In seiner tiefen Not wendet sich David erneut an Gott: »Du bist meine Hilfe, verlass mich nicht . . . ! Denn mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf.« Verlassen werden und einsam sein ist etwas vom Bittersten und Schwersten, das wir erleben. Wie viele Tränen haben gerade einsame Menschen schon geweint! Nicht der Tod allein reißt schmerzliche Lücken. Manchmal verbirgt sich auch eine tiefe Beziehungsstörung hinter der Einsamkeit, man hat sich auseinander gelebt und ist sich fremd geworden. Besonders schmerzlich empfinden wir dieses Alleingelassenwerden von unseren nächsten Angehörigen. Es fällt schwer, die Gemeinschaft mit vertrauten und nahe stehenden Menschen plötzlich missen zu müssen. Für Jesus war die Stunde des Verlassenseins vom Vater das Allerschwerste auf dem Weg zu unserer Erlösung. Seine Worte am Kreuz machen das deutlich: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« (Matth. 27, 46). Er ging für uns diesen schweren Weg. Was es für ihn geheißen hat, von Gott verlassen zu sein, können wir nur von ferne ahnen. Alle Not, die wir in unserer Einsamkeit durchleben, ist nur eine minimale Andeutung dessen, was Jesus für uns erlitten hat. Er selbst ist bereit, unsere Einsamkeit mit seiner Gemeinschaft auszufüllen. Er ist für uns da. Bei ihm haben wir Heimatrecht. Als die Jünger verunsichert waren über dem, was Jesus ihnen in seiner Abschiedsrede gesagt hatte, zeigte er ihnen einen Weg aus der Angst vor dem Verlassensein: »Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich! In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn's nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten? Und ich werde wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin« (Joh. 14, 1-3; lies Joh. 17, 24; Matth. 28, 20).
»Herr, weise mir deinen Weg!« Wie oft sprach David diese Bitte vor Gott aus! Auf Gottes Wegen zu gehen, ist ihm im Laufe seines Lebens immer wichtiger geworden. Die bitteren Erfahrungen, die er auf selbst gewählten Wegen gemacht hatte, hinterließen ihre Spuren. Deshalb wollte er sich nur noch an Gott orientieren. Ihm vertraut er sich auf seinem weiteren Wege an, denn er hatte erkannt, dass der Herr es »wohlmachen wird«. Der Gott, den er seinen guten Hirten nannte, konnte ihn auch vor Irrwegen bewahren und ihn auf »rechter Straße« führen. Und wenn es dunkel um ihn werden wollte, brauchte er sich nicht zu fürchten, »denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich« (Ps. 37, 5; 23, 3. 4; lies Ps. 139, 24; 143, 10). Es geht auch für uns heute um einen Blickwechsel. »Der Blick in Richtung Himmel ist der einzige Weg, den Durchblick auf die wesentlichen Dinge und den richtigen Blick für die irdischen Dinge zu bekommen. Wenn's mal eng wird auf deinem Weg, dann schau nach oben« (Verfasser unbekannt). Diese Blickrichtung kann uns niemand verbauen. Welch eine Sicherheit auf unserem Weg durch diese Zeit! Wenn David hier um einen »ebenen Weg« bittet, dann geht es ihm nicht in erster Linie um einen leicht begehbaren Weg, sondern um ein sicheres Vorankommen auf einem Weg, an dem manche Gefahren lauern. Auf Gottes Wegen können wir getrost unsere Straße ziehen. »Er hat seinen Engeln über dir befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen« (Ps. 91, 11; lies 2. Mose 33, 13. 14; Ps. 121, 2. 3). »Ist auch die Zukunft meinem Blick verhüllt, vertrau ich still. Seitdem ich weiß, dass sich dein Plan erfüllt, vertrau ich still. Seh ich nicht mehr als nur den nächsten Schritt, mir ist's genug! Mein Herr geht selber mit« (H.Winkel).
Indem David sich bei Gott ausspricht, findet er zu einem klaren Bekenntnis: »Ich glaube aber doch!« Trotz der »Gier seiner Bedränger«, trotz der »falschen Zeugen«, trotz aller »Gewalttaten« (V. 12) ist David sich sicher, dass er weiterleben darf und dass der Herr ihn mit Güte umfängt. »Ich glaube aber doch!« Mit diesem Dennoch-Glauben weist David auch uns den Weg in die Gegenwart Gottes. Er ermutigt uns: Schau auf zu Gott. Lass der Sehnsucht nach ihm Raum. Schütte alles, was dich bewegt, vor demHerrn aus. Sprich in jeder noch so verzwickten Lage: »Ich glaube aber doch!« (Lies Ps. 116, 9. 10; 118, 5-16; Jer. 11, 19. 20.) Der Psalmsänger Asaf hat einen ähnlichen Vertrauensweg wie David eingeschlagen. Von einer schweren Glaubenskrise innerlich wund und zerrissen, fand Asaf den Weg »ins Heiligtum Gottes« (Ps. 73, 17). In der Gegenwart Gottes lernte er, das Leben vom Ziel her zu bedenken. Aus dem Blickwinkel der Ewigkeit sieht alles ganz anders aus. Darum kann der Beter dankbar bekennen: »Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an. Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil. Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott, den Herrn, dass ich verkündige all dein Tun« (Ps. 73, 23-28; lies Ps. 46, 2-8; Röm. 8, 31-39). - Auch David ließ sich von der Not nicht irremachen. Er suchte die Nähe Gottes, und er blieb in der Gegenwart des Herrn: »Harre des Herrn! Sei getrost und unverzagt und harre des Herrn!« (Lies Jes. 40, 31; Ps. 25, 3; 42, 6.)
Unsere Zeit ist geprägt von vielen ungelösten Fragen. Das betrifft die große Politik wie auch den jungen Menschen, der nicht weiß, ob er in dem Beruf, den er heute lernt, in drei oder fünf Jahren eine Anstellung bekommt. Unsicherheit, Zukunftsangst, Ungeborgenheit prägen heute viele Menschen. Auch in unserem Leben gibt es vieles, was wie ein Berg vor uns steht, uns belastet oder erschrecken lässt. Darum befassen wir uns in den nächsten Tagen etwas näher mit dem Thema VOM TRAGEN UND ABLEGEN DER LASTEN. Grundsätzlich gilt: Unser Leben kann nur eine begrenzte Traglast aushalten, ohne zu ermüden oder gar zu zerbrechen. Unser Herr kommt in seinem Wort immer wieder auf das Thema LASTEN zu sprechen. Und er tut nicht so, als ob es im Leben von Christen keine Lasten gäbe. Manche Lasten legt er sogar selbst auf uns. Aber er will nicht, dass wir gebückt sind unter schwerer Last. Er will nicht, dass seine Nachfolger nur seufzen und ächzen und stöhnen. (Vgl. 2. Mose 2, 23-25; Ps. 55, 2-6. 17-19.) Obwohl Gott uns einerseits Last auferlegt, will er andererseits, dass wir entlastet durch unsere Tage gehen. Denn er weiß, dass wir nicht unendlich belastbar sind, nicht alles tragen können, was es in dieser Zeit und Welt zu tragen gibt. So lautet der seelsorgerliche Rat Davids nach einer modernen Bibelübertragung: »Wirf deine Last ab, übergib sie dem Herrn; er selber wird sich um dich kümmern! Niemals lässt er die im Stich, die ihm die Treue halten« (Ps. 55, 23). Wirf deine Last ab. »Deine Last« heißt es. Ich bin gemeint mit meiner Last. Und ich soll mich nicht einfach meiner Last entledigen, sondern sie dem Herrn übergeben.
WIR FRAGEN ZUERST: WELCHE ARTEN VON LASTEN WILL GOTT UNS ABNEHMEN?
1. Sorgenlasten Sorgen können eine große Last sein. Viele sorgen sich heute um ihren Arbeitsplatz, ihre finanziellen Verpflichtungen. Wir sorgen uns oft um Menschen, die in innerer Not sind, und oft genug sorgen wir uns um uns selbst. Wir sorgen uns, wie unsere Zeit und Kraft reichen wird für alle Aufgaben und Anforderungen. Doch ein sorgenbeschwertes Leben ist kein gutes Zeugnis für unseren allmächtigen, liebenden Gott. Und vor allem ist das Sorgen zwecklos. Jesus fragte provokativ: »Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?« (Matth. 6, 27). Wir können unserem Tag keine Minute hinzufügen durch Sorgen. Wir können unsere Spannkraft kein bisschen erweitern durch Sorgen. Im Gegenteil - Sorgen reduziert unsere Kraft und unsere Zeit. Zur besorgten Marta in Betanien sagt der Herr: »Du machst dir Sorge und Unruhe um vieles, eins aber ist Not« (Luk. 10, 41. 42a). Ja, wir machen uns Sorgen und Unruhe um vieles. Und die Sorgen machen uns unruhig, rauben uns Schlaf und gefährden so unsere Gesundheit. Aber Jesus spricht diese Last nicht nur an. Er will uns helfen, die Sorgen loszulassen, sie auf ihn zu werfen. Er nimmt uns die Last der Sorgen ab, indem er uns anbietet, für uns zu sorgen. »Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch« (1. Petr. 5, 7). Das ist nicht nur pauschal gemeint. Wir dürfen ihm die vielen einzelnen Sorgen sagen. In einer Zeitschrift stand folgender Rat aus der Sicht Gottes formuliert: »Heute werde ich mich um all deine Probleme kümmern. Bitte denke daran, dass ich dazu deine Hilfe nicht benötige. Wenn das Leben dir eine Situation beschert, die du nicht bewältigen kannst, versuche nicht, das Problem zu lösen. Befördere die Angelegenheit einfach in die Ablage SDGE: Sachen, die Gott erledigt.«
2. Lasten, die der Feind auflegt Wie half Gott den hart belasteten Israeliten? Er will sein Volk ent-lasten, indem er sie aus dem Herrschaftsbereich der Ägypter führt. Wir lesen 2.Mose 6, 6-8. Aber das Volk Israel war schon so fertig und verzagt, dass es gar nicht richtig fassen und begreifen konnte, was Gott ihm sagen ließ. Mose verkündete den Israeliten alles; aber sie glaubten ihm nicht, so erschöpft waren sie von der harten Arbeit. Sie waren völlig entmutigt (2.Mose 6, 9). Das ist Taktik des Feindes: uns bis zur Erschöpfung zu beschäftigen und durch die Erschöpfung zu entmutigen. Und dann hat man nur noch eine eingeschränkte Wahrnehmung. Es war ja nicht eine normale Arbeit, die die Israeliten in Ägypten Kraft kostete, sondern es war die Fremdherrschaft mit erklärter Absicht, das Volk Gottes niederzudrücken. Die Israeliten sollten weder aufleben, noch aufatmen, noch fröhlich leben und arbeiten. Der Feind unserer Seele ist kein Haar besser (vgl. Joh. 8, 44). Wie hält er uns nieder?
(Lies 1. Sam. 23, 2; 30, 8; Ps. 105, 4; Amos 5, 4.)
3. Unnötige Lasten des Dienstes Mose fühlte sich überfordert. Er empfand den Auftrag, zu Pharao zu gehen, als riesengroße Last. Er hatte Angst, dieser Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Kennen wir das nicht auch? »Du liebst deine Aufgabe. Aber mit ihrer Ausführung findest du so viele Sorgen und Pflichten verbunden und hast du so viele Befürchtungen und Zweifel im Blick auf deine eigene Fähigkeit und Eignung, dass dir die Aufgabe zur schweren Last wird; dass du darunter gebeugt gehst, ehe die Arbeit begonnen hat. Dann machst du dir auch ständig Sorgen über den Erfolg deiner Arbeit. Schon das ist eine fortwährende Last« (H. Whitall Smith). Mose wurde von Gott gesandt, das Volk aus der Knechtschaft, aus diesem ständigen, erbarmungslosen Druck herauszuführen. Gott will sein Volk herausführen aus der Belastung. Und er tut dies mit starker Hand auf wunderbare Weise. Psalm 81, 7 berichtet davon: »Ich habe ihre Schultern von der Last befreit und ihre Hände vom Tragkorb erlöst.« Genauso hat uns der Herr grundsätzlich aus dem Herrschaftsbereich Satans herausgerettet. Deshalb müssen wir nicht kleinmütig resignieren. Unser Herr ist auch unseren Fronherren, unseren inneren Antreibern, überlegen, die uns zwingen wollen, unter einer Last zu bleiben. Eines Tages war Mose dann doch im Auftrag Gottes unterwegs. Er wagte tapfere Schritte im Glauben, doch dann kam er an einen Punkt, an dem ihm alles zu viel wurde. Er klagte über die Last, die Gott ihm mit dem Volk auferlegt hatte. Für Mose war es in dem Moment keine Frage, dass Gott zuständig ist für Lasten. Mose trug Gott die Belastung vor. Wir lesen 4. Mose 11, 11-14.
Gott hört Mose. Er tadelt ihn nicht. Er vermittelt keine Durchhalteparolen. Er ermahnt ihn nicht zu besserem Zeitmanagement. Er sagt auch nicht: Das ist dein Problem. Du musst einfach sehen, wie du damit klarkommst. Er fordert auch nicht: Mach einfach weniger. Nein, Gott nimmt Mose ernst und versteht, dass Verantwortung für Menschen Kraft kostet und müde macht. Er sieht, was bewältigt werden muss, und er ent-lastet Mose durch Mitarbeiter, als er sich hilfesuchend an den Herrn wendet. Gott schenkt ihm und den 70 Ältesten ein geisterfülltes Miteinander-Tragen: » . . . damit du nicht allein tragen musst.« Manchmal entlastet Gott uns durch Menschen, an die wir Aufgaben oder Verantwortungsbereiche delegieren können, oder durch Menschen, die im Glauben und Gebet mittragen. Gott reagiert, wenn wir ihm ehrlich sagen: Ich kann nicht mehr. Manchmal entlastet uns Gott auch durch einen Zuspruch aus seinem Wort. (Lies Ps. 68, 20. 21; 1. Kor. 10, 13; Phil. 1, 6; 2, 13.) Ein Gemeindeleiter schrieb: »Ich fand heraus, dass meine hohe Meinung von Dienst dazu herhalten musste, mein mangelndes Vertrauen in Gott zu kompensieren. Mein Vertrauen in Gott war äußerst gering. Meine Berufung und mein Dienst lagen auf meinen Schultern und mussten von mir kontrolliert und beobachtet werden. Bevor wir nicht sagen können: Mein Dienst ist Gottes Sache, fordern wir die Probleme geradezu heraus« (J. Facius). Manchmal entlastet Gott uns, indem er uns neu zeigt, dass wir unser Vertrauen auf ihn setzen dürfen, anstatt uns zu verausgaben. Dann stellt er uns neu vor Augen: Ich bin hier zuständig. Ich habe die Kontrolle über dein Leben und deine Arbeit. (Lies Ps. 91, 14. 15; 93, 3. 4.)
4. Die Last der Sünde Sünde ist eine schwere Last. David betete einmal: »Es ist nichts Gesundes an meinem Leib wegen . . . meiner Sünde. Denn meine Sünden gehen über mein Haupt; wie eine schwere Last sind sie mir zu schwer geworden« (Ps. 38, 4. 5). Wir kennen das. Wo etwas zwischen Jesus und uns oder zwischen uns und dem anderen steht, belastet uns das. Die Last raubt Kraft, Freude, Zuversicht. Die Last nimmt uns auch die Zuversicht zum Beten. »Verschließe ich eine einzige Sünde in meiner Seele, die der Geist mein Gewissen als solche erkennen ließ, dann habe ich Jesus den Zugang zu meiner Seele versperrt. Beten hört dann für mich auf, selbst wenn ich den Schmerz und die Unruhe meiner Seele damit besänftige, dass ich etwas äußere, was ich für Gebet halte« (O.Hallesby). Nicht bereinigte Schuld, unvergebene Sünde, lähmt, macht träge, hindert den Heiligen Geist. Sie blockiert nicht nur uns persönlich, sondern auch das Miteinander und den Segen Gottes. Daran hat sich nie etwas geändert, und das wird sich auch nicht ändern. Aber Jesus hat »unsere Sünden an seinem Leib selbst an das Holz hinaufgetragen, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben« (1. Petr. 2, 24). David geht durch die offene Tür des Bekenntnisses: »Ich bekenne meine Schuld; ich bin bekümmert wegen meiner Verfehlung« (Ps. 38, 19; vgl. Ps. 65, 4; Esra 9, 6; Neh. 1, 6). Ich bekenne meine Schuld, ich bitte um Verzeihung, wo ich schuldig wurde. Das kann auch heißen, ich bekenne in der Seelsorge konkrete Schuld und erfahre Entlastung, Befreiung, Freude. »Wer ist ein Gott wie du, der Schuld vergibt und Vergehen verzeiht . . . ! Er wird sich wieder über uns erbarmen, wird unsere Schuld niedertreten. Und du wirst alle ihre Sünden in die Tiefen des Meeres werfen« (Micha 7, 18. 19). (Lies Spr. 28, 13; Jes. 44, 22; Luk. 15, 17-24; 1. Joh. 1, 9 - 2, 2.)
WIR FRAGEN ZWEITENS: WELCHE ARTEN VON LASTEN LEGT GOTT AUF UNS? 1. Zeiten besonderer Turbulenzen und Prüfungen können wie eine schwere Last sein. So empfand es der Beter von Psalm 66. Doch der Psalm endet nicht mit dem Zusammenbruch des Beladenen, sondern mit dem Zeugnis: »Aber du hast uns herausgeführt und uns erquickt.« In diesen wenigen Worten wird deutlich: Gott legt uns manche Last auf. Prüfungen und Turbulenzen in unserem Leben sind weder Zufall noch Schicksalsschlag. Die Menschen, die über unser Haupt kommen, sind unter seiner Hand: Du! hast Menschen über unser Haupt kommen lassen, du hast zugelassen, dass in meinem Leben ganz vieles auf den Prüfstand kam, du. . . Dann beabsichtigt Gott, dass wir uns besser kennen lernen. (Vgl. 5. Mose 8, 2; 2. Mose 20, 20; Spr. 21, 2; 17, 3.) Läutern heißt ja, klarer sehen, was in meinem Herzen steckt, und ausscheiden können, was nicht zu mir passt. Gottes Ziel mit uns ist Erfrischung, Belebung, Stärkung und eine tiefe Dankbarkeit für seine wunderbare Führung: Du, Herr, hast mich nicht im Stich gelassen. Du hast mich herausgeführt, in die Weite geleitet; sodass ich wieder frei atmen kann. 2. Der ganz normale Alltag stellt eine Belastung dar. Das kommt im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg zum Ausdruck: » . . . wir haben des Tages Last und Hitze getragen« (Matth. 20,12). Zur Arbeit, zum Dienst gehört zweifellos, dass wir die Last und Hitze des Tages tragen. Es ist normal, dass uns der Dienst fordert, dass wir müde, hungrig und durstig werden. Wir müssen uns hüten vor einem unrealistischen Bild des Dienstes, als ob wir immer Urlaubsgefühle haben könnten. - Weder Mose noch Paulus lebten in dieser Illusion. Im Gegenteil: Paulus sagt den Gemeinden, »dass wir durch viele Bedrängnisse in das Reich Gottes hineingehen müssen« (Apg. 14, 22).
3. Anvertraute Menschen Der Herr legt uns auch Menschen aufs Herz, deren Namen wir vor ihn tragen sollen. Einen Hinweis auf diese Aufgabe finden wir in der Kleidung Aarons. Er trug ein feines weißes Untergewand, das mit einem blauroten Oberkleid bedeckt wurde. Darüber kam das Hauptstück, Efod (Priesterschurz) genannt. Es war eine Art Talar, der aus einem Vorder- und Rückenstück bestand und an den Schultern durch Schulterteile zusammengehalten wurde, an der Taille durch einen gleichfarbenen Gürtel. Auf den beiden Schulterteilen des Efods war ein in Gold eingefasster Edelstein befestigt. Auf jedem standen die Namen von sechs Stämmen: » . . . dass es Steine seien zum gnädigen Gedenken an die Israeliten, so dass Aaron ihre Namen auf seinen beiden Schultern trage vor dem Herrn, damit der Herr ihrer gedenke« (2.Mose 28, 12). Von den Schulterteilen führten geflochtene goldene Ketten zum Brustschild, einer großen viereckigen Tasche vom gleichen Stoff wie der Efod. Es wurde auf der Brust getragen und war besetzt mit zwölf leuchtenden Edelsteinen. Jeder Edelstein trug den Namen eines Stammes des Volkes. »So soll Aaron die Namen der Söhne Israels in der Brusttasche auf seinem Herzen tragen, wenn er in das Heiligtum geht, zum gnädigen Gedenken vor dem Herrn allezeit« (2.Mose 28, 29). Der Hohepriester Aaron trug also nicht nur das Volk als Gemeinschaft, sondern auch die Stämme als Einzelne vor Gott. So macht es auch unser Hoherpriester Jesus Christus mit uns. Er trägt uns miteinander: seine Gemeinde in aller Welt und unsere Gemeinschaft vor Ort. Aber er ist auch unser ganz persönlicher Hoherpriester, der unseren Namen kennt und vor den Vater trägt. Von Jesus können wir lernen zu tragen, Gebetslast zu tragen. (Lies Eph. 6, 18. 19; Kol.4,12. 13; Hebr. 7, 25.)
Aaron trug als Hoherpriester die Namen der zwölf Stämme auf seinem Herzen. Wenn wir Namen vor Gott bringen, kann das nur mit einem priesterlichen Herzen geschehen. Ein priesterliches Herz redet mehr mit Gott als mit anderen über die Nöte. Es ist ein Herz, das mitfühlt und in Verbindung mit dem Herrn bringt. Wie Aaron dürfen wir einzelne Namen vor den Herrn bringen, »damit der Herr ihrer gedenke«. Welch eine Bedeutung hat unser Beten! Zum Gewand des Hohenpriesters gehörte auch die gedoppelte Brusttasche, die über dem Efod getragen wurde. »Und du sollst in die Brusttasche tun die Lose Licht und Recht (Urim und Tummim), sodass sie auf dem Herzen Aarons seien, wenn er hineingeht vor den Herrn, dass er die Entscheidungen für die Israeliten auf seinem Herzen trage vor dem Herrn allezeit« (2.Mose 28, 30). Wir wissen nicht, ob es sich bei den Losen um Steine oder Stäbe handelte. Aber wir wissen um ihre Funktion. Wenn jemand eine wichtige Entscheidung treffen musste, ging er zum Hohenpriester, der durch die Lose immer genau sagen konnte, was Gottes Wille war. Wir haben keine Lose, aber wir haben die Bibel, die wir betend lesen können, und wir dürfen das, was zu entscheiden ist, auf unserem Herzen tragen. Wir dürfen Ungeklärtes immer wieder zum Gebet machen und als »königliche Priester« (1.Petr. 2, 9) zu unserem himmlischen Hohenpriester gehen, der ganz sicher weiß, was richtig ist, und der uns leiten will. (Lies Ps. 43, 3; Jes. 49, 10; 57, 18; 58, 11; Röm. 8, 14.) Auf, auf, gib deinem Schmerze und Sorgen gute Nacht, lass fahren, was das Herze betrübt und traurig macht; bist du doch nicht Regente, der alles führen soll, Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl. Paul Gerhardt
4. Die Last des andern »Einer trage des anderen Last« - wie sieht das praktisch aus? Die Last des andern zu tragen heißt: Ich sage immer wieder ja zu dem, was mir der andere durch sein Anderssein zu tragen gibt. Gott mutet uns da oft allerlei zu, und wir würden solche Lasten manchmal lieber abschieben, dem andern aus dem Weg gehen oder uns einen anderen Arbeitsplatz wünschen. Aber der Herr legt uns die Art des anderen auf - und das nicht von ungefähr. Gerade der ganz andere soll mir nach Gottes Plan helfen, mich selbst zu erkennen an meinen Reaktionen. Und das ist der Weg, um zu wachsen und zu reifen. Es gibt keinen anderen Weg, auf dem wir in solchem Maß neue Erfahrungen mit dem Herrn und seiner befreienden Macht machen. Der ganz andere neben mir ist eine Herausforderung an den neuen Menschen in mir - aber meist reagiert zu unserem großen Erschrecken zuerst unser alter Mensch darauf. Wir entschuldigen uns dann leicht: Wenn die nicht so wäre! Wenn der anders wäre. . . ! Ich bin ja eigentlich gar nicht so. (Vgl. Phil. 4, 2. 3.) Gott legt uns durch den anderen gerade die Last auf, die uns helfen soll, uns zur Freiheit des neuen Menschen zu führen. Wir erleben dann eine völlig andere Sicht der Wirklichkeit. Nicht ich muss den anderen ändern oder einschränken oder ausschalten, sondern der andere trägt in seiner (manchmal vielleicht unerträglichen) Art dazu bei, dass ich Erfahrungen mit Jesus mache. Paulus schreibt in Römer 14, 1 und 15, 1: Die Starken sind schuldig, die Schwachheit des Bruders, der Schwester zu tragen - also nicht: sich über den anderen erheben, ihn verachten, links liegen lassen, über ihn zu Gericht sitzen, sondern tragen. (Lies Eph. 4, 1. 2.)
5. Der uns anvertraute Jesus-Name Der Herr vertraut uns seinen Namen an, damit wir ihn zu den Menschen tragen. Als Jesus aus dem Christen-Verfolger Saulus einen neuen Menschen machte, sagte der Herr: » . . . dieser ist mir ein auserwähltes Werkzeug, meinen Namen zu tragen vor Völker und Könige und die Söhne Israels« (Apg. 9, 15). Die Last der Sünde hatte Jesus ihm abgenommen (1. Tim. 1, 12-14) und dem befreiten Paulus einen neuen, einen gewichtigen Auftrag anvertraut. Auch wir dürfen den Jesus-Namen in unserem Herzen tragen und ihn in unseren Gedanken bewegen, ihn dann aber auch zu den Menschen bringen. Dazu sind alle, die Jesus nachfolgen, berufen. »Der Jesus-Name wird nicht vom Wind weitergetragen, sondern von Menschen« (H. Taylor). »So sind wir Botschafter, die Christus gesandt hat, und Gott gebraucht uns, um durch uns zu sprechen. Wir bitten inständig, so als würde Christus es persönlich tun: Lasst euch mit Gott versöhnen!« (2. Kor. 5, 20). 6. Der Herr erwartet von seinen Jüngern, dass sie ihr Kreuz tragen. »Und wer nicht sein Kreuz nimmt und mir nachfolgt, der ist meiner nicht würdig« (Matth. 10, 38. 39). Das sind deutliche, verbindliche Worte. Was ist unser Kreuz? »Jeder hat sein eigenes Kreuz zu tragen, irgendetwas, wo sich der Wille Gottes mit dem eigenen Willen kreuzt. Dieses von Gott auferlegte Kreuz gilt es zu tragen. Man kann es nicht abschütteln oder ihm aus dem Weg gehen. Wir können Jesus nicht nachfolgen, ohne unser Kreuz aufzunehmen« (F.B.Meyer). Wenn uns unser Kreuz zu schwer wird, dann lasst uns den Mann am Kreuz anschauen und im Glauben daran festhalten, »dass unser alter Mensch mitgekreuzigt worden ist, damit der Leib der Sünde abgetan sei, dass wir der Sünde nicht mehr dienen« (Röm. 6, 6). (Lies Röm. 6, 8-13.)
WIR FRAGEN DRITTENS: WIE HILFT GOTT UNS IM BLICK AUF UNSERE LASTEN? 1. Gott überfordert nicht, wenn er Lasten auf ein Leben legt: Er beachtet unsere Traglast. Auf dem Zug durch die Wüste musste das Zelt der Zusammenkunft getragen werden. Diese Aufgabe hatten die Levitenfamilien zu erfüllen. Mit dem Vorrecht, beim Zelt der Zusammenkunft zu wohnen, war der Dienst im Heiligtum und das Tragen des Heiligtums verbunden. Es bedeutete Bevorzugung, dass ihnen diese Last von Gott zugemutet und anvertraut wurde. Der Herr gab jedem Einzelnen seinen Dienst und seine Traglast. - Gott vertraut uns manches zu tragen an, jedem nach seinem Maß und nach seinem Alter. Die Leviten sollten nicht zu früh damit belastet werden und auch nicht zu lange. Niemand soll überfordert werden. Das bedeutet auch, dass Vergleichen keinen Sinn hat. (Lies Phil. 1, 15-18; 2, 1-3.) In 4. Mose 7, 1-9 erfahren wir, dass Gott für den Dienst der Gerschoniter und Merariter Wagen-Gespanne anordnete. Die Kehatiter aber bekamen nichts, »denn ihnen oblag die Arbeit am Heiligtum: auf der Schulter trugen sie« (V. 9). Ob die Kehatiter manchmal ein Problem damit hatten? Ob sie versucht waren, auf ihre Brüder zu sehen, denen Gott etwas gab, was er ihnen nicht zugedacht hatte? Manchmal kommen wir in Versuchung, unsere Last mit der Last anderer zu vergleichen. Wir denken dann vielleicht, die haben eine bessere Ausrüstung, Ausstattung, Ausbildung. Bei diesem Vergleichen vergessen wir, dass der Herr die Last jedem nach seiner Tragkraft zuteilt. Außerdem sollten wir bedenken: Die Kehatiter trugen die Geräte, die sich im Heiligtum befanden, und die vorher von den Priestern mit kostbaren Tüchern bedeckt wurden (4.Mose 4, 1ff). Die Kehatiter waren also verantwortlich für besonders wertvolle Lasten, die ihnen anvertraut waren. Es gibt Lasten im Leben, die man nicht einfach abschieben oder delegieren darf. Und manches muss im Verborgenen getragen werden (die heiligen Lasten waren in Decken gehüllt).
Die junge Christengemeinde aus den Heiden, die uns in der Apostelgeschichte begegnet, war in Gefahr, unter eine Last zu geraten, die sie nicht tragen konnte und auch nicht musste (V. 10). Das haben die Verantwortlichen in Jerusalem erkannt, und sie haben sich mit den Belastungen befasst. Sie ließen sich vom Heiligen Geist leiten und schreiben in einem Brief: »Es hat nämlich dem Heiligen Geist und uns gefallen, euch keine weitere Last aufzulegen außer diesen notwendigen Stücken: dass ihr euch enthaltet von Götzenopfern und von Blut und vom Erstickten und von Unzucht; wenn ihr euch davor in Acht nehmet, so tut ihr recht. Lebet wohl!« (V. 28. 29). Der Heilige Geist legt keine unnötige Last auf! 2. Gott trägt uns mitsamt unserer Last. Schon im Alten Testament war Gott ein Gott des Tragens. Er trägt seine Kinder wie ein Vater seinen Sohn, der noch nicht oder jetzt gerade nicht selbst laufen kann. »Der Herr, euer Gott, der vor euch herzieht, er wird für euch kämpfen nach allem, was er in Ägypten vor euren Augen für euch getan hat und in der Wüste, wo du gesehen hast, dass der Herr, dein Gott, dich getragen hat, wie ein Mann seinen Sohn trägt, auf dem ganzen Weg, den ihr gezogen seid, bis ihr an diesen Ort kamt« (5.Mose 1, 30. 31). Ein Übersetzungsvergleich von Psalm 68, 20 ist besonders lohnend. Martin Luther übersetzt: »Gelobt sei der Herr täglich. Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch.« In der Elberfelder Übersetzung heißt es: »Gepriesen sei der Herr Tag für Tag! Er trägt für uns Last, Gott ist unsere Rettung.« Und Franz E. Schlachter übersetzte: »Gepriesen sei der Herr! Tag für Tag trägt er unsere Last, der Gott unsres Heils!«
3. Gott nimmt uns Lasten ab. »Lasst uns alle Lasten, wie zahlreich und schwer sie auch sind, auf unseren allmächtigen, allweisen und liebenden Vater werfen. Für ihn sind sie wie Federn « (H. Taylor). Gott fordert uns immer wieder auf: unsere Lasten abzulegen, sie ihm zu übergeben. Lasten, die wir gar nicht tragen müssen, und Lasten, die er uns auferlegt hat. Alles, was uns zu schwer ist, dürfen und sollen wir bei ihm abgeben. Er selbst wird sich um dich kümmern. Niemals lässt er die im Stich, die sich ihm anvertrauen! Auch der Schreiber des Hebräerbriefes rät uns: »Lasset uns jede Last und die uns so leicht umstrickende Sünde ablegen und mit Ausdauer die Rennbahn durchlaufen, welche vor uns liegt, im Aufblick auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens, welcher für die vor ihm liegende Freude das Kreuz erduldete, die Schande nicht achtete und sich zur Rechten des Thrones Gottes gesetzt hat« (Hebr. 12, 1. 2). Zum Ablegen unserer Lasten brauchen wir etwas Ruhe und Zeit. Aber diese Zeitinvestition lohnt sich immer. Manchmal müssen wir es wagen, eine Arbeit zu unterbrechen und jede einzelne Last vor unserem Herrn auszubreiten. (Lies Jes. 37, 14ff.) Schließlich haben wir Audienz beim »Herrn der Herren und König der Könige«! Jesus selbst lädt uns ein, mit unserer Mühsal und Last jetzt zu ihm zu kommen. Er entlastet uns. Er ermutigt und stärkt uns, von ihm zu lernen und »sein Joch« aufzunehmen. »So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen; denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht« (Matth. 11, 29. 30).
H. Winkel
Es ist noch nicht lange her, dass Jesus eine große und hungrige Menschenmenge gespeist hatte (Mark. 6, 35-44). Vergleichen wir beide Texte, dann können wir wichtige Unterschiede einander gegenüberstellen: SPEISUNG DER FÜNFTAUSEND SPEISUNG DER VIERTAUSEND MARKUS 6 MARKUS 8 o Der Ort liegt im jüdischen Teil o Die Menschenmenge befindet sich Israels in erreichbarer Nähe zu im überwiegend heidnischen Gebiet einigen Höfen und Dörfern. Er ist der Dekapolis (7, 31), und zwar in zwar öde, aber das Volk lagert auf unbewohnter Gegend, wo die grüner Wiese. Steppe in Sandwüste übergeht. o Jesus ist innerlich vor allem über o Die Herzensbewegung bei Jesus die geistliche Not der Menschen (V. 2a) bezieht sich stärker auf die bewegt (6, 34). leibliche Notlage. o Die Speisung ist Abschluss eines o Die Speisung erfolgt nach eintägigen Zusammenseins. dreitägiger Hungersnot. o Die Jünger ergreifen die Initiative. o Der Entschluss geht von Jesus aus. o Vorrätig sind fünf Brote und zwei o Es gibt sieben Brote und ein paar Fische. kleine Fische. o Die Essensreste betragen zwölf o Die eingesammelten Reste passen Körbe voll. in sieben Körbe. Die Speisung der Viertausend schließt die Reise, die Jesus (ab Markus 7, 24) durch nichtjüdisches Gebiet angetreten hatte, ab. Bevor der Herr ins Israelland zurückkehrt, um den Weg ans Kreuz zu gehen (8, 31), offenbart er im Rahmen seiner heidenmissionarischen Tätigkeit ein Stück von der Herrlichkeit Gottes. Das Speisungswunder ist hier prophetische Vorschau auf die Entstehung der Jesus-Gemeinde aus Juden und Heiden: Lies Epheser 2, 14-22. Die innere Herzensbewegung bei Jesus gilt Juden und Heiden. Allein »die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes« kann Menschen bis auf den Grund ihres Herzens berühren, bewegen und befriedigen. »Wenn du ihnen gibst, so sammeln sie; wenn du deine Hand auftust, so werden sie mit Gutem gesättigt« (Ps. 104, 28). »Weißt du nicht, dass Gottes Güte dich zur Umkehr leitet?« Darum wollen wir bei unseren missionarischen Aktivitäten viel vom »Reichtum der Güte Gottes« sichtbar machen (Röm. 2, 4). Das gilt erst recht für den Umgang der Christen miteinander, denn »die Barmherzigkeit triumphiert über das Gericht« (Jak. 2, 13). (Lies Luk. 6, 36; Jak. 3, 17; 1. Petr. 3, 8.)
Gehören wir manchmal auch zu den Menschen, die denken: Jesus hat so viel Wichtiges zu tun, dass er sich unmöglich um meine Alltagsprobleme kümmern kann? Wenn wir nicht so denken, warum sorgen und zersorgen wir uns dann? Hat unser Vater im Himmel, der sogar die Haare auf unserem Kopf gezählt hat, uns nicht versprochen, bis ins Detail für uns zu sorgen? »Euer Vater weiß, was ihr bedürft« (Matth. 6, 25. 31. 32; vgl. Ps. 55, 23; Phil. 4, 6). Vielleicht müsste unser Herr sich darüber Sorgen machen, dass wir uns in unserer satten Überflussgesellschaft viel mehr um unseren Wohlstand drehen als um die Belange des Reiches Gottes?! Vielleicht müssen wir uns neu sagen lassen: »Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist« (Röm. 14, 17; vgl. Matth. 6, 33). Das ist kein Widerspruch dazu, dass Jesus hungrigen Mägen zu essen gab. Im Gegenteil: Die Menschen waren schon drei Tage mit Jesus und seinen Jüngern zusammen. Sie werden vieles vom Reich Gottes gehört haben, vor allem auch, dass sie auf der Wunschliste Gottes stehen und er sie in seinem Reich haben will. Dann ist es allerdings tatsächlich so, dass die Seinen keinen Mangel leiden müssen, sondern so viel haben, dass noch übrig bleibt, dass auch andere satt werden können. Ausdrücklich erwähnt Markus, dass Jesus seine Jünger an seinem Wirken beteiligt, wenn er »seine Jünger zu sich« ruft. Dabei stellt der Herr sie nicht gleich an die Arbeit, sondern erklärt ihnen das Motiv seines Handelns: die aus der Ewigkeit gespeiste Barmherzigkeit (V. 2a; vgl. 2. Mose 34, 6; Neh. 9, 31; Ps. 111, 4). Wer oder was motiviert mich zum Dienst? Dazu Johannes 4, 34; 5, 19; Römer 8, 14.
In jedem Menschen verbirgt sich eine tiefe Sehnsucht nach Frieden und Sicherheit, nach Liebe und Glück. Das »Ausharren« der Volksmenge bei Jesus hat hier seinen Ursprung. Die Menschen haben offenbar ein so heftiges Verlangen nach Gott, dass sie Zeit und Stunde vergessen und sogar ein kräftiges Maß an Entbehrung geduldig ertragen. Aber die Menschen bleiben bei Jesus, und dieser hat auch nicht vor, sie »hungrig in ihre Häuser« zu entlassen. Er erwähnt diese Möglichkeit (V. 3), aber nur, um zu zeigen, wie unmöglich sie für ihn ist. Denn sein Wort gilt auch jetzt: »Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen« (Joh. 6, 37). Am wenigsten die, die »von ferne gekommen« sind. Wir denken dabei nicht nur an eine räumliche Distanz, wie etwa die Königin von Saba hunderte von Kilometern reiste, um den Friedenskönig Salomo kennen zu lernen, oder wie die Magier aus dem fernen Osten zum Jesus-Kind nach Bethlehem kamen (1. Kön. 10, 1-10; Matth. 2, 1-12). Auch die innere Distanz, der geistlich große Abstand von Gott, klingt im Begriff der Fernen an. Im Judentum waren die »Fernen« schlichtweg Heiden-Menschen. Wie herrlich leuchten da die alten Prophetenworte auf: »Friede, Friede den Fernen und den Nahen!, spricht der Herr« (Jes. 57, 19; vgl. Jes. 49, 1. 6; Micha 5, 3; Sach. 6, 12-15). Die Jünger haben das Anliegen ihres Meisters aufgenommen und reagieren darauf mit Hilf- und Ratlosigkeit. Es ist so: Frühere Glaubenserfahrungen schneiden die Glaubensspannungen nicht einfach aus dem Lebensvollzug heraus. Wirklicher Jesus-Glaube lebt nicht von den Wundern der Vergangenheit, sondern von der Nähe des Herrn im Heute, sonst wäre der Glaube tödliche Routine. »Immer wieder ist alles echt: der Hunger, die Wüste, die Ratlosigkeit, die Anfechtung, das Tasten nach Gott« (A. Pohl), aber auch der Herr und seine Hilfe heute: 5.Mose 33, 26; 2. Chronik 20, 9; Psalm 20, 3; 33, 20; 62, 2. 3.
Keine Frage: Gott kann Brot vom Himmel regnen lassen wie in alter Zeit, als sich das Volk Israel auf seiner Wüsten-Wanderung befand. »Denn es ist dem Herrn nicht schwer, durch viel oder wenig zu helfen« (1. Sam. 14, 6b). Der Herr möchte aber sehr gerne seine Herrlichkeit offenbaren, indem er uns aktiv in sein Wirken einbezieht. Selbst Kranke werden seine Mitarbeiter: Streck deine Hand aus! Habe den Willen, gesund zu werden, steh auf, geh nach Hause! Was Jesus verlangt, ist nicht schwer. Die Jünger sollen nachsehen, wie viele Brote vom Reiseproviant sie noch haben. Ist das schwer? Nein, es ist nicht schwer. Nach dem Dankgebet bricht Jesus das Brot, und die Jünger geben an die Menschen weiter, was der Herr in ihre Hände legte. Ist das schwer? Nein, es ist nicht schwer: Die leeren Hände ausstrecken. Danke sagen. Nehmen. Zu den Menschen gehen. Geben. Guten Appetit! Und später: Die Reste einsammeln. Worin besteht die Schwierigkeit? Nicht darin, dass wir es allzu oft schwierig machen? Nicht darin, dass wir dem Herrn nicht bedingungslos vertrauen? Nicht darin, dass wir nur halb oder gar nicht tun, was er uns sagte? Es geht nicht darum, dass wir mit dem Herrn verhandeln, sondern darum, dass wir unsere kleinen Vorräte, die winzigen Möglichkeiten gehorsam bereitstellen und nur das tun, was er uns sagt. Punkt. Wenn er ein Wunder tun will, tut er es. Wenn aber nicht, haben wir keinen Grund zu verzweifeln. Denn er allein weiß, wie er uns am besten helfen kann. Es ist dem Herrn wichtig, dass wir ihm nicht um seiner Wunder willen vertrauen, sondern um seiner selbst willen. Wie zeigt sich das in Lukas 17, 11-19 und 2. Korinther 12, 1-10?
Jesus hat Zeit für die Menschen im heidnisch geprägten Ausland. Aber dann bricht er mit seinen Jüngern entschlossen auf. Er ist bereit, »sein Leben als Lösegeld für die Vielen zu geben« (Mark. 10, 45; vgl. Mark. 14, 24; Jes. 53, 11. 12). Der Durchbruch zur zukünftigen Gemeinde liegt in seinem Lebensopfer, das er auch für die Heiden bringen wird. Die Sündenvergebung in seinem Blut bringt alle - Juden und Heiden - zusammen an einen Tisch. Kaum hat der Herr mit seinen Jüngern ans Westufer übergesetzt, tritt wieder eine »Untersuchungskommission« an ihn heran. Die Pharisäer beabsichtigen, mit Jesus eine Propheten-Prüfung durchzuführen. Er wurde allgemein als wundertätiger Prophet eingestuft (Mark. 6, 15; 8, 28); doch das große Ärgernis lag in seinem ungeheuerlichen Anspruch seiner Unmittelbarkeit zu Gott. Da war die aus dem Rahmen fallende o Unabhängigkeit in der Lehre (1, 22) o die Sündenvergebung (2, 7) o die Fastenfreiheit (2, 18) o die Sabbatfreiheit (2, 24) o die Freiheit von Waschungen und Speisegeboten (2, 15. 16) o die Freiheit zur Gemeinschaft mit Zöllnern und Sündern bis hin zu Ansätzen der Heidenmission (2, 16; 7, 24ff). Wer ist dieser Jesus? Wer wirkt in seinen Werken? »Ein Zeichen vom Himmel« soll er hier und jetzt präsentieren! Ein Wunder auf Bestellung - so unübertroffen und unanfechtbar, dass man nur noch staunend ausrufen könnte: Gott selbst hat gesprochen, und wir wollen an dich glauben. Doch Jesus lehnt eine derartige Beweisführung entschieden ab! Warum? Die Bitte der Pharisäer war heimtückisch. Sie täuschten (ähnlich den Schriftgelehrten in Markus 15, 32) Glaubensbereitschaft vor, ihre eigentliche Absicht jedoch war, Jesus zu töten (3, 6). Sie hatten sich bereits gegen Jesus entschieden. So hart können Menschenherzen sein, dass selbst das größte Wunder sie nicht zu ändern vermag, weil sie gar nicht glauben wollen. (Vgl. Luk. 16, 23-31.) Nur wer sich mit offenem Herzen auf Jesus einlässt, bekommt Gewissheit. (Lies Mark. 9, 17- 24; Joh. 3, 14-18; 1. Joh. 5, 10-13.)
Jesus ließ die Pharisäer in ihrer hartherzigen Herzensverfassung stehen. Auch seinen Jüngern deckt der Herr immer wieder viel Unverständnis und Unglauben auf (vgl. Mark. 6, 52; 9, 19; 16, 14). Sie sind nicht besser als die hohen Herren und frommen Gelehrten. Aber die Jünger haben sich für ein Leben mit Jesus geöffnet und werden sich seiner Führung und Korrektur unterstellen. Was gilt es jetzt zu lernen? Jesus nimmt die Vergesslichkeit der Seinen zum Anlass, sie »vor dem Sauerteig der Pharisäer und dem Sauerteig des Herodes« eindringlich zu warnen. Vom irdischen Brot, das in der Regel mit Sauerteig durchsetzt war, ausgehend, zieht der Herr die Verbindung zum geistlichen Leben. So wie ein wenig Sauerteig in kurzer Zeit eine große Portion Teig durchsäuert, verhält es sich mit der ansteckenden Wirkung einer falschen Lehre und eines sündhaften Lebens: 1. Korinther 5, 6-13. Fürchtet Jesus, dass seine Jünger angesichts seiner bevorstehenden Passion auf die Seite der Kritiker rutschen können? Wenn wir die Botschaft der Propheten hinzuziehen, liegt der harte Tadel des Herrn auf derselben Ebene. (Vgl. Jes. 5, 21; 6, 9. 10; Hes. 12, 2.) Jesus sieht seine Jünger in Gefahr, an ihm selber, an seiner Person und Sendung irre zu werden, obwohl sie nach langer und intensiver Schulung viel verständiger sein müssten. Waren die Jünger nicht aktiv beteiligt gewesen am wunderbaren Handeln des Sohnes Gottes? - Lassen auch wir uns erinnern und vom Geist Gottes ermahnen: »Mehr als alles, was man sonst bewahrt, behüte dein Herz!« (Spr. 4, 23a). Wie zeigt sich das praktisch? Dazu Sprüche 4, 24-27. »Herr Jesus Christus, ich will nicht vergessen, wie einzigartig du bist. Lass mich unter den tausend Stimmen deine Stimme hören. Hilf mir, dir auch im Schmerz die Treue zu halten. Amen.«
JESAJA 35, 5; LUKAS 4, 18. 19; MARKUS 8, 22-26 Schon im vorangehenden Abschnitt hatte der Herr das aufmerksame Sehen, das Sehen mit dem Herzen bei seinen Jüngern, angesprochen (Mark. 8, 15. 18). Dieses Stichwort - sechsmal ist das Wortfeld »sehen« vertreten - steht jetzt im Zentrum des Geschehens. Es ist so, als ob das vorangegangene Gespräch, das mit einer Frage abbrach, jetzt beantwortet würde. Wir dürfen in dieser Blindenheilung einen über die körperliche Hilfe hinausschießenden geistlichen Sinn festhalten: Wahres Sehen wird durch Jesus, den Messias Gottes, geschenkt. »Der Herr macht die Blinden sehend« (Ps. 146, 8). Was sehen die Jünger, wie Jesus dem Blinden hilft? o Jesus reagiert auf die Bitte um Heilung. »Es handelt sich also um den Fall einer Für-Bitte, die für einen anderen Menschen Heilung bewirken kann. So weit reicht der Arm der Fürbitte!« (G. Maier) o Jesus wendet sich dem Kranken persönlich zu. Der Herr ergreift seine Hand und lässt ihn spüren: Du bist mir wichtig. Es geht jetzt um das Handeln Gottes an dir. Zuschauer können abseits warten. o Jesus berührt und behandelt den »wunden Punkt«. Die Benutzung von Speichel hatte der Herr nicht nötig (vgl. Mark. 10, 46ff). Hier aber gebraucht er das Mittel, um diesen Menschen hautnah spüren zu lassen: Ich will mich um dich annehmen. Deine Heilung geht von mir aus. o Jesus bezieht den Kranken aktiv in den Heilungsprozess ein. Der Herr fragt den Mann: »Was siehst du?«, und dieser muss Stellung beziehen. Die Heilung selbst ereignet sich hier nicht auf einen Schlag. Jesus nimmt den Mann Schritt für Schritt mit auf einen Erkenntnis-Weg, bis dieser ganz klar sehen kann. - Das Schönste wäre, wenn der Sehende jetzt auch mit seinem Herzen erkennte: Jesus, ich brauche dich immer bei mir. Sei du mein Herr! (Lies Eph. 1, 15-23.)
Wie viele Meinungen gibt es nicht über Jesus! Guter Mensch - Vorbild - Sozialreformer - Prophet - Märtyrer - Lehrer - Seelsorger - Prediger - Arzt - Menschenfreund - Nothelfer. Jesus ist die Meinung der Leute nicht gleichgültig. Er fragt seine Jünger: Was denken die Menschen über mich? Wer bin ich in ihren Augen? Natürlich weiß der Herr, wie ihn die Leute sehen. Aber er fordert seine Jünger heraus, um sie auf ihre eigene Antwort vorzubereiten. »Ihr aber«, die ihr Augenzeugen meiner Machttaten und Ohrenzeugen meiner Verkündigung wart, ihr, meine vertrauten Freunde und Schüler, denen ich »alles besonders erklärt« habe (Mark. 4, 34; vgl. Matth. 13, 11): »Wer sagt ihr, dass ich sei?« Wissen die Jünger es nicht? Tappen sie noch im Dunkeln oder sehen sie unscharf wie einst jener Blinde? Jesus weiß: Es gibt eine Zeit des Suchens, Fragens, Besinnens, eine Zeit des Kennenlernens und des tieferen Verstehens - dann aber muss zur gewachsenen Erkenntnis das klare Bekenntnis kommen. Petrus spricht es im Namen des Jüngerkreises und in der Kraft Gottes aus: »Du bist der Christus.« (Vgl. Matth. 16, 16. 17.) Auch wenn Petrus als Mensch mit diesem Bekenntnis noch seine Schwierigkeiten hat (Matth. 16, 21-23), bekannte er Jesus als den Sohn Gottes, der zur Rettung der sündigen Menschen sein eigenes sündloses Leben hingeben wird. Wenn aber Jesus der Messias Gottes ist, dann ist er der im Alten Testament verheißene Erlöser Israels und der ganzen Welt. Dann ist er der Einzigartige, mit Heiligem Geist »Gesalbte« Gottes (Jes. 11, 1ff) und darum auch »die höchste und endgültige Offenbarung Gottes. Jesus ist der einzigartige Erlöser. Aufgrund dieser Einzigartigkeit kann sich das Christentum niemals mit anderen Religionen vermischen« (G. Maier). (Dazu Joh. 4, 25. 26; 1. Petr. 2, 22-24; 3, 18; 1. Joh. 5, 1.) - Welches ist mein persönliches Jesus-Bekenntnis? Warum dürfen wir Jesus Christus nicht totschweigen?
Das Schweige-Gebot, das Jesus seinen Jüngern damals verordnete, wollte der Herr als eine Anordnung auf Zeit verstanden wissen. Denn noch fehlte die öffentliche Festlegung seiner Messianität durch Kreuz und Auferstehung. Genau an dieser Stelle setzt Jesus nun eine besondere Unterrichtseinheit für seine Jünger ein. »Er begann sie zu lehren, dass der Menschensohn viel leiden muss.« Wenn Jesus von sich selbst sprach, benutzte er in der Regel die Bezeichnung »Menschensohn«. Bei dieser Selbstbezeichnung dachte Jesus vor allem an die Prophetie Daniels, die den endzeitlichen Repräsentanten des Reiches Gottes beschreibt, der zugleich oberster Richter ist. In Israel kam niemand auf die Idee, dass es eine Errichtung der Herrschaft Gottes gäbe ohne eine Aufrichtung des Rechtes, also ohne Gericht. Selbst in den Trost-Worten des Propheten Jesaja war es nicht möglich, über Schuld und Sünde hinwegzujubeln. So verkündete auch Jesus einen Richter-Menschensohn (vgl. Mark. 8, 38; Matth. 25, 31ff; Joh. 5, 22; Apg. 10, 42; 17, 31). Gericht findet statt. Etwas, das in keines Menschen Herz gekommen ist, findet statt, eine atemberaubende Umschuldung: Der Menschensohn muss viel leiden, der Richter selbst trägt die Verdammnis. So schaute Jesus die Himmelsgestalt in Daniel 7 in eins mit dem leidenden und gehorsamen Gottesknecht in Jesaja 53. Gott »der Herr warf unser aller Sünde auf ihn« (Jes. 53, 6). An Karfreitag erschien dieser Richter als der Hingerichtete. »Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt« (Jes. 53, 5; vgl. Matth. 8, 17; 2.Kor. 5, 21; 1. Joh. 3, 5). Jesus hebt besonders hervor: Der Leidensweg des Menschensohnes »muss« sein: Gott will es so. Jeder andere Weg endet in der Hölle. Der Jesus-Weg aber führt durch das Tal des Leidens in den Himmel, in das herrliche Vaterhaus Gottes. Zur Vertiefung: Johannes 3, 13-16; 14, 1-6.
MARKUS 8, 31-33; PSALM 118, 22; 1. PETRUS 2, 4-8 Es gehört zum Leidensmaß des Menschensohnes, dass ihn die Spitze des offiziellen Judentums verwerfen wird: die weltlichen und geistlichen Köpfe, Mitglieder des Hohen Rates, werden eine Koalition gegen Jesus bilden. Die Verwerfung des Herrn »wird keine zufällige Entgleisung sein, sondern hochoffizielles, wohl abgewogenes und einmütig verantwortetes Nein Jerusalems. Vor seiner physischen Vernichtung, werden sie ihn verwerfen, moralisch vernichten. Die Bauleute, also die Fachleute, die etwas von der Sache verstehen, nehmen den Stein in Augenschein und stoßen ihn verächtlich beiseite« (A.Pohl). Selbst der Tod bleibt dem Menschensohn nicht erspart. Aber der Vater selbst wird die vermeintliche Niederlage in einen herrlichen Sieg verwandeln. Von höchster Höhe greift er in die Tiefe des Todes ein, um den Sohn aufzuerwecken (Apg. 2, 24. 36; 10, 40; Gal. 1, 1b). Auch hier erfüllt Gott in Treue, was der Alte Bund angekündigt hatte: »Du wirst mich nicht dem Tode überlassen und nicht zugeben, dass dein Heiliger die Grube sehe« (Ps. 16, 10; vgl. Ps. 49, 16; Hosea 6, 2; Jona 2, 1ff; Matth. 12, 40). Die Jünger verstehen Jesus nicht. Für sie gehört nur die Herrlichkeitsvorstellung zum Messias und Menschensohn, nicht aber der leidende Gottesknecht. Darum versuchen sie, Jesus daran zu hindern, den Weg ans Kreuz zu gehen. Darauf hatte Satan es längst abgesehen, Jesus aus der Verbundenheit mit dem Vater zu lösen und ein Messias-Reich zu errichten ohne die Bereinigung der menschlichen Schuld (Matth. 4, 8. 9). Diesen Feind sieht der Herr jetzt am Werk. Darum weist er ihn energisch zurück. Petrus und die Jünger müssen sich sagen lassen, dass ihr gut gemeinter Rat für das Reich Gottes ganz und gar untauglich ist. (Vgl. Jes. 55, 8. 9.) Jesus aber will unbedingt den Willen Gottes tun. (Lies Joh. 6, 38; 8, 29; 17, 4; Hebr. 10, 7.)
Bisher ging es um den Jesus-Weg, jetzt geht es um unseren Nachfolge-Weg. Simon Petrus hatte sich schützend vor Jesus gestellt und dabei erfahren: Dein Platz ist hinter Jesus. Er geht voran. Er bahnt uns den Weg. Er führt uns. Er bewahrt uns. Und wir gehen hinter ihm her, wir folgen ihm nach: Schritt für Schritt. - Wer auch immer Jesus Christus nachfolgen will, bedenke und beachte die Norm Gottes: 1. »Der verleugne sich selbst.« In restloser Aufrichtigkeit sagt der Herr seinen Jüngern, dass Gott sich nicht vor den Karren ihrer Interessen, Ambitionen und Wünsche spannen lässt. So richtet Jesus hier das Erste Gebot auf: »Ich bin der Herr, dein Gott« (2.Mose 20, 2. 3; 5. Mose 6, 14). In der Jesus-Nachfolge geht es darum, dem Herrn ganz dicht auf den Fersen zu bleiben und dem althergebrachten menschlichen Denken und Handeln eine Absage zu erteilen. »Der verleugne sich selbst« meint nicht Selbst-Verneinung oder gar Selbst- Auslöschung, sondern eine Selbst-Vergessenheit aufgrund einer großen Liebe, die einer gefunden hat, und der er sich nun hingibt: Weil Gott uns in Jesus so nahe gerückt ist, können wir Abstand nehmen von den Ansprüchen, die unser Ego uns diktiert. 2. »Der nehme sein Kreuz auf.« Die Hinrichtung durch den Tod am Kreuz wurde in neutestamentlicher Zeit dann gewählt, wenn einem Verurteilten nicht nur das Leben, sondern auch seine Ehre genommen, wenn er restloser Verachtung und moralischer Vernichtung preisgegeben werden sollte. So ist der Kreuzestod der schändlichste und einsamste Tod überhaupt (vgl. Mark.14, 65; Hebr. 13, 12). Wer sein Kreuz aufnimmt, der willigt ein in ein Leiden, das isoliert, das von Kopfschütteln, von Gespött und Kränkung oder von Nicht- Verstehen der anderen begleitet wird. Und doch ist der Jesus-Nachfolger nicht allein, sondern geborgen in der fürsorgenden Nähe und Liebe seines Herrn. Welche Ermutigungen entdecken wir in Psalm 3,4; 62,8 und Philipper 3, 7-13?
Müssen Christen sich vor dem Kreuz fürchten? Nein. Jesus setzt mit seinem ernsten Nachfolge-Wort nicht unter Druck, sondern gibt Lebenshilfe für ein Leben unter Druck. Dabei vergleicht der Herr das irdische Leben mit dem ewigen Leben: Wer aus Sorge um sein irdisches Leben die Jesus-Nachfolge verweigert und abblockt, der bringt sich um das ewige Leben. Wer aber sein irdisches Leben an Jesus und sein Evangelium hingibt, der empfängt das ewige Leben. Selbst dann, wenn der Jesus-Nachfolger in existenzielle Not und Angst gerät, eben weil er an Jesus und seinem Wort hängt, weil er Jesus liebt und ihm treu dient, kann er der Versuchung, ein Stück Nachfolge zurückzunehmen, widerstehen. Denn das Geschenk des ewigen Lebens überstrahlt nicht nur die größten materiellen und höchsten ideellen Werte des Irdischen, sondern es überwindet den Tod, es hat Bestand im Endgericht und es beinhaltet grenzenloses Glück. Heute will ich vor Jesus ehrlich werden und mich fragen: o Bin ich bereit, dem Verlangen nach Gott, nach seinem Reich und seiner Gerechtigkeit höhere Bedeutung zu geben als selbstsüchtigen Wünschen und der Jagd nach Ehre und Besitz, Status und Macht? o Welche (praktischen) Konsequenzen gilt es für mich zu ziehen? o Wo und in welchem Rahmen möchte ich meine Zeit, meine Kraft, meine Gaben, meinen Besitz dem Reich Gottes zur Verfügung stellen? o Welche Erfahrungen habe ich bisher mit Lukas 12, 28-31 und Maleachi 3, 10 gemacht? »Jesus zu dienen, wenn auch unter unsagbaren Verzichten und Verlusten (2. Kor. 6, 9; 12, 10), ist Ehre, Glück und Leben die Fülle« (A. Pohl). Der Herr verspricht uns:
Wenn ein Mensch sich entschließt, Jesus nachzufolgen, dann hört er auf, sich mit einem »ehebrecherischen und sündigen Geschlecht« zu solidarisieren. Jeder Jude, der Jesus zuhörte, wusste Bescheid: Der schrecklichste aller Brüche ist der Bundesbruch mit Gott. Er wird bei den alttestamentlichen Propheten mit dem Ehebruch, der tiefsten und schwersten Verletzung gegenseitiger Liebe, verglichen. (Vgl. Jes. 1, 21; Jer. 3, 1. 2. 8. 9.) Doch in Jesus bietet Gott seinem Volk und allen Menschen den Neuen Bund an. Wer zu Jesus kommt, kommt in den vollen Genuss des Neuen Bundes.
zur Verfügung gestellt von: bibel.com der Homepage von Christen für Christen.