Im Hebräerbrief lernen wir Jesus in besonderer Weise kennen. Was sein Leben, Leiden und Sterben für uns bedeutet, wird uns hier neu vor Augen gestellt. Schon im ersten Kapitel ging es darum, dass Jesus als der Sohn Gottes größer ist als die Engel. Im zweiten Kapitel wird gezeigt, dass Jesus sich jedoch unter die Engel erniedrigte, als er Mensch wurde, um uns zu erlösen. »Du hast ihn für kurze Zeit niedriger sein lassen als die Engel« (V. 7). Psalm 8, 5-7 wird zitiert, der sich zunächst auf den Menschen als Geschöpf Gottes bezieht, und dann auch auf Jesus zutrifft, weil er der Menschensohn ist. Um uns zu erlösen, nahm er unser Fleisch und Blut an. »Er erniedrigte sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz« (Phil. 2, 8). Doch Gott setzte ihn nach seiner Auferstehung und Himmelfahrt in eine unvergleichliche Herrschaftsstellung ein, dass Jesus sagen konnte: »Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden« (Matth.28,18). »Jetzt aber sehen wir noch nicht, dass ihm alles unterworfen ist.« Das beschreibt die Anfechtung und Spannung, in der wir leben. »Anfechtung ist die Kollision des biblischen Wortes mit der Erfahrung unseres Lebens« (O.Michel). Noch leben wir im Glauben, nicht im Schauen. So wie Jesus seinen Weg auf Erden nur durch Glauben gehen konnte, so ermutigt er uns durch sein Wort, ihm auf diesem Weg nachzufolgen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Sieg von Jesus bei seiner Wiederkunft offenbar werden wird. (Lies Matth. 24, 30; Joh. 5, 22. 23.) Das Wissen um den Sieg von Jesus und um die wahren Machtverhältnisse in dieser Welt hilft uns, trotz Problemen in der Familie oder am Arbeitsplatz, trotz Schwachheit und Krankheit getröstet und geborgen zu sein. »Werft euer Vertrauen nicht weg, das eine große Belohnung hat« (Hebr. 10, 35; lies Röm. 8, 18. 24. 25; 2.Kor. 4, 16-18).
Hebräer 2, 9. 10; Philipper 2, 6-11. »Den, der eine kleine Zeit niedriger gewesen ist als die Engel, Jesus, sehen wir durch das Leiden des Todes gekrönt mit Preis und Ehre, denn durch Gottes Gnade sollte er für alle den Tod schmecken.« Dass der Sohn Gottes den Tod für uns geschmeckt hat, war Gnade Gottes, damit wir nicht die ewige Trennung von Gott erleiden müssen. Der hebräische Ausdruck »den Tod schmecken« drückt die harte, schmerzvolle Wirklichkeit seines Sterbens aus. So wurde er zum Anführer, zum Urheber und Bahnbrecher unseres Heils. Für alle hat er den Tod geschmeckt. Da ist keiner, der sein Opfer nicht nötig hätte, aber auch keiner, der davon ausgeschlossen wäre. »Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen« (1. Tim. 2, 4; Joh. 3, 16). Diese beste aller Nachrichten weiterzusagen, ist unser Vorrecht. Warum lehnen manche ab? Vielleicht, weil »der Gott dieser Welt ihnen den Sinn verblendet endlos hat, dass ihnen nicht aufleuchte das helle Licht des Evangeliums von der Herrlichkeit Christi, der Gottes Ebenbild ist« (2.Kor.4,4; lies 1.Kor. 2,14). »Wer sich des Leidenden, des Gekreuzigten schämt, wer nicht in ihm den mit Ruhm und Ehre gekrönten Herrn erkennt und bekennt, dem kann er nicht Anführer zum Heil sein« (H. J. Iwand). Als Mensch auf Erden war Jesus niedriger als die Engel. Jetzt ist er wegen seines Todesleidens beim Vater mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt. Weil er nun zur Rechten Gottes ist, hat er teil an der Machtfülle Gottes. Alles, was Jesus besitzt und was ihn auszeichnet, will er mit uns teilen. Deshalb ist er mächtig zu helfen, wenn wir uns im Gebet an ihn wenden, auch für die, denen »das helle Licht des Evangeliums« noch nicht aufgeleuchtet ist. »So lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit erlangen und Gnade finden zu rechtzeitiger Hilfe« (Hebr. 4, 16; lies Phil.4,6; 1. Petr.5, 7).
Unser Gott ist der, »um dessentwillen alle Dinge sind und durch den alle Dinge sind«. Hier wird Gottes Name und Wesen umschrieben. Alles ist durch und für Gott geschaffen. Wo wir uns auch befinden mögen in dieser Welt, wir bewegen uns immer auf Gottes Territorium. »Denn es ziemte ihm, den Anführer ihres Heils durch Leiden zu vollenden.« Gott führte Jesus ins Leiden. Natürlich waren es die Menschen, die sich an ihm vergriffen, und dafür sind sie voll verantwortlich. Aber sie hätten keine Macht über Jesus gehabt, wenn der Vater den Sohn nicht in ihre Hände gegeben hätte. Weil Jesus in dieser Gewissheit lebte, konnte er Pilatus beim Verhör sagen: »Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben her gegeben wäre« (Joh. 19, 11). »Der Anführer unseres Heils wurde durch Leiden vollendet.« Davon erfahren wir nur im Hebräerbrief. Bedurfte Jesus der Vollendung? Als Sohn Gottes war Jesus vollkommen. Doch um ein vollkommener Hoherpriester für uns zu werden, musste er bis in Versuchung, Leiden und Tod hinein uns ähnlich werden. Wir kennen den Hohenpriester aus dem Alten Bund. Seine wichtigste Aufgabe war, am großen Versöhnungstag das Volk durch das Blut eines Opfertieres mit Gott zu versöhnen. (Lies 3.Mose 16, 15-17.) Jesus ist jedoch vor Gott Hoherpriester und Opfer zugleich. Als das vollkommene Opfer hat er sich als unser wahrer Hoherpriester für uns dahingegeben und unsere Schuld bezahlt. (Lies Hebr. 9, 11-14.) So wurde er durch Leiden vollendet, »denn worin er selbst gelitten hat, als er versucht wurde, kann er denen helfen, die versucht werden«. Deshalb lässt uns unser Hoherpriester auch auf schweren Wegen nicht allein, sondern ist bei uns mitten in der Bedrängnis. (Lies Jes.43,1.2; Ps.23,4; Apg.18,9.10.)
Hebräer 2, 10. 17. 18; Römer 8, 28-30. »Als er viele Söhne zur Herrlichkeit führte«: Durch den Sohn wird man Sohn. Durch seinen Sohn will Gott uns zu seinen Söhnen und Töchtern machen. Sein Ziel für uns ist, dass wir an seiner Herrlichkeit teilhaben sollen. In seinem hohepriesterlichen Gebet erbat Jesus: »Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, dass sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast.« (Lies Joh.17,22. 24.) Es hat einen tiefen Sinn, dass Gott der Vater der Herrlichkeit genannt wird. Ein Vater hat Kinder. Als seine Kinder will der Vater uns in seine Herrlichkeit hineinnehmen und sie mit uns teilen. Worin besteht die Herrlichkeit, auf die wir zugehen? Das wird am Ende der Offenba- rung im Bild vom himmlischen Jerusalem geschildert: »Und der Thron Gottes und des Lammes wird in der Stadt sein, und seine Knechte werden ihm dienen und sein Angesicht sehen, und sein Name wird an ihren Stirnen sein« (Offb.22, 3. 4). Wir sollen Jesus ähnlich und passend für den Himmel werden, für die ungetrübte Gemeinschaft mit Gott. Dem müssen auch die Nöte und Bedrängnisse unseres Lebens dienen. Jesus hat uns kein schmerz- und leidfreies Leben versprochen. »In der Welt habt ihr Bedrängnis; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden« (Joh. 16, 33). Als Gerettete müssen wir nun im Alltag unseren Weg nicht selbst suchen, sondern dürfen hinter dem Anführer unseres Heils hergehen, in seine Fußspuren treten und durchs Gebet in engster Verbindung mit ihm bleiben. »Lasst uns wegschauen hin auf Jesus, den Bahnbrecher und Vollender des Glaubens« (Hebr.12, 2).
»Denn weil sie alle von einem kommen, beide, der heiligt und die geheiligt werden, darum schämt er sich auch nicht, sie Brüder zu nennen.« Jesus betete in seinem hohepriesterlichen Gebet: »Ich heilige mich selbst für sie, damit auch sie geheiligt seien in Wahrheit« (Joh. 17, 19). Er meinte damit: »Ich weihe mich selbst zum Opfer für sie.« Indem Jesus sich unsere Schuld auflud und sich dafür am Kreuz opferte, heiligte er uns und machte uns passend, um nahe bei Gott zu sein. Deshalb sind wir Heilige, auch wenn wir uns manchmal noch ganz unheilig betragen. Darum redete Paulus die Empfänger seiner Briefe als Heilige an, auch wenn sie eine fragwürdige Vergangenheit hatten, wie manche aus der Gemeinde in Korinth (1. Kor. 1, 1. 2; 2. Kor. 1, 1). »Solche sind einige von euch gewesen, aber ihr seid rein gewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes« (1.Kor.6,11). Das nimmt uns den Druck, uns selber zu Heiligen machen zu müssen, was sowieso unmöglich wäre. Jesus nimmt uns an, wie wir sind, doch er lässt uns nicht, wie wir sind. Wir sind Heilige, die beständig in einem Veränderungsprozess stehen. Durch seinen Geist und sein Wort wirkt Jesus an uns, dass wir in unserem Verhalten ihm ähnlicher werden. (Lies Eph. 4, 25-32; 2.Kor. 3, 18.) Der eine, von dem Jesus und wir abstammen, ist Gott. »Er schämt sich nicht, uns Brüder zu nennen«, - die Schwestern waren bei dieser Anrede immer eingeschlossen. Das Kennzeichen seiner Brüder und Schwestern erwähnt Jesus in Markus 3, 35: »Wer den Willen Gottes tut, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.«
Als Jesus am Kreuz hing, betete er Psalm 22, der sein Leiden bis in die Einzelheiten hinein im Voraus ankündigte; Vers 2 bis 22 betet der leidende Messias, der am Kreuz hängt. Ab Vers 23 betet und redet der auferstandene Herr. Flehte er eben noch in Vers 22: »Hilf mir aus dem Rachen des Löwen und vor den Hörnern wilder Stiere«, - so fährt er in Vers 22b. 23 fort: »Du hast mich erhört! Ich will deinen Namen meinen Brüdern kundtun, ich will dich in der Gemeinde rühmen.« Dieser Vers wird in Hebräer 2, 12 zitiert. In den Evangelien fällt auf, dass Jesus erst nach seiner Auferstehung von seinen Jüngern als seinen Brüdern sprach. Warum erst da? Weil nun die Schuld ausgeräumt war, die sie vom Vater und von ihm trennte. (Lies Matth. 28, 10; Joh. 20, 17.) Dass der Sohn Gottes Mensch wurde wie wir, um uns zu retten, ist ein unvergleichliches Geschehen. Aber wagen wir trotzdem einen Vergleich. Stellen wir uns einen Ameisenhaufen vor mit dem Gewimmel der fleißigen Tiere. »Sie haben ein ausgezeichnetes Informations- und Ordnungssystem. Jede Ameise hat ihre Funktion in diesem Ameisenstaat. Plötzlich bemerken Sie Brandgeruch. Der Wald hat angefangen zu brennen. Wie können Sie die Ameisen von der Gefahr unterrichten? Was Sie auch unternehmen, die Ameisen würden Sie nicht verstehen. Es gäbe nur eine Möglichkeit: Sie müssten in der »Sprache« der Ameisen ihnen die Gefahr deutlich machen können. Dazu aber müssten Sie selber zur Ameise werden. Nur wenn Sie in das System der Ameisen als Ameise einsteigen, gäbe es theoretisch die Möglichkeit der Rettung. Sie müssten sich zur Ameise erniedrigen. Das war genau die Situation Gottes. Die Brandgefahr der Sünde entdecken wir nicht, wenn sie uns nicht gesagt wird von jemand, den wir verstehen, dem wir vertrauen und der einer ist wie wir. So machte es der Gottessohn. Aber er informierte uns nicht nur über die Gefahr des Sündenbrandes, sondern er bekämpfte und besiegte ihn« (B.Affeld).
Hebräer 2, 11. 14. 15. 17; Römer 8, 3. 4. 12-14. Um uns zu erlösen, nahm der Sohn Gottes unser Fleisch und Blut an. Er wurde unser »Blutsverwandter«. »Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns« (Joh. 1, 14). Wie im Alten Bund der nächste Blutsverwandte seinen Bruder aus der Schuldknechtschaft freikaufen und dessen verlorenen Besitz zurückerwerben konnte, so wurde Jesus unser Blutsverwandter, der uns aus der Schuldknechtschaft der Sünde freikaufte und die verlorene Gemeinschaft mit Gott wieder brachte. (Vgl. 3.Mose 25, 25. 48. 49; Rut 2, 20.) Durch seine Menschwerdung kam der Sohn Gottes in den »Hexenkessel« der Welt hinein und trat in den Machtbereich Satans, der Sünde und des Todes ein. Es muss der »Kulturschock aller Kulturschocks« für ihn gewesen sein. Er lebte wie wir im Machtbereich der Sünde, doch ohne ihr zu erliegen. Er teilte alles mit uns, denn »er musste in allem den Brüdern ähnlich werden«. Am Kreuz teilte er auch noch unsere Sünde und ließ sie sich aufladen. »Gott sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches und um der Sünde willen und verdammte die Sünde im Fleisch.« Die Sünde wurde im Fleisch, also am Tatort, verdammt, gerichtet. So wurden wir von ihrer Herrschaft befreit. Und nun soll durch Gottes Geist unser Leib, der früher der Sünde als Werkzeug diente, der Tempel Gottes sein. So hat Jesus uns geheiligt. »Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört? Denn ihr seid teuer erkauft; darum verherrlicht Gott mit eurem Leib« (1.Kor.3,16; 6,19.20). Der Heilige Geist will Gott zurMitte unseres Lebens machen und drängt uns, Gottes Willen zu tun. So wirkt sich die Heiligung aus, die durch Jesus an uns geschehen ist. Ist das nicht zum Danken und Staunen?
Hebräer 2, 14-16; Offenbarung 1, 17. 18. »Damit er durch den Tod den außer Wirksamkeit setzte, der des Todes Gewalt hat, nämlich den Teufel.« Jesus wurde Mensch, um uns zu erlösen und zu befreien. »Durch seinen Tod kam er in den Machtbereich des Todes, und in seiner Auferstehung brach er aus ihm aus und entmachtete so Tod und Teufel und befreite die Gläubigen aus der Sklaverei der Todesfurcht« (Lutherbibel erklärt). Der Tod konnte Jesus nicht halten, weil er keine Anklage, keine Handhabe gegen ihn fand. Hier ist der Einzig-Eine in der Weltgeschichte, der die lange Reihe derer durchbrach, auf die der Tod wegen ihrer Sünde ein Anrecht hatte. Damit bezwang Jesus den Teufel, der die Gewalt über den Tod hatte und sich des Todes bediente. Satan ist ja der Menschenmörder von Anfang an (Joh. 8, 44). Jetzt hat Jesus die Schlüssel des Todes und des Totenreiches. Der Sieg von Jesus ist allumfassend. Wer ihm vertraut und ihm sein Leben anvertraut, dem kommt er zugute. (Lies Röm. 6, 23; Joh. 5, 24; 10, 27-29; 11, 25. 26; 1. Kor. 15,55.57; 1. Joh.3, 8.) Mit seinem Sieg hat Jesus uns auch von der Sklaverei der Todesfurcht befreit. Diktaturen benutzten und benutzen gerade diese Angst, um Menschen zu versklaven und die Jesusleute zum Schweigen zu bringen. Jesus ermutigt uns: »Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können« (Matth. 10,28; lies 1.Petr. 3, 14.15; Offb. 2, 10). Wir können der leidenden und verfolgten Gemeinde beistehen durch unsere Fürbitte, dass sie nicht den Mut verliert und Kraft zum Glaubenszeugnis bekommt. - Weil Jesus Tod und Teufel bezwungen hat, gilt uns, was Paulus bezeugt: »Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn« (Röm. 8,38.39).
Hebräer 2,14. 15; Johannes 11, 25.26. Als Jesus Tod und Teufel besiegte, »befreite er alle diejenigen, die durch Todesfurcht ihr ganzes Leben hindurch in Knechtschaft gehalten werden«. Ist uns bewusst, dass »die Auferstehung« in der Bibel keine Theorie, sondern eine Person ist? Jesus Christus! Weil er unsere Schuld bezahlte, nahm er dem Tod die Handhabe gegen uns. Seit Ostern ist die Frage nach unserer Auferstehung eine Beziehungsfrage und keine Frage nach unseren guten Taten. Alles hängt an unserer persönlichen Beziehung zu Jesus Christus, dem Todesüberwinder, der sagt: »Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.« In schweren Krankheitstagen schrieb Dr.Christoph Morgner: »Gottes Liebe zeigt sich darin, dass er uns Jesus gibt. Auf alles, was uns bewegt und Not bereitet, gibt uns Gott die eine Antwort: Ich gebe euch Jesus Christus. In ihm hat er uns alles geschenkt, was wir zum Leben und zum Sterben brauchen. Jesus genügt.« Sollte es dem Tod möglich sein, unsere Lebensverbindung mit dem, der die Auferstehung und das Leben ist, zu lösen? Sollte es dem besiegten Tod gelingen, uns seinem Bezwinger zu entreißen? Auf dem letzten Weg, auf dem kein Mensch uns begleiten kann, bleibt Jesus bei uns. Er nimmt uns an der Hand und bringt uns in das Zuhause, das er für uns bereitet hat bei seinem himmlischen Vater. (Lies Joh. 14, 1-3; 2.Kor. 5, 8. 9; Phil. 1, 20. 21. 23.) Graf von Zinzendorf sagte: »Christen gehen aus der Zeit, wie man aus einem Zimmer in das andere geht, voll kindlichem Vertrauen auf den, der Leben und Tod in Händen hat.« Wie kann solch eine den Tod überdauernde Beziehung zu Jesus Christus geknüpft werden? Jesus lädt uns ein, ihm unser Leben im Gebet anzuvertrauen. Das gilt für Zeit und Ewigkeit. Dann können wir schon jetzt Tag für Tag aus der Verbindung mit ihm leben und geborgen bei ihm sterben. »Ob wir leben oder sterben: Wir gehören dem Herrn« (Röm.14,8; lies 1.Kor.3,21-23).
David beschreibt in diesem Psalm den starken Kontrast zwischen der Macht der Sünde und der Herrlichkeit der Gemeinschaft mit Gott. Er stellt dem Drohen der Feinde und Verfolger den bergenden und beglückenden Schutzraum in seinem Gott gegenüber. Vermutlich will er hier deutlich machen, »wie hart die beiden Mächte aufeinanderprallen: die unheimliche, betrügerische Macht der Sünde und die herrliche, gnadenvolle Herrschaft Gottes, bei dem die Quelle des Lebens ist« (H. Lamparter). Unmissverständlich zeigt David hier, dass man nur auf einer Seite stehen kann: Entweder sucht man bewusst den Anschluss an den lebendigen Gott und stellt sein Leben unter seine Regie, oder man entscheidet sich für ein Leben ohne Gott und bleibt damit unter der Herrschaft der Sünde. Eine neutrale Zone zwischen diesen beiden Mächten gibt es auch heute nicht. (Vgl. Mark. 10, 17-22; Luk. 19, 1-10.) David weiß, wo er hingehört. Gleich im ersten Vers bezeichnet er sich als »Knecht des Herrn«. Er hat sich dem Gott, der ihn von der Schafherde weg zum König berufen hatte, völlig unterstellt und weiß sich zugleich unter dessen umfassender, liebender Fürsorge. Das gibt Frieden und vermittelt Kraft, selbst unter schwierigen Umständen standhaft zu bleiben. David verliert seinen großen Gott nicht aus den Augen. Er nimmt sich aber auch als »Knecht des Herrn« nicht das Recht heraus, die Gottlosen abzuurteilen. Weil er selbst in einer tiefen Beziehung zu Gott lebt, empfindet er die Gottesferne der andern umso schmerzlicher. Von Jeremia ging in seiner Zeit der werbende Ruf aus: »O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!« Was könnte geschehen, wenn dieser Aufruf in unserem Volk wieder ein Echo finden würde! (Jer.22,29; lies Joh.3,16; Röm.5, 8-11).
David schildert anschaulich, wie schrecklich die Sünde den betrügt, verblendet und knechtet, der sich auf sie einlässt. Er zeigt in den wenigen Versen Schritt für Schritt auf, welche zerstörende Macht von ihr ausgeht. Wörtlich schreibt der Psalmist: »Es raunt die Sünde dem Frevler in seinem Herzen zu: Ehrfurcht vor Gott ist nicht nötig.« Eine leise flüsternde Stimme beschwichtigt und betört den, der auf sie hört. Sie betäubt das Gewissen und führt zu dem verwirrenden Urteil, dass keiner vor Gott verantwortlich ist. »Der Ausdruck, mit dem der Psalmist dieses Zuraunen der Sünde beschreibt, ist derselbe, den die Propheten des Alten Testaments gebrauchen, wenn sie von der Eingebung des göttlichen Wortes sprechen. Wie der Herr seinen Knechten sein Wort zuraunt, so übt die Sünde ihren Einfluss aus. Sie schleicht sich in sein Herz ein und flüstert ihm Arges zu« (H. Lamparter). Dabei ist der Mensch der Meinung, seine Entscheidungen aus freien Stücken zu treffen, merkt aber oft nicht, dass er den Einflüsterungen einer fremden Macht hörig geworden ist. Er wird blind für die Heiligkeit Gottes und verliert die Ehrfurcht vor Gott. Er schafft es, ohne Hemmungen Schuld zu begehen und sie womöglich noch als eine edle Tat zu tarnen. Aber »nichtvorhandene Gottesfurcht zerstört die Liebe zum Mitmenschen« (D. Schneider). Das finden wir zum Beispiel in Matthäus 14, 1-5 und Psalm 64, 1-7 bestätigt. In der Ehrfurcht vor Gott aber liegt bewahrende Macht für unser Miteinander. »Wenn wir im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut von Jesus, seinem Sohn, macht uns rein von aller Sünde.« »Der Weisheit Anfang ist die Furcht des Herrn, und den Heiligen erkennen, das ist Verstand« (1. Joh.1,7; Spr.9,10; lies Ps.31,20.21; 147, 11; Spr.1,7; 8,13).
David zeigt die heimtückische und zerstörende Taktik der Sünde auf, wenn er schreibt: »Sie umgarnt den Frevler in seinem Herzen mit Schmeichelreden: Niemand erfährt von deiner Schuld und ist böse darüber. Er redet, und es ist Lug und Trug. Er kann nicht mehr vernünftig denken und geht auf schlimmen Wegen, er scheut das Arge nicht« (H. Bruns). Wer die Ehrfurcht vor Gott aufgibt, egal ob er die Realität Gottes verharmlost oder gar leugnet, verstrickt sich in Sünde. Mit unbestechlicher Schärfe deckt David den Selbstbetrug der Sünde bei den Menschen auf, die dem Geflüster des Bösen ihr Ohr leihen. Sie beschwichtigen ihr betäubtes Gewissen mit dem Argument: »Niemand, auch kein Gott im Himmel, weiß um meine Schuld. Niemand wird sie einklagen oder hat das Recht, sie zu richten.« Wird sie dennoch aufgedeckt, so sind sie gezwungen, die Tat zu verheimlichen, zu leugnen oder zu rechtfertigen - mit Lug und Trug. Wer aber dauernd so leichtfertig mit der Sünde umgeht, verliert mit der Zeit den Blick für die Maßstäbe Gottes und verlernt, sein Handeln an der Norm des Guten zu orientieren. Die Sünde nimmt schließlich den ganzen Menschen, sein Reden und Handeln, seine Überlegungen und Pläne in Besitz und greift mit ihrer zerstörenden Macht um sich. »Die Sünde, die sich leise raunend an das Willenszentrum des Menschen heranschleicht, entpuppt sich als eine furchtbare, ihr Opfer versklavende Macht« (H.Lamparter). Der Schreiber des Hebräerbriefes gibt uns deshalb den guten Rat: »Ermahnt euch selbst alle Tage, solange es heute heißt, dass nicht jemand unter euch verstockt werde durch den Betrug der Sünde« (Hebr.3,13; lies 1.Mose 4,7; Röm. 6,12.13; 12,1. 2).
David sagt von dem, der sich auf das Geflüster der Sünde einlässt: »Er hat verlernt, weise und gut zu handeln. Noch vor dem Einschlafen schmiedet er finstere Pläne. Bewusst hat er sich für das Böse entschieden und lässt sich davon nicht abbringen« (H. Bruns). Wir könnten die Beobachtungen Davids mit dem Liedanfang zusammenfassen: »Es geht ohne Gott in die Dunkelheit« (M. Siebald). Löst sich ein Mensch bewusst von Gott, geht es in seinem Leben steil bergab, auch wenn es scheinbar »bergauf« geht oder er es im Augenblick noch nicht wahrhaben möchte. Gefangen in der zerstörerischen Gewalt der Sünde, kommt er selbst in der Nacht nicht mehr zur Ruhe. Wie anders bei David! Geborgen und in tiefem Frieden kann er sagen: »Wenn ich mich zu Bette lege, so denke ich an dich, wenn ich wach liege, sinne ich über dich nach« (Ps.63,7; lies Ps.1,1.2; Jes.26, 7-9; Jos.1, 8). Nachdenken über Gott, über all das Gute, das er schon in unser Leben hineingelegt hat, über seine Ermutigungen und Versprechen führt zu großer Dankbarkeit und bringt unser Innerstes zur Ruhe. Es ist erstaunlich, wie tief David das zerstörerische Wesen der Sünde erfasst hat! Darum stellt er der Herrschaft der Sünde nicht ein menschliches Ideal gegenüber, sondern die alles überragende Herrschaft Gottes, dessen Macht und Herrlichkeit mit nichts zu vergleichen ist. David, der sich selbst »Knecht des Herrn« nennt, bringt das in seinem jubelnden Bekenntnis zum Ausdruck: »Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.« »Während die Sünde in der heimlichen Herzenstiefe ihren Schlupfwinkel erschleicht, macht der Herr der ganzen Schöpfung Himmel und Erde zum Schauplatz und Spiegel seiner Herrlichkeit« (H. Lamparter). (Lies Ps. 89,2.3; 145,1-7.)
Nach dem dunklen Bild, das David von denen, die in Sünde leben, zeichnet, lässt er uns nun etwas von der umfassenden Herrlichkeit und Größe Gottes schauen. Er weist auf die grenzenlose Weite des Himmels hin, auf die Wolken, die ihre Bahnen ziehen. Er spricht von den mächtig aufragenden Bergen und den unergründlichen Tiefen des Meeres und hat dabei die Güte und Treue seines Gottes vor Augen. Auffallend oft spricht David von der Güte Gottes. Wenn wir auf unser eigenes Leben zurückschauen, können wir sicher auch von viel erfahrener Güte Gottes berichten. Sie liegt an jedem Tag neu für uns bereit: Klagelieder 3, 22-25. David erkennt Gottes Güte darin, dass der Herr ihn in seiner Not sieht: »Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte, dass du mein Elend ansiehst und nimmst dich meiner Not an . . . Du stellst meine Füße auf weiten Raum« (Ps. 31, 8. 9; 32, 10; 33, 18. 22). Gottes unfassbare Güte zeigt sich auch darin, dass er uns in seinen Händen hält. »Ich vertraue auf dich, Herr, ich sage: Du bist mein Gott! Meine Zeit steht in deinen Händen. Hilf mir durch deine Güte« (Ps. 31, 15-17)! - Unsere Stunden, Tage und Jahre liegen in seinen am Kreuz für uns durchbohrten Händen. Es sind die bergenden Hände, aus denen uns nichts und niemand reißen kann. Diese Hände tragen uns durch, wenn dunkle Wolken über unserem Weg hängen, wenn uns Sorgen, Schwachheit, Leid, Trauer und Enttäuschung niederdrücken wollen. Dann können wir mit David beten: »Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet. Herr, lass dein Angesicht leuchten über deinem Knecht, hilf mir durch deine Güte!« (Ps.66,20; lies 119,26.27; 138,7. 8).
»Wie groß ist deine Güte, die du bereithältst denen, die dich fürchten, die du denen erweist, die sich bei dir bergen!« Gott hält seine Güte für uns bereit. Güte ist ein Ausdruck seiner herzlichen Zuwendung. Seine Güte ist Ausdruck seiner Barmherzigkeit, Liebe und völligen Vergebung. In seiner Güte lässt er uns nicht laufen, sondern erzieht und prägt uns nach seinem Willen. Die Güte Gottes zeigt sich auch darin für uns, dass wir eine immer offene Tür zum Vater haben. - David spricht im Zusammenhang mit der Güte Gottes wiederholt von seiner Treue. Gottes Güte und seine Treue sind fest verbunden mit seiner Liebe. Vertrauensvoll wendet sich David deshalb an seinen Gott, als Saul ihn verfolgte: »Ich rufe zu Gott, dem Allerhöchsten, zu Gott, der meine Sache zum guten Ende führt. Er sende vom Himmel und helfe mir von der Schmähung dessen, der mir nachstellt. Gott sende seine Güte und Treue« (Ps. 57, 3. 4). Wenige Verse weiter wiederholt er seine Erfahrung aus Psalm 36: »Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Treue, so weit die Wolken gehen« (Ps.57,11). Gott hält an seiner Treue zu uns fest. Er hält uns auch dann die Treue, wenn wir untreu sind. Er lässt uns nicht im Stich und wendet sich nicht enttäuscht von uns ab. Er hält in schwierigen Situationen an seinem gegebenen Versprechen fest. Und er verlässt uns nicht in Gefahr oder Versuchung. »Gott ist treu, er wird nicht zulassen, dass ihr über euer Vermögen versucht werdet, sondern wird mit der Versuchung auch den Ausweg schaffen, dass ihrµs ertragen könnt« (1.Kor. 10, 13; lies Jes. 38, 17-20). Viele Liederdichter bezeugen die erfahrene Treue Gottes: »Gott ist getreu. Er tut, was er verheißt; er hält, was er verspricht. Wenn mir sein Wort den Weg zum Leben weist, so gleit und irr ich nicht. Gott ist kein Mensch, er kann nicht lügen, sein Wort der Wahrheit kann nicht trügen. Gott ist getreu« (Ehrenfried Liebich).
»Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes und dein Recht wie die große Tiefe. Herr, du hilfst Menschen und Tieren.« David betont hier die unantastbare Gerechtigkeit Gottes. So wie er die gewaltige Bergwelt und die unendlichen Tiefen des Meeres in ihrer unbezwingbaren Majestät vor Augen hat, so steht auch die Gerechtigkeit Gottes für ihn unumstößlich und felsenfest. Nichts kann sie beeinflussen oder manipulieren. In Psalm 11,7 bezeugt David: »Der Herr ist gerecht und hat Gerechtigkeit lieb.« Das ist der Grund, dass »seine Augen auf den Gerechten gerichtet sind und seine Ohren auf ihr Schreien hören . . . Wenn die Gerechten schreien, so hört der Herr und errettet sie aus all ihrer Not.« David spricht im gleichen Zusammenhang davon, »dass der Gerechte viel leiden muss«, doch setzt er hinter diese Tatsache ein dickes Aber: »Aber aus all dem hilft ihm der Herr« (Ps.34,16.18.20). An anderer Stelle empfiehlt er uns: »Wirf dein Anliegen auf den Herrn; der wird dich versorgen und wird den Gerechten in Ewigkeit nicht wanken lassen.« Die Zuwendung Gottes gilt mir in meiner Lage. Er kommt mir mit seiner Gnade entgegen und hält mich, wenn ich wanken sollte, mit seiner starken Hand fest. Aber er tut noch viel mehr: »Du, Herr, segnest die Gerechten, du deckst sie mit Gnade wie mit einem Schilde.« Unter dem Segen Gottes zu stehen, ist der größte Reichtum unseres Lebens, ein unbezahlbares Geschenk. Und noch ein Bild benutzt der Psalmist für den Gerechten: »Der Gerechte wird grünen wie ein Palmbaum, er wird wachsen wie eine Zeder auf dem Libanon. Die gepflanzt sind im Hause des Herrn, werden grünen; und wenn sie auch alt werden, werden sie dennoch blühen, fruchtbar und frisch sein, dass sie verkündigen, wie der Herr es recht macht; er ist mein Fels, und kein Unrecht ist an ihm.« (Lies Ps.55,23; 5,13; 92,13-16.)
David ist zu der beglückenden Erkenntnis gekommen: So wie dem Himmel keine Grenzen gesetzt sind, so ist auch Gottes Güte grenzenlos. Er muss dieses Thema von der Güte Gottes noch einmal aufgreifen und seiner Freude Ausdruck geben: »Wir köstlich ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben.« Es ist Güte Gottes, dass wir uns bei ihm bergen dürfen. Bei ihm haben wir einen sicheren Zufluchtsort. Pfarrer Lüthi sagte einmal: »Es gibt für Christen nur eine Flucht, die Zu-Flucht zu Gott.« Wir sind immer wieder vor die Wahl gestellt, wo wir uns mit unseren Gedanken aufhalten wollen. Wir können bewusst »unter den Flügeln Gottes« Zuflucht nehmen, indem wir sein Wort lesen und mit ihm darüber ins Gespräch kommen. Aber »was immer mich von Gottes Wort abhält, ist mein Feind, so harmlos es auch scheinen mag. Was immer meine Aufmerksamkeit auf sich zieht, wenn ich über Gottes Wort und die ewigen Dinge nachsinnen sollte, ist für meine Seele zum Nachteil. Wenn die Sorgen des Lebens die Worte der Bibel von meinen Gedanken und meinem Herzen wegdrängen, habe ich Schaden erlitten, gerade da, wo ich es mir am wenigsten leisten kann. Setze ich an die Stelle der Heiligen Schrift etwas anderes, bin ich der Betrogene: Ich habe mich selbst beraubt« (A.W.Tozer). Deshalb sollten wir uns durch nichts davon abhalten lassen, dort zu sein, wo unser geistliches Leben gestärkt wird. Fliehe in die offenen Liebesarme Gottes! Er wartet heute auf dich, um dich bewahrt durch den Tag zu bringen und vor feindlichen Angriffen zu schützen. (Lies 5.Mose 33, 26.27; Jes.51,16; Ps.63,8.9; 71,3; Spr.14,26.)
Von den Menschen, die in der Gegenwart Gottes leben, sagt David: »Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses, und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.« Diese wunderbare Erfahrung hat er selber auch gemacht: »Mein Gott weiß mich aus seinem Überfluss zu beschenken, ja er überschüttet mich mit Freude und Wonne.« Und in Psalm 23 äußert er sein großes Glück so: »Du schenkst mir voll ein, mein Becher fließt über, du gibst mir mehr als genug.« Wer in der Gegenwart Gottes lebt, erfährt oft in überwältigender Weise, wie er gerade in schweren Zeiten, in plötzlichen Krankheitsnöten, in Leid und Trauer getröstet und durchgetragen wird. Eine Frau erzählt: »Es war für mich schwer, am Krankenbett meines sterbenden Mannes zu sitzen, ohne etwas für ihn tun zu können. Die Ärzte hatten alle medizinischen Möglichkeiten ausgeschöpft. Die dunklen Tage des Sterbens zogen sich hin. Doch wir waren eingehüllt in einen Frieden, den ich nicht mit Worten beschreiben kann. Es waren die Gebete vieler Freunde, die verhinderten, dass dunkle Schatten sich über unser Gemüt ausbreiten konnten. Ich möchte es jedem, der solch eine Wegstrecke zu gehen hat, sagen, wie treu Jesus ist. Sein Wort war für uns stärkend und tröstend. Oft konnte mein Mann nur kurze Bibelworte fassen wie Psalm 23,4: Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, so fürchte ich mich nicht, denn du bist bei mir. Oder ich denke an jenen Sonntagmorgen, an dem ein Posaunenchor den Choral spielte: Ich stehµ in meines Herren Hand und mein Mann mit wachen Augen zuhörte. Welch ein Trost kam uns da entgegen!« Die Gegenwart Gottes ist auch heute wie ein erfrischender Bach, der neben unserem Weg herfließt. Weitere Trostworte finden wir in Matthäus 28, 20 und Johannes 14, 1-3.27; 16,27.33.
»Bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht.« Mit diesen Worten steuert David auf den Höhepunkt in Psalm 36 zu. Er spricht von der Quelle des Lebens, die ihren Ursprung in Gott hat. Von dieser Quelle, von Gott selbst, geht eine kaum zu beschreibende Kraft aus. Wer an diese Energiequelle angeschlossen ist, den vergleicht der Prophet Jeremia mit einem Baum, »der am Wasser gepflanzt ist, der seine Wurzeln zum Bach hin streckt. Denn obgleich die Hitze kommt, fürchtet er sich doch nicht, sondern seine Blätter bleiben grün; und er sorgt sich nicht, wenn ein dürres Jahr kommt, sondern bringt ohne Aufhören Früchte« (Jer.17,7. 8). Lebenskraft strömt aus der beständigen Verbindung mit Gott. Sie versiegt selbst dann nicht, wenn »die Hitze« oder ein »dürres Jahr« kommt. In Josefs Leben gab es manche heißen Zeiten: Von den eigenen Brüdern wurde er aus Neid nach Ägypten verkauft. Als Sklave erlebte er tiefste Erniedrigung im Haus des Potifar. Schließlich landete er zu Unrecht im Gefängnis und blieb dort lange Zeit vergessen - dürre Jahre, und doch fruchtbare Jahre. Er selbst konnte sagen: »Gott hat mich fruchtbar gemacht im Lande meines Elends« (1.Mose 41, 51. 52; lies 37, 12-28; 39, 7-20). Welches Geheimnis verbirgt sich hinter dieser schweren und dennoch gesegneten Lebensführung Josefs? Wir lesen über ihn: »Josef ist ein Fruchtbaum, ein junger Fruchtbaum an der Quelle. Seine Zweige klettern über die Mauer hinaus« (1.Mose 49, 22). Menschlich gesehen waren die Chancen in Ägypten für ihn über weite Strecken trostlos, aber Josef lebte an der Quelle, er lebte in der beständigen Verbindung mit seinem Gott. Hier liegt die Kraft, in schweren Lebensführungen standhaft zu bleiben und unseren Weg getrost zu gehen. (Lies Micha 7, 7-9; Ps.107,19.20; 119,50.165.)
David benutzt noch ein zweites Bild und sagt: »In deinem Lichte sehen wir das Licht.« Die rechte Sicht für die Dinge in dieser Welt bekommen wir nur im Licht Gottes. Wo Gott selber uns die Augen öffnet für seine Sicht, für unseren persönlichen und gemeinsamen Weg als Jesus-Gemeinde, werden wir nicht unsicher im Dunkeln tappen. Schon der Prophet Jesaja konnte sagen: »Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude.« (Lies Jes. 9, 1-6.) Welch eine Veränderung geschah damals durch die Ankündigung des Messias! Er wird aller Ratlosigkeit ein Ende machen, weil er der »wunderbare Berater« ist. Er wird aller menschlichen Ohnmacht entgegentreten, weil er als der »starke Gott« niemals einer Situation ohnmächtig gegenübersteht. Den Verwaisten wird er als der »Ewige Vater« zur Seite stehen und als der »Friedefürst« aller Ungerechtigkeit ein Ende machen. Hoffnung leuchtete auf unter denen, die mutlos und ohne Ausweg waren. (Lies Ps.27,1; 84,12; Jes. 60, 20.) Wir müssen nicht mehr wie Jesaja auf Jesus warten. Er ist gekommen, er, der von sich selbst sagt: »Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht mehr in der Dunkelheit umherirren, sondern folgt dem Licht, das ihn zum Leben führt.« Während schwerer Krankheitstage schrieb eine junge Schwester, wie Jesus mit seinem Licht ihre Dunkelheit hell machte:
Mit einer Bitte richtete sich David am Ende des Psalms noch einmal ganz direkt an seinen Gott: »Breite deine Güte über die, die dich kennen, und deine Gerechtigkeit über die Frommen.« David weiß um die Gefahren, die von außen und von innen auf ihn lauern. Er spricht von den Stolzen, den Gottlosen und den Übeltätern, die nicht nach Gott fragen. Wie sehr mögen ihre überheblichen und spöttischen Worte David getroffen haben! Ihr gottloses Treiben, der Verlust jeglicher Ehrfurcht vor Gott unter seinen Zeitgenossen machten ihm zu schaffen. Deshalb bittet er um einen festen Standpunkt mitten in den Auseinandersetzungen seiner Tage: »Lass mich nicht kommen unter den Fuß der Stolzen, und die Hand der Gottlosen vertreibe mich nicht!« Wir leben heute in einer ganz ähnlichen Situation wie David damals. Macht es uns noch zu schaffen, dass so viele Menschen in unserer Umgebung ohne Gott leben, ihn ignorieren und meinen, ohne ihn die Welt regieren zu können? Treibt uns die Not einer gottlosen Welt ins Gebet? Erwartungsvoll dürfen wir mit unseren Bitten - auch für unsere Angehörigen - zu Jesus kommen. Unser Rufen verhallt bei ihm nicht ungehört. Er beantwortet unser Gebet. »Das ist die Zuversicht, die wir haben zu Gott: Wenn wir um etwas bitten nach seinem Willen, so hört er uns« (1. Joh. 5, 14; lies Ps. 4, 4; Spr. 15, 29). David sah in seiner Zeit das Ende der Gottlosen: »Siehe da, sie sind gefallen, die Übeltäter sind gestürzt und können nicht wieder aufstehen.« Am Ende unserer Tage wird Jesus selbst allem gottlosen Treiben ein Ende machen. Doch heute lädt er noch zur Umkehr ein, weil er nicht möchte, dass jemand für immer verloren geht. Das ist Güte Gottes! (Lies Jes.53, 5; Joh.3,16.17; 1. Joh.4,9.10.)
JESUS CHRISTUS UND SEINE STREITSÜCHTIGEN GEGNER (II) Markus 2, 18-3, 6
Wir befinden uns noch im zweiten Hauptteil des Markusevangeliums, in dem der Evangelist Markus Konfliktsituationen im Leben von Jesus besonders unter dem Aspekt der Jesus-Passion und des Kreuzes dargestellt hat (vgl. Auslegung ab 17. 02. 04). Erster Streitpunkt: Sündenvergebung für den Gelähmten. Zweiter Streitpunkt: Jesus - Freund der Zöllner. Auch der neue Textabschnitt zeigt, dass Jesus sich intensiv mit Lehre und Leben damaliger Frömmigkeit auseinander setzte und sie nach dem Willen Gottes neu prägte.
DRITTER STREITPUNKT: DIE FASTENFRAGE UND DER BRÄUTIGAM (2, 18-22) Das Fasten gehörte vor allem in der Jesus-Zeit zum Ideal jüdischer Frömmigkeit und war ursprünglich ein Trauerritus - etwa bei Sterbefällen oder anderen Verlusten. Die Trauergebärden verrieten Züge der Selbstminderung und Selbstdemütigung. Man lag mit zerrissenen Kleidern oder in einen schwarzen Sack gehüllt und mit Asche auf dem Kopf am Boden und verweigerte jede Stärkung (z.B. 2.Sam.12,16.21; 1.Kön.21,27; Ps.35,13). Fasten wird zur Trauer vor Gott über den eigenen verlorenen Zustand und zum beeindruckenden Umkehrritus, mit dem man etwas bei Gott erreichen wollte. Die Umkehrbewegung der Pharisäer ging sogar so weit, dass sie »den Beruf in sich fühlten, in den Riss zu treten, den die Sünde der breiten Massen immer aufs Neue zwischen Gott und Israel riss, um durch die Sühnkraft ihres Fastens Gottes Zorn zu wenden« (Strack-Billerbeck). Außerdem galt das Fasten als gleichrangig mit den Tempelopfern und war den Almosen für die Armen sogar überlegen. Jesus selbst hat sich nicht gegen das Fasten als Ausdruck intensiver Konzentration auf Gott gewandt, wohl aber gegen den Fasten-Stolz (Luk. 18, 9-14) und gegen die Verdienstlichkeit des Fastens (Matth. 6, 16-18). In Markus 2, 18-22 geht es nicht so sehr um die Verdienstlichkeit des Fastens, sondern um seine Ausrichtung auf die messianische Zeit. Manch ein Frommer mag versucht haben, die Ankunft des Messias durch »treues Darben« zu beschleunigen. Die Erwartung der Pharisäer und einiger Johannesjünger, durch Fastengebräuche mehr Besinnung, mehr Glauben und Gebetsbereitschaft zu erzeugen, wird sich nicht erfüllen. Auf diesem Weg entstehen höchstens neue Konventionen und Gesetzlichkeiten. Fasten erzeugt nicht einen neuen Geist, eine neue Geisteshaltung. Wohl aber kann ein neuer Geist die Herzen zu einem Fasten bewegen, das Gott gefällt. Darauf wies schon der Prophet Jesaja hin. Wir lesen Jesaja 58 und prüfen uns vor Gott, wie es um unser »Fasten und Verzichten« bestellt ist.
Markus 2, 18. 19; Jesaja 40, 1; 2.Korinther 6, 2. Jede Hochzeitsfeier im frommen Judentum der Jesus-Zeit bedeutete einen Durchbruch durch die dicke Decke düsterer Gesetzesfrömmigkeit. Der Hochzeitstag galt als ein besonders großer Freudentag, der eine Woche lang gefeiert wurde. »Schriftgelehrte unterbrachen ihr Thorastudium, Feinde söhnten sich aus, Bettler und wer sich sonst sehen ließ, wurden freigehalten« (Strack-Billerbeck). Es ist sonnenklar: »Können etwa Hochzeitsleute fasten, während der Bräutigam bei ihnen ist?« - Nein, und nochmals nein! Warum nicht? Jesus hat die Größte aller Freudenzeiten ausgerufen (Mark. 1, 14. 15). Mehr noch: In seiner Person ist das Heil Gottes zu den Menschen gekommen. Die Sünden-Trauer »hat ein Ende« (Jes.40, 2) und der »Trost Israels« (Luk.2,25) ist jetzt da. Die Mauer der Schuld wurde durch ihn eingedrückt (Mark. 2, 10. 16). Darum »jubelt, ihr Himmel, und jauchze, du Erde! Und ihr Berge, brecht in Jubel aus! Denn der HERR hat sein Volk getröstet, und über seine Elenden erbarmt er sich« (Jes. 49, 13). »Vergebung war angelangt, und Fasten wurde durch Freude abgelöst. Jesus ist mehr als ein Prophet, mehr als ein Rabbi. Sein Umkehrruf schickt - im Unterschied zum Judentum - nicht in die sehnsuchtsvolle Trauer, sondern in das große Freuen. Darum also sind seine Jünger auch anders fromm. Die jüdischen Fastensitten beibehalten hieße für sie, ihre Lampen brennen zu lassen, obwohl doch die Sonne aufgegangen ist« (A. Pohl). Die große Herausforderung bleibt: Wer ist Jesus für uns, für mich persönlich? Gott selber kommt in Jesus als Bräutigam zu uns, und seine erwählte Braut ist zunächst die Schar der Jünger, danach seine Gemeinde. Es gibt viel Grund zur Freude: In Jesus haben wir nicht einen flüchtigen Liebhaber, der seine Geliebte eines Tages sitzen lässt, sondern einen treuen Bräutigam, der uns in die Freiheit und Freude führt. Wie zeigt sich das in unserem Alltag praktisch? Wir bedenken dazu Römer 6,14-19 und Galater 4, 4.5.9.10; 5,1.13.
Die Hochzeitsfreude, die Jesus bringt, liegt nicht auf der Ebene der Vergnügtheit. Die Jesusfreude ist eine Fundament-Freude, eine durch Leiden und Sterben belastete und bewährte Freude. Die Zeit, in der »weggenommen sein wird der Bräutigam«, kann zum einen auf die Kreuzigung des Herrn bezogen werden. So hatte es der Prophet Jesaja bereits angekündigt: »Von Hass und Gericht wurde er weggerafft, abgeschnitten vom Land der Lebendigen« (53, 8). Doch die Entreißung des Bräutigams meint nicht Abbruch der Hochzeit, sondern Durchbruch in eine neue Heilszeit, die Hoffnung und Zukunft hat. »Denn ich kenne ja die Gedanken, die ich über euch denke, spricht der Herr, Gedanken des Friedens und nicht zum Unheil, um euch Zukunft und Hoffnung zu gewähren« (Jer.29,11). Zum anderen lässt sich die Hinwegnahme des Bräutigams auch mit der Himmelfahrt von Jesus verbinden. »Eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg« (Apg. 1, 9). Auch jetzt gilt: Der Bräutigam ist nicht einfach weg. Er ist den Seinen vielmehr im Heiligen Geist ganz nah. Zwar werden die »Hochzeitsleute« manche Spannungen und Nöte, Leiden und Traurigkeiten erleben, aber sie haben die Zusage Gottes: »Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt hingehen sehen in den Himmel« (Apg. 1, 11). Noch ist die weltweite Jesus-Gemeinde die aufs Warten gestellte Braut-Gemeinde. Wir leben und schöpfen schon jetzt aus der hochzeitlich-herrlichen Lebensfülle, die Gott uns mit Jesus geschenkt hat (Kol. 1, 18-20; 2, 2. 3). Dabei sollten wir nicht vergessen, woran uns ein Bibel-Ausleger erinnert: »Was immer wir an Freiheit und Freude erleben, was wir an Worten, Wundern und Gaben empfangen - alles ist gleichzeitig signiert durch das Kreuz unseres Herrn.« So kann ich getrost mit 1. Petrus 1, 3-9 und 4, 12-16 leben.
Es empfiehlt sich nicht, die Bildworte, die Jesus hier gebraucht, wie ein Feinmechaniker auseinander zu nehmen und Einzelmerkmale der Bilder zu deuten. Die Doppelung dient zur Unterstreichung einer einzigartigen Aussage: Die neue Zeit, die mit dem Bräutigam Jesus beginnt, ist mit der ausgetretenen frommen Tradition nicht zu vereinbaren. Im Bild gesprochen: Es ist nicht sinnvoll, ein altes Kleid mit einem neuen, frisch vom Webstuhl genommenen Stück Stoff zu flicken, sonst würde der Riss noch schlimmer. Ebenso gibt man nicht neuen Wein in alte, gemeint sind aus Leder gefertigte Schläuche, sondern neuer Wein gehört in neue Schläuche. Beide Bildworte veranschaulichen also einen Kerngedanken: Ungleiches gehört nicht zusammen - Gleiches gehört immer zusammen. »Es geht um die Unverträglichkeit des besseren Neuen mit dem schlechteren Alten« (A. Pohl). Das Neue, das Jesus bringt, ist nicht eine neue Religion, sondern ein neues Herz, nicht ein bisschen Weltverbesserung, sondern eine grundlegende Lebenserneuerung, ein neues Sein, ein neuer Wille, eine neue Kraft. Ob wir noch über 2.Korinther 5, 17 staunen können und mit dem Neuen, wie es Hesekiel 36, 26. 27 beschreibt, leben? Wir haben einen Gott, der uns beständig vom Alten befreit, indem er Neues wirkt. »Siehe, ich wirke Neues! Jetzt sprosst es auf. Erkennt ihr es nicht? Ja, ich lege durch die Wüste einen Weg, Ströme durch die Einöde« (Jes.43,19). Lassen wir uns darauf ein, wenn er Neues wirken will, oder kleben wir an lieb gewordenen Traditionen, Gedanken und Verhaltensmustern? Die Jesus-Gemeinde sollte vor allem erfüllt von Jesus, ihrem Bräutigam, sein, von seiner Liebe und Erwählung, von seinem Geist und von seinem Wort. Jesus kann nicht nur Herzen erneuern, sondern auch unser konkretes Verhalten. Welche biblischen Praxishilfen kennen wir außer 2.Mose 23, 1-9; Kolosser 3, 16. 17; 1. Petrus 2, 1-3; Hebräer 13, 1-9?
VIERTER STREITPUNKT: DAS SABBATGEBOT UND DER MENSCHENSOHN
In einer Welt, die immer wieder versklavt und zum pausenlosen Durcharbeiten antreibt, sollte das Volk Gottes an einem Tag in der Woche die Arbeit demonstrativ niederlegen und seinen Gott, der es aus der Versklavung befreit hatte, feiern (5.Mose 5, 15). Neben der Beschneidung wurde kein Gebot in Israel so ernst genommen wie das Sabbatgebot. Aus Angst vor Übertretung der Gebote Gottes waren im Lauf der Jahre unzählige »Vorbeugungsgebote« entstanden. So zählte zum Beispiel schon das Auszupfen von Ähren und die Säuberung des Korns von Spelzen als Erntearbeit. Unter der schweren Last der »Vorbeugungsgebote« verkümmerte das geistliche Leben zu einem einzigen Krampf. Jesus aber war gekommen, um aus aller Verkrampfung zu befreien. Seine Einladung steht bis heute: »Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken« (Matth.11,28)! Die Jünger, die mit Jesus unterwegs sind, finden bei ihm, in seiner Nähe, die nötige Stärkung und den nötigen Schutz. Die Pharisäer, die kürzlich noch ihre Bedenken und Fragen äußerten (Mark. 2, 16. 18), sind nun zum Angriff übergegangen. Mit einer jüdischen Verwarnungsformel »es ist nicht erlaubt« leiten sie bereits hier ein juristisches Verfahren gegen Jesus ein. Sollte sich herausstellen, dass die Jesusjünger zu derartigem Tun von ihrem Meister autorisiert sind, galt dieser in jedem Fall als todeswürdiger Irrlehrer, den man beseitigen musste (Mark. 3, 6). - Es ist erschütternd, wozu die Stimme der Gesetzlichkeit »im Namen Gottes« - das ist das eigentlich Gefährliche - fähig ist! Die »fromme« Gesetzlichkeit setzt sich zusammen aus der inneren Selbstgerechtigkeit und Angst des Menschen, der sich Gott als »Polizisten« vorstellt. Jesus aber lebte und lehrte, dass Gott unser lieber und guter Vater ist. »Du, Herr, bist unser Vater; Unser Erlöser, das ist von alters her dein Name« (Jes. 63, 16; lies Jer.31,9; Ps. 68,6; Matth.6, 9-13; Röm. 8,15; 1. Joh.3,1).
Dem Vorwurf der Pharisäer: »Du autorisierst deine Schüler zur Erntearbeit am Sabbat, die Gott verboten hat«, begegnet Jesus mit dem Hinweis auf eine denkwürdige Tat aus dem Leben des Königs David (1. Sam. 21, 2-7). Dabei geht es Jesus jetzt nicht darum, biblische Einzelfragen zu klären, sondern eine geistliche Handlungslinie aufzuzeigen: David, der Gesalbte Gottes, handelte in einer extremen Verfolgungs- und Notsituation für seine Begleiter, die ihm treu geblieben waren, und »für den Grundstamm seines zukünftigen Reiches. Die Zukunft setzte die gegenwärtige Ordnung für diese Gruppe außer Kraft. Alles hängt hier an der Entsprechung David - Jesus. In Jesus vollendet sich die Davidslinie . . . Es will festgehalten werden, dass die Sabbatfreiheit durch Beanspruchung messianischer Sondervollmacht begründet wird, nicht einfach durch einen humanitären Gesichtspunkt. Humanität lief in diesem Fall, wo es um Sättigung am Sabbat ging, offene Türen ein. Gerade am jüdischen Sabbat war für alle Hungernden gesorgt. Erst durch den Anschluss an den verfolgten Messias gerieten die Jünger in Not, ganz wie im Alten Testament jene Männer durch ihren Anschluss an den heimlichen König. Aber diejenigen, die am ersten nach der Gottesherrschaft trachteten, leben in einem besonderen Freiraum, und Gott selbst macht diese Nachfolge immer wieder möglich; vgl. Matth. 6, 25-34« (A. Pohl). - In welcher Bedrängnis auch immer wir sind, lasst uns nicht müde werden, Gott unser Vertrauen auszusprechen: »Herr, auf dich traue ich, lass mich nimmermehr zuschanden werden, errette mich durch deine Gerechtigkeit! Du wollest mich aus dem Netze ziehen, das sie mir heimlich stellten; denn du bist meine Stärke. Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte, dass du mein Elend ansiehst und nimmst dich meiner an in Not und übergibst mich nicht in die Hände des Feindes; du stellst meine Füße auf weiten Raum« (Ps. 31, 2. 3. 5. 8. 9).
Markus 2, 27. 28; 1.Mose 2, 2. 3; 2.Mose 20, 8-11. Wenn Jesus im ersten Teil seiner Antwort auf den königlichen Freiraum des bedrängten Gesalbten Gottes verwies, so nimmt er im zweiten gezielt die eigentliche Sabbatfrage auf. Die Streitigkeiten und Vorschriften um den Sabbat wollten kein Ende nehmen. Haarspalterei, Besserwisserei und Wortklauberei prägten das geistige Klima. Alles war darauf abgestellt, dem Sabbat zu dienen. Jesus drehte den Spieß herum und führte den Sabbat auf seinen ursprünglichen Sinn zurück: Gott, der Schöpfer, hatte dem Menschen einen Ruhetag geschenkt. Es muss ihn geben, weil der Mensch ihn braucht; denn für ein Leben im Dauer-Stress ist der Mensch nicht geschaffen. Darum ist der Ruhetag »um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen«. Jesus unterstreicht den Schöpferwillen Gottes, indem er ihn an seiner Person festmacht: »So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat.« Als messianischer Menschensohn - der Anklang an Daniel 7,13.14 ist unverkennbar - hat Jesus die Aufgabe, den Menschen für den Gotteswillen zu befreien und die Gottesherrschaft aufzurichten. Darum werden durch Jesus Mensch und Sabbat von gottwidrigen Fesseln befreit und in die Gottesherrschaft hineingenommen. »Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit« (2.Kor.3,17). Bemerkenswert am Jesuswort in Vers 28 ist die kleine Beifügung »auch«. Jesus ist Herr »auch« des Sabbats. Es gibt viele andere Einrichtungen, die, ähnlich dem Ruhetag, der Zurechtbringung durch Jesus bedürfen. Wie kommen wir (wieder) zurecht, sodass Gott in unserem Leben (wieder) zu seinem Recht kommt? Der Apostel Paulus rät und ermutigt uns zur ganzen Hingabe unseres Lebens an den Gott, der ganz und gar für uns ist und voller Mitgefühl und mit großer Treue für uns sorgt: Römer 8, 31-34; 12, 1. 2. Wir bedenken dazu noch 1. Petrus 1,9.10.
FÜNFTER STREITPUNKT: DAS SABBATGEBOT UND DER LEBENSRETTER (3,1-6) Nach rabbinischem Urteil gehörte das Heilen zu den verbotenen ärztlichen Arbeiten am Sabbat - ausgenommen bei Lebensgefahr. Nachdem Jesus durch die pharisäische »Behörde« schon eine »offizielle Verwarnung« als angeblicher Gesetzesbrecher erhalten hatte (Mark. 2, 24), ließ man ihn durch »Hinterhaltszeugen « beschatten, um ihm - im Fall eines weiteren Verstoßes gegen das Gesetz - den Prozess machen zu können. Welch eine Herzlosigkeit! Jesus aber setzt gezielt Herz und Mut gegen solch abgründige Bosheit, indem er für den Entstellten eintritt. Er überwindet Böses mit Gutem. Die Liebe zu dem gehandikapten Mann geht dem Herrn über seine eigene Sicherheit. Kraft dieser Liebe ruft Jesus den Angeschlagenen in die Mitte der Gemeindeversammlung. So stellt Jesus nicht nur Beziehung her, sondern beabsichtigt auch Öffentlichkeit. Es soll vor aller Augen deutlich werden, dass Gott diesem entstellten Menschen Gutes tun will - mit Bedacht am Sabbat. Bevor Jesus, der Herr des Sabbats, etwas tut, fragt er nach dem, was Gott erlaubt oder nicht erlaubt. Aber die Frage ist so gestellt, dass sie schon die Antwort enthält. »Ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses zu tun, ein Leben zu retten oder zu töten?« Offenbar war das Allerklarste nicht mehr klar - die Bindung des Gewissens an den ursprünglichen Gotteswillen und der persönliche Gehorsam dem gegenüber, der das Heil und Wohl des Menschen will, - an allen Tagen der Woche, gewiss, aber erst recht am Sabbat. - Für Jesus geht es am Sabbat durchaus um einTun, um ein Wohltun. So soll der Tag, den Gott geheiligt und gesegnet hat, auch ein Fest der Liebe zu Gott und dem Nächsten sein. »Das Wohltun und Mitteilen aber vergesst nicht! Denn an solchen Opfern hat Gott Wohlgefallen« (Hebr.13,16; vgl. Phil.2,25; 4,15-20).
Für Jesus geht es am Sabbat nicht darum, dass der Mensch stillsteht wie eine Maschine, die sich nicht mehr bewegt. Nicht das Nichtstun ist - im Unterschied zu rabbinischer Auffassung - der Maßstab gottgemäßer Feiertagsheiligung, sondern »dass man vom Tun unter Leistungsdruck befreit ist. Wesentlich ist das Beschenktwerden und Weiterschenken in Bezug auf Freude, Freiheit und Frieden. - Wer am Ruhetag allein auf das Nichtstun bedacht ist, ist schuld, dass auch das Wohltun aufhört. Wo aber das Wohltun aufhört, entsteht nicht etwa ein tatenloser Raum, sondern das Böse marschiert herein. Dabei ist das Böse hier nicht auf das Moralische einzugrenzen, sondern dämonologisch zu fassen. Der Böse schlägt die Frommen mit tötender Langeweile, mit Trübsinn und Einsamkeit« (A. Pohl). Wenn Jesus kurz und präzise gegenüberstellt »Leben retten - Leben töten«, offenbart er zutiefst Herzensabsichten. Er ist gekommen, Leben zu retten - jene aber, Leben zu töten. Damit sind die Gegner des Herrn aufs Schärfste angeklagt. Ihr Sabbat ist nicht mehr Heilsmacht, sondern Todesmacht. Jesus beabsichtigt, ihn wieder zu einem Tag der Rettung zu machen, an dem Gott erfahren und seine gute Herrschaft geschaut wird. Wir dürfen uns der Heils- und Rettermacht unseres Herrn neu anvertrauen, sollen aber auch aktiv werden für andere Menschen. Fragen wir uns ruhig im Blick auf unseren »Herrentag«: Wie wird unter uns die rettende, die wiederherstellende und wohltuende Barmherzigkeit unseres Herrn sichtbar? Gibt es Blockaden, Irritationen? Wie überwinden wir sie? Orientieren sich unsere Gottesdienste und Liturgien, unsere Bibel- und Gebetsstunden auch an der »Menschenfreundlichkeit und Menschenliebe Gottes« (Tit.3,4; vgl. 1. Joh. 4, 9)? Gottes Anspruch und Heiligkeit will Menschenherzen auf den Schienen der sich selbst schenkenden und wohltuenden Jesus-Liebe erreichen. »Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist. Wohl dem, der auf ihn traut« (Ps.34, 9).
»Sie aber schwiegen.« Der Urtext macht deutlich, dass es sich hier um einen inneren Verhärtungsprozess handelte. Die »lauernde Fraktion« verweigert das aufrichtige Nachdenken über Jesus und sein Wort und verbeißt sich immer tiefer in ihre eigene Gedanken- und Lebenswelt. Wie wichtig ist es, jeden Gedanken, der sich gegen Gott auflehnt, gefangen zu nehmen und ihn dem Wort von Jesus Christus zu unterstellen (2. Kor. 10, 5). Jesus selbst schaut die Verhärtung der Herzen mit Zorn und tiefer Traurigkeit an, sieht er doch an dieser Herzensversteinerung den Satan am Werk. Aber inmitten dieser starren Totenwelt ertönt sein vollmächtiges Lebenswort: »Strecke deine Hand aus!« Welch ein Bild!
Alles Verkrümmte und Verkümmerte dürfen wir ihm hinhalten: die krumme Tour wie den verkümmerten Liebeswillen, die starre Ratlosigkeit und den welken Glauben. Jesus kann helfen. Jesus kann heilen. Jesus kann neuen Schwung und eine ganz neue Beweglichkeit schenken. Wir sollen wieder fröhlich werden und ihm gerne dienen. »Dienet dem Herrn mit Freuden, kommt vor sein Angesicht mit Jubel« (Ps.100, 2). Ob der Geheilte sich mitnehmen ließ in die dankbare Freude über die neue Beweglichkeit seiner Hand? Ob er sie zur Ehre Gottes gebrauchte und zur Wohltat an anderen Menschen? Ob er jetzt Jesus nachfolgte - nicht nur mit einer wiederhergestellten Hand, sondern mit einem wiederhergestellten Herzen? Das wäre die schönste und reifste Frucht des Jesus-Dienstes an Menschen. Denn zu heilen und zu retten, was verloren ist, war er gekommen und dazu, die Werke des Teufels zu zerstören. (Lies Luk.19,10; 1. Joh.3, 8.) Die Pharisäer haben sich nicht helfen lassen. Sie sind fest entschlossen, Jesus ans Messer zu liefern. Damit stoßen wir noch einmal auf das Geheimnis seines Todes: Weil Jesus Freiheit und Leben brachte, musste er sterben. Indem er starb, erfüllte er seine Sendung. ZUM LEBEN UND ZUR LIEBE BESTIMMT (1. Mose 2, 4-25) Das erste Kapitel von der Entstehung des Universums, der Welt und des Lebens auf der Erde schließt mit der Ruhe Gottes am siebten Tag (02.03.-31.03.2004). Nun wird unser Blick ausschließlich auf den Erdkreis gelenkt, ganz besonders auf die detaillierte Erschaffung, die göttliche Bestimmung und Prüfung des ersten Menschenpaares.
zur Verfügung gestellt von: bibel.com der Homepage von Christen für Christen.