1. MOSE 11, 8. 9; 10, 5. 20. 31
Gott hatte der Menschheit mit der einen Sprache das Band ihrer Einheit genommen. Da wurde »die Menschenfamilie in einzelne feindliche Gruppen zersprengt, welche infolge ihrer innerlichen Geschiedenheit sich nun auch äußerlich schieden« (Delitzsch). Den Zerstreuten blieb nur noch die Lebens-form, wie sie die Völkertafel beschreibt: Jede zersprengte Gruppe entfaltete sich »nach ihren Ländern, je nach ihrer Sprache, nach ihren Sippen und nach ihren Völkern«. Dieses Geschehen der Urzeit wird mit dem Namen der Stadt Babel (bzw. Babylon) in Verbindung gebracht. Schon die Völkertafel er-wähnte Babel als eine der Hauptstädte des von Nimrod gegründeten Reichs (1. Mose 10, 8-10). »Als Kultus- und Kulturmetropole hat sie über Jahrhunderte ihren Glanz erhalten« (H. Peucker). Wir lesen dazu die Hinweise in Esra 5, 14; 6, 1; Jesaja 13, 19; 47, 1; Jeremia 20, 5; 51, 7; Daniel 4, 27. Im Jahr 312 v. Chr. nahm Seleukus Nikator Babel ein und erbaute aus dem fortgeschleppten Material eine neue Stadt, Seleukia am Tigris. »Das war das Ende der trotzigen Stadt, der schönsten aller Reiche, der herrlichen Pracht der Chaldäer. Wo Babel lag, steht heute ein Pfahl mit einer hölzernen Tafel und der Inschrift: Haltepunkt Babylon. Züge halten hier nur nach Bedarf. Es hat sich wörtlich erfüllt: Babylon soll nimmermehr bewohnt werden, und niemand darin hausen für und für (Jer. 50, 35. 39)« (F. Rienecker). Auch nach dem Absinken Babylons in die Bedeutungslosigkeit bleibt sie Sinnbild gott-feindlicher Macht und Inbegriff abscheulicher satanischer Machenschaften. Doch die Verbündete Satans und des Antichrists wird vernichtet werden, versenkt im Meer, verbrannt in ewiger Glut (Off b. 14, 8; 17, 5; 18, 2. 18. 21; 19, 1-3). Da wir um das Gericht Gottes über alles Böse wissen, sollten wir deshalb nicht umso eifriger bemüht sein, Menschen vom Evangelium der Retterliebe Gottes zu erzählen und sie zum Heiland der Welt einzuladen? (Siehe 2. Kor. 5, 18-20.)
1. MOSE 11, 1-9; APOSTELGESCHICHTE 2, 5-12
Das heilsgeschichtliche Gegenstück zur babylonischen Sprachverwirrung ist das Sprach- und Hörwunder am ersten Pfingsttag. Damals, als Gott im Hei-li gen Geist noch einmal »herniederfuhr«, lebten in Jerusalem fromme Juden aus aller Welt. Sie strömten zusammen, als sie das mächtige Rauschen vom Himmel herab hörten. Wie bestürzt waren diese Männer, als jeder von ihnen die dort versammelten Jünger von Jesus in seiner eigenen Sprache die großen Taten Gottes verkündigen hörte! Außer sich vor Staunen riefen sie: »Die Leute, die da reden, sind doch alle aus Galiläa! Wie kommt es, dass wir sie in unserer Muttersprache reden hören?« In Jerusalem ereignete sich das Wunder des neuen Sprechens, Hörens und Verstehens. In der Herrschaft des Heiligen Geistes vollbringt Gott die Einheit unter Jesus-Nachfolgern, um die der Herr selber gebetet hatte: Johannes 17, 11. 21-23. Diese innige Bitte um Einheit seiner Jüngergemeinde birgt die herzliche, selbstlose Liebe des Vaters zu den Seinen. Allein diese Liebe Gottes verdient es, das einigende »Band der Vollkommenheit«, das wir anlegen sollen, genannt zu werden (Kol. 3, 14). Wir werden immer wieder an Grenzen des Verstehens stoßen. Wir werden immer wieder an Fehldeutungen und Missverständnissen, Unter stellungen und Irrtümern leiden. Wir werden auch immer wieder aneinandergeraten. Und doch dürfen wir wieder neu anfangen, einander immer wieder eine neue Chance anbieten, Nachsicht und Vergebung üben und einander in der Geduld des Christus begegnen. (Lies Matth. 18, 21-35; 2. Thess. 3, 5; Jak. 2, 13.) Darüber hinaus dürfen wir uns schon jetzt freuen, dass es einmal heißen wird: Nie wieder holt Babylon uns ein. Nie wieder Unruhe, Unfriede und Unmut. Dann wird Babylon überholt sein vom neuen Jerusalem und der einen Sprache, der »reinen Sprache«, der Sprache des Himmels. (Vgl. Zef. 3, 9.)
1. Mose 11, 1-9
Fassen wir zusammen, worin das Unheil- und Verhängnisvolle des Völkerzusammenschlusses lag: Die Menschheit stoppt die von Gott angeordnete, natürliche Ausbreitung der Familien auf Erden (1. Mose 1, 28; 9, 1). Gegen den Willen Gottes diktiert sie »die künstliche Zusammenballung der Menschen und die zentral gelenkte Welteroberung« (R. Neumaier). Das Menschengeschlecht strebt als starke geschlossene Masse über sich selbst hinaus und feiert ein unpersönliches Übermenschentum, den Supermenschen. Die Welt ignoriert die Ehre Gottes. Die Spitze des Turmes soll den Himmel, den Platz Gottes, einnehmen. Das Menschengeschlecht erstürmt eine Welt, in der Gott entbehrlich ist. Welch ein Armutszeugnis, wenn Menschen ihre Gottesbedürftigkeit leugnen! Die Menschheit sucht in eigener Kraft, das verlorene Paradies (1. Mose 3, 23. 24) zurückzuerobern. In einem kugelsicheren Kraftakt soll der Fluch überwunden werden. Als Masse glaubt der Mensch, den Unheilsmächten gewachsen zu sein. Die Menschheit setzt den Menschen zum Maß aller Dinge. Als Ebenbild Gottes will sie nicht auf den einen Herrn hinweisen, sondern selbstherrlich sich selbst alles sein. »Das Endresultat wäre die Preisgabe wahren Menschentums, die Verkehrung ins Gegenteil: Dämonentum statt Menschentum« (R. Neumaier). Die den Himmel kassierende Menschheit baut an einem Himmelreichsersatz, statt auf den verheißenen Weltheiland (1. Mose 3, 15) zu warten. Kein anderer als Gott selbst weiß, wie menschenverachtend und gotteslästerlich diese babylonische Heidenarbeit ist. Darum verhängt er das Strafgericht, Sprachverwirrung und Zerstreuung. Aber der Herr macht nicht einfach Schluss mit seinen hochnäsigen Menschenkindern. (Vgl. Jes. 54, 7-10; Ps. 103, 8.) Gott eröffnet im Gericht eine Fortsetzungsgeschichte seiner großen Liebe zu gänzlich verdorbenen und verlorenen Leuten. Die Brücke zwischen dem gescheiterten Menschenreich und dem sieghaften Gottesreich (1. Mose 12, 1-3) bildet der dritte und letzte Stammbaum in der Urgeschichte.
1. M ose 11, 10-26 4.
Gott will das Heil aller Menschen (1. Mose 11, 10 - 12, 3). Der letzte Stammbaum in der Urgeschichte ist ein starkes Zeugnis von Gottes lebendiger Güte und Liebe. Während die Stammtafel in 1. Mose 5 die an den Tod verfallene Menschheit hervorhebt, und die Liste in Kapitel 10 die weltweite Ausbreitung der Völker markiert, betont der Stammbaum jetzt: Es gibt Hoffnung für den sündigen, sterblichen Menschen. Immer wieder gebraucht der Autor die Wortformen »leben und zeugen«. Wohl kommt die Sterblichkeit des Menschen dadurch zum Ausdruck, dass sein Lebensalter zunehmend abnimmt, und doch liegt der Akzent durchgehend auf der dem Menschen geschenkten Schöpferkraft und Wirksamkeit. Außerdem lässt die Abstammungstafel in 1. Mose 11 die Heilsgeschichte Gottes aufleuchten, indem sie die Generationen von Sem bis Abraham wie mit einem einzigen Federzug aufzeichnet. Im Unterschied dazu verfolgt das Geschlechtsregister in 1. Mose 10, 21ff die Ausbreitung der Nachkommen Sems über den Bruder Pelegs, nicht wie in 11, 19ff über dessen Sohn. Daraus dürfen wir schließen: Inmitten der mächtigen Völkerbewegung fädelt der allmächtige Gott die Heilsgeschichte ein. Er, der Herr der ganzen Welt, ist brennend interessiert an seinen Menschenkindern. Er lässt sie nicht laufen, gerade dann nicht, wenn sie ihm aus der Schule laufen und ihre eigenmächtigen Wege gehen. Schon die Sprachverwirrung und Zerstreuung der Menschheit zeigte, dass hinter dieser harten Zeichensprache die ernsthafte Liebe Gottes stand. Gerade die Liebe sucht und findet einen Weg zurück zum Vaterherzen Gottes. Die Völkerwelt hatte versagt. (Vgl. Röm. 1, 18-25.) Nun setzt Gott beim Einzelnen an, ruft ihn aus der Allgemeinheit in die persönliche, ver-bindliche Vertrauensgemeinschaft mit sich und eröffnet mit ihm die welt-weite Heilsgeschichte (Luk. 3, 23. 34-38) .
1. MOSE 11, 22-32; PREDIGER 3, 11
Der Stammbaum Sems führt nicht die allgemeine Menschheitsgeschichte weiter, sondern mündet in die Gottesgeschichte, die mit Abraham beginnt. Wenn Gott mit Menschen Geschichte macht, geschieht wirklich etwas. Der Herr über alle Welt bindet sich an einzelne Personen und Orte. Darum lässt die Bibel Abraham nicht aus einem nebulösen Irgendwoher auftauchen, sondern stellt uns seine Familie vor. Die Namen seines Urgroßvaters Serug, des Großvaters Nahor und seines Vaters Terach weisen alle auf Ortsnamen in der Gegend von Haran hin. Es war damals üblich, eine Stadt nach einem Volksstamm oder nach einer Einzelpersönlichkeit zu benennen. Die Familie Terachs war in Ur und in Haran beheimatet (V. 31). Haran lag an einer wichtigen Kreuzung der großen Karawanenstraßen und Handelswege von Babylon nach Kleinasien, Syrien und Ägypten. Die Stadt Ur, am südlichen Euphrat gelegen, war zur Zeit Abrahams Inbegriff von Sicherheit, Wohlstand, Bildung und Religiosität. Beide Städte waren Zentren für die Verehrung des Mondgottes Sin. Die Terachsippe kannte sich in Sachen Religion aus. »Sie dienten anderen Göttern« (Jos. 24, 2). Ob Götter helfen und trösten können, gerade dann, wenn Sorgen und Kummer Menschenherzen drücken? Abrahams Bruder starb plötzlich und viel zu früh weg (V. 28). Er selbst hatte zwar die »schönste Frau der Welt« geheiratet (1. Mose 12, 11), aber sie mussten die Schmach der Kinderlosigkeit tragen. Der wahre Gott aber, der »Gott der Götter« (5. Mose 10, 17; Jos. 22, 22), ist der Eine, der Einzigartige, dem der Schmerz des Menschen zu Herzen geht, der die tiefe Sehnsucht nach Ewigkeit und Beständigkeit, das Sehnen nach Leben, Frieden und Gerechtigkeit kennt und stillt. Er will uns begegnen, und Not will uns begegnungsfähig machen für Gott: Psalm 34, 5; 50, 15.
PSALM 24, 1-10
Unter dem Thema »Jahwe ist der wahre König« gliedert sich der Psalm in drei Abschnitte: 1. Gott ist Schöpfer und Eigentümer der Welt (V. 1. 2). Gott, der Schöpfer der Welt, kommt in sein Eigentum. Er will Einzug halten nicht nur im Jerusalemer Tempel, sondern überregional in seiner »geliebten Welt«. Darum soll sich auch »alle Welt« bereithalten, damit er einziehen kann. Der Evangelist Johannes bestätigt: »Er kam in sein Eigentum« als das ewige Wort Gottes, durch das die Welt entstand, »Fleisch wurde« und Menschengestalt annahm. ( Lies Joh. 1, 11a . 14; Phil. 2, 7.) Sollte der Weltenschöpfer, der den Kosmos ins Dasein rief, nicht auch in der Lage sein, die von vielen Zweifeln hinterfragte Jungfrauengeburt seines Sohnes zu erschaffen?! Dort, am Anfang der Schöp fung, war der Heilige Geist am Werk (1. Mose 1, 2), und hier, bei der Erzeugung des Sohnes Gottes im Körper der Maria, ist er es auch (Luk. 1, 34. 35). Welch ein Meisterwerk! Kein anderer als der Heilige Geist arbeitet auch an Menschenherzen, bis sie sich öffnen für das Wunder der Heiligen Nacht. Kein anderer als der Heilige Geist lässt den Gott »über uns« und den Gott »bei uns« auch den Gott »in uns« werden (Röm. 8, 10; Gal. 2, 20; 4, 19; Kol. 1, 27). Der deutsche Lyriker und Theologe Angelus Silesius (1624-1677) bekannte: »Wär Christus tau-send mal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du gingest ewiglich ver-loren.« Der Herr Jesu Christus will in mein Leben »hineingeboren« werden: Offenbarung 3, 20. Er bittet: »Lass mich zu dir hineinkommen.« Ich darf ant-worten: »Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist. Ach zieh mit deiner Gnade ein; dein Freundlichkeit auch uns erschein. Dein Heilger Geist uns führ und leit den Weg zur ewgen Seligkeit. Dem Namen dein, o Herr, sei ewig Preis und Ehr.« (G. Weissel)
1. MOSE 11, 31; PSALM 32, 8
Abraham, gebürtig aus Ur, jenem großartigen Kulturzentrum, hieß eigentlich »Abram«, zu deutsch: »Er ist erhaben durch seinen Vater.« Einige Ausleger schließen daraus, dass Abram aus vornehmem Hause stammte und durch die Stellung seines Vaters berühmt war. Gott ist auch die Welt der Prominenten nicht verschlossen. Der Herr sieht auch Abram ins Herz, und er kennt ihn. Allein Abram kennt den Herrn, dem alle Ehre zukommt, noch nicht. Da begeg net ihm der Allmächtige: »Der Gott der Herrlichkeit erschien unserem Vater Abraham in Mesopotamien, noch ehe Abraham nach Haran gezogen war. Gott sagte zu ihm: Verlass deine Heimat und deine Verwandtschaft und zieh in das Land, das ich dir zeigen werde« (Apg. 7, 2. 3). Es ist ein Geheimnis und doch ganz real, wenn Gott einen Menschen anspricht und ihm ein neues Leben anbietet. Ein Leben, das vom Vertrauen auf den Herrn geprägt ist. Was wird Abram tun? Zögern oder auf brechen? Bleiben oder gehen? Warum heißt es von seinem Vater: »Und Terach nahm seinen Sohn Abram und Lot . . . und Sarai . . . und sie zogen miteinander aus Ur, um in das Land Kanaan zu gehen«? Soll damit die Ehrerbietung dem Sippenoberhaupt gegenüber ausgedrückt werden? Oder hatte Abram anfänglich nicht den Mut, ohne den Begleitschutz der Großfamilie aufzubrechen? Tatsache ist: Sie machten sich gemeinsam auf den Weg. Es war damals sehr ungewöhnlich, ein größeres Unternehmen als Einzelner und nicht im Sippenverband zu starten. Dann aber blieben sie in Haran sitzen und richteten sich dort ihr Zuhause ein. Doch Gott »lässt« Abram nicht »sitzen«. Der Herr hat Geduld mit seinen schwerfälligen und ängstlichen Menschenkindern. Er ruft Abram noch einmal. (Siehe 1. Mose 12, 1-5; Mark. 1, 16-20.)
1. MOSE 11, 31. 32; APOSTELGESCHICHTE 7, 2-4
»Abram, geh! Verlass deine Heimat und deine Verwandtschaft! Zieh in das Land, das ich dir zeigen werde!« Gott mutet Abram viel zu. Es erfordert Tapferkeit, das ganze Leben umbrechen zu lassen. Noch ist Abram »Mitläufer«. Das Ziel ist ins Auge gefasst. Die große Richtung stimmt. Aber er wagt bis jetzt keine eigenen Schritte im Vertrauen auf den Befehl Gottes. Es ist ja tat sächlich ein guter Zug, wenn jemand nicht Hals über Kopf, aus purer Begeisterung und im Gefühlsüberschwang, ein umfassendes Projekt angreift. Doch man kann auch aus lauter Vorsicht, Rücksichtnahme und ängst licher Besorgtheit den Ruf und das Wort Gottes in einem »Versteck« ruhen lassen. Dabei will der Herr unser Leben groß anlegen. Er führt die Seinen nicht ins Niemandsland, sondern ins Land der Freiheit. »Höchste Freiheit ist die letzte Bindung an den mächtigsten Herrn, der mir vermöge seiner Größe und Allmacht den denkbar weitesten Spielraum gewährt. Zugleich legt er mir damit aber auch ein Höchstmaß an Verantwortung auf. Die größte innere Freiheit von seinem egozentrischen Denken erlangt derjenige Mensch, der die stärkste Bindung an Gott hat. Freiheit von sich selbst aber ist gleich-bedeutend mit der Befreiung von der Macht des Bösen und jeder Art von Angst, der Lebensangst genauso wie der Todesfurcht!« (M. Claudius) Abram wird erst nach dem Tod seines Vaters Terach bereit, den Auf bruch zu wagen. An den Grenz- und Trennungslinien unseres Lebens will Gott neu zu Wort kommen. »Die Erschrockenen muss man mit dem Wort der Gnade aufrichten« (Martin Luther). Größere Gnade können wir nicht finden als die, dass der Herr uns persönlich zuspricht: »Ich will dich segnen. Ich will deinen Namen groß machen, und du sollst ein Segen sein.« (Lies 1. Mose 12, 2; Eph. 1, 3-7. 11-14. )
JESAJA 8, 23; 9, 1; LUKAS 1, 26. 48; JOHANNES 1, 46
1. Maria eine von Gott Erwählte »Von nun an . . . «, so begi nnen manche Her zensentschl üsse. »Von nun an . . . «: etwa zwanzigmal finden wir diese drei Worte in der Bibel so auch im Zusammenhang mit der Weihnachtsgeschichte. Maria, die Mutter des Herrn Jesus Christus, sprach: »Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kin deskinder. Denn er hat große Dinge an mir getan« (Luk. 1, 48). Dabei hat-ten »die großen Dinge« einen ganz bescheidenen Rahmen. Maria lebte in Nazareth, einer bedeutungslosen Ortschaft mit ungefähr 400 Einwohnern. Kein Prophet hatte Nazareth je erwähnt. Außerdem lag Naza-reth in Galiläa, wo viele Heiden wohnten. Darum verachteten manche from-men Juden diese Gegend. Wahrscheinlich hatten sie die Verheißung Gottes, die gerade diesem Landstrich galt, vergessen: »Doch diese Zeit der Dunkelheit und Verzweiflung wird nicht für immer andauern. Wurden früher auch das Land Sebulon und das Land Naftali gedemütigt, so wird später das Gebiet der Völker, die Gott nicht kennen, die Straße am Meer jenseits des Jordan, zu Ehren kommen.« In Gottes Augen war das unscheinbare Nazareth wich-tig. Genau dorthin schickte er seinen Boten, den Erzengel Gabriel. Es ist derselbe Himmelsbote, der schon Daniel trösten und auf den Messias hin-weisen durfte und der ein halbes Jahr zuvor Zacharias im Tempel ange spro-chen und ihm die Erhörung seiner Gebete zugesichert hatte. (Lies Dan. 8, 16-27; Luk. 1, 13. 19.) Wenn wir mutlos und zerschlagen sind, vielleicht keine Hoffnung mehr haben, wenn wir im Dunklen tappen und keinen Weg sehen, dürfen wir dennoch sprechen: »Ja, du, Herr, bist meine Leuchte; der Herr macht meine Finsternis licht« (2. Sam. 22, 29). Und wenn die Gefühle »streiken«, weil die Situation sich nicht ändert? Dann dürfen wir wie jener verzweifelte Vater zu Gott rufen: »Ich glaube; hilf meinem Unglauben!« (Mark. 9, 24).
JESAJA 7, 14; LUKAS 1, 26. 27
Als Elisabeth, eine Verwandte Marias (Luk. 1, 36), im sechsten Monat schwan-ger war, wurde der Engel Gabriel von Gott nach Nazareth gesandt, » . . . zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause Davids; und die Jungfrau hieß Maria«. Fünf Monate der Schwangerschaft Elisabeths sind vergangen, und sie wird nun von anderen als werdende Mutter erkannt. Gott hat auf diesen Zeitpunkt gewartet, um an dieses Wunder der Schwangerschaft Elisabeths ein viel größeres Wunder anzu schlie ßen. Wir erfahren relativ wenig über Maria. Wir wissen nichts über ihr Elternhaus, ihre Eltern. Entscheidend sind hier nicht biografische Daten, sondern Marias heilsgeschichtliche Bedeutung. Darin liegt die Einzigartigkeit ihrer Person. Maria war eine junge Frau, vielleicht 14 Jahre alt, in jener Zeit alt genug, um verheiratet zu werden. Sie war Josef, einem Mann aus dem Stamm Davids, »vertraut«. Dies bedeutet mehr als unser deutsches »Verlobt«. »Ver-traut« sein bedeutete, dass ein Ehevertrag geschlossen und Maria die rechts-kräftige Frau von Josef war. Allein die eheliche Gemeinschaft wird erst nach der Heimholung der Braut durch den Bräutigam (d. h. nach der Hochzeit) auf genommen. Josef stammte »aus dem Hause Davids«. »Was diese davidische Abstammung damals für die Juden bedeutete, können wir heute kaum mehr ermessen. Denn David war ja Träger einer Verheißungslinie, die in einen ewigen König münden sollte« (G. Maier). Und nun kam zu Maria völlig unerwartet ein Engel in ihre bescheidenen Verhältnisse. Der Bote Gottes kommt zwar über-raschend, aber nicht zufällig, nicht einfach mal so vorbei. Der Herr hat ihn gesandt, ihm einen klaren Auftrag gegeben. Gott, der Vater unseres Herrn Jesus, kannte nicht nur Marias Namen, sondern auch ihre Adresse und ihre Herzenshaltung. Ohne dass Maria davon etwas ahnen konnte, hatte der Herr sie für eine besondere Aufgabe ausersehen, erwählt und längst vorbereitet. Gott kennt auch unseren Namen und hat uns für sein großes Heil ausersehen. (Lies Jes. 43, 1; 63, 9; 5. Mose 4, 37; 7, 6-8; 1. Joh. 4, 10. )
LUKAS 1, 28
2. Maria eine Begnadete
»Und der Engel kam zu ihr hinein . . . « Hinein in ihren Alltag, in ihr Leben. Sie war nicht im Tempel wie Zacharias, sondern in ihrem gewohnten Umfeld, in herkömmlichen Verhältnissen. Dort spricht sie der Engel mit einem bedeutungsvollen Gruß an. Bedeutungsvoll ist der Gruß schon deshalb, weil es nicht üblich war, eine Frau überhaupt zu grüßen. Maria wird also von höchs ter Stelle, von Gott selber, als Frau gewürdigt. (Vgl. Matth. 27, 55. 56; Mark. 1, 30. 31; 16, 9; Luk. 8, 2. 3; Joh. 20, 17. 18.) Die Formulierung »Sei gegrüßt« entspricht unserem »Guten Tag«. Der Urtext lässt aber auch die Übersetzung zu »Freue dich!« Dieses »Freue dich« hat im Alten Testament eine besondere Bedeutung. Manche Propheten kündigten damit den Messias an: »Freue dich . . . Der Herr, der König Israels, ist bei dir.« »Freue dich . . . Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der Herr« (Zef. 3, 14f f; Sach. 2, 14). Es klingen also bereits im Gruß des Engels messianisch-endzeitliche Töne an. Darauf weist besonders die Anrede Marias als »Begna-dete« hin. Man kann auch übersetzen: »Du, der Gott seine Gnade zugewandt hat.« »Mit dem Gruß der Gnade ist das Neue Testament eröffnet. Eine neue Welt ist eingeleitet, die Welt der Gnade« (F. Rienecker). Wir sind nicht Maria, aber auch uns will Gott in unserem Alltag grüßen. Er will uns begegnen und in seine Gnade einhüllen. Das haben wir nicht einem Boten Gottes, sondern dem Sohn Gottes selber zu verdanken. Als die Jünger von Jesus sich aus »Furcht vor den Juden« eingeschlossen hatten, trat der Auferstandene zu ihnen und grüßte sie: »Friede sei mit euch!« (Joh. 20, 19. 21. 26). Jesusnachfolger dürfen auch einander den Friedensgruß zuspre-chen: »Gnade euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus« (1. Kor. 1, 3).
LUKAS 1, 28-30; RICHTER 6, 12. 16
Der Gruß an Maria endet mit den Worten, die einst Gideon ermutigt haben: »Der Herr ist mit dir.« Ob sie bei diesem Satz zu ahnen begann, dass sie wie Gideon einen besonderen Auftrag ausführen sollte? Uns wird nur mitgeteilt, dass sie über den Gruß des Engels »erschrak«. Wörtlich heißt es, dass sie in »Unruhe (Verlegenheit oder Bestürzung) geriet«. Wie reagiert Maria in ihrem Schrecken? Sie überlegt, denkt nach und zwar gründlich (so der Urtext). »Welch ein Gruß ist das? Was meint der Engel? Was mag Gott mir durch sein Wort sagen wollen?« Maria ist eine Frau, die für das Wort Gottes offen ist und ihm mit Ehrfurcht und Aufmerksamkeit begegnet. (Vgl. Luk. 2, 19; Joh. 2, 5.) Noch hat Maria kein Wort gesagt, da spricht der Engel Gabriel in ihre Beunruhigung und in ihre Überlegungen hinein: »Fürchte dich nicht, Maria! Denn du hast Gnade bei Gott gefunden.« Der Engel nimmt die Furcht von Maria. Was Gott mit ihr vorhat, soll kein Schrecken für sie sein. Deshalb sagt er: Bleib nicht in deiner Furcht! Denn Gott hat dich aus Gnade erwählt. Es lohnt sich, an dieser Stelle etwas ausführlicher das Gnadenhandeln Gottes in der biblischen Heilsgeschichte zu betrachten. Lange vor Marias Lebzeiten werden Männer wie Noah, Mose und Daniel erwähnt, die Gnade bei Gott gefunden hatten (1. Mose 6, 8; 2. Mose 33, 16ff; Dan. 10, 1ff). Vielleicht war Maria mehr als andere junge Frauen eine War-ten de, eine Gerechte des Alten Bundes. Wenn sie von sich selbst redet, redet sie von ihrer »Niedrigkeit« als Gottes »Magd« (Luk. 1, 48). Maria wusste sich auf Gottes Barmherzigkeit angewiesen. Gott gab und gibt bis heute den Demütigen seine Gnade. (Dazu Hiob 22, 29; Spr. 3, 34b; Matth. 23, 12; Luk. 1, 51. 52; Jak. 4, 6; 1. Petr. 5, 5.)
PSALM 24, 1-10; JESAJA 40, 1-5
Unter dem Thema »Jahwe ist der wahre König« gliedert sich der Psalm in drei Abschnitte: 1. Gott ist Schöpfer und Eigentümer der Welt (siehe 2. Advent). 2. Gottes Ankunft will vorbereitet werden (V. 3ff). Die Herrlichkeit und Größe Gottes (V. 1. 2) erfordert eine weite Öffnung der Tor e ( V. 7. 9), eine bewusste Ausrichtung auf den König (V. 8. 10) und eine besondere Vorbereitung der Herzen (V. 3-6). So überraschend der Eingriff Gottes in Leib und Leben der Maria war, so bedeutend war der Zeitraum der Vorbereitungen, bis der ersehnte Messias endlich zur Welt kam. Es ist atem-beraubend, wie tief und ganzheitlich sich Maria dem Willen Gottes hingab. Ganz große Freude kommt ins Herz, wenn wir dem »König der Ehren« unser Ja-Wort geben. Maria sprudelt über von Freude und Glück: »Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist jubelt und freut sich über Gott, meinen Heiland. Denn er hat hingeblickt auf die Niedrigkeit seiner Magd« (Luk. 1, 46-48). Der Höchste schaut die Niedrigkeit des Menschen an und sieht dabei nicht am Schmutz des Lebens vorbei, sondern legt sein Liebstes, sein Bestes gerade in den Staub des Daseins. Denn gerade in das, was uns Not macht, gerade dort, wo der Kummer und die Sorge wohnen und manche Sünde das Sagen hat, genau dahinein möchte er, um uns mit seiner herzlichen Zu-neigung und Liebe zu beschenken. Wer jemals unter seiner Niedrigkeit gelitten hat oder unter ihr leidet, wird über Gottes »Ansehen« staunen. Und in diesem Staunen darüber, dass wir bei Gott Ansehen haben, beflügelt uns der Heilige Geist zum Dienst. Da werden wir anfangen, aufzuräumen, zu ordnen und unsere Türen zu öffnen, um dem König Platz zu machen. So bekommen wir schuldlose Hände, ein reines Herz, lautere Gedanken und wahrhaftige Lippen (Ps. 24, 4).
Psalm 100, 5; 103, 4; Jesaja 54, 8b. 10; Johannes 1, 16
Wenn auch Maria von Gott zu etwas Einzigartigem erwählt wurde, dürfen wir dennoch die Botschaft des Engels Gabriel für uns persönlich festhalten: »Freue dich, du Begnadete, der Herr ist mit dir. Fürchte dich nicht, du hast Gnade bei Gott gefunden.« Er beschenkt uns mit seiner unverdienten Gnade, indem er seinen Sohn Jesus Christus, die alles entscheidende Gnadengabe, in unsre Welt sandte. »Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.« »Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen« (Joh. 1, 14; Tit. 2, 11). Welche »Gnaden-Geschenke« Gottes finden wir in Epheser 1, 3-10? Sollten wir uns jetzt nicht einige Augenblicke Zeit nehmen, um unserem Herrn für seine Geschenke zu danken?
Gott selber wendet sich uns ganz persönlich zu und schenkt uns seine Gnade, uns stark zu machen. Und gerade das brauchte Maria. Sie soll verstehen: Gott gibt dir Gnade für deinen außergewöhnlichen Weg. Er gibt dir für alles, was auf dich zukommen wird, das, was du brauchst. Und wir? Auch wir benötigen und empfangen Gnade für den Weg, den der Herr uns führt. Gott weiß, wo wir seiner Gnade besonders bedürfen. Für meinen Ort, meinen Platz, an dem ich stehe, und für meinen Weg gibt es Gnade Gnade, die sich nie erschöpft. Fragen wir uns nun, wozu wir der vielfältigen Gnade Gottes bedürfen. Zur Errettung. »Denn nur durch seine unverdiente Güte seid ihr vom Tod errettet worden. Ihr habt sie erfahren, weil ihr an Jesus Christus glaubt. Dies alles ist ein Geschenk Gottes und nicht euer eigenes Werk« (Eph. 2, 8; vgl. Ps. 130, 7; Röm. 3, 23. 24).
2. Chronik 6, 14; Psalm 13, 6; 103, 4
Wozu brauchen wir die vielfältige Gnade Gottes?
Zur Bewältigung des Alltags. »Denn dies ist unser Ruhm: das Zeugnis unseres Gewissens, dass wir in Einfalt und göttlicher Lauterkeit, nicht in fleischlicher Weisheit, sondern in der Gnade Gottes unser Leben in der Welt geführt haben . . . « (2. Kor. 1, 12). Zur Veränderung und zum Arbeiten für Gott. »Alles, was ich bin, bin ich allein durch Gottes vergebende Gnade. Und seine Gnade hat er mir nicht vergeblich geschenkt. Ich habe mich mehr als alle anderen eingesetzt, aber das war nicht meine Leistung, sondern Gott selbst hat alles in seiner Gnade bewirkt« (1. Kor. 15, 10; Hoffnung für alle). Zur Geduld im Leiden und in Schwachheit. »Denn das ist Gnade, wenn jemand vor Gott um des Gewissens willen das Übel erträgt und leidet das Unrecht . . . « (1. Petr. 2, 19). »Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft des Herrn Jesus Christus bei mir wohne« (2. Kor. 12, 9). Zur Bewährung des Glaubens und zur Freigebigkeit. »Ich will euch berichten, . . . was Gottes Gnade in den Gemeinden in Mazedonien bewirkt hat. Sie hatten viel zu leiden und haben es nicht nur standhaft ertragen; vielmehr wurde ihre Freude im Glauben nur umso stärker und führte trotz ihrer großen Armut zu einer erstaunlichen Hilfsbereitschaft. Ihr könnt es mir glauben: Sie spendeten, so viel sie konnten, ja noch mehr, und sie taten es ohne Aufforderung« (2. Kor. 8, 1-3; Gute Nachricht). Zum Nachdenken: »Es ist traurig, aber wahr, dass es vielen von uns leichter fällt, sich durch Gottes Gnade retten zu lassen, als dann auch wirklich in ihr zu leben« (J. Ortberg).
Psalm 130, 8; Lukas 1, 31-33
Maria empfing von Gott eine einmalige, ganz besondere Gnade. Mit einem nachdrücklichen »Siehe« markiert der Engel Gabriel die Wende zu einer neuen Zeit. Maria erfährt, was Gott mit ihr vorhat. Maria darf wissen, welche Aufgabe ihr anvertraut wird. Sie soll Mutter des Gottessohnes werden und ihm den Namen Jesus geben. Josef, dem Adoptiv-Vater, wird genau dasselbe gesagt: »Sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden« (Matth. 1, 21). Gott führt also Maria und Josef gemeinsam in die neue Zeit hinein. Gemeinsam sollen sie erleben, dass der Herr seine Zusage erfüllt: »Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel« (Jes. 7, 14). Aber wenn es um die Erfüllung von Jesaja 7, 14 geht, warum sollte dann der Name »Jesus« und nicht »Immanuel« lauten? Uns hilft ein Vergleich mit Matthäus 1, 21-23: »Immanuel« ist ein geistlicher Name. Er bedeutet »Gott mit uns«. Und dieser geistliche Immanuel ist Jesus tatsächlich geworden. Aber sein äußerer Name sollte »Jesus« (Gott hilft, Gott rettet) sein, um anzuzeigen, dass er uns von Sünden rettet. Erst auf diesem Wege kann »Gott mit uns« sein. »Durch seine Rettung von Sünden wird Jesus der geistliche Immanuel von Jesaja 7, 14« (G. Maier). Auch wir haben einen »Immanuel« Gott ist mit uns. Ganz persönlich gesagt: Gott ist mit dir, weil für Jesus keine Sünde zu groß, zu kompliziert oder zu schwer ist. Alles, was Gott hindern müsste, mit uns zu sein, hat Jesus auf sich genommen. Was du auch erleben magst in der Familie, am Arbeitsplatz, in den verschiedensten Umständen der Herr ist mit dir. Dieses Wissen ermutigt uns, von unserem Herrn und Immanuel zu reden und Zeugnis zu geben.
Lukas 1, 32. 33
3. Maria eine mit der Heiligen Schrift Vertraute
Wir lesen dazu 2. Samuel 7, 12. 13 und noch einmal Jesaja 7, 14. Der Engel Gabriel äußerte vor Maria das Unfassliche: Auf ihr Kind, den von Gott geschenkten Sohn, werden diese einzigartigen Verheißungen zutreffen: »Der wird groß sein« (Luk. 1, 32). So hieß es auch von Johannes dem Täufer: »Er wird groß sein« (Vers 15). Haben wir den bemerkenswerten Unterschied wahrgenommen? Es stehen sich »Der« und »Er« gegenüber. Von Jesus heißt es: »Der wird groß sein.« Im Urtext heißt es wörtlich: »Dieser« und kein anderer ist der »Große«. Warum? Weil er »Sohn des Höchsten«, das heißt »Sohn Gottes«, genannt werden wird. »Diesem wird der Thron Davids gegeben werden.« Er ist der König, der in Ewigkeit »über das Haus Jakob« (Israel) herrschen wird: Jetzt ist jeder Zweifel daran beseitigt, dass hier tatsächlich der Messias angekündigt wird. Ein Davids-Sohn aber musste nach unzähligen Weissagungen des Alten Testaments der Messias sein. (Vgl. Jes. 11, 1-5; 55, 3-5; Jer. 23, 5. 6; Micha 5, 1. 3.) Zugleich sagt das Alte Testament, dass er der »Sohn« Gottes sein werde (Ps. 2, 7; 89, 27-30). Später wird Jesus die geheimnisvolle Verbindung von Gottessohn und Davidssohn erklären (Matth. 11, 25-28; 22, 41-46). Wenn wir den Lobgesang Marias in Lukas 1, 46-55 lesen, wird deutlich, wie sehr sie in den Schriften des Alten Testaments zu Hause war. Ihr Vertrautsein mit der Schrift war die Vorbereitung dafür, dass die Worte des Engels bei Maria Gehör und Verständnis finden konnten. Stellen wir uns heute diesen Fragen: Was bedeutet mir die Bibel? Welchen Platz nimmt sie in meinem Leben ein? Was traue ich dem Wort Gottes zu, wo mache ich Abstriche? Der Herr möchte uns durch ein regelmäßiges Bibelstudium noch viel mehr von seinen Geheimnissen aufschließen. Es lohnt sich, Zeit dafür einzuplanen.
Luk as 1, 13-18. 34. 35
4. Maria eine Glaubende
Es fällt auf, dass Maria im Gegensatz zum Priester Zacharias keine Zweifel äußerte. Sie fragte nicht, ob das überhaupt sein konnte, sondern wie es zugehen sollte. Der Ehevertrag mit Josef war zwar abgeschlossen; aber sie »weiß von keinem Mann« d. h. die beiden hatten keinen Sexualkontakt miteinander. In welch einer Spannung mochte Maria sich befunden haben. Bemerkenswert, dass sie nicht fragt: Was werden die Leute sagen? Wie wird Josef das verkraften? Wird er sich von mir trennen? Wie soll ich unerfahrene Frau diesem großen Auftrag gewachsen sein? Nein, sie traut dem Wort Gottes, das der Engel Gabriel ihr überbringt, Menschenunmögliches zu. Aber wie soll Gottes Wille geschehen? »Wo Menschen reinen Gewissens und in innerer Bedrängnis fragen, dürfen sie auch mit Gottes Antwort rechnen« (G. Maier). Der Heilige Geist wird über Maria kommen. Seine Kraft wird das Wunder vollbringen. Wir werden hier an 1. Mose 1, 2 erinnert. Dort lesen wir, dass »der Geist Gottes über den Wassern schwebte«. »So wie bei der damaligen Schöpfung, so geht es auch jetzt bei Maria um ein göttliches Erschaffen. Und ebenso wie Gott in 1. Mose 1 auf keinerlei Material angewiesen war, so war er jetzt auf keinen menschlichen Vater angewiesen. Wer sagt, dass die Geburt aus einer Jungfrau unmöglich sei, der macht Gott kleiner, als er in 1. Mose 1 geschildert ist« (G. Maier). Auch der Evangelist Matthäus bezeugt, dass das in Maria gezeugte Leben aus der Kraft des Heiligen Geistes kommt: Matthäus 1, 18. 20. 23. Bemerkenswert ist, dass der Heilige Geist auch den geistlichen, den neuen Menschen in uns erzeugt: Wir lesen dazu Johannes 3, 6-8; 2. Korinther 5, 17; 1. Petrus 1, 3; Titus 3, 5.
2. Mose 40, 35; Lukas 1, 35
Der Herr antwortet Maria mit einem zweiten Hinweis. Er erinnert an die Stiftshütte, die von der Wolke »überschattet« wurde. So heißt es jetzt von Maria: Die Kraft des Höchsten wird sie überschatten. Der Schatten der Kraft Gottes wird auf Maria fallen. Was uns beschattet, überragt uns. »Es steht etwas Großes vor uns, nicht mit erschreckender Majestät, die uns fliehen macht, sondern mit einer stärkenden Wirkung. So tritt die Kraft Gottes in Maria hinein, nicht mit gewaltsamem Stoß, sondern in stiller Wirkung als ein heilsames Geschenk. Bei Gott hat auch die leiseste Berührung, das ist die Berührung durch den auf jemand fallenden Schatten, die allmächtige Wirkung in sich. Wie im Alten Testament die Wolke der Gegenwart Gottes die Stiftshütte überschattete und erfüllte, so wird Maria zum Heiligtum, in dem Gott in Gestalt seines Sohnes war« (A. Schlatter). Zum Wort Gottes tritt für Maria das Zeichen Gottes. »Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei« (V. 36). Maria erfährt, dass Gott auch an der betagten Elisabeth das Wunder einer Schwangerschaft vollbracht hat. »Denn nichts ist bei Gott unmöglich.« So preist Gabriel, der Diener aus Gottes nächster Umgebung, seinen Herrn. Als Engel kennt er die unsichtbare Welt. Er weiß: Gott kann Elisabeth im Alter einen Sohn schenken, und Gott kann Maria ohne menschliches Zutun Mutter werden lassen. Bei Gott ist kein Ding unmöglich. Das buchstabierte nicht nur Sara (1. Mose 18, 14), auch die Propheten mussten dies lernen: »Siehe, ich, der Herr, bin der Gott allen Fleisches, sollte mir etwas unmöglich sein?« (Jer. 32, 17. 27; Sach. 8, 6; vgl. Matth. 19, 26; Mark. 10, 27; Luk. 18, 27).
Psalm 24, 1-10; Matthäus 5, 8
Der Leitgedanke vom dritten Advent »Gottes Ankunft will vorbereitet werden « führt uns heute, am vierten Advent, zur Person des Ankommenden. 3. Der König der Herrlichkeit ist ein starker König (V. 8. 10). Welche Aussagen in Psalm 24 weisen auf die Stärke des himmlischen Königs hin? Verse 1. 2: Als Schöpfer hat Gott Licht und Leben gegen die unheimliche Finsternis gesetzt (1. Mose 1, 1-3). Dieser Herr hat auch in unseren Herzen sein Licht entzündet (2. Kor. 4, 6; 2. Petr. 1, 19). Verse 3-7: Als Heiland hebelt Gott die Macht des Bösen aus und ermöglicht uns, reinen Herzens und unter seinen segnenden Händen zu leben. Verse 8-10: Als König ist er der wiederkommende, endgültige Siegesheld (Offb. 19, 11-16). Die Pforten des Himmels haben sich bereits geöffnet, als der Himmel den auferstandenen Christus in Empfang nahm. Dort sitzt er »zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten« so wird es an den Festtagen in vielen Gottesdiensten zu hören sein. Jeder Tag bringt uns diesem großen Advent Gottes näher. Wir haben nicht das grauenhafte Nichts vor uns, sondern eine unüberbietbar herrliche Zukunft in Gottes neuer Welt. Wir gehen nicht auf einen Schrecken ohne Ende zu, sondern unserem Herrn entgegen, der allem Schrecken ein Ende machen wird (Jer. 29, 11; Luk. 21, 25-28. 33). Dann wird der »König der Ehren« ein letztes Mal in Zion Einzug halten, um seinem bedrängten Volk Sieg zu schaffen und endlich sein Friedensreich aufzurichten (Sach. 14, 4-7. 9). Der Sieg, der bislang vor den Augen der Welt verborgen geblieben ist, wird am Ende der Zeit endgültig sichtbar werden. Es ist nur gut, wenn wir uns heute auf diese Zukunft einstellen und vorbereiten. Psalm 51, 11-14; Johannes 3, 16-18; 8, 12 und 1. Thessalonicher 4, 1-7 enthalten wichtige Impulse.
Lukas 1, 37. 38
Maria ist nicht alleingelassen mit dem Unmöglichen. Sie bekommt eine Antwort, die allerdings ihren Glauben herausfordert den Glauben an die Zuverlässigkeit des Wortes Gottes. Das menschlich Unmögliche ist für sie die Herausforderung, Gott, der so Großes zugesagt hat, uneingeschränkt zu vertrauen. Maria antwortet dem Engel als Glaubende. Sie glaubt der unglaublichen Botschaft und willigt aus freien Stücken in Gottes Absicht mit ihrem Leben ein. Sie macht sich eins mit dem Willen Gottes in ihrem Leben, obwohl sie die Konsequenzen nur begrenzt zu Ende denken kann. Deshalb wird Elisabeth später zu ihr sagen: »Und selig bist du, die du geglaubt hast! Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn« (Luk. 1, 45). Auch wenn ein Weg nicht nach Glück aussieht, das Einssein und Einigsein mit Gott führt uns zur Freude und zum Frieden. Maria glaubte das nie Dagewesene. Sie wusste um die Glaubensschritte der Vorbilder im Alten Testament, aber für dies hier gab es keinen Vorgang. Sie war existenziell gefordert zu glauben, dass Gott Mensch werden und sie dabei gebrauchen wollte. Maria gibt ihre Antwort klar und unmissverständlich mit der Hingabe ihres ganzen Lebens: »Siehe, ich bin des Herrn Magd.« Ich gehöre dem Herrn, stehe ihm ganz zur Verfügung. »Ihre Hingabe ist nicht Schwachheit, sondern Stärke. Ihr Ja ist die Herzensantwort des Glaubens. Ihr Ja ist die Bereitschaft, zu dem Menschen zu werden, wie Gott ihn sich von Ewigkeit her gedacht hat. Zu einem Menschen, der die Gemeinschaft mit Gott zu seinem eigentlichen Lebensziel macht . . . Gott schenke auch uns, wenn wir in der Tiefe unseres Lebens Gottes Ruf an uns spüren, dieses vertrauensvoll antwortende Ja« (G. Theurer). (Vgl. Matth. 6, 9. 10; 8, 10; 15, 28a; 26, 39; Joh. 4, 34; 11, 27.)
Lukas 1, 38; Apostelgeschichte 24, 14
»Siehe, ich bin des Herrn Magd (wörtl. Sklavin); mir geschehe, wie du gesagt hast!« »Der Begriff Sklave oder Knecht ist in der heutigen Umgangssprache eine Beleidigung. Darin drückt sich ein Gesinnungswandel aus: Im Gegensatz zu früheren obrigkeitsgläubigen Generationen will man sich heute keinen Autoritäten mehr unterwerfen. Wir sehen aber zunehmend, wie der Verlust jeglicher Autorität zu tiefer Bindungslosigkeit führt. Wer auf eigener, absoluter Freiheit beharrt und nicht bereit ist, sich in eine Gemeinschaft einzuordnen, der bleibt eben auch mit seinem Elend allein. Ideologien und Religionen nutzen diese Not des modernen Menschen aus; und viele sind aus Sehnsucht nach Geborgenheit und einer sinnvollen Aufgabe bereit, sich geistig, seelisch, ja körperlich versklaven zu lassen. Damit bewahrheitet sich eine biblische Grundwahrheit: Der Mensch kann gar nicht darüber bestimmen, ob er Knecht ist, er kann nur seinen Herrn wählen. Gott als der Schöpfer des Menschen darf mit Recht Autorität über ihn beanspruchen. Doch weil Gott seine Verfügungsgewalt gerecht und liebevoll ausübt, zerbricht er unsere Persönlichkeit nicht. Wer vor Gott kniet, der kann vor Menschen geradestehen. Dieser Satz bewahrheitet sich im Leben aller Knechte Gottes, vor allem aber an dem einen Knecht Gottes, Jesus« (R. Riesner). Welche Aussagen vom Gottesknecht in Jesaja 49, 1-6 und 52, 13 - 53, 12 lassen sich auf den einen Knecht Gottes übertragen? Wenn der Sohn Gottes nicht Knecht Gottes geworden wäre, könnte kein Mensch erlöst werden. Wir verdanken dem großen Gottesknecht nicht nur das ewige Leben, sondern auch die Befähigung und Kraft, als Knecht oder Magd des Herrn zu leben. (Lies Phil. 2, 5-11; Röm. 1, 1; Gal. 1, 10; Phil. 1, 1. 2; Tit. 1, 1.)
1. Samuel 25, 40-42; Lukas 1, 38
Der Ausdruck »Magd des Herrn« enthält eine doppelte Bedeutung: Gott darf über Maria verfügen. Sie ist in seiner Hand, und der Herr leitet sie nach seinem Rat. Er schenkt Maria die Kraft, auf seinem Weg zu gehen. (Vgl. Ps. 73, 24a; Jes. 48, 17.) Das setzt ein Grundvertrauen zum Wort und ein tiefes Vertrauen in Gottes Wundermacht voraus. Maria will nicht nur passiv über sich verfügen lassen. Sie will Gott dienen, wie auch die »Knechte des Herrn« ihm gedient haben. (Vgl. 4. Mose 12, 7; Sach. 1, 6.) »Mir geschehe, wie du gesagt hast«: Auch da ist wieder beides vorhanden. Maria lässt das Wort Gottes (»wie du gesagt hast«) stehen, es soll sich an ihr erfüllen. Und sie findet ein rundes Ja zu dem schweren Weg, den Gott auf diese Weise mit ihr geht. (Vgl. Spr. 23, 26.) Gerade durch dieses Ja, durch diesen bedingungslosen Gehorsam, will sie Gott dienen. Ihr vertrauendes Ja bewahrt sie vor dem ängstlichen Sorgen, wie alles werden wird, vor dem Selbstmitleid, vor vielen Wenn und Aber. Wenn Maria ihren Ängsten und Wünschen Raum gegeben hätte, wäre ihre Antwort vielleicht gewesen: Bote Gottes, geh woanders hin! Suche dir eine andere für diese Aufgabe! Ich kann das nicht. Mir ist die Verantwortung viel zu groß, und ich mag auch nicht für Josef und meine Familie zum Rätsel werden und für das Volk des Herrn in Misskredit geraten. Doch Maria willigt in den Willen Gottes ein und erlebt darin Gottes Treue und Gnade, dass er sich um sie und um Josef annehmen und auch ihn für seine Aufgabe vorbereiten wird.
Micha 5, 1; Luk as 2, 1-14
Das Kind in der Krippe Herr und Heiland der Welt.
Die Weihnachtsgeschichte entbehrt jeglicher Weihnachtsromantik. Alles atmet raue Wirklichkeit, herben Alltag: Steuerreformen Unruhe, Unsicherheit lange Reisewege unzählige Reisende überfüllte Übernachtungsquartiere ungemütlicher Stall, kalte Futterkrippe mittendrin Josef und Maria und das Kind. »Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau« (Gal. 4, 4). Gott kam zum richtigen Zeitpunkt in unser armes, unruhiges, mühseliges und verletztes Leben. Er wollte so und nicht anders kommen. (Lies Phil. 2, 6-11.) Er wählte das Leben in Kummer und Angst, um uns zu trösten. Er wählte das Leben mit seinen Schuld- und Sündenvernetzungen, um uns aus dem Netz der Sünde zu retten. »Christ, der Retter, ist da!« Er wählte das Leben mit seinen ungezählten Mängeln und Schwächen, um uns in seine Lebensfülle zu führen. Er wählte das Leben unter dem schrecklichen Fallbeil des Todes, um uns seine Herrlichkeit zu schenken. »Euch ist heute ein Retter geboren, der ist Christus, der Herr.« Lass dir helfen. Lass dich trösten. Lass dir vergeben. Lass dich beschenken mit seinem Frieden und mit seiner Freude. Geh zum Kind in der Krippe, klage ihm deine Not, und dann sieh dir Jesus an. »Sieh nicht mehr an, was du auch seist. Du bist dir schon entnommen. Nichts fehlt dir jetzt, als dass du weißt: Gott selber ist gekommen! Und er heißt Wunderbar, Rat, Kraft, ein Fürst, der ewgen Frieden schafft. Dem Anblick deiner Sünden will er dich selbst entwinden« (J. Klepper). Wir lesen Jesaja 9, 5. 6 und überlegen: Was genau erwarte ich für meine Situation von diesem Treue-Wort Gottes?
Lukas 2, 10-20; Jesaja 52, 7
Jesus Christus ist geboren. Dieser Jubel durchstrahlt das ganze Geschehen auf den dunklen Feldern Bethlehems. Sehen wir uns die Hirten an! Ob sie schon zur Zeit von Jesus bei der allgemeinen Bevölkerung als niedrig und verachtet galten, ist nicht sicher. Psalm 23 und die Selbstbezeichnung des Herrn als »guter Hirte« (Joh. 10, 11) lassen dies nicht grundsätzlich annehmen. Der Hirtenberuf war anstrengend, anspruchsvoll und gefährlich. Sie, die Nachtarbeiter Bethlehems, hören als erste von der großen Freude. Für das ganze Volk wird der Retter geboren. In religiös maßgeblichen Kreisen in Israel waren Hirten verachtet wie die Zöllner. Sie hatten in der Gesellschaft nichts zu melden. Wer hätte das gedacht: Auf einmal gehören sie zum Melde-Personal Gottes. Die große Zeitenwende, die mit der Geburt von Jesus Christus eingeläutet wird, ist ihnen zur Lebenswende geworden. Wie das geschah? Die Hirten blieben nicht im Gewohnten sitzen. Sie fassten den Entschluss, »nach Bethlehem hinzugehen« (V. 15). Sie wollten »sehen«, prüfen, testen, dass es einen königlichen Retter gibt, der Frieden und Freude ins Leben bringt. Die Hirten verlieren keine Zeit und scheuen keine Mühe (V. 16). Der Urtext legt nahe, dass sie sich durchfragen mussten, bis sie endlich alle drei fanden: »Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.« Wir machen Erfahrungen mit dem Wort Gottes, wenn wir sein Wort ernst nehmen und uns auf den Weg machen. Die Hirten erzählen das Evangelium von »Christus dem Herrn« allen weiter, die sie erreichen konnten (V. 10-12. 14. 17. 18). Sie sind tatsächlich »die ersten Evangelisten der christlichen Zeitrechnung« (J. A. Bengel). Wie halten wir's mit Römer 10, 10-17 und 2. Korinther 5, 20? Die Hirten vertiefen, was sie mit Gott erlebt haben, indem sie Gott loben. Sie werden zu Lobsängern Gottes in ihrer Lebens- und Arbeitswelt.
Apostelgeschichte 7, 55. 56
In vielen Kalendarien und christlichen Kalendern ist am 26. Dezember zu lesen: »Stephanstag« oder »Stephanustag«. Diese Bezeichnung entstammt dem 5. Jahrhundert. Welche Bedeutung verbirgt sich dahinter? Am 2. Weihnachtsfeiertag erinnerten sich Christen Jahr für Jahr an den Märtyrer Stephanus. Und das hatte seinen guten Grund. Sie wollten sich bewusst daran erinnern, dass Krippe und Kreuz zusammengehören. Gewiss, das Ereignis in Bethlehem ist voll vom schönen Glanz Gottes. Aber wir dürfen auch nicht die andere Seite übersehen: Kein Raum in der Herberge Flucht vor dem Zugriff einer feindseligen Umgebung. Was dem Jesuskind widerfuhr, bleibt der Jünger-Gemeinde nicht erspart: Als sich Stephanus voll heiligen Geistes zu Jesus Christus als dem von Gott gesandten Herrn und Weltheiland bekannte, fühlten sich seine Gegner zutiefst getroffen. Sie schrien laut auf und steinigten den unerwünschten Wahrheitszeugen zu Tode. Stephanus aber durfte erfahren, wie sich der Himmel vor ihm auftat und ein Abglanz von der Klarheit des Herrn Jesus Christus auf sein Haupt fiel. Auch wir brauchen nur einmal etwas zur Ehre unseres Herrn in dieser Welt mutig und zeugnishaft zu wagen, und bald werden wir den Widerstand und sogar die Angriffswut der antichristlichen Mächte zu spüren bekommen. Wir werden aber auch erleben, wie jeder tapfere Einsatz aus Glauben uns innerlich befestigt in der Lebensgemeinschaft mit Christus. So will uns die Botschaft von Stephanus dazu helfen, über ein bloß stimmungsvolles Feiern hinauszukommen und Ernst zu machen mit dem Zeugendienst für Christus. Dieser Zeugendienst wird durch unser Gebet getragen. In der Evangelischen Landeskirche in Württemberg wird seit dem Jahr 2007 der 26. 12. als »Gebetstag für verfolgte Christen« gehalten. Das kann uns anregen, die verfolgte Gemeinde generell in unser Gebet einzuschließen. Wir lesen noch 1. Petrus 3, 14-17; 4, 1-5. 7-14.
Lukas 1, 28. 30. 37. 38. 46-48
Maria antwortete: »Ich bin die Dienerin des Herrn und beuge mich seinem Willen. Möge alles, was du gesagt hast, wahr werden und mir geschehen.« Dann verließ der Engel sie. Er hat seine Aufgabe erfüllt. Nun geht es für Maria darum, im Alltag als »Magd des Herrn« zu leben und auch in kritischen Situationen daran festzuhalten. In diese Glaubens-Schule sind auch wir hineingenommen: In Krisen standhalten Marias Glaube und Hingabe war kein einmaliger Akt. Es gab Krisenstunden, in denen sie manches nicht verstehen konnte. Es gab Tage in ihrem Leben, wo sie vor Problemen und Unmöglichkeiten stand, wo ihr das Verheißene mehr als fragwürdig hätte erscheinen können und wo sie buchstabieren musste: »Bei Gott ist kein Ding unmöglich.« Denken wir an einige Situationen in ihrem Leben: Ausgerechnet kurz vor der Entbindung dieses besonderen Kindes muss sie ihr Zuhause verlassen, die weite Reise auf sich nehmen, um zu erleben, dass es in der Herberge keinen Raum für sie gab. Wir lesen von der lebensgefährlichen Bedrohung, als König Herodes die kleinen Kinder ermorden ließ, und von der Flucht mit dem Kind. Maria mag sich gefragt haben: Warum lässt der himmlische Vater zu, dass dieses Kind, dieser einzigartige Verheißungsträger, so sehr in Gefahr kommt, dass nur noch eine Flucht möglich ist? Später wird Jesus abgelehnt in Nazareth, dem Ort, an dem doch der Engel Gabriel persönlich ausgesprochen hatte, dass dieses Kind Gottes Sohn, Davidssohn und Menschensohn ist. In kritischen Situationen, in Spannungen und Versuchungen hält Maria vertrauensvoll daran fest, dass sie die »Magd des Herrn« ist. Wie zeigt sich dieses Vertrauen in Johannes 2, 1-11?
1. Samuel 2, 1-10; Lukas 1, 30
An Gottes Zusagen im Glauben festhalten
»Gott mutet seinen Berufenen viel zu. Die Arbeit im Reich Gottes war und ist eine Arbeit, in der uns Widerstände und Anfechtungen nicht erspart bleiben können. Wo Gottes Boten arbeiten, ruht auch der Widersacher Gottes nicht. Gerade deshalb ist das Fürchte dich nicht so nötig und zugleich tröstlich. Denn das Fürchte dich nicht, das Gott zu uns spricht, verheißt uns zwar nicht, dass wir von Angst und Schrecken verschont bleiben es sagt uns aber gewiss zu, dass Gott unsere Seele bewahren und schützen wird. Es macht uns unseres ewigen Heils gewiss« (G. Theurer). »Wahrhaftig, hier, wenn irgendwo, wird sichtbar, was Glaube ist. Allein am Wort Gottes hangen, alle eigene Klugheit und Weisheit mit diesem Wort zu Boden schlagen . . . Das, was Gottes Wort sagt, tausendmal gewisser achten, seiner Wundermacht keine Grenzen setzen und mit der greifbaren Einwirkung dieser Wundermacht ins eigene Schicksal rechnen! Als ein leuchtendes Beispiel der Christenheit steht die Magd des Herrn an der Eingangspforte des Evangeliums. Zum Erweis des Glaubens tritt nicht minder beispielhaft die demütige Bewährung des Gehorsams. Maria ist von Stund an bereit, die dienende Magd, das verfügbare Werkzeug in der Hand Gottes zu sein und sich an sein Wollen, Planen und Wirken ohne Vorbehalt in restloser Bereitschaft und Selbsthingabe auszuliefern« (Martin Luther). Wie sehr Maria das Wort Gottes in ihr Leben integriert hat, wird deutlich, wenn wir ihren Lobgesang (Luk. 1, 46-55) mit dem Lied der Hanna vergleichen (1. Sam. 2, 1-10). In der glaubenden Hingabe, die über alles Begreifen hinausgeht, ist Maria eine Frau, die Gott anbetet: »Anbeten heißt sich beugen unter Gottes verborgene Ratschlüsse und Führungen« (W. Lüthi).
Lukas 1, 48; Römer 12, 16; Philipper 2, 3
In der Demut bleiben
Maria lobt Gott: »Er hat angesehen (oder hingeblickt) auf die Niedrigkeit seiner Magd.« Ist hier von Unterdrückung, Selbsterniedrigung, Minderwertigkeit oder Unterwürfigkeit die Rede? Nein. Denn Maria jubelt darüber, dass der Höchste seinen Blick auf sie gelenkt hat, dass er sie angesehen und gewürdigt hat, ihm in Demut zu dienen. Das deutsche Wort »Demut« hat mit einer Haltung, einer Gesinnung zu tun. Es ist ein zusammengesetztes Wort aus den Bildungen »dio« (= Knecht, Diener) und »muot« (= Mut). Demut ist also der Mut und die Kraft zum Dienen. Sie ist die Fähigkeit, in aller Schwachheit sich der Kraft Gottes anzuvertrauen und sich von ihm gebrauchen zu lassen wie, wann und wo er will. Mut und Kraft zum Dienen kommt aus der regelmäßigen Beschäftigung mit dem Wort Gottes. Maria war so eine Frau, die die Heils-Botschaft des Engels in ihrem Herzen bewegte und bewahrte. (Dazu Luk. 2, 8-19.) Später, als Maria und Josef ihren zwölfjährigen Sohn im Tempel fanden, lesen wir von Maria noch einmal: »Seine Mutter bewahrte alle dieses Worte (von Jesus) in ihrem Herzen« (Luk. 2, 51). Und dann, auf der Hochzeit in Kana, war Maria nur eins wichtig: »Was er (Jesus) euch sagt, das tut!« (Joh. 2, 5). Zum Hören auf Jesus gehört es auch, lernfähig zu sein: Wir lesen Lukas 8, 19-21. Was sollten die Verwandten des Herrn verstehen lernen? Es geht nicht nur um die irdische, sondern vor allem um die geistliche Familie, die davon lebt, den Willen Gottes zu tun. (Vgl. Joh. 19, 25-27 irdische Familie; Apg. 1, 14; 2, 42. 46. 47 geistliche Familie.) Können wir uns von Jesus, vom Wort Gottes und auch von unseren geistlichen Brüdern und Schwestern (noch) etwas sagen lassen?
Lukas 1, 38; Johannes 8, 36; Römer 6, 18; Galater 5, 13
In Freiheit leben
Am 31. Oktober 1866 wird Eva von Tiele-Winckler als zweitjüngstes von neun Geschwistern in Miechowitz /Oberschlesien (Polen) geboren. Eva erlebt eine behütete Kindheit als Tochter einer Adelsfamilie auf Schloss Miechowitz. Vor den Schlossmauern liegt das oberschlesische Kohle-Revier, ein ausgedehntes Industriegebiet, in dem Erwachsene und Kinder in großer Armut leben. Der Lohn der Bergwerks-Arbeiterinnen und -Arbeiter ist äußerst gering, Alkoholismus ist verbreitet, viele Menschen sind krank und Kinder verwaist. Nach dem Tod ihrer Mutter Eva war erst 13 Jahre alt wird sie bereit, am Religionsunterricht teilzunehmen. Sie liest im Neuen Testament und entdeckt für sich bei Johannes 10, 27. 28 die Herrlichkeit von Jesus als den guten Hirten, der das Verlorene sucht. Das war der entscheidende Moment, ihr Leben Jesus anzuvertrauen und sich für andere einzusetzen. Sie entschloss sich, Menschen ihrer oberschlesischen Heimat, die durch agrar- und industrierevolutionäre Umwälzungen in Armut und Not geraten waren, zu helfen. »Ich wollte mich selbst und alles, was ich war und hatte, hineinwerfen in den Jammer der Zeit.« Nachdem sie Krankenpflege gelernt hatte, gründete sie in ihrer Heimat mit Unterstützung ihres Vaters eine eigene diakonische Einrichtung für Arme und Alte, Behinderte und Nichtsesshafte, den »Friedenshort «. Sie schuf eine evangelische Schwesternschaft, in der sie als Vorsteherin und zugleich als Schwester unter Schwestern »gebunden und doch frei« den Lebensberuf der Diakonisse ausübte. An Jesus, an seine Liebe, seine Vergebung und den »Frieden mit Gott« gebunden, sind wir frei, dem lebendigen und wahren Gott unter den Menschen unserer Zeit zu dienen: in Ehe und Familie, in Beruf und Gemeinde, als Verheiratete, Geschiedene, Alleinstehende, als Kommunität, Bruder- oder Schwesternschaft . . . Die Liebe muss lieben, sonst stirbt sie. Sie muss geben, sonst wird sie arm. (Lies Luk. 10, 25-37; Apg. 6, 1-7; 16, 30-34.)
Psalm 68, 20; 35, 9. 10; Lukas 1, 47. 48
Im Lob Gottes beheimatet sein
Marias Lobgesang entstand nicht in einer stimmungsvollen Stunde, sondern er kommt gerade in einer unmöglichen Situation zur Geltung. Das Gotteslob wird in der Gottesbegegnung geboren. So ist der Lobpreis die eigentliche Form des Umgangs mit Gott. Das wird besonders deutlich in den Psalmen: Der Lobpreis ist Hinwendung des ganzen Menschen zu Gott, ist Ausdruck der Freude, ist Erzählung der Treue Gottes und Beschreibung seiner Größe. Wir haben in diesem ausklingenden Jahr nicht nur Schönes, sondern auch Schweres, ja Unbegreifliches, erlebt. Wir sind durch tiefes Wasser, durch reißende Ströme und durchs Feuer gegangen (Jes. 43, 2); wir haben geseufzt, geweint, gesündigt, vielleicht auch gezweifelt, und doch: Wir haben es erlebt, dass bei dem Herrn kein Ding unmöglich ist, dass er sich nicht von uns abgewandt, sondern uns immer wieder aufgerichtet hat. »Ich will den Herrn loben allezeit; sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein. Meine Seele soll sich rühmen des Herrn, dass es die Elenden hören und sich freuen. Preiset mit mir den Herrn und lasst uns miteinander seinen Namen erhöhen! . . . Der Herr ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben . . . Der Herr erlöst das Leben seiner Knechte, und alle, die auf ihn trauen, werden frei von Schuld« (Ps. 34, 2-4. 19. 23). Das Lob Gottes ist nicht in unser Belieben gestellt. Es gehört zum Leben des Christen wie das Atmen zum Menschen. Der Westminster-Katechismus, eine reformierte Bekenntnisschrift aus dem Jahr 1647, erinnert uns daran: »Die Bestimmung des Menschen besteht darin, Gott zu verherrlichen und sich in Ewigkeit an ihm zu freuen.«
Praxis-Impuls: Mit Psalm 34 können wir Gott loben und ehren, indem wir Rückschau auf das Jahr 2009 halten und Zuversicht für das Neue Jahr gewinnen als Dienerinnen und Diener Gottes.
zur Verfügung gestellt von: bibel.com der Homepage von Christen für Christen.