Nach seinem Leiden und seiner Auferstehung hatte der Herr Jesus Christus sich seinen Jüngern über einen Zeitraum durch mehrere Zeichen als der Lebendige erwiesen. Vierzig Tage hat er sich den Seinen gezeigt und von der Königsherrschaft Gottes erzählt. Er erklärte ihnen, wie wichtig es ist, dass sie den Heiligen Geist empfangen, damit das Evangelium nicht nur in Israel, sondern weltweit verkündigt werden könne (Apg. 1, 8). Dann kam der Tag der Himmelfahrt des Herrn: Vor den Blicken der Jünger wurde er »emporgehoben«, und eine Wolke, Zeichen der heiligen Gegenwart Gottes, nahm ihn vor ihren Augen weg (1, 9). Jesus kehrte zu seinem Vater in den Himmel zurück. Die Himmelfahrt Jesus ist ein Meilenstein in der Welt-Geschichte. Christus setzt sich zur Rechten seines Vaters und nimmt den Königsthron Gottes ein. Nun ist er der gegenwärtige Erlöser, der überall mit seinem Heilshandeln eingreifen kann. Vom Himmel her ruft der Herr seine weltweite Gemeinde ins Leben. Er schenkt seinen Jüngern die Kraft des Heiligen Geistes, seine Zeugen zu sein und leitet sie fortan durch sein vom Heiligen Geist inspiriertes Wort. Was am Tag seiner Himmelfahrt geschah, hat es möglich gemacht, dass wir heute Jesus Christus als unseren Erlöser kennen, dass wir auf ihn hören und ihm gehorchen, dass wir ihn ehren und anbeten können. »Ich bete dich an, mein Herr und himmlischer König, und danke dir für deine Macht und Herrlichkeit. Sie ist nur ein Stück von deiner großen Liebe. Du behältst sie nicht für dich selber, sondern teilst sie mit verschwenderischer Güte aus, damit auch wir teilhaben an deiner Freude und an dem Glück, in der Gegenwart deines Vaters zu leben.« (Lies Luk. 24, 50-53; Apg. 2, 46. 47; 1. Petr. 1, 3-9.)
Rut wusste, wie sehr sie auf die »Gunst und Gnade« angewiesen war. Ihr ganzes Verhalten kennzeichnete Bescheidenheit und Zuversicht zugleich. Es sollte nicht bei diesem einen Mal bleiben, dass Rut der Gnade einen so hohen Stellenwert einräumte. Das hängt wohl damit zusammen, dass sie ein tiefes Empfinden für ihr Verlorensein hatte und darum das Geschenk der Gnade umso mehr zu schätzen wusste. Sie steht damit in der Reihe anderer Frauen, die, wie sie selber, auf Gnade angewiesen waren: Hanna, Abigail, Maria. (Vgl. 1. Sam. 1, 9-18; 25, 23-31; Luk. 1, 47. 48.) Mit der Entscheidung, die Rut getroffen hatte, ist aber ihre Geschichte nicht zu Ende, sie beginnt erst richtig. Ein Ausleger vermerkt dazu: »Rut begnügt sich nicht damit, zum Volk Gottes gezählt zu werden. Sie will unter allen Umständen in den Besitz und Genuss aller Vorrechte kommen, die ihr nun in ihrer Stellung als Glied des Volkes Gottes zustehen.« Noomi sah in der entschiedenen Bitte ihrer Schwiegertochter, dass sie wirklich auf einen Acker gehen wollte, um ihrer beider Bedürfnisse nach Nahrung zu stillen. Sie gab ihr die Erlaubnis, und schon beginnt Rut mit ihrer Arbeit. Da sie weder Schnitter noch Grundbesitzer kannte, ging sie auf den nächstbesten Acker. War es wirklich Zufall, dass sie auf diesem Acker Boas begegnete? »Ganz menschlich, ganz alltäglich, ganz weltlich wird diese Begegnung beschrieben, so wie sie immer wieder zum Alltag der Menschen gehört. Gerade dieser Zufall unterstreicht, dass keine menschliche Absicht beteiligt war. Gerade das Zufällige, das allzu Menschliche wird von Gott herbeigeführt, denn Jahwe, das ist der, der im rechten Augenblick zur Stelle ist immer gegenwärtig, nie abwesend« (M. Holland). Mit diesem immer gegenwärtigen Herrn dürfen auch wir heute rechnen (Ps. 13, 6; 28, 7; 62, 9; Matth. 6, 8).
Während Rut ihrer Arbeit nachgeht, kommt Boas auf sein Feld. Vielleicht möchte er nachsehen, wie es seinen Schnittern bei der Arbeit geht. Der Gruß, den Boas und seine Arbeiter miteinander austauschen, zeigt, wie zuvorkommend er mit ihnen umgeht. Die Ähren auflesende junge Frau nimmt er schnell wahr und erkundigt sich nach ihrer Herkunft. Das zu wissen war wichtig, denn Herkunft und Zugehörigkeit eines Menschen gaben darüber Auskunft, unter wessen Schutz man stand. Rut war nun für Boas keine Namenlose, keine Unbekannte mehr. Er wusste jetzt, dass diese junge Frau zu seiner Großfamilie gehörte, für die er Verantwortung trug. Zuvorkommend und klug nimmt er diese unverzüglich wahr. Boas stellt sie unter seinen Schutz, indem er sie den Ähren-Sammlerinnen zuordnet und den männlichen Arbeitern gebot, sie nicht zu belästigen. Zugleich gibt er Rut selber seine Anordnungen kund und sichert durch seine Anweisung, auf keinem anderen Feld zu arbeiten, ihr zukünftiges Wohlergehen ab. Boas Anrede »meine Tochter« darf nicht als Herabwürdigung oder plumpe Vertrautheit angesehen werden, sondern weist auf den Altersunterschied zwischen ihnen hin. Außerdem bringt Boas damit eine neue Beziehungsebene zur Sprache. Gerade so achtet er Ruts Würde. Wie gehen wir als Jesus-Nachfolger miteinander um? In Freundschaft, Ehe, Familie und Gemeinde? Achten und schützen wir einander? Waltet die aufmerksame und von Herzen freundliche Liebe unseres Herrn Jesus Christus zwischen uns? »Tut nichts aus Eigennutz oder eitler Ruhmsucht, sondern achtet in der Demut einer den anderen höher als sich selbst. Ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern ein jeder auch auf das der anderen« (Phil. 2, 3; lies 3. Mose 19, 18; Luk. 10, 27; 1. Kor. 13, 4. 5; Eph. 4, 32).
Wie wir im letzten Tagesabschnitt gesehen haben, hat Boas alles getan, damit sich Rut in ihrer neuen Heimat willkommen fühlt. Er sorgt für ihre und Noomis Existenzsicherung. Das geschieht ganz praktisch: »Er sorgt dafür, dass dort, wo sie Ähren liest, auch wirklich welche liegen, dass sie also am Abend heimgehen könne weder mit leeren Händen noch mit einem peinlichen Geschenk, sondern mit dem stolzen Ergebnis ihrer Tagesarbeit. Er gibt Hilfe zur Selbsthilfe« (M. Holland). Verstehen kann Rut das alles nicht. Aber wer kann schon verstehen, was Gnade ist? Worin mögen wohl die Gründe für das Verhalten dieses Mannes liegen, mag sie sich gefragt haben. Sie hat keine plausible Antwort darauf. Lag es an ihrem selbstlosen Verhalten andern gegenüber? Man sah es in:
Boas fühlt sich veranlasst, ihr deshalb ein Segenswort zuzusprechen, das ihr ganz persönlich gilt: »Der Herr möge dir dein Tun vergelten. Voller Lohn möge dir von dem Herrn, dem Gott Israels, zuteil werden, unter dessen Flügeln du Schutz gesucht hast.« Gott wird dieser Frau zurückerstatten, was sie für ihn eingesetzt hat. (Vgl. Spr. 19, 17.) Gott hat nicht nur auf unseren Glauben acht, sondern auch auf unsere Werke. »Der Glaube ohne Werke ist in sich selbst tot und nutzlos« (Jak. 2, 17. 20. 26). Mit guten Werken können wir uns gewiss nicht den Himmel verdienen. Aber wenn wir durch den Glauben an das Erlösungswerk unseres Herrn Jesus Christus gerettet sind, wird sich das in unserem Tun und Lassen zeigen. »Der Glaube ist durch die Liebe tätig«, oder es ist kein wahrhaftiger Glaube (Gal. 5, 6; lies Apg. 9, 36; 16, 30-34).
Die erste konkrete Berührung mit dem, was Gnade ist, hat Ruts Herz berührt. Obwohl sie selber keine Ahnung davon hat, was sich anbahnt, können wir Gottes »handgesponnene Fäden« entdecken, die Boas und Rut noch auf eine ganz andere Art und Weise miteinander verbinden werden. Die junge Frau weiß sich durch die Worte dieses Mannes getröstet. »Dieses biblische Bild ist voller Geborgenheit, Innigkeit und Vertrautheit. Rut erlebt in Boas Verhalten eine starke Schulter, an die sie sich anlehnen darf« (H. Lamparter). Wir alle brauchen Trost. Der Herr schenkt uns immer wieder Menschen, die uns hilfreiche Tröster sind (1. Mose 5, 29; Hiob 2, 11; Joh. 11, 19). Der beste aller Tröster ist Gott selber. Er ist »der Gott allen Trostes« (2. Kor. 1, 3; vgl. Ps. 23, 4; 71, 21; Jes. 51, 3. 12; 61, 2; 66, 13; Jer. 31, 13b). Trost ist etwas, was wir alle brauchen. Für Rut kommt noch das Glück dazu, sich satt essen zu dürfen. Boas lädt sie zum gemeinsamen Mittagessen ein. Dabei soll sie in seiner Nähe sitzen. Diese vorbehaltlose Gastfreundschaft bedeutete hier zugleich Aufnahme in den Familienverband. Seit sie in der Nähe ihres zukünftigen »Lösers« ist (Rut 4, 1-6), geht es ihr so gut, dass es ihr an nichts mehr fehlt. Sie hat sogar noch übrig zum Weitergeben. Auch Noomi hat genug. So überraschend änderte sich das Schicksal beider Witwen. Boas Handeln ist ein Hinweis auf das, was Jesus für uns getan hat. Er ist der einzigartige »Löser«, der den Preis für uns nicht mit Geld, sondern mit seinem eigenen Leben bezahlt hat (Matth. 20, 28; Gal. 4, 5; 1. Petr. 1, 18. 19). Er schenkt Trost, Hoffnung, Sicherheit, Geborgenheit, Nahrung und allem voran das ewige Leben. Auch er lädt uns ein, Teilhaber seines Familienverbandes zu werden. Das ist der tiefste Sinn der Gnade.
Die gütige Zuwendung Boas scheint keine Grenzen zu kennen, aber er bleibt in seinem Verhalten Rut gegenüber äußerst diskret. »Er nimmt Rut keine Arbeit ab. Er überhäuft sie nicht mit Gaben. Er verschafft ihr lediglich die Bedingungen, die einen Ertrag ermöglichen« (M. Holland). So müssen wir die Anweisung an die Schnitter verstehen, absichtlich für sie Ähren fallen zu lassen. Rut steht jetzt unter seinem Schutz. Boas nimmt seine Verantwortung als zukünftiger »Löser« ganz ernst. Ob Rut das alles verstanden hat, wird uns nicht gesagt. Was wir sehen, ist, dass sie ihrer Arbeit mit Fleiß und Einsatz nachging, sonst hätte sie niemals 22 kg Gerste (»ein Efa«) auflesen können. Davon konnten Noomi und sie sich etliche Wochen ernähren. Der glückliche Start, der mit dem Beginn der Gerstenernte angefangen hatte, war gelungen. Die Begegnung mit Boas sorgte einerseits für die Stillung der Grundbedürfnisse der beiden Witwen, eröffnete andererseits eine Perspektive, die weit darüber hinausreichte. Als Rut am Abend mit ihrer reichen Ernte nach Hause kam, erkundigte Noomi sich danach, wie ihre Schwiegertochter zu diesem großen Segen gekommen war. Rut spricht den Namen Boas aus, und schon löst sich ein Rätsel. Boas ist mit ihnen verwandt und einer ihrer Löser. Es ist, als ob bei Noomi eine lange verschlossen gehaltene Tür aufgeht. Sie erinnert sich an den Herrn und die guten Gesetze, die er seinem Volk gegeben hatte. Einen Löser zu haben bedeutete für die beiden einsamen Frauen, dass ihnen Recht geschaffen werden wird. Noomi und Rut, die zu den ärmsten Frauen des Landes gehörten, waren verwandt mit einem der reichsten Männer desselben Landes! (Dazu: Spr. 23, 11; Jes. 41, 14; 63, 16; Jer. 50, 34.)
Was bedeutet es, »Löser« zu sein? »Nach 3. Mose 25, 25ff hatte er das Recht, jeglichen Besitz seines Bruders, den dieser verloren hatte, zurückzukaufen. Und nach 5. Mose 25, 5. 6 hatte er, für den Fall, dass sein Bruder stirbt, ohne Nachkommen zu hinterlassen, die Pflicht, dessen Witwe zur Frau zu nehmen, um seinem Bruder einen Nachkommen zu schaffen, der dann den Grundbesitz seines Bruders erben sollte« (R. Hession). Aber nicht jeder konnte diese Verantwortung wahrnehmen. Es gab dafür drei Bedingungen:
Wenn der Weg der beiden Witwen bisher auch sehr schwer war, so leuchtet jetzt mit dem Löser ein Licht im Dunkeln ihres leidvollen Geschicks auf. Immer wieder klang es in den vergangenen Tagesabschnitten an, dass die Geschichte Ruts sich mit dem Heilshandeln Gottes verbindet. Dabei ist Boas, der Löser, der nahe Verwandte, die zentrale Figur. Er weist hin auf Jesus Christus, der das eigentliche Zentrum der Heilsgeschichte Gottes ist. Jesus ist der Erlöser, weil er alle Forderungen erfüllt hat. Er ist dieser nahe Verwandte, weil er uns Menschen gleich wurde. Er hat dem Tod die Macht genommen, und uns damit erlöst aus der Macht Satans. (Vgl. Hebr. 2, 10-18; Röm. 8, 15-17; Luk. 1, 74. 75.) »Es muss für Noomi ein wunderbarer Augenblick gewesen sein, als sie innewurde, dass der, den sie als einen Verwandten schon einige Zeit gekannt hatte, aufgrund dieser Tatsache ihr Löser war. Auch für uns ist es eine wunderbare Tatsache, wenn uns inmitten einer schwierigen Situation bewusst wird, dass Jesus unser Ånächster Verwandter ist, der alles für uns zurückkaufen kann, was wir verloren haben« (R. Hession).
Ein Löser musste die finanziellen Mittel besitzen. »Es war eine Sache, zur Erlösung berechtigt zu sein, aber eine andere, dazu imstande zu sein« (R. Hession). Boas war ein vermögender Mann, und darum war es keine Frage, dass er diese Voraussetzung erfüllen konnte. Jesus, unser Erlöser, hat sich nicht nur das Recht erworben, uns aus der Versklavung der Sünde zu erlösen, er hat auch die Kraft, uns von den Folgen der Sünde freizumachen. Kann er die Auswirkungen der Sünde rückgängig machen, kann er uns das lähmende Schamgefühl wieder wegnehmen, das verlorene Glück und die zerbrochene Gemeinschaft mit andern wiederherstellen? In Jesaja 50, 2 fordert Gott sein Volk heraus, ihm das zuzutrauen. »Ist mein Arm nun so kurz geworden, dass er nicht mehr erlösen kann? Oder ist bei mir keine Kraft mehr, zu erretten?« Gott hat seinem Volk versprochen, dass »ihr Erlöser stark ist« (Jer. 50, 34). Auch diese erlösende Kraft ist Teil der Gnade Gottes. Denn sie kommt der Sünde zuvor, » . . . weil Gott unsere verlorene Situation vorausgesehen hat, bevor sie überhaupt da war. Darum ist sein Arm mächtig genug, alles neu zu machen« (R. Hession; vgl. Ps. 98, 1). Das gilt gewiss für jenen Tag, an dem Gott den neuen Himmel und die neue Erde schaffen wird: »Siehe, ich mache alles neu!« (Offb. 21, 5). Aber seine neuschaffende Kraft soll schon jetzt in unserem zerbrechlichen Leben und in den Wirren des Alltags zur Entfaltung kommen. Wir sind der Macht der Sünde nicht hoffnungslos ausgeliefert. Auch wenn der Schaden verzweifelt tief sitzt und böse Wunden nicht heilen wollen, wird der Herr uns nicht wegwerfen. (Vgl. Jer. 18, 1-6; Jes. 42, 3; 57, 15.) Darum wollen wir unsere Hoffnung auf Jesus und sein Heil setzen.
Ein Löser soll nicht nur ein enger Verwandter sein und die nötigen Geldmittel haben. Er muss auch wirklich zum Kauf bereit sein. Aus der Geschichte Ruts entnehmen wir, dass Boas ausgesprochen willig war, die Rolle des Lösers zu übernehmen. Denn er hatte Rut lieb gewonnen. Das ist auch der Grund, warum Jesus vollkommen bereit war, uns zu erlösen. Er liebt uns. Er hat uns in sein Herz geschlossen. Das Besondere an unserem Erlöser ist, dass er uns nicht nur einmal in einer bestimmten Situation befreit, nein, er tut es beständig, immer wieder aufs Neue. Wenn wir in Sünden und deren Folgen verstrickt werden, ist er für uns als Erlöser da. Auch wenn wir rückfällig geworden sind oder in einem anderen Punkt versagten, ist der Herr gerne bereit, uns immer wieder zu helfen. Wir dürfen nicht unsere Rückfälligkeit zum Maßstab unseres Glaubens machen, sondern seine ewige Treue und liebevolle Geduld. Allerdings ist auch unsere Bereitschaft gefragt, alles vor dem Herrn auszubreiten, unsere Sünden beim Namen zu nennen, sie zu bekennen und loszulassen. Gegebenenfalls wird es notwendig sein, einen erfahrenen Seelsorger hinzuzuziehen. (Lies 2. Sam. 12, 13; 24, 10; Ps. 32, 5; Spr. 28, 13; Matth. 6, 9-15.) Hoffnungslos, trostlos und arm bist du, einsam, von kalten Wogen umtost. Hier ist die Hilfe, so greif doch zu! Jesus gibt Zuflucht, gibt echten Trost. Flecken der Sünde, tief eingebrannt, was wäscht sie weg, vertilgt diese Spur? Sieh, Jesu Blut wird dir heut genannt, hier ist die Rettung, die Hilfe nur. Gnade, Gnade, Gnade vergibt dir und reinigt dich. Gottes Gnade bringt die Errettung für dich und mich. J. H. Johnston Gottes Gerechtigkeit ist unparteiisch Römer 2, 1-29
In Kapitel 1, 16. 17 hatte der Apostel Paulus klargestellt, dass die Gerechtigkeit Gottes jedem, der an das Evangelium von Jesus Christus glaubt, geschenkt wird. Darum kann der Glaubende singen: »Freuen, ja freuen will ich mich in dem Herrn! Jubeln soll meine Seele in meinem Gott! Denn er hat mich bekleidet mit Kleidern des Heils, den Mantel der Gerechtigkeit mir umgetan« (Jes. 61, 10a). Wer sich aber nicht in die »Kleider des Heils und den Mantel der Gerechtigkeit« einkleiden lässt, steht unter dem Zorn Gottes, den der Herr »vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten« offenbaren wird (Röm. 1, 18). Ab Kapitel 1, 18 führt Paulus eine lange und schreckliche »Sündengeschichte« der Nationen aus. Demgegenüber spricht der Apostel in Kapitel 2 schwerpunktmäßig vom auserwählten Volk Gottes, den Juden. Ihnen hat Gott seinen Willen im Gesetz offenbart. Ein Gesetz, das »heilig, gerecht und gut ist« (Röm. 7, 12). Der Apostel, der selber ein hervorragender Gelehrter des Gesetzes war (Phil. 3, 5. 6), weiß aber, dass der Zorn Gottes nicht nur über die Ungerechtigkeit verhängt ist, sondern auch über die Selbstgerechtigkeit (Röm. 2, 3. 5). Darum erhebt Paulus gleich zu Beginn von Kapitel 2 beinahe beschwörend seine Stimme: »O Mensch!«, »o Mensch!«, du weißt, dass Christus dich aus der Verlorenheit gerettet hat, aber da gibt es welche, die sehen sich gar nicht als rettungslos verloren an, sondern als »gut und recht« vor Gott. Und sie meinen, aufgrund ihrer guten Werke in den Himmel zu kommen, und nun stehst du in Gefahr, auf diese herabzusehen. Oder da gibt es die ganz »Schlimmen und Bösen«, die sich im Schmutz der Sünde aalen. »O Mensch!«, bemerkst du in deinem Herzen den unbarmherzigen Richter, der lieblos kritisiert? Hast du so Jesus Christus kennengelernt? (Lies Matth. 9, 36; 14, 14; 15, 32; Mark. 1, 41.) Wir erinnern daran, dass 5.000 junge Leute zum PfinGstjuGendtreffen des diakonissenmutterhauses aidlinGen kommen. Es ermutigt uns, wenn unsere Leserinnen und Leser dieses Treffen im Gebet begleiten.
Jesus erwählte zwölf Apostel. Eng lebten sie mit ihm zusammen. Sie hörten seiner Verkündigung zu, ließen sich von ihrem Herrn als »Missionare« zu den Menschen senden und lernten von Jesus, wie sie beten konnten. Eines Tages geschah etwas Besonderes. Der Herr forderte die Zwölf zu einem Bekenntnis heraus. Das war überaus wichtig; denn er wollte das Fundament für die spätere Jesus-Gemeinde, die Gott am Pfingstfest ins Leben rief, legen. Petrus stellte sich bewusst auf die Seite seines Herrn und bekannte: »Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.« Damit war klar, dass dieser Christus das eigentliche Fundament ist, auf dem Gemeinde gebaut wird. Doch etwas Entscheidendes fehlte noch: das Kommen des Heiligen Geistes. Jesus, der inzwischen zu seinem Vater in den Himmel zurückgekehrt war, sandte ihn zu den Aposteln und den vielen anderen, die an Jesus glaubten. Wie der Herr es ihnen versprochen hatte, bekamen sie die Kraft des Heiligen Geistes und den Mut, von Jesus zu erzählen. Sie verkündigten, dass er die einzige Brücke ist, auf der Menschen in den Himmel kommen, dass er Sünden vergibt und eines Tages wiederkommen wird. (Lies Apg. 1, 8; 2, 14. 22. 23. 32. 33. 37-42. 46. 47.) Später erkannten die Apostel, dass Jesus durch den Heiligen Geist sogar in ihnen lebte. Das ist bis heute so: Jeder, der den Herrn Jesus Christus in sein Leben aufnimmt, in dessen Herz »zieht er ein«, um dort zu »wohnen«. (Lies Offb. 3, 20; vgl. Joh. 17, 26; 2.Kor. 13, 5; Eph. 3, 17; Kol. 1, 27.) Ein einfaches Gebet kann uns helfen, Jesus die Tür unseres Herzens zu öffnen: »Herr Jesus Christus, ich habe bisher ohne dich gelebt. Bei mir ist so viel falsch gelaufen. Bitte, vergib mir meine Schuld. Komm jetzt in mein Leben. Mach aus mir einen Menschen, der sich an dir orientiert. Amen.«
Gestern haben wir darüber nachgedacht, dass der Herr Jesus Christus durch den Heiligen Geist in unser Leben kommt, wenn wir ihn einladen. Wie können wir wissen, dass er wirklich hereinkommt? Lesen wir noch einmal Offenbarung 3, 20. Also: Wir hören seine Stimme, und wie er leise anklopft. Wir bitten ihn hereinzukommen. (Siehe Gebets-Vorschlag am PfingstSonntag). Wenn wir ihn bitten hereinzukommen, bleibt er nicht vor der Tür stehen, sondern kommt tatsächlich in unser Leben; denn er hat es selber gesagt. Er hat es uns versprochen, und er hält, was er verspricht. Denn Gott kann nicht lügen. Sein Wort ist absolut zuverlässig. Darum können wir ihm jetzt danken: »Herr Jesus, danke, dass du in mein Leben eingetreten bist. Danke, dass du meine Schuld vergeben hast. Danke, dass du in mir lebst.« Mag sein, dass du keine überschwänglichen Gefühle hast. Und doch schenkt der Herr die innere Gewissheit: Jetzt habe ich Frieden im Herzen. Ich bin nicht mehr zerrissen, sondern zur Ruhe gekommen. Denn der Heilige Geist bestätigt es unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind. (Lies Röm. 8, 14-16; 1. Joh. 5, 12. 13.) Wenn wir Jesus in unser Leben aufgenommen haben, sind wir nicht sofort »ein Erwachsener im Glauben«, sondern wir sind wie ein neugeborenes Kind. Es braucht Nahrung so brauchen wir Gottes Wort, das Lesen in der Bibel. Ein Baby wird das Sprechen lernen so auch wir, wenn wir mit Jesus sprechen. Manchmal wissen wir nicht, was wir sagen sollen, manchmal finden wir nicht die passenden Worte. Das ist nicht schlimm. Denn: der Heilige Geist nimmt sich unserer Schwachheit an. Er tritt bei Gott für uns ein mit seufzendem Flehen, das sich nicht in Worte fassen lässt. (Lies Röm. 8, 26. 27.) Entscheidend ist, dass wir den Gesprächskontakt mit Jesus nicht abreißen lassen.
In Kapitel 2 spricht der Apostel beispielhaft vom gesetzestreuen Juden. An Israel führt Gott den Völkern modellhaft vor
Auch bei größter Anstrengung ist der Mensch, er sei Jude oder Heide, verloren und des Evangeliums bedürftig. Gerade beim gesetzestreuen Juden wird der Widerspruch zwischen wissen und tun besonders deutlich. (Dazu Jak. 1, 21-27.) Auch wir werden den Widerspruch zwischen dem Wort und Willen Gottes und unserem Leben als Christ immer wieder bemerken. Wir stellen es aber beim anderen viel schneller und oft auch intensiver fest als bei uns selbst. Wir kritisieren und urteilen in Gedanken, mit »belehrenden« Worten und »korrekten« Taten. Unwillkürlich hat sich ein gehobenes Selbstgefühl eingeschlichen. Das Urteil über den anderen: »Du hast gesündigt!« verdrängt das Bekenntnis: »Ich habe gesündigt!« (Vgl. 2. Sam. 12, 13; Luk. 15, 21.) Haben wir dabei nicht auch schon mehrfach entdeckt, dass wir die Taten, die wir am anderen bemäkelten, bei anderer Gelegenheit selber tun? Der Apostel sagt: »Du bist nicht zu entschuldigen!« Auch du, der du unter dem Mantel der Frömmigkeit über andere urteilst, musst dich mit deinem Leben einmal vor dem Richterstuhl Gottes verantworten. (Siehe 2. Kor. 5, 10; Matth. 3, 7-9.) Paulus will nicht Angst einjagen, er verurteilt niemanden, sondern er ringt seelsorgerlich um seine Brüder und Schwestern im Glauben. Er erinnert an Gottes Güte und Geduld. Unermüdlich geht er dem Verirrten nach, sucht, bis ers findet, und löst das Verlorene aus dem Gestrüpp der Eigensinnigkeit. Jetzt liegt es an uns, uns von Gottes Freundlichkeit und Erbarmen zur Umkehr leiten zu lassen. (Lies Matth. 6, 12. 13; 1. Joh. 1, 8. 9.)
Als das Volk Israel während der grausamen Sklavenherrschaft Ägyptens weinte und klagte, sah Gott ihr Jammern. Er beschloss, sie zu retten. Wir lesen 2. Mose 2, 24. Eines Tages führte der Herr sie aus der Sklaverei in die Freiheit. Welch ein Jubel, welch eine Freude lebte in den Herzen der Befreiten auf! Sie besangen Gottes Güte und Macht. »Meine Stärke und mein Loblied ist der Herr, denn er ist mir zur Rettung geworden. Er ist mein Gott, und ich will ihn preisen, der Gott meines Vaters, und ich will ihn erheben« (2. Mose 15, 2). Doch schon bald wurde aus dem Loblied ein Klagelied. Murren und Meckern, Klagen und Anklagen, Ungehorsam und Götzendienst bestimmten die Wanderung durch die Wüste. Das war später, im Gelobten Land, nicht anders im Gegenteil, hier wurde alles noch viel schlimmer. Immer wieder rief der Herr sein Volk zur Umkehr. Doch beharrlich antwortete es auf die unermüdlichen Angebote des göttlichen Heils mit Trotz. (Vgl. 2. Mose 33, 5; 5. Mose 9, 6; Jer. 5, 23; Hes. 2, 4; Mark. 16, 14; Apg. 7, 51-53.) Paulus ringt um die Halsstarrigen mit ganzem Nachdruck und Ernst: Wer nicht zu Gott umkehrt, wer meint, ohne Herzens-Bekehrung bei Gott Plus- Punkte sammeln zu können, irrt! »Du häufst dir selbst Zorn auf für den Tag des . . . gerechten Gerichtes Gottes, der einem jeden vergelten wird nach seinen Werken« (2, 5. 6). Der Apostel sagt hier nicht, dass ein Mensch durch gute Werke in den Himmel komme. Er geht vielmehr davon aus, dass einer, der zu Gott umgekehrt ist, einer, der der Wahrheit Gottes gehorsam wird, auch diejenigen Werke tut, die dem Herrn gefallen (V. 10). Der im Herzen Bekehrte und im Leben Gehorsame wird den »Zorn und Grimm« Gottes nicht erleben, sondern »Herrlichkeit und Ehre und Frieden« erfahren. (Lies Joh. 3, 16-21. 36; 1. Joh. 1, 6. 7.)
Der Apostel Paulus musste solchen Juden entgegentreten, die auf eine Sonderbehandlung im Gericht Gottes hofften. Paulus beanstandet nicht, dass Israel ein besonderes Volk ist: »der erstgeborene Sohn Gottes« (2. Mose 4, 22. 23; Jer. 31, 9). Aber das besondere, von Gott ausgesonderte Volk trägt auch eine besondere Verantwortung. (Dazu 5. Mose 6, 5; 10, 12; 1. Sam. 12, 24; Ps. 119, 2; Micha 6, 8; Mark. 12, 33.) Der Apostel beanstandete eine Haltung, die aufgrund der Sonderstellung Israels auch mit einer Sonderbehandlung im Gericht Gottes rechnete. Dort aber gibt es keine Vorzugs behandlung; denn Gott ist unparteiisch. Er richtet ohne »Ansehen der Person «. Das gilt zuerst für den »Juden«, dann aber auch für den »Griechen«, den Heiden. »Gottes Gericht ergeht über alle nach der gleichen unparteiischen Weise. Keiner, weder Jude noch Heide, wird ausgenommen sein, denn alle stehen unter dem gleichen Anspruch Gottes« (H. Krimmer). Israel kennt das Gesetz Gottes und wird »durchs Gesetz verurteilt werden«. Denn sie sind hervorragende Gesetzes-Kenner, aber mangelhafte Gesetzes-Täter. (Vgl. Jes. 29, 13; Matth. 15, 8.) Gottes Gebote zielen aufs Tun; sie wollen das Leben prägen. Gottes Wort zu Herzen nehmen und es von Herzen tun, beides gehört untrennbar zusammen. (Lies Matth. 22, 34-40; Luk. 8, 21; 10, 25-37; Jak. 1, 25.) Hier liegt auch die Herausforderung für die Jesus-Gemeinde. Es ist wichtig, Gottes Wort zu kennen, es aufmerksam zu lesen und zu hören, es auswendig zu lernen, darüber nachzudenken und sich mit anderen Christen auszutauschen. Unser »Kopfwissen« will im Herzen bewegt, dann aber im praktischen Leben ausgeübt werden. Selbst wer sich wie in einem Abstell- Raum fühlen mag, wer gar nichts mehr oder nur sehr wenig tun kann, wird für andere ein Segen sein. Welch einen Trost haben wir an 2. Korinther 1, 3-6!
Der Apostel Paulus unterscheidet sorgfältig zwischen Israel und den Nationen (»den Heiden«), zwischen der Offenbarung Gottes am Sinai und seiner indirekten Offenbarung in der Schöpfung und im Gewissen des Menschen. Jeder Mensch trägt ein verborgenes Wissen um Gott in seinem Herzen (Pred. 3, 11). Jeder Mensch weiß um Gut und Böse (1. Mose 3, 22a). Dieses »Gesetz« trägt er in sich, weil er als Ebenbild Gottes geschaffen wurde. So kann der Mensch durchaus freundlich, hilfsbereit, entgegenkommend und zuverlässig sein. Es kann ihm auch leidtun, wenn er andere verletzt. Sein moralisches Gewissen meldet sich zu Wort. Es zeigt an, was gut und böse ist. Und unversehens befindet sich der Mensch im Streit mit sich selbst und mit anderen. In seinem Herzen tagt der Gerichtshof: Beschuldigungen und Anklagen melden sich zu Wort, und daneben stehen gleich die Verteidigungs- und Entschuldigungsreden. Das letzte Wort aber spricht Gott, der gerechte Richter. Das Endgericht wird für jedermann unparteiisch stattfinden für den Juden wie für den Heiden. Beide werden von höchster richterlicher Instanz zur Rechenschaft gezogen. Beide werden sich vor Gott verantworten müssen; denn beide sind unentschuldbar. Im Gericht Gottes wird das Verborgene aufgedeckt werden. Der Jude wird in seinem frommen, eigensüchtigen Widerstreben bloßgelegt sein. Der Heide wird von seinem inneren Wissen um die Wahrheit, von seinem Gewissen und seinen Überlegungen her dem Urteil Gottes ausgeliefert. Nichts wird dabei verborgen bleiben. Gott bringt alles ans Licht. (Vgl. Luk. 8, 17; 1. Kor. 4, 5.) Rettung aber gibt es allein durch den Glauben an Jesus Christus und die Gabe des Heiligen Geistes. Er schärft unser Gewissen zu erkennen, was dem Herrn gefällt und was ihm missfällt. Er schenkt uns die Kraft, nach dem Wort und Willen Gottes zu leben: 1. Thessalonicher 5, 4-24.
Israel ist das erwählte Volk Gottes. Am Sinai schloss der Herr mit ihm einen festen Bund. Das geschah nicht, weil das Volk besondere Qualitäten aufzuweisen hätte. Nein. Es gehört zum Wesen Gottes, dass er aus tiefer und heiliger Liebe handelt (5. Mose 7, 7. 8). Die Wahl Gottes ist aber kein Selbstzweck. Es bindet die Erwählten ausschließlich an den einen Gott und an sein Wort. (Siehe 5. Mose 6, 4-9.) Paulus hebt positiv hervor: Du nennst dich einen Juden, und du bist es auch. Du stützt und verlässt dich auf das Gesetz. Du rühmst Gottes Größe, du kennst seinen Willen und prüfst, worauf es ankommt. Denn du hast Gottes Gebote gelernt und weißt genau, wie man sich verhalten soll. Deshalb bist du davon überzeugt, den Blinden und allen, die keinen Weg mehr sehen, den Weg zu Gottes Licht zeigen zu können. Du willst die Unwissenden belehren und so die Ungläubigen zu Gott führen; denn du kennst ja Gottes Wort, in dem alles über ihn und seine Wahrheit steht. Doch dann kommt der Apostel Paulus auf den Knick zu sprechen: · Wenn du die anderen so gut belehren kannst, weshalb nimmst du selbst keine Lehre an? Diese Unbelehrbarkeit! Dieser dogmatische Eigensinn, der sich an die Lehre klammert, aber das eigene Leben ausklammert! Gewiss, man bewahrt den Schein, aber das Sein spricht eine andere Sprache. Darum muss es sich geräuschvoll verteidigen. Wir werden längst erkannt haben, dass nicht nur der fromme Jude dieses Problem hat, sondern auch der fromme Nicht-Jude. Es darf immer wieder unsere Bitte sein: »Herr Jesus Christus, du weißt um meine Heuchelei. Ich möchte in deinem Licht durch Gnade und Wahrheit aushalten. Denn du verdammst mich nicht. Ich möchte mir nicht nur Angenehmes sagen lassen, sondern auch das Unangenehme. Hilf mir, offen zu sein für Ermahnung und Korrektur. Amen.« (Lies Jes. 42, 3; Ps. 25, 5. 8-11. 20. 21; 34, 19; 43, 3; Eph. 4, 25; 1. Thess. 4, 1.)
Dem Apostel Paulus liegt nicht daran, den Auserwählten Gottes in Grund und Boden zu kritisieren. Er ringt vielmehr um einen klaren, eindeutigen Lebenswandel bei denen, die das Wort Gottes gut kennen. Dazu gehört auch, die Brüche in Glauben und Leben zur Sprache zu bringen: · Du forderst lauthals, dass man nicht stehlen soll, und stiehlst selber? Stehlen meint wegnehmen, was einem anderen gehört. Wir können mit den Händen stehlen. Aber auch in Gedanken stehlen, indem wir neidisch auf die Güter oder Fähigkeiten anderer blicken und sie uns im Herzen zu eigen machen. · Du sagst den Leuten, dass Ehebruch Sünde ist, aber du selbst riskierst Seitensprünge. Die beginnen scheinbar ganz harmlos: Du befasst dich in deinem Herzen mit einem anderen Mann oder einer anderen Frau, siehst sie an wie deinen eigenen Ehepartner und begehrst diesen Menschen zu »haben« in deinen Gedanken, mit deinen Gefühlen und schließlich mit deinem Tun. (Vgl. 2. Sam. 11, 1-4; Jer. 23, 14; Hos. 4, 1. 2; Matth. 5, 27. 28.) · Von anderen verlangst du, keine Götzen anzubeten, und doch begehst du Tempelraub. Wir können den »Tempelraub« verstehen als das Verkaufen oder Aufbewahren von Götzenbildern. (Vgl. 5. Mose 7, 25. 26; Jos. 24, 14. 15.) Eine andere Deutung geht davon aus, »dass der Tempel hier für das Heilige allgemein, also für alles Gott Gehörende steht, und grundsätzlich ein Hintergehen Gottes . . . gemeint ist« (T. Schirrmacher). Menschen können Menschen hintergehen auch unter einem frommen Gewand Gott aber lässt sich nicht täuschen. Vor ihm liegt alles offen und aufgedeckt. Wieder haben wir bemerkt, dass die Diagnose, die Paulus am »kranken Glaubensleben« der Juden stellt, auch Nicht-Juden betrifft. Wer darüber erschrickt oder darunter leidet, wende sich an den Herrn Jesus Christus, den großen Arzt, den Sünder-Heiland. (Lies Matth. 9, 10-13; Joh. 8, 2-11; 1. Tim. 1, 15.)
Zusammenfassend hält der Apostel Paulus die Schuld des frommen Juden fest: · Du bist so stolz darauf, dass Gott euch seine Gebote gegeben hat, und dennoch nimmst du ihn nicht ernst, weil du nicht nach seinen Geboten lebst. Paulus deckt hier die Wurzel-Sünde des Juden auf: seine Überheblichkeit und seinen Standesstolz. Wie erschreckend ist dies Ergebnis: »Euretwegen werden die Völker den Namen Gottes verspotten.« So steht es »geschrieben«. Paulus verwendet hier kein direktes Zitat aus dem Alten Testament, sondern übernimmt Formulierungen und Aussagen aus mehreren alttestamentlichen Stellen. (Zum Beispiel 2. Sam. 12, 14; Hes. 36, 20-23.) Wie verdreht kann sich doch der »Glaube« darstellen! Während die Juden meinen, den Heiden Gottes Wort zu bringen (Röm. 2, 17-20), sind sie in Wirklichkeit der Grund, warum Gott und sein Wort »unter den Nationen verlästert« werden. Was sehen die Menschen, die ihr Leben nicht Jesus Christus anvertraut haben, bei uns, die wir Jesus unseren Herrn nennen? Wie viel Selbstgefälligkeit, Eitelkeit, Ruhmsucht mag der Herr bei uns finden! »Welcher Fromme trägt nicht Leid darüber, dass jene, die uns vorwerfen, wir seien um kein Haar besser als sie, allzu oft recht haben? Welchem Christen treibt es nicht die Schamröte ins Gesicht darüber, dass so spärliche Früchte der Rettung sichtbar und greifbar sind? Wahrlich Åunserthalben wird Gott gelästert unter den Heiden. O Mensch, gottloser, vor allem aber frommer Mensch, an wen willst du dich halten, wenn nicht an den, der für dich gestorben ist?« (W. Lüthi) Jesus Christus ist »darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist« (2. Kor. 5, 15). Wer wirklich in seiner Spur lebt, wird immer weniger anderen geringschätzig begegnen, aber ihnen immer mehr mit wertschätzender Liebe dienen. (Vgl. Apg. 16, 25-34; Joh. 17, 14-26.)
Wenn wir die Verse 17-24 noch einmal überdenken, merken wir, dass es dem Apostel Paulus wichtig war, den Juden zu zeigen, dass sie keinen Grund haben, auf ihre Erwählung und die Gabe des Gesetzes stolz zu sein. Denn sie haben nicht entsprechend ihrer Erwählung gelebt und das Gesetz Gottes vielfältig übertreten. Aber wir haben doch die Beschneidung, die unsre Zugehörigkeit zum Volk Gottes an unserem Körper sogar sichtbar macht! so etwa mochten die jüdischen »Gesprächspartner« des Paulus gedacht haben. Richtig, antwortet Paulus, ihr handelt nach dem Gesetz. Doch um Gott zu gefallen, seid ihr verpflichtet, das ganze Gesetz zu halten (Gal. 5, 3). Es passt nicht zu Gott, ein Gebot zu halten und andere zu übertreten. Dann bist du wie einer, der unbeschnitten ist. Dann gehörst du äußerlich zum Volk Gottes. Der Herr aber will dein Herz haben (Spr. 23, 26)! Hier fallen die Entscheidungen für Gott oder gegen ihn, für sein Gebot oder gegen sein Gebot. So erinnert Paulus die Juden an den wahren Sinn, den Gott der Beschneidung gegeben hatte. Die äußere Handlung gilt als pädagogisches Mittel, Gott innerlich, im Herzen und im Leben, Raum zu geben. Ihm zu gehorchen, den eigenen Willen dem Willen des Herrn unterzuordnen und dadurch der notwenigen »Herzensbeschneidung« nicht aus dem Weg zu gehen. (Lies 5. Mose 10, 16; 30, 6. 8; Jer. 4, 4; 9, 25.) Was nützen erhebende Gottesdienste, wenn nicht die Hingabe an den Herrn dein Gottesdienst ist? (Dazu Röm. 12, 1. 2.) Was helfen die herrlichen Loblieder, wenn du nicht von Herzen das Lied der Erlösten singen kannst? (Matth. 15, 8; Offb. 5, 9; 15, 3) Was bedeutet die äußere Verbundenheit mit kirchlichen Amtshandlungen Taufe, Konfirmation, Herrenmahl, Trauung, Beerdigung wenn du nicht im Herzen an Jesus und das lebendige Wort Gottes gebunden bist? (2. Petr. 1, 19; Joh. 6, 63. 66-69)
»Hauptsache gesund!« Wie oft haben wir diesen Spruch nicht schon gehört! In ihm klingt der Wunsch an, gesund zu bleiben oder gesund zu werden. Zweifellos, ein gesunder Körper ist ein hohes Gut, und wir haben sorgfältig damit umzugehen. Aber ist körperliche Gesundheit wirklich das Wichtigste von allem, das uns gegeben ist? Bedenken wir die Geschichte von Philipp und seinem Freund. Philipp lebt in einem Vorort von Washington, sein Arbeitsplatz jedoch liegt mitten in der Stadt. Aus gesundheitlichen Gründen darf er nicht Auto fahren. Im Lauf seines Lebens mit Jesus lernte er, für seine Situation zu danken: »Ich glaube, man kann in allen Umständen immer noch viele Gründe finden, Gott dankbar zu sein.« Ein guter Freund fährt ihn täglich zum Busbahnhof. Dieser Freund weiß wie Philipp um viel Leid und Krank heit. Nicht im eigenen Leben, aber in seiner Familie. Das vierte Kind der Familie war mit einem offenen Rücken zur Welt gekommen. Nach der Geburt und dem ersten Schrecken sagte die Mutter zu ihrem Mann: »Gott hatte offensichtlich vor, uns diesen Sohn zu schenken, er wird nun Teil unserer Familie sein. Ich glaube, dass das zu den größten Ereignissen gehört, die es in unserem Leben jemals geben wird.« Der Vater des Kindes sagte einige Jahre später: »Wir möchten gar keine Veränderung. Unserem Sohn würden wir es gewiss wünschen. Aber ein behindertes Kind zu haben, hat unser Leben mehr bereichert als alles andere.« Auf die Frage: »Wer, meinen Sie, ist wohl der beste Christ auf der Welt?«, kam die Antwort: »Es ist nicht der, der am meisten betet oder am meisten fastet, auch nicht der, der am meisten spendet, es ist der, der Gott am meisten dankt.« (Lies Eph. 5, 20; Phil. 4, 6. 7; Kol. 3, 17; 1. Thess. 5, 18.)
Hauptsache gesund? Viele Menschen haben trotz körperlicher Schwachheit Großes vollbracht. Es waren Menschen, die mit Gott lebten und für ihn unterwegs waren. Sie erfuhren Stärkung durch das Wort des Herrn, Krankheit und Leid zu tragen und einen gesunden Glauben zu entwickeln. Auf der Insel Kreta gab es eine kleine Christengemeinde. Um diese Christen machte sich Paulus große Sorgen, denn sie waren geistlich krank. (Dazu Tit. 1, 10-16.) Durch Irrlehrer war innerhalb der Gemeinde und in den Herzen einzelner Christen einiges durcheinandergeraten. So beauftragte Paulus seinen Mitarbeiter Titus, in Kreta auszurichten, was fehlte (Tit. 1, 5). Im griechischen Urtext heißt es an dieser Stelle, dass Titus das Mangelnde ordnen soll, »damit die Christen gesund im Glauben werden« (V. 13b). Hauptsache gesund? Im Blick auf unser Glaubensleben ist die geistliche Gesundheit tatsächlich das Wichtigste. 1. Die Erkennungszeichen eines gesunden Glaubens Im zweiten und dritten Kapitel der Offenbarung lesen wir, wie der auferstandene und erhöhte Herr die geistliche Gesundheit der Christen beurteilt. Es ist unerlässlich, unseren Glauben immer wieder am Maßstab des Wortes Gottes zu prüfen und daran auszurichten. Im Blick auf die Gemeinde in Ephesus kann der Herr ihren geistlichen Durchblick loben. Es ist wichtig, ein gutes Unterscheidungsvermögen zu haben. Anerkennend heißt es: »Ich weiß, dass du die Bösen nicht ertragen kannst, und du hast sie geprüft, die sagen, sie seien Apostel und sinds nicht und hast sie als Lügner erfunden« (Offb. 2, 2). Geistliches Wachsein will der Geist Gottes in uns wirken. »Geliebte, glaubt nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind! Denn viele falsche Propheten sind in die Welt hinausgegangen« (1. Joh. 4, 1; lies 1. Kor. 2, 12-16; Hebr. 5, 14).
Der Herr benennt ein zweites gesundes Glaubensmerkmal der Christen in Ephesus: »Du hast Geduld und hast um meines Namens willen die Last getragen und bist nicht müde geworden.« Nicht müde werden unter Lasten? Wem gelingt das schon? Mancher Christ weiß um viel innere Müdigkeit, die das lebendige und kindliche Vertrauen auf den Herrn Jesus Christus lähmt. Dieser Müdigkeit mischen sich Traurigkeit und Resignation unter. Man will eigentlich nicht mehr; denn man leidet innerlich unter den Lasten des Miteinanders, unter den Schwierigkeiten im Arbeitsprozess, besonders auch im geistlichen Dienst. Da aber Körper, Seele und Geist eine Einheit bilden, brauchen wir auch schöpferische Pausen. Gott will nicht, dass wir uns durch übermäßige Arbeit verschleißen. Der Mensch ist nicht für eine siebentätige Arbeitswoche geschaffen. Das überfordert ihn. (Lies 1. Mose 2, 2. 3; Mark. 6, 31.) Manche Nervosität, Lieblosigkeit, Gereiztheit und Abstumpfung unter Christen haben ihren Grund darin, dass die Arbeit ihr Götze geworden ist, ganz zu schweigen von einer ungeistlichen Liebe zur Welt. »Ich begegne vielen müde gewordenen Christen. Die Lähmung der Resignation liegt über mancher Arbeit im Reich Gottes. Einige biblische Wahrheiten können helfen, dass unser Glaube frisch wird und bleibt. 1. Sich in den erfrischenden Regen des Heiligen Geistes stellen. Der Geist Gottes will eine neue Freude in uns wecken und eine neue Liebe zu Jesus und seinem Wort. Ohne den Heiligen Geist sind wir auf unsere eigenen Kräfte angewiesen, aber eigentlich wissen wir, dass wir mit Methoden und Leistungen den Glauben nicht hochpäppeln können. Glaube ist ein Geschenk. Darum lege allen verkrampften Leistungsglauben und allen religiösen Egoismus weg und bitte Jesus, dass er durch seine Kraft dein Leben ausfüllt und belebt« (H.-M. Stäbler). (Lies Joh. 6, 63; 16, 13; 2. Kor. 3, 6.)
Wir halten weitere biblische Wahrheiten fest, die uns helfen, »im Glauben wach und frisch zu bleiben: 2. In der Sonne der Liebe Gottes aufblühen. Vielfach ist im beruflichen und familiären Umfeld eisige Kälte zu spüren. Christen können ohne die Erfahrung der Liebe Gottes keine befreiende Entwicklung erleben. Die Liebe Gottes ist nicht nur eine sentimentale, religiöse Erfahrung. Jesus Christus zeigt uns Gottes Liebe. Jesus sehen, ihn anbeten und ihn das Leben gestalten lassen, das heißt, die Liebe Gottes aufnehmen. Wer in der Sonne der Liebe Gottes steht, der nimmt das Angebot der Vergebung ernst. In der Sonne der Liebe Gottes kann sich neues Leben entfalten. Lies Jesus-Texte der Bibel, lebe deine Beziehungen in der Atmosphäre der Versöhnung, die Gott schenkt. Wer Vergebung erfahren hat, kann frei durchatmen und sich an der Schönheit des Reiches Gottes freuen. (Lies Joh. 15, 9; Ps. 32, 1. 2; Röm. 4, 6. 7.) 3. Das frische Wasser der Nähe Gottes anzapfen. Ohne frisches Wasser gibt es kein Leben. Diese Tatsache, die man im heißen Israel jeden Tag existentiell erlebt, nimmt Psalm 1 auf und macht deutlich: Echtes Leben wächst nur, wenn wir aus den Wasserquellen Gottes schöpfen. Deshalb ist tägliches Bibellesen und persönliches Gebet glaubensentscheidend. Beim persönlichen Bibellesen fragen wir: ÅHerr, was hast du mir zu sagen? Was ist dein Wille für mein Leben, welche Wege sind offen? Beim Beten wenden wir uns vertrauensvoll an die richtige Adresse und erleben den lebendigen Gott, der uns ganz nahekommt. Lass den heißen Draht im Bibellesen und Gebet nicht abreißen. Ohne diese geistliche Kommunikation wird Glaube stumpf und abgestanden. Darum lasst uns die Bibel täglich aufschlagen und neu bitten: ÅRede du, Herr, ich will hören« (H.-M. Stäbler). (Lies 5. Mose 8, 3; Jer. 15, 16; 1. Petr. 2, 2.)
Ein drittes Kennzeichen, das einen gesunden Glauben ausmacht, findet der Herr in Ephesus nicht: die erste, die brennende Liebe zu ihm. »Ich habe gegen dich, dass du die erste Liebe verlässt.« Die »erste Liebe« meint nicht nur die anfängliche Liebe zu Jesus, als wir zum Glauben an ihn kamen, sondern vor allem die wachsende Liebe der »anfänglichen Liebe«. Die »erste Liebe« meint auch nicht eine Gefühlsaufwallung, sondern es geht um den ersten Platz, den Jesus im Leben der Seinen haben will und der ihm zusteht. Ob unser Herz ihm ganz gehört, das interessiert ihn vor allem anderen. Für die »erste Liebe« gibt es keinen Ersatz. »Und wenn in unserem Christenleben nicht alles, Leben und Wirken, Bekennen und Dienen, aus dieser Liebe fließt, dann ist die Hauptschlagader verletzt, dann fehlt das Entscheidende. Kein Bekennermut, kein Arbeitseifer, kein Opfersinn, keine theologische Gelehrsamkeit wiegt diesen Schaden auf« (H. Lamparter). (Lies Eph. 3, 17; 1. Joh. 4, 16.) Diese brennende Liebe zu ihm vermisste der Herr bei den Christen in Ephesus. Vermisst er sie auch bei uns? Wir können in den Augen der Mitchristen und der Nichtchristen vorbildliche Christen sein, vielleicht sogar bewundert, was aber dem Herrn am wichtigsten ist, liegt tief im Herzen verborgen, dort, wo nur er hineinsieht. Er sucht nach der Liebe zu ihm, die der eigentliche Beweggrund für unser Tun und Lassen ist. Viele gute Werke waren bei den Christen in Ephesus zu finden. Auch in unseren Gemeinden sind sie da. Doch wir wollen uns der Frage stellen: Wie ist es um unsere, um meine persönliche Liebe zum Herrn bestellt? Wenn sie uns motiviert, wird unser Glaube sich gesund und kräftig entwickeln. (Lies Kol. 3, 17; 1. Kor. 10, 31.)
Ein viertes Merkmal eines gesunden Glaubens findet der Herr bei den Christen in Pergamon: »Du hältst an meinem Namen fest und hast mich nicht verleugnet, auch nicht, als es ganz schwer wurde.« Der Name über alle Namen ging diesen Christen über alles. Er war ihnen wichtiger als ihr eigenes Leben; diesen Namen konnten sie vor den Menschen bezeugen und mutig dazu stehen. Denn es ist in keinem anderen Namen das Heil. Am Namen des Herrn festhalten, heißt, an Jesus selber festhalten. Der Herr weiß, dass die Seinen oft in Bedrängnis und Angst leben, dass sie Verfolgung um seines Namens willen erleiden. Doch auch unter Druck wird gesunder Glaube wachsen und nicht in der Angst stecken bleiben, wenn er auf Jesus ausgerichtet bleibt. Denn der Herr hat die ganze Welt in seiner Hand. (Lies Ps. 118, 5; Apg. 4, 19-21. 23-31; 8, 4.) Kennen wir auch Zeiten, in denen wir mit Jesus »auf Abstand« lebten? Wir lebten zwar weiterhin, wie man als Christ eben lebt jedenfalls äußerlich. Wir wollten eigentlich auch, dass unser Glaube sich gesund entwickelt. Wir hatten uns vorgenommen, Jesus auch unter Druck treu zu bleiben. Und doch sind wir innerlich »auf Abstand« gegangen. Was kann uns helfen? Denk an deinen Herrn, der dich liebt, der größer ist als dein gutes Wollen und Doch-nicht-können. Als Petrus »auf Abstand« ging, brachte ihn der liebende Blick seines Herrn zurück. Auch die Aussprache, die wenige Tage später folgte, stand ganz im Zeichen der Liebe. Jesus machte Petrus nicht fertig, sondern fragte ganz schlicht: »Hast du mich lieb?« Die zuvorkommende, vergebende Liebe unseres Herrn und unser »Ja, Herr« bringen uns in seine Nähe zurück. (Lies Luk. 22, 31-34. 59-62.)
Ein fünftes Kennzeichen gesunden Glaubens spricht der Herr bei seiner Gemeinde in Thyatira an. Die Situation war bitterernst. Eine falsche Prophetin hatte Eingang gefunden und war geduldet worden. Viele Gemeindeglieder ließen sich verführen zu einem ausschweifenden und götzendienerischen Leben. Einige wenige Christen in dieser Gemeinde hatten die Gefahr erkannt und Widerstand geleistet. Sie gehörten zu »den übrigen in Thyatira« (V. 24), die den Mut hatten, gegen den »Strom zu schwimmen«. Diesen Mut konnte die kleine Gruppe der Christen nur in der Verbindung mit ihrem Herrn gewinnen. Sie ließen sich von seinem Wort prägen und gewannen dadurch geistlichen Durchblick und die Kraft, dem Bösen zu widerstehen. (Lies 1. Petr. 5, 6-10.) Die Versuchung, um des »lieben Friedens« willen Dinge zu dulden, die Gott nicht gefallen, ist groß. Wir wollen uns fragen lassen: Wozu sage ich Ja, obwohl ich eigentlich Nein sagen müsste? Das Dulden von Sünde ist leider das Normale geworden, auch in »frommen Kreisen«. In unserer Zeit ist es nicht leicht, an den Geboten Gottes festzuhalten; besonders schwer ist es, wenn selbst Mitchristen gegen sie verstoßen. »Vielleicht dachte der Gemeindevorsteher, der die Leute gewähren ließ: Man kann ja nicht wissen, ob nicht doch etwas Richtiges dran ist, so viele laufen mit, ich würde mich sehr unbeliebt machen, wenn ich dagegenreden würde« (F. Grünzweig). Die Botschaft unseres Herrn lautet: Es mag sein, dass bei dir Liebe, Glaube, Geduld, gute Werke zu finden sind (V. 19), aber ich habe gegen dich, dass du dem Unrecht nicht wehrst. Wie sieht der Herr unsere Gemeinden und Gruppen? Darf er uns tadeln, und lassen wir uns korrigieren? (Lies Phil. 2, 1; Hebr. 13, 22; Jes. 58, 1; 1. Thess. 5, 14.)
Ein sechstes Merkmal gesunden Glaubens nennt der Herr in seiner Botschaft an die Gemeinde in Philadelphia. In der Stadt lebte eine einflussreiche Judenschaft, unter der die kleine Gemeinde sehr zu leiden hatte. Sie hatte eine kleine Kraft, war weder anerkannt noch beliebt. Oft mussten diese Christen Spott und Verachtung einstecken. So war es schwer, als ein Jünger von Jesus zu leben und standhaft zu bleiben. Doch sie wussten, wem sie sich anvertraut hatten. Dieses Wissen hilft auch uns standzuhalten und bei Jesus zu bleiben. Der Herr weiß um die kleine Kraft dieser Gemeinde. Er übersieht sie nicht, sondern schenkt der kleinen Kraft eine große Verheißung. Die Christen in Philadelphia orientierten sich allein an Jesus und seinem Wort. Davon lebten sie. Das war ihre Kraftquelle. Darum lobt der Herr die Gemeinde: »Du hast mein Wort bewahrt.« Gesunder Glaube wächst durch das Lesen und Beherzigen des Wortes Gottes. Von der Mutter unseres Herrn wird gesagt: »Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen« (Luk. 2, 19. 51). Und der irdische Jesus lebte selber »von jedem Wort, das durch den Mund Gottes ausgeht« (Matth. 4, 4). Seine einzige Verteidungswaffe gegen Satan war das »Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes« (Eph. 6, 17). Es werden uns noch viele Versuchungen heimsuchen, doch besteht zwischen der Bewahrung des Wortes Gottes und unserer Bewahrung in den Stunden der Versuchung ein enger Zusammenhang. »Herr, wenn dein Wort nicht mein Trost gewesen wäre, so wäre ich vergangen in meinem Elend. Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege. Erhalte mich durch dein Wort, dass ich lebe, und lass mich nicht zuschanden werden in meiner Hoffnung. Stärke mich, dass ich gerettet werde« (aus Psalm 119).
Bei der Gemeinde in Laodizea stellte der Herr viele Krankheitssymptome fest. Die Stadt Laodizea war eine reiche Handelsstadt, in der die Menschen und auch die Christen im Wohlstand lebten. Es ging ihnen gut. Wir lesen nichts von Verfolgung und Bedrängnis, nichts von Verführung oder Armut, diesen Christen ging es in jeder Beziehung gut. Sie hatten die ganze Freiheit, Christen zu sein und ihre Lebensbedingungen waren angenehm. Kommt uns das nicht bekannt vor? Zwar hat mancher Christ einen schweren Stand durch seine persönlichen Lebensumstände, dennoch genießen wir eine große Freiheit, in unserem Land als Christen zu leben. Wie sieht der Herr uns, die wir im Wohlstand leben? Wie sah er die Gemeinde in Laodizea? Was hatte er ihr zu sagen? Kein Lob! Er spricht die Lauheit in der Gemeinde an. Lauheit ist Halbheit, Halbherzigkeit. Sie ist dem Herrn zuwider. An den Christen in Laodizea erkennen wir die Gefahr und den Betrug des Reichtums. Sie brauchen Christus nicht unbedingt zum Überleben und halten sich doch für fromm: Sie lassen sich nicht mehr vom Geist Gottes bewegen. Und wir? Jemand sagte: Es ist die Katastrophe unseres Christenlebens, wenn wir mit uns zufrieden sind und nicht merken, wie sehr wir gerade dann den Herrn brauchen. »Des Herrn Augen schauen alle Lande, dass er stärke, die mit ganzem Herzen bei ihm sind« (2. Chron. 16, 9a). Beim gesunden Glauben ist das ganze Herz beteiligt. »Du sollst den Herrn deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller deiner Kraft« (5. Mose 6, 5). Geben wir unserem Herrn die Gelegenheit, uns zu sagen, wie er uns sieht? (Lies Ps. 139, 23. 24; 1. Chron. 29, 17; Spr. 3, 5.)
Der Seher Johannes stellt den glaubenskranken Gemeinden den Sohn Gottes als erhabenen und allmächtigen Herrn vor. 2. Der Helfer für Glaubensschäden Johannes hatte die Herrlichkeit des Herrn schon in seiner irdischen Gestalt erblickt und ihn als den verklärten Sohn Gottes angeschaut. (Lies Joh. 1, 14; Matth. 17, 1-8.) Jetzt aber beschreibt er Jesus als den in den Himmel Erhöhten. Sein langes Gewand, von einem goldenen Gürtel gehalten, spricht von den Hohen Priestern des Alten Testaments, aber auch von den Königen und den Richtern. Jesus ist alles in allem der wunderbare Herr für die Glaubenden aller Zeiten. Als Priester betet er für sie, als König will er ihr Leben königlich regieren, und als Richter wird er wiederkommen und Recht sprechen. Dann wird er alles ordnen, alles recht machen. (Lies Jes. 33, 22; Hebr. 4, 15. 16.) Johannes sah ihn auch als den Reinen, Sündlosen, er sah ihn als das Licht in Person, denn Haupt und Haare beschreibt er als schneeweiß. (Lies Jes. 53, 9; 2. Kor. 5, 21; 1. Petr. 2, 22.) Die Augen, die Johannes mit Feuerflammen vergleicht, sind die Augen des Allwissenden, die alles sehen (Ps. 33, 18; Jer. 5, 3). Die glühenden Füße reden von der Heiligkeit des Herrn, von dem heiligen und unbestechlichen Richter. Wen sein Gerichtsurteil trifft, ist so verloren, wie man verloren ist, wenn man mit glühendem Erz in Berührung kommt. Wer ein Leben lang an Jesus Christus vorbeilebt, wird ihn nach diesem Leben als gnadenlosen Richter erleben. Für seine Nachfolger bleibt er der Heilige, auch wenn sie ihn als barmherzigen, liebenden und geduldigen Herrn erleben. Allein aufgrund seiner Gnade können wir leben. Darum will er uns immer wieder aus aller Gleichgültigkeit und Lauheit herausholen (Offb. 3, 7; Hebr. 7, 26).
Das Angesicht des Herrn, das Johannes schaut, war, »wie die Sonne leuchtet in ihrer Kraft«. Die Herrlichkeit des Herrn leuchtete schon machtvoll auf, als er von sich selber sagte: »Ich bin das Licht der Welt« (Joh. 8, 12; vgl. Jes. 9, 1; 42, 6; 60, 1). »Wir haben mit diesem Wort des Herrn Jesus Christus eine äußerst gefüllte Aussage vor uns. Wenn Jesus sagt: Ich bin das Licht der Welt, dann bezeichnet er sich als universales, nicht nur für Jerusalem vorhandenes Licht und zugleich als das einzig wahre Licht, das der Mensch braucht und sucht. Er macht mit diesem Wort auch deutlich, dass er der verheißene Messias ist, der das Licht der Erleuchtung, der Freude und der Gegenwart Gottes der ganzen Welt bringt. Gleich anschließend lädt er ein in seine Nachfolge: ÅWer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben. Das Licht des Lebens haben heißt, Jesus haben« (G. Maier). In seiner Nähe können wir heil werden. »Er heilt, die zerbrochenen Herzens sind, er verbindet ihre Wunden.« »Euch, die Dienstag, ihr meinen Namen fürchtet, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen, 3. Juni und Heilung ist unter ihren Flügeln« (Ps. 147, 3; Mal. 3, 20). Ihn dürfen wir mit den Worten Otto Riethmüllers bitten: »Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit; brich in deiner Kirche an, dass die Welt es sehen kann. Erbarm dich, Herr. Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit; mache deinen Ruhm bekannt überall im ganzen Land. Erbarm dich, Herr. Schaue die Zertrennung an, der kein Mensch sonst wehren kann; sammle, großer Menschenhirt, alles, was sich hat verirrt. Erbarm dich, Herr. Tu der Völker Türen auf; deines Himmelreiches Lauf hemme keine List noch Macht. Schaffe Licht in dunkler Nacht. Erbarm dich, Herr.«
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