Das vergangene Jahr ist unwiederbringlich abgeschlossen, auch wenn bei uns Frohes und Schweres, Glück und Unglück noch nachklingen mögen. Aber das neue Jahr ist angebrochen, auch wenn wir nicht wissen, was es an Freude und Schmerz mitbringt. Für Jesus war die Zeit gekommen, seinen dreijährigen Dienstauftrag auf der Erde zu beenden. Er steht gewissermaßen an der Schwelle einer neuen Zeit. Darauf will er seinen engsten Jüngerkreis vorbereiten und vertraut ihm sein Vermächtnis an. Der Evangelist Johannes hat es in den Kapiteln 13-17 dargelegt. Der Herr eröffnet seine lange Abschiedsrede (14-16) mit einer einzigartigen Ermutigung: »Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!« Dieses Wort blickt darauf zurück, was sich vor wenigen Augenblicken den Jüngern enthüllt hatte. Jesus selbst hatte »im Geist erschüttert « von dem Verräter in ihrer Mitte gesprochen (Joh. 13, 21). Dunkle Ereignisse standen vor ihnen, die sogar einen Petrus zum Verleugnen des Herrn bringen würden (Joh. 13, 36-38). Auf jeden Fall kam die Trennung von ihrem Meister, der hinging, wohin sie nicht folgen konnten (Joh. 13, 33). Wie kann da ihr Herz »nicht erschüttert werden«? Wie soll es weitergehen ohne den Herrn? Nichts wird mehr sein, wie es einmal war. Die Jünger sind erschrocken, verwirrt, erschüttert. Das griechische Wort ist ein starker Ausdruck. Man könnte den Vorgang der Erschütterung mit einem Wassereimer vergleichen, in dem sich Schlamm abgesetzt hat. Dann wird in ihm herumgerührt, und auf einmal kommt wieder so manches hoch. »Noch will das Alte unsre Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwere Last; ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen das Heil, für das du uns bereitet hast« (D. Bonhoeffer). Unser Herr schenkt uns an jedem neuen Tag des neuen Jahres sein Heil. Er berührt verwundete und zerbrochene Herzen. Er bringt aufgewühlte Seelen zur Ruhe und richtet die Niedergeschlagenen auf. (Lies 1. Sam. 2, 4; Ps. 34, 19; 147, 3; Mark. 3, 10; Matth. 8, 23-26.) Besonders tröstlich ist, dass Jesus uns in allem, was uns verwirrt und erschreckt, aus persönlicher Erfahrung versteht: Hebräer 4, 15. 16.
Die Jünger waren entsetzt. Sie hatten ein erschrockenes Herz. Schon in den drei Jahren mit Jesus hatten sie erschütternde Dinge miterlebt. Sie wurden mit schlimmen Krankheiten konfrontiert. Niemals zuvor hatten sie so viel mit Menschen zu tun gehabt, die in okkulten Bindungen gefangen waren. Sie erlebten Gewalt und Brutalität: Völlig willkürlich, aus einer momentanen Laune heraus, ließ König Herodes Johannes, den Mann Gottes, enthaupten. Und viele Menschen kamen um, als die Römer einen Aufstand von jüdischen Freiheitskämpfern brutal niederschlugen. Das alles war erschütternd. Aber bei alldem hatten sie Jesus an ihrer Seite. Man konnte ihm alles sagen, alles mit ihm besprechen. Sie konnten miteinander singen und beten, auf sein gutes Wort hören und sich freuen über die Wunder, die er wirkte. Und jetzt sollte das alles ein Ende haben? Jetzt sollte Jesus weggehen, sterben? »Die Erschütterung ihres Herzens ist also im Grunde nichts anderes als die Angst, ihn zu verlieren und zusammen mit ihm das Leben zu verlieren, das er für sie ist« (U. Wilckens). Für die Jünger bewirkt sein Tod eine viel tiefere Bedrohung ihrer selbst, als es das Sterben irgendeines anderen Menschen sein kann. Ist er doch ihr Ein und Alles. Hatten sie doch in seiner Nachfolge teil an der Wirklichkeit ewigen Lebens (Joh. 10, 27. 28) zu wem anders sollen sie weggehen (Joh. 6, 68. 69)? Jesus richtet seine Jünger auf, indem er das biblische Trostwort »Fürchtet euch nicht!« seelsorgerlich konkretisiert: »Euer Herz lasse sich nicht erschüttern! « Mitten in ihre Angst hinein ermutigt er sie zum Glauben. Wo er ihrem Glauben entzogen erscheint, sollen sie an Gott glauben. In sich selbst finden die Jünger keinen Halt. Aber sie dürfen von allem Sichtbaren, von sich selber wegblicken auf Gott und in ihm ihre Geborgenheit finden. Mit Psalm 31 dürfen wir getrost in diesen Tag gehen.
»Glaubt an Gott!« Hatten die Jünger als fromme Juden je an der Existenz des lebendigen Gottes gezweifelt? Sie kannten »ihre Bibel« gut. Sie waren mit den Schriften des Alten Testaments vertraut. Sie wussten um die herrlichen Taten Gottes, aber auch um sein Gerichtshandeln: Psalm 106, 1ff; 136, 1-16. 21-24. Ja, die Jünger glaubten an Gott. Entsprechend lautet die Übersetzung in manchen Bibelausgaben »Ihr glaubt an Gott«. Dann hätte Jesus ihren Glauben in dieser dunklen Stunde bestärkt: Da ihr auf diesem Glaubensfundament steht, »glaubt auch an mich!« Und genau hier liegt das Herzstück des Glaubens. Wer bin ich für euch Jesus von Nazareth, »Sohn des Zimmermanns«, Wanderprediger, Lehrer, Wundertäter, Glaubensvorbild? Das ist wohl wahr. Aber die entscheidende Frage lautet: Glaubt ihr an mich als den von Gott gesandten Sohn? Die Jünger hatten bekannt: »Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!« (Matth. 16, 16; vgl. 14, 33) um die Bewährung dieses Glaubens sollte es jetzt und in Zukunft gehen. »Wer aber ist es, der die Welt überwindet, wenn nicht der, der glaubt, dass Jesus der Sohn Gottes ist?« (1. Joh. 5, 5) Wenn Jesus nur ein guter Mensch, ein eindrucksvolles Vorbild, ein großer Reformator wäre, ein Idealist, sogar willig, für seine Lehre zu sterben, dann müsste er als Edel-Mensch und als Märtyrer verehrt werden, nicht aber als Sohn Gottes, der uns den Vater und seinen Plan zur Rettung der Menschen aus den Fängen der Sünde und des Teufels offenbart hat. »Dies aber ist das ewige Leben, dass die Menschen dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen« (Joh. 17, 3; lies Joh. 17, 4-10). Jesus, dem Sohn Gottes, war nichts wichtiger, als den Willen des Vaters zu tun.
Der Weg mit Jesus kann mit vielen Schwierigkeiten verbunden sein. Aber er ist nie sinnlos, endlos und ziellos. Er hat ein klares Ziel: Das »Vaterhaus«. Dort im Himmel ist sein Vater zu Hause, und dort werden auch alle Kinder Gottes zu Hause sein. Jesus war von dieser jenseitigen Welt Gottes gekommen und kehrte auch wieder dorthin zurück. Er ist also der Einzige, der verbindliche Auskunft über den Himmel geben kann. Wir wissen, dass es eine Vielfalt von Himmelswelten gibt. Paulus schreibt, dass er für kurze Zeit »bis in den dritten Himmel entrückt wurde« (2. Kor. 12, 2b). Diese himmlischen Welten sind keine Traumwelten oder Bewusstseinszustände, sondern genauso real und wirklich wie unsere irdische Welt. Und darum spricht Jesus auch ganz menschlich von »vielen Wohnungen«. Im Himmel gibt es keine Wohnungsnot. Der Himmel gleicht nicht einem kleinen Festsaal, der schnell überfüllt ist, sondern er ist unvorstellbar groß. Die gewaltigen Ausmaße des himmlischen Jerusalems sprechen für sich (Offb. 21, 16: 2.220 km x 2.220 km x 2.220 km). Der Himmel ist eine Welt voller himmlischer Wesen (Dan. 7, 10; Hebr. 12, 22), ganz abgesehen von der großen unzählbaren Schar der Glaubenden. Der Himmel ist voller Licht, voller Glanz, voller Schönheit. Im griechischen Begriff für »Wohnung« steckt das Wort »bleiben«. Das Leben im Vaterhaus hat Ewigkeitscharakter. Auf der Erde werden wir nicht immer bleiben. Hier sind wir eigentlich nur Gäste. Hier haben wir keine bleibende Unterkunft, wir sind nur auf der Durchreise. Alles, was wir hier haben, ist nur Reisegepäck. Alles, was wir hier aufbauen, ist nur Provisorium. Das müssen wir uns immer wieder vor Augen stellen, wenn wir so fest mit beiden Beinen in dieser Welt stehen, wenn wir uns so gut in dieser Welt einrichten und wenn wir uns so sehr an die Dinge dieser Welt klammern und möglichst nichts davon aus der Hand geben wollen. (Vgl. Matth. 6, 19. 20; Luk. 12, 33; Phil. 3, 20; Hebr. 13, 14; 11, 8-10; 12, 22.)
Jesus tröstet seine Jünger, indem er ihren Blick auf das herrliche Ziel lenkt: Die vielen Wohnungen sind schon da. Aber warum spricht der Herr davon, dass er hingehen und die Stätte bereiten müsse? Der »Rückweg« des Sohnes Gottes ins »Vaterhaus« führt über Golgatha. Vor dem Gang zum Vater liegt der Gang ans Kreuz. »So sehr die vielen Wohnungen da sind, es wird doch tatsächlich erst durch den Hingang von Jesus, durch sein ganzes Leiden, Sterben und Auferstehen bewirkt, dass schuldbeladene Menschen auch ein Verleugner wie Petrus! mit völliger Gewissheit diese Wohnungen erwarten können« (W. de Boor). Jesus verspricht noch mehr als die Zubereitung der himmlischen Wohnstätte. Seine »Himmelfahrt«, die Rückkehr zum Vater, ist nicht Endstation seines Wirkens. Der Herr verheißt seinen Jüngern: » . . . so komme ich wieder. « Zunächst dürfen wir daran denken, dass Jesus an Pfingsten im Heiligen Geist zu den Seinen kommt. »Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe« (Joh. 14, 26; vgl. Joh. 14, 18; 16, 7; 7, 39). Wir werden auch an das »Endziel«, die Vollendung unseres Glaubens, erinnert dann, wenn der Herr Jesus Christus wiederkommt. »Und ich werde euch zu mir zu nehmen, damit auch ihr seid, wo ich bin.« Jesus will uns zu sich nehmen. Dann werden alle Erschütterungen, Schmerzen, Krankheitsnöte und Leiden für immer von uns abfallen, dann wird uns keine Sünde mehr von ihm trennen. Und wir werden ihn sehen und für immer bei ihm sein. »Noch eine kurze Zeit, dann ists gewonnen, dann ist der ganze Streit in Nichts zerronnen. Dann darf ich laben mich an Lebensbächen und ewig, ewiglich mit Jesus sprechen.« Søren Kierkegaard (1813-1855)
Jesus will uns für immer bei sich haben. Auf dieses Ziel gehen wir zu. Es ist gut, wenn wir ab und zu unsere Lebensziele überprüfen. Gottes Wort zeigt radikal, worum es in diesem Leben eigentlich nicht in erster Linie geht. Es geht nicht darum, dass wir viel besitzen, sammeln und horten. Zu dem, der nur auf seinen Besitz aus war, sagt Gott: »Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?« (Lies Luk. 12, 15-21; 1. Tim. 6, 10.) Es geht nicht darum, dass wir viel wissen und viel leisten. Paulus betont ja gerade: »Was töricht ist, . . . was schwach ist, . . . und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist« (1. Kor. 1, 27. 28; vgl. Jak. 2, 5). Es geht auch nicht darum, dass wir viel Bewunderung und Beifall erhalten. Jesus sagt hier: »Solche Leute, die ihre guten Taten ausposaunen, haben ihren Lohn schon gehabt« (Matth. 6, 2; lies Matth. 23, 5-7. 12; Joh. 5, 44; Phil. 2, 3). Und es geht nicht einmal darum, dass wir fit und gesund bleiben. Am Beispiel vom Verlust des Augenlichts macht Jesus deutlich: »Es ist besser für dich, dass du einäugig zum Leben eingehst, als dass du zwei Augen hast und wirst in das höllische Feuer geworfen« (Matth. 18, 9). Wie schrecklich wäre es, wenn du in deinem Leben zwar alle deine Ziele erreichst, aber Gottes Ziel verfehlst. Doch das muss nicht sein. Ich will mich prüfen: Was in meinem Leben bringt mich vom Ziel Gottes weiter weg? Und was hilft mir, auf klarem Kurs zu bleiben?
Wir können den bekannten Liedtext von H. Winkel als persönliches Gebet singen oder sprechen: Herr Jesus Christus, »lass mir das Ziel vor Augen bleiben, zu dem du mich berufen hast. Lass nicht aus deiner Spur mich treiben des Weges Länge oder Last. Bin ich versucht, auf mich zu schauen und nicht mehr auf das Ziel zu sehn, hilf mir, aufs Neue im Vertrauen auf deinen Sieg voranzugehn.« Was hilft mir, zielgerichtet auf klarem Kurs zu bleiben? Welche geistlichen Ziele möchte ich mir für das Jahr 2010 setzen? Ist es mein Ziel, in diesem Jahr mehr Zeit zum persönlichen Bibellesen und Gebet zu haben? Will ich mir überlegen, an welcher Stelle in der Gemeinde ich mitarbeiten könnte? Möchte ich mir zum Ziel machen, im kommenden Jahr einen Menschen zu Jesus zu führen? Will ich einen bestimmten Menschen ein Jahr lang betend begleiten? Möchte ich durch die Kraft des Heiligen Geistes eine bestimmte Unart meines Wesens ablegen und dafür die Wesensart von Jesus annehmen? Es gibt viele geistliche Ziele, die uns helfen, dem großen Ziel zuversichtlich entgegenzugehen » . . . damit auch ihr seid, wo ich bin. Und wohin ich gehe, dahin wisst ihr den Weg« (Joh. 14, 3b. 4). Jesus geht offenbar davon aus, dass seine Jünger den Weg ins Vaterhaus kennen. Davon handelt im Grunde alles, was der Herr sie in drei Jahren »Jünger-Schule« gelehrt hat. Aber da kommt Protest: »Herr, wir wissen nicht, . . . « (V. 5a). Wir können etwas wissen, und es doch noch nicht verstanden haben. Das gehört zu Lernprozessen dazu (Joh. 13, 7). Wenn es aber um den Weg ins Vaterhaus Gottes geht, müssen wir vom Kopf-Wissen zur Herzens-Gewissheit gelangen. (Vgl. Hiob 19, 25; 42, 5; Eph. 1, 18.)
Jesus hat seinen Jüngern ein herrliches Ziel vorgestellt und ihnen zugesagt, dass er für sie die notwendigen Vorbereitungen treffen werde. Nun spricht der Herr vom Weg, der zum Ziel führt. Thomas* will es ganz genau wissen: »Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen?« »Die Antwort, die Jesus Thomas gibt, gehört zum Bewegendsten des Evangeliums. Zweierlei wird hier glasklar gemacht: a) wie der Mensch zu Gott kommt, und b) welche Rolle Jesus dabei spielt. Dass Jesus auf jeden Rahmen, auch auf das oft gebrauchte Amen (vgl. Joh. 13, 38) verzichtet, erhöht nur die Wucht seiner Worte« (G. Maier). »Ich bin der Weg.« Erinnern wir uns an die Begegnung zwischen Gott und Mose am brennenden Dornbusch! Der Herr stellte sich mit seinem Namen »Ich bin, der ich bin« vor. Jesus knüpft daran an und offenbart in den Ichbin- Worten seine Göttlichkeit. Damit ist gesagt: Jesus, der selber Gott ist, ist der Weg zum Vater. Er ist nicht irgendein Weg, sondern der Weg, der einzige Weg. Wir können auf vielen unterschiedlichen Wegen nach Stuttgart oder New York gelangen, aber nur auf einem Weg in den Himmel kommen. Menschen kommen auf unterschiedlichen Wegen zum Glauben an Jesus. Aber es ist immer nur der eine Weg, der ins Vaterhaus führt: Jesus Christus, der Sohn Gottes. Er zeigt und ermöglicht den Zugang zum Vater. Der von Gott abgefallene Mensch hat von sich aus keinen Zugang zu Gott: »Alle haben gesündigt und erlangen nicht die Herrlichkeit Gottes« (Röm. 3, 23; vgl. 1. Mose 3, 24). Nur der Gottessohn hat den Zugang zu Gott durch seine stellvertretende Sühne wieder geöffnet. Darüber jubelt das ganze Neue Testament. (Lies Röm. 5, 2; Eph. 2, 18; 3, 12; 1. Petr. 3, 18; Hebr. 4, 16; 10, 19-23.)
* Wir verzichten an dieser Stelle auf biografische Notizen zu Thomas, um den Gedankengang des Textes nicht zu unterbrechen, befassen uns aber am Schluss des Themas mit der Person dieses Jüngers.Jesus ist der Weg. Er sagt uns nicht nur, wie der Weg aussieht, den wir gehen sollen. Er selbst ist der Weg. Er ging den Weg durch das Leben hindurch. Er hat den tiefen Abgrund der Schuld überwunden, der alle Menschen von Gott trennte und er machte den Weg zu Gott selbst durch das Totenreich hindurch frei. »Ich bin die Wahrheit.« Der Herr lehrt nicht, wie es viele Religionen und Weltanschauungen tun, »Wahrheiten« über Gott und die Welt. Bei Jesus geht es um die Wahrheit, um wahre, untrügliche Wirklichkeit. »In ihm finden wir die Wirklichkeit des lebendigen Gottes« (W. de Boor). Jesus ist die Wahrheit in Person. Er bezeugt und verkörpert die Wahrheit: - Seine Worte sind Wahrheit: »Herr, Herr, du bist es, der da Gott ist, und deine Worte sind Wahrheit« (2. Sam. 7, 28; vgl. Ps. 119, 160; Joh. 8, 40. 45. 46; 16, 7; 17, 17; Jak. 1, 18; Offb. 3, 14; 19, 11). - Seine Art zu leben entspricht der Wahrheit. (Lies Joh. 1, 14. 17; Luk. 2, 42-51.) Jesus lebte so, wie es dem Wort und Willen Gottes entsprach. In allem vertraute er sich dem Vater an und lernte, obwohl er Sohn war, an dem, was er litt, den Gehorsam (Hebr. 5, 8). - Seine Wahrheit gibt uns Orientierung. Wir dürfen den Herrn bitten: »Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten« (Ps. 43, 3a). - Seine Wahrheit zeigt uns, was bleibt und was vergänglich ist. (Vgl. Jes. 40, 8; Mark. 13, 31; 1. Joh. 2, 15-17.) - Seine Wahrheit macht uns frei (Joh. 8, 31. 32. 34. 36) frei von der Heidenangst, frei von Eigennutz und Täuschungs-Manövern, frei von sündigen Gebundenheiten. Wenn Jesus uns die Wahrheit ersparen würde, hätte er uns nicht lieb. Und so ist es zutiefst seine Liebe, durch die er uns befreit.
»Ich bin das Leben.« Wie viel Mitgefühl empfand Jesus, als jene Witwe ihren einzigen Sohn zu Grabe tragen musste. »Als sie der Herr sah, jammerte sie ihn.« Wörtlich heißt es: »Ihm wurden die Eingeweide herumgedreht. « Das Leid der Witwe tat Jesus bis innen hinein weh. Darum ist auch sein Trostwort »Weine nicht!« echte und tiefe Anteilnahme. Niemand kann so trösten wie Jesus. Sein Trost ist einzigartig. Wenn er nun durch sein vollmächtiges Wort den Sohn der Witwe ins irdische Leben zurückholt, erweist sich Jesus als Gott, der Herr ist über Lebende und Tote. Er sagt von sich selber: »Ich bin die Auferstehung und das Leben« (Joh. 11, 25a). Es gibt eine lebendige Hoffnung, die weit über das irdische Leben hinaus- und ins ewige Leben hineinragt. Darum verspricht Jesus: »Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das?« (Joh. 11, 25b. 26). Hier geht es ganz persönlich zu. Jesus schenkt jedem, der an ihn glaubt, schon jetzt, in das vergängliche Leben hinein, sein Auferstehungsleben, das ewige Leben bestätigt und besiegelt durch seine eigene Auferstehung. »Ich lebe, und ihr sollt auch leben« (Joh. 14, 19; vgl. Joh. 10, 10. 28; 1. Joh. 4, 9). Aber es gibt dieses Leben, das Jesus in Person ist, ausschließlich in persönlicher Bindung an ihn. An Jesus vorbei kommt niemand in den Himmel. »Allein in Jesus ist Gott den Menschen zugänglich: Niemand kommt zum Vater außer durch mich. Diese radikale Exklusivität, in der aller Glaube an Gott in den Glauben an Jesus integriert wird, hat ihren Grund in der radikalen Zuwendung Gottes zu den Menschen in seinem Mensch-gewordenen Sohn« (U. Wilckens). (Lies Apg. 4, 12; 10, 43; 1. Joh. 5, 12.)
Wie gut, dass Thomas ehrlich nachfragt, was für ihn nicht klar war. Bemerkenswert ist, dass Jesus an dieser Stelle kein Lehr- oder Seelsorge-Gespräch mit Thomas führt, sondern dass der Herr sich seinem Jünger als Sohn Gottes vorstellt. »Damit ist eine letzte Klarstellung erfolgt: Jesus ist der einzige Vermittler des Heils für alle Menschen. Kein Kirchenchrist, kein Jude, kein Moslem, kein Buddhist, keiner kann ohne Jesus zum Vater kommen. Dass es verschiedene Heilswege zu Gott geben soll, ist eine falsche Ansicht. Johannes 14, 6 hat es unmöglich gemacht, dass die Christen in einen allgemeinen Toleranzgedanken einwilligen. So sehr wir Liebe üben sollen, so wenig können wir von der Tatsache lassen: In keinem andern ist das Heil (Apg. 4, 12). Das bringt etwas Unnachgiebiges in die Christenheit hinein. Aber man muss sich klarmachen, dass Johannes 14, 6 kein Satz des Hochmuts, sondern der Retterliebe ist. Aus Retterliebe warnt Jesus davor, den Zugang zu Gott irgendwo anders zu suchen als bei ihm. Positiv aber gilt: Jeder kommt zum Vater durch mich! « (G. Maier) Von Thomas wissen wir, dass er mehr Zeit als andere gebraucht hat, zum persönlichen Glauben an Jesus als den Auferstandenen zu finden. Der Evangelist Johannes hat ein kleines Persönlichkeits-Profil skizziert: Zuerst sei aber erwähnt, dass Thomas zum Zwölfer-Kreis gehört. Er ist ein Erwählter Gottes und ein zum Apostelamt Berufener. (Lies Luk. 6, 12-16; Röm. 11, 29.) In Johannes 11, 14-16 begegnen wir Thomas erstmalig persönlich. Als nüchterner Wirklichkeitsmensch sieht er den dunklen Ausgang seines Herrn voraus. Thomas ist bereit, mit Jesus zu sterben (Joh. 11, 16; vgl. Matth. 26, 35). »Er weiß sich unlöslich an Jesus gebunden, auch wenn er keine Hoffnung mehr hat. Allerdings zu glauben vermag er so wenig wie die andern Jünger. Johannes zeigt an Thomas besonders klar, dass der Auferstehungsglaube der Jünger nicht aus ihrem eigenen Herzen kam« (W. de Boor).
Mit dem Begräbnis von Jesus muss für Thomas wie übrigens auch für die anderen Jünger eine Welt zusammengebrochen sein. Warum er am Auferstehungstag nicht bei den andern Jüngern ist, sagt uns der Evangelist Johannes nicht. Ihm kommt es nur auf die Tatsache als solche an. Diese Tatsache aber ist folgenreich. Jesus offenbart sich im Kreis der Seinen. (Lies Joh. 20, 19-23.) Wer in diesem Kreis fehlt, verliert auch den Anteil am Handeln des Auferstandenen. Die anderen Jünger suchen Thomas auf und erzählen ihm von der Auferstehung ihres Herrn und bringen ihn in die Gemeinschaft zurück. Thomas jedoch verweigert den Glauben. Aber er ist Zweifler aus Not und aus heftigem Verlangen nach Gewissheit. Er will auf gar keinen Fall irgendeiner Täuschung erliegen, darum fordert er handfeste Beweise. Es ist gut, dass wir keine entrüsteten Worte der andern über Thomas hören und dass er sich selber nicht von den Jüngern trennt. Als der Herr acht Tage später wieder in den Kreis der Seinen kommt, empfängt Thomas kein Scheltwort. Ihn trifft die ernste Liebe des Herrn, die diesen Jünger aus der Not der Ungewissheit und des Zweifels zum lebendigen Glauben bringen will. In seiner Güte geht der Herr auf die Forderungen Thomas ein. Dieser weiß sich mit einem Mal erkannt und geliebt. Er muss aber auch eine Entscheidung treffen. »Sei nicht ungläubig, sondern gläubig.« Thomas tritt auf die Seite von Jesus und bekennt den Gekreuzigten und Auferstandenen als seinen Gott und Herrn. Jetzt kann er persönlich bezeugen, dass sein Herr bestürzte, erschrockene Herzen berührt und überwindet, dass Jesus »der Weg, die Wahrheit und das Leben« in Person ist. (Lies 2. Kor. 5, 7; 1. Petr. 1, 8; Hebr. 11, 1. 27.) Ge fangen und doch frei in Ch ristus (Ephe ser 1, 1-23)
Wenn wir uns in den kommenden Tagen mit dem Brief an die Epheser befassen, können wir das mit gespannter Erwartung tun. Paulus, der Verfasser dieses zu den Gefangenschaftsbriefen zählenden Schriftstücks (Kap. 3, 1; 4, 1; 6, 20), entfaltet darin das wunderbare Thema von der Herrlichkeit der Gemeinde des Herrn Jesus Christus. Deshalb ist dieser Brief nicht nur von Bedeutung für die Gemeinde in Ephesus, sondern er gilt der weltweiten Jesus-Gemeinde aller Zeiten. Die meisten Ausleger gehen davon aus, dass es sich um einen Austauschbrief des Apostels handelt, der von Tychikus zusammen mit anderen paulinischen Briefen von Gemeinde zu Gemeinde im kleinasiatischen Raum weitergetragen wurde. (Vgl. Eph. 6, 21.) Es fällt auf, dass Paulus seine schwierigen Umstände nicht näher beschreibt und sich offenbar auch nicht von ihnen aus der Fassung bringen lässt. Indem er sich ganz Gottes Willen unterstellt, zeigt er uns, dass die Gemeinde nicht auf seinen Schultern ruht und von ihm abhängig ist, sondern ganz in Gottes Händen. Auch wenn er gefangen lag und die Gemeinden nicht persönlich besuchen konnte, war das kein Hindernis für Gottes Heilshandeln. »Paulus kennt kein Warum über seine Gefangenschaft. Er hat ein volles Ja zu den Wegen Gottes. So, losgelöst von sich selbst, kann ihn der Geist Gottes benützen, die höchsten Wahrheiten über die Gemeinde des Herrn zum Ausdruck zu bringen, ja zu offenbaren, was bisher Geheimnis war« (O. Fuhrmann; vgl. Eph. 3, 3-5). Der Brief lässt sich leicht in zwei Hauptteile gliedern. Die ersten drei Kapitel befassen sich vor allem mit der Lehre über die Gemeinde, während sich die letzten drei mit dem Leben der Gemeinde und ihrer Glieder auseinandersetzen. Es wird in dem Brief deutlich, wie sehr die Gemeinde vom Herrn geliebt ist. (Siehe Eph. 5, 25; Joh. 13, 34.)
Paulus eröffnet seinen Brief, wie es der damals üblichen Briefform für bürokratische orientalische Dienstschreiben entsprach: Absender Adressaten Gruß, so das Muster. Wie der Apostel allerdings der Form entspricht, ist atemberaubend. Die Eingangsworte sind inhaltlich schon so gefüllt und mit Zusätzen versehen worden, dass wir bereits an ihnen die drei großen Linien göttlicher Wahrheit, die sich durch den Brief ziehen, erkennen können. Es geht um Unsere wunderbare Stellung in Christus Die Offenbarung über den Leib des Christus Das Leben der Glaubenden aufgrund ihrer Stellung in Christus Dadurch, dass der Apostel die offizielle Briefform gewählt hat, beansprucht er auch eine breite öffentliche Wirkung für sein Schreiben. Seine Botschaft ist für die weite Welt und die darin lebenden Menschen gedacht. (Vgl. Joh. 3, 17; 14, 31; 1. Tim. 1, 15.) Wie wir schon gesehen haben, ist die Thematik des Briefes kein »Allerweltsthema«, sondern es geht um Christus und sein Tun auf dieser Erde und in seiner Gemeinde. Deshalb kann der Brief auch nur von Christus her verstanden werden. In seiner Vorstellung bezeichnet sich Paulus als Apostel des Herrn Jesus Christus. Das ist sozusagen sein Ausweis. Als Apostel hat Paulus ein Werk zu vollbringen, das nicht aus eigener Weisheit stammt, sondern vom Auferstandenen selber gewirkt wird. Der Zusatz »durch den Willen Gottes« beglaubigt den Anspruch, eine mächtige Botschaft für diese Welt zu haben. (Lies Apg. 26, 14-20.) Hinter dem Apostelamt steht nicht der eigene Wille des Paulus, sondern die gewaltige Tatkraft des göttlichen Willens, der mit einem und durch einen Menschen zum Zuge kommen will. Paulus hat das Apostelamt nicht an sich gerissen, es wurde ihm von höchster Stelle gegeben. Er lebte in Einklang mit Gottes Willen. (Vgl. Röm. 1, 5; Gal. 2, 8; Kol. 1, 1; 2. Tim. 1, 1; 1. Kor. 1, 1; 2. Kor. 1, 1.)
Nicht nur Paulus, auch wir sind von Gott beauftragt und gesandt, das rettende Evangelium von Jesus Christus in einer finsteren Welt aufleuchten zu lassen. (Vgl. 2. Kor. 4, 6; Eph. 5, 8. 14.) Dieser Auftrag gilt für uns an dem Ort, an den Gott uns hingestellt hat. Vielleicht mag uns dieser Auftrag ängstigen, vielleicht hat er auch den Briefempfängern Furcht eingeflößt. Paulus scheint das geahnt zu haben und wahrscheinlich redet er deshalb die Adressaten mit »Heilige und Gläubige« an. Keiner muss aus sich selbst, in eigener Kraft, für Gott wirken. (Dazu Apg. 1, 8; 4, 33; 2. Kor. 4, 7.) Was sollen wir nun unter den »Heiligen und Gläubigen« verstehen? »Nachdem sie zum Glauben an Jesus Christus gekommen sind, sind sie ganz von ihm erfasst. Ihre Entscheidungen und ihre Verfehlungen, ihre Freude und ihre Verzweiflung, alles, was sie tun und wollen, trifft immer wieder auf Christus. Ihr Leben hat von dort her eine neue Bedeutung und neue Richtung. Von ihm kommt ihre Heiligkeit« (P. Krusche). Wir sind also nicht »heilig« aufgrund moralischer Qualitäten, sondern weil Jesus uns immer wieder das Wort der Vergebung zuspricht. Auffallend ist, dass »Heilige« meistens in der Mehrzahl genannt werden. Die Heiligen Gottes gehören also zusammen. Doch im Leben miteinander geht es bisweilen »unheilig« zu. Ein Ausleger schreibt: »Aber auch dann, wenn sich ein Christ gegen den anderen versündigt, wenn wir Christen uns in unserm Alltag dieser großartigen Anrede als unwürdig erweisen, sind wir dennoch Heilige . . . « Die paulinische Anrede »Heilige und Gläubige« weist noch auf zwei grundlegende Wahrheiten hin: Heilig bezieht sich auf das göttliche Heilswirken am Menschen. Gläubig spricht vom menschlichen An- und Aufnehmen des Heils und von einem Leben in vertrauensvollem Gehorsam Gott gegenüber. In diesem Sinn gilt: Heilige sind Glaubende, und Glaubende sind Heilige. (Lies 3. Mose 11, 45; 20, 26; Kol. 1, 21. 22; 1. Thess. 4, 3; 1. Petr. 1, 15. 16; 2. Petr. 3, 11.)
Welch eine herrliche Lebenswirklichkeit der Kinder Gottes und seiner Gemeinde leuchtet im Grußwort des Apostels auf! Gnade und Friede durch Gott, den Vater, und den Herrn Jesus Christus werden den Gläubigen zugesprochen. (Vgl. 2. Mose 34, 6; Ps. 5, 13; 30, 6; Jes. 54, 8. 10; Joh. 1, 14.) Es ist Gnade pur, dass sich der Sohn Gottes in unsere Welt herabgelassen hat und sich an unserer Stelle ans Kreuz hat schlagen lassen. Die Tatsache der göttlichen Gnadenzuwendung gibt uns Herzensfrieden. Friede ist dort, wo man mit Gott und miteinander im Reinen ist, wo man miteinander redet und Gemeinschaft hat. Friede ist da, wo geordnete Verhältnisse sind. Genau das hat Christus durch seinen Kreuzestod für uns geschaffen und tut es durch sein vergebendes Wort immer wieder. »In der Gnade lässt Gott sich zum Menschen herab, im Frieden ruht der Mensch in Gott« (F. Rienecker). Gnade und Friede stehen also in einer wechselseitigen Beziehung zueinander. Weil der gekreuzigte und auferstandene Herr alles in Ordnung gebracht hat, können wir ohne Furcht leben und sind auch für unsere Umgebung keine furchterregende oder feindselige Erscheinung mehr. Auch das gehört zur Gnade und zum Frieden Gottes. In unsrer Zeit sind besonders der Friede, die wohlwollende Herzenshaltung und fürsorgliche Güte zerbrechliche Werte. Paulus macht klar, dass sie dauerhaft nur von dem kommen können, der »der Herr aller Herren« ist (5. Mose 10, 17; 1. Tim. 6, 15; Offb. 17, 14). »Gnade und Friede euch . . . von dem Herrn Jesus Christus!« (Vgl. Jes. 9, 5; Luk. 24, 36; Röm. 14, 17.) Kein anderer als dieser Herr hat uns das Vaterherz Gottes erschlossen. Wer auf den Sohn sieht, sieht den Vater. Der unnahbare Gott ist uns in Jesus ganz nahe gekommen. Sein Herz schlägt in Liebe für uns. So können wir zu ihm sagen: »Gott, mein lieber Vater, du.«
Mit Vers 3 beginnt ein einzigartiges Loblied auf den dreieinigen Gott. Paulus macht deutlich, dass das Gotteslob absoluten Vorrang im Leben eines Christen hat, weil die Alltagsdinge erst dadurch ins rechte Licht gerückt werden. Der Lobpreis beginnt mit den Worten »Gesegnet sei Gott« so die wörtliche Übersetzung. Ist das nicht eigenartig? Können wir überhaupt Gott segnen? Ist nicht er der eigentlich Segnende? Segnen im biblischen Sinn bedeutet ein Mehrfaches: Jemanden groß machen, jemanden herrlich machen, ihn mit Herrlichkeitstaten beglücken, gut über jemanden reden. Wenn wir diese Bedeutungen bedenken, wird deutlich, dass wir Gott tatsächlich »segnen« können, ja, dass es unsere eigentliche Bestimmung ist. Aber wir können es nur deshalb recht tun, weil wir von ihm Gesegnete sind. Wir segnen Gott, wenn wir Gutes über ihn reden, das Gute sagen, das er an uns getan hat, ihn loben, rühmen, verherrlichen auch dann, wenn es uns selber nicht gut geht. Ob wir uns nicht ganz neu im Lob Gottes üben sollten? Wir könnten uns fragen: Mit welchen Segnungen hat der Herr mich in der vergangenen Woche, im letzten Monat oder Jahr beschenkt? Dazu gehören nicht nur die »Segnungen des Himmels droben«, sondern auch die »Segnungen der Tiefe, die unten liegt« (1. Mose 49, 25). Wir dürfen aus der Tiefe zu Gott schreien, ihn aber auch aus der Tiefe loben. Diese Erfahrung machte zum Beispiel der Prophet Jona. Er war Gott aus der Schule gelaufen und landete in den Meerestiefen im Bauch eines Seeungeheuers. In dieser Not entstand sein Gebet, das mit einem Gotteslob schließt: Jona 2, 1-10. Das Lob Jonas ist kein überschwängliches. Gefühlsmäßig ist er nicht gut dran. Aber er schaltet seinen Willen ein und bringt Gott ein »Opfer mit der Stimme seines Lobes«. (Lies Ps. 22, 23; 50, 23; 68, 20; 69, 31; 109, 30; 145, 2; 146, 2; 34, 2.)
Paulus Lobpreis hat eine Achse, einen Drehpunkt: Jesus Christus, der mit seinem und unserem himmlischen Vater in engster Gemeinschaft lebt. Der Apostel legt offensichtlich Wert darauf, seinen Brieflesern zu sagen, dass der Segen der Kinder Gottes nicht vorrangig in materiellen Gütern liegt, sondern in geistlichen Segnungen. Vier Aspekte hebt Paulus hervor: In Christus sind wir erwählt (V. 4) und erlöst (V. 7). In Christus erkennen wir Gottes Heilswillen (V. 8. 9) und haben ein gemeinsames Erbe mit dem Volk Israel (V. 11-14). 1. In Christus sind wir erwählt Paulus spricht von unserer Erwählung wörtlich heißt es »Auserwählung« und geht dabei zu ihrem »Ursprung« zurück. »Im Anfang« war Gott. »Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.« Doch bevor er alles schuf, suchte er uns aus, erwählte er uns in Liebe. (Vgl. 2. Thess. 2, 13.) Von Anfang an waren wir Gott offensichtlich wichtiger als alles andere Geschaffene. Von Beginn an sind wir Menschen dazu bestimmt, in Gemeinschaft mit Gott zu leben. Gottes Erwählung bringt aber auch Konsequenzen mit sich. Der Herr wartet darauf, dass wir sie annehmen und unser Leben entsprechend seiner Erwählung gestalten. Sie will uns in die Familie Gottes integrieren wir sollen und dürfen seine Kinder werden, ihn Vater nennen. Wenn wir bereits vor aller Zeit, also auch vor dem Einbruch der Sünde in unsere Welt, im Herzen Gottes waren, bedeutet seine Erwählung Schutz und Verantwortung zugleich. »In Christus erwählt«, sind wir der Sünde nicht hilflos ausgeliefert, sondern wir können uns in seiner Erlösung bergen und unser Leben als Erlöste führen. » . . . damit wir heilig und tadellos seien vor ihm in Liebe.« (Dazu 2. Petr. 1, 10; 1. Kor. 9, 24; Phil. 2, 12.) Dass wir vor Grundlegung der Welt erwählt wurden, ist das größte Geschenk, das Gott uns je machen konnte.
Menschen, die in Christus gesegnet und erwählt wurden, tragen diesen Segen auch in die Welt hinein. Sie tun es, indem ihr Lebenswandel dieser Würde entspricht. Wie kann das in unserem Alltag praktisch aussehen? Wir sind ein Segen für andere, wenn wir einander nicht Leid und Schmerzen zufügen, sondern Lasten mittragen, trösten und Freude weitergeben. (2. Kor. 1, 4) wenn wir Licht in die Finsternis dieser Welt bringen, Menschen von Jesus, dem Licht der Welt, erzählen. (Matth. 5, 16) wenn wir andere segnen, Gutes über sie sagen, anstatt zu fluchen oder sie bei anderen schlecht zu machen. (Röm. 12, 14) wenn wir das Böse, das andere uns zufügen, nicht mit gleicher Münze zurückzahlen. (1. Petr. 3, 9) Haben wir in Vers 4 die Reihenfolge der Begriffe bemerkt? Zuerst spricht Paulus von der Erwählung, dann vom Leben als Erwählte. Es wird deutlich, dass der heilige und unsträfliche Lebenswandel nicht Voraussetzung, sondern Folge und Ziel unserer Erwählung ist. Nicht ich habe mich anzustrengen, dass Gott mich (vielleicht) erwählt, sondern Gott, der die Liebe in Person ist, hat mich ausgesucht, auserwählt. Darum kann ich in seiner Liebe leben, »heilig und unsträflich vor ihm« mein ganzes Leben lang. Alles, was wir für diesen neuen Lebenswandel brauchen, ist im großen »Segens-Vorrat« unseres Herrn enthalten, es kommt von ihm. Und er beschenkt uns so gern! Christus selbst hat sich für uns hingegeben, um uns zu heiligen. Diese einzigartige Tatsache nimmt unsrer Nachfolge die Verspannung und Verkrampfung. (Lies Eph. 5, 2; Tit. 2, 14; Kol. 1, 21-23.) Wir müssen nichts Großartiges zustande bringen, sondern kleine Schritte des Vertrauens und Gehorsams wagen alles andere tut unser Herr. Er nimmt die »Kleinigkeiten « in seine Hand und macht etwas Großes daraus. (Vgl. Mark. 6, 34-44.)
In Christus sind wir erlöst Paulus stellt seinen Lesern die zweite große Segenstat, die wir in Christus bekommen haben, vor Augen. Wenn er mit der Erwählung Gottes Heilshandeln, »ehe der Welt Grund gelegt war«, hervorhob, lenkt er unseren Blick nun auf das, was sich mitten in der Weltgeschichte zugetragen hat. Gott wird Mensch in seinem Sohn Jesus Christus. Er tritt ein in die Geschichte und bringt die Ewigkeit in die Zeit, und zwar »in Gestalt des sündigen Fleisches «. So wird der Weg frei zu unserer Erlösung. »In der geschichtlichen Tatsache von Kreuz und Auferstehung, wo durch tätiges Handeln die Sünde gerichtet und überwunden worden ist, ist die Erlösung geschehen« (F. Rienecker). (Vgl. Apg. 10, 43; Kol. 1, 13. 14.) Der Begriff »Erlösung« bezeichnet ursprünglich den Loskauf und die Befreiung von Sklaven. Ein Ausleger sagt: »Erlösung ist Loskaufung, ist loskaufende Befreiung von aller uns beherrschenden bösen Macht, die uns von Gott trennte.« Paulus lässt seine Leser nicht im Unklaren darüber, wer uns losgekauft hat und wie das geschah. Jesus, der Sohn Gottes, hat es vollbracht, indem er mit seinem eigenen Blut bezahlte. Dinge oder Gaben hätten nicht genügt, uns auszulösen; nein, Jesus musste sich selbst geben. Er hat den höchsten Preis bezahlt, der jemals bezahlt wurde. (Vgl. 1. Petr. 1, 18; 1. Kor. 6, 20.) Die Erlösung durch sein Blut trägt in sich die Vergebung aller unserer Sünden. So reich ist Gottes Gnade, mit der er uns überschüttet hat. Sie beinhaltet die Aufhebung der Todesstrafe für unsere Schuld und die Befähigung zu einem erlösten Leben. »Denn zur Freiheit seid ihr berufen worden, liebe Brüder und Schwestern. Auf eins jedoch gebt acht: dass die Freiheit nicht zu einem Vorwand für die Selbstsucht werde, sondern dient einander in der Liebe!« (Gal. 5, 13; Zürcher Übersetzung) Wir lesen noch Galater 5, 16-26.
In Christus erkennen wir Gottes Heilswillen Wie der Reichtum der Gnade Gottes uns den Zugang zu seiner Erwählung und Erlösung eröffnete, so schenkte er uns in seiner überströmenden Güte Einsicht und ließ uns seine Wege erkennen. Weisheit und Einsicht und die Erkenntnis des göttlichen Willens, von denen hier die Rede ist, bekommen wir nur in der Lebensgemeinschaft mit Christus. (Siehe 1. Kor. 2, 6-16.) Außerhalb von Jesus gibt es kein Heil und auch keine Gotteserkenntnis. Auf die Frage, warum uns Gott das alles schenkt, gibt es nur eine Antwort. Es ist seine unermesslich große Liebe, die ihn bewegt hat, uns zu erwählen, uns zu erlösen, uns zu vergeben und uns in die Lebensgemeinschaft mit sich zu berufen. In uns selber liegt kein einziger Grund, der ihn veranlasst haben könnte, uns so zu beschenken. Besonders wertvoll ist das Geschenk der Gotteserkenntnis. Gott hat uns dadurch zu »Mitwissern« seiner geheimen Gedanken und Pläne gemacht. (Lies Röm. 16, 25-27.) Er lässt sich gleichsam von uns in die Karten blicken. Doch das ist noch nicht alles. Paulus zeigt auf, dass es die Heiligen und Gläubigen der Gemeinde sind, durch die der große und ewige Heilsplan Gottes, sein Geheimnis, zur Ausführung kommt. Sie sollen die großen Schätze, die ihnen Gott erschlossen hat, verwalten und gleichzeitig an die verlorene Welt weitergeben. Aus »Mitwissern« werden so Mitarbeiter. Dadurch, dass Gott uns seine Geheimnisse wissen lässt, macht er uns zu Freunden. (Vgl. Joh. 15, 14. 15.) Freundschaft mit Gott ist ein großer Segen. In einer Auslegung heißt es: »Gott möchte uns als seine Freunde haben. Er will mit uns die Anliegen seines Herzens teilen, z. B. seinen Wunsch, dass alle Menschen gerettet werden. Er zählt auf unsere Mitarbeit.« (Dazu Kol. 1, 26-28.)
In ihm haben wir ein Erbe Die Aussage von Vers 11, dass wir ein Erbe bekommen haben, steht in engem Zusammenhang mit dem, was wir in Vers 14 lesen. Gott hat uns in Jesus als Erben seiner Welt, seiner Ewigkeit, seiner Fülle, eingesetzt, und der Garant dafür ist der Heilige Geist. Wer erbt, hat teil an den Gütern eines anderen. Dabei muss alles rechtmäßig zugehen. In der Regel sind Kinder Erben ihrer Eltern. Durch Jesus sind wir Gottes Kinder geworden und damit auch seine Miterben. (Vgl. Röm. 8, 16. 17; Kol. 1, 12; 1. Petr. 1, 3-5.) Der Reichtum, den wir durch Christus bekommen haben, ist unermesslich groß. Alles, was ihm gehört, gehört auch uns. Wir mögen uns fragen, was uns berechtigt, von diesem Erbe Gebrauch zu machen. Darauf gibt der Apostel eine klare, eindeutige Antwort: Weil uns das Siegel des Heiligen Geistes aufgedrückt wurde und wir dadurch voll und ganz zu Gott gehören, dürfen wir schon jetzt unser herrliches Erbe in Besitz nehmen. Auch in diesem Abschnitt stellt der Apostel einen Bezug zum praktischen Leben der Glaubenden her. Ein Erbe Gottes zu sein verpflichtet, sich diesem Erbe entsprechend zu verhalten. Er soll zum »Lob der Herrlichkeit Gottes« leben. Drei Mal sind wir auf diesen Ausdruck gestoßen (V. 6. 12. 14). Ob Paulus ihn deshalb so stark hervorhebt, weil es uns von Hause aus im Blut liegt, uns selber zu wichtig zu nehmen und uns gern im Mittelpunkt allgemeiner Bewunderung zu sehen? (Lies Ps. 115, 1; Gal. 5, 26.) Ein höheres Ziel, einen tieferen Lebenssinn kann es nicht geben, als den Herrn der Herrlichkeit zu verherrlichen. Dieser Aufgabe sollten wir uns mit ganzer Hingabe widmen. Stephanus, der erste Märtyrer der frühen Kirche, hat es auch noch im Leiden getan: Apostelgeschichte 7, 55. 56.
Paulus tut einen wichtigen Dienst für die Empfänger seines Briefs. Er betet für sie. Allem voran stellt er in seinen Gebeten den Dank erst danach kommen seine Bitten. Für die Christen muss es eine starke Ermutigung gewesen sein, als sie hörten, dass der Apostel für sie betete. Wir haben es bestimmt auch schon erlebt, welch großes Geschenk es ist, wenn jemand für uns betet. Füreinander beten kann man selbst in großer Schwachheit. Dabei werden wir entdecken, dass die Fürbitte füreinander uns enger miteinander verbindet. Wir sind nicht der namenlosen Einsamkeit preisgegeben, wenn andere unseren Namen am Thron Gottes nennen. (Siehe Kol. 4, 2. 3. 12; Röm. 10, 1; Phil. 1, 3. 4.) Immer wieder erleben wir es auch, dass Gott uns plötzlich an einen bestimmten Menschen oder an eine schwierige Situation erinnert und uns ins Gebet drängt. Geben wir diesem Drängen ruhig nach, denn oft sind es gerade diese Momente, in denen geistliche Siege ausgefochten werden. (Vgl. 2. Mose 17, 8-16.) Paulus hatte allen Grund, für die Empfänger-Gemeinden zu beten und zu danken, denn er hatte zwei Dinge von ihnen gehört: Sie haben Glauben an den Herrn Jesus, und sie lieben alle Heiligen, d. h. alle, die ein Eigentum des Herrn geworden sind. Daran wird deutlich, dass der Herr selbst das Fundament ihres Glaubens ist. In ihm sind sie verwurzelt. Ihre Liebe zu allen Heiligen ist die praktische Konsequenz des Glaubens. Wir sehen hier, dass sich »lebendiges Christsein immer in doppelter Weise äußert: in der Glaubensverbindung nach oben und in der Liebesbeziehung nach rechts und links zu den Glaubensgeschwistern« (H. Stadelmann). Die Liebe, von der hier die Rede ist, ist übrigens die gebende Liebe, die in Gott ihren Ursprung hat und nicht nur die »sympathischen« Heiligen umschließt, sondern alle. (Lies Matth. 5, 43-47; Philem. 4-7; Kol. 1, 4.)
Paulus hat sein Gebet mit Dank begonnen und setzt es mit Bitten fort. »Gleich die erste Bitte des Paulusgebetes ist ein großes Musterbeispiel für unsere Gebete. Hier treten alle menschlichen Bedürfnisse ganz und gar in den Hintergrund. Gott allein tritt auf den Plan. Gott gehört vor unsere Bitten und Wünsche. Erst kommt Gott, und zwar er ganz allein, und dann wiederum Gott, Gott ganz allein. Er ist Anfang, Mitte und Ende unseres Gebetslebens« (F. Rienecker). Das Zentrum im Gebet des Apostels ist die Bitte um erleuchtete Augen. Es ist die Bitte um die rechte Gotteserkenntnis. Wenn Gott es bei uns »Licht« werden lässt (2. Kor. 4, 6), erkennen wir, wer Gott für uns ist und was wir in ihm haben. Wir sollen wissen, zu welcher Hoffnung wir durch ihn berufen sind und welch reiches und herrliches Erbe er für die Seinen bereithält. Die erleuchteten Augen lassen uns Jesus sehen, helfen uns aber auch, unseren Nächsten, seine Bedürfnisse und Begabungen zu sehen. Erleuchtete Herzensaugen befähigen uns, im Wirrwarr unserer Zeit den Herrn nicht aus den Augen zu verlieren. Wir dürfen immer wieder für uns selbst oder für andere Gott bitten: »Herr, gib mir Augen, die dich sehen, dich verstehen, deine Wege erkennen, über deine Wunder ins Staunen kommen!« (Siehe Ps. 119, 18; Apg. 26, 18.) Im Hebräerbrief werden wir aufgefordert, aufzusehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender unseres Glaubens (Hebr. 12, 2). Wenn Gott unsere Augen auftut, sehen wir Gottes Herrlichkeit. So haben es z. B. Josua und viele andere Menschen Gottes erlebt. (Vgl. Jos. 5, 13. 14; 2. Kön. 6, 17; 1. Chron. 21, 16; Ps. 13, 4; 16, 8.) Mit erleuchteten Herzensaugen sehen wir Jesus auf dem Thron zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters, sitzen und für uns beten. (Dazu Röm. 8, 34; 1. Joh. 2, 1; Hebr. 7, 25.)
Wer erleuchtete Herzensaugen hat, der kennt auch seinen Gott. Solch ein Christ weiß nicht nur um die Hoffnung, zu der Gott ihn berufen hat, er weiß nicht nur um sein reiches Erbe, sondern vor allem darum, wie überwältigend groß die Kraft ist, mit der Gott an den Glaubenden wirkt. »Er lernt Gott als den kennen, der mit seiner unbeschreiblichen Macht diejenigen, die ihm vertrauen, nicht bedroht, sondern beschenkt« (H. Stadelmann). Es geht um eine bisher nie dagewesene Kraft. Sie ist dieselbe Kraft, mit der Gott seinen Sohn vom Tod auferweckte, ihn in den Himmel emporhob und ihn zum Herrn aller Herren und König aller Könige einsetzte. Diese göttliche Kraft soll uns Verheißung sein und unseren Glauben stärken: Wenn wir hilflos, ratlos, einsam, krank sind, wenn wir uns sorgen und uns scheinbar vergeblich abmühen, dürfen wir uns an die Kraft Gottes erinnern und sie in Anspruch nehmen. (Vgl. Ps. 84, 6-8; Apg. 3, 1-8; 4, 7-10; 2. Kor. 13, 4.) Wir brauchen die Leben erweckende Kraft Gottes besonders dort, wo wir unsere »wunden Punkte« und »toten Stellen« haben. Wenn wirs nicht mehr glauben können, dass Jesus unseren Charakter wirklich verändert, dann geht doch ihm die Kraft nicht aus! Wir brauchen gute Gedanken und Mut, anderen Menschen von Jesus zu erzählen. Das kostet viel Mühe und Kraft und wie oft schon waren wir mit unserem Latein am Ende. Sollte uns der auferstandene Herr etwa nicht geben, was er uns versprochen hat: Lukas 10, 19 und Apostelgeschichte 1, 8? Es gibt überhaupt nichts im Leben der Glaubenden, das ohne die Kraft Gottes bewältigt werden müsste. (Siehe Ps. 21, 2; 1. Sam. 2, 2. 4; Ps. 28, 7. 8; Jes. 41, 10; Micha 3, 8; 2. Kor. 4, 7; 12, 9.)
Die mächtige Kraft Gottes hat Jesus nicht nur dem Tod entrissen, sondern ihn auch über alles hoch erhoben. Jesus herrscht nicht nur über die gegenwärtige, sondern auch über die zukünftige Welt. Er ist der uneingeschränkte Herr über alles. Und wir sind in diese Herrschaft mit hineingenommen: Epheser 2, 5. 6. Unser Leben spielt sich also nicht nur in der irdischen, sondern auch in der überirdischen Welt ab. Über die Erhöhung des Gottessohnes macht der Apostel drei wichtige Aussagen: Jesus ist in der unsichtbaren, himmlischen Welt zur Rechten Gottes eingesetzt. Ihm wurde eine Ehrenstellung gegeben, die ihn zum Mitregenten macht. Gott hat den, der ganz hinuntergestiegen war, hoch erhoben und ihn endgültig und für immer als Sieger über alle Mächte gestellt. Gott hat seinem Sohn alles unterworfen. Wie in 1. Korinther 15, 27, dem herrlichen Kapitel über die Auferstehung des Herrn Jesus Christus, so zitiert Paulus auch in Epheser 1, 22 Worte Davids aus Psalm 8, 7: »Alles hat er seinen Füßen unterworfen.« Zwar ist in Psalm 8 von der allgemeinen Hoheit des Menschen über Gottes Schöpfung die Rede, aber im Zusammenhang mit Psalm 110, 1 dürfen wir die Aussage auf Jesus, den Messias Gottes, beziehen. Diese Unterwerfung aller Dinge unter Christus wird sowohl von David als auch von Paulus als bereits verwirklicht beschrieben: Gott hat . . . unterworfen. Zur Zeit der Briefabfassung hatten unheilvolle Mächte »Namen« man bezeichnete sie als Engel oder Dämonen. Sie scheinen sich auch gerade in unserer Zeit mächtig auszutoben. Wie gut, dass Christus ihnen haushoch überlegen ist. Er wird auch ihrem Tun ein Ende bereiten. (Dazu Hebr. 2, 8.) Wenn Satan uns angreift, wenn Sünde uns niederwarf, wenn der Zeitgeist uns zu täuschen sucht und uns erschreckt, dürfen wir uns auf Tatsachen, die Gott geschaffen hat, berufen. (Vgl. 1. Kor. 15, 25-28; Hebr. 10, 12. 13.)
Die dritte Aussage über die Erhöhung des Herrn Jesus Christus formuliert Paulus so: Christus ist der Gemeinde als Haupt über alles gegeben. Hier liegt das eigentliche Ziel des ganzen Textabschnitts. Die Gemeinde in Ephesus und die Gemeinden aller Zeiten haben ein Haupt. Von ihm geht alles aus. Christus ist nicht nur die Lebensquelle der Gemeinde, er ist ihr autoritatives Haupt. Ihm müssen sich die Wünsche der Gläubigen unterordnen. (Vgl. Eph. 5, 23; Kol. 1, 18; 2, 10.) Wenn er seiner Gemeinde als Haupt gegeben ist, heißt das auch, dass er in seiner ganzen Machtfülle für sie da ist. Mit seiner Gemeinde ist dieser wunderbare Herr verbunden wie der Kopf mit dem Leib. Erst Christus und die Gemeinde ergeben ein Ganzes. Paulus macht deutlich: Gemeinde ist zunächst nicht eine Frage der Struktur, sondern es geht um ihr Wesen, ihre Einheit, ihre Dienstvielfalt, ihre Reinheit und ihre Bewährung. Es geht um die Verbundenheit zwischen »Haupt« und »Leib«. Die weltweite Leib-Gemeinde wird vom Apostel als »Fülle« des Herrn Jesus Christus bezeichnet. Wir mögen oft den Eindruck haben, dass dies in unsrer Wirklichkeit gar nicht so zu sehen ist. Wir erleben vielleicht in unserer Gemeinde oder Gemeinschaft mehr die Leere als die Fülle. Dann dürfen wir das Gott hinhalten und ihn bitten: Herr, fülle uns mit allem, was wir geistlich nötig haben, damit du geehrt wirst. Was die Gemeinde wichtig macht, sind nicht wir, sondern unser wunderbares »Haupt«. »Wegen dieses Hauptes ist die Gemeinde schon jetzt in die denkbar höchste Würdestellung gebracht, eine Stellung, die höher ist als die des gesamten Alls. Höheres kann es nicht geben« (F. Rienecker). Wie kann sich diese Tatsache in meinem persönlichen und unserem gemeinschaftlichen Leben konkret zeigen? Leben unter Gottes Führung (Teil 2)
Wir erfahren aus dem Alten und Neuen Testament, wie Menschen, die mit Gott lebten, seine Führung auf ganz unterschiedliche Art und Weise erlebten. Doch in aller Verschiedenheit ist ihnen gemeinsam, dass Gott selber sie gerufen hat. Zu Abraham etwa sprach Gott direkt und hörbar und wies ihn so an, auf seinen Wegen zu gehen. (Vgl. 1. Mose 12, 1-4; 15, 1-7; 17, 1ff; 22, 1-3.) Bei Eliëser, seinem Knecht, war es der Gehorsam seinem Herrn gegenüber, der ihn Gottes Führung erfahren ließ. (Vgl. 1. Mose 24, 12-14. 17-19.) David befragte Gott immer wieder nach seinem Willen. (Siehe 1. Sam. 23, 1-5.) Wir lesen auch vom »Buch des Bundes (Gesetzes)«, von den Rechtsbestimmungen und Ordnungen des Herrn, die dem Volk Gottes Orientierung gaben und die Seinen leiteten. (Vgl. 2. Mose 24, 7; 5. Mose 31, 26; Jos. 1, 7. 8; Ps. 119, 8-16. 105.) Die neutestamentliche Gemeinde erhielt Leitung und Führung durch den Heiligen Geist, indem sie dem Herrn diente und fastete. (Vgl. Apg. 13, 1-3.) Dem Apostel Paulus machte Gott seinen Willen auch durch eine »Erscheinung« deutlich. (Vgl. Apg. 9, 12; 16, 7-10; 18, 9.) An den genannten Beispielen sehen wir, dass die Führung durch Gott wirksam wird, wenn wir seinem Ruf, seiner Einladung oder seiner Anordnung folgen. Gottes Ruf nennt sich auch »Berufung«, wodurch zugleich Ziel, Absicht und Verbindlichkeit des Rufes hervorgehoben werden. (Lies 1. Kor. 1, 9; Gal. 5, 13; 2. Tim. 1, 9; Hebr. 9, 15.) Ein Ruf, eine Berufung, wartet immer auf eine Antwort. Aus der Schrift erkennen wir, dass Gott seine Menschen individuell und souverän beruft und führt. Keine Lebensgeschichte ist wie die andere es gibt viele Überraschungen; oftmals auch zunächst unverständliche Lebensführungen. Bei allem aber bleibt bestehen, dass Gott diejenigen führt und leitet, die zu ihm aufblicken, die ihn durch Vertrauen und Gehorsam ehren.
Freitag, 29. Januar
2. Mose 25, 22; 3. Mose 1, 1
Wenn Gott einen Menschen anspricht, wenn der Herr ihn zu einer bestimmten Aufgabe beruft, sind das sehr verbindliche Worte. Gott will den Gerufenen an seine Hand nehmen und ihn führen. Dieser Mensch wird dann von Gott gebraucht. Eine solche Berufung durch Gott verlangt vom Menschen eine Entscheidung. Denn der Herr ruft nicht am Willen des Menschen vorbei. Dieser kann sich auch dem Anruf Gottes verweigern. Wir lesen dazu Jona 1, 1-4. Warum lief der Prophet dem Auftrag Gottes davon? Fürchtete er sich vor einem Aufenthalt im Ausland besonders vor Ninive mit seinem finsteren Heidentum und den vielen Gewalttätigkeiten? Oder dachte er bei sich: Ich bin dem nicht gewachsen, habe nicht das nötige Potenzial!? Wie dem auch sei: Es gibt viele Gründe, Gott auszuweichen. Dabei kennt der Herr die Umstände und Schwierigkeiten, die persönlichen Gaben wie auch Defizite genau! Aber eine Berufung setzt weder eine besondere Begabung voraus, noch ist sie der Lohn für eine beeindruckende Leistung. Es ist vielmehr etwas Großes, dass der Herr uns anspricht, und es ist etwas ganz Großes, dass er Menschen, wie wir es sind, in seinen Dienst nimmt. Eine größere Ehre gibt es nicht für uns. Wir können dem Wort Gottes getrost folgen. Denn der Herr selber lenkt die Geschicke; er beschenkt und befähigt zum Dienst. (Vgl. Jes. 40, 29; 1. Kor. 1, 26-29; 2. Kor. 12, 7-10; Phil. 4, 13.) Wenn Gott uns seine Aufgaben anvertraut, knüpft er nicht selten an einem empfundenen oder tatsächlichen Mangel an. Mose, der in Ägypten eine Spitzen-Ausbildung genossen und Spitzen-Position bekleidet hatte, der als »mächtig in seinen Worten und Werken« galt (Apg. 7, 22), war vierzig Jahre später entsetzt, dass der Herr ihn zu einer Mission ohnegleichen nach Ägypten zurücksenden wollte (2. Mose 3, 4. 9-11. 13; 4, 10. 13). Aber wenn Gottes Stunde da ist, müssen wir gehen. Es ist kein sklavisches Muss, sondern das Muss tiefer Verbundenheit mit dem Herrn. (Lies Hebr. 11, 27; Jer. 1, 4-9.)
Was wäre aus Mose geworden, wenn Gott den zornigen Mörder hätte laufen lassen? Was wäre aus Jona geworden, wenn sein Plan, sich in Tarsis niederzulassen, gelungen wäre? Was mag aus uns werden, wenn wir versuchen, uns selber zu führen und Gott aus der Schule zu laufen? Der Herr könnte uns unsere eigenen Wege gehen lassen. Und manchmal tut er es auch für einen gewissen Zeitraum sind wir doch nicht seine Marionetten, sondern seine Geliebten! Gott bleibt uns treu, auch wenn wir ihm untreu sind; denn er kann sich selbst nicht untreu werden (2. Tim. 2, 13). Darum geht er uns nach. Und wir dürfen zu ihm umkehren. Es gibt einen Weg zurück zu Gott. Zurückkommen kann man, indem man Buße tut und sich von den eigenen, selbstgewählten Wegen abwendet: Jona 2, 2-10. Wie wird es uns möglich, unter Gottes Führung zu leben? Jesus selber hat uns eine wunderbare Gebets-Hilfe gegeben: Das Vaterunser (Matth. 6, 9-13). Darin werden geistliche Voraussetzungen genannt, die zu einem Leben unter Gottes Führung gehören. Schauen wir uns Vers 9 etwas genauer an! »Unser Vater im Himmel«: Das ist die erste Voraussetzung, die es uns ermöglicht, nach seinem Willen für unser Leben zu fragen. Gott ist mein Vater. Er ist ein guter, ein gütiger, ein liebender Vater, und ich bin sein Kind, das ihm vertraut und seinen Willen tun will. (Vgl. Matth. 7, 21.) »Unser Vater im Himmel«: Damit wird die zweite Voraussetzung angedeutet. Gottes Kinder sind eingebunden in die Gemeinschaft der Gläubigen. So wie Gott kein einsamer Gott ist, ist auch der Christ kein Solist. Die Liebe, die Gott, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, miteinander vereinigt, eben diese Liebe ist das Band, das die Jesusleute zu einer Gemeinschaft zusammenbindet. (Lies Kol. 3, 14; 1. Joh. 3, 1; 4, 7-12. 19-21.)
»Dein Name werde geheiligt«: Man kann nicht nach Gottes Willen fragen und ihn tun, ohne dass dadurch sein Name geheiligt wird. Diese Voraussetzung lässt uns etwas spüren vom Ernst eines unter Gottes Führung gelebten Alltags. Was bedeutet es, den Gottesnamen zu heiligen? Heilig sein heißt, Gott gehören. Auf alles, was heilig ist, hat Gott einen rechtmäßigen Anspruch. Es bedeutet, Gott mit Leib und Leben zu gehören. Wir gehören nicht mehr uns selbst, sondern dem, der uns erlöst hat. Darum sind wir auch nicht mehr den Umständen hilflos ausgeliefert. Wir gehören auch nicht mehr den Begierden, dem Neid, der Besserwisserei, dem Zorn, der Ich-Dreherei . . . Was immer uns Not macht, wir können uns auf die starke Tatsache berufen: »Herr, ich gehöre dir. Ich bin dein Eigentum, du sollst über mich verfügen.« Heilig sein heißt, von Gott beauftragt sein. Weil ich ihm gehöre, hat er auch das volle Recht, mich zu beauftragen. Hinter allen Aufträgen, die ich zu erfüllen habe, steht dann letztlich der Herr. Ich handle in seinem Auftrag. Deshalb muss ich nicht mehr in erster Linie Menschen gefallen, sondern Gott. (Dazu Röm. 14, 18; Ps. 147, 11.) Das bringt Gelassenheit in unser Leben. Ich kann den Auftrag Gottes auch dann wahrnehmen, wenn es schwierig wird, wenn ich zu ermüden drohe, wenn ich versagt habe, wenn andere mich verletzt haben. Wie zeigt sich das im Leben des Petrus? (Siehe Matth. 16, 15-19; Luk. 22, 54-62; Joh. 21, 15-19.) Heilig sein heißt, Gott ergeben sein. Wir wissen, wem wir uns unterworfen haben: Es ist der liebende Vater, der für uns sorgt, der uns hilft, auch mit Hindernissen, Traurigkeit, ungelösten Fragen geistlich umzugehen. Er möchte nicht, dass wir uns aufreiben. Unser Vater hilft uns, die Lebensumstände anzunehmen und zugleich ihm zu vertrauen, dass er alles ändern kann.
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