, vom Willen des Vaters her, der ja will, »dass allen geholfen werde«. Immer neu lässt sich der Sohn ausschließlich vom Vater zu den Menschen senden. Merkwürdig? Hatte der Sohn Gottes das nötig? Er sicher nicht, aber wir habenµs nötig. Darum lebte er diese »Abhängigkeit pur«, nicht als »Muss des Gesetzes« - man betet eben -, sondern als »Muss der Liebe« zum Vater und zu uns: Johannes 4, 4; 3, 14; Matthäus 16, 21; Lukas 24,26.
Die Jünger haben das lange nicht verstanden. Hier in Markus 1 begegnet uns die erste Stelle einer langen Kette von »Jünger-Eigenarten«, die Jesus immer wieder in Bearbeitung nimmt: Markus 4,13.40.41; 6,50-52; 7,18; 8,16-21; 9,5. 6. 19; 10, 24. 26; 14, 37-41. Der drängenden Suchmeldung seiner Jünger stellt Jesus ruhig und fest den innersten Beweggrund seines Wirkens entgegen: »Lasst uns anderswohin gehen, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen, wörtlich: ausgegangen.« Ausgegangen - nicht aus dem Haus des Simon hinein ins Gebet, sondern aus dem Himmel des Vaters hinein in die verlorene Welt, »zu suchen und zu retten, was verloren ist« (Luk.19,10).
Jesus hatte in Kapernaum bereits viele Wunder gewirkt (V. 25. 26. 30. 31. 34): Befreiung von Dämonen und Heilung von Krankheiten und Leiden aller Art. Doch das Leid der Menschen ist abgrundtief und nahezu bodenlos, maßlos, grenzenlos. Verständlich, dass sich die Jünger an die Fersen ihres Meisters heften und entrüstet rufen: »Alle suchen dich!« Petrus und seine Freunde »scheinen Jesus einen großartigen Ausbau seiner Tätigkeit anzubieten, locken ihn aber in Wahrheit in eine Engführung, bei der es nur noch um Heilungen an sich geht, um möglichst viele Heilungen, ohne Herrschaftswechsel, ohne Wiederaufrichtung der Gottheit Gottes und Wiederherstellung seines Ebenbildes im Menschen. Dass nur der Leib gesund sei - das ist nun wirklich die betrüblichste Kümmerform der Freudenbotschaft Gottes von Vers 15« (A. Pohl). Ob die Menschen in Kapernaum das eigentliche Ziel der Sendung des göttlichen Freudenboten verstanden haben? Ob sie begriffen und im Glauben einwilligten, dass Jesus mehr zu geben hat als Gesundheit und Wohlbefinden? Ob sie verstanden, dass die Wunder des Herrn Zeichen Gottes sind, die zur Gemeinschaft mit Gott helfen wollen? Der Evangelist Matthäus gibt uns Einblick in die erschütternde Entwicklung der Bürger Kapernaums: Matthäus 11,23. 24. Gesundheit, wertvoll und wichtig, ist aber nicht alles. Der Mensch kann - kerngesund, dazu tüchtig und erfolgreich, - dennoch in die Hölle kommen. Wer aber Jesus - vielleicht in Krankheit und Leid - sucht, weil er spürt: Ich brauche Frieden mit Gott, Vergebung meiner Sünden, neue Orientierung und Stärkung, wird nicht enttäuscht werden, sondern wirkliches Glück, echte Freude und tiefen Trost finden. »Die ihr Gott sucht, euer Herz soll leben« (Ps. 69, 33b; 5.Mose 4, 29; 2.Chron. 7, 14; Jer. 29, 13. 14a).
XII. JESUS WILL UND JESUS KANN (1, 40-45) Der mit Aussatz geschlagene Mensch war der schlechthin isolierte Mensch: getrennt von Familie, Nachbarschaft und Freundschaft, vom Gottesdienst und Berufsleben. Das Erscheinungsbild des Aussätzigen war so entsetzlich abstoßend, dass man damals glaubte, ein solcher Mensch müsse schwer gesündigt haben, sodass ihn Gott zur Strafe mit dieser Krankheit belegt und verstoßen habe. Der Aussätzige galt als lebendig begraben (vgl.4.Mose 12,12), und folgerichtig sah man die Heilung vom Aussatz als Auferweckung von den Toten an (vgl.2.Kön.5, 7). Heilung erwartete man ausschließlich von Gott. Irgendwie wird der Aussätzige in unserem Abschnitt trotz seiner Isolation von Jesus gehört haben, und darum durchbricht er die Isolationslinie mit seiner ganzen Existenz: Er wirft sich vor Jesus auf die Knie, wie man sich sonst nur vor dem allmächtigen Gott beugt, und spricht ihn unbeschreiblich vertrauensvoll an. Kein zweifelndes Erwägen, kein Drängen, nicht einmal eine Bitte, sondern eine tief zuversichtliche Feststellung: »Wenn du willst, kannst du.« So spricht man in der Begegnung mit der letzten Instanz. Der Kranke wendet sich, indem er an Jesus herantritt, an Gott selbst - demütig und erwartungsvoll, alles von Gott erwartend und alles ihm und seinem Willen überlassend. Welch kindlicher und reifer Glaube zugleich! Mit all seiner Not hat sich der Todgeweihte ganz, auf Gedeih und Verderb, in die Hand Gottes gelegt. Und Jesus? Da liegt ein zerbrochenes Leben vor ihm im Staub der Straße. Jesus ist zutiefst angesprochen, bewegt, erschüttert. »Es jammerte ihn«, übersetzt Luther. Wörtlich heißt es: »Es drehte ihm die Eingeweide um.« Jesus hatte vor lauter Mitleid Bauchschmerzen. Bei Jesus können wir den Unterschied zwischen »landläufigem« und echtem Mitleid sehen und lernen: Matthäus 9,36; 14, 14; 15,32; 20,34; Lukas 7,11-15; 15,20.
Welch ein Bild: Das Elend in Person kniet vor der Barmherzigkeit in Person! Der Evangelist Markus sieht im Wirken des Sohnes Gottes die Erfüllung von Israels Trostbotschaft: Gott ist »ihr Erbarmer«. Er »erbarmt sich seiner Elenden «, »mit großem Erbarmen«, »in herzlicher Barmherzigkeit« (Jes. 49, 10. 13. 15; 54,7.8; 55,7; 63,15). Zur inneren Bewegung des Herrn kommt die äußere: Jesus »streckte seine Hand aus, rührte ihn an«. Der tiefe Graben ist überbrückt. Eine persönliche Beziehung wird geknüpft und ermöglicht. Mehr noch. Es ist, als ob Jesus sagen wollte: »Dein Schmerz ist mein Schmerz, dein Leid trifft mich. Ich trage es für dich. Und es kommt der Tag, an dem ich das alles und noch viel mehr, die schwerste aller Lasten, die Sündenschuld, auf mich nehme und wegtrage.« Wir kommen hier in eine geheimnisvolle Nähe zu dem in Jesaja 53 beschriebenen leidenden Gottesknecht, der sich stellvertretend für uns »Ausgestoßene« (1.Mose 3, 22-24) und mit dem »Aussatz der Sünde« Beladene von Gott schlagen und bestrafen lässt. Übrigens drückt das hebräische Wort für Aussatz aus, dass jemand von Gott geschlagen sei, sodass das Judentum, z.B. in Jesaja 53,4, die Rede von dem Mann, der von Gott geschlagen ist, auf Aussatz deutete. Wenn Jesus nun zu seiner Barmherzigkeits-Tat sein Vollmachts-Wort zum Aussätzigen spricht: »Ich will, sei gereinigt!«, dann ist der Mann augenblicklich gesund. »Wenn Gott spricht, so geschiehtµs« (Ps. 33, 9). »Der Reine macht den Unreinen rein, hüllt ihn ein in Gottes unsagbares Gutsein« (A. Pohl). Das gilt nicht nur für den Körper, sondern erst recht für »Seele und Geist«, für die neue Verbundenheit mit Jesus: »Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt« (Jes. 53, 5). - Welch eine Befreiung, wenn wir uns Jesus Christus anvertrauen: Dazu Römer 8,1. 2.33.34.
Die Barmherzigkeit Gottes, wie sie sich in Jesus offenbart, zeigt sich nicht nur in seinem Heilandswirken, sondern auch in seinem Herr-Sein. Jesus, der Herzenskenner, weiß, was für den Kranken gut und richtig ist und was der Geheilte jetzt nötig braucht. Jesus schickt ihn fort mit einem Verbot und einem Gebot: 1. Der ehemals Aussätzige soll darauf achten, dass er niemandem etwas sagt. Natürlich sollte der Gereinigte nicht den »Unreinen spielen«, er ist ja gereinigt, um wieder zum Volk Gottes zu gehören und Gott zu ehren. Aber er soll um das Personen-Geheimnis des Christus Stillschweigen bewahren. Er soll Jesus als den Sohn Gottes (1,1.11. 24.25.34; 3,11; 5, 7) jetzt nicht öffentlich propagieren. Der Sohn Gottes ist weder Wunderheiler noch sensationeller Machtkandidat, sondern der »Sohn des Menschen, der gekommen ist, um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele« (Mark. 10, 45). Diese Feuerprobe aber steht für Jesus noch aus und wird erst in seiner Auferstehung als siegreich »bestanden« sichtbar werden. 2. Der Geheilte soll beim zuständigen Priester sein »Gesundheitszeugnis« bekommen, die im Gesetz vorgeschriebenen Opfergaben darbringen (3.Mose 14, 1ff) und so wieder in die gottesdienstliche wie bürgerliche Gemeinschaft aufgenommen werden. So sehr Gottesbeziehung und Sozialkontakt zusammengehören, so wichtig ist Jesus die seelsorgerlich stille Gewinnung der Priesterschaft - »ihnen zum Zeugnis« - für eine echte und wachsende Jesus-Erkenntnis (Matth. 5, 17; 26, 59-64; Apg. 6, 7). Leider tut der Geheilte nicht, was Jesus ihm geboten hatte, und wird so zum Hindernis für das Wirken wie der Herr es jetzt haben wollte. Sehen wir zu, dass wir unser Ohr nah am Wort Gottes haben und tun, was und wie erµs haben will: Vergleiche Markus 5,18-20 mit Jesaja 50,4.
Es war auf der Autobahn. Wir rauschten an vielen LKWs vorbei - und an unzähligen Werbesprüchen, die uns von der Karosserie grüßten. Dann stutzten wir. Unübersehbar rollte der Spruch an mir vorbei: »Damit Sie niemals auf der Strecke bleiben.« Richtig, wer will schon unterwegs hängen und auf der Strecke bleiben?! Und überhaupt: Gute Ziele braucht der Mensch und den richtigen Weg, diese zu erreichen. Aber dann wurde uns dieser Werbespot zum Gleichnis für den Glaubensweg. Gott will nicht, dass wir unterwegs abhängen und stecken bleiben. Er hat alles dafür getan, dass wir das beste aller Ziele, das ewige Zuhause in seiner herrlichen Welt, erreichen. Für Gott gibt es keinen wichtigeren Zielgedanken: »Er will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen« (1.Tim.2, 4). Als der Apostel Paulus diese Worte schrieb, saß er wegen seiner Jesus-Verkündigung im Gefängnis. Aber der Apostel wusste auch, dass Gott seine Ziele weder zurücksteckt noch aufgibt. Paulus selbst - damals hieß er noch Saulus - hatte das sehr eindrücklich erlebt (Apg.9, 1-19). Lesen wir diesen Text einmal mit der Fragestellung: Welche Ziele verfolgte Saulus ursprünglich, und wie bekam er die Kurve zu einem völlig veränderten Lebensziel? Nicht bei jedem Menschen ereignet sich die Einstellung auf das große und ewige Ziel Gottes so heftig und dramatisch wie bei Saulus. Entscheidend ist, dass es geschieht und dass wir auf dem Jesus-Weg leben. Dabei ist es dem Herrn sehr wichtig, andere Menschen zu ihm einzuladen und mitzunehmen auf dem Weg ins Vaterhaus Gottes. Wie das geschehen kann? Durchs Gebet (1. Tim. 2, 1ff) und durch die persönliche wie öffentliche Erklärung des Evangeliums (Apg. 4, 20; 9, 20-22; Röm. 1, 16; 2. Kor. 5, 20), begleitet von Wohltaten der Liebe (5. Mose 15, 7; Jes. 57, 7; Sach. 8, 15-17; Luk. 10, 25ff) und beglaubigt durch einen Jesus gemäßen Lebensstil (Phil.2,5ff).
Kurz nachdem Saulus sich auf den Jesusweg hatte einspuren lassen, rollten schwere Hindernisse auf ihn zu. Aber er erlebte die wunderbare Bewahrung durch den Herrn und die stärkende Gemeinschaft mit den anderen Christen. Besonders die furchtlose Zuwendung des Barnabas und seine umsichtige Vermittlung in denApostelkreis der Jerusalemer Gemeindewird Saulus ermutigt haben. Wie gut, dass wir auf dem Glaubensweg nicht allein gelassen sind (Joh. 14, 18-20). Selbst dann, wenn wir keinen »Barnabas« haben, lasst uns umso entschlossener aufschauen zu Jesus, »dem Anfänger und Vollender des Glaubens« (Hebr.12,2; vgl. 2.Tim. 4,16.17). In einem Lied heißt es:Er geht voran, er hatµs verheißen, er kennt den Weg genau, er geht voran, du musst nur folgen, o fürchte nichts, vertrau. Er geht voran in Kampfesstunden, wenn dich Gefahr umgibt, er will vorm Fallen dich bewahren, weil er so treu dich liebt (H. E. Alexander). (Vgl. 2.Mose 33, 14; Ps. 32, 8.) Wir kennen auch Zeiten, in denen die Jesus-Nachfolge nicht so recht läuft. Von den galatischen Christen schrieb der Apostel Paulus einmal: »Ihr lieft so gut« (Gal. 5, 7). Aber dann blockierten hausgemachte Probleme den Weg des Glaubens. Die Christen in Galatien hatten begonnen, die Gnade Gottes und das Gesetz miteinander zu vermischen. Sie meinten, für das unverdiente Geschenk der Erlösung durch Jesus noch eigene Leistungen erbringen zu müssen. So liefen die Galater-Christen nicht mehr Jesus nach, dem sie alles verdankten, sondern waren sehr mit sich und ihrem frommen Tun beschäftigt. Das ist nicht nur verschwenderisch anstrengend, sondern auch beklemmend und lähmend. (Lies Gal.1, 6-9; 2, 4.5; 4,15-20; 5, 1-6.) Paulus ringt um diese Christen, weil es immer noch möglich ist, sich ganz neu an Jesus auszurichten, um in seiner Spur zu gehen. (Lies Joh. 8,31-36; Röm. 8, 1-4.)
Nicht nur der Apostel Paulus deckte die entscheidende Blockade im Glauben und Leben der Galaterchristen auf. Jesus selbst hat davon gesprochen. Bei den Galatern war es die greifbare Bindung ans Gesetz, bei der großen Volksmenge, die hinter Jesus herlief, ging es um die mögliche Bindung an ein schiefes Jesusbild. Die Massen waren schon immer hinter dem »Heiler« und »Wohltäter« her. Doch man läuft Gefahr, wenn man sich an die Gaben, nicht aber an den Geber bindet. Wenn der Herr solch scharfe Worte gebraucht, will er damit nicht das wertvolle Geschenk von zwischenmenschlicher Liebe und guter Beziehung zu sich selbst zerstören, sondern die Prioritäten klarlegen. Wenn ein Mensch sich entschließt, Jesus nachzufolgen, dann ist die Beziehung zu ihm das Wichtigste. Denn sie ist die einzige Beziehung, die einen Menschen in Gottes Himmel bringt und die ihm Kraft gibt, das persönliche und gemeinsame Leben am Wort Gottes zu orientieren. Alles andere kommt danach und erhält von dem, was wirklich wichtig ist, seine Einschätzung und Prägung. Wenn wir aber das Erstrangige als zweitrangig behandeln, wird uns über kurz oder lang der »Schuh der Nachfolge« drücken. Wir fühlen uns schmerzhaft beengt, und es entstehen die Bläschen der Gereiztheit und Unzufriedenheit. Praxistipp: Wenn du den Eindruck hast, jetzt ist es Zeit, Jesus nachzufolgen oder einen bestimmten Gehorsamsschritt zu wagen, dann tu es, und lass dich durch nichts und niemand davon abhalten (Joh. 10, 4. 27. 28; vgl.Hebr. 3, 7-11; 5.Mose 13, 5; 28, 1; Ps. 95, 7). Christen haben außerdem die Möglichkeit, sich gegenseitig zu helfen, miteinander zu sprechen und zu beten, dass Jesus unverkrampft und selbstverständlich »in allem den Vorrang habe« (Kol. 1, 18). Wir werden dabei gewiss nicht zu kurz kommen. Dazu Markus 10,28-30; Lukas 12, 22-32; Kolosser 2, 3; 1. Korinther 1, 30; 2. Korinther 9, 8.
Federleicht muss die Bekleidung eines Läufers sein! Jedes Gramm zu viel wäre Hindernis. Jesus scheint genau andersherum anzusetzen: Wer in seiner Spur läuft, der soll sein Kreuz tragen, sonst disqualifiziert er sich selbst. Was ist gemeint? Der Nachfolger soll Folgendes bedenken: o Die schwerste Last, die Sündenschuld, hat Jesus ihm abgenommen, und er tut es immer wieder. Wer Jesus folgt, bekommt Vergebung für seine Sünden und Sieg über Sünde (1. Joh. 1, 9; 3, 1-6). Aber es ist immer noch ein Sieg in sündigen Verhältnissen und Strukturen. o Der Weg hinter Jesus her ist und bleibt der Weg des leidenden Gottesknechtes, solange wir auf der Erde leben. Darum bleiben dem Nachfolger des Herrn Schwierigkeiten, Nöte und Leiden nicht erspart. Denn »der Jünger steht nicht über dem Meister« (Luk.6, 40; vgl. Joh.15,20; Apg. 14,22). o Der Jesusweg ist schon jetzt der Weg des auferstandenen und zum Himmel erhöhten Herrn, der einmündet in das himmlische, das neue Jerusalem. Nun sprach Jesus aber davon, dass jeder Christ nicht irgendein, sondern sein eigenes Kreuz aufnehmen und es ihm nachtragen solle. Das kann ein körperliches oder psychisches Leiden sein, eine schwere Lebensführung, unbeantwortete Fragen, Verlust- und Frusterlebnisse oder auch »wenn mein Wille sich mit seinem Willen kreuzt. Dann stehe ich vor der Entscheidung, ob ich seinen Willen annehmen und tun will, auch wenn Eigenes durchkreuzt wird. Wenn ich mich dafür entscheide, was er will, dann lebe ich das, was Jesus Selbstverleugnung nennt« (Louis Palau). Welche Ermutigungen zur Selbstverleugnung enthält Philipper 3,10-14?
Für den passionierten Bergsteiger ist eine gute Ausstattung unverzichtbar. Selbst ein professioneller Alpinist braucht eine hochwertige Minimal-Ausstattung, zu der Pickel und Seil gehören. Auch für unseren Weg mit Jesus benötigen wir eine erstklassige Ausrüstung. Wir haben sie und finden sie in der Bibel. Wie können wir sie im praktischen Alltag in Anspruch nehmen?
Wenn einer weiß, wie anspruchsvoll, widerspruchsvoll und leidvoll das Leben in einer schuldverstrickten Welt ist, dann Jesus! Er weiß es aus eigener Erfahrung. Jesus weiß, was Müdigkeit, Hunger, Durst, Krankheit, Einsamkeit, Schmerz und Verleumdung ist und was es heißt, den Angriffen aus der Hölle und den feinsinnigsten Verführungskünsten Satans zu widerstehen. Der Herr weiß, wie schwer Missverständnisse, Kränkungen, Lügen und Verleumdungen wiegen. Darum haben wir in ihm den verständnisvollsten und mitfühlendsten Freund. Nur eins war anders bei ihm: Er rutschte nie ab in Sünde, weil er mit dem Vater aufs engste verbunden blieb und ihm die Treue hielt, selbst in der dunkelsten Stunde der Gottverlassenheit. Jesus ist der durch und durch echte, der ganz und gar bewährte Menschensohn. Er hat Satan, den bösartigen und brutalen Anführer (Joh. 8, 44) des weltweiten Todes- und Sündenwerkes gestürzt (vgl. Luk. 10, 18; Joh. 12, 31 mit Hebr. 2, 14; 1. Joh. 3, 8; 2. Tim. 1, 10). Satan verhält sich zwar noch so, als ob er das Sagen habe, aber er ist durch das Erlösungswerk, das Jesus Christus, der Bewährte und damit der Stärkere, durchgeführt hat, entrechtet und entmachtet. Der Endsieg (Offb. 20, 10) ist schon im Vormarsch. Und wir sind als Brüder von Jesus Teilhaber am Sieg des wahrhaftigen Meisters. Von seinem Sieg darf in unserem Leben schon jetzt ganz viel sichtbar werden: 1.Korinther 9, 24 und Philipper 3,14.
Matthäus 11, 28; Hebräer 12, 1.
»Lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt.« Mit manchen Lasten müssen wir leben lernen, sie sind uns auferlegt von unserem Herrn. »Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch« (Ps. 68, 20; lies 2. Kor. 12, 9. 10). Doch es gibt auch Lasten, die wir nicht nach dem Willen Gottes tragen und mit denen wir uns unnötig belasten. Unvergebene Schuld lähmt und blockiert. »Dass Schuld geschehen ist, ist schlimm, aber dass man sie festhält, ist das größere Elend« (Hermann Bezzel). Darf der Herr mit uns über unvergebene Sünde sprechen und sie uns abnehmen? Klaus Vollmer fragte einmal: »Was machen Sie mit ihren Lügen? Was tun Sie mit ihrer Unreinheit, wo bleibt der Hass, der Neid, das Selbstmitleid und der Selbstbetrug? Wo bringen wir es hin? Wie viele Christen können nicht zum Frieden finden, weil Schuld nicht abgeladen wird.« Im Wort Gottes finden wir ein wunderbares Angebot: »Wenn wir unsere Sünden bekennen, dann ist Gott treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von allerUngerechtigkeit « (1. Joh.1,9; lies Ps.103,1-3; Jes.53,6.7; Eph.1,7. 8). Andere Lasten, die wir nicht tragen müssen, sind die Lasten der Bitterkeit und des Nachtragens. Wie oft tragen selbst langjährige Christen einander Dinge nach, die sie nicht vergeben wollen. Hier wachsen die verborgenen Wurzeln der Bitterkeit schnell auf, weil erlittene Verletzungen beständig weiter beobachtet, betrachtet und mitgeschleppt werden. Lasst uns ablegen und weglegen und im Aufsehen zu Jesus das Abgelegte liegen lassen. Aufschauen zum Herrn heißt wegschauen von sich selber und weitergehen. (Lies Eph. 4,32; Hebr.12,15; Jak. 3,13-17.)
Es gibt Lebensumstände und Führungen in unserem Leben, zu denen wir am liebsten nein sagen möchten. Nur das nicht! Wenn wir im Nein stecken bleiben, geraten wir in wachsende Unruhe und Zerrissenheit und verlieren wertvolle Kraft. »Im Annehmen liegt Frieden«, sagte die Missionarin Amy Carmichael. (Vgl. Hiob 2, 9. 10; 42, 1-5; Jer. 29, 11; Ps. 131, 1-3; Joh. 14, 27; Phil. 4, 7.) Unvergesslich, wie vor Jahren - noch zur DDR-Zeit - bei einer Allianz-Konferenz in Bad Blankenburg vierhundert Versammelte gemeinsam sprachen: »Ich sage ja zu den Führungen Gottes in meinem Leben.« Wenn Paulus an die Christen in Rom schrieb, dass »denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken« - so der Urtext -, hat er damit alle Christen ermutigen wollen, ihren ganzen Willen auf Gott auszurichten und das »Ja« zu seinen Wegen zu lernen und zu üben. Wir sagen nicht ja zum Bösen, das uns bedroht und bedrängt, sondern ja zu Gott, der das Böse überwunden hat. In Jesus geborgen und von ihm gehalten, dürfen und werden auch wir Überwinder sein. Wir sind unterwegs zum Besten, das es gibt: zur ewigen Herrlichkeit bei ihm. Darum wird uns alles, Frohes und Schweres, Freude und Leid, letztlich zum Besten dienen. Und wir dürfen ihm zutrauen, dass er auch die Wechselfälle des Lebens braucht, um unser Denken und Empfinden, unser Tun und unser Lassen so zu prägen, dass wir in »sein Bild«, in seine Art zu denken und zu wollen und zu handeln hineingestaltet werden (Röm. 8,29a). Es ist ihm sehr wichtig, dass wir uns wirklich umgestalten lassen. Heute wage ich mit Kolosser 3, 1-17 eine ehrliche Bestandsaufnahme. Dabei beachte ich besonders, welche Ermutigung und Ermahnung von Jesus in diesen Versen für mich persönlich liegt.
Welcher Mensch auch immer durch den Heiligen Geist zum ewigen Leben wiedergeboren wurde, er hat schon jetzt eine einzigartige Verbindung zu Gott geschenkt bekommen. Diese Beziehung ist die tiefste und weiteste, die engste und freieste Verbundenheit, die je ein Mensch in sich tragen kann (Eph. 3, 16-19). Jesus selbst hat mit seinen Jüngern - auf dem Hintergrund des Alten Bundes (Jes. 5, 1-7) - über diese wunderbare Tatsache ausführlich gesprochen und sie neu geprägt: Johannes 15, 1-17.26.27. Am Anfang dieser herrlichen Jesus-Rede steht das große »Ich bin« Gottes. Der Herr selber ist in seiner Person alles, was seine Jünger brauchen und was sie sein sollen. Wir können darüber nicht genug nachdenken und den dreieinigen Gott loben und anbeten. »In ihm ist alles, was ich brauche: seine Wahrheit für meine Lüge, seine Liebe für meine Kälte, seine Kraft für meine Rebellion«, bekannte eine junge Christin. Der Impuls lässt sich für unser persönliches Leben aufnehmen und konkret anwenden: seine .................................................................. für meine ................................................................. Zwei große Tätigkeitslinien durchlaufen die Jesusrede. Die eine Linie beschreibt das Wirken Gottes - reinigen, wegnehmen, reden, in uns bleiben, lieben, Gericht ausüben, Gebete erhören, Freundschaft zuerkennen, verkündigen, erwählen, gebieten, trösten, senden, bezeugen -, die andere unsere aktive Antwort, wobei das Bleiben an Jesus und das Fruchtbringen aus der herzlichen und tiefen Lebensgemeinschaft mit Jesus die Zentralworte bilden. Die Gemeinschaft mit Jesus verwirklicht sich vor allem im Herzensgespräch mit ihm, im Lobpreis und in der Anbetung Gottes. Wer in Jesus und seinem Wort seine »Bleibe« und seinen »Stand«-Punkt hat, wird nur erbitten, waser will (V. 7), und erleben, wie befreiend es ist, den Herrn durch Vertrauen zu ehren.
Wer in Jesus sein ewiges Zuhause gefunden hat, darf diesen Lebensraum schon jetzt beständig bewohnen, darin leben und darin bleiben. Gibt es das wirklich, dass man ununterbrochen »in Jesus« sein kann? »Ich konnte das lange nicht verstehen. Jahrelang glaubte ich, das sei eine sehr hohe Errungenschaft, und ich fühlte mich nicht stark genug, zu dieser Stufe der Vollkommenheit hinaufzuklettern. Aber der Heilige Geist hat mich gelehrt, dass es keiner Stärke bedarf, wenn man in Jesus bleiben will. Zu nichts braucht man so wenig Stärke wie zum Bleiben in Jesus. Nimm ein kleines Kind, ein paar Monate alt, und lege es in die Wiege, so bleibt es dort. Es braucht keine Stärke, um dort zu bleiben, es ist schwach und klein und bedürftig genug, um dort zu bleiben. Wenn es vielleicht ein Jahr alt ist, so wird es stark genug sein, um über die Seite der Wiege hinauszuklettern, und dann kann es einen Fall tun. Ich glaube, wir sind darum so oft nicht in Jesus, weil wir zu stark sind, nicht, weil wir zu schwach sind. Das Bleiben in Jesus ist nicht eine Folge unserer Anstrengung. Bleiben in Jesus heißt Ruhen in Jesus und Ruhen-wollen in ihm« (H. Taylor; vgl. Ps.131, 1-3; Matth.18, 3). Wenn wir nur einen historischen Jesus hätten, der der Vergangenheit angehört, dann könnte es kein Bleiben in ihm geben, aber wir haben einen lebendigen Herrn, der, wie der lebendige Weinstock, die Reben trägt und ihnen unaufhörlich sein Leben vermittelt. Das wollen wir immer wieder für uns annehmen. So ist das Bleiben in Jesus einerseits ein Ruhen, andererseits eine beständige Tätigkeit, die göttliche Lebensfülle - Glaubensschritt für Glaubensschritt - in uns aufzunehmen, wie die Rebe am Weinstock den Saft aufnimmt. (Lies Kol. 2, 1-10; Eph. 1, 7-14; 1. Joh. 2, 28.)
Schon in Johannes 15 haben wir das Gebet als Zentrum der Jesusverbundenheit entdeckt. Wie der Sauerstoff lebensnotwenig ist für unser physisches Leben, so das Gebet fürs geistliche Leben. Ohne das Atemholen der Seele im Gebet würde der Glaube verkümmern und kläglich auf der Strecke bleiben. Wie die Luft, die uns umgibt, immer da ist, so ist unser Herr ein beständig allgegenwärtiger und kein ferner Gott. Dass er für uns unsichtbar ist, liegt nicht an der Entfernung, sondern an unseren Augen. Wir werden Jesus in all seiner Herrlichkeit und Schönheit aber noch von Angesicht zu Angesicht sehen, wenn er seinen Heilsplan vollendet: 1.Korinther 13, 12; 1. Johannes 3, 1. Bis dahin leben wir im Glauben an den, der uns näher ist als alles, was wir mit unseren Augen sehen und mit unseren Händen greifen können. So nahe, dass er sogar jedes stumme Gebet, jeden stillen Herzensschrei hört. »Nahe ist er allen, die ihn anrufen, allen, die ihn ernstlich anrufen. Er tut, was die Gottesfürchtigen begehren und hört ihr Schreien und hilft ihnen« (Ps.145,18.19). So unerhört nahe ist uns Gott, dass wir mit ihm beständig und unmittelbar in Kontakt sein können. Wir dürfen betend arbeiten, betend unterwegs sein, betend Gespräche führen. Auch wenn unsere Gedanken, Hände und Füße den Alltagsgeschäften nachgehen müssen, sind wir mit unserem Herzen einfach »bei ihm«, wie er »bei uns« ist. Und zwischendurch dürfen wir uns freuen: »Du bist da, immer da, immer nah. Du mein Gott und mein Herr. Mein Glück, meine Freude, mein Friede.« So lernen wir, im Bewusstsein seiner ewigen Gegenwart zu leben. Das wusste und lebte schon König David: Psalm 16, 1-11.
So beständig nahe ist uns Jesus, dass wir alles, wirklich alles, im Gebet vor Gott ausbreiten und intensiv mit ihm besprechen können. Der Herr selbst hat dazu eine eindrückliche Geschichte erzählt: Lukas 18, 1-8. Jesus erlaubt, ja ermächtigt uns, den allmächtigen Gott im Gebet unaufhörlich und eindringlich zu bitten, gewiss nicht, weil Gott es nötig hätte und er anders nicht reagieren wollte, - nein! - wir haben solch anhaltendes und gründliches Beten nötig. Es ist »unglaublich«, dass wir immer wieder, von jetzt auf gleich, ohne Voranmeldung Audienz beim »Herrn aller Herren« haben und dass wir ihm nie lästig sind! Er könnte sich viel besser mit seinem Vater unterhalten als mit uns, die wir so oft nicht einmal wissen, was und wie wir beten sollen, und manchmal auch noch übers Thema Gebet lang und breit hin und her debattieren, anstatt einfach und natürlich, ehrlich und kindlich, demütig und leidenschaftlich zu beten. Fangen wir jetzt, heute damit an! Wir haben einen starken Beistand, den Heiligen Geist (Röm. 8,26.27), der unser Stammeln »übersetzt«, unsere Gebetsfehler korrigiert und all die Anliegen mit göttlicher Klarheit ordnet, sodass auch wir unter seiner Anleitung und Leitung in der Schule des Gebets das Beten lernen: Lukas 11, 1ff; Markus 11, 24. 25; Lukas 5, 16; 6, 28; Johannes 4, 24; Apostelgeschichte 13,3. Ein bemerkenswertes Beispiel aus dem Alten Testament kann uns für unseren Alltag konkrete Impulse fürs Gebet vermitteln: Der gottesfürchtige Staatsmann Hiskia hatte einen Schreckensbrief vom assyrischen König bekommen. »Und er nahm den Brief aus der Hand des Boten und las ihn, und er ging hinauf in das Haus des Herrn, und Hiskia breitete ihn vor dem Herrn aus« (Jes.37,14-20). Wie wichtig, dass wir uns die Zeit nehmen und vor dem Herrn alles ausbreiten: den Terminkalender, eine hohe Rechnung, die Mitarbeiterliste, den Bauplan, die Steuererklärung, den Einkaufszettel, die Kundenkartei. »Alle eure Sorgen werfet auf ihn; denn er sorgt für euch« (1. Petr.5,7; Phil.4,6. 7)!
Wer betet, blickt auf zu Jesus. Dazu ist immer wieder die Entscheidung nötig, den Blickwechsel tatsächlich vorzunehmen: »Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.« »Ich hebe meine Augen auf zu dir, der du im Himmel wohnst« (Ps.121,1.2; 123,1). Petrus konnte auf dem Wasser gehen, solange er auf Jesus blickte (Matth. 14, 22-33). Der Blick auf den Herrn hat das Unmögliche möglich gemacht. Als er nicht mehr auf Jesus schaute, sondern auf die Wellen, überwältigte ihn die große Angst in seinem Herzen, und er begann zu sinken. Ein Jünger, der in der Nähe seines Herrn unterzugehen droht?! Jesus war immer noch da, immer noch stark genug zu helfen, sein Wort »Fürchtet euch nicht« war immer noch gültig, aber Petrus schaute in eine andere Richtung. Wir dürfen in den guten Stunden unseres Lebens zu unserem Herrn auf- schauen, um all das Schöne und Gute dankbar zu genießen und vor Selbstsicherheit bewahrt zu bleiben, und in den bösen und stürmischen Stunden, um nicht zu verzagen und vor Bitterkeit bewahrt zu werden. Wir dürfen alles von ihm erwarten, vom ersten bis zum letzten Schritt der Jesus-Nachfolge; wir bleiben fest und gehen Schritt für Schritt vorwärts mit dem Blick auf ihn. Blicke nur auf Jesus, mitten in dem Streit! Wird der Kampf auch heißer, Hilfe ist bereit. Ist der Feind gleich mächtig, deine Kraft nur klein, blicke nur auf Jesus, sein Sieg ist auch dein (Henry Burton). (Lies Joh.11,41; 1.Kor.13,12.)
Vorbemerkung: Advent heißt zu deutsch »Ankunft«. Seit der frühen Christenheit wissen wir um zwei große Advents-Ereignisse der Weltgeschichte. Das erste liegt in der Vergangenheit: Gott ist zu uns auf die Erde gekommen und hat die Erlösung mitgebracht (Weihnachten). Das zweite liegt in der Zukunft: Gott wird wiederkommen und die Weltvollendung mitbringen (Wiederkunft von Jesus). Wir heute leben zwischen diesen Fixpunkten. Wir denken zurück und orientieren uns nach vorn. Darum leben Christen eigentlich in einer beständigen Adventszeit. Nehmen wir nun das Kirchenjahr zum Anlass, über die Ankunft Gottes nachzudenken. Das wollen wir uns für die vier Adventssonntage und die
In vielen Gemeinden wird heute wieder das beliebte Adventslied »Macht hoch die Tür« gesungen. Dem Dichter Georg Weissel (1590-1635) stand dabei Psalm 24 vor Augen, jenes kurze, aber majestätische Loblied auf Gott, den »König aller Könige und Herrn aller Herren« (1. Tim. 6, 15). Psalm 24 gehört zu den Königspsalmen und wurde vielleicht zum ersten Mal gesungen, als König David die Bundeslade nach Jerusalem überführte (2. Sam. 6, 1-5. 12-15). Endlich konnte Israel wieder seine herrlichen Gottesdienste feiern; denn Gott selber war ins Heiligtum »eingezogen«. Der Herr der Herrlichkeit war zu ihnen gekommen. Jahre später, nachdem der Tempel errichtet und die Bundeslade in dieses prachtvolle Bauwerk gebracht worden war (1.Kön.8, 1-6), hielt die Herrlichkeit Gottes dort Einzug (1.Kön.8,10.11). Unter dem Eindruck dieser majestätischen Ankunft Gottes betete Davids Nachfolger, König Salomo, Gott an: 1. Könige 8, 22-53. Ein sehr langes, intensives Gebet! Ein Gebet, das Gott selbst bestätigte (1. Kön. 9, 3), aber nicht, ohne seine Zusage mit der Verantwortung von König und Volk zu verbinden (V. 4-9). Doch Gott hatte noch einen größeren Plan. Er wollte sein Volk nicht nur an heiliger Stätte in Jerusalem besuchen, sondern der ganzen Welt seine Herrlichkeit offenbaren: Er selbst wollte als Mensch bei uns auf der Erde Einzug halten und damit allen Menschen den Zugang zum Himmel, zu seinem ewigen Reich, dem Reich seiner großen Liebe, öffnen. Zur Vertiefung am ersten Advent: Wie hat der Herr der Herrlichkeit, den »der Himmel und aller Himmel Himmel nicht fassen können« - Gebet Salomos -, sich eines Tages von Menschen »anfassen« und erfassen lassen? Wie geschah das bei Maria (Luk. 1, 26-38) und Josef (Matth. 1, 18-25)? Wie zeigt sich Herrlichkeit Gottes in unserem Leben - beim Einzelnen, in Familie und Gemeinde? Das Adventslied von Georg Weissel enthält hilfreiche Impulse.
zur Verfügung gestellt von: bibel.com der Homepage von Christen für Christen.