Durch die Verfolgung der Christen nach der Steinigung des Stephanus kam Philippus nach Samaria. Er war dort ein mutiger Zeuge seines Herrn, und »das Volk neigte einmütig dem zu, was Philippus sagte«. Daraus dürfen wir schließen, dass sich der Duft des Evangeliums auch in Samaria ausbreitete. Eines Tages erreichte ihn ein wunderlicher Befehl seines Herrn. Er beorderte Philippus, den öden Weg durch die Wüste Richtung Gaza zu nehmen. Er gehorchte, ohne zu wissen, was er dort tun sollte, . . . bis er in der Kutsche des königlichen Finanzministers saß und ihm das Evangelium von Jesus Christus erklärte. »Christentum ist nicht ein kompliziertes Gedankensystem, das man in mühsamer Arbeit lernen und verstehen muss, sondern die rettende und erneuernde Lebensverbundenheit mit Jesus, die im Entstehen des Glaubens geschenkt wird. Der entscheidende Schritt zu Jesus hin ist der Sache nach immer ein Schritt, wie lange auch die Vor- und Nachgeschichte sein mag. Der Mann aus Afrika ist ein Eigentum des lebendigen und auferstandenen Herrn geworden. Er wird ihn auch festhalten und für ihn sorgen« (W. de Boor). Der hohe Beamte aus Äthiopien wird Philippus sehr dankbar gewesen sein, weil er ihn zu Jesus geführt hatte. Doch der Äthiopier bestaunte nicht Philippus, sondern sein ganzes Herz war erfüllt von Jesus, dem Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt. Darum zog er seine Straße fröhlich. Menschen wie Philippus, die den Duft des Lebens zum Leben verbreiten, sind bereit, auch ungewöhnliche Wege zu wagen einfach, weil Christus es ihnen sagt. Sie sorgen sich nicht krankhaft um sich selbst, sondern vertrauen sich dem an, der für sie sorgt. (Lies Matth. 6, 33. 34; 10, 32; Apg. 20, 24; 1. Petr. 5, 6. 7.)
Auch von der Gemeinde im syrischen Antiochien ging der »Duft des Evangeliums « aus. Sie erhielten als erste den Namen »Christen«. Ihretwegen wurde Barnabas von den Aposteln dorthin gesandt, um die Situation vor Ort kennenzulernen. Deshalb ermutigte und ermahnte er die jungen Christen, mit festem Herzen beim Herrn zu bleiben. »Wie viele Mahnungen zum Bleiben gehen durch das ganze Neue Testament; denn es ist durchaus nicht selbstverständlich, dass alle Bekehrten und zum Glauben Gekommenen dann auch bleiben. Heilsgewissheit ist nicht Sorglosigkeit. Heilsgewissheit sieht auf die Macht und Treue des Herrn, und rechte Seelsorge sieht auch mit nüchternem Blick auf die äußere und innere Bedrohtheit des Menschen und mahnt darum mit Ernst und immer neu zum Bleiben« (W. de Boor). (Lies Kol. 1, 23; 1. Joh. 2, 24. 28.) Es wird den Christen in Antiochia nicht schwergefallen sein, den Rat Barnabas ernst zu nehmen. Er lebte, was er sagte. Sein Leben mit Jesus war echt. Darum heißt es von ihm, »er war ein bewährter Mann, voll Heiligen Geistes und Glaubens«. In dieser Geisteshaltung suchte Barnabas auch Paulus auf, der sich aus Sicherheitsgründen in seiner Heimatstadt Tarsus aufhielt (Apg. 9, 29. 30). »Barnabas tut einen weiteren Schritt von großer Tragweite. Er holt Paulus in die Arbeit nach Antiochia und legt damit den Grund für das ganze Lebenswerk des Paulus. Er erkennt die besondere Bedeutung der Gemeinde in Antiochia in diesem Zentrum des Ostens, und er hat Paulus erlebt als Zeuge für Jesus (Apg. 9, 26-28). Ihn brauchte die Gemeinde in dieser Weltstadt. Und dann folgte ein Jahr fruchtbarer gemeinsamer Arbeit« (W. de Boor). Vom Heiligen Geist geführt, dürfen auch wir ein Segen für andere sein in der Verborgenheit wie in der Öffentlichkeit. Es geht nicht um hohe Erfolgs-Quoten, sondern um ein Wachstum »in der Gnade und Erkenntnis des Herrn« (2. Petr. 3, 18).
Sind wir für Gott ein Wohlgeruch? Von Umwelt-Verschmutzung und Klima-Katastrophe ist heutzutage wahrlich viel die Rede. Manchmal mag man gar nichts mehr davon hören. Aber zu riechen bekommen wirs täglich. Wie unangenehm ist es, wenn uns die giftigen Abgase der mit Kraftstoff gefüllten Fahrzeuge in die Nase kriechen! Auch Christen können in ihrer Umgebung die Atmosphäre mit den Abgasen der Sünde vergiften. Gottes Wort spricht nüchtern davon: Sprüche 5, 3-14; 14, 21. 25; 20, 3; 26, 18-26. Kein Jesus-Nachfolger ist frei von Sünde. Aber wir sollen immer freier werden. Das geschieht durch Sündenerkenntnis, Sündenbekenntnis und das Loslassen der Sünde. »Wer seine Sünde leugnet, dem wirds nicht gelingen; wer sie aber bekennt und lässt, der wird Barmherzigkeit erlangen« (Spr. 28, 13; vgl. Ps. 32, 3-5). Es ist hart, seine Sünden zu bekennen, aber es ist vor allem heilsam. Denn wir verbinden und verbünden uns mit dem, der uns alle unsere Sünden vergibt und nicht mehr an unsere Sünden denkt (Ps. 103, 3; Hebr. 8, 12). Dieser Herr, der reich ist an Vergebung, ist auch reich an Kraft. Er macht uns stark, unsere Sünden zu überwinden. Er macht uns stark, den alten Menschen abzulegen und den neuen anzuziehen. So gewinnt Christus selber Gestalt und immer mehr Raum in unserem Leben. Im Bild gesprochen: Wir haben angefangen, den Duft des neuen Lebens zu verströmen. Die Menschen in unserem Lebenskreis werdens gewiss merken, dass ein Nachfolger von Jesus einen angenehmen Duft verbreitet. Hier sei nur erinnert an den Rechtsanwalt Quintus Tertullian (150-225 n. Chr.), der im Jahr 195 Christ wurde und sich dann als Schriftsteller für die jungen Gemeinden einsetzte. Von ihm ist bekannt, dass er die Worte überliefert hat, mit denen man damals staunend von den Christen sprach: »Seht, wie haben sie einander so lieb!« (Lies 1. Joh. 4, 7-16.)
Wir haben im Diakonissenmutterhaus in Aidlingen einen Apfelkeller. Im Sommer riecht es nicht besonders gut darin. Aber im Herbst, wenn die Holzkisten mit frisch gepflückten Äpfeln im Keller gestapelt werden, duftet der ganze Raum nach leckeren Äpfeln. Gute Frucht verbreitet einen guten Duft. Der Apostel Paulus erinnert uns daran, dass in unserem Leben die gute Frucht des Heiligen Geistes wächst. Sie wächst beständig, weil Jesus beständig in uns lebt. Mit dem Wachstum der »Geistes-Frucht« werden unsere Mitmenschen auch den Duft des neuen Lebens wahrnehmen. Schauen wir etwas genauer hin: Liebe gehört zur Frucht des Heiligen Geistes. Im Urtext ist von der Agape-Liebe die Rede. Sie ist die Liebe, die dem Wesen Gottes entspricht. Diese Liebe »ist geduldig und freundlich, sie kennt keinen Neid, keine Selbstsucht und ist nicht überheblich. Sie ist weder verletzend noch auf sich selbst bedacht, weder reizbar noch nachtragend. Sie freut sich nicht am Unrecht, sondern freut sich, wenn die Wahrheit siegt. Diese Liebe erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles und hält allem stand« (1. Kor. 13, 4-7; Hohel. 8, 7; 2. Kor. 6, 6). Die Liebe Gottes ist eine unerschöpfliche Kraftquelle für die vielen Konflikte in unserem Leben. »Konflikte sind etwas Alltägliches. Alle Konflikte kommen aus unseren Erwartungen an andere, aus dem, was wir für uns selber haben wollen. Oft spielt die Angst mit, zu kurz zu kommen. Wenn ich mich von Gott geliebt weiß, dann verliere ich diese Angst. Das Geheimnis der Konfliktfreiheit ist das Geheimnis der Angstfreiheit, die dadurch kommt, dass ein Mensch sich in der Liebe seines Gottes ganz und gar geborgen weiß und im Vertrauen zu Gott lebt. Wir kommen aus der Konfliktträchtigkeit unseres Lebens heraus, indem wir hineingehen in die Geborgenheit der Liebe unseres Herrn zu uns« (R. Seiss). »Weder Neid noch blinder Ehrgeiz sollen euer Handeln bestimmen, im Gegenteil, denkt von euch selbst gering und achtet den anderen mehr als euch selbst. Denkt nicht immer zuerst an euch, sondern kümmert und sorgt euch auch um die anderen. Orientiert euch an Jesus Christus« (Phil. 2, 2-5).
Zur Frucht des Heiligen Geistes gehört Freude. Gott ist ein Gott der Freude. »Hoheit und Pracht sind vor ihm, Macht und Freude in seinem Heiligtum« (1. Chron. 16, 27). Dem hebräischen Wort für Freude liegt die Bedeutung von »Festfreude, außerordentlichem Frohsein« zugrunde. (Vgl. Ester 9, 17-19; Ps. 21, 7.) Der griechische Ausdruck beinhaltet einerseits etwas Beseligendes, Hinreißendes, Jubel Erregendes. Andererseits bedeutet er eine tiefe Heiterkeit des Gemüts, ein völliges Abgefallensein aller Sorgen, das Glück des Geborgenseins, die strahlende Unbefangenheit und Mitteilsamkeit gegen jedermann: »Freut euch mit mir« (Luk. 15, 6. 9). Von alledem klingt etwas mit, wenn Jesus sagt: »Das sage ich euch, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde« (Joh. 15, 11). Unser Herr möchte, dass die Freude, die er uns geschenkt hat, zunimmt, größer wird, weiterwächst und bis zur vollen Frucht reift. Es geht durch manche Wachstumsschmerzen, durch Bedrängnisse, Mühen und Leid. Aber die Widerstände sind wie ein Zaun, an den angelehnt bzw. angebunden, die Pflanze dem Licht entgegenwächst. (Lies 1. Mose 49, 22; Ps. 84, 6. 7; 2. Kor. 6, 3-10; 7, 4.) Wenn der Apostel Paulus die Christen auffordert »Freut euch in dem Herrn zu jeder Zeit«, weiß er gut, dass die Freude nicht auf Knopfdruck eingeschaltet wird. Aber er erinnert uns daran, dass wir in aller Not in unserem Herrn geborgen sind. Und in dieser Geborgenheit liegt ein stiller Glanz der Freude des Himmels. Wir sehen: Freude mehr als Vergnügen, wie Grimms Wörterbuch der Deutschen Sprache definiert scheint gerade in einer vergnügungsreichen Zeit zu einem immer knapperen Gut zu werden. Umgekehrt haben Menschen, die sich Gott anvertrauten, gerade in vergnügungsarmen oder -freien Zeiten tiefe Freude »in dem Herrn« erlebt. »Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott, den Herrn, dass ich verkündige all dein Tun« (Ps. 73, 28; vgl. Neh. 8, 10; Ps. 34, 6).
Zur Frucht des Heiligen Geistes zählt der Friede. Auch er gehört zum Wesen Gottes. Jesus ist der Friedensfürst. Er ist gekommen, Frieden zu stiften zwischen Gott und den mit ihm entzweiten Menschen. Die Bibel spricht deutlich von diesem Bruch, der durch das Misstrauen des Menschen und seinen Ungehorsam gegenüber Gott entstand. (Lies 1. Mose 2, 15-17; 3, 1-6; Jes. 59, 2-8; Röm. 3, 12.) Weil der Mensch den schrecklichen Schaden nicht von sich aus heilen kann, erbarmte Gott sich über seine sündenkranken Menschen. Er sandte Jesus, seinen geliebten Sohn, in unsere Welt. Der sollte unseren bösen Schaden heilen. Das geschah, indem er aus Liebe zu uns das Todesurteil, das über uns verhängt war, auf sich nahm und an unserer Stelle unseren verdienten Tod starb » . . . auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt« (Jes. 53, 5). Wir brauchen das Heilungsgeschenk nur anzunehmen: »Herr, auch ich gehöre zu denen, die getrennt von dir gelebt haben. Mein Schade ist groß, meine Sünden haben die Beziehung zu dir zerstört. Vergib mir alle Schuld und heile meinen Schaden. Ich danke dir, dass du mein Todesurteil auf dich genommen hast, damit ich für immer mit dir leben kann.« Der Herr antwortet auf unser Beten und beschenkt uns mit seinem Frieden (Röm. 5, 1). Der Friede mit Gott bedeutet, dass die kaputte Beziehung zu ihm ganz heil geworden ist. Es ist alles gut geworden. Wer Frieden mit Gott empfangen hat, kann nun auch ein Mensch des Friedens sein. Das bedeutet zum Beispiel: Ich muss mich nicht mehr ängstigen und entsetzen vor dem, was kommt, auch nicht vor dem Tod. Denn mein Friedensfürst geht mit durch jedes dunkle Tal. Ich lerne es, Frieden mit meinem Nächsten zu halten. (Vgl. Röm. 12, 18.) Ich kann zum Frieden unter den Menschen beitragen. (Lies 1. Mose 45, 24; Ps. 122, 6. 7; Jes. 48, 18; 52, 7; Röm. 8, 6; Jak. 3, 18.)
Am Glauben der vierundachtzigjährigen Prophetin Hanna lässt sich entdecken, wie gute geistliche Frucht wächst und der Duft eines Lebens mit Gott verströmt wird. Als Prophetin hatte Hanna den Menschen etwas zu sagen; sie galt als Glaubensvorbild. Auch in Hannas Leben gab es Wachstumsschmerzen. In sehr jungen Jahren wurde sie Witwe, und wahrscheinlich hatte sie keine Kinder, deren Pflicht es gewesen wäre, für sie zu sorgen. Vor Hanna lag ein hartes Leben, dürre Zeiten, in denen es gerade zum Durchkommen reichte. Dürre ist für alles Lebendige eine gefährliche Zeit. Pflanzen und Bäume vertrocknen, wenn sie in einer großen Trockenheit keinen Zugang zu wasserreichen Quellen haben. Aber die Dürre schadet einer Pflanze nicht, wenn sie genug Wasser hat. Hanna streckte ihre Lebensund Glaubenswurzeln zu den Quellen des Wortes Gottes hin. So wurde ihr Vertrauen auf Gott gestärkt, und sie konnte im Glauben wachsen. »Ich bin elend und arm, der Herr aber sorgt für mich. Du bist mein Helfer und Erretter, mein Gott säume (zögere) nicht!« (Ps. 40, 18; vgl. Ps. 25, 16; 71, 12; 138, 3) Hannas Lebensumstände wären bestens geeignet gewesen, sie innerlich auszutrocknen. Aber das geschah nicht, weil die Dürrezeiten sie nach den Quellen suchen ließen, aus denen Belebung und Trost kommen. »Sie wich nicht vom Tempel.« Ihre Lebenswurzeln fanden einen Halt an den Quellen des Wortes Gottes und im Gebet. Wie viele Menschen, die zum Tempel kamen, mochten durch den Dienst Hannas ermutigt und gesegnet worden sein. Vielleicht sind unsere Lebensumstände so, dass es an vielem mangelt. Daran aber muss es nicht mangeln, dass wir in jeder Situation durch das Wort unseres Herrn gestärkt und erfreut werden. (Lies Ps. 23.)
Hanna hatte zu den Quellen des Wortes Gottes ihre Zuflucht genommen. Sie war vertraut mit den alttestamentlichen Verheißungen, die auf die Ankunft des Messias hinweisen. Und Hanna wartete auf ihn. Anscheinend gab es in Jerusalem eine kleine Gemeinde von Wartenden, und für sie hatte Hanna immer wieder ein Wort der Ermutigung, mit dem sie die anderen an Gottes Treue und an seine Zusagen erinnerte, wenn sie des Wartens auf den verheißenen Messias müde wurden. Das ist eine Frucht des Glaubens, die einen guten Duft verbreitet, wenn ein Mensch mit den Zusagen Gottes rechnet, auch wenn von ihrer Erfüllung noch nichts zu sehen ist. »Sie redete von ihm zu allen, die auf die Erlösung warteten.« »Sie redete, das meint nach der griechischen Grammatik: Sie redete wieder und wieder über Jesus, er wurde zum Hauptthema ihrer verbleibenden Lebenszeit« (G. Maier). Es wäre nur gut, wenn in unserem Land wieder mehr von Jesus gesprochen würde. Viele Christen haben sich verkrochen und ins Private zurückgezogen. Man sucht zwar die Gemeinde und ihre Kreise auf, aber der Glaube erschöpft sich darin. Und so beginnt er, unangenehm zu »riechen«. Dann müssen wir uns nicht wundern, wenn keiner oder nur selten einer zum lebendigen Glauben an Jesus kommt. Es kann sein, dass das Problem bei anderen die fromme Geschäftigkeit ist. Man redet viel von Jesus und arbeitet viel für Jesus. Aber er ist nur »dienstlich« das Hauptthema, nicht im persönlichen Leben. Hier besteht die Gefahr, dass der Glaube im Lauf der Zeit verödet. Wie kann uns geholfen werden? Indem wir täglich in die Seelsorge zu Jesus gehen, uns in sein Wort vertiefen, uns trösten und korrigieren, uns von Sünde reinigen und zum Gehorsam leiten lassen. (Lies Johannes 4, 4-42.) Für immer bei Gott geborgen Psalm 71
Der Psalm-Dichter beginnt sein Gebet mit einem persönlichen Bekenntnis: »Herr, ich traue auf dich!« Andere übersetzen: »Bei dir, Herr, habe ich mich geborgen.« »Bei dir, Herr, suche ich Zuflucht.« David, dem viele Ausleger Psalm 71 zuschreiben, bezeugt aus eigener Erfahrung, wie gut es ist, dem Herrn in allen Lebenslagen zu vertrauen. Ihn kannte er von frühster Jugend an, und bis ins Alter hielt er an der Tatsache fest: Gott ist zuverlässig und treu. Als David in jungen Jahren gegen Goliat in den Kampf zog, war sein Vertrauen in Gott schon tief verwurzelt. Nur so konnte er sagen: »Der Gott, der mich aus den Klauen des Löwen und des Bären errettet hat, der wird mich auch aus der Hand dieses Philisters erretten« (1. Sam. 17, 37). Dieses tiefe Verwurzelt-Sein in Gott kann uns an den Bau einer Straßenbrücke erinnern. Monatelang konnte man die Arbeiter tagtäglich auf der Baustelle in Aktion sehen, aber von ihrer Arbeit war nicht viel zu sehen. Ihre ganze Konzentration galt dem, was unter der Erde liegt, dem Fundament. Dann endlich wurde ein Brückenpfeiler gegossen und einige Zeit später die Eisenträger aufgelegt . . . Letztlich aber hängt die Tragfähigkeit einer Brücke von den Fundamenten ab. Alles Sichtbare wäre buchstäblich auf Sand gebaut, wenn die Fundamente nicht stabil wären. Gottes Treue war das Fundament, auf dem David sein Leben aufgebaut hatte. Darum konnte David sagen: »Herr, ich traue auf dich.« Vertrauen äußert sich immer in einer persönlichen Beziehung zu einem Gegenüber, dem man traut, dem man sich anvertraut, mit dessen Zuverlässigkeit und Treue man rechnen kann. Dieses Gegenüber war für David in allen Lebenslagen der lebendige Gott. (Lies Ps. 25, 10; 40, 11. 12; 146, 5. 6; Klagel. 3, 22. 23.)
Immer wieder erinnerte David sich an die Treue Gottes. So konnte er sagen: »Ich fürchte mich nicht vor Tausenden, die sich rings gegen mich stellen« (Ps. 3, 7). Gott selber gab ihm Frieden ins Herz. »Ob sich zehn oder zehntausend gegen uns verbünden, ist so lange ohne Belang, wie das Herz dort ruht, wo es allein Festigkeit und Ruhe finden kann: im Vertrauen auf Gott, im Staub vor Gottes Angesicht« (B. Peters). In Psalm 20 erinnert David an jene, die Wagen und Rosse für den Inbegriff von Macht und Stärke halten. Ihnen stellt er ein eindeutiges Aber gegenüber: » . . . wir aber nennen den Namen des Herrn, unseres Gottes« (Ps. 20, 8). David verließ sich nicht auf menschliches Leistungsvermögen, auch nicht auf sein eigenes Können. Er setzte sein Vertrauen ganz auf Gott. Selbst als er vom »finsteren Tal« sprach, wusste er sich in seinem Gott geborgen. Seine innige Beziehung zu Gott kommt in seiner Wortwahl zum Ausdruck. Er wechselt in Psalm 23 vom »Er« der Verse 2 und 3 zum ganz persönlichen »Du« in Vers 4: » . . . denn du bist bei mir«, so als wollte er sagen, dass der Herr, unser Hirte, uns gerade dann besonders nahe ist, wenn wir durch dunkle Täler zu gehen haben. David bleibt dabei: Was auch geschehen mag, ich vertraue meinem Gott. In solch einem »dunklen Tal« entstand auch das beliebte und viel gesungene Lied: »Herr, weil mich festhält deine starke Hand, vertrau ich still. Weil du voll Liebe dich zu mir gewandt, vertrau ich still. Du machst mich stark, du gibst mir frohen Mut, ich preise dich, dein Wille, Herr, ist gut« (H. Winkel).
Nachdem David am Anfang seines Gebets bezeugt, wo sein Vertrauen verankert ist, spricht er nun vor diesem Gott die Bitten seines Herzens aus: »Lass mich nicht zuschanden werden, errette mich durch deine Gerechtigkeit und hilf mir heraus, neige deine Ohren zu mir und hilf mir! Sei mir ein starker Hort, zu dem ich immer kommen kann, der du zugesagt hast, mir zu helfen; denn du bist mein Fels und meine Burg.« In seinem Buch »Ich habe meine Mitte in dir« schreibt Hans-Joachim Eckstein: »Welchen Sinn macht es, wenn wir Gott im Gebet Dinge erzählen, die er schon weiß, Fragen stellen, die er längst beantwortet hat, Anliegen vorbringen, die er viel besser beurteilen kann, Bitten aussprechen, deren Erhörung er bereits eingeleitet hat? Abgesehen von seiner Liebe macht es keinen Sinn! Aber in Anbetracht seiner grenzenlosen Zuneigung zu uns können wir gar nicht zu oft vor ihn treten, zu lange mit ihm sprechen und zu viel von ihm erbitten. Denn Gott ist in seiner Liebe nicht darauf aus, nur Bitten zu hören. Er möchte nicht etwas Neues von uns hören, sondern er will uns hören und das immer wieder aufs Neue.« Diese Einladung gilt uns heute ganz persönlich: Du darfst kommen, immer und zu jeder Zeit, mit allem, was dich heute beschäftigt, dem Glück, das dich froh macht, und den Anliegen, die dich umtreiben. Du kannst kommen mit den ungelösten Fragen, mit dem Leid und allem Unverständlichen und dem, was dich fertigmacht. Du darfst kommen! David zeigt uns hier den Weg, wie er trotz aller Widerwärtigkeiten durchgekommen ist. Gott selber war sein Zufluchtsort. Die Einladung »komm doch zu mir« gilt uns: Matthäus 11, 28; Jesaja 55, 1; Lukas 14, 17; Johannes 6, 35. 37; 7, 37; Offenbarung 22, 17.
»Rette mich durch deine Gerechtigkeit und befreie mich, neige deine Ohren zu mir und hilf mir!« Wenn David hier von der Gerechtigkeit Gottes spricht, so ist es »ein in die Tiefe greifender Ausdruck für Gottes Heilswillen« (H. Brandenburg). Gott bewahrt und rettet ihn nicht nur aus der Not, sondern stellt ihn unter sein Recht und unter seine Herrschaft. Wiederholt spricht David von dieser Gerechtigkeit. Er zeigt sogar die unglaubliche Reichweite der Gerechtigkeit Gottes auf: »Gott, deine Gerechtigkeit reicht bis zum Himmel; der du große Dinge tust, Gott, wer ist dir gleich?« (V. 19) Ohne Gottes Gerechtigkeit kann es keine echte Rettung geben. Wie könnte David auf Errettung aus der Hand der Ungerechten hoffen, wenn es bei dieser Errettung nicht in jeder Hinsicht gerecht zuginge? »Nur ein Werk vollkommener Gerechtigkeit lässt den Gottlosen verstummen und erkennen, dass er gegen keinen der von Gott Geretteten und Gerechtfertigten Klage erheben kann« (B. Peters; lies Röm. 8, 33. 34). Aber David äußert nicht nur, was Gott ihm an Rettung und Hilfe gewährt, sondern er hebt hervor, wer Gott ganz persönlich für ihn ist. »Du bist . . . «, sagt er wiederholt, »du bist mein Fels und meine Burg« (V. 3); » . . . du bist meine Zuversicht, Herr, mein Gott, du bist meine Hoffnung von meiner Jugend an« (V. 5). Mit immer neuen Umschreibungen versucht David, die Größe Gottes deutlich zu machen. Überhaupt bieten uns die Psalmen insgesamt ein weites Spektrum bildhafter Begriffe, die etwas von dem aussagen, was Gott David bedeutet. Diesen Gott gilt es heute für sich ganz persönlich zu entdecken zum Beispiel in Psalm 16, 5; 18, 2. 3; 25, 14; 32, 7; 59, 17; 73, 23-26; 84, 12; 86, 15; 90, 1; 92, 9; 94, 22.
David nimmt seine Zuflucht zu Gott, der ihm in den verschiedenen Lebenssituationen immer wieder zur Seite stand. Er wird nicht müde, ihn um Hilfe anzurufen, wenn der Feind ihn bedrängt. Den Widersacher Gottes bezeichnet er als den »Gottlosen«, den »Ungerechten«, den »Tyrannen«, aus dessen Hand er befreit werden möchte. Martin Luther beschreibt diesen furchterregenden Feind in seinem Reformationslied so: »Groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist, auf Erd ist nicht seinsgleichen.« Satan weiß sich auch heute bemerkbar zu machen, manchmal schlägt er brutal zu, ein andermal verführt er mit »frommen« Worten. Unterschätzen wir ihn und seine heimtückischen Taktiken nicht! (Siehe Joh. 8, 44; 2. Kor. 11, 14.) David bleibt dabei, sein Vertrauen auf Gott zu setzen, und nennt uns vier Gründe, warum er gewiss ist, dass Gott ihm zu Hilfe kommen wird: 1. »Du bist meine Zuversicht, Herr, mein Gott.« Diese Tatsache gibt David Mut und Kraft. Er vertraut darauf, dass für Gott nichts zu groß und nichts zu kompliziert ist. Er rechnet mit dem, der allen Mächten und Gewalten weit überlegen ist. Er stützt sich auf den Herrn, der einer Situation nie hilflos gegenübersteht und der auch nicht irgendwann an seine Grenzen stößt. So hielt es auch Martin Luther. Von ihm können wir diese Zuversicht lernen. Er nennt Psalm 46 »das Lied des heiligen Gottvertrauens«. War er mit Problemen konfrontiert, so konnte er zu seinem Freund Philipp Melanchthon sagen: »Komm, Magister Philipp, wir wollen den 46. Psalm anstimmen!« Auch Johann Daniel Herrnschmidt hielt in schwerer Zeit daran fest: »Gott wills machen, dass die Sachen gehen, wie es heilsam ist. Lass die Wellen höher schwellen, wenn du nur bei Jesus bist.« Wie viel Zuversicht für heute kommt uns aus diesen Worten entgegen! (Lies Ps. 91, 1. 2; Jer. 17, 7; Hebr. 4, 16.)
Der zweite Grund, warum David gewiss ist, dass Gott ihm zur Hilfe kommen wird, liegt darin, dass er sagen kann: 2. »Gott ist meine Hoffnung.« Schauen wir in die Geschichte Israels hinein, so merken wir, dass seine Glaubens- und Lebensgrundlage der Bund Gottes mit ihm ist. »An diesen Bund hat er seine Verheißungen geknüpft. Durch das Bundesverhältnis unterscheidet sich Israel deutlich von heidnischen Gottesvorstellungen. Für diese ist die Gottheit eine Naturmacht oder ein dämonisches Wesen. Israel aber bekennt sich zu einem persönlichen Gott. An ihn weiß es sich gebunden. Israels Hoffnung gründet sich darum auf Gottes Verheißung. Gottes Volk glaubt gewiss, dass Gott seine Versprechen hält. Das ist der Grund dafür, dass der Begriff Hoffnung in der Bibel mit solch großer Gewissheit und Zuversicht verbunden ist . . . Wer diese lebendige Hoffnung hat, darf sein Leben auf ein schönes, großes Ziel ausgerichtet wissen. Das bloß Vergängliche verliert damit vieles von seiner letzten Aufdringlichkeit. Wenn alles Irdische vorläufig ist, kann man auch im Alltag um dieser Dinge willen nicht mehr so ganz fanatisch, verbohrt und versessen sein. Man erlebt als Hoffender etwas von der Freiheit jenes Haben, als hätte man nicht. Man kann gelassen sein in allem, was über einen kommt. Auch schwere und dunkle Stunden sind dann lediglich Schritte auf einem Weg, der in das Licht führt. Ist die Zukunft erfreulich, kann ich mich jetzt schon in meiner Gegenwart der Zukunft freuen. Ist das Morgen aber dunkel, wirft es seine Schatten schon auf das Heute« (K. Eickhoff). David hielt an der Hoffnung auf seinen Gott schon von Jugend auf fest. So können auch wir für heute und morgen Hoffnung schöpfen. (Lies Ps. 40, 5; 62, 6-9; 78, 5-7; 146, 5.)
Ein weiterer Grund, warum David gewiss ist, dass Gott ihm zu Hilfe kommen wird, liegt darin, dass Gott ihm das Leben geschenkt hat: 3. »Seit meiner Geburt bist du mein Halt. Von Geburt an hast du für mich gesorgt.« David hält daran fest, dass Gott die Verantwortung für sein Leben übernommen hat. Der Herr sorgt für ihn. Bei ihm kann er sich bergen, wenn er angegriffen, verspottet oder ungerecht behandelt wird. Er lässt ihn nicht einen Augenblick allein. Als Gottes Volk sich verlassen und vergessen wähnte, stellte Gott ihnen die Frage: »Kann auch eine Mutter ihres Kindes vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen. Siehe, in meine beiden Hände habe ich dich eingezeichnet; deine Mauern sind immerdar vor mir« (Jes. 49, 15. 16; lies Jer. 31, 20; Ps. 121, 3. 4; 40, 18). Hier wird jede Möglichkeit des Vergessen-Werdens ausgeschlossen. »Ich lasse dich nicht fallen, und ich verlasse dich nicht. So sagt es Gott zu allen, die hören, wenn er spricht. Gott lässt uns niemals fallen, und er verlässt uns nicht« (G. Schnitter). Den nächsten Grund beschreibt David so: 4. »Ich bin für viele wie ein Zeichen.« Im Rückblick auf sein Leben kann David sagen: »Der Herr zog mich aus der grausigen Grube, aus lauter Schmutz und Schlamm, und stellte meine Füße auf einen Fels, dass ich sicher treten kann; er hat mir ein neues Lied in meinen Mund gegeben, zu loben unsern Gott. Das werden viele sehen und sich fürchten und auf den Herrn hoffen« (Ps. 40, 3. 4). Können Menschen in unserem Umfeld etwas von Gottes Handeln in unserem Leben sehen? Es ist heute wichtiger denn je, Zeichen für den Glauben an Jesus zu setzen! (Lies Jes. 43, 19; 2. Kor. 5, 17.)
Über aller Hilfe, die David in seinem langen Leben von Gott erfahren hat, bleibt ihm nur das eine, Gott zu loben. »Mein Mund ist erfüllt von deinem Lob, von deinem Ruhm den ganzen Tag.« Mitten in der Bedrängnis und bei allem Empfinden seiner Hilflosigkeit hält David am Lobpreis Gottes fest. »Das Lob Gottes führt mein Leben in die Weite. In vielen Psalmen ist von Ängsten und Sorgen die Rede, und dennoch finden wir fast in jedem Psalm das Lob Gottes. Wer die Größe und Herrlichkeit Gottes lobt, der erhebt sich gleichzeitig über die Enge und Muffigkeit seiner Sorgen und Ängste. Wer mit dem Lob Gottes beginnt, der bleibt nicht in der Kleinkariertheit seiner Alltagsbelange hängen. Wer mit dem Lob Gottes beginnt, der lernt sein Leben unter dem weiten Horizont eines großen Gottes zu sehen. Was könnte sich in unserem Leben verändern, wenn wir jeden Tag mit dem Lob Gottes beginnen und durch das Lob diesen Weitblick gewinnen würden! (Lies Ps. 145, 1-21.) Von der Größe und Herrlichkeit Gottes her bekomme ich die richtige Sicht für die großen und kleinen Probleme meines Lebens. Das Lob Gottes lehrt mich das Aufblicken und damit automatisch auch das Wegblicken von mir selbst. Es hilft mir, auch die Niederlage, Enttäuschung und Frustration meines Lebens richtig einzuordnen« (V. Gäckle). Welches Loblied stimmen wir heute an? Schon der Kirchenvater Augustinus bemerkte vor über 1600 Jahren: »Wenn das Lob Gottes die Bestimmung unseres Lebens ist, dann gibt es keine Heilung einer Gesellschaft oder einer Gemeinschaft jenseits dieser Gottesbeziehung. Indem ein Mensch zum Lob Gottes durchdringt, wird er wieder seine eigene Mitte finden, Orientierung und Halt, Werte, Sinn und Hoffnung.« »Lobe den Herrn, meine Seele« (Lies Ps. 138, 1-8.)
Nachdem David voll Zuversicht auf Gott geschaut und ihn als seinen starken Hort, seinen Fels, seine Burg und seine Hoffnung bezeichnet hat, klingen plötzlich ganz andere Töne an: »Verwirf mich nicht, verlass mich nicht, Gott, sei mir nicht ferne, eile mir zur Hilfe.« Hier zeigt uns David, dass es in seinem Leben auch Stunden und Tage gab, in denen er sich mit einem Aufschrei an Gott gewandt hat. Der Beter spricht davon, dass er alt geworden ist. Vielleicht kann er die Dinge, die das Leben an ihn heranträgt, nicht mehr so leicht verkraften. Macht ihm körperliche Schwachheit zu schaffen? Weil er in seiner Kraft- und Hilflosigkeit die Angriffe seiner Gegner noch viel intensiver empfindet, fleht er zu seinem Gott: »Verwirf mich nicht in meinem Alter, verlass mich nicht in meiner Schwachheit.« David hält auch in den schweren Tagen an seinem Gott fest und bringt das, was ihm Not bereitet, im Gebet vor ihn: »Meine Feinde reden über mich, und die auf mich lauern, beraten sich miteinander und sprechen: Gott hat ihn verlassen; jagt ihm nach und ergreift ihn, denn da ist kein Erretter!« Die Feinde Davids wollen ihn endgültig mundtot machen und sein Leben auslöschen. Sie wollen ihm den sicheren Halt in Gott entreißen und ihm zeigen, dass niemand da ist, der ihn retten könnte. Äußere und innere Anfechtungen sollen David resigniert und kraftlos machen. Wie schnell lassen wir uns von Angriffen, von Zweifel und Entmutigung niedermachen? Es bleibt dabei: »Gott wird dich tragen durch Tage der Not; Gott wird dir beistehn in Alter und Tod. Fest steht das Wort, ob auch alles zerstäubt, Gott ist ein Gott, der in Ewigkeit bleibt« (F. Crosby). (Lies Ps. 31, 16-18. 22-25; 34, 5-9.)
David hält sich nicht lange beim verletzenden Spott seiner Gegner und deren Argumenten auf. Ihn zieht es zu seinem Gott, dem er sein ganzes Leben anvertraut hat und der ihn bis hierher begleitet und bewahrt hat. Er muss weitersagen, was er mit ihm erlebt hat. Seine Erfahrungen mit Gott, in großen und kleinen Dingen, in hellen und dunklen Stunden, kann er nicht für sich behalten. Ihm geht es darum, Gottes Größe und seine Gerechtigkeit großzumachen. Eine Christin erzählte: Unvergessen ist mir ein Besuch bei einem über neunzigjährigen Evangelisten. Strahlend öffnete er mir die Haustüre, begrüßte mich herzlich und sagte dann: »Weißt du, ich singe heute schon den ganzen Tag vor mich hin: Vergiss nicht zu danken dem ewigen Herrn, er hat dir viel Gutes getan. Ich werde gar nicht damit fertig, meinem großen Gott zu danken, dass er mir meine Schuld vergeben, mich errettet und in seinen Dienst gerufen hat.« Und dann erzählte er ein wenig von Gottes Führung in seinem Leben. Dabei stand Gottes wunderbares Handeln immer im Mittelpunkt. Sein dankbares Rückschauhalten wirkte bei mir regelrecht ansteckend. Der Blick auf unseren Herrn und seine einzigartige Führung in unserem Leben hilft uns, mitten in Krisenzeiten und in Anfechtungen, standhaft zu bleiben und neuen Mut zu gewinnen. So können wir gelassen und mit Zuversicht der Zukunft entgegengehen. (Lies Ps. 9, 2. 15; 96, 3; 145, 6.) Immer wieder kommt David auf Gottes Gerechtigkeit zu sprechen. »Deine Gerechtigkeit der Psalm ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Gerechtigkeit Gottes gesammelt und gerafft etwas über Gottes Größe aussagt. Für den Psalmisten umschließt Gottes Gerechtigkeit seine Güte und seine Wahrheit« (H. Brandenburg). (Lies Ps. 36, 6-8; 48, 11; 71, 19; Röm. 5, 18. 19.)
David schaut dankbar zurück auf ein reiches Leben und gewinnt dadurch Mut und Zuversicht für das Kommende. Für ihn ist es ein unschätzbarer Reichtum, Gottes Wort schon von Kindheit an gehört zu haben. Gerade jetzt, im Alter, wo manche neue Herausforderung auf ihn zukommt, hält er an Gottes Zusagen fest und erinnert sich an die Wunder, die sein Volk mit Gott erlebt hat. Gott selber legte seinem Volk immer wieder ans Herz, das, was in ihren Familien gelehrt wurde und was sie selber mit ihm erfahren hatten, an die nächste Generation weiterzugeben: »Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen und von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst« (5. Mose 6, 4-7; vgl. Ps. 34, 12; Spr. 3, 1-26). Damit wurde Gott selber zum Mittelpunkt des Lebens und zugleich zum zentralen Gesprächsthema. »Bis jetzt verkündige ich deine Wunder«, sagt David. »Das Wort Wunder meint die Gesamtheit der Taten Gottes in der Geschichte des Volkes und im persönlichen Leben des Einzelnen« (D. Schneider). Kann das heute ein Impuls für unsere Gespräche sein? Welche Themen stehen im Mittelpunkt unserer Unterhaltung? Bleiben wir an den vielfältigen Problemen unserer Zeit hängen? Schauen wir pessimistisch auf die Entwicklung unserer (westlichen) Welt? David hat seine Umwelt gewiss nicht ausgeblendet, aber die Frage, wer Gott für ihn ist, geht ihm über alles andere. Davon will er weitersagen. (Lies 2. Chron. 32, 7. 8; Ps. 145, 1-7.)
Der letzte Abschnitt unseres Psalms lädt noch einmal ein, über Gottes Größe nachzudenken, ihn anzubeten und sein Lob großzumachen. Diese letzte Strophe beginnt mit Gottes Gerechtigkeit, und am Ende steht wiederum Gottes Gerechtigkeit. Fünfmal sagt David in diesem Psalm: »deine Gerechtigkeit « (V. 2. 15. 16. 19. 24). »Gottes Gerechtigkeit reicht bis zur Höhe, zu Gott selbst. Sie geht von ihm aus, und sie rechtfertigt den Sünder und führt ihn hinauf bis zur Höhe, zu Gott selbst. Sie reicht tiefer, als wir denken können, sie ist weiter gegangen, als wir je hätten ahnen können. In seiner Gerechtigkeit verließ der Sohn Gottes den Thron Gottes, wurde Mensch, wurde Knecht und am Ende ein zum Tode Verurteilter. Er stieg hinab in den untersten Teil der Erde« (Eph. 4, 9; B. Peters). Aber gerade »weil er gehorsam war bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz, hat ihn Gott erhöht und ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist« (Phil. 2, 8-10). So »große Dinge« tat Gott. David stellt deshalb von der Größe Gottes überwältigt die Frage: »Wer ist dir gleich?« (Vgl. Ps. 35, 10; 89, 7; 113, 5.) Und dann nimmt der Beter den Faden noch einmal auf und erzählt von den Ängsten, die er in seinem Leben durchzustehen hatte. Doch im gleichen Atemzug beschreibt er, wie Gott ihm in allem Schweren neue Kraft schenkte und ihn aus der Tiefe heraufführte. Er schreibt die Höhen und die Tiefen seines Lebens Gott zu. Nicht anklagend, sondern in dem Wissen: Du hast mich in jeder Phase meines Lebens begleitet und mich nicht aus den Augen verloren. »So will auch ich dir danken mit Saitenspiel für deine Treue, mein Gott; ich will dir zur Harfe lobsingen, du Heiliger Israels.« Das Ziel dieses gereiften Lebens liegt im Lob und in der Anbetung Gottes. (Lies Ps. 89, 9; Jes. 40, 25. 26; 1. Chron. 17, 16. 20.) DIE HERRLIC HKEIT DES SO HNES GOTT ES IM HEBR ÄERBRI EF (10, 35-39)
Hin und wieder müssen wir etwas aussortieren und wegwerfen, weil sonst der Platz nicht reicht. Das fällt dem einen leichter, dem andern schwerer. Doch bei allem Wegwerfen, bei allem Abstoßen von Ballast, darf eines nicht »in den Container« oder »in den Sperrmüll« geraten: unser Vertrauen. »Werft euer Vertrauen nicht weg!« »Freudigkeit« und »Zuversicht« kann das Wort, das hier im griechischen Text steht, auch bedeuten. Unsere freudige Zuversicht Gott gegenüber sollen wir festhalten. Unser Vertrauen wird angefochten und bedroht von Entmutigung. Nach der Aussage des Jakobusbriefes ist das normal. »Meine Brüder, achtet es für lauter Freude, wenn ihr in mancherlei Anfechtungen geratet« (1, 2). Wir beten um Aussöhnung zwischen zwei Menschen, aber es ändert sich scheinbar nichts. Vielleicht werden die Verhältnisse nur noch verworrener. Wir beten um Heilung, und doch nimmt die Krankheit ihren Lauf. Wir beten, dass zerstrittene Eheleute wieder zusammenfinden, aber die Scheidung rückt näher. Wir beten für Frieden in der Welt. Stattdessen entstehen neue Kriegs- und Krisenherde. Jeder kann hier eine Anzahl von Anfechtungen dazuliefern. Weil diese Erfahrungen Realität sind, besteht die Gefahr, dass wir ermüden, resignieren. Die Enttäuschungen machen uns mutlos. Vielleicht ist Entmutigung und Kleinglaube unsere größte Gefahr. In der Hast des Alltags bleiben der Glaube und vielleicht auch das Gebet auf der Strecke. Dann kalkulieren wir nur noch mit Zahlen und unseren menschlichen Möglichkeiten. »Dachte ich an Gott, so musste ich seufzen, sann ich nach, so ward mein Geist bekümmert. Hat denn Gott vergessen, gnädig zu sein? O Gott, dein Weg ist heilig! Wer ist ein so großer Gott wie du? Du bist der Gott, der Wunder tut.« (Lies Ps. 145, 17. 18; Jes. 49, 14-16.)
Wenn die Jünger vor einer Schwierigkeit standen, waren sie genau wie wir versucht, das Vertrauen wegzuwerfen. Bei einem Aufbruch ans andere Ufer des Sees Genezareth vergaßen sie, Brote mitzunehmen. So hatten sie nur ein Brot bei sich im Schiff. Das ist eine einfache Rechenaufgabe: ein Brot für dreizehn Männer? Unmöglich! Die Sorge kroch hoch in ihnen. Dabei hatten sie doch Jesus im Boot, der kurz vorher zweimal mehrere tausend Menschen gespeist hatte! Aber das war ihnen angesichts der neuen Herausforderung nicht mehr gegenwärtig. Ihr Glaube reichte nur für eine kurze Zeit. Dann warfen sie das Vertrauen weg. Fühlen wir uns diesen Kleingläubigen und Kurzgläubigen verwandt? (Lies Matth. 14, 13-21; 5. Mose 1, 29-32.) Wenn Gott in einem absehbaren Zeitraum unsere Gebete nicht erhört und die Verhältnisse nicht geändert hat, sind wir versucht, unser Vertrauen wegzuwerfen. Unser Denken wird mutlos und unser Reden wird entmutigend, denn »wes das Herz voll ist, des geht der Mund über«. Vielleicht sind wir noch stolz auf unsere Ehrlichkeit. Wir sind ja keine Heuchler! Gott sieht unsere Gedanken und hört unsere Worte: »Warum sprichst du denn, Jakob, und sagst du, Israel: Mein Weg ist vor dem Herrn verborgen, und mein Recht entgeht meinem Gott?« (Lies Jes. 40, 26-28; Ps. 31, 23-25.) Wir sind nicht für uns allein mutlos und sorgenvoll. Wir ziehen andere mit hinein; so beleidigen wir unseren Gott. Martin Luther schrieb einmal an seinen Freund Melanchthon, der sich auch auf das Sorgen verstand: »Ich hasse von Herzen die großen Sorgen, von denen Du, wie Du schreibst, verzehrt wirst. Dass sie Dein Herz so beherrschen, daran ist nicht die Größe der Gefahr, sondern die Größe unseres Unglaubens schuld.«
»Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat!« Nicht, dass wir nicht entmutigt sein dürften! Das kommt einfach vor. Wir sind angefochtene Leute. Aber Entmutigung und Resignation dürfen nicht chronisch werden. Sonst ist es alarmierend, und wir brauchen dringend Hilfe von Gott und Menschen. Wir können Gott darum bitten, dass er uns wieder persönlich anspricht durch sein Wort und unseren Glauben stärkt. »Belebe uns, Herr, so wollen wir deinen Namen anrufen!« »An dem Tage, da ich rief, antwortetest du mir; du hast mich ermutigt, in meiner Seele war große Kraft« (Ps. 80, 19; 138, 3). Gott kann auch durch die Gemeinschaft mit Glaubensgeschwistern oder durch ein Erlebnis zu uns reden und uns aufrichten. Als Paulus auf seinem Weg nach Rom mit einigen Brüdern von dort zusammentraf, »dankte er Gott und fasste Mut« (Apg. 28, 15; lies Spr. 17, 17). Verbunden mit Entmutigung ist die Verengung unseres Blicks so, als wäre alles schwarz und hoffnungslos, so als gäbe es Gott und seine Macht nicht. Dabei kommen wir uns vielleicht noch sehr realistisch vor. Aber eigentlich nehmen wir nur einen Ausschnitt der Realität wahr. (Vgl. 2. Kön. 6, 15-17; Hiob 42, 5; Matth. 28, 18. 20.) Der Schreiber des Hebräerbriefes hat eine Medizin für angekränkeltes Vertrauen: die Geduld. »Geduld aber habt ihr nötig, damit ihr nach Erfüllung des göttlichen Willens die Verheißung erlangt.« Wenn der Heilige Geist in uns Geduld wirkt, so befähigt er uns, im Glaubenskampf standzuhalten und das Vertrauen nicht wegzuwerfen. Der Geduldige behält lange Mut. Mehr noch: Wir empfangen durch den Heiligen Geist die Kraft, den Willen Gottes zu tun, auch wenn kein Erfolg sichtbar ist. Das kann zum Beispiel bedeuten, einen Menschen zu lieben, ihm wohlzutun trotz seiner Ablehnung oder gar Feindschaft. (Lies 1. Kor. 13, 4-7; Hebr. 12, 1-3; Röm. 12, 12. 20. 21; 2. Kor. 1, 6; 6, 4-7.)
»Geduld aber habt ihr nötig, damit ihr den Willen Gottes tut und das Verheißene empfangt.« Wir werden nicht im Handumdrehen zu gestandenen Christen. Wer aber die Last mit seinem Herrn geduldig trägt, wird zu einem reifen und bewährten Jünger. Einen einfacheren Weg gibt es nicht. Paulus sagt: »Wir rühmen uns aber in den Trübsalen, weil wir wissen, dass Trübsal Geduld wirkt, die Geduld aber Bewährung, die Bewährung aber Hoffnung.« So löst die Not, in der wir uns an den Herrn klammern, eine positive Kettenreaktion aus. Die Geduld hilft uns, dranzubleiben, Gott zu gehorchen, seinen Willen zu tun und die Erfüllung der Verheißung zu erlangen. (Lies Eph. 4, 1-3; Jak. 1, 2-4. 12.) »Denn nur noch eine kleine, ganz kleine Weile, so wird kommen, der da kommen soll, und wird nicht verziehen.« Jesus hat uns versprochen, dass er wiederkommen wird. Er wird diese Welt richten, d. h. in Ordnung bringen und alle gottfeindlichen Mächte abtun, unter denen wir jetzt noch leiden. Für unser menschliches Empfinden wartet Jesus sehr lange mit seiner Wiederkunft. Doch Gott hat einen langen Atem. Wenn wir von der Wiederkunft unseres Herrn her denken und handeln, verlieren wir unsere Kurzatmigkeit. Das Vertrauen zu ihm verleiht auch uns einen langen Atem, dass wir nicht so schnell die Flinte ins Korn werfen und meinen, nun sei es endgültig aus. Doch: Wir gehen auf das Ziel zu, vor Jesus zu stehen. Wer am Vertrauen auf Jesus festhält, gehört am Schluss zu den Gewinnern. Unser Vertrauen auf Jesus hat eine große Belohnung: »Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und keinem Menschen in den Sinn gekommen ist, das hat Gott denen bereitet, die ihn lieben« (1. Kor. 2, 9; lies Hebr. 6, 11. 12; 1. Petr. 1, 6-9; 1. Joh. 3, 2. 3).
Was ist zu beachten auf der Wegstrecke bis zum Ziel? Dazu erinnert uns der Hebräerbrief an das Wort aus dem Propheten Habakuk: »Mein Gerechter aber wird aus Glauben leben.« Damit, dass wir gerecht geworden sind, d. h. durch den Glauben an die Erlösungstat von Jesus vor Gott in die richtige Stellung gebracht worden sind, können wir uns nicht vom Glauben verabschieden. Dem Anfangsglauben, der Gottes wunderbare Rettung ergreift, folgt ein ganzes Leben aus Glauben. »Herr«, so könnte vielleicht einer fragen, »Herr, halte ich das durch? Das Leben ist so anstrengend.« Doch wir sollen wissen: Der Herr selber schenkt uns das durchhaltende Vertrauen, das ihn ehrt und erfreut. Am Kreuz von Golgatha wurde der Neue Bund für uns geschlossen. Nun stehen wir mit Gott in einem Bundesverhältnis. Dazu gehört ein bundesgemäßes Verhalten. Es besteht einzig darin, dass wir Gott liebend vertrauen und ihm unsere leeren Hände hinhalten. Hudson Taylor (1832-1905), einer der ersten christlichen Missionare, die in China wirkten, bekannte, als seine Kräfte einmal völlig zusammengebrochen waren und er für längere Zeit untätig sein musste: »Ich kann nicht lesen, kann nicht klar denken, kann oft nicht einmal beten; aber ich kann vertrauen.« Als er das erste Mal nach China ausreiste, schrieb er in sein Tagebuch: »Gott allein ist meine Hoffnung; eine andere brauche ich nicht.« Jeder noch so kleine Vertrauensschritt bringt uns dem herrlichen Ziel der Ewigkeit näher. Nur hier auf Erden können wir ihn durch Vertrauen ehren und erfreuen. Im Himmel aber wird unser Vertrauen abgelöst, weil wir dann vom Glauben zum Schauen gelangen. (Lies 2. Kor. 4, 17. 18; 5, 6-9; Offb. 22, 3. 4.)
»Ohne Glauben aber ist es unmöglich, Gott wohlzugefallen, denn wer zu Gott kommen will, muss glauben, dass er ist und die, welche ihn suchen, belohnen wird.« »Im Vertrauen des Menschen liegt eine Möglichkeit, die Gott den Weg bereitet, dass er sein Werk tun kann« (O. Michel). Wenn wir Gott durch unser Vertrauen den Weg bereiten können, dann wollen wir unser Vertrauen keinesfalls wegwerfen. So leicht aber rutschen wir in dunkle, trübe Gedanken. Wir sehen nur noch schwarz. Damit betrüben wir den Heiligen Geist. Gott sagt zu seinem Volk: »Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht« (Jes. 7, 9; lies Eph. 4, 30). Wir können nur durch Glauben existieren. Und Glauben bedeutet, offen zu sein für die Möglichkeiten, die Gott hat und mit ihnen zu rechnen. Andere sind vor uns den Glaubensweg gegangen und ermutigen uns. So schreibt Eva von Tiele-Winckler (1866-1930), die Gründerin zahlreicher Kinderheimaten, rückblickend: »Noch lagen unübersteigbare Hindernisse wie hohe Berge vor mir. Aber las ich nicht in meiner Bibel: Habt Glauben an Gott! ? An einer anderen Stelle las ich: Bei den Menschen ists unmöglich, aber nicht bei Gott, denn alle Dinge sind möglich bei Gott. Dieses Wort prägte sich mir ein und wurde schon in jener frühen Zeit bestimmend für mein Leben. Ich konnte es fassen, dass der Glaube an Gottes Allmacht und an die Treue und Unwandelbarkeit seiner Verheißungen unüberwindlich und allvermögend ist. Berge und Schwierigkeiten mussten schmelzen wie Wachs vor dem Herrn, Hindernisse mussten weichen. Nichts unmöglich!, so konnte ich triumphierend ausrufen und im gewissen, vertrauenden Glauben vorausnehmen, was erst in der Zukunft sichtbar in Erscheinung treten sollte« (Mark. 11, 22-24; 10, 27; Ps. 97, 5).
»Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist.« Ein solcher Zeuge war August Hermann Francke (1663-1727). Er wirkte in Halle und gründete dort unter anderem ein Waisenhaus und eine Schule. »In einer für seine Umgebung beängstigenden Weise lebte er dabei in den Anfangszeiten buchstäblich von der Hand in den Mund. Durch eine in ganz Europa berühmte kleine Broschüre hat er seine Erfahrungen bei diesem Glaubensexperiment weitergegeben. Von den Fußstapfen des noch lebenden und liebreichen und getreuen Gottes zur Beschämung des Unglaubens. Dem Zweifel hielt er entgegen: Realist ist, wer mit Gott rechnet!« (E. Beyreuther) Francke konnte sagen: »Wie herrlich ist es doch, wenn man nichts hat und sich auf nichts verlassen kann, kennt aber den lebendigen Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, und setzt auf ihn allein sein Vertrauen; wie kann man da auch im Mangel ruhig sein!« Auf seinem Denkmal in Halle steht als Zusammenfassung seines Lebens: »Er hat Gott vertraut.« (Lies Hebr. 11, 1. 2. 32-40.) Nachdem Hitler die Macht übernommen hatte, traf sich im Oktober 1933 in Berlin ein Kreis von Theologen und Kirchenleuten zu einem Gespräch über die Frage, was zu tun sei. Es gab die verschiedensten Auffassungen darüber, wie auf Zumutungen an die Kirche zu reagieren sei und wie gegenüber unangenehmen Leuten am geschicktesten zu taktieren sei. Dann meldete sich Karl Barth zu Wort. Er halte nichts von Anpassertum, aber auch nichts von einem kirchenpolitischen Taktieren und von Aktionsprogrammen. Jetzt gebe es nur eines, was die Lage kläre und was die Kirche unüberwindlich mache: »Wir müssen Menschen sein, die glauben, erstens, zweitens und drittens glauben und nichts anderes« (nach E. Busch). (Lies Ps. 93, 1-4; Jes. 40, 23-31; 43, 16-19.)
»Ahmt ihren Glauben nach!« Wir müssen nicht nostalgisch zurückblicken. Wir haben unsere Glaubensherausforderungen in unserer Zeit. Sie sind anders als zurzeit Evas von Tiele-Winckler, August Hermann Franckes oder des Dritten Reiches, aber sie bergen die gleiche Chance in sich, Gott zu erfahren wie unsere »Väter« und »Mütter« im Glauben. Wie sie können auch wir allein durch Vertrauen leben. Unser Vertrauen bindet sich an die Zusagen Gottes. So kommt eine gute Spannung in unser Leben: die Spannung zwischen Gottes Zusage und ihrer Erfüllung. Ist unser Leben vielleicht deshalb manchmal so eintönig, weil wir es aufgegeben haben, mit Gottes Verheißungen zu rechnen? (Lies Ps. 42, 7-12.) Als Gott Gideon berief und der Engel des Herrn ihn ansprach: »Der Herr ist mit dir, du streitbarer Held!«, da hatte Gideon Fragen und Gegenargumente. »Wo sind alle seine Wunder, von denen uns unsre Väter erzählten, indem sie sprachen: Hat der Herr uns nicht aus Ägypten geführt? Nun aber hat uns der Herr verlassen und in die Hand der Midianiter gegeben.« Als Gott ihn dann beauftragte, Israel zu retten, konnte Gideon nur fragen: »Ach, mein Herr, womit soll ich Israel erretten?« Der Herr aber sprach zu ihm: »Weil ich mit dir sein will, wirst du die Midianiter schlagen wie einen einzigen Mann!« Unsere »Midianiter« sind unsere heutigen Probleme und Herausforderungen die kleine Kraft, die Ängste, Bedenken und Sorgen. Sie greifen uns an, entmutigen uns, streuen Zweifel in unser Herz. Doch wenn der Herr mit uns ist, müssen wir uns keineswegs an Niederlagen, Schwierigkeiten und Mutlosigkeit gewöhnen. Denn er ist mächtiger als alle »Midianiter« der Welt. Er kann und er wird sie bewältigen. (Lies Ps. 3, 3-5; 46, 2; 146, 5-10; Jer. 1, 8.)
»Werft euer Vertrauen nicht weg, das eine große Belohnung hat.« Wie können wir weggeworfenes Vertrauen wieder hervorholen? Wir dürfen sagen: »Herr, vergib mir, dass ich dir so wenig zugetraut habe. Hilf mir, dich in Zukunft durch Vertrauen zu ehren.« Wie kann das geschehen? Wie können wir Vertrauen praktizieren? Indem wir beten Das Recht eines Vollbürgers im antiken Griechenland war es, in der Volksversammlung offen und freimütig zu reden. In dem Wort, das hier mit Vertrauen wiedergegeben wird, schwingt »Freudigkeit, Zuversicht« mit. Weil wir zu Gottes Kindern gemacht sind, und damit zu Vollbürgern in Gottes Reich, können wir freimütig und offen und voller Vertrauen mit ihm reden. »So lasst uns nun mit der größten Freiheit und Zuversicht dem Gnadenthron unseres Gottes nahen, damit wir als schon Begnadigte neue Barmherzigkeit erlangen und weitere Gnade finden zu unserer rechtzeitigen Hilfe!« Gott lädt uns ein, alles, was uns bewegt, vor ihn zu bringen, denn »eines Christen Handwerk ist beten« (M. Luther). (Lies Matth. 18, 19. 20; Mark. 11, 24; Luk. 11, 9-13.) Wir können uns Verheißungen aus dem Wort Gottes zwischen oder neben unsere Gebetsanliegen schreiben. Das hilft unserem Vertrauen auf die Beine. Pfarrer Paul Deitenbeck (1912-2000) sagte einmal: »In der Bibel ist immer wieder davon die Rede, dass ich Gott an seine Verheißungen erinnern darf. Als ob er die je vergessen hätte! Es ist doch nichts anderes als Barmherzigkeit Gottes, dass er sich wie ein Vergesslicher von uns erinnern lässt. Denn indem wir ihn an die Verheißung erinnern, machen wir sie uns selbst neu bewusst und öffnen uns für ihre Einlösung in unserem Leben.« (Lies Ps. 94, 19; 103, 13; 138, 7. 8; Jes. 46, 4.)
»Werft euer Vertrauen nicht weg.« Wie können wir Vertrauen praktizieren? Indem wir in der Bibel beheimatet sind Wir sollen Leute werden, »die dem lieben Gott aufs Wort glauben und mit seinem Wort wie mit Zahlen rechnen und am Anfang der Angriffe sich schon des Sieges freuen«. So hatte es Ludwig Nommensen (1834-1918), Missionar unter den Batak (Indonesien), für Missionare formuliert. Solch lebendiges, kindliches Vertrauen ist in der Mission nötig und braucht auch jeder von uns in seinem Umfeld. Indem wir uns die Liebe Gottes bewusst machen Manchmal bereitet es uns Not, dass wir von der Gegenwart und Liebe Gottes nichts spüren. Dann dürfen wir trotzdem mit seiner Nähe und Liebe rechnen ohne zu fühlen, einfach nur, weil er es zugesagt hat. »Glauben heißt: sich jeden Augenblick die Tatsache zu vergegenwärtigen, dass man geliebt wird« (T. Kagawa). Der Theologe Hermann Bezzel (1861-1917) schrieb: »Man muss mit seinem Heiland verkehren als mit einem persönlich anwesenden Freund, von dem uns nur noch eine Scheidewand, Leib geheißen, trennt, als mit einem neben uns hergehenden Wanderer, der da sichtbar würde, wenn unser Auge nicht noch so gehalten wäre, als mit der uns ganz nahen Persönlichkeit, zu der wir alles sagen können, mit der wir reden dürfen wie mit unseresgleichen.« Indem wir uns Gottes vergangene Hilfe merken Vergiss nicht, wie viele kleine und große Wunder er schon gewirkt hat. Diese Erinnerungen helfen uns, Gott zu danken. In der Haltung des Dankens wird es uns leichter, auch mit neuen Gebetserhörungen zu rechnen. »Sorgt um nichts; sondern in allem lasst durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden« (Phil. 4, 6). Wir dürfen bitten, aber auch das Danken soll zu unserem Beten gehören. (Lies Ps. 103, 2; 34, 2-9; Spr. 29, 25; Jes. 26, 3. 4; 50, 10; Jer. 17, 7. 8.)
Können wir uns bei unserem zuversichtlichen Beten nicht auch irren und etwas einbilden? Wir haben nicht die Verheißung, dass Gott jetzt schon für seine Kinder alles Leid und alle Not aufheben wird. Wir haben auch nicht die Zusage, dass Gott alle unsere Wünsche erfüllen wird, wenn wir sie nur mit festem Glauben im Gebet zu ihm bringen. Wir können aber fragen: Gibt es für meine Bitte eine Verheißung in der Heiligen Schrift? An wen ist sie gerichtet und in welche Situation spricht sie hinein? Geht es mir bei meiner Bitte darum, dass Jesus verherrlicht und sein Reich gebaut wird? Ich kann ihm sagen: »Vater, nicht mein, sondern dein Wille geschehe.« Mit dieser Einstellung können wir voll Zuversicht beten. »Alle, die Gott im rechten Glauben mit Ernst von Herzen anrufen, werden gewiss erhört und empfangen, was sie gebeten und begehrt haben, wiewohl nicht so bald auf dieselbe Stunde, Zeit, Maß oder eben das, darum sie bitten; doch kriegen sie ein viel Besseres, Größeres und Herrlicheres, denn sie haben hoffen dürfen« (M. Luther). Macht Vertrauen und Gebet uns nicht passiv, dass wir womöglich das gebotene Handeln versäumen? Ein Missionar in Indien schrieb dazu: »Ich entdeckte, dass das Vertrauen auf Gott niemals die Anwendung der zur Verfügung stehenden Mittel und Kenntnisse einschränken darf, so wenig, wie der Gebrauch solcher Mittel das Vertrauen auf Gott verringern darf. Es ist nicht eine Frage des Entweder- Oder, sondern des Sowohl-als-auch« (E. Sherwood). Wir müssen manches wegwerfen, aber unser Vertrauen wollen wir behalten, weil es sich lohnt, diesem treuen Gott aufs Wort zu glauben. (Lies 2. Mose 14, 14; Jes. 38, 1-6. 21; Apg. 27, 22-26. 30-37; Eph. 5, 15-17.)
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