Keine Frage, das alte Jahr ist unwiederbringlich abgeschlossen, vorbei. Das neue hat uns begrüßt und liegt wie schneebedecktes Land, das geheimnisvoll in der Morgensonne funkelt, da. Doch es kann sein, dass wir selbst mit unseren Gedanken und Gefühlen noch im Alten hängen. »Noch will das Alte unsre Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwere Last; ach Herr, gib unsern aufgescheuchten Seelen das Heil, für das du uns bereitet hast«, dichtete Dietrich Bonhoeffer in schwerer Zeit. Für die Israeliten war es nicht viel anders, als endlich ein ganz neues Kapitel in ihrer Geschichte aufgeschlagen wurde. Das Alte war abgeschlossen, und sie hatten manches hergeben müssen. Am schmerzvollsten war ihnen der Verlust ihrer Angehörigen während der langen Wüstenwanderung und der Abschied von Mose gewesen. »Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit« (Pred. 3, 2ff). Jeder Zeitabschnitt, jede hoffnungsvolle Stunde und jede bange Minute war eine Zeit mit Gott gewesen. Der Herr hat sein Volk auf wunderbare Weise beschenkt, betreut und geführt: Dazu 5. Mose 1, 31; 2, 7; 8, 2-5. Indem er den Seinen das Land gibt, das ein einziger großer Garten ist (5.Mose 1, 25; Jer. 2, 7a), ist für alles, was sie zum Leben nötig haben, aufs Beste gesorgt. War schon die Zeit des unsteten Nomadenlebens, erst recht die Errettung aus Ägypten und der Wüstenzug mit seinen Krisen und Katastrophen eine Kette von Führungen, Bewahrungen, Durchhilfen, so soll es bei der Landnahme nun nicht anders sein. Gott hilft, rettet, schenkt und lenkt. Israel hat Grund, rückschauend zu danken und vorausschauend neues Vertrauen zu fassen.
Gott will ein Land geben, schöner, reicher, fruchtbarer als die Israeliten das in allen ihren Vorstellungen für möglich halten (4.Mose 13, 21 - 14, 4). Die Geschichte Israels, gerade in der alten Zeit, soll uns lehren, Gott etwas zuzutrauen. Gott kann und Gott will geben, bewahren, helfen, retten. Aber auch das andere hört der Israelit, wenn vom Gelobten Land die Rede ist, das sein unverlierbarer Erbbesitz werden soll: Dieses Land der Verheißung ist ihm Inbegriff dessen, was wir gewohnt sind als die »Seligkeit« zu bezeichnen, das herrliche Ziel aller Dinge. Die Hoffnung, das heilige Land einmal ganz und unbestritten zu besitzen, musste umso stärker werden, je mehr sie immer wieder durch den Gang der Ereignisse in Frage gestellt wurde. Der Hebräerbrief hat Recht (Kap. 4): Diese Hoffnung ist genau genommen bis zur Stunde unerfüllt. So ist denn der Glaube daran, dass Gott zu diesem seinem gegebenen Wort ganz und unverbrüchlich stehen wird, geradezu die Zukunftshoffnung Israels. (Vgl. Jer. 29, 11-14; 31, 10-17.) Mit Moses Tod beginnt ein neuer Abschnitt in der Geschichte des Volkes. Dieser zeitliche Abschnitt fällt nun noch mit einem räumlichen zusammen: Die Israeliten stehen an der Grenze des Landes, das das Ziel eines jahrzehntelangen Wanderns ist. Josua weiß über das Land einiges. Aber was er mit seinem Volk vor sich hat, ist ein großes Wagnis. Es ist beinahe so, als ginge man mit verbundenen Augen in die Zukunft. Die Zukunft, in die er hineingehen soll, wird viel Anlass geben, die Nerven zu verlieren. Das Land, das zum Schauplatz des Herrseins Gottes zu werden bestimmt ist, befindet sich ja vorläufig noch in der Hand anderer. Nicht viel anders erlebt es die Jesus- Gemeinde in der Welt. (Vgl. Joh. 14, 27; 16, 2. 33; 1. Kor. 16, 9; 2. Kor. 1, 8.) Wenn wir »Land für Gott« erobern, stoßen wir auf »besetzte Menschenherzen «. Herzen, die besetzt sind von Angst, Zweifeln, Sündenbindungen, Süchten, Unglauben und Lieblosigkeiten. Die »Festung Menschenherz« erscheint uneinnehmbar, wenn wir nicht wüssten:
Johann L. K. Allendorf
Ist es nicht merkwürdig, wie Gott mit Josua spricht? Die Israeliten haben noch keinen Fuß ins verheißene Land gesetzt, und Gott sagt: »Jeden Ort, auf den eure Fußsohle treten wird - euch habe ich ihn gegeben.« Die zukünftigen Ereignisse verbindet Gott mit dem Geschenk seiner Gegenwart. Wenn die Israeliten ins Land einziehen, ist Gott schon da. Er ist vorausgegangen. Er war schon da. Er hat alles vorbereitet, und die Israeliten kommen in vorbereitete Verhältnisse. Ist es nicht phantastisch: Wenn wir im Ferienhaus bei Freunden ein paar Tage Urlaub machen, finden wir eine offene Tür. Die Wohnung ist geputzt. Auf dem Wohnzimmertisch stehen Blumen. Die Betten sind bezogen, und sogar der Kühlschrank ist gefüllt. So ähnlich erlebten es die beiden Kundschafter, die in geheimer Mission das Land und vor allem die mächtige Stadt Jericho zu erkunden hatten. Die Männer stellten fest, dass Gott schon eine Frau vorbereitet hatte. Die Spione konnten sich im Haus der Rahab verstecken und von ihrem Haus aus die Stadt heimlich verlassen. Manchmal kündigen Nachrichtensprecher einen neuen Spielfilm an. In einer Vorschau werden dann verschiedene Szenen eingespielt. Stellen wir uns vor, es gäbe den Film »Das Jahr 2006«, und wir sähen einige Szenen daraus: ein neuer Arbeitsplatz - im vertrauten Gespräch mit Freunden - unterwegs im Stau - in einer schwierigen Sitzung - bei einer Jubiläumsfeier - im Krankenhaus - am offenen Grab - im Gottesdienst . . . Und jedes Mal wird bei jeder Szene eingeblendet: »Ich bin da. Alles ist vorbereitet. Ich helfe dir. Ich stärke dich.« Warum fürchten wir uns vor der Zukunft, wenn wir doch mit Gott in vorbereitete Verhältnisse kommen? »Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl; das macht die Seele still und friedevoll. Ist's doch umsonst, dass ich mich sorgend müh, dass ängstlich schlägt mein Herz, sei's spät, sei's früh« (H. v. Redern). Zur Vertiefung: 2. Mose 13, 21; 5. Mose 31, 8; Jesaja 41, 10. 13. 14; 52, 12; Micha 2, 13.
JOSUA 1, 4-6; 1.MOSE 15, 18-21; 1. KÖNIGE 5, 1. 4 Gott hat den Vätern geschworen, dass er Israel das Land geben will. Das geliebte Volk und das Gelobte Land sind nicht voneinander zu trennen. Nun muss Israel den Fuß auf das versprochene Land setzen, muss zugreifen, wenn Gott es anbietet. Beides - Gottes Angebot und unser vertrauensvolles Zugreifen - macht auch unseren Christenstand aus. Dabei ist nicht zu vergessen, dass Gottes Angebot gewiss immer viel größer ist als das, was wir uns im Glauben tatsächlich angeeignet haben. » . . . bis an das große Wasser Euphrat« soll sich das Land für Israel erstrecken. Gott will mehr geben, als wir uns im Glauben tatsächlich aneignen! »Landnahme« ist darum ein Vorgang, der, solange die alte Erde dauert, niemals abgeschlossen ist. Wer unter Gottes Verheißungen steht, darf darum auch in ein neues Jahr mit Erwartungen hineingehen: Soweit es an Gott liegt, soll ich noch viel größere Dinge erleben dürfen. »Gott, weil er groß ist, gibt am liebsten große Gaben, ach, dass wir Armen nur so kleine Herzen haben« (J. Scheffler). Dann heißt es aber auch kämpfen. Wie oft ruft uns das Neue Testament zum Kampf auf (etwa Epheser 6, 12; Philipper 1, 27; 1.Timotheus 6, 12; Hebräer 12, 4)! Wie schaffen wir das, da doch die Städte Kanaans feste Mauern haben und wir - menschlich gesprochen - waffenlos gegen Kanaans schwere Waffen antreten müssen? Josua bekommt keinerlei sachliche Garantien. Also nicht: Ihr werdet Waffen finden; die Witterung wird euch günstig sein; ihr werdet von der Uneinigkeit der kanaanäischen Stadtstaaten profitieren; du, Josua, wirst ein Fingerspitzengefühl für den jeweils besten Augenblick haben. Nein - die eigentliche Hilfe besteht darin, dass Gott versprochen hat: »Wie ich mit Mose gewesen bin, werde ich auch mit dir sein.« (Lies Jos. 3, 7; 6, 27; 1. Mose 26, 24; 2. Mose 3, 12; Richt. 6, 16; 1. Sam. 3, 19; Apg. 18, 10.)
Das Größte und Wichtigste, das Josua und die Israeliten brauchen, besteht darin, dass Gott selbst mit ihnen ist. Auch Mose hatte die hohe Bedeutung der Gegenwart Gottes erkannt: »Wenn dein Angesicht nicht mitgeht, dann führe uns nicht von hier hinauf!« (2.Mose 33, 15). Unser Kleinglaube will zwar noch allerlei andere Sicherungen und meint, die Zusage Gottes reiche doch nicht aus. Wir könnten Gott nur damit kränken und ihm Schande bereiten. Christen gehen in ihre irdische wie in die ewige Zukunft in der Gewissheit: Gott mit uns! Er hat es selbst gesagt. Noch mehr: Er hat den gegeben, den das Alte Testament und das Neue Testament »Immanuel« nennen (vgl. Jes. 7, 14; Matth. 1, 23; Offb. 21, 3). Durch die Geburt von Jesus und erst recht durch seinen Tod und seine Auferstehung ist klar: »Wenn Gott für uns ist, wer gegen uns? Er, der doch seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben hat: wie wird er uns mit ihm nicht auch alles schenken? Wer wird gegen Gottes Auserwählte Anklage erheben? Gott ist es, der rechtfertigt. Wer ist, der verdamme? Christus Jesus ist es, der gestorben, ja noch mehr, der auferweckt, der auch zur Rechten Gottes ist, der sich auch für uns verwendet« (Röm. 8, 31b-34). Darum also: »Sei getrost und unverzagt!« Es mag beim bevorstehenden Kampf passieren, was will, wer Gott auf seiner Seite hat, ist auch dann der Sieger, wenn er vor den Mauern einer kanaanäischen Stadt fallen würde. Christen haben immer nur zu gewinnen. »Freue dich nicht über mich, meine Feindin! Denn bin ich gefallen, stehe ich wieder auf; wenn ich auch in Finsternis sitze, ist der Herr doch mein Licht« (Micha 7, 8). Zur Ermutigung: Psalm 27, 1. 3; Luk. 22, 31. 32; 1. Johannes 3, 20; 4, 4.
Gott selbst hat sich auf die Seite Josuas gestellt (V. 5. 6). Nicht nur für einen Augenblick, nicht nur für eine einzige schwierige Aufgabe, nicht nur in besonderer Gefahr will der Herr Josua beistehen, nein: »ein Leben lang« hat er sich an Josua gebunden, »alle Tage seines Lebens« wird Josua ein gesegneter Mann der Tat sein. Der Herr wird in jeder Situation, in jedem Augenblick, in allem für ihn sorgen. Dieser wunderbaren Fürsorge Gottes dürfen auch wir uns Tag für Tag, Stunde für Stunde anvertrauen und erfreuen. - Sind so alle Sorgen von uns genommen, bleibt nun allerdings eine Sorge übrig - die einzige sorgenswerte Sorge: dass wir nur unter dem Willen Gottes bleiben. Jeder Stratege und Politiker würde in der Lage, in der sich Josua befindet, einiges andere eher zum Gegenstand seiner Sorgen und Überlegungen machen als gerade das. Wir sind, wenn wir an unsere Zukunft denken, ebenfalls geneigt, anderen Erwägungen den Vorrang zu geben. Was hat die Welt fürs neue Jahr am nötigsten? Was muss geschehen, dass Friede wird oder erhalten bleibt? Dass soziale Gerechtigkeit herrscht? Dass himmelschreiendes Unrecht behoben wird? Was müsste man anstellen, damit es sich im neuen Jahr auch leben lässt? Antwort: nur auf Gottes Willen achten und nicht zur Rechten und nicht zur Linken davon abweichen! »Trachtet zuerst nach der Königsherrschaft Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch von Gott zufallen«, was ihr zu einem gesegneten und gelungenen Leben braucht: Nahrung und Kleidung, aber auch Weisheit, Zuversicht, Mut und Tapferkeit, Selbstlosigkeit und Nächstenliebe. Die Welt verlässt sich auf sich selbst, und wir? »Fraget nach dem Herrn und nach seiner Stärke, sucht sein Angesicht beständig« (1. Chron. 16, 11)! (Lies Hiob 23, 11; Ps. 18, 22; 44, 19; Spr. 3, 5; 4, 5; Phil. 4, 6; Jak. 1, 5.)
Wie die Erklärung Gottes, dass er mit Josua sein wolle, die einzige, aber auch wirklich ausreichende Garantie dafür ist, dass Josua zum Ziel kommt, so ist auch Josuas Frage nach dem Willen Gottes die einzig sinnvolle Frage - auch im Blick auf Erfolg und Gelingen. (Vgl. 1. Mose 39, 1-4; Ps. 1, 1-3; 37, 31.) Wenn wir ein wenig tiefer in das Leben Josuas schauen, machen wir eine wichtige Entdeckung: Mose, der für Josua väterlicher Freund und Berater war, hatte ein Zelt, das er »Stiftshütte« (»Zelt der Begegnung« mit Gott) nannte. Dieses Zelt schlug er immer an einem stillen Platz auf, »fern vom Zelt-Lager« Israels, abseits vom Umtrieb und Lärm des Alltags. Hier konnte Mose zur Ruhe kommen und seine Herzensohren auf Empfang einstellen. Hier konnte er Gott fragen, und der Herr gab ihm Weisung (2. Mose 33, 7-10). »Der Herr redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freund redet. Dann kehrte er zum Lager zurück; aber sein Diener und Jünger Josua, der Sohn Nuns, wich nicht aus der Stiftshütte« (2.Mose 33, 11). Während Mose die Antwort, das Wort Gottes dem Volk mitteilte, konzentrierte Josua sich aktiv auf das Gespräch mit dem Herrn. »Lass die Reden meines Mundes und das Sinnen meines Herzens wohlgefällig vor dir sein, Herr, mein Fels und mein Erlöser« (Ps. 19, 15)! Welch ein Geschenk, wenn die Verkündigung des Wortes Gottes, wenn schwierige Gespräche und mühevolle Aufgaben vom Fürbitte-Gebet und von der Anbetung Gottes begleitet werden! Josua lernte es, alle Nöte und Fragen des Lebens mit Gott zu besprechen, aus allem ein Gebet zu machen, alles, was ihm begegnete, mit Gott zu verarbeiten. Da war immer wieder eine nachdrückliche Entscheidung fällig: »Hören will ich, was Gott, was der Herr reden wird« (Ps. 85, 9a). (Lies 4. Mose 9, 8; 27, 5; 1. Sam. 3, 9. 10. 21; Ps. 40, 7; Jes. 50, 5.)
Was mögen die Bewohner Jerichos gedacht und getuschelt haben über die merkwürdige Truppe, die Tag für Tag um die sichere Stadtmauer Jerichos zog? Und ist es nicht geradezu lächerlich, mit Musikinstrumenten ein Bollwerk zu erobern, das als uneinnehmbar galt? Doch wenn Gott es so haben will? (Vgl. Jos. 6, 1-5.) »Die Ehrfurcht vor Gott ist der Weisheit Anfang« (Spr. 9, 10). Bei der Einnahme des Landes mussten die Israeliten einige wichtige Lektionen lernen. Sie mussten lernen: Gott wird uns segnen, wenn wir auf seinen Wegen gehen. Dabei sind Gottes Wege immer an sein Wort gebunden. Aus der Bibel erfahren wir, was Gott will, und was er nicht will. Wir erfahren dort, was Gott verheißt und auch, was er nicht verheißt. Darum sagt der Herr zu Josua: »Lass das Buch dieses Gesetzes nicht von deinem Munde kommen, sondern betrachte es Tag und Nacht, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem, was darin geschrieben steht. Dann wird es dir auf deinen Wegen gelingen, und du wirst es recht ausrichten.« Das ist ein ganzes Programm für das neue Jahr. »Ich muss doch genau wissen, was Gott will. Ich muss doch genau wissen, was er verheißt. Ein Kalenderzettelchen oder ein Losungshäppchen am Tag gibt mir doch keine Orientierung für die tausend Fragen meines Lebens. Wer sich mit diesem biblischen Minimalprogramm begnügt, gleicht einem Wanderer, der den Weg durch die Dunkelheit mit dem Licht eines Streichholzes erkennen will« (M.Wanner). - Wir haben keine Zeit, uns in das Wort Gottes zu vertiefen? Wirklich nicht? Oder nehmen wir unsere Zeit, die in Gottes Hand steht, nicht vielmehr aus seiner Hand, seinem gnädigen Machtbereich, eigenmächtig heraus (Ps. 31, 16)? (Lies Ps. 119, 62. 164; Dan. 6, 11; 2. Tim. 3, 14-17.) Die Zeit mit Gott ist niemals verlorene Zeit.
Josua gehörte von Haus aus eher zu den »Stillen im Lande«, zu denen, die mit Angst und Mutlosigkeit zu kämpfen haben. Und Gott wird nicht müde, ihn immer wieder zu ermutigen: »Siehe, ICH!« Schau auf mich, Josua! Vertraue mir! Verlass dich auf mich! - Gott öffnet unsere Augen für sich selbst. Darum begegnet er Josua nicht nur in seinem Wort, sondern auch in jenem geheimnisvollen »Fürsten über das Heer des Herrn« (Jos. 5, 13-15). Die einzig angemessene Reaktion, die Josua hier an den Tag legt, zeigt, dass er Gott den ersten Platz in seinem Leben eingeräumt hatte: »Josua fiel auf sein Angesicht zur Erde nieder, betete an und sprach zu ihm: Was sagt mein Herr seinem Knecht?« Josua unterstellt sich Gott und gibt sich ganz in Gottes Hand. Er ist bereit, den Willen Gottes zu empfangen und zu tun. Aber er bekommt auch einen starken Eindruck von der Heiligkeit Gottes. Wie einst Mose am brennenden Dornbusch seine Sandalen ausziehen musste (2. Mose 3, 5), soll auch Josua seine Schuhe von seinen Füßen ziehen. Die Begegnung mit dem heiligen Gott verlangt nicht nur Demut und Respekt, sondern zeigt dem Menschen an, dass er auf den Wegen Gottes nicht mit seinem alten, abgetretenen Schuhwerk laufen kann. Wer Land für den Herrn gewinnen will, wird alte Gewohnheiten, untaugliches, abgelaufenes Traditionswerk ablegen und vor allen Dingen den Straßenstaub der Sünde. Welchen Schuh muss ich heute ausziehen? Vor dem heiligen Gott können wir uns nicht selber schützen. Vor ihm dürfen wir alles, was uns beschwert und beschmutzt, ablegen: Römer 13, 12; Epheser 5, 8-15; Hebräer 12, 1. 2a. Der Aufblick zu Jesus bewahrt uns nicht nur vor Mutlosigkeit und Resignation, sondern stärkt uns zur Hingabe an ihn selbst.
1.MOSE 12, 7; 13, 17; 5.MOSE 34, 1-5. 9; JOSUA 1, 6. 9. 13 Gott hält sein Wort. Und er möchte, dass sein Volk sich an sein Wort hält. Die Israeliten waren dem Herrn immer wieder ungehorsam (vgl. Neh. 9, 23ff). Darum schöpften sie die Verheißungen Gottes, das ganze Land einzunehmen, nicht voll aus. »Du bist alt geworden und hochbetagt, und vom Lande bleibt noch sehr viel einzunehmen« (Jos. 13, 1), sagte der Herr zu Josua am Ende seines Lebens. Aber immer dort, wo Israel nach den Verheißungen Gottes lebte und die Wege Gottes ging, stand am Ende die Erfahrung: »Es war nichts dahingefallen von all dem guten Wort, das der Herr dem Hause Israel verkündigt hatte. Es war alles gekommen« (Jos. 21, 45). Gott hat uns in der Bibel so viele gute Worte gegeben, die er gerne einlösen möchte. So wie er den Stämmen Israels ganz bestimmte Wohngebiete zuteilte, will er auch jedem von uns im Rahmen seiner Verheißungen Land austeilen: o Du darfst das Land neuer Erfahrungen mit Gott einnehmen. Der Herr verspricht: »Ich will euch mehr Gutes tun als je zuvor, und ihr sollt erfahren, dass ich der Herr bin« (Hes. 36, 11b). Du kannst im Jahr 2006 neue Schritte im Glauben machen. o Du darfst das Land intensiver Fürbitte einnehmen und im Gebet andere Menschen unterstützen und feindliche Mächte von ihnen abwenden. (Dazu Eph. 6, 12-20.) o Vielleicht schenkt Gott dir an deinem Arbeitsplatz oder in deiner Nachbarschaft neue Möglichkeiten, um mehr Einfluss zu gewinnen. (Vgl. Ps. 25, 12-21; Matth. 5, 5.) o Du bist zum Teil mitverantwortlich für ein geistlich gesundes Wachstum deines Bibelkreises oder deiner Gemeinde. (Vgl. Eph. 4, 11-14.) o Du darfst mithelfen, dass Menschen den Weg aus der Gebundenheit der Sünde in das weit offene Land der Jesus-Nachfolge finden. »Deine Augen werden den König schauen in seiner Schönheit, sehen werden sie ein weithin offenes Land« (Jes. 33, 17).
Es gibt kaum eine biblische Gestalt, über die wir so gut informiert sind, wie über David. Wir können seinen äußeren Lebenslauf verfolgen, und was in seinem Herzen vorging, verraten uns seine Psalmen. Wir lernen durch sie einen Mann kennen, den mit Gott ein vertrautes Verhältnis verband. An diesem König hatte der Heilige Israels Gefallen. Nach dem Vorbild Davids wurden alle folgenden Könige beurteilt. Von einigen heißt es: »Er tat, was dem Herrn wohlgefiel, ganz wie sein Vater (= Vorfahre) David« (z. B. 2. Kön. 18, 3). Wie hat die Geschichte Davids angefangen? Welcher Umstand brachte ihn auf den »Königsweg«? Das hat eine Vorgeschichte. Josua als Nachfolger Moses führte das Volk Israel in das von Gott versprochene Land. Als den zwölf Stämmen ihre Gebiete zugewiesen worden waren, ermahnte Josua sie eindringlich, sich in Treue an die Gebote Gottes zu halten und ihm allein zu folgen. (Lies Jos. 23, 6-8; 24, 14-18.) Als Josua starb, verloren die zwölf Stämme eine »Leitfigur«, die sie als Volk hätte zusammenhalten können. Die Feinde der Israeliten nutzten diese Schwäche aus und überzogen das Land mit ihren Raubzügen. Das Buch der »Richter« gibt einen Einblick in diese dunkle Epoche Israels. Männer wie Gideon oder Simson wurden von Gott gerufen, die feindlichen Völker zu vertreiben. Gleichzeitig gerieten die Gebote Gottes mehr und mehr in Vergessenheit. Das führte zu einem geistlichen Zerfall. (Vgl. Richt. 2, 10-19.) Auch der Prophet Samuel, der als letzter Richter angesehen werden kann, konnte keine durchgreifende Umkehr des Volkes zu dem Gott Israels bewirken. Und eines Tages kamen die Abgeordneten der Stämme zu ihm und forderten einen König, der über sie herrschen sollte. »Und das Wort war übel in den Augen Samuels, . . . und Samuel betete zum Herrn« (1. Sam. 8, 6).
»Der Herr aber sprach zu Samuel: Höre auf die Stimme des Volkes . . . Denn nicht dich haben sie verworfen, sondern mich haben sie verworfen, dass ich nicht König über sie sein soll.« Durch den fortschreitenden geistlichen Verfall hatte sich Israel seinem Gott entfremdet. Sie konnten mit dem unsichtbaren Herrscher nichts anfangen. Sie wollten einen König zum »Anfassen«. Sie dachten, mit einem »Vorzeigekönig« könnten sie die Völker einschüchtern und sie sich vom Leib halten. Die Geschichte Israels zeigt uns, dass sie sich sehr irrten. Aber sie bekamen ihren Willen. Samuel stellte ihnen bald einen jungen Mann aus dem Stamm Benjamin vor, der mit seiner Körpergröße alle anderen überragte. (Lies 1. Sam. 9, 27b; 10, 1. 17-24.) Saul wurde jubelnd anerkannt. Doch bald zeigte sich, dass sein Verhältnis zu Gott recht locker war. Es fehlte ihm die letzte Aufrichtigkeit. Er handelte eigenmächtig und zu seinem eigenen Vorteil (1. Sam. 15, 10-35). Da sprach der Herr zu Samuel: »Es reut mich, dass ich Saul zum König gemacht habe, denn er hat sich von mir abgewandt.« Samuel litt am Niedergang Sauls. Er konnte es nicht fassen, dass Gott diesen König beiseite setzte. Samuel sah keine Alternative zu Saul. Doch da hörte er wieder die Stimme Gottes: »Wie lange willst du um Saul trauern, . . . Fülle dein Horn mit Öl und gehe hin! Ich will dich zu Isai senden. Denn ich habe mir unter seinen Söhnen einen zum König ausersehen« (Kap. 16, 1). So zog Samuel nach Bethlehem. Die Wahl wurde im Schatten eines Opferfestes getroffen, das zur »Tarnung« im Haus Isais abgehalten wurde (Kap. 16, 2-5). Die Absicht Gottes mit David war noch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Saul würde noch Jahre im Amt bleiben, bis David den Königsthron einnehmen konnte.
Als die Söhne Isais herbeikamen und Samuel Eliab sah, meinte er bei sich selbst: »Gewiss, da steht sein Gesalbter vor dem Herrn!« Ein König musste doch herrlich anzusehen sein und schon allein mit seiner Erscheinung Eindruck machen. So denken alle Völker, und ihre Herrscher strengen sich an, dieses Denken mit ihrem Hofstaat zu bestätigen. Samuel sollte aber einen anderen Maßstab anlegen: »Der Herr sprach zu ihm: Sieh nicht auf sein Aussehen und auf seinen hohen Wuchs.« Der Prophet mag enttäuscht gewesen sein und ein wenig hilflos, als er alle anwesenden Söhne Isais in Augenschein genommen und Gott zu jedem nein gesagt hatte. »Der Herr sieht auf das Herz.« (Lies Jes. 55, 8. 9; Spr. 15, 11; 1. Petr. 3, 4.) Glanzvolle Äußerlichkeiten können blenden und zu falschen Schlüssen verleiten. Gott sieht hinter die Kulissen. Er weiß, wer es mit ihm wirklich ehrlich meint und nicht auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. (Vgl. 4. Mose 14, 24; 32, 12.) Isai hatte tatsächlich einen Sohn, dem es um die Ehre Gottes ging und nicht um Selbstbestätigung. Dieser, der Jüngste unter ihnen, war gar nicht erst zum Fest eingeladen worden. Es schien nicht so wichtig, dass er daran teilnahm. Stattdessen sollte er die Schafe des Vaters hüten. Samuel befahl, ihn zu holen. Da stand er neben seinen prächtigen Brüdern: verschwitzt, verstaubt, mit Schafsgeruch, vermutlich noch ein »Teenie«, wie wir heute sagen, noch im Wachstum begriffen. Die Bibel ist mit ihren Worten nicht gerade verschwenderisch, um das Aussehen eines Menschen zu beschreiben. Hier geschieht eine Ausnahme: Verse 12. 18 (vgl. Kap. 17, 42). Nun hört Samuel Gottes Befehl: »Auf, salbe ihn! Denn er ist es! Da nahm er das Ölhorn und salbte ihn mitten unter seinen Brüdern. Und der Geist des Herrn geriet über David, von diesem Tag an und darüber hinaus.« So hat Davids Geschichte angefangen.
Zunächst geschah nichts Besonderes. David hütete weiterhin die Schafe seines Vaters. Er konnte ja nicht einfach an den Hof Sauls gehen und seine Dienste anbieten. Er musste warten, bis er gerufen wurde. Der Glaubende hat es oft mit dem Warten zu tun. Das macht ihn aber nicht untätig. Er geht weiterhin seiner Beschäftigung nach, bleibt aber hellhörig, um darauf vorbereitet zu sein, wenn Gott handelt. (Lies Ps. 27, 14; 37, 7a; Klagel. 3, 25.) Am Hof des Königs tat sich etwas. Saul veränderte sich (V. 14). Vor Gott war Saul schon nicht mehr König, denn der Herr hatte ihm die Kraft genommen. Saul geriet unter den Einfluss des Widersachers, und Gott ließ das zu. Denn ihm müssen alle Mächte dienen, auch die bösen. Dazu Hiob 1, 6-12; 2, 1-10. Die Diener Sauls machten sich Sorgen um ihren Herrn. Sie wollten ihm helfen. Vielleicht fürchteten sie sich auch vor ihm, wenn er seine Anfälle bekam. Ob nicht eine schöne Musik ihn beruhigen könnte? Sie legten dem König geradezu den Auftrag in den Mund: »Sage uns doch, dass wir einen Mann suchen sollen, der die Harfe spielen kann.« Sie bekamen den Auftrag, und einer von ihnen wusste von einem Sohn Isais in Bethlehem, der die Harfe spielte, »ein tapferer Mann, tüchtig zum Kampf und des Wortes mächtig, von guter Gestalt, und der Herr ist mit ihm«. Welch ein Zeugnis über David! Es war nicht übertrieben. Er machte Eindruck - aber nicht, weil er das beabsichtigte. Selbstgefälligkeit lag David fern. Er wollte nicht mehr sein, als er war: ein Hirte, der sich allerdings bis zum Einsatz seines eigenen Lebens um die ihm anvertrauten Tiere kümmerte. Saul ließ David zu sich holen und gewann ihn sogar lieb. Das Saitenspiel Davids verfehlte seine Wirkung nicht. Saul fand Erleichterung.
Die Philister bewohnten die Küstenregion des Landes. Immer wieder bedrohten sie die Israeliten mit kriegerischen Übergriffen. Forscher sehen in den Philistern eines der Seevölker, die, im 2. Jahrtausend v. Chr. aus der Ägäis kommend, sich zwischen Ägypten und dem Libanon an der Mittelmeerküste festsetzten. Ihr Ursprung ist in Ägypten zu sehen. Das sagt uns die »Völkertafel « in 1.Mose 10, 13.14: » . . . und Mizrajim (= Ägypten; Nachkommen Hams) zeugte die Kasluhiter, von denen die Philister ausgegangen sind.« Abraham und Isaak hatten schon mit ihnen zu tun. (Lies 1. Mose 21, 22-34; 26, 12-18.) Als die Israeliten Ägypten verließen, durften sie der Philister wegen nicht den kürzeren Weg nach Kanaan an der Mittelmeerküste entlang ziehen, sondern mussten den Umweg über den Sinai auf sich nehmen (2.Mose 13, 17. 18). Die Philister verstanden es nun, die Schwäche der Israeliten auszunutzen und forderten sie zum Kampf heraus. Die feindlichen Heere standen sich gegenüber, zwischen ihnen lag ein Tal. Die beiden Parteien konnten sich gut beobachten und jede Bewegung des Feindes verfolgen. »Und ein Vorkämpfer trat aus den Reihen der Philister heraus, sein Name war Goliat . . . « Mit ihm demonstrierte das Küstenvolk seine Macht und Überlegenheit. Der Mann war etwa drei Meter groß. Sein Schuppenpanzer wog 50, sein Speer 7 Kilogramm. Konnte es denn unter den Reihen Israels irgendeinen Mann geben, der es wagte, gegen diesen Riesen anzutreten? Über die Strategie des Feindes gab es keine Zweifel. Sie hieß »Einschüchterung«, dem Gegner allen Mut nehmen und ihm suggerieren, dass er doch in jedem Fall der Unterlegene, ja der schon Besiegte, sei. Saul und sein Heer hatten dem nichts entgegenzusetzen. Oder doch? - Und wir? Wie können wir den »Feindbewegungen« begegnen? Dazu Psalm 55, 23; 1. Korinther 16, 13; 1. Petrus 5, 6-10.
Goliat stand in voller Montur mit seinem Waffenträger im Terebintental und forderte zum Zweikampf heraus: »Bestimmt einen Mann von euch, dass er zu mir herabkommt. Wenn er mit mir zu kämpfen vermag und mich erschlägt, dann wollen wir eure Knechte sein. Wenn ich ihn aber überwinde und erschlage, dann sollt ihr unsere Knechte sein und uns dienen.« Hier stand die Zukunft Israels auf dem Spiel. Die Philister konnten mit ihrem Riesen sicher sein, dass der Kampf zu ihren Gunsten ausgehen würde. In diesem Fall müssten sich die Israeliten, Gottes erwähltes Volk, in die Hand des Feindes geben und ihm zu Diensten sein. War das vorstellbar? Goliat triumphierte: »Ich verhöhne heute die Schlachtreihen Israels. Gebt mir einen Mann, dass wir miteinander kämpfen.« Das sollte heißen: Ihr habt niemanden, der mir gewachsen ist. Es gibt bei euch keinen, der sein Leben für euch einsetzt. - Sollte sich das bestätigen, dann wäre jetzt schon der gute Plan Gottes mit seinem Volk gescheitert. Saul und sein Heer befanden sich in einer ausweglosen Lage. Der König war machtlos. Tag um Tag verging, ohne dass etwas geschah. Nur Goliat gingen die Worte nicht aus, mit denen er die Israeliten schmähte (vgl. Jes. 36, 1-21). - Israel stand nicht das erste Mal vor einem überlegenen Feind. Bevor sie in das von Gott versprochene Land einziehen konnten, mussten sie Jericho überwinden. Sie hatten nicht die Mittel, diese Stadtmauer zum Einsturz zu bringen. Josua hatte aber »sein Ohr an Gottes Mund« und ließ sich raten, was er tun sollte. (Lies Jos. 5, 13-15; 6, 1-5. 20; vgl. 2. Chron. 14, 8-11.) - Saul wusste nicht, was er tun sollte. Untätig wartete er die Entwicklung ab. Mit jeder müßigen Stunde arbeitete er dem Feind in die Hände.
David, um den es uns im Besonderen geht, hatte in seinem Leben viele »Feindberührungen«. Das schlägt sich auch in seinen Psalmen nieder: »Herr, wie zahlreich sind meine Bedränger! . . . Du aber bist ein Schild um mich her.« (Lies Ps. 6, 9-11; 18, 1-4.) David war gegenüber seinen Feinden, geistlich gesehen, grundsätzlich im Vorteil, denn hinter ihm stand der Herr, der seinen Berufenen nicht umkommen ließ. Das heißt aber nicht, dass David siegesgewiss durch den Tag stolzierte. Der geistliche Vorteil war zwar ein Vorschuss an Kraft. David aber erlebte diesen Vorteil in der Gestalt der eigenen Ohnmacht, die ihn hilfsbedürftig und vertrauensvoll den Beistand Gottes suchen ließ. Christen haben nicht weniger »Feindberührung«, wenn wir an die Versuchungen und Anfechtungen denken, die immer wieder über uns kommen. Wer aber Jesus Christus zum Herrn hat, der hat auch sein Leben und seinen Sieg. Wir erleben uns oft als Kraftlose und Ohnmächtige, aber »der Jesus-Sieg behält das Feld«. Wir gehen tatsächlich von Sieg zu Sieg, wenn wir uns am Sieger festhalten. (Lies Ps. 84, 8-10; Jes. 40, 29-31; 2. Kor. 12, 9. 10.) Unser Leib kann getötet werden, nicht aber unser geistliches Leben. Wir sind Gerettete des Herrn Jesus Christus, und wir bleiben es auch. Saul und sein Heer schienen nicht mit einer himmlischen Hilfe zu rechnen. Sie baten auch nicht darum. Jedenfalls lesen wir nichts von einem Gebet zu Gott. Die Machtdemonstrationen des Feindes dagegen beeindruckten sie sehr. Sie fürchteten sich und waren niedergeschlagen. Genau das wollten die Philister erreichen! Saul fehlte die Erfahrung mit Gott (z. B. Ps. 118, 6). Er hatte ihn nie wirklich gesucht. Nun kannte er Gott zu wenig, um ihm zu vertrauen. Seine Angst steckte an und lähmte jeden Mut. (Lies Jes. 51, 12-15.)
Als David vor den Augen seiner sieben Brüder von Samuel mit Öl gesalbt und damit deutlich wurde, dass der Jüngste Isais ein Berufener und Erwählter Gottes war, dürfte besonders Eliab, der Älteste, ein wenig neidisch geworden sein. Nun hatte sich die Gelegenheit ergeben, sich dem Heer Sauls anzuschließen und vielleicht dort einige Lorbeeren zu gewinnen. So schickte Isai seine drei ältesten Söhne in den Krieg, der allerdings noch nicht begonnen hatte. Zuvor sollte Saul und sein Heer mit den Parolen Goliats zermürbt werden, die dieser morgens und abends den Israeliten entgegenschleuderte. »David aber ging ab und zu von Saul weg, um die Schafe seines Vaters in Bethlehem zu weiden.« In der Familie spielte er weiterhin eine unscheinbare Rolle. Aber er war einer, der Gott tief vertraute. Eines Tages schickte Isai seinen Jüngsten mit auserlesenem Proviant zu den anderen Söhnen ins Kriegslager. David sollte in Erfahrung bringen, ob es den Brüdern gut ginge. Durch diesen Botengang wurde David Zeuge, wie Goliat wortgewandt Israel verspottete und damit auch Gott lästerte. Er erlebte, wie die Männer von Israel vor diesem Riesen erschreckt davonliefen. Die Söhne Isais werden nicht mutiger gewesen sein. Ferner erreichte David das Gerücht, der König habe eine hohe Belohnung dem versprochen, der sich freiwillig dem Philister stellen würde (V. 25). Bisher hatte sich noch keiner gemeldet. Niemand wollte das Risiko eingehen, sein Leben aufs Spiel zu setzen. In den Augen der Philister musste der Gott Israels ein schwacher Gott sein. Auf diese Weise lästerte Goliat nicht nur ihn, sondern das ganze Volk Gottes. Das erkannte David mit scharfem Blick. Es bekümmerte ihn, dass Gott auf diesem Kampffeld keine Rolle spielte. (Lies Ps. 5, 2-6. 8-10. 12; Röm. 2, 24; Hes. 36, 20-23; Jer. 2, 11-13.)
»Was soll mit dem Mann geschehen, der diesen Philister da erschlägt und die Schande von Israel abwendet?« - Spricht hier jugendlicher Überschwang und Abenteuerlust oder gar die Gier nach der Belohnung (V. 25b)? Ist Goliat mit seiner Übergröße, eingehüllt in eine phantastische Rüstung, nicht auch für den vergleichsweise kleinen David Furcht erregend? Doch dieser spricht tadelnd von »diesem Philister da«, als sei seine Überwindung ein Kinderspiel! Wie kann er sich das leisten? Im Gegensatz zu Saul und seinem Heer, die auf den Riesen starren und sich von ihm einschüchtern lassen, sieht David hinter Goliat die Götter der Philister und weiß, dass sie Nichtse sind. Er aber, der Sohn Isais, hat den lebendigen Gott hinter sich. In diesem Bewusstsein handelt David. Er rückt das Feindbild zurecht und sieht Goliat samt dem Philister-Heer im Verhältnis zu dem Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat. Sollte dieser dem Feind nicht gewachsen sein? David wird unter Beweis stellen, dass der Heilige Israels Macht hat, aus der Hand des Feindes zu erretten. Der Hirte aus Bethlehem ist entschlossen, »diesem Philister da« entgegenzutreten. Er unterschätzt den Feind nicht! Doch sieht er Goliat als schon besiegt an, weil die größere Macht bei Gott ist. König Saul war nicht in der Lage, seinen Kämpfern Mut zu machen. Er war selber mutlos. Der Riese Goliat war für ihn ein riesenhaft unlösbares Problem. Riesengroße Probleme machen riesengroße Sorgen. Das ist nicht nur auf den »Chef-Etagen« unserer Welt so. Auch der kleine Alltag gibt genügend Anlass, Christen den Mut verlieren zu lassen. Die Sorgen wachsen ihnen über den Kopf. Sollte unser Gott damit nicht fertig werden können, wenn wir sie ihm nennen und um Hilfe bitten? (Lies Ps. 13, 2. 3; Matth. 6, 27; Phil. 4, 6. 7; 1. Petr. 5, 6. 7.)
Unversehens tritt Davids ältester Bruder Eliab auf den Plan. Seinen Neid formuliert er in deutlichen Worten und unterstreicht sie mit heftigem Zorn (V. 28-30): Was hast du hier zu suchen? Warum bist du überhaupt gekommen? Wem hast du jene paar Schafe in der Wüste überlassen (V. 20)? Ich kenne deine Vermessenheit und die Bosheit deines Herzens! Du bist nur aus Neugierde und Sensationslust hergekommen! - David wird mit familiärer Gehässigkeit und Missgunst überschüttet. Eifersucht unter Geschwistern. Das ist kein Einzelfall. Die Söhne Jakobs dachten an Brudermord, als sie Josef kommen sahen (1.Mose 37, 13. 17-20; vgl. 1.Mose 4, 3-7). - In einem anderen Fall kann der Ältere es nicht ertragen, dass der Jüngere nach seinen Eskapaden vom Vater bedingungslos wieder aufgenommen wird und zu diesem Anlass sogar ein Fest veranstaltet (Luk. 15, 25-28). Eifersucht und Neid zerstören Beziehungen. Sie machen misstrauisch und bitter. Es kommt zu Unterstellungen und Verdächtigungen. (Lies Spr. 6, 34; Pred. 4, 4; Röm. 13, 13; 1. Kor. 3, 3; 1. Petr. 2, 1.) - Eliab konnte es nicht verkraften, dass David gesalbt worden war. Diesen hielt er für unwürdig. Solche Entscheidungen aber sind Gottes Angelegenheit. Vor ihm ist das Innerste des Menschen offenbar. Seine Wahl fiel auf David, und dabei blieb es. Dieser ließ sich von seinem Bruder nicht aufhalten. Unbeirrt verfolgte David seinen Plan. Auf menschliche Unterstützung musste er von Anfang an verzichten. Seine Wege waren einsam, aber er ging sie mit Gott. Saul war es inzwischen zu Ohren gekommen, dass ein junger Mann sich für Goliat interessierte und gegen ihn antreten wollte. Auf die angekündigte Belohnung hin hatte sich bisher kein einziger gemeldet, auch nicht ein Eliab. War mit David jetzt die Stunde der Rettung gekommen? Zu Saul sagte er: »Niemand lasse wegen Goliat den Mut sinken. Dein Knecht will mit diesem Philister kämpfen« (V. 32).
1. SAMUEL 17, 33-40; JOHANNES 10, 11. 27-30 Als David vor dem König stand und seinen Entschluss mitteilte (V. 32), schien Saul seinen »Musiktherapeuten« nicht wieder zu erkennen. Das lässt sich mit Vers 15 des gleichen Kapitels erklären. Vermutlich verbrachte David längere Zeit nicht am Hof. Aus dem Jungen war auch inzwischen ein junger Mann geworden, der aber noch nicht das Alter erreicht hatte, Soldat im Heer des Königs zu sein. Er hatte keine Rekrutenausbildung durchlaufen und erst recht keine Erfahrungen im Kampf. Oder doch? David war tatsächlich kampferprobt. Seine Feinde hatten nicht nur zwei, sondern vier Beine: Löwen und Bären, die sich über seine Schafe hermachten. Unter Einsatz seines Lebens kämpfte er um jedes seiner Tiere. Wie sollte er deshalb nicht gegen »diesen Philister da« antreten können? David argumentiert allerdings nicht so: Mit diesem Koloss werde ich schon fertig! Dagegen sagt er: »Der Herr, der mich aus den Klauen des Löwen und des Bären errettet hat, der wird mich auch aus der Hand dieses Philisters erretten« (V. 37). Saul hatte zu David gesagt: Du kannst das nicht! Die Antwort: Aber der Herr kann, ich habe das schon erfahren. Der König und sein Heer werden an ihrer eigenen Kraft zuschanden, weil sie nicht mit der Kraft Gottes rechnen. David dagegen gibt sich selbst hin und vertraut auf den Herrn. Er war nicht stolz auf seine Heldentaten. Die Kämpfe mit den wilden Tieren waren lebensgefährlich. Es ging ihm aber um das Schaf. Dafür kämpfte er bis aufs Blut. Was ihn selbst betrifft, spricht er hier nicht vom Siegen, sondern von Errettung. Dazu Psalm 18, 4-7. 17. 18. Nicht zufällig ist das Bild des Hirten David ein Vorbild auf den einen guten Hirten, der sein Leben für seine Schafe gegeben hat.
König Saul musste eine Entscheidung treffen. Also gab er David »grünes Licht«. Saul hatte eine schöne Rüstung. Die sollte der Hirte jetzt anziehen. Man kann sich gut vorstellen, wie die Offiziere des Königs heimlich Blicke tauschten: Wenn das mal gut geht! Der kann ja gar nicht damit umgehen! - So war es auch. David konnte in der Rüstung nicht einmal richtig laufen, geschweige denn kämpfen. Er rüstete wieder ab. Was nun? Schutzlos dem Riesen begegnen? Konnte er das wagen? Er musste es. Denn es ging hier nicht um einen Zweikampf auf der Schafweide, sondern um die zukünftige Existenz Israels. Wollten sie als Volk weiterhin ihrer Bestimmung leben, vor der Welt Gottes Zeugen zu sein, musste Goliat fallen und mit ihm die Philister. (Lies Jes. 43, 10. 11.) Gelang dies nicht, hieße das, in die Hände der Feinde zu geraten und als ihre Sklaven zu leben (V. 9). Nicht nur das: Man müsste die Treue des lebendigen Gottes zu seinem erwählten Volk in Frage stellen. (Lies 1. Mose 12, 2; 15, 18; 17, 4-6; 28, 14. 15; 2. Mose 2, 23-25; Jes. 55, 3.) Diese Treue aber ist die Hoffnung der Völker. (Lies Jes. 2, 2. 3; 49, 6; 51, 4-8.) Ließe Gott sein Volk im Stich, wäre auch unser Glaube auf Sand gebaut. Wenn er sein Wort bricht, das er Israel gegeben hat, dann sind alle seine Zusagen hinfällig. Aber der Herr wollte nicht, dass Israel unterging. Er gab David Mut und das nötige Geschick, Goliat entgegenzutreten. David blieb in seiner Hirtenkleidung und bei seiner Steinschleuder. Diese Schleuder war kein Spielzeug für Jungen, sondern eine ernst zu nehmende Waffe. Ein Könner traf damit immer das Ziel. David sammelte noch die passenden Steine. Jetzt war er so gerüstet, wie Gott ihn haben wollte. David hatte keinen anderen Schutz als die »himmlischen Heerscharen« (Ps. 91, 11-15).
David und Goliat: welch ungleiches Kämpfer-Paar! Der Riese konnte sich seiner schweren Rüstung wegen sicherlich nur langsam fortbewegen - ungeschickt für einen Zweikampf. Die Philister aber waren überzeugt, dass Goliat jeden Gegner abschrecken und mit einem einzigen Streich töten werde. War David nicht in einer beklagenswerten Lage? »Als aber der Philister hinschaute und David sah, verachtete er ihn, weil er noch jung war.« Goliat fühlte sich in seiner Würde herabgesetzt, dass man ihm diesen Knaben entgegenschickte und nicht einen erfahrenen Kriegshelden. »Bin ich ein Hund, dass du mit Stöcken zu mir kommst? Und er fluchte David bei seinen Göttern.« Der verbale Teil des Zweikampfes hatte begonnen: die Götter der Philister gegen den lebendigen Gott Israels, der mit David in ganz unscheinbarer Weise auf den Kampfplatz getreten war. Goliat hatte mit seinen Flüchen schon seine letzten Worte gesprochen. Es waren »Platzpatronen«. Denn David hatte Höheres zu bieten: »Du kommst zu mir mit Schwert, Lanze und Krummschwert. Ich aber komme zu dir im Namen des Herrn . . . heute wird er dich in meine Hand ausliefern . . . denn des Herrn ist der Kampf . . . « David ist ganz Werkzeug Gottes, der selbst für seine Ehre streitet, die der Philister in den Schmutz getreten hat. Jetzt sollten alle sehen, welche Größenverhältnisse vor Gott gültig sind, wer in seinen Augen schwach, und wer stark ist. Als Goliat sich aufs Neue seinem Gegner nähern will, um ihn anzugreifen, eilt David ihm flink und leichtfüßig entgegen, bestückt seine Schleuder und - der Philister stürzt tödlich getroffen zu Boden. Es gefällt Gott, seine überlegene Macht damit zu demonstrieren, dass er den Starken durch den Schwachen schlägt. (Lies 1. Sam. 14, 6; Richt. 7, 2-22.)
Siegesgewissheit garantiert noch keinen Sieg. Die Philister erfuhren die Wende zur Niederlage in einem Augenblick. Als sie sahen, »dass ihr stärkster Mann tot war, flohen sie«. David hatte bei Goliat den verletzlichen Punkt getroffen. Die Macht ihrer Götter und die Rüstung ihres Hoffnungsträgers hatte die Philister im Stich gelassen. Jetzt war nichts mehr da, woran sie sich hätten halten können. Nun liefen sie um ihr Leben. Die Israeliten jubelten. Die Bedrohung durch die Feinde verwandelte sich in einen überwältigenden Sieg, obwohl sie nichts zu dieser Wende beigetragen hatten. Und David? Wurde er nun als Held gefeiert? Wir lesen nichts davon im Text, nur, dass König Saul Davids Namen nicht kannte, auch sein General nicht, der eigentlich über alles informiert sein sollte (V. 55). Der König interessierte sich erst wirklich für David nach dessen Sieg. Hatte er in dem Verhalten des Hirten, der sich mutig für den Zweikampf meldete, nur ein »Spiel« gesehen, das nicht ernst zu nehmen war? Nun stand David vor dem König, in der Hand den Beweis, dass Goliat wirklich tot war. Er wurde offensichtlich dafür nicht mit Lorbeeren überschüttet. Vielleicht war das gut so. Allerdings hatte er jetzt einen Platz im Gedächtnis des Königs. Saul nahm David mit an seinen Hof und ließ ihn nicht nach Bethlehem zurückkehren (Kap. 18, 2). - Im Leben Davids begann nun ein neuer Abschnitt. Den Mut machenden Sieg über den mächtigen Goliat muss er sich oft vor Augen gehalten haben. Doch Goliat war nicht sein letzter Feind. Fast sein ganzes Leben brachte er damit zu, gegen die Philister zu kämpfen, bis er bekennen konnte, dass Gott ihn aus der Hand aller seiner Feinde errettet hatte. (Lies Ps. 18, 1-3. 28-37. 47-51.)
Die Gemeinden in Galatien, die durch die evangelistische Arbeit des Paulus entstanden waren, befanden sich in einer ernsten Krise. Mit Freuden hatten sie einst den Apostel mit seiner Botschaft aufgenommen. Die Galater hörten ihm zu und lernten von ihm, obwohl er kein eindrucksvoller Redner war, sondern, von Krankheit gezeichnet, ihnen in großer Schwachheit den Weg der Erlösung durch das Opfer, das Jesus selbst gebracht hatte, erklärte. Er stellte ihnen die Herrlichkeit des ewigen Lebens vor Augen, das ihnen durch den Glauben an den auferstandenen Christus geschenkt worden war. Sie hatten den »alten Menschen« wie ein beschmutztes Kleid abgelegt und »Christus angezogen« (Gal. 3, 27; vgl. Kol. 3, 9. 10; Eph. 4, 21-24; Röm. 13, 14). Die herzliche Beziehung zwischen Paulus und den Galatern wurde jedoch durch fremde Lehrer, die in die Gemeinden eingedrungen waren, erschüttert: Sie behaupteten, der Glaube an Christus allein genüge nicht, um zum Volk Gottes zu gehören. Man müsse auch noch gewisse Gesetzesvorschriften beachten, wie sie in den Büchern Moses festgelegt seien, also die Speisevorschriften und die Feiertage halten und die Beschneidung vollziehen (siehe Gal. 5, 2; 4, 9-11). Paulus hatte sich für die Galater aber ein anderes Ziel gesetzt, als dass sie mit Eifer und Genauigkeit Gesetze befolgten. Hatte er einst nicht selbst so gelebt und dann erkennen müssen, dass er auf diese Weise kein bisschen gerechter vor Gott wurde? Sein Ziel für die Galater war dagegen dies: » . . . bis Christus in euch Gestalt gewonnen hat.« Das war nicht durch das Einhalten von Gesetzen zu erreichen, sondern durch Glauben an Jesus, der alle gerecht spricht, die auf ihnvertrauen.
In diesem Textabschnitt weist Paulus dreimal darauf hin, dass er nichts anderes verkündet als das, was in der »Schrift«, d.h. im Alten Testament, steht (siehe Verse 22. 27. 30). »Denn es steht geschrieben!« Und was geschrieben steht, ist nichts anderes als das Wort Gottes selbst. Für Paulus steht es jenseits aller Infragestellung. (Lies Röm. 15, 4; 2. Tim. 3, 16; Joh. 8, 51; Matth. 24, 35; Hebr. 4, 12.) Zweimal nennt der Apostel auch das Gesetz (V. 21) und meint ein Doppeltes: »Sagt mir, die ihr unter Gesetz sein wollt, hört ihr das Gesetz nicht?« Wer von den Galatern »unter Gesetz« sein wollte, begab sich in ein »Netzwerk jüdischer Satzungen, bestehend aus hunderten von mosaischen Geboten und Verboten, angereichert durch tausende von hinzugekommenen Ausführungsbestimmungen « (A. Pohl). Paulus ermahnt aber, das Gesetz zu »hören«. Hier meint er in vollem Umfang die fünf Bücher Mose, die auch Thora genannt werden. »Thora« bezeichnet nicht nur das geschriebene Gebot, sondern alles, was in diesen Büchern berichtet wird, also auch die Lebensgeschichte Abrahams. Die Thora ist Wort Gottes. Paulus hätte demnach auch sagen können: » . . . die ihr unter Gesetz (= Menschensatzung, vgl. Matth. 15, 9) sein wollt, hört ihr das Wort Gottes nicht?« Paulus fragt: »Habt ihr wirklich genau auf die Schrift gehört? Habt ihr diese Lehren, die euch so beeindrucken, tatsächlich an der Schrift selber nachgeprüft? . . . Bevor ihr einen Willensentschluss ausführt, hört einmal auf die Schrift selber, ob sie wirklich zu eurem Vorhaben Ja sagt« (H. Krimmer). Ein oberflächlicher Umgang mit der Bibel, der vom Hören auf das Wort nichts weiß, macht anfällig, den Aussagen Glauben zu schenken, die der Wahrheit der Schrift zuwiderlaufen. Dieses »Denn es steht geschrieben« mahnt uns, mit vermehrter Konzentration auf das zu hören, was Gott uns durch das Wort der Bibel zu sagen hat. (Lies Ps. 119, 89-94. 97-105.)
GALATER 4, 22-25; 1.MOSE 16, 1. 2. 15; 17, 15-19; 21, 1-5 Abraham, der Stammvater Israels, hatte zwei Söhne, aber nur einer von ihnen ist in den Heilsplan Gottes aufgenommen. Schon die Mütter der Söhne sind nicht »gleichberechtigt«. Das hatte Sara nicht bedacht, als sie eigenwillig der Erfüllung des Versprechens Gottes ein wenig nachhelfen wollte. »Nach altem Recht gebiert eine Sklavin immer in die Sklaverei, auch wenn der Vater ein Freier war. Nur die Freie gebiert auch in die Freiheit« (A. Pohl). Ismael, der Sohn der Sklavin Hagar, konnte demnach niemals die Stellung eines rechtmäßigen Erbens einnehmen. Das war Isaak vorbehalten. Was will Paulus am Beispiel der verschiedenen Mütter dieser Söhne den Galatern sagen? »Dies hat einen bildlichen Sinn, denn diese Frauen bedeuten zwei Bündnisse.« Die Sklavin Hagar steht für den Bund, der am Sinai geschlossen worden war. Sie steht auch für das »jetzige Jerusalem«. Zu Paulusµ Zeiten wurde ja im Tempel noch immer der »alte« Gottesdienst mit seinen Opferriten gefeiert, obwohl Jesus Christus mit sich selbst schon das einmalige und endgültige Opfer für die Sünden der Welt am Kreuz dargebracht hatte. Wer damals noch dabei blieb oder gar sich neu dazu entschied, um vor Gott als gerechtfertigt zu erscheinen, indem er in eigenem Willen Gebote und Vorschriften zu befolgen trachtete, wurde Sklave seiner Selbstgerechtigkeit. Er schlug das Angebot Gottes aus, allein durch Glauben an Christus Gottes Wohlgefallen zu finden. Paulus wusste es aus eigener Erfahrung, wie ein Mensch »unter dem Gesetz« schwer arbeiten musste und doch nicht das erreichte, wonach er sich sehnte. Dazu Philipper 3, 7-9 und Römer 10, 2. 3. Der kann sich glücklich preisen, der die Last seiner Schuld und die Bemühungen des Gut-sein-Wollens Jesus abgegeben hat!
»Das Jerusalem droben ist frei, und das ist unsere Mutter.« Die sinnbildliche Bedeutung Saras entspricht dem »himmlischen Jerusalem«, der vollkommenen Stadt Gottes. Ihre Kinder sind »von oben her« in die Freiheit in Christus geboren. Die Zeugung Ismaels kam infolge menschlichen Wollens zustande. Die Zeugung Isaaks lässt sich nur dadurch erklären, dass ein göttliches Wunder geschah, denn Sara war erstens unfruchtbar und zweitens über das Alter hinaus, Kinder gebären zu können. Paulus ist es wichtig, das Wunder herauszustellen, das geschehen musste, um die Nachkommenschaft Saras ins Leben zu rufen. Deshalb zitiert er Jesaja 54, 1. 2. Dort muss die von Natur Unfruchtbare durch das Eingreifen Gottes ihre Zelte erweitern, damit alle ihre Kinder Platz finden. Dies sind die Kinder der Verheißung, die nicht mit Menschenwillen geboren wurden, sondern durch die Kraft Gottes. So entsprechen die Nachkommen der unfreien Hagar denen, die durch das Halten der Gesetze gerecht werden wollen. Die Nachkommen der freien Sara aber entsprechen denen, die durch Glauben an Jesus Christus gerechtfertigt werden und damit Glieder des Neuen Bundes sind (vgl. Joh. 1, 11-13). Paulus will nicht, dass die Galater diese Stellung aufgeben und sich damit im Hinblick auf die Verheißung Gottes ins Abseits stellen und einen »geistlichen Tod« riskieren. Sie stehen in einem Konflikt, in dem Eigenwille gegen Gotteswille streitet, d.h. »Geist« gegen »Fleisch«. So geschah es bereits damals, dass Ismael gegen Isaak stritt und darum mit seiner Mutter Hagar Abraham verlassen musste (1. Mose 21, 9-12). Das weist uns darauf hin, »Fleisch« und »Geist« strikt auseinander zu halten. Ein Mix aus beidem ist nicht möglich. Wir stehen diesbezüglich in einer ähnlichen Auseinandersetzung, wenn wir unseren »eigenen Kopf« gegen den Willen Gottes durchsetzen wollen oder gar beides miteinander verwechseln (Luk. 22, 42b; Röm. 12, 2; Eph. 5, 17; Kol. 1, 9).
»Für die Freiheit hat Christus euch frei gemacht.« Die Galater sind das drückende Joch der Sünde los und haben insofern ein unbeschwertes Leben vor sich, als sie sich nicht mehr selbst abrackern müssen, Gott zu gefallen. Diese Mühe hat ihnen der lebendige Christus in ihnen abgenommen (vgl. Hebr. 13, 20. 21). Unendlich erleichtert hätten sie sich sagen können: »Was du Böses hast begangen, das ist alles abgeschafft. Gottes Liebe nimmt gefangen deiner Sünde Macht und Kraft. Christi Sieg beherrscht das Feld!« (P.Gerhardt). Ein Leben mit Vorschriften und Anweisungen für jeden Fall mag in vieler Hinsicht einfacher sein. Der geistliche Fortschritt lässt sich an der Menge der erfüllten Forderungen messen und gibt dem Menschen ein Gefühl der Zufriedenheit. Es ist beruhigend, wenn es jemanden gibt, der ihm sagt, was er tun soll. Es ist, als müsse man nur in einem »Wörterbuch« das entsprechende Stichwort aufschlagen und fände daneben die Lösung notiert. Wenn dann alles Tag für Tag seinen gewohnten Gang läuft, dann ist die Welt in Ordnung. So bequem diese Art zu leben sein mag, sie entspricht nicht der Freiheit, für die Jesus die Galater - und uns - erlöst hat. Natürlich handelt es sich aber auch nicht um eine ungestüme Hemmungslosigkeit, die alle Leitlinien rücksichtslos umstürzt und es sich auf Kosten anderer gut sein lässt. Die Freiheit, von der Paulus hier spricht, ist ein überaus kostbares Geschenk, mit dem Gott die Würde seiner Schöpfung »Mensch« anspricht und ihn in die Verantwortlichkeit seines Lebens stellt. Indem dieser Mensch mit seinem Schöpfer im Gespräch bleibt, seinen Alltag zusammen mit ihm lebt, geschieht es, dass das Gebot des Herrn Jesus Christus im Leben dieses Menschen durch die Kraft des Heiligen Geistes verwirklicht wird (Mark. 12, 29-31; vgl. Matth. 22, 37-40).
»Steht fest im Glauben!« Paulus sieht es deutlich: Die Galater hören nur deshalb so bereitwillig auf die Verfechter der Gesetzeslehre, weil sie sich ihrer Stellung, die sie mit Christus haben, nicht mehr sicher sind. Sie sind schon dabei, ihre Glaubenshaltung aufzugeben und nach dem Machbaren Ausschau zu halten. Denn das Selbstgemachte - und sei es der fromme Lebensstil - ist fassbar und der eigenen Kontrolle unterworfen. Wer aber den Glauben lebt, ist dem Geist Gottes unterworfen, der sich nie in die Hand des Menschen gibt und sich somit nie manipulieren lässt, sondern souverän bleibt. Wie lässt sich dies aber mit der Freiheit vereinbaren, von der Paulus spricht? Ist nicht der »gläubige Selbstmacher« der Freie, da er ja selbst bestimmt, wie er sein Christsein leben will? Ist nicht er es, der ernsthaft Verantwortung wahrnimmt? Das mag in vielen Fällen so aussehen. Letztlich geht es dem »Selbstmacher« allerdings um den Glanz seiner eigenen Gerechtigkeit, wie es Paulus, als er noch Eiferer des Gesetzes war, an sich selbst erfahren musste: »Was auch immer mir Gewinn war, das habe ich um des Herrn willen für Verlust gehalten, . . . damit ich Christus gewinne und in ihm gefunden werde - indem ich nicht meine Gerechtigkeit habe, die aus dem Gesetz ist, sondern die durch den Glauben an Christus . . . « (Phil. 3, 7-9). Als Paulus noch nach dem Gesetz lebte, war er ein Gefangener seines Ehrgeizes und seiner Eitelkeit. Seit er Jesus Christus folgte, drehte er sich nicht mehr um sich selbst. Von den eigensüchtigen Trieben, die ihn in ständiger Unruhe hielten und auslaugten, war er befreit - befreit auch von der Angst um sich selbst und von der zerstörerischen Macht der Sünde, befreit für ein Leben, das in Jesus den Tod überwunden hat. (Lies 1. Kor. 15, 1. 2; Phil. 2, 16; 2.Tim.1,13. 14; Hebr. 10,23; Offb. 2, 25; 3,11.)
Die Galater hatten einst ihr heidnisches Leben in der Sklaverei der Götter und Dämonen abgelegt. Durch die Predigt des Paulus erkannten sie in Christus das neue Leben im Licht der Wahrheit. Jetzt standen sie in Gefahr, sich wieder in eine »Sklaverei« zu begeben. Sie erkannten nicht die Gefahren für ihre Freiheit in Christus, die in der Befolgung von Gesetzesvorschriften lagen. Deshalb nennt Paulus jetzt ganz konkret, was sie sich einhandeln, wenn sie sich beschneiden lassen. Mit dieser »Zusatzversicherung« bewegen sie sich von Christus weg. Ihn, der alles für sie vollbracht und alle Bedürfnisse abgedeckt hat, lassen sie stehen und unterwerfen sich freiwillig den Bedingungen des Alten Bundes, der doch längst durch den Neuen Bund, verkörpert in Christus, aufgehoben ist (dazu Hebr. 8, 10-13; 2. Kor. 3, 4-18). Paulus warnt: Wenn ihr die »Zusatzversicherung« für euer Heil abschließt, wird Jesus Christus euch nichts mehr nützen. Alles, was er für euch erreicht hat, verliert für euch seine Gültigkeit. Denn ihr wollt ja stattdessen lieber Vorschriften befolgen, und zwar alle! Denn wer sich dem Gesetz verpflichtet, muss es hundertprozentig erfüllen. Das wird euch von Christus und seiner Gnade trennen. Wollt ihr es wirklich so weit kommen lassen? - »Christus ist allgenugsam. Darum ist es abwegig, ein bisschen Christus mit ein bisschen Gesetz kombinieren zu wollen. Man kann sich nicht gleichzeitig in zwei Etagen eines Hauses aufhalten. Wer den Raum des Gesetzes und der Gesetzesgerechtigkeit wählt, verlässt seinen Stand in der Gnade (vgl. Röm. 5, 2; 2. Petr. 3, 17). Ein schlimmer Selbstausschluss von Christus (weg)« (A. Pohl). - »Wir aber vertrauen darauf, dass wir durch den Glauben an Jesus Christus von Gott angenommen werden. Er hat uns ja durch seinen Heiligen Geist diese Hoffnung geschenkt« (Gal. 5, 5).
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