Liebe schenkt Vertrauen Wir wissen, wie schwer es ist, offene, vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen oder aufrechtzuerhalten. Ob es daran liegt, dass nicht selten Eigen nutz und Engherzigkeit eine wichtige Rolle spielen? Wie anders bei Paulus! "Er hatte den Wunsch und die bestimmte Absicht gehabt, den lieb gewor denen und nützlichen Bruder zu behalten, aber er entschloss sich dann doch, darauf zu verzichten. Er wollte weder seine Wünsche durchsetzen noch auf sein Recht pochen" (H. Bürki). Gehören also Vertrauen und Verzicht zusammen? Paulus gibt mit seinem uneigennützigen Handeln ein Beispiel dafür, dass der Verzicht auf eigene Wünsche zum Vorteil des ande ren wahres Vertrauen erst unter Beweis stellt. So wie sich Paulus verhielt, sollte sich auch Philemon gegenüber Onesimus verhalten. Von nun an sollte er ihm als Bruder zur Seite stehen. Auch Onesimus wird sein Unrecht offengelegt und die Vergebung Gottes in Anspruch genommen haben. Vielleicht hat er auch über eine Art Wiedergutmachung nachgedacht. (Vgl. Jes. 1, 16. 17; Jak. 5, 16.) "Leider gibt es viele, die schon lange Kinder Gottes sind, die noch nicht gelernt haben, und es nicht üben, nach einem kleinen oder grö ßeren Fehltritt denselben aufrichtig zu bekennen . . . " (Chr. v. Viebahn). Das alles wird vom Apostel nur leise angedeutet, denn sein gelebtes Christsein spricht deutlicher als seine Worte. Wir wundern uns deshalb auch nicht, dass er die weitere Entwicklung des Onesimus ganz dem freien Entschluss Philemons überließ. Gute Taten sollen freiwillig und aus Liebe erbracht werden und nicht abgenötigt werden müssen. (Vgl. 2. Kor. 9, 7; 1. Kor. 16, 14.) "Auf gleiche Weise will Gott selbst unsern Gehorsam, unser Wohltun von uns haben; er zwingt uns nicht, sondern stellt uns in freie Entscheidungen" (F. Grünzweig). Dazu Josua 24, 14. 15.
Liebe ermöglicht eine zweite Chance "Nochmals gibt Paulus dem Ganzen eine überraschende Wendung, kühn und doch behutsam stellt er die Frage, ob nicht vielleicht hinter der Flucht des Sklaven noch eine andere Wirklichkeit erkennbar wird" (H. Bürki). Wenn sich Philemon auf diese andere Sicht der Verhältnisse einlässt, wird er auch zu einem anderen Urteil und Entschluss kommen. Er wird Onesimus eine Chance geben. Paulus gibt Philemon durch seine Wortwahl "er war von dir eine Zeitlang getrennt" ein weiteres geistliches Argument, den Schwerpunkt nicht auf das Fluchtverhalten des Onesimus zu richten, sondern auf die zeitweilige Trennung. Während die Flucht von persönlicher Schuld spricht, spricht Trennung von den schmerzhaften Folgen. Schuld kann nur vergeben werden und die entstandenen Folgen müssen im Licht Gottes überdacht und geordnet werden. Und über allem Geschehen wacht der Herr, der auch auf "krummen Zeilen gerade schreiben kann" (P. Deitenbeck). Paulus öffnet seinem Freund Philemon den Blick für diese geistliche Wirklichkeit. Der Schuldner ist ein neuer Mensch geworden und der Gemeinde des Herrn einverleibt. Philemon hat mehr gewonnen, als er verlor, denn Onesimus war jetzt keine Ware mehr, die man einfach zurückerstattete. Sie waren Brüder! "Onesimus entfloh seinem rechtmäßigen Herrn und gelangte gerade so in die Hand des Herrn aller Herren. Gott in seiner Weisheit kann auch mensch liche Irrund Umwege für seine Ziele nutzbar machen" (F. Grünzweig). (Dazu Offb. 19, 16; 1.Mose 50, 20.) Noch einmal bezeugt Paulus die radikale Umkehr des Onesimus, der nun ein geliebter Bruder ist, und zwar für "ewig". Die Gnade Gottes knüpft zwischen ganz unterschiedlichen, vorher voneinander getrennten Menschen ein Band, das über die Familienbande oder Berufsstände und Interessengemeinschaften hinausgeht (Röm. 12, 18. 10. 16. 20. 21).
Liebe wagt den ersten Schritt In seiner liebevollen Fürsprache für Onesimus nimmt Paulus immer wieder Bezug auf seine persönliche Beziehung zu Philemon. So auch in diesen Versen. Für ihn ist klar, dass in der Glaubensgemeinschaft die Jesus-Liebe den ersten Schritt tut zur Wiederherstellung einer gebrochenen Beziehung. Doch nun kommt der Apostel auch auf geordnete irdische Verhältnisse zu sprechen. Wie wir schon gesehen haben, liegt ihm viel daran, dass das begangene Unrecht wieder in Ordnung gebracht wird. Das macht eine Bekehrung glaubwürdig. Aus unseren Versen ist nicht deutlich zu erkennen, ob und wie Onesimus seinem Herrn finanziell geschadet hat. Auf alle Fälle befindet es Paulus für nötig, das anzusprechen. Und nun geht er wirklich nicht nur den ersten, sondern auch den zweiten Schritt, indem er selber sich anbietet, für die eventuell entstandene Schuld aufzukommen. Hätte er es wirklich können? Er war doch "ein alter Mann", mittellos und gefangen! Paulus als Bürgen zu haben, ist bestimmt eine große Sache, aber wem Jesus die Rechnung bezahlt hat, der ist der glücklichste Mensch auf Erden. Wir dürfen von dieser "Schuldentilgung" immer wieder aufs Neue Gebrauch machen (Ps. 32, 5; Jes. 44, 22; Jer. 33, 8). Die Stornierung unserer Schuld wird dann unser Verhältnis zueinander bestimmen: Wir sind seitdem einander die Liebe schuldig. Genau diesen Punkt rückt Paulus ins Blickfeld, wenn er an Philemon schreibt: "Ich schweige davon, dass du dich selbst mir schuldig bist." Die "Liebesschuld" ist größer als jeder materielle Schaden, ja, sie ist unbezahlbar. Aber auch hier rechnet der Apostel nicht auf, fordert nicht ein. Er achtet die Rechte des andern und respektiert sie, aber auf sein eigenes Recht verzichtet er gern um des Herrn willen. Mit dieser inneren Haltung wurde er zu einem echten Friedensstifter. (Vgl. Spr. 12, 20b; Hebr. 12, 14; 1.Petr. 3, 8-13.)
Liebe motiviert zum Gehorsam Paulus unterstrich in seinem kleinen Brief an Philemon immer wieder die große Bedeutung der Liebe, und er selber ging als Vorbild voran. Damit ist das Thema geHorsAm vorbereitet. Wir fragen uns, von welchem Gehorsam wem gegenüber hier die Rede ist. "Es handelt sich um den Gehorsam gegenüber einem Gebot, nicht des Paulus, sondern des Herrn. Er hat im Vaterunser beten gelehrt: Vergib uns unsere Schuld, wie wir unseren Schuldigern vergeben. Paulus erwartete von Philemon, dass dieser, weil er an Jesus glaubte, selbst vom Vergeben lebte und seinem Herrn gehorchen wollte" (F. Grünzweig). Vergebungsbereitschaft gehört zur Grundausstattung christ licher Gemeinschaft und Verantwortung. Sie ist keine Option, sondern Gebot Gottes. (Siehe Luk. 6, 37; 2. Kor. 2, 10; Eph. 4, 32.) Vielleicht sollten wir heute einem Menschen endlich vergeben, damit wir uns und andere nicht länger blockieren. Da Paulus Philemon für einen reifen Christen hielt, ging er davon aus, dass sein Freund nicht nur das Nötigste tun würde, sondern "mehr als ich sage". Darauf vertraut Paulus, und das mutete er dem Gemeindeleiter auch zu. Worum mag es ganz praktisch gegangen sein? Zum Beispiel: Onesimus soll nicht unwirsch, sondern liebevoll empfangen werden. Er sollte die Möglichkeit haben, über seine häuslichen Pflichten hinaus auch geistliche Dienste wahrnehmen zu können. Philemon seinerseits sollte nicht nur Onesimus, sondern auch allen andern vergeben, die ihm Schaden zugefügt hatten. Paulus bittet aber nicht nur um Aufnahme des Onesimus, sondern wendet sich auch in eigener Sache an den Freund: "Bereite mir eine Herberge." Der Apostel rechnet damit, dass er durch die Gebete der Gemeinde aus der Haft entlassen wird. "Glaubensvolle Gebete vermögen Ketten zu sprengen und Gerichtsurteile zu beeinflussen" (Chr. v. Viebahn). (Vgl. Röm. 15, 3033; 2. Kor. 1, 11; Hebr. 13, 18. 19.)
Liebe findet einen Weg auch in schwierigen Zeiten Paulus grüßt Philemon und die Gemeinde persönlich, und er übermittelt namentlich die Grüße der Mitarbeiter im Reich Gottes. Namen sind nicht Schall und Rauch. Wenn Gott uns beim Namen nennt und jedem persönlich zusagt: "Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein", dann spiegeln unsere Grüße etwas von der persönlichen Wertschätzung Gottes wider. Unser Glaube wird gestärkt und die Liebe gefestigt. Man weiß, wir gehören zueinander und stehen gemeinsam im Dienst des Herrn Jesus Christus. Gerade dann, wenn der Glaube unter Druck gerät und es viele Widersacher gibt, müssen Christen zusammenrücken und den "guten Kampf des Glaubens" gemeinsam kämpfen. Das ist nicht selbstverständlich. Ein trauriges Beispiel gibt uns Demas. Im Philemonbrief wird er noch als Mit arbeiter erwähnt. Später aber hat er Paulus verlassen und die "Welt lieb gewonnen" (2. Tim. 4, 10; vgl. 1. Kor. 10, 12). Wir werden Gott und einander immer wieder enttäuschen. Es geht nicht alles glatt, und kein Gläubiger kann für seine Treue garantieren. (Siehe Mark. 14, 37; Luk. 22, 33. 47-51.) Niemand muss im Glauben Schiffbruch erleiden. Denn die Gnade des Herrn Jesus Christus hält uns fest. Wir müssen uns aber auch halten lassen und dürfen den Herrn bitten: "Bewahre mich, Gott, denn ich traue auf dich" (Ps. 16, 1; vgl. Ps. 25, 17. 20). - In der Gewissheit, dass die Gnade Gottes sie durch ihren Einsatz in Tadschikistan begleiten würde, erlebte eine junge Studentin Gottes Liebe und Fürsorge auf dem Tiefpunkt ihrer Kraftlosigkeit. Am Ende ihres Einsatzes konnte sie bezeugen: "Ich habe ganz neu erfahren, dass Gott mich unglaublich liebt, für mich sorgt, ihm nichts unmöglich ist, er seine Zusagen hält und es nichts Besseres gibt, als in Abhängigkeit von ihm zu leben." Von gott geliebt - Von gott berufen (Römer 1, 1-32)
Wer steht eigentlich im Mittelpunkt dieses Abschnitts: Paulus, der bedeut same Apostel und gesegnete Missionar oder seine kraftvolle Verkündigung oder die "Heiligen in Rom"? Zunächst: Es muss uns nicht stören, dass Paulus zuerst seinen Namen und sein Amt nennt. Die damalige Schreibweise verlangte die Reihenfolge: Absender - Empfänger - Gruß. (Zum Beispiel 1. Kor. 1, 1-3; 2. Kor. 1, 1. 2; Eph. 1, 1. 2.) Schauen wir uns die sieben EingangsVerse des Römerbriefs genauer an, bemerken wir, dass der Apostel den üblichen Stil durchbricht: Er komponiert gewissermaßen ein theologisches "Präludium", bei dem schon alle Motive des Briefes anklingen. Vier Themen heben wir hervor: o Die Hauptperson Jesus Christus Er ist der "eine Herr, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn" (1. Kor. 8, 6b). Schon Mose hatte dem Volk Gottes eingeprägt: "So sollst du nun heute wissen und zu Herzen nehmen, dass der Herr Gott ist oben im Himmel und unten auf Erden und sonst keiner" (5.Mose 4, 39). Dieser Gott ist kein ferner Gott, ein alter Herr hinterm weiten Sternenzelt, sondern er ist ein Gott der Liebe und der Nähe. Er ist ein persönlicher Gott: "barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Güte" (Ps. 103, 8; vgl. Jes. 46, 13; Ps. 145, 18). Welch ein Gegensatz zu allen Götzen, Glücksbringern, Zaubermitteln und Maskottchen, die Menschen verführen und gefangen nehmen! Vor dem all mächtigen Gott sind Götter "wie eine Vogelscheuche im Gurkenfeld". Das beschreibt der Prophet Jeremia glasklar: Jeremia 10, 3-11. (Vgl. Dan. 3, 14-28.) Wir dürfen es wie Daniel und seine Freunde halten und ausschließlich den Herrn aller Herren anbeten. Dazu gehört auch, dass wir Horoskope, Glückssteine und Maskottchen aus unserem Leben streichen. "So fürchtet nun den Herrn und dient ihm in Aufrichtigkeit und Treue! Und tut die Götter weg, denen eure Väter . . . gedient haben, und dient dem Herrn!" (Jos. 24, 14)
Gott ist uns zum "Anfassen" nahe gekommen. Er hat uns seine ganze Liebe erwiesen, indem sein Sohn ein Mensch geworden ist, "aus der Nachkom menschaft Davids gekommen". Damit ist gesagt: "Jesus Christus ist der König aller Könige", ihm gebührt alle Ehre und Anbetung (Ps. 136, 3; Dan. 3, 28; 1.Tim. 6, 15. 16). Denn der Tod konnte ihn nicht festhalten. Der Herr ist von den Toten auferstanden und hat sein Königreich für immer bestätigt. Das Königtum Davids wies schon darauf hin. Doch es ist nur ein winziges und dazu zerbrechliches Modell von der überragenden und unzerbrechlichen Königsherrschaft des Sohnes Gottes. (Dazu 2.Sam. 7, 12. 13; Jes. 9, 6.) Gott hat also verwirklicht, was die Propheten verkündeten. Er ist der treue Gott, der zu seinem Wort steht und es erfüllt. Welche Bibelworte, biblischen Geschichten kennen wir, die bezeugen: Gottes Wort ist kein leeres Wort. Es bewirkt und führt aus, was es sagt. "Denn des Herrn Wort ist wahrhaftig, und was er zusagt, das hält er gewiss" (Ps. 33, 4). Das gilt auch für unser persönliches und gemeinsames Leben. Wo und wie zeigt(e) sich Gottes Treue in meinem Leben, in unserer Gemeinschaft? Vielleicht können wir mit der einen oder anderen Erfahrung, in aller Bescheidenheit, andere ermutigen und trösten. (Lies 1. Kor. 10, 13; 1.Thess. 5, 23. 24; 2.Thess. 3, 3; Hebr. 10, 23.) Jesus Christus - gestorben, begraben, von den Toten auferstanden und in den Himmel erhöht - ist das Zentrum der Geschichte und der Mittelpunkt im Leben des Apostels Paulus. Was auch immer geschah, was heute geschieht und noch geschehen wird, unser König schaut nicht weg. Er hält die ganze Welt und auch unsere kleine Lebenswelt mit allen Rätseln und Bedrängnissen in seinen Händen. Darum "lobet, liebet, ehret ihn!"
Gott will nicht nur den Geringen und Armen, den Schwachen und Verach teten persönlich begegnen. Er will auch "die Großen und Starken" gewinnen (Jes. 53, 12). o Die Berufung zum Dienst Der Apostel Paulus konnte auf eine steile Karriere zurückschauen. Er hatte es weit gebracht. Doch dann wurde aus dem "großen Pharisäer" ein "großer Mörder" - bis Jesus Christus sich ihm machtvoll offenbarte (Apg. 9, 16; Phil. 3, 4-6). Was immer wir getan haben - es sei Gutes oder Böses - uns rettet allein die Gnade des Herrn Jesus Christus. Niemand kann sich die rettende Gnade verdienen. Niemand muss an der Größe seiner Schuld und Selbstgerechtigkeit zugrunde gehen. Die Gnade des Herrn ist größer, mächtiger und stärker als die schlimmsten Sünden und der stärkste Stolz. Das kann der Apostel persönlich bezeugen: "Wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist doch die Gnade noch viel mächtiger geworden" (Röm. 5, 20). Die Gnade Gottes ruft aber nicht nur aus dem alten Leben heraus in ein ganz neues Leben, sie beruft auch zum Dienst für Christus. Wir lesen Apostelgeschichte 9, 1-16 und 1.Thessalonicher 1, 9. 10. o Der unvergleichliche Auftrag "Errettet, um Gott zu dienen." Paulus war zum "Apostel-Amt" und in diesem als Missionar "unter allen Nationen" berufen. Wir heute sind nicht ins Apostel-Amt berufen, aber wir sind Botschafter des Herrn, die er dazu bestimmt hat, die gute Nachricht von der Versöhnung überall bekannt zu machen. Es gibt keinen JesusNachfolger, der nicht zum Dienst im Reich Gottes berufen wäre. Es ist ein reichhaltiger und vielfältiger Dienst. Wir brauchen keinen Dienst gegen einen anderen auszuspielen. Jeder Dienst - und sei er noch so klein und unscheinbar - ist dem Herrn wertvoll. Es ist so entlastend, wenn wir unsere Gaben und Dienste als sich ergänzend ansehen. (Vgl. Matth. 25, 35. 36; Röm. 12, 48.)
Der Apostel Paulus weiß um seine Berufung in die JesusNachfolge und zum Dienst. Er bildet sich darauf nichts ein, behauptet nicht, er sei ein großartiger Missionar und ein hervorragender Apostel (1. Kor. 15, 9; Eph. 3, 8). Aus dem Zerstörer der Gemeinde ist ein Diener der Gemeinde geworden. o Das Wunder der JesusGemeinde Wir sind "Gottes Geliebte". Mit wie viel Liebe und Geduld hat er uns gesucht, hat immer wieder bei uns angeklopft - bis wir ihm unser Leben öffneten und uns seiner Führung anvertrauten. (Siehe Luk. 19, 110.) Hat der Herr jemals aufgehört, uns zu lieben? Niemals! Denn er liebt uns mit "ewiger Liebe" (Jer. 31, 3). In seelsorgerlichen Begegnungen taucht immer wieder die Frage auf: Stimmt es wirklich, dass Jesus mich immer noch liebt? Ich habe ihn so oft enttäuscht, komme von sündigen Gewohnheiten nicht los . . . - Was sagt der Herr dazu? "Du bist teuer und wertvoll in meinen Augen, und ich habe dich lieb" (Jes. 43, 4). Es ist wirklich so: Jesus liebt dich, wie du bist; und genau darum lässt er dich nicht, wie du bist. Denn wir sind nicht nur "Gottes Geliebte", sondern auch "berufene Heilige". Was ist gemeint? Besuchen wir eine Töpferei! Dort finden wir unterschiedlich große, unterschiedlich geformte und unterschiedlich farbige Gefäße. Jedes einzelne Stück ist handgefertigt, ein Unikat! Der Töpfer sieht schon das fertige Gefäß. Er weiß, wie er den Ton vorbereiten und formen will. - Gott ist wie ein Töpfer. Wie der Ton in eines Töpfers Hand, sind auch wir in Gottes Hand. Die Bearbeitung ist nicht immer angenehm für uns, das gilt erst recht, wenn wir in die Hitze der Anfechtungen kommen. Aber der Herr weiß, was er tut. Er lässt uns nicht fallen. Und nichts kann uns seiner Hand entreißen. (Dazu Jer. 18, 36; 5. Mose 33, 3; 7, 79; Joh. 10, 28. 29; 1. Petr. 5, 10; Jak. 1, 2-4.)
Die Jesus-Gemeinde ist eine Schöpfung des dreieinigen Gottes, des Vaters (V. 7b), des Sohnes und des Heiligen Geistes (V. 4). Über dieses Schöpfungs- Wunder staunt der Apostel Paulus. Er dankt Gott für das Wunder der Jesus- Gemeinde. Die Christen in Rom haben sich im Glauben an Jesus einmütig zusammengeschlossen. Darum verbreitet sich ihr Glaube "in der ganzen Welt". Eine zerstrittene Gemeinde dreht sich viel um sich selbst und alle möglichen Probleme. Aber welch große Vollmacht hat eine Gemeinde, die nicht auf die unterschiedliche Herkunft und die verschiedenen Gaben fixiert ist, sondern dem Wirken des Heiligen Geistes Raum gibt: Apostelgeschichte 1, 8; 2, 37-41. Paulus, der sich im Gebet mit den Christen in Rom herzlich verbunden weiß, ist aufrichtig dankbar für ihren Glauben. Der Apostel scheut sich nicht, seiner Dankbarkeit Ausdruck zu verleihen. Ihn leitet dabei nicht Höflichkeit, sondern Herzlichkeit. Paulus lässt sich ins Herz schauen: "Ich sehne mich sehr danach, euch zu besuchen." Das hat nichts mit Rührseligkeit zu tun, sondern mit der herzlichen und heiligen Jesus-Liebe. (Vgl. Luk. 22, 15; 1.Petr. 1, 22.) Wir kommen nicht darum herum zu fragen: Können wir uns noch darüber freuen, wenn wir einander begrüßen, miteinander sprechen? Sind wir noch dankbar füreinander? Sehen wir's als Geschenk, wenn wir beieinander sind, wenn wir gemeinsam singen und beten und über Gottes Wort nachdenken? Was kann nicht alles die Liebe blockieren! Wie schnell sehen wir den "Splitter im Auge des Bruders" und nehmen den "Balken" im eigenen Auge kaum wahr. Wir sind blind für unsere eigene Selbstgefälligkeit, unser unbarmher ziges Urteilen und unsere gnadenlose Unversöhnlichkeit. (Lies Offb. 3, 17. 18; 1.Petr. 3, 8-11.) Jesus hat uns reich beschenkt, dass wir füreinander ein Segen sein können. (Vgl. Joh. 1, 16; 7, 38; 1.Petr. 4, 10. 11.)
Die Sehnsucht des Paulus nach der ChristenGemeinde in Rom entspringt nicht einer AbenteuerLust, sondern ist verwurzelt in seiner Berufung, im Gebet, im Willen Gottes, in der Unerlässlichkeit gegenseitiger Glaubensstärkung und im Vertrauen auf geistliche Frucht. Römer 15, 2224 entnehmen wir noch einen weiteren Sachverhalt: Der Apostel sah seine missionarische PionierArbeit im östlichen Römischen Reich als beendet an. Er dachte daran, nach Westen aufzubrechen und über Rom nach Spanien zu reisen. So blieb er seinem Grundsatz treu, das Evangelium den noch unerreichten Völkern zu verkündigen. Das entsprach seiner Berufung zum VölkerApostel. Und doch dachte Paulus keineswegs daran, seinen Wunsch und Willen im Blick auf einen Ortswechsel durchzuboxen. Vielmehr unterstellte sich der erfahrene Apostel in seinen Gebeten dem Willen Gottes und beachtete die "leise" und klare Stimme des Heiligen Geistes. Paulus gibt darüber Rechenschaft: " . . . ich habe mir oft vorgenommen - und bis jetzt bin ich verhindert worden." Worin die Verhinderung konkret bestand, teilt er hier nicht mit. (Vgl. Apg. 16, 6-9; 1.Thess. 2, 18.) - Wie aber können wir unterscheiden, was der Herr will und was nicht? o Gott hat den Seinen versprochen, sie durch seinen Geist zu leiten (Joh. 14, 26; 16, 13; Röm. 8, 14). o Die ungeheuchelte Beratung mit einem Seelsorger oder das Gespräch in einem kleinen, verschwiegenen Gebetskreis kann zur Klarheit verhelfen und in Anfechtungen eine starke Stütze sein. (Vgl. Ps. 111, 1; Matth. 18, 20; Apg. 13, 1-5; Kol. 4, 2. 3.) o In Verwirrung oder Erstarrung wollen wir uns darauf besinnen: Satan ist der ChaosStifter in Person, Gott aber "ist ein Gott des Friedens" (Röm. 15, 33; 2. Thess. 3, 16). Er hat uns seinen Frieden, den Jesus einst versprach, auch tatsächlich geschenkt (Joh. 14, 27; 16, 33; 20, 19-21). Dieser Christus- Friede soll in unseren Herzen (wörtl.) wie "ein Schiedsrichter" tätig sein. Er sorgt für ein regelgerechtes Spiel, und sein Wort gilt unbedingt. (Dazu Kol. 3, 15. 16.)
"Ich bin ein Schuldner", dokumentiert Paulus. Es geht dem Apostel nicht um eine Art RatenAbzahlung seiner Schuld bei Gott, sodass der Schuldner am Abrechnungstag zum Herrn sagen könnte: "Jetzt sind wir quitt! Ich habe so viel Mühe und Gaben, so viel Gutes, in deine Gemeinde investiert. Du musst mich annehmen." - Gott rechnet völlig anders: Nicht deine Gaben sind es, sondern meine "unaussprechliche Gabe" (2. Kor. 9, 15). Nicht deine guten Taten und Werke verschaffen dir Geltung bei mir, sondern auf mein Werk, auf meine Taten kommt es an. - Womit sollte Paulus auch "bezahlen"? Hat er doch alles von Gott gratis "empfangen" (Röm. 1, 5): Vergebung der Sünden ("Gnade"), Empfang und Gaben des Heiligen Geistes ("Apostelamt") - und zwar Christus zur Ehre! "Mit seiner Berufung zum Apostel und mit seiner Begabung ist Paulus in Pflicht genommen; das soll dieser deutliche Begriff Schuldner ausdrücken. (Vgl. Luk. 17, 10; Röm. 13, 8.) Er muss das Evangelium predigen (1. Kor. 9, 16). Dieses Muss . . . entspringt der überwältigenden Freude am rettenden Evangelium. Es ist das Muss der Freude und Dankbarkeit. Schuldner meint damit kein Abzahlungsgeschäft, sondern ein Auszahlungsgeschäft. Das Evangelium darf jedem ausgezahlt werden, damit er aus seiner Schuldhaft unter der Sünde freikommt" (H. Krimmer). Das ist das Angebot, das allen Menschen gilt, unabhängig von Herkunft, Gesellschaftsform und Benehmen, unabhängig von Sprachund Bildungsgrenzen. (Siehe Joh. 3, 16; Röm. 8, 32; 1. Joh. 4, 9.) Der Apostel Paulus sah das allen Menschen Gemeinsame: ihre Sündennot und ihre Erlösungsbedürftigkeit. - Wie werden wir heute, in unserer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft, der Bezeugung des Evangeliums in Wort und Tat gerecht? Es geht hier zuerst um unser persönliches Leben, um persönliche Kontakte zu Andersgläubigen. Sehen und behandeln wir sie als Gottes geliebte Menschen? Und sehen sie an uns die Jesus-Art? (Lies Ps. 96, 3; Jes. 42, 6-8; 51, 4. 5; 61, 1-3; Luk. 19, 7; Joh. 4, 9. 27; 8, 1-11; Offb. 7, 9.)
Kurz und kompakt und mit theologischer Wucht bringt der Apostel Paulus auf den Punkt, worum es thematisch im Römerbrief geht: Es ist die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Wie muss der Mensch sein, der im Gericht, vor den unbestechlichen Augen des Richters, zur Rechenschaft gezogen wird? Gibt es eine Verschonung vor dem Todesurteil? Was muss im Leben eines Menschen geschehen, damit er nicht verurteilt wird, sondern das Recht hat, in den Himmel Gottes zu kommen? "Wir sind doch alle Gottes Kinder", sagen manche. "Wir kommen alle, alle in den Himmel", heißt es in einem alten Schlager. Nein, sagt der Apostel, das steht dem Wort und Evangelium Gottes aufs Schärfste entgegen. Gottes Wort ist wie "ein Hammer", ja wie Dynamit. Es sprengt den Weg des Eigensinns und der Selbstgerechtigkeit auf und bildet zugleich die Brücke zur Gerechtigkeit Gottes. Diese Brücke gilt es zu betreten. Sie ist der einzige Weg zu Gott und der einzig sichere Weg in den Himmel (Joh. 14, 1-6). Wie viel Zündstoff enthält dieses einfache Evangelium! Und wie viel Beschä mung um des Evangeliums willen, wie viel Spott, Verachtung, Hass, bis hin zu körperlichen Misshandlungen galt und gilt es zu ertragen. Paulus sieht klar, dass dieses boshafte Verhalten eigentlich gegen den Herrn gerichtet ist. Und der Apostel sieht sich in der Spur des leidenden Gottesknechtes. (Dazu Jes. 50, 4-9; 53, 2.) Von diesem Leiden der "Knechte des Herrn" hatte auch Jesus gesprochen: Johannes 16, 2. Paulus selber erfuhr schon bei sei ner Bekehrung: "Ich will ihm zeigen, wie viel er leiden muss um meines Namens willen" (Apg. 9, 16; vgl. 2. Kor. 11, 2328). Diese Leiden aber sind nicht das Letzte. Der Apostel bezeugt: "Ich bin mit Trost erfüllt, ich bin überreich an Freude bei all unserer Bedrängnis" (2. Kor. 4, 7; lies 2. Kor. 6, 10; 1.Thess. 3, 7; 1.Petr. 1, 3-9).
Das Evangelium von Jesus Christus ist ein sehr ernstes und ein überaus frohes Evangelium. Es spricht von Verlorenheit und Verdammnis des Menschen, aber vor allem von der unendlichen Freude der Erlösung von Schuld und Sünde. Das Evangelium zielt auf unser Heil, ohne das Unheil zu verschweigen. Wie aber kommen das Heil und die Freude der Erlösung in unser Leben? o durch Gottes Gerechtigkeit Da sitzt ein Mönch und Theologieprofessor in seinem Arbeitszimmer und grübelt über Römer 1, 17. Immer wenn er in der Bibel von Gottes Gerechtigkeit las oder nur daran dachte, zuckte er zusammen. Die große Angst vor Gott, vor seiner Heiligkeit und seiner Gerechtigkeit, trieb ihn in eine tiefe Traurigkeit und Verzagtheit: " . . . die Angst mich zu verzweifeln trieb, dass nichts denn Sterben bei mir blieb, zur Höllen musst ich sinken." Doch mit einem Mal ging Martin Luther ein Licht auf, als er am griechischen Urtext ("Gottes Gerechtigkeit") eine sprachliche Entdeckung machte. Wir können diese im Deutschen nur in zwei Sätzen ausdrücken: Gott ist gerecht und Gott macht gerecht. Die Gerechtigkeit Gottes fordert die Durchführung des Todesurteils, das uns in die ewige Verdammnis schickt. Aber wenn der gerechte Gott uns gerecht macht, wird damit das Todesurteil aufgehoben. Warum macht der gerechte Richter die Verurteilten gerecht? Weil er uns vor dem ewigen Tod schützen will. Und warum will er uns schützen? Weil er auch ein barmherziger, ein liebender und ein gnädiger Gott ist. Warum darf jeder Mensch Gottes Erbarmen und Gnade erleben? Weil Gott das Todes urteil an unserer Stelle an seinem Sohn vollzog. Wenn das kein Grund zur Freude ist! Die wichtigste Frage lautet jetzt: Willst du das für dich persönlich gelten lassen? Wie hat Paulus selbst das erlebt? (Dazu Apg. 8, 3; 9, 1. 2; 1. Tim. 1, 1217; vgl. Röm. 5, 12; 6, 23.)
Wie kommen das Heil Gottes und die Freude der Erlösung in unser Leben? o durch Glauben Stellen wir uns einmal vor, es gäbe eine Fahrkarte, mit der wir ins Paradies reisen könnten. Doch die Sache hat einen Haken: Sie ist so teuer, dass wir sie nicht kaufen können. Eines Tages kommt ein freundlicher Herr auf uns zu, hält uns die Fahrkarte hin und sagt: "Sie gehört dir. Sie ist bezahlt." Nun gibt es zwei Möglichkeiten zu reagieren. Die eine: "So was gibt's doch gar nicht. An der Sache ist bestimmt etwas faul." Die andere: "Das ist ja geradezu genial! Warum macht der Mann das? Wieso bezahlt der für einen Fremden, dazu einen Zahlungsunfähigen? Es wäre dumm, wenn ich die Fahrkarte nicht annehmen würde. Also nehme ich das Geschenk an." Diese Tat heißt in biblischer Sprache "Glaube": Ich weiß, dass ich zahlungsunfähig bin. Ich höre, dass einer sagt: "Es ist bezahlt. Die Karte gehört dir." Ich spüre, dass ich zögere, dass ich zwischen Zweifel und Freude hin- und herschwanke. Doch ich merke auch, wie mich die Freundlichkeit, die Güte und Großzügigkeit des Herrn, seine Wahrhaftigkeit und Integrität berührt. Darum entschließe ich mich: Ich nehme das unbegreifliche Geschenk an. Und mit einem Mal weiß ich: Das ist das Beste, was mir geschehen kann. Nun bin ich unterwegs ins Paradies, in den Himmel Gottes. Dabei hört das Glauben und Vertrauen unterwegs nicht auf. Es gilt, auf dem Weg zum Himmel viele Schritte des Vertrauens zu gehen. Darum schreibt der Apostel Paulus: Gott offenbart seine Gerechtigkeit, "aus Glauben (wörtl.) zu Glauben ". Wir sind "aus Glauben" zum Glauben gekommen, und jetzt gilt es, im Glauben zu bleiben und durch Glauben unser Leben als Glaubensmensch zu führen. (Siehe 1. Mose 15, 16; Röm. 4, 4. 1625; Gal. 3, 69.)
Der Makro- und der Mikrokosmos ist ein einzigartiges Wunderwerk der Schöpfermacht Gottes. "Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Feste verkündigt seiner Hände Werk" (Ps. 19, 2). Besonders eindrücklich ist Paul Gerhardts herausragendes Loblied über Gottes herrliche Schöpfung: "Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben." Welch ehrfurchtsvolles Staunen über den Schöpfer, welch eine Dankbarkeit für seine originellen und unübertrefflichen Werke kommen uns hier entgegen! Mit allen Sinnen können wir Gottes Schöpfung wahrnehmen und genießen. Wir haben doch alles vor Augen! Wir sehen, riechen, schmecken - und wir wissen ganz genau: Seit Erschaffung der Welt hat Gott sein unsichtbares Wesen, seine Schöpfer-Güte, seine ewige Kraft und seine göttliche Hoheit offenbart. Gott lässt die Menschen nicht im Nebel umherirren, sondern schaltet durch die Enthüllung seines Wesens in seiner Schöpfung das Licht der Gottes- Erkenntnis an. Aber die Menschen haben sich selbst das Licht ausgeschaltet. "Ihr unverständiges Herz wurde verfinstert." Wie kam es dazu? o Durch eine Unzahl von Übeltaten. Die Menschen drücken die erkannte Wahrheit durch Unrecht nieder. Sie lehnen die Wahrheit, die Gott ihnen offenbarte, ab. Sie wollen Gott loswerden, darum werden sie gott-los. o Durch UnterlassungsSünden. Am Anfang steht nicht das harte NeinSagen, sondern das Nicht-Sagen. Sie ehrten Gott nicht, und sie dankten ihm nicht. Gott lief unter "ferner liefen". Darum verrannten sie sich in unsinnige Vorstellungen über Gott. Über dieser heidnischen Lebensart wird Gottes Zorn sichtbar. - Wie anders ist die Gebetshaltung Paul Gerhardts, die auch unsere sein darf: Hilf mir und segne meinen Geist mit Segen, der vom Himmel fleußt, dass ich dir stetig blühe; gib, dass der Sommer deiner Gnad in meiner Seele früh und spat viel Glaubensfrüchte ziehe. Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd ein guter Baum, und lass mich Wurzel treiben. Verleihe, dass zu deinem Ruhm ich deines Gartens schöne Blum und Pflanze möge bleiben. Erwähle mich zum Paradeis und lass mich bis zur letzten Reis an Leib und Seele grünen, so will ich dir und deiner Ehr allein und sonsten keinem mehr hier und dort ewig dienen.
Welch grauenhafter Sünden-Katalog! Man möchte fragen: Ist es wirklich so, dass der Mensch, die Menschheit, dermaßen abartig lebt? - Es wäre verfehlt, wenn einer denkt: So lebt halt die böse Welt. Was aber habe ich als Christ damit zu tun? Wir sollten beherzigen: Wenn das Wort Gottes Sünden schonungslos und vielumfassend aufdeckt, ist es nicht harmlos, schnell zur Tagesordnung überzugehen. Denn die Quelle alles Bösen ist das Menschenherz (V. 21). Dies hat Jesus selber bestätigt: "Von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken hervor: Unzucht, Dieberei, Mord, Ehebruch, Habsucht, Bosheit, Arglist, Ausschweifung, Neid, Lästerung, Hochmut, Torheit; alle diese bösen Dinge kommen von innen heraus und verunreinigen den Menschen" (Mark. 7, 2123). Darum rät uns König Salomo: "Mehr als alles, was man sonst bewahrt, behüte dein Herz! Denn in ihm entspringt die Quelle des Lebens" (Spr. 4, 23). Noch bei der Einweihung des Tempels betete Salomo: "Der Herr, unser Gott, . . . neige unser Herz zu ihm, dass wir wandeln in allen seinen Wegen und halten seine Gebote, Satzungen und Rechte, die er unsern Vätern geboten hat" (1. Kön. 8, 57. 58). Jahre später jedoch öffnete Salomo sein Herz der Haremswirtschaft und dem Götzendienst. "So war sein Herz nicht ungeteilt mit dem Herrn, seinem Gott, wie das Herz seines Vaters David" (1. Kön. 11, 4b). Wir müssen nicht krampfhaft unser sündiges Herz zu ergründen suchen. Gott deckt Sünde auf, und Gott deckt Sünde zu - er ist es. Er ist der wahre Herzenskenner (Apg. 1, 24; 15, 8) und erforscht unser Herz und kennt die Geheimnisse des Herzens (Ps. 44, 22; Jer. 17, 10). Unsere Verantwortung besteht darin, uns zu stellen, unsere Schuld zuzugeben, sie nicht auf die anderen oder die Umstände zu schieben, schnörkellos um Vergebung zu bitten. (Dazu Ps. 32, 1; 51, 3-6. 11-14.)
Der Apostel Paulus gliedert die Katastrophe der Sünde und die ganze Innenverschmutzung der menschlichen Gesellschaft in drei Bereiche. Verse 22-24: Die Anbetung des Schöpfers wird vertauscht gegen die Anbe- tung der Schöpfung. Gottesdienst steht gegen Götzendienst. Verse 25-27: Die Wahrheit Gottes wird in die Lüge vertauscht. Die Ehe von Mann und Frau steht gegen homosexuelle Verbindungen. Verse 28-32: Die Verweigerung, Gott anzuerkennen, führt zu einer men- schenverachtenden Gesellschaft, die sich selbst zerstört. Menschen mögen Gott die kalte Schulter zeigen und "sünden-süchtig" leben, Gott aber zeigt Sündern niemals die kalte Schulter, sondern er ent hüllt seinen brennenden Zorn "vom Himmel her" mit höchster richterlicher Autorität. Gottes Zorn hat nichts mit Rachsucht und Toben zu tun. Ein amtierender Richter tobt nicht, sondern spricht das Urteil über geschehenes Unrecht aus. Das meint Paulus, wenn er dreimal hervorhebt: "dahingegeben ". Es ist "das übliche Wort für den Spruch des Richters, durch den er die Vollstreckung der Strafe anordnet" (A. Schlatter). Dabei handelt es sich um "eine aktive Strafe für schuldhafte Unkenntnis und willentliche Sündhaftigkeit " (Davidson). - Es kann der Augenblick kommen, wo dem Menschen mit Geduld nicht mehr gedient ist. Dann muss er seinen entarteten Willen tun und ist darin sich selbst überlassen. (Dazu Jer. 2, 17. 19.) Noch ist der Zorn Gottes nicht der totale Zorn. Ein Ausleger schreibt: "Die innergeschichtlichen Gerichte . . . ergehen gleichsam mit angezogenen Bremsen, unter mischt mit einem Reichtum an Geduld und Langmut (Röm. 2, 4). Sie haben den pädagogischen Sinn, zu Gott umzukehren, ehe es zu spät ist." (Vgl. 1.Tim. 2, 4; 2.Petr. 3, 9; Hebr. 3, 7-15.) Es gibt Vergebung für jede Sünde. Es gibt Befreiung von jeder Sünde und Sieg über jede Sünde. (Lies 1. Kor. 1, 30; 6, 9-11; Tit. 2, 11-14.) gottes liebe ist unbegreifliCh gross Wir haben dem diesjährigen Passions- und Osterthema Andachten des schwedischen Pfarrers Bo Giertz zugrunde gelegt. (Buchtitel: Aus der Nähe Gottes leben). Die Texte wurden leicht überarbeitet und mussten gekürzt werden. Der "Originalton" klingt dennoch weitgehend durch. - Wir danken dem Hänssler-Verlag herzlich für die freundliche Genehmigung, unser Vorhaben durchführen zu können.
Seht, das ist euer König! Jesus hat die Geißelung überlebt. Die Soldaten, die sie vollzogen haben, rufen ihre Kameraden herbei. Man will sich etwas amüsieren und macht eine Witzfigur aus ihm: Ein dunkelrotes Gewand wie aus Königspurpur wird über seine Schultern geworfen und eine Dornenkrone auf seinen Kopf gedrückt. Ein Stock dient als improvisiertes Zepter. Man fällt auf die Knie, um dem Judenkönig höhnisch seine Reverenz zu erweisen. Die Legionäre, die selber arme Kerle waren, kommen sich auf einmal wie große Herren vor. Sie bespucken den wehrlosen Gefangenen und machen es wie Schulkinder, die einen Kameraden quälen, oder wie Kollegen im Büro, die mit Wonne ihr Mobbing betreiben. Und doch hat dieses widerwärtige Schauspiel eine tiefe Bedeutung: Die Soldaten wussten nicht, dass sie ihre Knie beugten vor dem, vor welchem "sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind" (Phil. 2, 10). Sie wussten nicht, dass der, den sie anspuckten, unter dem Soldatenmantel auch ihre Grausamkeit und Schuld trug und dass er sie hinauf ans Kreuz tragen würde, damit sie und all die anderen großen und kleinen Gemeinheiten dieser Welt vergeben werden können. "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!" Auch Pilatus ahnte nicht, wie wahr er sprach: "Seht, das ist euer König!" Da stand er, geschunden und misshandelt, und doch ohne Bitterkeit und Hass und mit dem großen Wunsch, auch seine Peiniger zu Gott zu führen. Das Volk reagierte auf diesen Anblick so, wie man reagieren muss, wenn man sich nicht für diese Liebe öffnen will: "Weg mit ihm!" Vergessen war seine Einladung: "Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid!" (Matth. 11, 28; lies Jes. 55, 1; Luk. 14, 15-24; Joh. 7, 37; Offb. 22, 17).
Er hat anderen geholfen Wieder sind es die Spötter, die eine große Wahrheit über Jesus aussprechen: "Anderen hat er geholfen." Ohne groß nachzudenken, bezeugten sie vor ihren Zeitgenossen und vor der ganzen Nachwelt, dass Jesus "umhergezogen ist und hat Gutes getan und alle gesund gemacht" (Apg. 10, 38; vgl. Mark. 6, 56; Luk. 6, 19; 7, 21). Jetzt verhöhnten sie ihn deswegen. Für die menschliche Selbstsucht ist es selbstverständlich, dass man seine Mittel und Möglichkeiten zum eigenen Gewinn einsetzt und dass jemand, der das nicht tut, ein armer Irrer ist. Die Spötter erkannten nicht oder wollten nichts davon wissen, dass es zum Wesen des Herrn gehörte, anderen zu helfen, aber nicht sich selbst. Er speiste die Fünftausend, aber selber hungerte er in der Wüste. Er benutzte seine Macht immer nur für die anderen, nie, um sich selber das Leben leichter zu machen. Jesus lebte sein ganzes Leben für uns. (Dazu Luk. 4, 16-21; 6, 12. 13; 22, 31. 32; Joh. 15, 13; 19, 26. 27.) An einem Punkt allerdings lagen die Spötter falsch: Jesus hätte durchaus die Macht gehabt, sich selber zu helfen und vom Kreuz herabzusteigen. Aber er wollte es nicht; denn dann wäre alles verloren gewesen. Er hing ja dort für uns. Das ahnte auch jener Verbrecher, der an der Seite des Herrn gekreuzigt hing und der mitgehört hatte, wie Jesus für die betete, die ihn gefoltert hatten. Sollte dieser Herr nicht noch "in letzter Minute" für einen Übeltäter, wie er einer war, einen Platz in Gottes ewiger Welt haben? Er wagte sein Gebet - und bekam die vorbehaltlose und feste Zusage: "Heute wirst du mit mir im Paradies sein." "Und es wird geschehen: jeder, der den Namen des Herrn anrufen wird, wird errettet werden" (Apg. 2, 21; lies Ps. 50, 15; 116, 2-5; 130, 7; Jes. 59, 1; Luk. 17, 11-19).
Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Das müssen wir wissen, wenn wir auf den Schrei des Herrn am Kreuz hören: Er war wirklich von Gott verlassen. Denn er trug auf seinem Herzen all die Sünde und all das Schlechte, das sich in Ewigkeit nicht mit Gott vereinen lässt. (Siehe Jes. 53, 3-6.) Die Finsternis, die sich über das Land senkte, war nur ein schwaches Bild der äußersten Finsternis, in der das Böse zu Hause ist und in der es zum Schluss für immer eingesperrt sein wird - auf ewig von Gott getrennt. (Vgl. Jes. 59, 215; Röm. 6, 20. 21. 23.) Jesus erlebte, was es heißt, von Gott und von all dem Guten, womit Gott in dieser Welt selbst die umgibt, die ihn verleugnen und verspotten, getrennt zu sein. Keiner von uns kann sich vorstellen, was der Erlöser in dieser Stunde durchlitt. Er war ja Gottes Sohn, er konnte wie Gott in einem ein zigen Augenblick die Ewigkeit erleben. Und jetzt war er getrennt von all dem Guten, dem Trost, der Gemeinschaft mit Gott, die wir auch im schwersten Leiden haben können. Er war allein - allein mit dem Bösen und der Finsternis. Und doch war dieser Gebetsruf nicht ein Schrei der Anklage gegen Gott, nicht ein Schrei der Enttäuschung und Verzweiflung. Jesus betet nicht wie einer, der seinen Glauben verloren hat, sondern dies ist ein Gebet, das aus dem Glauben kommt. In derselben Stunde, wo Jesus uns demonstriert, dass er wirklich von Gott verlassen war und die äußersten und schrecklichsten Folgen unseres Abfalls von Gott durchlebte, zeigt er auch, dass er dies im Gehorsam gegen Gottes Willen und im Vertrauen auf ihn tat. (Lies Ps. 22, 2-9. 12-20; 40, 9; Joh. 4, 34; Phil. 2, 8.)
Gestorben, begraben - der Anfang des Sieges Jesus war gestorben. In den Herzen der Jünger war es dunkel. Sie begriffen nichts an diesem Tag. Sie liebten ihren Meister nach wie vor, aber jetzt war sein Leben ausgelöscht, verschluckt vom Triumph seiner Feinde. Gekreuzigt werden - das war in Israel der endgültige Beweis dafür, dass man von Gott verworfen und ein "Fluch" in seinen Augen war. Das Einzige, was die Jünger jetzt noch tun konnten, war, für ein königliches Begräbnis zu sorgen. Aber sie waren genauso machtlos wie wir alle vor einem frischen Grab. Sie konnten den Toten nicht mehr zurückholen. Ihre Hoffnungen waren begraben. Aber dies war der Beginn des Sieges: "Hinabgestiegen in das Reich des Todes", wurde Jesus nicht dorthin geführt wie die anderen Toten, sondern er stieg hinab als der Herr des Todes. Er brach die Tore des Totenreiches auf. Schon das Erdbeben, das Jerusalem erschütterte, war ein Zeichen dafür gewesen; ebenso der Vorhang zum Allerheiligsten, der im Tempel beim Tod des Herrn zerriss. (Siehe Matth. 27, 5153.) Mit seinem Zerreißen war für uns Sünder der Weg zu Gottes Vaterherzen offen. (Lies Hebr. 10, 1922.) Und in dieser Stunde öffneten sich auch die Tore des Totenreiches. Vor Christus werden alle Knie sich beugen, auch die, die "unter der Erde sind" (Phil. 2, 10). Für den, der an Christus glaubt, gibt es kein unbekanntes Niemands land, vor dem er sich fürchten müsste. Wo er auch hinkommt nach seinem Tod, Christus ist schon vor ihm da gewesen. "Herr Jesus, ich brauch den Weg durchs Todestal nicht allein zu gehen, sondern darf an deiner Hand gehen. Darum bitte ich dich um das, was allein mir Geborgenheit geben kann im Leben und im Sterben: um dich selber. Lass mich jeden Tag meines Lebens bei dir sein, bis hin zum allerletzten, und dann für immer in deinem Reich. Amen."
Der Herr ist auferstanden - das ist gewisslich wahr Dies ist der größte Tag, den Gott seit dem Morgen der Schöpfung geschaffen hat. Als er begann, konnte das niemand ahnen. Die Frauen, die zum Grab eilten, wollten ihrem toten Meister einen letzten Dienst erweisen, mehr nicht. - Als die Frauen sahen, dass der Stein fortgewälzt und das Grab leer war, glaubten sie, dass jemand den Leichnam fortgetragen hatte. Was der Fremde in den weißen Kleidern ihnen sagte, jagte ihnen nur Angst und Verwirrung ein. Als sie zu den Jüngern kamen, reagierten die mit größter Skepsis. Keiner konnte fassen, was da geschehen war. Jesus auferstanden? Es war zu schön, um wahr zu sein, es war unmöglich! Aber es war wahr! Die kleingläubigen Jünger standen vor Fakten, die sich nicht leugnen ließen. "Der Herr ist wahrhaftig auferstanden." Gott hatte eingegriffen - so wunderbar, so überwältigend, so weit hinaus über alles, was je auf dieser Erde geschehen war, dass es unser Leben, unser ganzes Dasein von Grund auf verändert hat. (Vgl. 1. Kor. 15, 18. 1226.) Mit der Auferstehung des Herrn Jesus Christus beginnt eine neue Zeit, öffnen sich Türen für die ganze Menschheit. Hier enthüllt sich Gottes gute Absicht mit dem Kreuz und mit all dem anderen, was vor diesem großen Tag geschah. Jetzt begriffen die Jünger endlich die Psalmworte, die sie nach dem Passa-Mahl gesungen hatten und die damals so merkwürdig unwirklich geklungen hatten: "Dies ist der Tag, den der Herr macht; lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein." "Danke, Herr Jesus Christus, dass du lebst und dass du mitten unter uns bist. Herr, fülle uns mit einer Freude, die wir nicht für uns behalten können, sondern in die Welt hinausrufen müssen. Amen."
Es musste alles so geschehen Zwei zutiefst betrübte und desillusionierte Jünger hatten sich auf den Weg nach Emmaus gemacht - vielleicht, um zu ihrer Alltagsarbeit zurückzukehren. Es gab nichts mehr zu hoffen. Der Herr war tot, und alles war vorbei. Als der Fremde sie fragte, wovon sie redeten, "blieben sie traurig stehen" und sagten, was alle anderen Jünger auch dachten: "Wir hofften, er sei es, der Israel erlösen würde." Nun aber war ihr Meister, "ein Prophet, mächtig in Taten und Worten vor Gott und allem Volk", auf schmachvollste Weise wie ein Verbrecher hingerichtet worden. Sie konnten nicht verstehen, wie Gott das hatte zulassen können. Da beginnt der Fremde, ihren Unglauben zu tadeln. Er fängt an, ihnen zu erklären, dass es ja alles genau so geschehen musste. Er geht "die ganze Schrift" durch - also das Alte Testament -, um ihnen zu zeigen, dass der Messias all das leiden musste, um in seine Herrlichkeit einzugehen. Dies war der Weg, den er gehen musste, um Israel und die ganze Welt zu erlösen. Die Jünger hören wie gebannt zu. Sie beginnen zu begreifen, erkennen ihn aber erst, als er das Brot bricht. Aber da entschwindet er vor ihren Augen. In diesem Bericht gibt Lukas das wieder, was zu allen Zeiten Jesus für zweifelnde und bedrückte Jünger lebendig macht. Der Auferstandene selber kommt zu uns und geht mit uns. Er tut dies nicht durch irgendwelche mehr oder weniger vagen Stimmungen oder Gefühle, sondern vor allem durch das lebendige Wort Gottes. Wenn er es uns selber auslegt, beginnen unsere Herzen zu brennen. Dann werden auch wir uns auf den Weg machen und als FreudenBoten das Evangelium zu den Menschen tragen. (Lies Apg. 4, 27-33; 5, 40-42.)
Er kam, sah und glaubte Wenn Johannes über die Ereignisse des Ostermorgens berichtet, merkt man, wie hier ein Augenzeuge spricht. Für ihn beginnt Ostern damit, dass eine aufgelöste Maria Magdalena vom Grab zurückgerannt kommt: "Sie haben den Herrn weggenommen aus dem Grab . . . " Petrus und Johannes eilen sofort zur Grabstätte. Johannes sieht, dass es sich so verhält, wie die Frauen sagen: Jawohl, das Grab ist leer. Er beugt sich hinein und sieht die Leinentücher liegen, geht aber nicht in die Gruft hinein. Er scheint sofort geahnt zu haben, dass hier etwas Unfassbares geschehen ist, ein großes Wunder. Er bleibt vor dem Grab stehen, vielleicht aus ehrfürchtiger Scheu heraus. Petrus hingegen geht geradewegs in das Grab hinein. Da liegt das Grabtuch, das um den Leib des Herrn gewickelt war und das Schweißtuch für den Kopf. Aber Jesus ist fort. Jetzt kommt auch Johannes in das Grab - "und sah und glaubte". Er sah etwas, das ihm zeigte, was hier geschehen war: Hier waren keine Grabräuber am Werk gewesen. Hier war etwas Unerhörtes geschehen, etwas, das nicht ohne Gottes Eingreifen möglich war. Auf irgendeine Art war der Leib des Meisters verwandelt worden. Die äußere Hülle, das Grabtuch, lag noch da, aber der Körper selbst war fort. Johannes ahnte, was geschehen war. Noch bevor jemand den Auferstandenen gesehen hatte, begriff er, dass der Herr lebte, auf eine Art, wie noch nie zuvor jemand gelebt hatte. "Herr Jesus, mir genügt es zu wissen, dass du lebst. Begreifen, was Gott da tat, kann ich nicht. Zeig mir aber das, was ich nach deinem Willen wissen muss, um dir ganz vertrauen und gehorchen zu können. Amen." Zur Vertiefung: 1. Johannes 1, 1-4; 2, 3-5; 3, 14.
Jesus - mein Meister Maria steht allein vor dem Grab. Sie weint. In ihr ist die gleiche merkwürdige Mischung von Liebe und Kleinglauben wie bei den anderen. Sie ist bereit, alles zu tun für den toten Meister, aber dass er leben könnte, das fällt ihr im Traum nicht ein. Da kommt Jesus und bleibt hinter ihr stehen. Sie dreht sich um, sieht ihn, aber erkennt ihn nicht. Erst als er sie beim Namen nennt, weiß sie: Es ist Jesus, ihr Meister. Oftmals am Tag hörte Maria ihren Namen. Aber nur einer offenbart seine Liebe und Treue dadurch, dass er uns beim Namen nennt. Wir wissen uns erkannt und geliebt, wenn er uns beim Namen ruft: "Fürchte dich nicht, ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein" (Jes. 43, 1). In ihrer Freude macht Maria wohl eine impulsive Bewegung, vor ihm niederzufallen und seine Füße zu fassen. Jesus erlaubt es ihr nicht. Stattdessen schickt er sie mit der Auferstehungsbotschaft zu den Aposteln. Sie sind es ja, die er als seine Zeugen erwählt hat. Sie sollen die Botschaft hinaustragen in alle Welt und Diener des Wortes werden. Der Herr nennt sie "meine Brüder", was er vorher nie getan hatte. Dies ist kein Zufall. Seit er ihre Sünden getragen hat, sind sie seine Brüder geworden. Durch seinen Tod hat er ihnen und allen anderen Sündern einen Weg geöffnet, Gottes Kinder zu werden. Jetzt ist er "der Erstgeborene unter vielen Brüdern", damit er in allem den Vorrang habe (Röm. 8, 29; Kol. 1, 18). Jesus zuerst - das geschieht überall, wo wir uns mit innerer Hörbereitschaft in unserem Tun und Lassen von ihm prägen lassen. (Lies Matth. 17, 57; Mark. 12, 2931; Luk. 11, 28; Joh. 10, 3. 27. 28; 1. Chron. 15, 15; 16, 8; Ps. 27, 8.)
Gott schenkt Gewissheit Die Ereignisse des Ostermorgens haben alle überrascht und verwirrt. Sie rennen hin und her, zum Grab und wieder zurück, und jeder der Zeugen erlebt das Geschehen anders. Da ist das Zeugnis der Maria Magdalena, dort das, was Petrus und Johannes zu berichten haben - jeder wieder etwas anders. Die anderen Frauen haben nicht alle das Gleiche und nicht alles auf einmal gesehen. Einige von ihnen berichten von einem jungen Mann in weißen Kleidern, der innen im Grab saß, andere haben gleich zwei Männer gesehen, die in leuchtenden Kleidern vor ihnen standen. So ist das also, wenn mehrere Augenzeugen von etwas ganz Überraschendem berichten, wo die Ereignisse Schlag auf Schlag aufeinanderfolgen. Nicht alle haben alles gesehen, die genaue Abfolge der Ereignisse muss man mühsam rekonstruieren. Aber gerade dieses, dass nicht alle Berichte übereinstimmen, zeigt, dass wir es hier mit Augenzeugen zu tun haben. Wenn die verschiedenen Aussagen bis aufs i-Tüpfelchen gleich wären, läge der Verdacht nahe, dass sie frisiert und künstlich harmonisiert sind. Gerade in ihrer Verschiedenheit lassen uns die biblischen Auferstehungsberichte die ganze Aufregung, Verwirrung, das Staunen und den Zweifel des Ostermorgens miterleben, aber gerade darum auch die überwältigende Freude, als es sich "durch viele Beweise" zeigt, dass Jesus tatsächlich von den Toten auferstanden ist. Wenn die Jünger es so schwer hatten, zu glauben, und dennoch zum Schluss fest überzeugt waren, dann gibt es auch für unsere Sorgen und Zweifel Hoffnung. Wir denken und grübeln und meinen und raten - aber die Wahrheit und Wirklichkeit Gottes ist viel größer als alles, was sich uns in den Weg stellt. Menschen können das glauben oder nicht, wahr ist es trotzdem. (Dazu 5.Mose 32, 4; 1.Sam. 15, 29; Joh. 14, 6; 2.Tim. 2, 13; Tit. 1, 1. 2; Hebr. 6, 17. 18.)
Ich selbst bin es Die Türen sind verriegelt und verrammelt, als die Jünger am OsterAbend versammelt sind. Sie wissen, dass es jederzeit zu Übergriffen gegen sie kommen kann (Joh. 20, 19). Da steht plötzlich Jesus mitten unter ihnen. Wieder ist die erste Reaktion Angst und Bestürzung. Eben haben sie noch darüber gejubelt, dass ihr Meister lebt - aber dass er hier auf einmal vor ihnen steht, das ist zu viel für sie. Die Jünger glauben, ein Gespenst zu sehen. Jesus fordert sie auf, sich selber davon zu überzeugen, dass er es wirklich ist. Er hat einen Leib, er lässt sich sogar ein Stück Fisch vorlegen und isst es vor ihren Augen. Es ist wirklich derselbe Jesus, den sie kannten, und doch völlig verwandelt, nicht mehr an Raum und Zeit gebunden. Er konnte nach Belieben durch verschlossene Türen gehen. Doch darüber redete der Herr nicht mit den Seinen. Es reichte, wenn sie wussten, dass er lebte. Das Wichtigste war, dass sie begriffen, dass er für sie gestorben war. Darum "öffnete er ihnen das Verständnis, so dass sie die Schrift verstanden". Denn in der Heiligen Schrift konnten sie nachlesen, was sie selber miterlebt hatten: dass der Messias leiden und am dritten Tage von den Toten auferstehen würde. Und auch, was jetzt folgen würde: dass in seinem Namen allen Menschen Buße zur Vergebung der Sünden gepredigt würde. (Lies Apg. 2, 22-32. 37-40.) "Herr, ich bitte dich, dass du auch uns heute, in unserer Zeit, die Augen und Herzen öffnest, damit wir dein Wort verstehen können. Du bist es, der den Schlüssel hat. Wer dich kennt, der versteht Gottes Wort, und wenn wir Gottes Wort verstehen, lernen wir dich noch besser kennen. Amen."
Schauen wir der Wahrheit ins Auge Matthäus ist der einzige Evangelist, der von den Wächtern am Grab berichtet. Völlig aufgelöst kommen sie zu den Hohen Priestern und berichten, was geschehen ist. Man sollte meinen, dass die machtvolle Auferstehung des Herrn seinen Gegnern hätte die Augen öffnen müssen. Aber es ging gerade so, wie Jesus es in der Geschichte vom reichen Mann und dem armen Lazarus erzählte: Lukas 16, 1931. Der Reiche, der sich nach seinem Tod an einem Ort großer Qualen befindet, bittet "Vater Abraham" darum, Lazarus auf die Erde zu schicken, um seine fünf ungläubigen Brüder zu warnen. Abraham lehnt entschieden ab: "Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde." Es hätte nichts genutzt. Denn es gibt nichts, was jemand, der die Wahrheit nicht sehen will, nicht wegerklären kann. (Vgl. Matth. 23, 37; Joh. 5, 40.) Ist Christus wirklich von den Toten auferstanden, gibt es darauf nur eine Antwort: dass man ihm nachfolgt und als sein Diener lebt. Aber man kann auch das genaue Gegenteil tun; man kann es so undenkbar, ja anstößig finden, Jesus recht zu geben, dass man sich durch nichts und niemand von der Auferstehung des Herrn überzeugen lässt. So war es bei den Hohen Priestern: Jesus durfte nicht recht haben, das mit der Auferstehung musste ein Betrug sein. Merkwürdigerweise scheint niemand sich gefragt zu haben, warum denn die Jünger den Leichnam des Herrn hätten stehlen wollen. Was hätte es ihnen denn gebracht? Von dem Tag an, wo sie die Auferstehung predigten, wurde ihnen das Leben schwer gemacht, bis hin zur offenen Verfolgung. Und trotzdem hielten die Christen an ihrem Zeugnis fest, bis hinein in Tod und Martyrium. Sie wussten, dass es die Wahrheit war.
Jesus allein vertrauen Als Erstes berichtet Johannes hier die Ereignisse vom Osterabend. Er deutet an, was Lukas bereits ausführlicher berichtet hat: dass Jesus die Jünger zunächst davon überzeugen muss, dass er es wirklich ist, und nicht ein Gespenst oder eine Vision. Darauf folgt der neue Auftrag. Mit der Auferstehung beginnt ein neuer Abschnitt in der Weltgeschichte. Jetzt soll das Evangelium der ganzen Welt gepredigt werden. Für diesen Auftrag rüstet Jesus seine Jünger aus. Er gibt ihnen den Heiligen Geist. Sie bekommen die Vollmacht, denjenigen, die ihre Sünden bekennen, die Vergebung zuzusprechen. (Vgl. Apg. 10, 43; 13, 38. 39; Eph. 4, 32.) Dann berichtet Johannes von Thomas. Der Evangelist lässt durchblicken, dass Thomas den anderen Jüngern hätte glauben sollen und es nicht nötig hatte, zu zweifeln. Wie sehr hatte sich Thomas, der seine Bedingungen stellte, in seinem Zweifel festgebissen: " . . . ich werde nicht glauben." Aber Jesus begegnet auch dem Skeptiker ganz persönlich. Und doch liegt in den Worten des Herrn eine ernste Ermahnung: "Selig sind, die nicht sehen und doch glauben." Sie richtet sich an alle, die im Lauf der Zeiten von der Auferstehungsbotschaft erreicht werden. Augenzeugen konnte es nur eine kleine Zahl geben, aber ihre Botschaft war für alle da: "Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden!" Die Apostel wussten um ihre Verantwortung und nahmen sie wahr. "Herr, ich danke dir, dass ich glauben darf, ohne zu sehen. Danke, dass du mich trotzdem so viel hast sehen lassen. Wie oft bist du mir in deinem Wort begegnet. Du bist hineingekommen in meine Einsamkeit und meine Sorgen. Du hast mir meine Schuld vergeben und mir Kraft geschenkt, dir auch in Nöten zu folgen. Ich brauche keine besonderen Gefühle und Erlebnisse, sondern ich darf dir allein vertrauen. Du selber bürgst dafür, dass dies die Wahrheit ist. Wie arm ich auch in mir selber bin, so habe ich doch dich, und da frage ich nach nichts anderem mehr. Amen."
Jesus lieben Dreimal hatte Petrus seinen Herrn verleugnet. Dreimal stellt dieser ihm nun die Herz und Nieren prüfende Frage: "Hast du mich lieb?" Diesmal antwortet Petrus nicht so selbstsicher wie damals: Lukas 22, 33. Als Jesus ihn fragt: "Hast du mich lieber, als diese mich haben?", vermeidet Petrus eine direkte Antwort. Er wagt es nicht, zu behaupten, dass er seinen Herrn mehr liebt, als die anderen das tun. Aber eins sagt er: "Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe." Und dann beim dritten Mal wird Simon traurig. Jesus musste es doch auch wissen, dass er, der schwache Petrus, der keine großen Versprechen mehr wagte, doch ehrlich sagen konnte, dass er seinen Herrn liebte. So ist das mit dem wahren Glauben, wenn er in der Schule des Geistes geläutert und geprüft worden ist. Jesus lehrt auch uns, alle hohen Meinungen über uns selber fahren zu lassen. Er lehrt uns, unseren eigenen guten Vorsätzen und unserer eigenen Kraft zu misstrauen. Aber gleichzeitig lehrt er uns, auf ihn zu vertrauen. Wenn alles andere wackelt und bricht, bleibt er doch fest und treu. Hier liegt der große Anker unseres Lebens: in des Herrn Treue. Er hat gesagt, dass wir hinaus in die Welt gehen und Frucht bringen sollen. Diese Erkenntnis gibt uns auch die richtige Liebe zum Herrn. Wir halten keine großen Stücke auf uns selber, aber wir wissen, dass wir ihn lieb haben und von der Treue unseres Herrn leben. Das ist ein viel besseres Fundament für die Nachfolge als alle guten Vorsätze der Welt. (Lies 1. Kor. 1, 9; 10, 13; 1.Thess. 5, 24; 2.Thess. 3, 3; Hebr. 10, 23.)
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