WAS BLEIBT, WENN ALLES ZERBRICHT? Gedanken zur Jahreslosung
2.Samuel 22,2.47; Jesaja 26,4; Hebräer 13,8.
I. »WENN ALLES BRICHT, GOTT VERLÄSST UNS NICHT.«
Das Jahr 2004 liegt wie unberührtes Land vor uns. Wir wissen nicht, was geschehen und auf uns zukommen wird. Ganz anders Gott. Er kennt die Vergangenheit und die Zukunft genauso gut wie das Heute. Er weiß um alles, was uns begegnen wird und wie es uns geht - und er steht mit unerschütterlicher Liebe und beharrlicher Treue zu uns. In den Strömungen der Zeit, im Wirbel des Lebens und im Wellengang unseres Alltags ist er »der ewige Fels«, der nicht untergeht. (Vgl. 5.Mose 32, 4; 1. Sam. 2, 2; Ps. 73, 26.) Gott ist der ewig starke und zuverlässige Herr, der uns Schritt für Schritt durch sein seelsorgerliches Wort und nach seinem guten Plan führt. Darauf weist uns auch die Jahreslosung 2004 hin. »Jesus Christus spricht: Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen« (Mark. 13, 31). In Markus 13 spricht der Herr mit seinen Jüngern ganz offen über die Zukunft. Dabei sagt er klar und nüchtern: Es geht unaufhaltsam und mit wachsender Geschwindigkeit auf das Ende der Welt zu: »Himmel und Erde werden vergehen!« (Vgl. V. 24. 25.) In unserem Kosmos gibt es nichts, das nicht der Vergänglichkeit unterworfen ist und darum vergehen wird - mit einer einzigen Ausnahme: Jesaja 40, 6-8. Christen wie Nicht-Christen leiden an der Vergänglichkeit des Lebens. Allerdings gibt es einen alles entscheidenden Unterschied: Christen kennen und lieben Jesus, der die Vergänglichkeit und den Tod durchbrochen und »Leben und unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat« (2. Tim. 1, 10). Wer sich Jesus Christus anvertraut, wer an ihm hängt wie die Rebe am Weinstock, wird von den Stürmen des Lebens gerüttelt und geschüttelt werden, aber er erlebt das Wunder des Bleibens. Es geht nicht darum, dass wir schon irgendwie durchkommen werden. Nein, es geht darum, wie wir durchkommen: »Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben«, dann wird bleibendes Leben und »bleibende Frucht« wachsen (Joh. 15, 7. 16). Zur geistlichen Vertiefung: Wie kommt es nach den Worten von Jesus in Johannes 15, 9-16 zu bleibender Frucht?
In seiner Endzeitrede verdeutlicht Jesus einen erschreckenden Trend: Es wird in der Welt nicht von Aufschwung zu Aufschwung, sondern von Untergang zu Untergang gehen. Hintergrund der zerstörerischen Entwicklung bildet eine schleichende Zersetzung, die aus dem Herzen des Menschen kommt (Mark. 7, 20-23). Der Evangelist Matthäus bringt den gottlosen Trend treffsicher auf den Punkt (24, 12): »Weil die Ungerechtigkeit überhand nehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten.« Wir erleiden es vielfältig, wie hart und kalt es in der Welt zugeht. Doch wie sieht es ganz persönlich bei uns aus? Wir mögen keine groben Sünder sein, aber alle groben Sünden beginnen klein und verdeckt. Wir hetzen nicht öffentlich gegen andere, lassen aber hier und da »kleine« negative Bemerkungen über sie fallen. Wir töten nicht mit Messern und Geschossen, aber mit gedankenlosen Unterstellungen und lieblosen Verdächtigungen: Lies Matthäus 5,21.22. Wir würden jedoch das Wesen der Sünde verkennen, wenn wir sie nur nach »groß« und »klein«, »schwer« und »leicht« klassifizierten. So wichtig diese Einteilung für eine gerechte Gesetzgebung ist, so grundlegend ist es, das Wesen der Sünde zu kennen. Sünde ist im innersten Kern »Beziehungs-Boykott«, Abriss, Auflösung, Zertrennung einer heilen, tiefen Liebesbeziehung. Der Griff des ersten Menschenpaares nach der verbotenen Frucht war - verglichen mit der Mordtat des ältesten Sohnes - nur ein kleiner Fehlgriff. Im Kern dieser scheinbar kleinen Sünde aber steckte die im Herzen des Menschen abgebrochene Liebesbeziehung zu dem, der die Liebe in Person ist. Das ist die Sünde aller Sünden, wenn wir Gott nicht über alles lieben und ehren (Micha 6, 8; Mark. 12, 29-31). Darum fragt der Herr zuerst und zuletzt nach unsrer Liebe: »Simon, hast du mich lieb? Liebst du mich mehr als die anderen hier? Simon, hast du mich wirklich lieb?« (Joh. 21, 15ff). Zur persönlichen Vertiefung: Wie komme ich mit 1. Johannes 4, 7-16 und 1, 9 im täglichen Leben zurecht?
II. »GRÖSSER ALS DER HELFER IST DIE NOT JA NICHT.« So intensiv Jesus die Endzeitnöte ausgeführt hat, so zurückhaltend äußert er sich zur Terminfrage: »Ihr wisst nicht, wann der von Gott gesetzte Zeitpunkt da ist.« Wer bei Jesus, wie seine Jünger damals, in Ausbildung ist, muss diesen »Unsicherheitsfaktor« als Tatsache akzeptieren: »Allein der Vater im Himmel weiß es.« Das genügt. Punkt. - Dahinter steht eine gewisse Pädagogik unseres Lehrers. So wie der Sohn selbst vom Vater abhängig lebte, wie er an dem, was er litt, Vertrauens-Gehorsam gelernt hat (Hebr. 5, 7. 8), so sollen auch wir uns Schritt für Schritt im Vertrauen üben. Der Vater weiß, was wir bedürfen, und er sorgt für uns (vgl. Mark.13,11; Matth.6,25.30-33). Der Vater hat noch mehr für uns getan. Er hat uns zu Hoffnungsträgern gemacht, die in der Tretmühle des Alltags den Blick auf die Ewigkeit freihalten. An 1.Petrus 1, 3-9 will ich mich immer wieder »entlang« danken: »Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus! In seinem großen Erbarmen hat er uns neu geboren und mit einer lebendigen Hoffnung erfüllt. Diese Hoffnung gründet sich darauf, dass Jesus Christus vom Tod auferstanden ist. Sie richtet sich auf das neue Leben, das Gott schon jetzt im Himmel für euch bereithält als einen Erb-Besitz, der von keiner Sünde beschmutzt ist und niemals vergeht oder verdirbt oder aufgezehrt wird. Wenn ihr Gott fest vertraut, wird er euch durch seine Macht bewahren, sodass ihr die volle Rettung erlangt, die am Ende der Zeit offenbar wird. Deshalb seid ihr voll Freude, auch wenn ihr jetzt - wenn Gott es so will - für kurze Zeit leiden müsst und auf die verschiedensten Proben gestellt werdet. Das geschieht nur, damit euer Glaube sich bewähren kann, als festes Vertrauen auf das, was Gott euch geschenkt und noch versprochen hat.«
Der einzigartige Lehrer Jesus präsentiert seinen Jüngern im Blick auf das End- zeitgeschehen eine zweite Lektion. Er setzt das allen vertraute Bild vom Großgrundbesitzer ein, der sich auf eine längere Reise ins Ausland begibt und sein Anwesen bis zu seiner Rückkehr von tüchtigen Mitarbeitern verwalten und bewirtschaften lässt. Oberste Priorität hat dabei die Wachsamkeit - und zwar eine nach innen und eine nach außen gerichtete Wachsamkeit. Das veranschaulicht besonders die Aufgabe des Türhüters. Es ist nicht egal, wer oder was ins Haus kommt. Es ist nicht egal, wer das Haus verlässt und was alles nach draußen transportiert wird. Dabei geht es allerdings nicht schematisch-stur zu. Ein Pförtner oder Portier muss den Hausherrn gut kennen, um in seinem Sinn handeln zu können. Er muss ganz schön auf Zack sein, flexibel reagieren, liebevoll- freundlich und zielbewusst-fest handeln. Eine Schlafmütze eignet sich nicht für einen derartigen Vertrauensposten. Jesus würdigt seine Jünger, die Pförtner Gottes im Haus seiner Gemeinde zu sein. Bis der Hausherr wiederkommt, haben sie sorgfältig, behutsam und zuverlässig darauf zu achten, dass weder Irrlehren (unbiblische Dogmatik und Ethik!) noch falsche Prophetien (Mark. 13, 21-23) Raum in der Gemeinde bekommen. Das ist nicht allein die Aufgabe der Gemeindeleitung. Jeder lebendige Christ ist von Christus beschenkt und verpflichtet, als ein hellwacher »Portier Gottes« zu leben (vgl. 1.Mose 4,6.7; Ps.84,11; Offb.3,10). Die Grundfrage geistlicher Erweckung lautet: Was lasse ich in mein persönliches Lebenshaus hinein-, was aus ihm herauskommen? Leben dort »Eindringlinge«, wie wir sie in 2. Timotheus 3, 1-9 finden? Mit 1.Korinther 5, 7. 8, Philipper 4, 8 und Epheser 6, 18 gibt uns der Apostel Paulus wertvolle Praxishilfen für ein hellwaches Leben in der Jesus-Spur, bis er kommt.
Die Wachsamkeit, über die Jesus mit seinen Schülern spricht, hängt auch mit deren Lernfähigkeit zusammen: »Von dem Feigenbaum aber lernt ein Gleichnis. « Der Vergleich zwischen dem kräftigen Wachstumsschub im Frühjahr und der nahen Erntezeit im Sommer veranschaulicht: Bevor Jesus »zur geistlichen Ernte« wiederkommt, wird der »Feigenbaum« Blätter treiben. Von jeher galt der Feigenbaum als Symbol für das Volk Israel (vgl. Jer. 24, 1ff; Hos. 9, 10). In der »Zeitspanne«, bevor Jesus wiederkommt, wird Israel in der Weltgeschichte zentrale Bedeutung gewinnen. Gott vergisst sein Volk niemals: Jesaja 49, 13-16 und Jeremia 33, 6-9.14-16. Der Herr hat den roten Faden seiner Liebe zu Israel nicht verloren, sondern hat ihn mit der Staatengründung im Jahr 1948 n.Chr. überraschend neu eingefädelt und wird ihn durch schwerste Bedrängnisse hindurch (Mark.13,14ff) in die Vollendung seiner Heilsgeschichte einweben. Israel (»das Geschlecht« der Juden, V. 30) wird nicht untergehen, sondern erleben, dass alles, was Jesus angekündigt hat, auch geschieht. Das gilt für die äußere und für die innere geistliche Wiederherstellung Israels. »Gott vermag dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken« (Matth.3, 9b; vgl. Hes.36,26.27; 37,1ff). Gott steht unglaublich treu zu seinem Volk. Keins seiner Worte lässt er fallen. Der Herr erfüllt seine Versprechen bis in kleinste Einzelheiten. Wir leben von der Zuverlässigkeit und Treue des Herrn. Gerade die Geschichte Gottes mit Israel kann uns ermutigen, an seinen Treuezusagen für unser persönliches Leben vertrauensvoll festzuhalten. »Hüten wir uns, sorgend auszumalen, was wir in schwierigen Lagen zu tun und zu sagen hätten. Sorgen wir nur dafür, dass unsere Seele die Fühlung mit Christus behält, im Glauben und Gebet. Dann dürfen wir darauf rechnen, dass seine Macht uns auch in den schwersten Stunden eine unbegreifliche Ruhe und Kraft verleihen wird« (Traugott Hahn).
Mit dicken Buchstaben verkündeten Plakate vom Straßenrand unserer Autobahnen: »Gelassen läuftµs«. Nach wenigen Kilometern grüßten sie wieder - und noch einmal: »Gelassen läuftµs«. Dort, wo wertvolles Leben im Geschwindigkeitsrausch gefährdet ist, brauchtµs diesen guten Impuls. Aber nicht nur dort. In unserem Alltag muss so vieles laufen, und wir sehnen uns nach Ruhe und Gelassenheit. »Gelassen läuftµs.« Aber wie? Befassen wir uns zuerst mit der Grundlage echter Gelassenheit, wie Gott sie uns anbietet. Wirklich gelassen kann eigentlich nur ein Mensch sein, der seinen Frieden gefunden hat. Wenn wir uns Jesus Christus und seinem Versöhnungswerk anvertrauen, kommt unser Leben auf ein neues Fundament zu stehen. Es ist der Fundament-Friede, den der Apostel Paulus bezeichnet als »Frieden mit Gott« (Röm. 5, 1). Wie sonst sollte ein Mensch seinen Frieden finden, wenn er sich nicht retten ließe aus der Schattenwelt des Unfriedens? Jesus »ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt« (Jes. 53, 5). Diesen Fundament-Frieden brauchen und bekommen wir, wenn wir Jesus Christus in unser Leben aufnehmen. (Lies Jes.9,5; Luk.19, 1-10; Kol. 1, 20; 1. Joh. 2, 2.) Allerdings können wir trotzdem noch aus der Fassung geraten und uns umhertreiben lassen von den Turbulenzen des Lebens. Dann geht nicht der Friede mit Gott verloren, sondern es fehlt uns gefühlsmäßig die ruhige, gelassene Verfassung. Doch ich kenne jetzt Jesus, den Friedensfürsten. Ich darf immer wieder zu ihm gehen, darf alles mit ihm besprechen und aus der Friedensquelle seines Wortes trinken. Er sagt: »Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch, nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt, euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht« (Joh. 14, 27; lies Röm. 15, 13; Phil. 4, 4-7). Wir sind nicht überfordert, in all den unterschiedlichen Situationen heute im Frieden zu bleiben, sondern wir sind dafür beschenkt.
Der Friede mit Gott bringt eine tiefe Grund-Zufriedenheit in unser Leben, weil uns der Vater im Himmel als seine Töchter und Söhne vorbehaltlos angenommen hat. Der Herr weiß, dass wir in einer Welt voller Widerwärtigkeiten leben, und er hilft uns göttliche Gelassenheit zu gewinnen. I. ICH KANN GELASSEN SEIN, WEIL ICH ZURÜCKLASSEN DARF. Unsere Gedanken beschäftigen sich oft mit dem, was wir falsch gemacht haben. Zwar wissen wir um das Geschenk der Vergebung, und wir nehmen es auch an, haben aber große Mühe, auch uns selbst zu verzeihen, indem wir nicht länger über das Übel grübeln, sondern weitergehen. Der Apostel Paulus hätte wirklich Grund genug gehabt, bei seinem schrecklichen Vergehen stehen zu bleiben. Als Verfolger der Christengemeinde hatte er sich außerordentlich schuldig gemacht. Seinem Mitarbeiter Timotheus schrieb er: »Ich war zuvor ein Lästerer und ein Verfolger und ein Frevler« (1.Tim.1,13a). An einer anderen Stelle heißt es: »Ich elender Mensch!« (Lies Röm. 7, 14-25.) Doch Paulus blieb weder bei seiner Vergangenheit noch bei seiner alten »Saulus-Art« stehen. Er hatte das Unrecht seines Lebens bei Jesus abgegeben, obwohl Menschen durch ihn gefangen gesetzt wurden und manche sogar ihr Leben lassen mussten. Doch Paulus schaute nicht länger auf seine Untat, sondern auf seines Herrn Heilstat. »Aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren« (1.Tim. 1, 13b; lies Röm. 3, 24; Jes. 54, 10). Gottes herzliche Liebe bringt zustande, was uns von Haus aus nicht gelingt. Lass deine Sünden und Verkehrtheiten im Grab von Jesus begraben sein, und begrabe deinen Stolz, der so gern in den Fehlern und Unmöglichkeiten herumrührt. Gottes herzliche Liebe bringt auch unsere Trutzigkeit zum Schmelzen. Wir dürfen Altes zurücklassen und vorwärts gehen, weil es Vergebung und viel Gnade gibt.
1. Timotheus 1, 12-17; 1.Korinther 15,57. Gott geht unbegreiflich barmherzig mit uns um. Darum wollen wir mit Paulus sagen: »Aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren.« Wie der Apostel dürfen auch wir den Sieg, den Jesus über unser altes, verkehrtes Wesen errungen hat, in Anspruch nehmen. Das schließt auch unser Denken über uns selbst ein. Sich laufend mit seinen Fehlern zu beschäftigen, ist nicht fromm, sondern zerstörerisch. Paulus schaute auf Jesus: »Ich danke unserem Herrn, der mich stark gemacht und für treu erachtet und in den Dienst eingesetzt hat.« Wenn bereinigte Sünden und Fehler der Vergangenheit in uns aufsteigen und uns fertig machen wollen - und sei es hundertmal am Tag -, lasst uns sagen: »Stopp. Jesus ist stärker. Sein Kreuz bedeckt meine Schuld. Mein Wille gehört meinem Gott. Ich traue auf Jesus allein. « Dann werden auch wir eines Tages bekennen: »Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen« (1.Kor.15,10a; lies Phil.3,12-14; Luk.9,62). Wenn wir die Briefe des Paulus lesen, können wir nur staunen, mit welcher Gelassenheit er sein Leben betrachtet hat. Die einst erlebte Barmherzigkeit Gottes lebte täglich tief in seinem Herzen weiter. Nicht nur im Blick auf die vergebene Schuld stützte er sich auf Gottes Erbarmen, sondern er überließ auch seine persönlichen Lebensumstände ganz der göttlichen Fürsorge. »Ich kann satt sein oder hungrig, arm oder reich, ich kann übrig haben und Mangel leiden, ich kann hoch sein und niedrig, das alles kann ich. Ich habe gelernt, mir genügen zu lassen. Ich vermag alles durch meinen Herrn Jesus Christus« (Phil. 4, 11-13). Hier spricht nicht die Vermessenheit, sondern die Gelassenheit aus dem Apostel, weil er seinem Herrn völlig vertraute und bei ihm geborgen war. Gottvertrauen macht getrost und gelassen. (Lies Ps. 37, 5; Jes. 40, 26b. 31; 2.Kor. 12, 9.10.)
II. WENN ICH MICH BESCHENKEN LASSE, ERFAHRE ICH GELASSENHEIT. Blicken wir auf uns und in den Spiegel des Wortes Gottes, dann stellen wir fest, dass wir unfähig sind, aus eigener Kraft so zu leben, wie Gott es haben möchte. Der Herr kennt unser Unvermögen, aber er fordert jetzt nicht ein: »Nun mach aber mal . . . «, sondern er befähigt uns per Schenkung. Gott hat uns mit Jesus alles geschenkt, was wir zum Leben mit ihm brauchen. Aber nehmen, »auspacken «, danken, anwenden - das ist natürlich unsere Sache. (Lies Ps. 34, 10; 84,12; 1.Kor.1, 4-9; Phil.4,19.) Die unermessliche Liebe des Vaters malt Jesus uns im Gleichnis vom verlorenen Sohn vor Augen. Der junge Mann ließ sich tatsächlich von seinem Vater aus dem selbstverschuldeten Elend herausholen. Als er reumütig heimkehrte, ahnte er nicht im Entferntesten, was ihn erwartete, denn einen Anspruch auf irgendeine Zuwendung des Vaters hatte er nicht mehr. Sein Erbteil war ausbezahlt, und er hatte es verschleudert. Aber vielleicht ließ der Vater sich um den Arbeitsplatz als Tagelöhner bitten. Wie wenig hatte der Sohn die Liebe seines Vaters gekannt und verstanden. »Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: »Bringt ihm . . . , gebt ihm. . . , bringt her . . . , lasst uns essen und fröhlich sein.« Und der Sohn ließ sich beschenken. Wer die Armut, das Nichts-Sein und Nichts-Haben und auch das Nichts-Können so erlitten hat, der lässt sich staunend beschenken. (Lies Luk.15, 11-24.) Wer die Gnade des Nullpunkts kennt, kann wahrlich gelassen leben. Wir haben einen liebenden und reichen Vater und müssen nicht selber reich und stark sein.
Warum eigentlich tat sich der ältere Bruder des Heimgekehrten so schwer mit der überreichen, schenkenden Güte seines Vaters? Offensichtlich kannte er weder sein eigenes Herz noch das Herz seines Vaters. Und wir? Es ist so wichtig, dass wir unsere tiefe Bedürftigkeit vor Gott erkennen, damit wir offen werden für das Geschenk seiner unüberbietbaren Liebe. »Ich bin arm und elend, der Herr aber sorgt für mich« (Ps.40,18; lies Ps.28,7; 116, 1-9; 1.Sam. 2, 4.8; Luk.1,48; 1. Petr.5,7; Hebr.13, 6). Paulus erwähnt in seinen Briefen immer wieder, wie gern und großzügig Gott schenkt: »Er wurde arm um unsretwillen, damit wir durch seine Armut reich würden« (2. Kor. 8, 9; vgl. 6, 10; 7, 4).Wer mit dem Schenken Gottes rechnet, darf gelassen leben. Er muss sich nicht absorgen (Phil. 4, 6). »Wie ein grauer Schleier legt sich manchmal die Sorge über alles, was wir erleben und hören. Aber es gibt ein Mittel für die mit Sorgen Beladenen, das uns der ewige Arzt verschrieben hat. Es ist das Rechnen mit dem liebenden Herrn. Willst du mit der Sorge fertig werden, so musst du wissen, dass Gott über dir ist und dass Gott dich liebt. Willst du mit der Sorge fertig werden, so musst du Vertrauen lernen. Das ist für den, der um die Liebe weiß, nicht mehr so arg schwer. Wer ein Leben des täglichen Umgangs mit seinem Herrn lebt, der lernt das tägliche Vertrauen, denn willst du mit den Sorgen fertig werden, so musst du beten können. Aber für den, der die Liebe seines Herrn entdeckt hat, ist dies keine bittere Pflicht, sondern ein frohes Dürfen. So darf uns alles, was uns Sorgen bereitet, in seine Arme treiben« (Hans Brandenburg). (Lies Ps.90,1; Joh.16,33; Phil.4,4-7.)
Philipper 2, 5-8; Matthäus 13, 44-46. III. WENN ICH LOSLASSEN LERNE, GEWINNE ICH TIEFERE GELASSENHEIT. Jesus hat die himmlische Herrlichkeit losgelassen, um uns zu erlösen. Er hielt, was ihm gehörte, nicht wie einen Raub fest. Er wählte ein Leben in der Hingabe an den Willen Gottes. (Lies Röm.5,8; Joh.15,13; Tit. 2,14.) Hingabe ist eine Tat des Loslassens wie auch eine Tat des Ergreifens um eines selbstlosen Zieles willen. Jesus verließ den Himmel und hielt sich ausschließlich am Willen seines Vaters fest, um uns für den Himmel Gottes zu gewinnen. An diesem Modell der Jesus-Hingabe orientierte sich auch der Apostel Paulus. Vor der Begegnung mit dem Auferstandenen stand er auf der Karriere-Leiter des frommen Judentums ganz oben. Nach seiner Hinwendung zu Jesus Christus war dem Saulus von Tarsus nur noch eins wichtig: »Herr, was willst du, das ich tun soll?« In der Stille vor Gott wurde ihm ganz klar, dass er ein Missionar von Jesus für die gottfernen Menschen werden sollte. Er ließ das eine los und ergriff das andere, das, was Christus ihm sagte, und gab sich ganz dem Willen Gottes hin, um Menschen zu Christus einzuladen. »Alles, was mir früher als großer Vorzug erschien, habe ich durch Christus als Nachteil und Schaden erkannt. Ich betrachte überhaupt alles andere als Verlust im Vergleich mit dem überwältigenden Gewinn, dass ich Jesus Christus als meinen Herrn kenne« (Phil.3,7.8; vgl. 1,21; Hiob 22,24-29). Vieles Alltägliche gehört zu unserem Leben und muss dazugehören. Aber es gibt Zeiten, da gilt es, Menschen und Dinge loszulassen, die verhindern, dass Christus alles ist. »Jesus und . . . « macht uns unruhig und unzufrieden, »Jesus allein« aber gibt Ruhe und Gelassenheit. Wer reich in Jesus ist, kann anderes loslassen. (Lies Hos.14,9; 2.Chron.19,3; 31,1; Neh.13,9.)
Gelassenheit durch Loslassen. Manchmal nimmt der Herr überraschend aus unserem Leben einen Menschen oder anderes, von dem wir dachten, dass das unbedingt nötig sei. Wenn wir ein Ja dazu finden, erkennen wir die Einzigartigkeit des Herrn noch tiefer. Manchmal sind wir persönlich vor die Entscheidung gestellt, ob wir einen Menschen oder eine Sache für uns festhalten wollen oder ob wir sie Jesus überlassen. »Steht bei uns das Leben mit Jesus und der Dienst für ihn höher als alles andere? Hat Jesus wirklich den ersten Platz in unserem Leben? Der erste Rang kommt nur dem Herrn zu. Stellen wir doch einmal eine Rangliste für unser persönliches Leben auf. Welchen Rang haben Ehre, Beruf, Liebe zu Menschen, Geld, Geltung, Hobby, Genüsse, Jesus? Viele sehen die Jesus-Nachfolge zu oberflächlich an« (Gerhard Maier). Echte Christus-Nachfolge besteht in einer völligen Hingabe an den Herrn, wie er selbst sich dem Willen des Vaters verschrieben hat und uns mit seiner Hingabe an den Vater diente. Erscheint uns das zu hart, zu steil, zu viel verlangt? Dann sollten wir uns fragen: Erkennen wir nicht, dass es der Herr der Herrlichkeit ist, der so zu uns spricht? Seiner Herrlichkeit entsprechend ist die Herausforderung an seine Jünger. Vor dem Anspruch dieses Herrn muss alles andere in unserem Leben zurücktreten. Man könnte fragen: Wer hat je mehr gefordert als Jesus? Doch - wer hat jemals mehr verheißen und mehr gegeben als Jesus? (Lies Joh. 10, 10; Eph. 3, 17-19.) Wir werden nicht zu kurz kommen; auch diejenigen nicht, die wir losgelassen haben, weil Jesus es so wollte. Ganze Hingabe an Jesus führt uns in die königliche Freiheit der Kinder Gottes. Das gibt Gelassenheit. (Lies Jer. 6, 16; Matth. 11, 28-30; Joh. 8, 36; Apg. 4, 18-20. 29-37.)
IV. WENN ICH MICH AUF DEN HERRN VERLASSE, KANN ICH GELASSEN SEIN. Bei einer Zusage von Menschen sind wir nicht immer beruhigt, wir fragen nach: »Kann ich mich darauf verlassen?« Wer sich auf ein Wort des Herrn stützt, kann im Frieden sein, »denn des Herrn Wort ist wahrhaftig, und was er zusagt, das hält er gewiss« (Ps. 33, 4). In der Bibel finden wir viele Ermutigungen, die von Gottes Überlegenheit über alle Mächte und Gewalten sprechen, die uns Angst machen: »In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. « Angst gehört zum Menschsein und Angstsituationen bleiben uns nicht erspart. Der Herr aber ist immer der Größere, weitaus größer als alles Furcht Erregende. Deshalb können wir getrost sagen: »Der Herr ist mein Helfer, ich will mich nicht fürchten, was kann mir ein Mensch tun« (Hebr.13,6; lies Ps. 118, 6-8; Jes. 26, 3. 4; 50, 10). Im Leben des Königs David und des Apostels Paulus gab es Situationen, in denen sie sich völlig auf den Herrn verließen und darum gelassen sein konnten. Eine Situation beschreibt Paulus so: »Wir wollen euch, liebe Brüder, nicht verschweigen die Bedrängnis, die uns in der Provinz Asien widerfahren ist, wo wir über die Maßen beschwert waren und über unsere Kraft, sodass wir auch am Leben verzagten und es bei uns selbst für beschlossen hielten, wir müssten sterben. Das geschah aber, damit wir unser Vertrauen nicht auf uns selbst setzten, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt, der uns aus solcher Todesnot errettet hat und erretten wird. Auf ihn hoffen wir, er werde uns auch hinfort erretten« (2.Kor.1, 8-10). Echte Gelassenheit kommt aus dem bedingungslosen Vertrauen auf den allmächtigen Herrn. (Lies Matth.28,18; Luk.8,25; Ps.32,10; 37,5; Eph.1,22; 1.Petr.3,22.)
In einer äußerst verzweifelten Lage, in der ihm das Gottvertrauen besonders schwer fiel, setzte Jeremia dennoch auf seinen Gott, weil er um die Überlegenheit Gottes wusste: »Aber der Herr ist bei mir, ein starker Held. Denn ich habe meine Sache dem Herrn befohlen.« Auch der Psalmsänger Asaf entschloss sich in einer Verfassung, in der sein Glaube ins Wanken geriet, zum Vertrauen auf Gott: »Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an. Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil« (Ps.73, 23-26). »Die Gewissheit des Glaubens besteht darin: Er ist da, er ist gerade für mich da. Er ist nicht darum für mich da, weil ich besonders religiös bin, nicht darum, weil ich besonders nächstenliebend bin, auch nicht, weil ich wenig im Leben falsch gemacht habe, sondern weil er besonders für Mühselige und Beladene da sein will. Für Leute, die alleine nicht weiter wissen. Ob Gott alles in unserem Leben glatt bügeln wird, ist ungewiss, ob er uns vor allem Schweren bewahrt, ist sehr ungewiss. Wichtig ist, dass wir wie Jesus im Verschmachten von Leib und Seele sagen können: Ich bin nicht allein, der Vater ist bei mir« (Rolf Scheffbuch). Echte Gelassenheit ist eine Gelassenheit, die aus dem Glauben kommt und die in den Erschütterungen der Seele dennoch auf Gottes unerschütterliche Treue setzt: »Ich setze meine Zuversicht auf Gott, den Herrn« (Ps.73,28; lies Ps.90,1.2; 91,4; Joh.16,32).
Sich auf Gott zu verlassen heißt nicht, darauf zu hoffen, dass er nach unseren Bitten und Vorstellungen handelt. Die drei jungen Männer in Babylon hatten sich in ihrer lebensbedrohlichen Situation entschlossen, ihr Leben von Kopf bis Fuß der Souveränität Gottes anzuvertrauen: »Wenn unser Gott will, so kann er erretten. Und wenn erµs nicht tun will, so sollst du dennoch wissen, dass wir deinen Gott nicht ehren.« Wir dürfen Gott unsere Wünsche im Gebet vortragen, wollen aber immer in die Bitte einmünden: »Dein Wille geschehe!« Das wird manchmal unter Tränen geschehen. Aber wer Gott die Freiheit zugesteht, nach seinem Willen zu handeln, wird zum Zeugen für ihn: »Sie verkündigen, wie der Herr es recht macht, er ist ein Fels und kein Unrecht ist an ihm.« Das wird von denen gesagt, »die sich auf den Herrn verlassen und deren Zuversicht der Herr ist; denn obgleich die Hitze kommt, fürchten sie sich doch nicht, sondern ihre Blätter bleiben grün« (nach Jer. 17, 7. 8; lies Ps. 112, 7; 4, 9; 121, 3). Der Herr macht es recht. Aus dieser Glaubens-Gewissheit kommt Gelassenheit. »Und wenn ich auch wandern muss im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich« (Ps. 23, 4). »Was erweist sich als Stecken und Stab in den schweren Situationen des Lebens? Es ist die Verheißung Gottes, seine Zusage, sein Wort, auf das wir uns wie auf einen starken Stab stützen dürfen. Warum machen wir nicht mehr Gebrauch von diesem Stecken und Stab? Warum nehmen wir Gott nicht mehr bei seinem Wort? Er wartet darauf, dass wir es tun. Wir dürfen die Worte aussprechen: Du bist bei mir, und so können wir getrost unsere Straße ziehen« (Wilhelm Hadorn). (Lies Psalm 91, 1-16.)
Offenbarung 3, 7-13; Hebräer 11, 24-28. V. WENN ICH AM GLAUBEN FESTHALTE, ERFAHRE ICH GELASSENHEIT. »Halte, was du hast«, ermutigt der zum Himmel erhöhte Herr seine Gemeinde in Philadelphia. Im Vergleich zur einflussreichen Judenschaft der Stadt waren die Christen eine verachtete und geringe Schar ohne Ansehen und Einfluss. »Du hast eine kleine Kraft«, bestätigt der Herr dieser Gemeinde. Aber bei Gott entscheidet nicht die Größe unserer Kraft. Für ihn ist wichtig: »Du hast das Wort meiner Geduld bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet.« Darauf kommt es an. Dieser so unscheinbaren Gemeinde schenkte der Herr eine offene Tür zu den Menschenherzen, eine offene Tür für die Verkündigung des Evangeliums und das persönliche Gespräch, sodass Menschen zum lebendigen Glauben an Jesus kamen. Die Christen in Philadelphia hielten fest, was sie in Jesus hatten. Sie rechneten in ihren »engen Grenzen« mit der grenzenlosen Wirkkraft des auferstandenen und erhöhten Herrn, dem alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist. Wie gehen wir mit unserer kleinen Kraft um? Beklagen wir nicht manchmal viel zu ausgiebig unser Unvermögen? Oder wir vergleichen uns mit anderen und stehen in der Gefahr, unzufrieden und mutlos zu werden. Manch einer leidet darunter, dass die Kräfte mit wachsenden Jahresringen abnehmen, und es wäre noch so viel zu tun im Reich Gottes. Doch denen, die nahe mit Jesus leben und mit ihm rechnen, legt er seinen Segen auf ihre kleine Kraft, und so sind die Wirkungen nicht klein, sondern gesegnet. (Lies 4.Mose 14, 24; Hiob 17, 9; Joh. 15, 9; Gal. 6, 9.) »Ihn, ihn lass tun und walten, er ist ein weiser Fürst und wird sich so verhalten, dass du dich wundern wirst, wenn er, wie ihm gebühret, mit wunderbarem Rat das Werk hinausgeführet, das dich bekümmert hat« (Paul Gerhardt, 1653).
12, 7-10.Paulus, der unter einer erheblichen Beschränkung seiner Lebenskraft litt, betete drei Mal intensiv um Befreiung. Der Herr nahm seinem Boten diese Last nicht weg, aber er beantwortete das Gebet des Paulus: »Was ich für dich habe, reicht aus, und wenn du schwach bist, erlebst du dies viel mehr, als wenn du stark bist.« Diese Antwort des Herrn gilt auch uns. »Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft reicht aus für dich.« Die Christen in Philadelphia und auch den Apostel Paulus tröstete der Herr nicht mit der Aussicht auf bessere Zeiten und angenehmere Lebensumstände; im Gegenteil, es sollten noch schwerere Zeiten kommen (Offb.3,10b). Konnte es Schlimmeres geben als das, was sie zur Zeit in Philadelphia erlebten? Würden sie auch in Zukunft dem Herrn die Treue halten? Aus der Kirchengeschichte wissen wir, dass unzählige Christen hingerichtet wurden, weil sie den Glauben an Jesus festhielten. Wie kann unter schweren, ja lebensbedrohlichen Umständen, die bis in unsere Zeit vielen Christen das Leben kosten, der Glaube an Jesus Ruhe und Gelassenheit bringen? Die Antwort ist beispielhaft unkompliziert und will doch immer wieder im Glauben ergriffen werden: Jesus hält uns fest. Wir sind in seiner Hand; und es kann uns nichts, aber auch gar nichts seiner starken Hand entreißen. Auch wenn der Angstschweiß auf unserer Stirn stehen sollte und die Nerven blank liegen, gilt: »Ich steh in meines Herren Hand und will drin stehen bleiben; nicht Erdennot, nicht Erdentand soll mich daraus vertreiben. Und wenn zerfällt die ganze Welt, wer sich an ihn und wen er hält, wird wohlbehalten bleiben« (Philipp Spitta). Die Kraft unseres Herrn ist so machtvoll, dass sie uns vor dem Bösen schützen und uns in aller Not mit göttlicher Gelassenheit beschenken will. (Lies Joh.10, 27-30; Ps.37,24; 1. Petr.3,13-17.) MIT JESUS IM ALLTAG LEBEN - EMPFEHLUNGEN AUS JAKOBUS 4
I. CHRISTEN BEGRABEN BÖSE STREITIGKEITEN (4, 1-3) Jakobus bespricht schonungslos ehrlich, wie es mit dem Frieden unter uns bestellt ist. Wieder einmal packt er mutig ein heißes Eisen an und setzt dabei drei Akzente. 1. Jakobus spricht nüchtern von der Realität des Unfriedens. Es gab sie von jeher: »Kämpfe«, »Kriege«, »Streitigkeiten«. Der biblische Urtext meint die gesamte Palette an Feindseligkeiten: angefangen von kleinen Sticheleien bis hin zur aktiven Bekämpfung eines Gegners mit allen Mitteln und dem Ziel, ihn zu vernichten. Wie viel Leid richten Misshandlungen und Gewalttätigkeiten bis heute an! Nach der Endzeitrede, wie Jesus sie seinen Jüngern einprägte (Matth.24, 6-12), gibt es keine menschlichen Sicherheitsmaßnahmen, die den absoluten Frieden garantieren. Relative Friedenszeiten sind besondere Gnadenzeiten Gottes zu ungestörter und zielklarer Ausbreitung des Evangeliums. (Lies 1.Tim. 2, 1-7.) Wenn Jakobus die »Kriege« anspricht, thematisiert er zum einen die grundsätzliche Bedrohung der Menschen durch aggressive, kriegerische Auseinandersetzungen. Zum anderen aber kommt er vom allgemein Möglichen zum konkreten Fall: »unter euch«. Sind wir bereit, uns der Wirklich- keit, wie sie »unter uns« ist, zu stellen? Heute ist Sonntag, der Tag, den Gott uns besonders zur stillen Besinnung auf sein Wort und Wesen geschenkt hat. Wir nehmen uns Zeit und stellen einmal unsere verschiedenen Beziehungen in das Licht seines Wortes. Nach Epheser 5, 20 können wir ihm zuerst danken für Menschen, durch die wir gesegnet wurden. (Vgl. 2. Tim. 1, 3-5; Philem. 1, 4-7; Spr. 17, 17; 18, 22.) Dann überlegen wir, ob wir Menschen, die uns Unrecht taten, von Herzen vergeben haben, wie es uns Kolosser 3, 13 und Epheser 4, 32 raten. Die Bitte um Vergebung für eigene Lieblosigkeiten und persönlich begangenes Unrecht sollten wir nicht ausklammern. Zum Schluss üben wir uns nach 1. Petrus 3, 9 darin, andere zu segnen (vgl. Luk. 6, 28; Röm. 12, 14) und den anzubeten, der uns schon »vor Grundlegung der Welt liebte« (Eph. 1, 4) und für uns starb, als wir noch Feinde Gottes waren (Röm.5, 8).
Es ist eine beschämende Wahrheit: Innerhalb der Jesus-Gemeinde bestehen Rivalitäten, Neidereien, Geltungssucht, Unversöhnlichkeit und Zertrennung. Auch im Kampf um Wahrheit und Ehre läuft viel Selbstsucht mit! Bemerkenswert ist, dass die Formulierung »unter euch« nicht nur eine zwischenmenschliche, sondern auch eine innermenschliche Aussage enthält. »Unter euch« heißt wörtlich übersetzt »in euch«. In uns selber rumoren Konflikte, Aggressionen, Kriege und Kämpfe. »Weil in uns selber oft so viel Unordnung, Unfrieden und Zerrissenheit ist, deshalb reagieren wir nicht selten so ungut. Der zwischenmenschliche Unfrieden im Kleinen und Großen, in Streitigkeiten und Kriegen, ist nur die Multiplikation dessen, was in jedem Einzelnen ist« (Fritz Grünzweig). Damit berühren wir einen weiteren Schwerpunkt, den der Jerusalemer Gemeindeleiter niedergelegt hat:2. Jakobus spricht aufklärend von der Ursache des Unfriedens. Dabei beleuchtet er nicht die sozial-politischen, beruflichen, privaten oder religiösen Hintergründe. Derartige Zusammenhänge, so wichtig sie sein mögen, sind letztlich sekundär. Die Frage nach der Ursache bleibt: »Woher kommen Kriege und Kämpfe unter euch?« Jakobus antwortet mit einer Gegenfrage, die nur mit ja beantwortet werden kann: »Nicht daher: Aus euren Lüsten, die in euren Gliedern streiten?« Nach jüdischem Denken sitzt das menschliche Begehren in den Körperteilen des Menschen, »in Auge, Ohr, Mund, Händen, Füßen, weil diese als Wirker der Handlungen« gelten (A.Schlatter). (Vgl. 1.Mose 3,6; Jos.7, 21; 2.Kön. 5, 20-24; Spr. 16, 28; Apg. 5, 1-4.) Erschrecken wir noch über all das Böse in unserem Herzen oder haben wir uns daran gewöhnt? Macht es uns noch etwas aus, wenn wir andere ständig und auch in ihrer Abwesenheit kritisieren? Merken wir es überhaupt noch? In der persönlichen Begegnung mit Gott können wir aufwachen: »Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen« (Jes.6,5; vgl. Hes.22,26; Hag. 2,14). Lasst uns »alles Denken gefangen nehmen und Christus unterstellen« (2.Kor.10, 5)!
Wenn Jakobus das Begehren im Menschen als Wurzelgebiet aller Streitigkeiten und Kriege aufdeckt, meint er nicht, dass das Verlangen und Streben des Menschen sich nicht auf das richten dürfe, was wir zum Leben brauchen. Gott, der Herr über alles Leben, ist kein Miesmacher. Er gönnt uns die angenehmen und schönen Dinge. Wie großartig, wie verschwenderisch und kunstvoll, ja fantastisch hat er allein die Schöpfung ausgestattet! Vieles, was wir genießen und für uns benötigen, hat seinen Platz. Aber Gott weiß auch umunsre Schwachstellen. Er kennt den bösen, durch die Sünde vergifteten inneren Drang nach dem unbeherrschten Haben-Müssen. »Unersättliche Begierde wirft nicht nur den einzelnen Menschen um, sondern ganze Familien, und verursacht sogar den Niedergang des Staates« (Cicero, römischer Politiker, gest. 43 v. Chr.). Darum hat Gott mit dem zehnten Gebot einen Schutzzaun errichtet vor dem zerstörerischen neiderfüllten Vergleichen und dem maßlosen Begehren (2.Mose 20, 17). Das Verhängnis des nimmersatten Menschen liegt in seiner Wichtigtuerei: Die von Gott gesteckten Grenzen werden übersehen und übertreten. Das Verlangen wird zur alles beherrschenden Leidenschaft! Dann ist der Mensch »wie ein Tier, das im Blick auf sich selbst immer sichern und, immer sprungbereit, eine Blöße beim andern suchen muss. Wo das Vertrauen zu Gott geschwunden ist, da schwindet auch das Vertrauen der Menschen untereinander « (Fritz Grünzweig). Heute will ich sorgfältig überlegen: Vertraue ich wirklich und in allem meinem Gott? Welche Rolle spielt dabei Maleachi 3, 10 und Matthäus 6, 33? Ist die Erfahrung Davids auch meine Erfahrung: »Habe deine Lust am Herrn; der wird dir geben, was dein Herz wünscht« (Ps.37, 4).
Diese Verse lassen den nächsten Schwerpunkt erkennen: 3. Jakobus spricht eindeutig vom Resultat des Unfriedens. Das menschliche Fehlverhalten »begehren«, »morden«, »eifern« endet in der Sackgasse der Nullen. Dreimal wird das Resultat mit »nichts« gekennzeichnet: »Ihr habt nichts«, »ihr erlangt nichts«, »ihr erhaltet nichts«. Die stolze, nimmersatte Raffgier nach Geld, Besitz, Ansehen und Macht bringt nichts Gutes, sondern endet im Chaos: »Die Herrschaft der leeren Begierden ist der eigentliche soziale Explosivstoff«, schreibt ein Ausleger. Alle Beziehungen werden vom »sozialen Explosivstoff« getroffen. Vor allem die Beziehung zu Gott. Jakobus spricht in Vers 3 vom verdorbenen Gebetsumgang mit dem Geber aller guten Gaben. Gott wird durch verfälschtes Bitten zum Glückslieferanten gemacht: Der Mensch dreht sich bei seinen Bitten intensiv um sich selbst und die Erfüllung seiner Wünsche. Es ist sogar möglich, um geistliche Gaben zu beten mit der verdeckten Absicht, in der Gemeinde glänzen zu wollen. Jakobus aber setzt dagegen: »Wenn ihr freilich Gott nur darum bittet, eure selbstsüchtigen Wünsche zu erfüllen, wird er euch nichts geben.« Gott spielt die Lieferantenrolle nicht mit! Wie kann uns geholfen werden? Jakobus gibt mit Vers 2b eine zentrale Hilfestellung. Dort erinnert er an das Jesus-Wort aus Matthäus 7, 7-11: »Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. « Worin unterscheidet sich dieses Gebet von jenem ichsüchtigen Beten? Vom Geist Gottes geleitetes »Bitten«, »Suchen«, »Anklopfen« sucht das Du Gottes und das Du des Nächsten. (Lies 1. Kor. 1, 9; Apg. 2, 42-47.) Ganz gewiss darf und soll ein Christ für sich und seine Bedürfnisse bitten; aber er soll auch über sich hinauswachsen, sonst bleibt sein Glaube kindisch ich-bezogen. »Ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem anderen dient« (Phil.2,4; vgl. 1.Kor.10,24.33; Röm.15,2).
Wenn Jakobus die eingefleischte Hab- und Streitsucht mit dem Gebetsmangel der Christen verbindet (V. 2b), meint er nicht, dass die Christen überhaupt nicht mehr gebetet hätten. Lieder und Gebete können nur so »sprudeln«, - aber da stimmt etwas nicht. Es ist wie bei einem Glas Mineralwasser mit viel Kohlensäure: Schütten wir ein wenig rote Tinte hinzu, sprudelt das Wasser immer noch, doch Vorsicht - es ist keine Himbeer-Limonade! »Ihr bittet und empfangt nichts, weil ihr in übler Absicht bittet.« Die Qualität unseres Betens wurzelt in der Reinheit unseres Herrn Jesus Christus. Darum darf ich mich immer wieder mit der aufrichtigen Bitte an ihn wenden: »Herr, reinige meine Motive!« Wir werden nicht schlau aus uns selbst, sind wir doch egozentrischer als wir es wissen und wahrhaben wollen. Darum ist es wichtig, immer wieder um Klärung und Reinigung zu beten. Im Bild gesprochen: Ich bringe die rote Tinte nicht mehr aus dem Sprudelwasser heraus, aber Jesus kann mich und die Welt meiner Motive reinigen, besonders auch von dem, was nur so aussieht als ob. Er will »unser Gewissen reinigen von den toten Werken, zu dienen dem lebendigen Gott« (Hebr.9,14). Welch eine Entlastung: Ich muss mich nicht selber analysieren und zerfleischen! Jesus kennt mich durch und durch. Jesus liebt mich durch und durch. Jesus reinigt mich durch und durch. So macht er uns gebrauchsfertig zum Dienst in seinem Reich, vor allem zur Bruderliebe. Denn sein Herzensanliegen sprach er im größten aller Gebete für die Seinen aus: »Ich bitte für sie, damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast« (Joh.17,21; lies 2.Mose 19,6; 1. Petr.2, 9).
II. CHRISTEN HALTEN GOTT DIE TREUE (4, 4-6) Jakobus lässt es an Deutlichkeit nicht fehlen: »Ihr Abtrünnigen« heißt wörtlich »ihr Ehebrecherischen«. In Anlehnung an die alttestamentlichen Propheten und den Sprachgebrauch von Jesus vergleicht Jakobus die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk mit einem Ehebund (Hos.2,21.22; Jes. 54, 4-7.10; Jer. 2,3; Hes. 16, 6-14; Matth.9,15; 22, 1-14; 25, 1-13). Auch die Apostel Paulus und Johannes haben die Wirklichkeit des Ehebundes auf die Verbundenheit Gottes mit seiner Gemeinde bezogen (Eph. 5, 25-32; Joh. 3, 29; Offb. 19, 6-9; 21, 9). Warum vergleicht die Bibel unsere Beziehung zu Gott mit der Ehe? 1. Die Ehe ist ein Liebesbund. Dabei ging in biblischer Zeit die Initiative vom Mann aus. Er liebte und wählte »sein Mädchen«. Im Alten Testament liebte und erwählte Gott das Volk Israel. »Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht weil ihr größer wäret als alle Völker - denn du bist das kleinste unter allen Völkern -, sondern weil er euch geliebt hat« (5.Mose 7, 6-8). Gott wollte mit seinen Erwählten Geschichte machen. Leider scheiterte dieser Ehebund an der Untreue Israels (Hes.16,15ff). Darum schloss Gott in seiner unerklärlichen Liebe einen neuen und unzerbrechlichen Bund (Jer.31,31-34). Er erwählte in Jesus Christus jeden einzelnen Menschen. Wer die Wahl Gottes annimmt, wird der »Brautgemeinde« von Jesus einverleibt. So ist jeder einzelne an Christus, den himmlischen Bräutigam, Glaubende »Braut« des Herrn, und auch die weltweite Jesus-Gemeinde als Ganzheit ist seine »Braut«. Die gegenseitige Liebe ist der lebendige Herzschlag dieser Beziehung. Wo die Liebe stirbt, stirbt die Beziehung. Keiner soll den Herztod der Liebe erleiden müssen. Gott will, dass die Liebe zwischen ihm und mir lebt, dass sie größer, herzlicher und tiefer wird. Darauf legte Jesus den größten Wert: Johannes 13,34.35; 15,9-17; 17,26; 21,15-17.
Wir fragten uns, warum die Bibel den Ehebund mit unsrer Beziehung zu Gott vergleicht. 2. Die Ehe ist ein Schutz- und Trutzbündnis gegen das Böse. »Einer allein kann leicht überwältigt werden, aber zwei wehren den Überfall ab. Noch besser sind dann drei; man sagt ja: Ein Seil aus drei Schnüren reißt nicht so schnell « (Pred. 4, 12). Mit Gott im Bund bildet der Ehebund eine dreifache Schnur, die auch bei starker Belastung und in großen Versuchungen nicht reißen muss. Im Schutzraum der Ehe soll einer den anderen zum Himmel mitnehmen. Im Schutzraum der Jesus-Gemeinde finden wir Ermutigung, Trost, Korrektur und Halt: Lies Hebräer 10,23-25; 12,12-16. 3. Die Ehe ist ein rechtskräftiger und öffentlich geschlossener Treuebund. Als Gott die Ehe stiftete (1.Mose 2, 18-24), fügte er Mann und Frau zur lebenslangen Einheit zusammen. Beim ersten Menschenpaar war der Schöpfergott selbst sozusagen Standesbeamte und Trauzeuge in einer Person. Dieser »offizielle Rechtsakt« sollte dem Ehepaar helfen, bei Gott und beieinander zu bleiben. Unsere persönliche Beziehung zu Gott wurde an Karfreitag und Ostern zu einem rechtsgültigen, in aller Öffentlichkeit geschlossenen Lebensbund geschaffen. Es geht darum, dass jeder Christ bei Christus und seiner Gemeinde bleibt. Treue ist gefragt! Untreue führt zum Bruch. Schlimm, wenn einer sein Wort bricht. Schlimmer, wenn einer die Ehe bricht. Am schlimmsten, wenn einer mit Gott und der Gemeinde Gottes bricht (2. Tim. 4, 10). Darum steht allen Geboten Gottes das erste voran: »Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine andern Götter haben neben mir« (2.Mose 20, 1-3). Wir dürfen uns neu an der Treue Gottes ausrichten und daran festhalten: »Herr, dein Erbarmen ist noch nicht zu Ende, deine Liebe ist jeden Morgen neu und deine Treue unfassbar groß. Du bist mein ein und alles; darum setze ich meine Hoffnung auf dich« (nach Klagel.3,22-24).
Jakobus 4, 4; Matthäus 6, 24; Römer 12, 2. Auf dem dargelegten Hintergrund der beiden letzten Tage wird deutlich, was Jakobus mit seiner Frage meint: »Ihr Ehebrecher, wisst ihr nicht, dass die Freundschaft mit der Welt Feindschaft gegen Gott ist?« Gewiss ist unsre Welt Gottes gute Schöpfung, über deren Schönheit wir staunen und uns freuen dürfen und die wir dankbar und klug zu bewahren haben (1.Mose 1,28; Ps.104, 1ff). Gewiss ist unsere Welt Gottes geliebte Menschenwelt. »Gott hat die Menschen so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hergab. Jeder, der an ihn glaubt, wird nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben« (Joh.3, 16). Eben dieses Leitwort, das den Neuen Bund begründet, macht deutlich, dass Gottes geliebte Welt die Welt ohne Gott ist: Eine Welt, die von Gott gelöst lebt, weil sie die guten Lebenshilfen Gottes missachtet und verachtet und dabei den Menschen zum Maß aller Dinge macht. Der Mensch, der sich nur auf sich selbst und seine Interessen stützt, der Orientierung am Allerwelts-Maßstab nimmt, befindet sich in einem ernsthaften Konflikt mit Gott: Er hat Gott zum Feind. Wie drückt Paulus diesen Sachverhalt in Römer 8, 7. 8 aus? Kennen wir andere Bibelworte oder biblische Berichte, die die Vergänglichkeit irdischer Gesinnung aufdecken (Röm. 16, 17-19; Phil. 3, 18. 19)? In 1. Johannes 2, 15-17 lesen wir von der zerstörerischen Selbstüberforderung des Christen, wenn er sich von der Welt bestimmen oder gar auffressen lässt. Die Freunde und Kenner Gottes stehen wie Jesus mit beiden Beinen in der Welt und lassen sich von Gott im Dienst an der Welt gebrauchen: Dazu Matthäus 28, 20; Johannes 20, 21; 2.Korinther 5, 14-21; 6, 3-10.
Mit einem Schriftzitat antwortet Jakobus auf die Frage, warum die Verweltlichung des Christen und der Christengemeinde so gefährlich ist. Zunächst beobachten wir, dass das erwähnte Wort nicht im Alten Testament steht. Anklänge an alttestamentliche Aussagen über das »eifersüchtige« oder »eifernde Begehren« Gottes können wir in 2.Mose 20, 5; 5.Mose 4, 24; Josua 24, 19 und Nahum1,2 nachlesen.Möglicherweise zitierte Jakobus aus einer verloren gegangenen Schrift. Die wörtliche Übersetzung des Zitates hilft uns, den in unseren Ohren negativ klingenden Ausdruck von der Eifersucht etwas besser zu verstehen: »Ein brennendes Verlangen hat der Geist, der in uns Wohnung genommen hat.« Der griechische Ausdruck für »Eifersucht« enthält »das liebende Begehren nach dem vollen Besitz des Geliebten« (F. Rienecker). Auch wenn andere Ausleger übersetzen: »Eifersüchtig sehnt er (Gott) sich nach dem Geist, den er in uns wohnen ließ«, lautet die Grundaussage beider Übersetzungsmöglichkeiten: Die brennende Liebe Gottes duldet keinen Zweitgott in meinem Leben. In seiner herzlichen und großen Liebe geht Gott so tief auf uns ein, dass erin uns eingeht (Joh. 14, 23; 15, 4; Eph. 3, 17). »Der Heilige Geist ist die engste Gemeinschaft, die Gott in dieser Weltzeit mit uns eingeht. Doch da, wo die Liebe am völligsten ist, ist sie auch am empfindlichsten: Eine Frau kann von ihrem Chef, ihrer Kollegin oder ihrer Nachbarin nicht so tief verletzt werden wie von ihrem Mann, dem sie sich in Liebe hingegeben hat und der nun ihre Liebe mit Füßen tritt« (F. Grünzweig). Gottes Liebe wartet auf meine persönliche Antwort. Sie kann so lauten: »Ich schließe mich aufs Neue in deine Vatertreue und Schutz und Herze ein; die fleischlichen Geschäfte und alle finstern Kräfte vertreibe durch dein Nahesein« (Gerhard Tersteegen).
Das herzliche Verlangen Gottes nach mir und meiner ungeteilten Liebe zu ihm kann nur auf dem Hintergrund der Gnade Gottes verstanden und verwirklicht werden: »Er gibt aber größere Gnade.« Je größer die Forderungen Gottes (5.Mose 6, 4. 5), desto größer ist seine Gnade, die er uns schenkt. Allein Gottes große Gnadenzuwendung zum treubrüchigen Sünder ermöglicht seine ganze Hinwendung zu ihm und ungekürzte Hingabe an ihn. Nur der hochmütige und stolze Mensch meint, der Gnade Gottes nicht zu bedürfen. Das Wort für »hochmütig, stolz« bedeutet wörtlich: »jemand, der sich den Leuten von oben zeigt«. Der Hochmütige schaut verächtlich auf andere herab und oft auch bewundernd an sich selbst und seinen Leistungen hinauf. Klassisches Beispiel: Lukas 18,9-14. Gnade und Vergebung braucht der stolze Mensch nicht. Denn er verkennt seine wirkliche Lage vor Gott. Der Hochmütige lebt als Betriebsblinder im Glanz seiner Ichbezogenheit. Wer es aber nicht wahrhaben will, dass er blind und auf Hilfe angewiesen ist, hat Gott gegen sich. »Gott stellt sich dem Hochmütigen entgegen, aber dem Demütigen gibt er Gnade.« Demut hat nichts zu tun mit Selbstverachtung, sondern mit der rechten Selbsteinschätzung vor Gott und den Mitmenschen. Wörtlich übersetzt ist Demut die »Niedrigkeit des Geistes«, die zu tun hat mit dem Mut, sich der Wirklichkeit, wie Gott sie sieht, zu stellen. Die biblische Demut hat zwei Kennzeichen. Das erste: Der Demütige weiß sich vor Gott unermesslich klein. Aber er freut sich darüber, dass Gott ein offenes Herz für ihn hat und ihn aus seinem herrlichen Gnaden-Vorrat überreich beschenkt. Wer aus dieser unverdienten Güte Gottes lebt, kann auch anderen freundlich und gütig entgegenkommen. Welchen Praxis-Impuls in den folgenden Bibelstellen will ich mir besonders merken? Nehemia 2, 8; Psalm 112, 5; Matthäus 20, 15; Lukas 6, 35.
Das zweite Kennzeichen der Demut: Der Demütige weiß Gott auf seiner Seite. »Er hat angesehen die Niedrigkeit seiner Magd«, bekennt Maria, die den Sohn Gottes zur Welt bringen darf (Luk. 1, 48). Die Mutter von Jesus will sich weit öffnen für das Gnaden-Handeln Gottes in ihrem Leben. »Der Heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft des Höchsten dich überschatten« (Luk. 1, 35). Der ewige Gott kommt in ein kurzes Menschenleben, um es mit seiner schöpferischen Kraft und reinen Liebe zu erfüllen. Welch ein Geschenk! Nicht die menschliche Bereitschaft, so unverzichtbar sie ist, macht das Geschenk aus, sondern die unverdiente Güte Gottes, die gibt und gibt und gibt. Dem Demütigen, der klein von sich selbst und groß von Gott denkt, dem gibt er seine Gnade. Der Apostel Petrus hat der Gnade Gottes einen zentralen Platz im Umgang der Christen miteinander gegeben. In 1. Petrus 5, 5 beschließt er den Abschnitt über den liebevollen und wahrhaftigen Umgang der Generationen miteinander: »Alle aber umkleidet euch mit Demut im Umgang miteinander; denn Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt er Gnade.« Wie zeigt sich ein demütiger Lebensstil unter Christen? Wenn wir - unabhängig von Alter, Begabung, Ausbildung und Stellung - einander annehmen, wie Christus uns angenommen hat, werden wir der demütigen Jesus-Art nahe kommen (Röm.15,7; Eph.5,21). Wenn wir aber einander beneiden, bekritteln, beleidigen und einander denunzieren, sind wir meilenweit von der Jesusliebe entfernt. An 1. Johannes 3, 14-20 darf kein Christ vorbeileben. Von diesem Gotteswort möchte ich mich prüfen lassen. Auch wenn bei uns nicht gleich und in jedem Fall von »Hass« gesprochen werden kann, gibt es doch andere Giftgase, die lähmende und zersetzende Auswirkungen haben. Vertrauen wir uns neu dem an, der Sünde und Tod überwunden hat!
III. CHRISTEN UNTERSTELLEN SICH GOTT (4, 7-10) In diesem Abschnitt entfaltet Jakobus eindrücklich, wie Christen ihre Freundschaft mit Gott vertiefen können. Auf Menschen mit einem sensiblen Gemüt mögen diese wuchtigen Verse zunächst niederdrückend wirken. Außerdem, wo bleibt die Freude der Umkehr zu Gott? Bei sorgfältiger Beobachtung des Textes aber stellen wir fest, dass Jakobus die frohe Seite der Buße durchaus einbezogen hat (V.8.10). Doch warum ermahnt er so eindringlich und scharf: »Unterstellt euch Gott im Gehorsam, und widersetzt euch mit aller Entschiedenheit dem Teufel. Dann muss er vor euch fliehen. Wendet euch Gott zu, dann wird er zu euch kommen. Wascht die Schuld von euren Händen, ihr Sünder, und lasst Gott allein in euren Herzen wohnen, ihr Unentschiedenen! Seht doch endlich ein, wie groß eure Schuld ist; erschreckt und trauert darüber! Dann werdet ihr nicht mehr lachen, sondern weinen; und aus eurer Freude wird Leid. Erkennt eure Unwürdigkeit, und beugt euch vor dem Herrn! Erst dann wird Gott euch helfen und aufrichten« (Hoffnung für alle). Wenn Jakobus den Christen die radikale Umkehr zu Gott so ernsthaft empfiehlt, ist damit gesagt: 1.Gott duldet keinen Kompromiss mit der Sünde - auch nicht mit der scheinbar kleinsten. 2. Die Auswirkung der Sünde ist grundsätzlich tödlich. Kein Mensch käme auf die Idee, etwa mit Atommüll zu spielen. 3.Gott ist eine ehrliche und praktisch vollzogene Abkehr von der Sünde wichtig. Das zeigen die Tätigkeitswörter in diesem Abschnitt. Zur Sündenerkenntnis gehört das Sündenbekenntnis und ganze Trennung von der Sünde. Dazu gibt Gott uns die Kraft. Dann werden wir geborgen und zufrieden sein, frei und froh, aufgerichtet und gestärkt: Jesaja 61, 1-3.10; Matthäus 5, 8.
IV. CHRISTEN SPIELEN SICH NICHT ALS RICHTER AUF (4,11.12) Wieder einmal geht es um die Gewichtung menschlicher Worte. (Vgl. Jak.1,19. 26 und 3, 1-12.) Zunächst geht es um die böse Nachrede. Der sprachliche Zusammenhang, besonders die Verbindung der Tätigkeitswörter »gegeneinander reden oder richten«, macht aber noch einen anderen Sachverhalt deutlich. Es handelt sich hier um ein Reden gegeneinander, das »die Anzeige bezeichnet, ohne die es keine gerichtliche Verhandlung geben kann« (A. Schlatter). Damit prangert Jakobus natürlich nicht eine ordentliche Gerichtsbarkeit im Volk an, sondern er wendet sich entschieden gegen das Prozessieren »Christ gegen Christ«. Es steht einem Christen nicht gut, wegen persönlicher Streitigkeiten und Verletzungen, wie in 4, 1-3 beschrieben, öffentlich zu klagen. Warum? Jakobus schreibt: »Wer gegen einen Bruder Übles redet oder seinen Bruder richtet, redet Übles gegen das Gesetz und richtet das Gesetz.« Es gab offenbar Christen, die das Gesetz als stures und zwingendes Mittel gebrauchten, nur um selber Recht zu bekommen und dem andern eins auszuwischen. Damit hätten sie das königliche Gesetz der Liebe übertreten (3.Mose 19,18; Luk.10,27) und sich selbst als Richter aufgespielt. Solch ein Verhalten aber entspricht nicht der Geisteshaltung, wie Jesus sie hat (Jes. 53, 7; Matth. 26, 63a; 1. Petr. 2, 23). Die wichtigste Frage heißt nicht, ob ich Recht habe, sondern ob ich die stille Geduld und Liebe des Herrn Jesus Christus in mir arbeiten und den anderen spüren lasse. Das schließt natürlich nicht aus, dass es Sachverhalte gibt, die geklärt werden müssen. Aber erfahrungsgemäß lässt sich im Zwischenmenschlichen nur sehr wenig klären. Umso wichtiger ist es dann, im Herzen nicht bitter und hart zu werden, sondern die wahrhaftige und leidende Liebe des Christus zu verinnerlichen und im Vertrauen auf seine Auferstehungskraft den anderen zu achten und für ihn zu beten: Jakobus 5,16; Römer 14,1.
Muss sich ein Christ (auf dem Bedeutungs-Hintergrund von Vers 11) alles gefallen lassen? Muss er bei Unrecht stets den Mund halten? Darf er nicht sagen, was Recht und was Unrecht ist? Doch. Er darf und muss es sogar. Die biblischen Maßstäbe sollen klar gezeigt, gelebt und gesehen werden. Aber es ist ein großer Unterschied, ob jemand aus Rechthaberei, Gereiztheit und Wut kontert, oder ob er aus der Gebets- und Liebesverbundenheit mit Gott reagiert und redet. Wer es wie Jesus lernt, aus der tiefen Verbundenheit mit Gott zu leben, macht deutlich: Herr im Haus ist der allmächtige, heilige und gerechte Gott. »Einer ist Gesetzgeber und Richter, der zu erretten und zu verderben vermag.« (Vgl. 5.Mose 32,39; 1.Sam. 2,6; 2.Kön.5,7; Ps. 68,21; Matth.10,28.) Der gerechte Gott allein hat das Recht, Menschen zu richten. Denn seine göttliche Gerechtigkeit beinhaltet eine vollkommene Komposition von Wahrheit und Liebe. Dagegen handelt leichtsinnig, wer das Hoheitsrecht Gottes antastet, indem er über andere zu Gericht sitzt, sie »verurteilt«. Christen wissen um eine ihnen angemessene Haltung: Der konsequente Glaubensblick auf den gerechten Herrn rechnet in allen Auseinandersetzungen und Spannungen damit, dass Gott mit dem explosiven Konfliktstoff fertig wird und zu seiner Zeit seine Gerechtigkeit an den Tag bringt. Wo es nötig ist, meine persönliche Ehre zu schützen oder aufzubauen, wird sich der göttliche Richter schon für mich einsetzen (Ps. 3,4; 62,8; Joh. 8,53.54). Ihm entgeht nicht ein winziger Bruchteil meiner angespannten, strapazierten Lage und Verfassung. Er sorgt für mich. Denn er ist »barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Güte und Treue« (Ps. 86, 15; 2.Mose 34, 6; Nah. 1, 3; 1. Joh. 4, 16).
zur Verfügung gestellt von: bibel.com der Homepage von Christen für Christen.