Heute soll uns beschäftigen, was die Gesamt-Schau fü r meine persönlichen Lebensumstände bedeutet . Paulus hat offen über seine Leiden wegen Jesus geredet. Er ertr ug sie aus Liebe zu seinem Her rn, den er beständig vor Augen hatt e. Der Herr war seine Kraftquelle, aus der er lebte und überleben konnte. »In allem erweisen wir uns als Diener Gott es, in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gef ängnissen, in Verfol- gunge n, in Mühen, im Wachen, im Fasten . . . als die Unbekannte n, und doch bekannt als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezücht igten, und doch nicht getötet; als die Traur igen, aber allezeit f röhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nicht s haben, und doch alles haben« (2. Kor. 6, 4. 5. 9. 10). In unserer Wohlstandsgesellschaf t können wir leicht vergessen, dass die Nachfolge uns etwas kosten kann, doch der Gegenwind wird schärfer. Die Schwierigkeiten f ür Paulus kamen nicht nur aus der heidnischen Umwelt . Er musste auch mit einem »Dorn im Fleisch« leben. Paulus betete dar um, Gott möge dieses hinderliche Übel wegnehmen. Aber der beant wortete sein Gebet ander s: Du kannst damit leben, weil es meine Gnade gibt, sie reicht aus. Wenn du von meiner Gnade lebst und selber keine Kraf t hast, dann wird Raum f ür meine Kraft in deinem Leben und Dienst. (Lies 2. Kor. 12, 7-9.) Diese Lebenskraf t des Apostels wirkte gerade in seiner Schwachheit mächt ig. Gott schenkte es immer wieder, dass er in lebensbedrohlichen Situationen mit dem Leben davonkam. Aber die tragende Kraf t in seinem zerbrechlichen Leben war die Lebens-Verbindung mit Christus, dem aufer- standenen Her rn. »Nur darum ist es auch möglich, in allen Tr aurigkeiten dennoch froh zu sein. Es ist die Freude am Herr n« (W. de Boor). (Lies Phil. 4, 4-7; Jes. 61, 10; 1. Pet r. 1, 8.)
In schweren Zeiten kommen manchmal Zweifel auf: Kann das jetzt die rechte Straße sein fü r mich? Der Evangelist F. B. Meyer rät uns: »Fällt nur kein Urteil über die Wege Got tes, so lange ihr nicht an deren Ende ange- langt seid. Wartet , bis euch Got t im Licht der Ewigkeit beiseitenehmen und euch seine Zwecke of fenbaren kann, solange ver traut ihm. Wollte Gott, dass wir den Glauben hätten, selbst unter den schwierigsten Umständen zu sagen: Es ist der rechte Weg, du großer Hirte der Schafe f ühr st mich.« Ein ähnliches Zeugnis finden wir bei Josef: »Menschen gedachten es böse mit mir zu machen, aber Got t hat es gut gemacht« (1. Mose 50, 20). Josef hat te viel Böses erlebt. Trotz allem leuchtete ger ade in harten Zeiten immer wieder auf, dass Got t mit ihm war. Josef wurde nicht an Got t irre, sondern rechnet e in den für ihn bitter en Erf ahrungen mit Gott . In allem Geschehen sah er die gute Hand Gottes. Als Josef auf sein Leben zurückblickte, wusste er: Got t ließ alles Böse zu, und er machte etwas sehr Gutes daraus. Das war nicht nur gut für Josef, sonder n auch f ür seine große Familie. Vom Todes- kandidaten bis zum Vizekönig reichte Josefs Aufstie g in Äg ypten. So konnte er seine Familie einladen, der Hungersnot in Israel zu entfliehen und nach Ägypten zu ziehen. Hatte Got t es nicht gut gemacht? Josef brachte Gottes Führung in den Namen seiner beiden Söhne Manasse und Ephraim zum Ausdruck: Siehe 1. Mose 41, 50-52. Wie immer unsere Lebensumstände z ur Zeit sei n mögen, we lche Lasten auch immer wi r tragen müssen, der Herr weiß es. »Gott! Dein Weg ist im Heiligtum. Wer ist ein so großer Gott wie unser Gott?« (Ps. 77, 14)
In einer Z eitschrif t war zu lesen: »Der Mensch bringt jeden Morgen seine Haare in Ordnung warum nicht auch sein Herz?« Das leuchtet ein. Wir legen mit gutem Grund Wert auf ein gepflegtes Äußeres. Das Innere aber, die Seele, kommt manchmal zu kurz, ist jedoch für unser Leben eigentlich noch wichtiger. Die Frage ist: Wie bringt man sein Herz in Ordnung? Wie macht man das? Es ist ja wichtig, für alles das richtige P flegemit tel zu haben: Bebe-Cr eme ist für zarte Babyhaut . Mit Blend-a-med put zt man die Zähne mit Car-polish dagegen das Auto. Poliboy ist für die Möbel und Subst ral für die Pflanzen. Doch: wie pflegen wir unsere Seele ? Wir kennen uns aus in Kör perpflege, Möbelpflege, Blumenpflege, Tier pflege, Krankenpflege, Säuglingspflege, Autopflege . . . Aber wie pflegen wir unsere Seele ? Ja, muss man die denn pflegen? Und kann man sie pflegen? Und wenn ja, womit ? Die Bibel ermahnt uns, unserer Seele genügend Auf merksamkeit zu schen- ken: »Behüte dein Herz mehr als alles, was zu bewahren ist, denn von ihm aus sind die Ausgänge des Lebens« (Spr. 4, 23). Es gab Zeiten, in denen man die Christen verspottete, weil sie an die E xistenz einer Seele glaubten, die man doch nicht sehen kann und in der Anatomie des menschlichen Kör pers nirgends festmachen kann. Heute lacht darüber niemand mehr. Denn die Seele rächt sich, wenn wir sie nicht beachten, und wir wissen, wie schwer eine kranke Seele dem Menschen zuset zen kann. (Vgl. Ps. 38, 7-13. 16. 19. 22.) Wenn wir an Hanna, die kinderlose Fr au Elkanas, denken, dürfen wir Mut fassen, dass Gott sich auch unserer seelischen Nöte annimmt . Wir lesen: 1. Samuel 1, 1-20; 2, 1-3. 7. 8. »Lobet, ihr Völker, unsern Got t, lasst seinen Ruhm weit erschallen, der unsre Seelen am Leben erhält und lässt unsere Füße nicht gleiten« (Ps. 66, 8. 9).
Was aber ist die »Seele« eigentlich? In der Bibel werden die Wor te »Seele«, »Herz« und »Leben« of t als gleichbedeut end gebraucht. Die Seele ist das, was einen Kör per lebendig macht. Oft steht »Seele« f ür die ganze Person und bezeichnet die Ganzheit von Leib, Seele und Geist. Die Seele macht das Leben eines Menschen aus, das über den Tod des Kör pers hinaus bestehen bleibt. So meinte es Jesus mit den Worten: »Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können« (Matth. 10, 28). Die Seele ist das, was bleibt. Darum ist sie noch wicht iger als der Leib. Auf die Seele und ihren Zustand kommt es entscheidend an. Dazu hat Jesus ein eindrückliches Gleichnis erzählt: Ein wohlhabender Mann besaß einen großen Hof mit Äckern, die eine reiche Ernte einbrachten, so viel, dass er größere Lager plätze brauchte. Also riss er die alten Scheunen ab und baute größere. So sorgte er für Leib und Leben. Doch er beg ing einen f olgen- schweren Fehler: Lukas 12, 16-21. Was machte der reiche Mann falsch? Sicher nicht, dass er für seine ert ragrei che Ernte größere Lager räume ba ut e. Doch er er war tet Ruhe f ür seine Seele durch viele Güter und macht dies zum Grund seiner Freude. Er hat nicht bedacht, dass alles Irdische vergäng- lich ist und angesichts des Todes zweit rangig. »Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?« (Matth. 16, 26) Die Seele ist das Kostbarste, was wir besitzen. Unsere Seele, unser inneres Leben, ist uns wie unser Leib von Got t anvertraut, und es ist unsere Verantwortung, für sie zu sorgen und uns darum zu kümmer n, dass sie keinen Schaden nimmt .
In den kommenden Tagen soll es um Pflegetipps zur Seelenpflege von A bis Z gehen.
Seit der Entdeckung der E lekt riz ität hat sich unser Alltagsleben imm er mehr in den Abend hinein verschoben. Es scheint praktisch egal zu sein, wie man Arbeit und Freizeit auf den Tag verteilt. Mit dem Internet geht diese Ent- wicklung noch einen weiteren Schritt vor wärt s: Man ist nicht mehr an Ladenöff nungszeiten gebunden. Tag und Nacht kann man Informat ionen abr ufen, Geschäf te abwickeln, Unterhalt ung finden. Doch im Grunde ist es gegen die menschliche Natur, wenn man g rundsät zlich die Nacht zum Tage macht . Es tut unser er Seele gut, wenn wir den Tag als Tag und die Nacht als Nacht nutzen. (Vgl. Joh. 11, 9.) Der Tag und der Morgen sind die Z eit der Aktivität, des Schaf fens. Der Abend dagegen ist die Zeit des Aufnehmens von Eindrücken und des seeli- schen Erlebens. Für v iele Mensche n ist es die Ze it der Z erst reuung. Doch di e eigentliche Chance des Abends liegt nicht in der Zer st reuung, sondern im Gegenteil in der Sammlung. Das kann so aussehen, dass man sich in ein Buch vertieft oder dass man im Leben anderer Menschen liest, indem man sich Zeit zum Reden und Zuhören nimmt. Auch für das Lesen im Buch des eigenen Lebens bietet der Abend eine Gelegenheit. Ein Rückblick auf den vergangenen Tag, die Selbst pr üfung vor Gott, Dank und Abendgebet geben der Seele die Möglichkeit, sich zu besinnen, zu sich selbst zu kommen und bei Gott zur Ruhe zu kommen. Kleine Helfer können sein: Ein Psalm, ein Bibelwor t, ein Andacht sbuch, fortlaufende Bibellektü re, ein Gebetbuch, das man selber schreibt . . . »Die St ille Zeit am Morgen wird schon am Abend vorbereitet« (C. v. Viebahn). (Lies 1. Chron. 23, 30; 2. Chron. 13, 11; Esra 3, 3; Ps. 104, 23; Luk. 24, 27-35.)
Beten ist das »Atemholen der Seele«. Über das Gebet gäbe es viel zu sagen. Hier sei nur eine Art von Beten her vorgehoben. In Psalm 62, 9 werden wir eingeladen: »Schüt tet euer Herz vor Gott aus!« Das ist ein wunderbares Angebot: Alles, was uns bewegt und beschwert , dür fen wir uns »von der Seele reden«. Das tut so gut! Wir müssen uns nicht alleine abquälen. Vor Gott dürfen wir ganz ehrlich und wahrhaftig sein. Martin Luther schrieb zu diesem Psalmvers: »Fehlt euch etwas wohlan, da ist guter Rat: Schüttet euer Herz vor ihm aus, klaget nur frei, verberget ihm nichts. Es sei, was es wolle, so wer fts mit Haufen heraus vor ihn, wie ihr einem guten Freund euer Herz ganz und gar öff net. Er hörts gern, will auch gern raten und helfen. Scheuet euch nicht vor ihm und denkt nicht, es sei zu groß oder zu viel. Er ist größer und vermag und will auch mehr t un, als unser Mangel ist. Nur heraus damit, und wenn es Säcke voller Mängel wären, nur heraus, Gott ist größer als unsere Gebrechen.« Du darf st Gott wirklich alles sagen, dein Innerstes vor ihm öf fnen und aus- sprechen, wie dir zumute ist. Die ehrlichsten Gebete finden wir wohl in den Psalmen. Es kann eine Hilfe und Bereicherung sein, gerade dann, wenn die Seele bedr ückt ist , mit den Worten der Psalmen zu beten. Wer mit Konzen- trat ionsschwäche zu kämpfen hat, versuche doch, sein Gebet aufzuschrei- ben. Das hilf t nicht nur zur Konzentrat ion, sondern auch zur Klärung der of t so diff usen Gedanken und Empfindungen. Wichtig ist dabei, dass wir uns bewusst zu Gott hinwenden, dass wir wissen, mit wem wir reden und nicht f romme Selbstgespräche führen. (Vgl. Ps. 56, 1-10; 69, 2-4. 6. 14-19.)
Das ist sozusagen das »Basispflegemittel«. Wieso? Unsere Seele ist von Gott erschaf fen, und sie ist dazu bestimmt , in ungetr übter Gemeinschaf t mit Gott zu leben. August inus drückte das mit den berühmten Wort en aus: »Zu dir hin hast du uns er schaff en, und ruhelos ist unser Herz, bis es Ruhe fin- det in dir.« Durch die Sünde ist unsere Gemeinschaf t mit Got t zerstört. Deshalb br auchen wir Jesus Christus. Er ist der Weg zu Gott. Niemand kann zu Gott, dem Vater, kommen außer durch ihn. (Lies Joh. 14, 6; Apg. 2, 21; 4, 12; 1. Joh. 5, 9-15.) Nur durch Christ us finden wir wirklich »Ruhe f ür unsere Seelen« (Matth. 11, 28) und neue Gemeinschaft mit Gott. Darum ist das die Gr undlage aller »Seelenpflege«. Ohne Christus werden alle Bemühungen für unsere Se ele v ergeblich sein. Wer an ihn glaubt und ihm die He rrschaft über sein Leben übergibt, der tut seiner Seele das Beste, was man nur tun kann. Wie das praktisch aussieht? Es ist nicht schwer, sein ganzes Leben dem Herrn anzuvertr auen. E s kostet mich zwar meinen Stolz, aber was ist das gegenüber dem Gewinn des ewigen Lebens?! Ein einf aches Gebet kann helfen, unser Leben in Gottes Hand zu legen. Vielleicht so: »Herr Jesus Christus, ich habe bisher ohne dich gelebt . Bei mir ist so viel falsch gelau- fen. Bit te, vergib mir meine Schuld. Komm du jetzt bit te in mein Leben. Sei du mein Her r und mach aus mir einen Menschen, der sich an dir und deinem guten Wort orientier t. Veränder e mich so, dass mein Leben dich ehrt. Amen.« Wenn wir uns dem Herr n an vert raut haben, sind wir nie mehr allein. Wer mit ihm lebt , wer ihm nachfolgt, der hat ihn selbst zum ganz persönlichen »Seel-Sorger«. Besser kann unsere Seele nicht gepflegt werden. (Lies Ps. 16, 8-11.)
Was heißt »Dienen«, und wieso soll das gut sein für meine Seele? Das Wort »Dienen« beschreibt ursprünglich ein Verhält nis der Abhängigkeit von einer Person, die mir übergeordnet ist. Ihr ordne ich meine eigenen Wünsche und Interessen unter. Meine Z eit, Aufmerksamkeit, Kraft und Fähigkeiten wer- den für einen anderen eingesetzt . Wissen wir, wer das perfekt getan hat? Jesus! Er hat sein ganzes Leben eingesetzt , um uns zu dienen. Das hat er f reiwillig getan weil er uns liebt . Und er sagte: »Ich habe euch damit ein Beispiel gegeben.« (Siehe Joh. 13, 1-5. 12-15. 34. 35.) Wir sollen einander dienen um Gottes willen, um der Liebe des Herr n Jesus Christus willen. Wie das will er uns gerne zeigen. Fragen wir ihn doch! Es tut unserer Seele gut, wenn wir uns nicht nur mit uns selbst und unser en Angelegen- heiten befassen, sondern uns selbst »loswerden« im Sorgen f ür Got tes Reich und für seine Menschen. (Dazu Matth. 6, 33; 22, 37-39; Röm. 15, 1; Phil. 2, 4; 1. Kor. 10, 24.)
Alles, was wir tun oder erleben, hinterlässt Spuren in unserer Seele posi- t ive oder negative. Wir kennen alle das Phänomen »Ohrwurm«. Auf viele Eindr ücke haben wir keinen Einfluss, auf manche aber schon. Aus einem Lied st ammt der Sat z: »Mir scheint, die Seele ist ein Teppich, auf den nicht jeder t reten soll« (A. Backhaus). Für manche Bilder, Worte, Filme, Gedanken ist mir meine Seele zu schade. Der Apostel Paulus rät uns: »Übrigens, Brüder, alles, was wahr, alles, was ehrbar, alles, was gerecht, alles, was rein, alles, was liebenswert, alles, was wohllautend ist, wenn es irgendeine Tugend und wenn es irgendein Lob gibt, das erwägt! Was ihr auch gelernt und empf angen und gehör t und an mir gesehen habt, das t ut! Und der Gott des Friedens wird mit euch sein« (Phil. 4, 8. 9).
»Die Seele nähr t sich von dem, worüber sie sich freut«, sagte der Kirchen- vater August inus, und die Bibel sagt : »Die Freude am Her rn ist eure Stärke« (Neh. 8, 10). Das heißt nicht, dass wir darin besonders gut sind dass Freuen unser e Stärke ist. Sondern: Wir brauchen die Freude an Gott, weil sie uns Kraf t zum Leben gibt. Freude ist kein Luxusar tikel, sonder n ein Grundnahrungsmittel unserer Seele. Ohne Freude verkümmert unsere Seele. Vielleicht denkt jemand jetzt: »Gut und schön! Und was soll ich machen, wenn ich mich nicht freuen kann? Freude kann man ja nicht machen.« Nein, man kann sie nicht machen. Aber man kann für sie offen sein, man kann sie sogar suchen. »Geh aus, mein He rz, und suche Freud!«, fordert Pa ul Gerhardt seine Seel e auf. Und manch- mal muss man die Freude pflegen und ver teidigen, auch gegen sich selbst . Stellen wir nicht immer wieder fest, dass es uns manchmal an dieser Bereit- schaf t zur Fr eude fehlt, dass wir manchmal beleidigt , verärgert oder voller Selbstmitleid sind, als hätten wir ein Recht darauf, dass Freude immer von selbst da ist. Wo ist Freude zu finde n? (Lies Ps. 5, 12; Luk. 10, 20; Apg. 2, 25-28.) Freude ist für uns Christen auch ein Auft rag. Wenn wir keinen Grund zur Freude haben, wer hat ihn dann? »Freuet euch in dem Herr n allewege! Und aber- mals sage ich: Fr euet euch! « (Phil. 4, 4) Als Paulus das den Philippern schrieb, saß er selber im Gef ängnis. Es gibt eine Freude, die unabhängig davon ist, wie es uns geht. (Dazu Apg. 5, 40-42; 1. Pet r. 4, 13.) »In dir ist Fr eude in allem Leide«, singen wir manchmal. Wie das praktisch aussehen kann, erzählt Hanna Ahrens in einem ihrer Bücher: »Seit zwanzig Jahren war Frau Sauter krank. Man schickte sie von einem Hospit al ins andere, ohne ihr helfen zu können. Schließlich nahm der Brüderhof sie auf. Ihre Habseligkeiten passten in einen Kof fer, außer den Kleider n gehörte ihr nicht viel. Fr üher war sie wohlhabend gewesen, hatte Anteile an einer Hamburger Maschinenfabrik besessen. Doch die Krankheit hatte alles verschlungen: ihren Reichtum, ihre Schönheit, ihr Leben, ihre Fr eundschaften. Auch wir haben sie nur selten besucht, es war so mühsam. Als wir nach langer Zeit an einem Sonntag bei ihr anrief en, sagte sie mit einer St imme, die fast fr öhlich klang: Kommt, besucht mich, ich will euch erzählen, wie es mir geht.«
»Wir er schraken, als wir Frau Sauter sahen : Der zweite Schlaganfall hat te ihr Gesicht sehr ent stellt, star r und unbeweglich sah sie uns an. Wir gingen in das kleine Zimmer, das sie mit einer anderen Patientin teilte. Sie sagte: Es geht mir gut, ich bin sehr dankbar. Ich kann wieder sprechen und ein wenig gehen. Wisst ihr, was mit hilft? Wenn ich morgens aufstehe ich kann ja nun wieder aufstehen! dann stelle ich mich ganz gerade neben mein Bett und sage leise f ür mich den Vers von Matthias Claudius: Ich danke Gott und freue mich wies Kind zur Weihnacht sgabe, dass ich bin, bin und dass ich dich, schön menschlich Antlit z habe! Als wir nach Hause fuhren, saßen wir schweigend im Auto, betroffen darü- ber, wie ein Mensch so gezeichnet von schwer er Krankheit ein solches Gebet spr echen konnte. Ich dachte: Wie selbst verständlich stehe ich mor- gens auf ohne ein Dankgebet als erst es. Aber ohne zu danken, gibt es wohl keine Freude. Kein Glück. Alles Schöne r innt mir wie Sand durch die Finger, wenn ich es nur so hinnehme ohne Dank. Ich muss dann sofort dem nächst en Glück nachjagen, um die Leere auszuf üllen. Frau Sauter ist nun dort, wo es Freude ohne Schatt en und ohne Ende g ibt, wo das Leben nicht mehr aufhört. Aber sie hat uns daran erinner t, dass es auch mitten im Leiden ein Tor zur Freude gibt: das Danken.« Durch Danken kann man die Freude pflegen. Von einem englischen T heolo- gen stammt die Er mahnung: »Es ist unsere P flicht, die Fr eude zu pflegen. Wir müssen sorgfältig jede Neigung zum Murren und Klagen niederhalten. Willst du stark sein für die Arbeit deines Lebens, so erhalte dir ein f röhliches Herz im Herrn.« (Lies Eph. 5, 20; Kol. 2, 7; 1. Thess. 5, 18.)
Wer kennt das nicht : Es gab richtig Krach zwischen mir und einem anderen, der mir viel bedeutet und den ich lieb habe. Oder sei es auch nur eine Meinungsverschiedenheit kein erhebendes Gefühl, nicht wahr? Ähnlich ergeht es unserer Seele, wenn wir mit Gott nicht ein verstanden sind oder ni cht be reit, ihm zu gehorchen. Wi r tun uns selbst da mit w eh. Vi el besser ist es f ür unser e Seele, wenn wir auf Gottes Willen eingehen und ihm gehor- chen. Damit gehen wir kein Risiko ein, denn er hat den Überblick. Er weiß, was gut für uns ist, und er will nur, was gut für uns ist. Wenn wir ihm vertrauen, können wir es auch lernen, zu seinem Willen »Ja!« zu sagen. Wir dürf en uns immer wieder dem zuwenden, von dem es heißt: »Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit laut em Schreien und mit Tr änen dem dargebracht, der ihn vom Tod er retten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt , Gehor sam gelernt« (Hebr. 5, 7. 8).
»Humor ist wenn man trotzdem lacht.« Und Lachen ist Medizin f ür Leib und Seele. Die Bibel spr icht viel vom Lachen und vom Weinen. Beides hat seine Zeit, und beides entlastet die Seele (Pred. 3, 4; Ps. 126, 2-6). Denken wir an das skept ische Lachen Abrahams und Sar as in jener aussichtslosen Situation und an das f röhliche Lachen, nachdem Isaak geboren worden war (1. Mose 17, 17; 18, 10-14)! Isaaks Name bedeutet sogar »der Lachende«. Und Sara sagte: »Gott hat mir ein Lachen bereitet; jeder, der es hört, wird mir zulachen« (1. Mose 21, 6).
. . . oder auch wie »Insel«. Was habe ich mit einer Insel gemeinsam? Nicht viel. Und genau darum geht es: Gott schuf mich nicht als Insel allein im weiten Meer. Ich brauche andere Menschen. Gott selbst sagt: »Es ist nicht gut , dass der Mensch allein sei« (1. Mose 2, 18). Manchmal ist es zwar unvermeidlich. Und manchmal t ut es uns auch gut. Aber wir modernen Menschen sind solche Individualisten, dass wir uns das sagen lassen müs- sen: Wir brauchen verbindliche Gemeinschaf t mit Geschwistern im Glauben. Und das muss uns etwas kosten dür fen. Ob Gottesdienst, Bibel- oder Jugendkreis oder was immer man empfängt von einer Gemeinschaft nur so viel, wie man bereit ist, für sie zu investieren. Ob wir bereit sind, uns durch Gottes Wort pr üf en zu lassen: Kolosser 4, 16 und Hebräer 10, 25?
Zum Ja gehör t das Nein . Das Ja zu einem großen Ziel fordert viele kleine Nein. Welche Ziele verfolge ich? Dinge, die mir so wichtig sind, dass ich anderes deswegen sein lasse? Man kann nicht zu allem und jedem Ja sagen. Immer wieder müssen wir wählen, entscheiden, Pr ioritäten setzen. Das ist heute ziemlich gegen den Trend. Man will möglichst alles mitnehmen. Aber so verzettelt sich unser e Seele. Wer Kreise ziehen will, muss den Zirkel an einem Punkt fest ansetzen und da lassen. Als Chr isten sollten wir Menschen sein, die bereit sind, alles auf eine Karte zu setzen. Unser Leben bekäme für Gottes Sache mehr Stoßkraft , wenn wir Nebensächliches loslassen würden. »Pr üf t aber alles, das Gute haltet fest! Von aller Art des Bösen haltet euch fern! « (1. Thess. 5, 21. 22)
Gott hat jeden Menschen einmalig und einzigart ig gest altet. Jeder ist ein wunder voller Mensch, der seine unverlierbare Würde dar in hat, Ebenbild Gottes zu sein. Jeder ist von Got t gewollt, geliebt und gebraucht. Darum darf jeder ganz er selber sein; dankbar dafür, dass er ein Original der Liebe Gottes ist . Das hat Konsequenzen f ür Leib und Leben. Die Bibel dagegen zeigt, dass der Mensch eine perfekte Einheit ist : Körper, Seele und Geist hängen ganz eng zusammen. Und so erleben wir es ja auch: Geht es uns körperlich nicht gut , dann schlägt uns das aufs Gemüt. Darum: wer seine Seele pflegen will, muss auch den Körper zu seinem Recht kom- men lassen. Wir brauchen genügend Schlaf und Bewegung, eine ausge- wogene Ernährung und wir haben Vorsorge für unsere Gesundheit und unser Leben zu tre ffen. (Lie s Spr. 27, 23-27; Dan. 1, 8-16; 1. Tim. 5, 23.) Es ist wicht ig, dass wir unseren Körper nicht vernachlässigen, aber auch nicht vergötzen. »Hütet euch, dass eure Her zen nicht et wa beschwer t werden du rch Völler ei und Trunkenheit und Lebenssorgen . . . « (Luk. 21, 34; vgl. Spr. 23, 20; Jes. 5, 11. 12; Röm. 13, 13. 14; Matth. 6, 25). Der Jesusnachfolger behält also seine irdische Gest alt, sein Dasein, aber er ist nun nicht mehr ein Knecht der Sünde. Sein irdischer Leib, sein Leben, ist ein Tempel des Heili- gen Geistes geworden. Hier geht es zu wie in einem Gottesdienst: Lies Römer 12, 1. 2. Wir werden mit unserem Körper anders umgehen, wenn wir uns Gott mit Leib, Seele und Geist ganz hingeben. »Er aber, der Gott des Fr iedens, hei lige e uch durch und durch und bew ahr e euren Ge ist sam t Seele und Leib unversehrt , unt adelig für die Ankunft unseres Her rn Jesus Chr is- tus. Treu ist er, der euch ruft; er wirds auch t un« (1. T hess. 5, 23. 24).
Liebe ist für unsere Seele, was die Sonne für die Nat ur ist. Ohne Liebe ver- kümmert ein Kind und auch ein Er wachsener. Das ist eines der g rößten Geschenke Gottes, dass er uns Menschen gibt, die uns lieb haben und die wir lieben dürfen. Und doch das ist schier unfassbar liebt Gott uns noch viel mehr, als Menschen uns lieben können. Wenn wir beim Bibellesen ein- mal alle Stellen anstr eichen, die von Gottes Liebe handeln, werden wir beim Durchblätt ern staunend feststellen, dass die Bibel wie ein einziger Liebes- brief Gottes er scheint. In dieser Liebe dür fen wir uns sonnen, wir dürfen sie auf saugen wie ein trockener Schwamm. Christa von Viebahn über set zte eine Stelle im Judasbrief (V. 21): »Erhaltet euch im Bewusst sein der großen Liebe, mit der ihr von Gott geliebt seid!« Es ist sehr wichtig, dass wir das ganz tief in uns aufnehmen: »Ich bin geliebt!« In welcher Verfassung wir uns auch befinden mögen wir sind mit ewiger Liebe geliebt (Jer. 31, 3). Liebe ist von Got t her nie eine Einbahnst raße. Unsere Seele dar f ihn wieder- lieben: »Du sollst den Herrn, deinen Gott , lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verst and« (Matth. 22, 37). Gott zu lieben ist gut f ür unsere Seele: Es bewahrt in der Gemeinschaf t mit ihm, in seiner Nähe. Und da gehören wir hin. Josua ermahnte das Volk Israel: »Habet wohl acht auf eure Seelen, dass ihr den Herrn, euren Gott , liebet!« Was stärkt unsere Liebe zu Gott? Unser e Liebe erstarkt im Hören auf sein Wor t. (Vgl. Luk. 24, 32.) Unsere Liebe wächst, wenn wir Ver gebung erf ahren. (Siehe Luk. 7, 47.) Unverzichtbar ist auch der Gehorsam gegenüber Gottes Geboten. (Lies Joh. 14, 21. 23.)
Muße bedeutet Freiheit von Pflichten, es ist sozusagen der Kür-Bereich unseres Lebens. Unsere Seele braucht es, dass wir immer wieder auch Dinge nur deshalb t un, weil wir sie gern tun, nicht weil wir müssen. »Hobbys« nennen wir das. Und ob einer lieber st rickt oder liest, schwimmt oder telefoniert , das ist Geschmackssache. Zur Muße gehört auch die Musik. Im Musik-Hören und Musik-Machen stecken heilende Kräf te f ür die Seele. Lange bevor die moder ne Psycholog ie das entdeckte, hat Mar tin Luther bereit s geschr ieben: »Musik ist das beste Labsal für einen betrübten Menschen, dadurch das Herz wieder zuf rieden, erquickt und erf rischt wird.« (Lies Ps. 150, 1-6.)
Die Bedeutung richt iger Ernährung für das Wohlbefinden des Kör pers und der Seele haben wir schon bedacht. Aber auch unsere Seele selbst hat Hun- ger und Durst. In der Bibel wird so die Sehnsucht nach Got t beschr ieben: »Wie der Hirsch lechzt nach fr ischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott , zu dir. Meine Seele dür stet nach Gott , nach dem lebendigen Gott . Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gott es Angesicht schaue?« (Ps. 42, 2. 3). Wie of t versuchen wir, den Hunger unserer Seele mit ander en Dingen zu stillen! Doch das gelingt nicht, jedenfalls nicht auf Dauer. Zur Frau am Jakobsbr unnen sagte Jesus: »Wer von diesem Wasser t rinkt, den wird wie- der dürsten; wer aber von dem Wasser tr inken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten« (Joh. 4, 13f ). Wir haben es nicht nöt ig, Hunger oder Dur st zu leiden. Denn Jesus ist das Brot des Lebens (Joh. 6, 35) und das lebendige Wasser (Joh. 7, 37). Von ihm dü rfen wir uns sozusagen ernähren. Bei ihm finden wir, was die tief sten Bedürf nisse unserer Seele befr iedigt. Nur Gott allein kann das Leben eines Menschen ganz erf üllen.
Zu dem St ichwor t f allen uns bestimmt spontan eine Reihe von klugen Sprüchen ein: »Halte Ordnung, liebe sie, sie er spart dir Zeit und Müh.« Von jüngeren Leuten hör t man eher den anderen: »Nur kleine Geister halten Ordnung; das Genie beherrscht das Chaos.« Oder: »Wer Ordnung hält, ist nur zu faul zum Suchen.« Of fensichtlich kann man auf zwei Seiten vom Pferd fallen. Keins von beiden tut der Seele wohl weder Ordnungsfanatismus noch Ver wahr- losung. Vielmehr geht es dar um, allen Dingen den rechten Platz zu geben den Dingen in meinem Zimmer, in meiner Z eitplanung und in meinem Leben überhaupt. Jemand schreibt dazu: »Leib und Seele, Außen und Innen, stehen in einem Verhältnis wechselseitiger Abhängigkeit. Sie kor respondie- ren miteinander. Die Folge ist, dass ich das eine auf dem Weg über das andere ansprechen kann und umgekehrt. Indem ich beispielsweise ein Zim- mer aufr äume, werde ich selbst am Ende ganz aufgeräumt sein, wie es unsere Sprache so treffend sagt .«
Es gibt große und ernsthaf te P robleme. Wenn wir in unsere Welt und in unser persönliches Leben schauen, lassen sich viele Probleme (noch) nicht lösen. Aber auch kleine Probleme können uns belasten. Probleme hängen eng mit Sorgen zusammen. Wie of t machen wir uns Sorgen, wenn wir Schwierigkeiten haben, und wie oft merkten wir: Die Sorgen hättest du dir sparen können, weil wir erlebten, dass der Her r für uns gehandelt hat. Darum: »Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch« (1. Pet r. 5, 7). Bei allen Problemen dürfen wir Gott um Hilfe bitten und zuversichtlich erwarten, dass er sich f ür uns einsetzt. Das entlastet. (Lies Ps. 94, 19; Klagel. 3, 19-25.)
»Bei dir ist die Quelle des Lebens«, betet David (Ps. 36, 10). Wie die Quelle de r Urspr ung e ines Ba che s ist, so i st Gott de r Ursprung f ür al les, wa s unsere Seele braucht. Im Buch Richter steht die Geschichte einer jungen Fr au, die von ihrem Vater verheirat et wurde in eine Gegend, die sehr dürr und was- ser arm war (Richt . 1, 12-15). Sie beklagte sich nicht. Aber sie bettelte ihren Vater an : »Gib mir eine Segensgabe! Denn du hast mich nach dem dürren Südland gegeben; gib mir auch Wasserquellen! « Der Vater schenkte ihr dar- auf hin Grundstücke mit Quellen. Wir dürf en es machen wie sie. Wenn uns unsere Situation trocken und t rostlos erscheint, dürfen wir unseren himm- lischen Vater anflehen: »Gib mir, was ich br auche, um zu tun, was du von mi r erw artes t!« Wi r ehre n Gott, wenn w ir s eine Hi lfs be reits cha ft in Anspruch nehmen. Seine Quellen sind unerschöpflich. Von Josef, dem Sohn Jakobs, lesen wir: »Ein junger Fruchtbaum ist Josef, ein junger Fruchtbaum an der Quelle; seine Zweige ranken über die Mauer« (1. Mose 49, 22). Die handfesten Schwierigkeiten konnten ihn nicht entwu r- zeln. So wurde er »wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen, der seine Frucht trägt zu seiner Zeit und dessen Laub nicht ver welkt; alles, was er t ut, gelingt ihm« (Ps. 1, 3; vgl. 1. Mose 39, 2-5. 21-23). Wenn wir unsere Lebenswurzeln in Got t, die »Quelle des Lebens«, einsenken, sind wir »wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist und am Bach seine Wurzeln ausstreckt und sich nicht fürchtet, wenn die Hitze kommt . Sein Laub ist grün, im Jahr der Dürre ist er unbekümmert , und er hört nicht auf, Frucht zu tragen« (Jer. 17, 7. 8).
Unsere Seele braucht Reinigung. Sie wird immer wieder ver schmutzt durch Sünde . Und gegen Sünde gibt es nur ei n Reini gungsmi ttel, nämli ch da s B lut von Jesus, d. h. sein Leiden und Sterben am Kreuz. Er hat stellver tretend für unsere Schuld bezahlt. Trotzdem werden wir nicht automat isch gereinigt , nicht ohne unsere Beteiligung, sondern wir müssen unsere Sünde vor Got t bekennen. Johannes schreibt : »Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so bet rügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit« (1. Joh. 1, 8. 9). Wir können das allein tun, im Gebet . Man kann es aber auch öf fentlich vor einem menschlichen Zeugen t un. Das nennen wir Beichte. Es kann eine Hilfe sein, sich von der Sünde bewusst zu distanzieren. Und of t hilft es auch, wenn man die Vergebung von einem Menschen zugesprochen bekommt. Wenn einer beginnt , Jesus nachzufolgen, dann ist oft erstmal eine »Generalreinigung« angesagt. Die Vergangenheit muss geregelt wer- den, Sünden müssen bekannt werden, und manchmal muss man Dinge in Ordnung bringen. Als Jesus seinen Jüngern die Füße wusch, sagte er: »Wer gebadet hat, der ist ganz rein. Ihm braucht man nur noch den Straßenstaub von den Füßen zu waschen« (Joh. 13, 10). So sammelt sich auch bei uns jeden Tag neuer »Sünden-Staub« an, der sich auf unserer Seele ablagert. Es ist ver nünf tig, so schnell wie möglich damit zu Jesus zu gehen immer wieder und es von ihm vergeben zu lassen. Die Schuldf rage löst Jesus allein. Er nimmt die Schuld ab. Das gibt es sonst nirgends!
1. Korinther 9, 22; 1. Thessalonicher 5, 14
Wie pflegen wir unsere Seele? Es ist ein besonderes Geschenk, dass wir das nicht nur allein tun müssen. Gott hat uns einander gegeben als Glaubens- geschwister, damit einer f ür die Seele des anderen mitsorgen kann. Seel- sorge umfasst mehr als Beichte. Im Seelsorge-Gespräch kann ich mein Leben, meine Entscheidungen, meine Probleme mit einem anderen Christen überdenken und dar über beten. Hier habe ich jemanden, der mich kennt, der mich in Gedanken und Gebeten begleitet, der mir Mut macht und mich auch in Treue auf meine Fehler aufmerksam macht. Hier kann ich jemanden um Rat f ragen und muss jemandem Rechenschaft geben. Ein ät hiopisches Sprichwort sagt: »Den Acker deines Lebens kannst du nicht selbst bestellen. Den Dschungel in deinem Her zen kannst du nicht selbst roden. Das Wor t, das dir hilf t, kannst du dir nicht selbst sagen.« Das kann der Seelsorger. Es muss kein P farrer sein, auch keine Diakonisse. Es sollte aber ein Christ sein, von de m ich w eiß, dass er oder sie i m Glauben bew ährt und im Le be n erfa h- ren ist . E s muss jemand sein, zu dem ich Vert rauen haben kann. Und wenn es um ein Stück Lebensbegleitung geht, dann sollte man den Seelsorger nicht ohne Notwendigkeit wechseln. Altlandesbischof Eberhardt Renz erzählte von seinem Großvater, der einmal einen Schalterbeamten am Bahnhof mit der Frage erschreckt habe: »Wie geht es deiner Seele?« Leute, die so direkte Fragen stellen, sind heute selten geworden. Deshalb muss man wohl doch meistens selber so viel Mut auf- br ingen, zu jemandem hinzugehen und zu sagen: »Ich hab da mal ne Fr age.« Oder: »Können wir mal miteinander reden?« Habe den Mut dazu! Christen untereinander können auch »Seelsorge in kleiner Münze« üben: du rch Wahrhaft igkeit, einf ühlsame Anteilnahme, Übermit tlung von Grüßen, Ermutigungen durch Worte Gottes, miteinander und füreinander beten . . . (Lies Jes. 35, 3; Luk. 22, 32; Of fb. 3, 2.)
Sprüche 3, 3; Nehemia 9, 13; Klagelieder 3, 22. 23
In einem Buch war zu lesen, Tagebuch-Schreiben sei »ger adezu ein Gebot seelischer Gesundheit«. Daraus darf man sicher kein Gesetz machen. Aber das Schr eiben kann helfen, Eindr ücke zu ver arbeiten, Gedanken zu klären. Dinge, die ich aufgeschrieben habe, kann ich leichter hinter mir lassen. Das, was ich schreibe, kann Got t ehren, weil es davon erzählt, was er in meinem Alltag tut. Wenn ich dann in meinen alten Tagebüchern lese, kann ich Gott danken f ür das, was er damals get an hat, und ich bekomme Mut zu ver- trauen, dass er auch in Zukunft derselbe treue Gott ist . Die Bibel ist ge wiss kein Tagebuch. Aber: Seite für Seite habe n Menschen, getr ieben vom Heiligen Geist, Geschicht e Gottes aufgeschrieben . Und noch Jahrt ausende später können wir bis heute immer wieder lesen, lesen, lesen und darüber staunen, wer Got t ist und was er in der Welt und in seiner Gemeinde des Alten und Neuen Bundes get an hat.
Dazu ist das Wicht igste schon gesagt. Meine Umwelt Situat ionen, Natur, Dinge und Menschen kann meine Seele belasten oder ihr guttun. Wo ich sie nicht veränder n kann, ist es zumindest wicht ig, mir über diese Einflüsse im Klaren zu sein.
Über die Vergebung, die wir brauchen, haben wir schon nachgedacht. Doch unsere Seele hat es ebenso nötig, dass wir anderen vergeben können, die an uns schuldig geworden sind. Wer das nicht tut , wer Groll f esthält und nach- t ragend ist, schadet seine r Se ele. Im Gl eichnis vom unbarmherzi gen Schuld- ner war nt uns Jesus sehr ernst vor Unversöhnlichkeit. (Lies Matth. 18, 21-35; Matth. 6, 9-15.) Wer nicht vergeben will, verspielt die Vergebung seiner eigenen Schuld. Ein bekannter Seelsorger nennt Vergebung »das zentrale P roblem« bei seelischen Erkrankungen. Hass macht krank. Jesus kann und will uns davon befreien.
»Das Geset z des Herr n ist vollkommen und erquickt die Seele« (Ps. 19, 8). Gottes Wort ist ein vielseit iges Pflegemit tel f ür unsere Seele. Es er mutigt , t röstet , ermahnt , korrigiert und g ibt uns die not wendige Orientier ung für unser Leben (2. T im. 3, 16. 17). Got tes Wort ist für unseren inneren Men- schen so wicht ig, dass das Volk Israel ermahnt wurde, sich ständig damit zu beschäft igen und sich damit zu umgeben: »Diese Worte, die ich dir heute gebiete , sol lst du zu He rzen nehmen und soll st sie deinen K indern einschä r- f en und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist , wenn du dich niederlegst oder aufstehst . Und du sollst sie binden zum Z ei- chen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die P fosten deines Hauses und an die Tore« (5. Mose 6, 6-9). BibelSprüche an der Wand in Holz geschnitzt sind aus der Mode gekom- men. Aber wer seiner Seele Gutes t un will, der soll sich viel mit Gottes Wort beschäft igen, es lesen, studieren, auswendig lernen, singen, dar über nach- denken mit ander en teilen. Es gibt zahlreiche Hilfestellungen dazu. Warum nicht einmal bei »Bibel-Memor y« mitmachen? Warum nicht einmal einen Bibelkurs besuchen oder gar eine längere Zeit in vestier en f ür eine Bibel- schule? Die Beschäft igung mit Gottes Wort sollten wir uns et was kosten lassen. Das sollte uns unsere Seele wert sein. Über einen besonderen »Kostenfaktor«, unsere Zeit, sollten wir besonders nachdenken: »Seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt , nicht als Unweise, sondern als Weise, und kauft die Zeit aus; denn es ist böse Zeit« (Eph. 5, 15. 16). Ist nicht die Nutzung unserer Z eit mit und f ür Got t eine Frage der Liebe zu ihm?
Niemand kennt sich selbst ganz und gar. Niemand kann sein Leben und seine Seele vollkommen verstehen. Aber das muss uns keine Angst machen. Wir dürfen beten wie David: »Her r, du durchschaust mich, du kennst mich durch und dur ch. Du hast mich geschaffen, meinen Körper und meine Seele. Schon als ich im Verborgenen Gestalt annahm, unsichtbar noch, kunstvoll gebildet im Leib meiner Mutter, da war ich dir dennoch nicht verborgen. Durchforsche mich, Got t, und sieh mir ins Herz, pr üf e meine Gedanken und Gefühle! Sieh, ob ich in Gefahr bin, dir untr eu zu werden, dann hol mich zurück auf den Weg, der zum ewigen Leben führt!« (Ps. 139, 1. 13. 15. 23. 24). Mit allem, was wir nicht wissen und nicht verst ehen, sind wir dennoch bei Got t geborgen.
Zeugnis geben heißt: anderen Menschen erzählen, was wir von Jesus wis- sen, was wir mit ihm erlebt haben und was er uns bedeutet . Die ersten Jünger sagten, als man ihnen das verbieten wollte: »Wir können unmöglich schweigen von dem, was wir gesehen und gehör t haben« (Apg. 4, 20). Selbst wenn es uns schwerf ällt, uns zu Jesus zu bekennen, werden wir merken : Es br ingt eine ganz große Freude und eine ganz neue Gewissheit in unser Leben hinein. Wir beschließen unser Thema mit einem Wor t aus Psalm 119, 109a: »Mein Leben ist ständig in meiner Hand« (E lberf. Übers.). In einer anderen Übersetzung heißt es hier: »Auf merksam schützend t rage ich meine Seele ständig behut sam immer in meinen Händen. Anver traut hat sie mir Gott.« Wir sind vor Got t vera nt wortli ch für unsere Seele. Al les, w as w ir br auchen, um sie zu pflegen, hat er uns gegeben. Und das Beste: Er selbst sorgt für unsere Seele. (Lies Ps. 103, 1-18.)
Wir haben dieses Thema bewusst nicht wie gewohnt als fortlaufende Bibel- arbeit gestaltet, sondern eher als Andacht mit nur je einem Bibelwort pro Tag. Jeder Tagesabschnitt wird mit einer Liedstrophe aus dem großen Schatz unserer Advents- und Weihnachtslieder abgeschlossen.
Im Reich Gottes geht alles wachst ümlich zu. Gott kann warten. Gott kennt keine Ungeduld; wenn aber die Zeit reif geworden ist, dann g reif t er mit Macht ein und nimmt alles Geschehen überlegen in seine Hand. So war es damals in jener Weltenstunde, als Jesus Christus geboren wurde. Die heidnischen Relig ionen hatten sich erschöpft. Sie konnten die Menschen nicht froh und f rei machen. Das Gesetz in Israel war zu einer schweren Bürde geworden. Es war über dem moralischen Fanatismus der Pharisäer und Schriftgelehrten zu einem Ballast angewachsen, den kein Mensch mehr tragen konnte. Wie ein Gef äß bis zum Überlaufen voll ist, so war damals die Zeit reif für einen Neuanfang. Genau zu diesem Zeitpunkt hat der ewige Gott mit rettender Hand eingeg riff en und den Sohn seiner Liebe in die Welt gesandt. Er wollte unser Leben damit auf eine völlig neue Grundlage stellen. Hinfort sol l nicht m ehr da s Ve rhäl tnis von Leist ung und Lohn, von Verdi enst und Verrechnung gelten, sondern allein der Zusammenklang von Vater- schaf t und Kindschaf t, von Geliebtsein und Vertrauendür fen. Auch in unserem Leben weiß Gott, wann die Zeit erf üllt ist für sein Handeln und Eingreifen. Das lange Warten f ällt uns manchmal schwer. Und doch dürf en wir die Gewissheit unerschüt terlich festhalten: Gott vergisst uns nicht. Auch in unserer Unruhe und Ver zweiflung ist er schon am Werk und ber eitet die Stunde vor, da er uns ganz zu sich ziehen will. »Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt? O komm, ach komm vom höchst en Saal, komm, t röst uns hier im Jammertal. O klare Sonn, du schöner Stern, dich wollten wir anschauen gern; o Sonn, geh auf, ohn deinen Schein in Finster nis wir alle sein« (Fr iedrich Spee).
P rofessor Adolf Köberle erzählte einmal eine Begebenheit aus seiner Tübin- ger Studentenzeit: »Mir ist eine Weihnachtsfeier besonderer Art in Er inne- r ung geblieben. Eine kleine Schauspiel-Gruppe hatte eingeladen in die kleine Schlosskirche, die auf dem Berg über der St adt liegt. Wir bekamen nicht eines der alten Krippenspiele zu sehen, sondern es wurde das aus dem Mitt elalter überlieferte Paradies-Spiel dargestellt, wie der Mensch mit Gott brach und dar übe r die He imat de s Ursprungs v erlor. Zuletz t tr itt de r Cherub mit dem blit zenden Schwer t in der Hand vor Adam und E va hin und weist sie aus dem Garten des Lebens. Auf das alt e, ernst e Spiel hin folgte eine längere St ille in der nächtlichen Kirche. Dann wurden die Lichter an den Christbäumen zu beiden Seiten des Altar s angezündet , und wir sangen miteinander in großer Freude den Liedvers: Heut schleußt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis; der Cherub steht nicht mehr dafü r. Got t sei Lob, Ehr und Preis! Der Abend damals hat uns St udenten viel bedeutet , weil er an die let zten Hintergründe gerührt hat, von denen her das Geschenk der Heiligen Nacht allein recht ver standen wird.« Wir können der Weihnacht sgabe Gottes erst dann in tiefer Dankbarkeit froh werden, wenn uns die Augen dafür auf- gegangen sind, wie weit weg wir uns alle mit unserem Leben von Gott ent fernt haben. Das Christuskind aber ist uns die große, herrliche Garant ie: Die Tür zum Vaterhaus Got tes ist hinfor t nicht mehr verschlossen. Sie hat sich weit f ür uns aufgetan, wir dürfen alle kommen und wieder heimkehr en. »Komm, o mein Heiland Jesu Chr ist , meins Herzens Tür dir of fen ist. Ach zieh mit deiner Gnade ein; dein Freundlichkeit auch uns erschein. Dein Heilger Geist uns führ und leit den Weg zur ewgen Seligkeit. Dem Namen dein, o Herr, sei ewig Preis und Ehr« (Georg Weissel).
An Weihnachten feiern wir die Gebur t eines Kindes. Mancher sagt sich viel- leicht: Wäre es nicht angemessener, andere Erinner ungstage im Leben von Jesus bevorzugt zu begehen, etwa den Tag seines ersten öf fentlichen Auf- t retens oder die Stunde, als die Kraft, Wunder zu t un, in seinem Leben ma cht voll he rvorbrach. A be r denken w ir ei nm al an unsere Mütte r, die ei nem Kind das Leben geben durf ten und die nun vor der großen, schweren Auf- gabe stehen, das Neugeborene du rch alle leiblichen und seelischen Gef ähr- dungen des Daseins hindurchzutragen. Was bedeutet es f ür die Mütter und Väter, dass sie sich sagen dürfen: Der ewige Got t ist selbst ein Kind gewor- den. Er hat nicht erst mit dreißig Jahr en angefangen, den Leib der Mensch- heit anzunehmen. Nein, Got t ist mit uns und uns zugut durch alle Stufen menschlicher Ent wicklung hindurchgegangen, auf dass wir ihn immer und überall bei uns hätten als den, der alles kennt, versteht und mit uns trägt. Damit aber, dass Gott in der Gest alt eines Kindes zu uns gekommen ist, hat er grundsätzlich auf jede Anwendung von Gewaltmit teln uns gegenüber verzichtet. Gott könnte uns ja auch durch f urchtbar e Gerichte oder durch Überwältigungen in rauschhaf ten Erlebnissen zwingen, dass wir uns ihm unterwerfen. Aber gerade diesen Weg wollte Gott nicht einschlagen. Er tr itt st ill, wehrlos und unscheinbar werbend in unsere Welt ein. Er möchte, dass wir durch dieses Angebot seiner Liebe innerlich ergr iffen ihm unser Herz in freiem Gehorsam und Vert rauen wiederum zu eigen schenken. »Sehet dies Wunder, wie tief sich der Höchste hier beuget. Sehet die Liebe, die endlich als Liebe sich zeiget. Gott wird ein Kind, träget und hebet die Sünd; alles anbetet und schweiget« (G. Tersteegen).
Der zweite Weihnachtsfeier tag heißt nach kirchengeschichtlicher Tradition Stephanst ag. Hier wird deutlich: Kr ippe und Kreuz gehören zusammen. Gewiss, das Weihnachtsereignis ist voll von dem schönen Glanz Gottes. Aber auch die ander e Seite dürfen wir nicht übersehen. Es ist kein Raum in der Herberge zu finden für das gött liche Kind. Kaum zum Leben er wacht, muss es schon flüchten vor dem Zug riff einer f eindseligen Umgebung. Was dem Chr ist us-Kind widerf uhr, bleibt der Jüngergemeinde nicht erspart. Als sich Stephanus voll Heiligen Geist es zu Jesus Chr ist us als dem von Gott gesandten Herrn und Weltheiland bekannte, da fühlten sich seine Gegner zutiefst im Gewissen getroffen. Sie schrien laut auf und bereiteten dem unerwünschten Wahrheitszeugen den grausamen Tod durch Steinigung. Stephanus aber durf te erf ahren, wie sich der Himmel vor ihm auft at, und ein Abglanz von der Klarheit des Herr n Jesus Christus auf sein Haupt fiel. Auch wir brauchen nur einmal et was zur Ehre Gottes in dieser Welt mutig und zeugnishaft zu wagen, und schon kann es sein, dass wir den Wider- stand und die Angrif fswut der antichr istlichen Mächte zu spüren bekom- men. Wir werden aber auch erleben dür fen, wie jeder mutige Einsatz aus Glauben uns innerlich bef est igt in der Lebensgemeinschaf t mit Christus. So will uns die Bot schaft vom Stephanstag dazu helfen, über ein bloßes st immungsvolles Weihnachten-Feiern hinauszukommen und ernstzuma- chen mit dem Zeugnisdienst für Chr istus. »Und wer dies Kind mit Freuden umf angen, küssen will, muss vorher mit ihm leiden groß Pein und Marter viel, danach mit ihm auch sterben und geist lich auferstehn, das ewig Leben zu erben, wie an ihm ist geschehn« (D. Sudermann).
Vielleicht ist mancher von uns niedergedrückt und er schöpf t. Wir seuf zen: Und das nennt sich Weihnachtszeit ! Wie soll man sich fr euen können, wenn man müde und ent täuscht ist! Vergessen wir nicht: Der »Aufgang aus der Höhe« kam damals auch zu Menschen, die vom Leben hart mitgenommen waren. Das jüdische Volk lag unterdrückt am Boden und stöhnte unter der Römerher rschaf t. Die Hirten auf dem Feld, über denen der Lichtglanz der himmlischen Welt aufging, waren einfache, arme Leute, die ihr Leben lang schwer arbeiten mussten. Maria und Joseph waren von der langen Wande- r ung erschöpf t und der Verzweiflung nahe, weil sie keine Herberge finden konnten, wo das göt tliche Kind zur Welt kommen sollte. Und doch wurde es damals hell, mit ten in aller Nacht und Not, und die Klarheit Gottes ging auf über Menschen, die nicht wussten, wie ihnen geholfen werden sollte. Es ist eins der t ief sten Geheimnisse Got tes: Got t kommt mit seiner Hilfe am liebsten dann in unser Leben, wenn wir mit unserem Können am Ende sind. Er kann uns einen lieben Menschen über den Weg schicken, der uns wohl- t ut. Er kann uns sein Wort mit neuer Über zeugungskraft aufschließen, dass es mit einer Lebendigkeit zu uns spricht wie nie zuvor. So lange wir uns im Vollbesitz der Kraf t f ühlen, neigen wir leicht dazu, diese Höhe uns selbst zuzuschreiben. Wenn es aber hell wird mitten in Dunkelheit und Verzagt- sein, dann wissen wir: Das haben wir nicht selbst bewirkt. Da ist Gott am Werk gewesen und hat eingeg riff en, sonst wären wir in Traurigkeit ver- sunken. »Ich lag in t iefster Todesnacht, du warest meine Sonne, die Sonne, die mir zugebracht Licht, Leben, Freud und Wonne. O Sonne, die das werte Licht des Glaubens in mir zuger icht , wie schön sind deine Strahlen!« (P. Ger- hardt)
Man kann das Leben von Jesus nicht von unten her erklären. So of t dieser Versuch schon gemacht worden ist, er scheit ert an dem hoheit svollen Selbstzeugnis seiner Person: »Ihr seid von unten her, ich bin von oben her« (Joh. 8, 23). Je sus Christus stammt aus dem Her zen Got tes. In se iner Gegen- wart hat sich der Himmel weit für uns alle aufgetan. In ihm wohnt die Fülle der Gottheit leibhaftig. Aber warum er scheint der Glanz der Ewigkeit im Wunder der Heiligen Nacht in einer so niedrigen Gestalt , die den Weg von der Kr ippe an das Holz des Kreuzes gehen muss? Paulus g ibt uns dafür die rechte Deut ung. Christus hat den Reichtum, aus dem er kam, um unseret- willen dahingegeben. Er wollte alles mit uns teilen, Hunger und Durst , Anfechtung und Einsamkeit , Angst und Todesqual. Dar um dürfen wir uns aber auch bei jedem Schmer z, der uns tr iff t, getrost sagen : Christus kennt das alles. Er weiß, wie es einem bekümmerten Herzen zumute ist. Er weiß, wie weh die Verst ändnislosigkeit und Kälte der Welt tun kann. Wie dankbar müssen wir daf ür sein, dass uns in der Gebur t von Jesus ein armer Heiland ge schenkt worde n ist, der mit unserer Schwachheit Mitl eid haben ka nn, we il er selbst die Riesenlast von Welt schuld und Weltleid ausgekostet und getra- gen hat! Wir werden, auch nach diesen Festtagen, wieder durch manche Tiefen, du rch manche Kämpfe innerer und äußerer Not hindur chmüssen. Möge uns dann nie das Bild dessen verblassen, der um unseretwillen in Armut zur Erde kam und de r auf unsere Erde den ganze n Reichtum Gottes mi tgebracht hat, um uns daran Ant eil zu geben. »Du bist arm und machst zugleich uns an Leib und Seele reich. Du wirst klein, du großer Gott, und machst Höll und Tod zu Spott . . . Lass mir deine Güt und Treu täglich werden immer neu« (J. Olearius).
»Die tief ste Not unser er Tage liegt wohl dar in beschlossen, dass das Bild des Menschen so ent ehr t am Boden liegt. Viel Schreckliches, was geschehen ist und immer noch geschieht, hätte nie und nimmer Ereignis werden können, wenn die Ehrf urcht vor dem menschlichen Wesen und Antlitz unter uns lebendig wäre. In dem Sinn klagt ein Dicht er unserer Tage: Der Mensch hat nicht nur seine Göttlichkeit verlor en, er hat auch seine Menschlichkeit ver- loren. Darum müssen wir uns neu auf die Suche machen und nach dem heilen Menschenbild fragen. Wo aber können wir das verlorene Bild des Menschen wiederfinden? Allein in dem Bild Got tes, das er uns in der Menschwerdung Jesu Christ i zum Eigentum geschenkt hat. Einen anderen Weg gibt es nicht, um die Ent menschlichung des Menschen zu überwinden. Es gilt , wie Luther schon sagt , Christus, des Lebens und der Gnade Bild, wider des Todes und der Sünde Bild anzusehen und in sich zu bilden.« (A. Köberle). Der Apostel Paulus nennt Jesus den »let zten Adam«. Jesus ist ganz der Unsere geworden, er hat unsere menschliche Gestalt angenommen mit all den Eingrenzungen und Schwachheiten, die unserer menschlichen Wesens- natur zu eigen sind. Gleichzeit ig aber leuchtet in diesem Leben der reine Ursprung auf, wie Gott es sich gedacht hat, als er den Menschen im Anfang alles Werdens und Geschehens ins Dasein rief. An diesem Bild des »erstge- borenen Br uders« dürfen wir alle erwachen zu unserer wahren Gott eben- bild lichkeit. »Dem alle Engel dienen, wird nun ein Kind und Knecht. Gott selber ist erschienen zur Sühne f ür sein Recht. Wer schuldig ist auf Erden, verhüll nicht mehr sein Haupt. Er soll er rettet werden, wenn er dem Kinde glaubt« (J. Klepper).
Wir haben alle schon dar unter gelitten, dass Got t so verborgen ist in unse- rem Leben. Wohl sind Natur und Geschichte, Seele und Gewissen voll geheimnisvoller Hinweise, die uns veranlassen, nach dem letzten Gr und aller Dinge zu f ragen. Aber niemals werden uns bei solchem Grübeln die vielen Rät sel aufgelöst, auf die wir überall stoßen. Die Weihnachtsbotschaf t aber ruf t uns zu: Mag die Welt noch so dunkel und ver worren sein, mag sie uns quälen und erschüttern durch Widersprüchlichkeiten aller Art, es gibt eine Stelle in der Welt, da hat sich der Lichtglanz der gött lichen Wahrheit und Liebe f ür uns aufgetan. Das ist da, wo das Leben des Sohnes Gottes in der Welt, in de r Geschichte, in unserem Da sei n erscheint. Gott ist zum Men- schen gekommen. Er hat selbst den t rennenden Abstand durchbrochen, den wir von uns aus niemals hätten über winden können. Der allmächt ige Got t ist in die Begrenz ung unserer Zeit, unse rer Nat ur eingegangen. Das Schwei- gen der Ewigkeit ist durchbrochen. Got t redet mit uns durch einen lebendi- gen Mund. Er spricht Worte des Lebens, bei denen jedes empf ängliche Herz spüren muss, hier ist die Heil bringende Gottesgnade er schienen und wirkt mitten unter uns. Wir wollen uns in diesen Tagen von Herzen freuen an dem geschmückten Lichterbaum, an so manchem willkommenen Geschenk. Aber unsere t iefste Freude soll doch dar in ihren Grund haben, dass der ewige Gott einen Bund der Liebe mit uns geschlossen hat , der nie mehr gebrochen werden kann. Selbst wo wir unt reu werden, bleibt Gott treu und wartet auf uns, dass wir w iederkomme n möchte n. »K önig de r Ehren, a us Liebe gew orden zum Ki nde , dem ich auch w ieder mein He rze i n Li ebe verbinde: du sollst es sein, de n ich erwähle allein ; ewig ent sag ich der Sünde« (G. Tersteegen ).
Das erste Wort, das sich uns heute am let zten Tag des Jahres auf die Lippen dräng t, soll ein Lobpreis sein f ür alle Geduld und Treue, mit der uns Gott der Herr im vergangenen Jahr behütet und getr agen hat. Wir wollen danken f ür viel Bewahrung, f ür das tägliche Brot, f ür Frieden und Freude, f ür die Durchhilf e in so mancher Not. Es hat auch in diesem Jahr Zeiten und Stun- den gegeben, wo wir völlig am Ende waren und nicht mehr weiterwusst en. Aber dann hat sich durch Gottes Güte doch wieder eine Tür für uns aufge- t an. Es wurde uns neue Kraf t geschenk t und w ir konnten vorwä rtsschreit en. Wir wollen das alles nicht als selbst verständlich hinnehmen, sonder n dem die Ehre geben, der uns bis hierher gebr acht hat. Gott hat uns in diesem Jahr nicht nur gegeben, er hat uns auch genommen. Mancher, der noch vor einem Jahr mit uns gef eiert hat, der uns lieb und wert war, ist heute nicht mehr unter uns, und wir spüren die Wunde, die weht ut. Aber auch wo der Tod in unserer Umgebung nicht seine Einkehr gehalten hat, können wir doch nicht vergessen: Wieder ist ein Stück von unserer Lebenskerze heruntergebrannt, und wir werden dadurch er innert , dass unser Leben ein Ziel hat und wir davonmüssen. Wir wollen das alles, die Freude und das Leid, das Empfangene und das Geopferte, in Gottes Hand legen und ihn bitten, dass er uns geleiten möge über die Schwelle vom alten in das neue Jahr. »Der Me nsch lebt und be steht nur e ine k leine Zeit, und al le Welt ve rgeht m it ihrer Herrlichkeit. Es ist nur einer ewig und an allen Enden und wir in sei- nen Händen« (M. Claudius).
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