Zum Misstrauen erregenden Unterton der Schlange gehört die Redeweise über Gott. Satan tritt an den Menschen nicht rigoros »ungläubig« heran. Er weiß, dass es Gott gibt, und er kennt Gott (Hiob 1, 6-12; Jak. 2, 19; Mark. 3, 11). Aber Satan will nicht, dass Gott als Herr und König regiert und dass irgendein Mensch dem Herrn vertraut. So greift Satan nicht nur das Schutz- Gebot Gottes an (1.Mose 2, 16. 17), sondern auch die Freundschaft zwischen Gott und Mensch. o Die Halbwahrheit der Schlange offenbart den »Vater der Lüge« (Joh. 8, 44). Nur ein einziges Wort wird verschoben, und schon ergibt sich eine völlig andere Bedeutung. Gottes Anweisung an den Menschen lautet inhaltlich zusammengefasst: »Nicht von allen Bäumen dürft ihr essen«. Die Frage der Schlange aber enthält die Behauptung: »Von allen Bäumen dürft ihr nicht essen«. Aus dem Gebot Gottes, das den Menschen versorgt und durch eine einzige Ausklammerung vor Sterben und Tod schützt, macht die Schlange durch die Umstellung des kleinen Wortes »nicht« ein hartes Verbot. Die Schlange lässt auf Gott immer den Schein der Grausamkeit fallen. Das Mittel, das sie einsetzt, ist hier die Halbwahrheit, die eine ganze Lüge offenbart. »Die Halbwahrheit ist die feinste und raffinierteste Form der Lüge, zugleich die größte Bedrohung der menschlichen Gemeinschaft, besonders der Gemeinschaft unter Christen. Jeder Christ wird darum bemüht sein, nicht zu lügen. (Lies 3. Mose 19, 11; Ps. 101, 7; Jer. 9, 2. 4; 23, 32; 1. Joh. 1, 6.) Keiner aber ist frei von der Versuchung, der Halbwahrheit Raum zu geben. Es braucht nicht einmal die Umstellung eines Wortes zu sein, oft genügt bereits ein verdächtigender Unterton, ein ganz bestimmter Tonfall, um aus einer Wahrheit, einem Gebot Gottes, eine Halbwahrheit, ein unmenschliches Verbot, zu machen« (H. Bräumer). (Vgl. Mark. 2, 24; 3, 1-6; 7, 8-13.)
Wie reagiert der Mensch auf die kritisch zerstörerische Anfrage der Schlange? Eva erkennt die List der Schlange und stellt sich auf die Seite Gottes. Die Tatsache, dass die Frau der teuflischen Fragestellung standhält und sie im Namen ihres Mannes, der »bei ihr« ist (V. 6b), wahrheitsgemäß antwortet, zeigt, dass Adam und Eva gemeinsam Gottes Willen ernst nahmen und lebten. Dann aber nimmt die Stellungnahme Evas eine kleine, doch höchst denkwürdige Wende. Eva »ergänzt« das Gebot Gottes, indem sie es verschärft. Dabei legt sie Gott Worte in den Mund, die er nie gesagt hatte: » . . . und sollt sie nicht berühren.« Damit steht das Gebot Gottes nicht mehr als unumstrittenes klares Wort Gottes vor dem Menschen, sondern es ist nun ein Satz, den man diskutierend verändert. Wenn aber der Mensch beginnt, die Gebote Gottes »auszudeuten und zu diskutieren, entstehen Menschensatzungen, Verbote und Gesetze, mit denen der Mensch sich selbst schützen will, die Gott aber so nicht gegeben hat. Ein diskutiertes und in Frage gestelltes Verbot ist nicht mehr das ursprüngliche Gebot« (H. Bräumer). Gottes Gebote sind »heilig, gerecht und gut« (Röm. 7, 12). Sie sind unantastbar und nicht hinterfragbar, sondern verlangen schlichten und ganzen Gehorsam. (Vgl. 5. Mose 6, 1-8; Joh. 14, 23. 24; 15, 7.) Gewiss dürfen und müssen wir über Gottes Weisungen und Worte nachdenken und sprechen. Doch gilt es zu bedenken: Wer ein Gebot Gottes verteidigt, kann schon auf dem Weg sein, es zu übertreten. Diesen Weg war Eva im Begriff zu betreten und den guten Schutzraum des Wortes Gottes zu verlassen. (Lies Kol. 2, 8. 20-23; 1. Tim. 4, 1-7.) Es ist lebenswichtig, das uns anvertraute Wort Gottes unverkürzt und unverbogen zu bewahren und uns daran zu orientieren. »Herr, hilf mir, dein Wort zu verstehen, zu achten und zu befolgen.«
Die Schlange hatte ihr erstes Ziel erreicht. Das klare Gebot Gottes ist kritisierbar und veränderbar geworden. Und nun beeilt sie sich, eine höchst kühne Behauptung nachzuschieben, mit der sie Gott zum Lügner stempelt: »Ihr werdet gewiss nicht sterben!« Jetzt hat sie ihre Maske fallen lassen, indem sie das ernste Gebot Gottes verspottet und das Wort Gottes ins Gegenteil verdreht. Damit ist gesagt: »Gott lügt. Er meint nicht, was er sagt. Du kannst dich nicht richtig auf ihn verlassen. Du brauchst sein Wort nicht ernst zu nehmen. In Wirklichkeit steckt etwas ganz anderes hinter seinen Worten. Er gönnt euch nicht, was ihr zu eurem tiefsten Glück braucht. Esst vom Baum, und ihr werdet sein wie Gott!« Jetzt steht Aussage gegen Aussage, Gotteswahrheit gegen Schlangenwahrheit. Die Wahrheit Gottes ist verbunden mit einem Gebot, das den Menschen auf seine Grenze hinweist und ihn zugleich schützt. Die Wahrheit der Schlange ist verbunden mit einer Verheißung, mit der Verheißung der Grenzenlosigkeit. Die Schlange zeigt dem Menschen, wie er sein Dasein auf eigene Faust erweitern kann. Sobald er vom Baum isst, wird ihm ein neues Sehen, eine neue Sichtweise eröffnet. Er wird sein wie Gott und Gut und Böse erkennen. Jetzt ist die Spitze der Lüge erreicht, weil die Schlange die Erkenntnis von Gut und Böse auf die Ebene der Gottgleichheit hebt. Da Adam und Eva das Böse noch nicht kennen, können sie das Angebot der Gottgleichheit nur verstehen als eine neue, tiefere Art ihres Geschöpfseins. Doch eines hätten sie verstehen müssen, »dass die neue tiefere Art des Geschöpfseins erkauft werden muss durch die Übertretung des Gebotes« (D. Bonhoeffer). Wo stehe ich in Gefahr, mein Lebengegen ein Gebot Gottes zu erweitern und angeblich zu bereichern? (Vgl. 1. Sam. 12, 3. 4; Matth. 16, 24-26; 22, 35-40; Mark. 10, 21.)
Advent heißt: Wachsein und bereit, still sein und hoffen, eilen und warten. Worauf warten wir? Worauf hoffen wir? Im Zweiten Weltkrieg wurde gesungen: »Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei, auf jeden Dezember folgt wieder ein Mai!« Wie grausamer Hohn folgte dann der Mai 1945, der Millionen in die Gefangenschaft oder auf die Flucht aus der Heimat führte und der mehr Opfer forderte als der ganze Krieg. Ist all unser Leben nur ein Warten auf den Tod? Haben wir überhaupt noch eine Zukunft? Was wird unsere Zukunft sein? Unsere Zukunft ist das, was auf uns zukommt. Jesus selbst hat mit großem Ernst davon gesprochen, was das sein wird. Und wir haben besonders in den jüngst vergangenen Jahren eine unheimliche Ahnung davon bekommen. Advent heißt Ankunft. Advent sagt uns nicht, was alles noch kommen wird, sondern wer auf uns zukommen wird. Jesus, der einmal in unsere Welt gekommen ist, wird wiederkommen. Er ist unsere Zukunft und unsere Hoffnung. Und was haben wir heute davon? Wir beziehen Matthäus 14, 24-27 in unsere Überlegungen ein. Auf dem Tiefstand der Not »kam er zu ihnen«. Noch ist der Blick der Jünger gefangen in Angst und Schrecken. Aber Jesus ist da. Er geht nicht vorüber. Er wendet sich denen, die zittern und zagen, zu. »Aber sogleich redete Jesus mit ihnen.« Der Herr kommt mit seinem Wort auf sie zu: »Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht.« Jesus richtet die Niedergedrückten durch sein Wort auf. So tröstet Jesus die Gebeugten und Zerschlagenen mit sich selbst. Dazu Jesaja 57, 14-19 und 60, 1-6. 19-22.
Trennung von Gott - d. h. Sünde - beginnt da, wo ein Mensch der Schlange sein Ohr leiht und ihren Worten mehr Gewicht beimisst als den Worten Gottes. Sünde nimmt da ihren Anfang, wo der Mensch den ihm von Gott gegebenen Auftrag abgibt und sich in seiner Entscheidung vom Kreatürlichen beeinflussen und bestimmen lässt. Bis heute ist der Anspruch des Kreatürlichen und der Dinge dieser Welt nicht verstummt. Wir sind immer neu gefragt: Wer oder was hat das Sagen in meinem Leben? Wer oder was prägt mein Denken, Wollen, Reden, Handeln? Dabei spielt der Reiz, immer noch klüger, schöner, größer, reicher sein zu wollen, eine entscheidende Rolle. »Ihr werdet sein wie Gott - wissend, was gut und böse ist.« Mit diesen Worten spricht die Schlange bis heute den Menschen zu: Wenn du wie Gott bist und weißt, was dir bekommt und was nicht, dann musst du ihn nicht mehr fragen: Ist dies gut oder schlecht? Du kannst es selber entscheiden, bist dein eigener Herr. Nun kannst du dein Leben gestalten und meistern aufgrund deiner eigenen Erkenntnismöglichkeiten. Welch teuflisch zerstörerisches Angebot! Der stärkste Ausdruck, den das Alte Testament für Sünde, die Trennung vom Willen Gottes, gebraucht, heißt »Päscha« und bedeutet Eigentumsbestreitung. Wo ein Mensch meint, mit seinem Leib und Leben, mit seiner Gesundheit und seiner Zeit umgehen zu können, als gehöre alles ihm allein, als könne nur er bestimmen, bestreitet er, Eigentum Gottes zu sein. Er bestreitet seine Abhängigkeit von seinem Schöpfer und lebt in Sünde, in Eigentumsbestreitung. Wo wir meinen, wir könnten im Umgang mit einem anderen Menschen selbst erkennen, was gut und böse ist, und brauchten nicht zu fragen, ob unsere Beziehung zum Nächsten nach Gottes Gebot ist, bestreiten wir, dass der andere und wir selbst Eigentum Gottes sind und dass er, der Allmächtige, in seinem Gebot Gut und Böse bestimmt. Wo wir meinen, mit unserem Besitz, mit der Welt und ihren Möglichkeiten umgehen zu können nach dem, was wir in unserer Erkenntnis gut und böse nennen, tun wir, als hätte Gott die Welt nicht erschaffen, als hätte er in seinem Wort nicht festgelegt, was gut und böse ist. - Der treue und barmherzige Gott aber bietet uns grundlegende Hilfe an: 5. Mose 5, 33; 1. Samuel 12, 20. 24; Psalm 119, 1; 130, 4; Jesaja 55, 7; Micha 7, 18; Römer 5, 17; 12, 1-3.
Die Schlange hatte das Gift des Misstrauens und Zweifels an Gottes Gutsein gestreut. An dieser Tatsache konnten und können die Menschen nichts ändern. Aber wie gehen Adam und Eva mit den Behauptungen der Schlange um? Wir beobachten: Nach dem Gespräch mit der Schlange scheint diese verschwunden und Eva ganz allein zu sein. Sie wird deshalb in dieser einsamen Stellung unter dem Baum gezeigt, weil die Frau, trotz der Verführungskunst und List der Schlange, ihre persönliche Entscheidung treffen muss. Niemand setzt Eva unter Druck. Sie ist frei in ihrer Entscheidung, für die sie voll verantwortlich zeichnet. Wie entscheidet Eva? Zuerst treten die Sinnesorgane in Aktion. Nach dem Hören erweckt das Sehen der verbotenen Frucht zusammen mit dem Geschmackssinn die Neugier und das Begehren. Das Begehren an sich gehört zum Menschsein. Es ist nicht falsch, wenn Eva die Bäume im Garten Eden schön und begehrenswert findet. (Vgl. 2, 9.) Aber Gott hatte dem Begehren eine Grenze gezogen: den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Erst die Grenzüberschreitung macht aus einem guten Begehren die böse Begierde. Darauf weisen uns auch die Zehn Gebote hin. In ihnen verbietet Gott nicht das Begehren als solches, sondern das Begehren, das die Grenze überschreitet - der Griff nach dem, was der Mensch nicht haben darf: Abgötter und Götzenbilder, den anderen Ehepartner, Hab und Gut eines anderen, Verfügungsgewalt über einen anderen (2.Mose 20, 3. 4. 13-15. 17). Gott hat in seinen Geboten dem Begehren eindeutige Grenzen gesetzt. Wer die Grenze überschreitet, trennt sich von Gott, gerät in Sünde. Es gibt aber einen Weg der Bewahrung: Psalm 32, 8; 143, 8; Sprüche 4, 11-15. 20-27; Jesaja 48, 17; 1. Johannes 2, 15-17. »Bewahre mich, mein Gott; denn ich traue auf dich« (Ps. 16, 1).
Eva sieht das attraktive Angebot vor sich und greift zu. Sie nimmt von der Frucht und isst von der Frucht. »Und sie gab auch ihrem Mann bei ihr, und er aß.« Da Adam neben Eva stand, ist anzunehmen, dass er das Gespräch aufmerksam und schweigend verfolgt hatte. Von einem näheren Überlegen, Zögern, Abwägen lesen wir nichts. Er scheint sehr viel schneller einzuwilligen als die Frau. Warum? Nachdem die Entscheidung, gegen das Gebot Gottes zu handeln,einmal gefallen war, war die zweite Übertretung beinahe selbstverständlich. Unser Sprichwort »Einmal ist keinmal« ist eine Lüge. Nach dem biblischen Bericht ist einmal das bestimmende Mal, das ein zweites und drittes Mal locker und leicht macht. »Und der Mann bei ihr nahm und aß.« Es wird nicht berichtet, dass die Frau ihren Mann verführt habe und dieser gar nicht anders entscheiden konnte. Der Mann macht einfach mit. »Neben dem Weg der Verführung und dem der Übertretung gibt es in Sachen Sünde einen dritten Weg, den Weg des Mitmachens. Wo ein Mensch sich von Gott getrennt hat und in der Sünde lebt, kann und will er nicht allein bleiben. Er sucht einen Komplizen, einen, der einfach mitmacht. Adam macht einfach mit. So ist auch der Mann allein verantwortlich und voll verantwortlich. Eva und Adam entscheiden sich jeder für sich gegen das Gebot Gottes« (H. Bräumer). Die Schwerkraft der Sünde ist die größte Macht, die alle Generationen seit Adam in ihren Sog zieht. (Vgl. Hiob 14, 4; Röm. 3, 12-18.) Diese Großmacht kann nur überwinden, wer außerhalb von ihr steht: Jesus, der Sohn Gottes, dessen Liebesmacht uns von Satan und Sünde und dem ewigem Tod befreit. An seiner Seite sind wir stark: 1. Johannes 3, 4-9; 5, 18; 2. Petrus 1, 3-7.
1.MOSE 3, 7. 8; HIOB 31, 33; SPRÜCHE 28, 13 2. Der Mensch muss sich vor Gott verantworten (3, 7-13) Der Vertrauensbruch zwischen Gott und dem ersten Menschenpaar verändert das Dasein des Menschen grundlegend. Zunächst entstehen drei Folgen: o Die Grenzüberschreitung des Menschen erweitert seine Erkenntnis. »Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan.« Das Öffnen der Augen war eine Folge des Ungehorsams Gott gegenüber. Adam und Eva erkannten, »dass sie nackt waren«. Haben sie das vorher nicht gesehen? Gewiss! Nur mit einem wesentlichen Unterschied: In ihrer ungebrochenen Gottesbeziehung war für Adam und Eva alles gut. »Dem Reinen ist alles rein.« (Vgl. Tit. 1, 15; Röm. 14, 14.) Am unschuldigen Menschen gibt es nichts Fehlerhaftes. Er lebt mit Gott, mit sich selbst und dem Nächsten in vollkommener Harmonie. Darum hat er auch beständig ein gutes Gewissen. Der Schuldiggewordene aber muss sich vor Gott und dem Mitmenschen bedecken. Denn sein verborgener »Mitwisser «, sein Gewissen, meldet ihm einen Mangel, dessen er sich schämt und den er zu verbergen wünscht. o Die Grenzüberschreitung des Menschen verursacht Scham und Schamgefühl. Ursprünglich waren Adam und Eva »beide nackt, und sie schämten sich nicht voreinander« (1.Mose 2, 25). Nach ihrer Trennung von Gott fühlten sie sich bloßgestellt und unternahmen alle Anstrengung, ihr wahres Sein zu verbergen. »Und sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.« Adam und Eva versuchen, mit äußeren Mitteln innere Nöte zu überkleiden. »Jeder Mensch trägt vor dem anderen eine Maske. Er bedeckt die wunden Stellen, und er schämt sich, wo sie bloßgelegt werden. Wir können uns voreinander bedecken. Wo aber Gott erscheint, wird das Sich-Bedecken unwirksam « (H. Bräumer). Diese Erfahrung machte auch König David. In Psalm 32 zeigt er jedem Schuldiggewordenen den Weg aus Verschleierung und Verbergung in die Geborgenheit und Freude bei Gott.
o Die Grenzüberschreitung des Menschen versetzt in Angst und schlägt in die Flucht vor Gott. Bisher bedeutete das Gespräch mit Gott und seine wundervolle Nähe für Adam und Eva höchstes Glück. Jetzt reagieren sie voller Angst und Schrecken. »Der aus der Einheit in die Entzweiung gestürzte Mensch kann nicht mehr vor seinem Schöpfer stehen« (H. Bräumer). Schon das Geräusch des majestätisch einherschreitenden Gottes löst bei den in Sünde gefallenen Menschen Angst aus. Sie ist ein Zeichen der Zerrüttung des Verhältnisses zwischen Mensch und Gott. Seit dem Einbruch der Sünde gehören Entsetzen, Angst und Schrecken grundlegend zum Menschsein. Nun ist kein Mensch mehr imstande, dem heiligen Gott zu begegnen, ohne dass ihn Angst und Furcht ergreifen. (Vgl. Jes. 6, 5; Luk. 2, 9; Mark. 16, 5; Apg. 9, 4; Offb. 1, 17.) Sündige Menschen haben Angst vor Gottes Gerechtigkeit und seiner Gerichtsstrafe, ob es ihnen bewusst ist oder nicht. Adam und Eva treibt die Angst ins Versteckspiel vor dem Herrn. Wie dumm, ja verhängnisvoll die Flucht des Menschen vor Gott ist, bezeugt uns die Bibel mehrfach (2. Kön. 19, 27; Ps. 139, 7-12; Jer. 23, 24; Amos 9, 2. 3; Jona 1, 3. 4. 8-12). Erstaunlich ist nun, wie Gott seinen Besuch bei Adam und Eva beginnt. Er sucht die angsterfüllten Überläufer mit seinem Wort auf. Sein Ruf »Wo bist du?« stellt den Menschen mit einem mächtigen Ruck vor seine göttliche Majestät. Diese Anfrage Gottes birgt zutiefst die Ansage seiner Liebe, die den Menschen nicht laufen lässt. Gott zieht sich nach dieser herben Enttäuschung nicht zornig zurück. Er macht nicht Schluss mit den Versagern. Es ist nicht alles aus. Gott redet noch. Denn er will noch eine Geschichte mit dem Menschen haben.
Wenn wir die Reihenfolge der Beteiligten am Sündenfall beachten - Schlange, Frau, Mann -, fällt beim heutigen Tagestext auf, dass Gott Adam zuerst anspricht. Damit holt der Herr den Menschen aus seiner schweigenden Mittäterschaft und bietet ihm die Möglichkeit auszusprechen, was vorgefallen ist. Adam muss Gott Antwort geben auf die Frage nach dem, was er getan hat. Adam spricht zwar wahrheitsgemäß von seiner Angst und Nacktheit, nennt aber nicht die Ursache: seinen Ungehorsam. Darum holt Gott ihn mit zwei Fragen gezielt aus der verhüllenden Redeweise in die Konkretion: »Wer hat dir erzählt, dass du nackt bist? Hast du nicht von dem Baum gegessen?« Die Antwort liegt auf der Hand: Ja, Herr, ich habe. Aber diese Antwort bleibt aus. Stattdessen entschuldigt Adam sich mit der Beschuldigung seiner Frau: »Die Frau, sie hat mir von dem Baum gegeben.« Und Adam beeilt sich hinzuzufügen: Es ist genau die Frau, die du, Gott, mir als Hilfe zugedacht hast. - Es gibt für jede Sünde eine Erklärung. Gott hört sie und zieht zu seiner Zeit die Konsequenzen. Auch Eva wird von Gott zur Rede gestellt. Jeder Mensch muss persönlich vor das Angesicht Gottes treten und für sein Tun Rechenschaft ablegen. (Vgl. Matth.12,36; 1.Kor. 4,5; 2.Kor. 5,10; Offb.22,12.) Bei Gott gibt es weder eine pauschale noch globale noch gemeinsame Abfertigung in Sachen Schuld. So wichtig ist Gott der einzelne Mensch. So ernst nimmt er mein persönliches Tun. Der Herr hört auch unsre Erklärungen und unsre Verteidigungsreden. Diese Freiheit räumt er jedem Menschen ein. Dazu Hiob 23, 1-4. 10-13; 27, 1-6; 29, 1-11. Gott hört uns zu, und er wird ein gerechtes Urteil über jeden Menschen sprechen. Die Frage ist nur, wer kann tatsächlich vor ihm bestehen? Lies Hiob 38, 1-11; 40, 6-8; 42, 1-6; 19, 25-27.
Johannes der Täufer ist der große Pionier, der den Anbruch der neuen Zeit Gottes ausruft. So hatte es vor langer Zeit der Prophet Jesaja verkündigt. Jetzt erfüllt sich die alte Trostbotschaft (Jes. 40, 1-5). Johannes weist mit seiner Verkündigung auf den Kommenden hin. Der Täufer ist ganz erfüllt von dem Ruf: »Bereitet dem Herrn den Weg!« Dieser Ruf gilt auch uns: »Bereitet dem Herrn den Weg!« Wo? In unseren Herzen. Der Herr will kommen, heißt ihn willkommen! Er kommt nicht in einer goldenen Kutsche, sondern klein und sehr bescheiden. Diese Ankunft in der Krippe birgt die Gefahr der Verniedlichung in sich, der wir weithin bei all dem, was wir Weihnachtsrummel nennen, erliegen. Das Lamm Gottes ist nicht »der holde Knabe im lockigen Haar«, auf das der Zeigefinger des Täufers deutet. Lassen wir uns nicht ablenken vom Ernst des prophetischen Anrufs: »Bereitet dem Herrn den Weg!« Räumt die Knüppel und Knorren der Sünde weg! Denn »der Herr kommt gewaltig«! Das heißt nicht brutal. Das meint auch nicht imponierend, mit großem Aufwand oder in rauschendem Glanz. »Gewaltig« spricht von der Majestät Gottes. Er kommt »gewaltig«, das heißt unabhängig von menschlicher Einmischung. Mit Christus kommt Gott, der Herr selber, kommt das A und das O, der Anfang und das Ende, der Richter und der Erlöser, der Herr der Geschichte und der Heiland der Welt. Darf er seine Herrschaft auch in meinem Leben aufrichten und verwirklichen? Welche praktischen Konsequenzen entstehen daraus? Dazu einige seelsorgerliche Impulse aus Lukas 3, 10-14 und 2. Timotheus 2, 16-19. 22-25. »Ein Herz, das richtig ist und folget Gottes Leiten, das kann sich recht bereiten, zu dem kommt Jesus Christ« (V. Thilo).
3. Gott spricht das Strafurteil aus (3, 14-19) Wir haben gesehen (3, 9-13), dass Gott Adam und Eva in die Verantwortung für ihr schuldhaftes Tun ruft, aber auch, dass der Mensch seine Schuld abschiebt: Adam zeigt auf Eva, und Eva zeigt auf die Schlange. Was nun folgt, ist eine Rechtsprechung ohnegleichen. Dabei setzt die Urteilsverkündigung Gottes nicht beim Menschen, sondern bei der Schlange ein. Sie wird völlig anders behandelt als der Mensch. Mit Adam und Eva hatte Gott das aufdeckende Gespräch gesucht, mit der Schlange nicht. Für Adam und Eva gibt es, trotz des Einbruchs von Angst, Entsetzen und Scham noch Hoffnung. Für die Schlange nicht. Adam und Eva werden bestraft. Die Schlange wird ver- flucht. »Auf deinem Bauch sollst du kriechen und Staub sollst du fressen alle Tage deines Lebens!« Damit ist nicht gemeint, dass der Staub die eigentliche Nahrungsquelle der Schlange darstellt, sondern: Es gehört fortan zur Fortbewegungsart der in den Staub gesprochenen Schlange, dass sie ständig »Staub leckt«, wenn sie sich auf dem Erdboden dahinwindet. Die Formulierung »Staub lecken, Staub essen« begegnet uns im Alten Testament als stehendes Bild für die erfolgreiche Unterwerfung und Bezwingung feindlicher Lebewesen. (Vgl. Ps. 72, 9; Jes. 49, 23; 65, 25; Micha 7, 17.) So leuchtet bereits im Fluchwort über die Schlange der Sieg Gottes auf. An ihn, unseren siegreichen Herrn, dürfen wir uns heute halten, wenn böse Schlangen uns überraschen, verführen, ängsten oder beißen wollen. (Lies Ps. 91, 11-14; 140, 2-5; Luk. 10, 19; 22, 31. 32a; Offb. 12, 9-11; 20, 10.) »Vergiss nun, was dahinten ist, und tracht nach dem, was droben, damit dein Herz zu jeder Frist zu Jesus sei erhoben. Tritt unter dich die böse Welt und strebe nach des Himmels Zelt, wo Jesus ist zu finden« (Lorenz Lorenzen).
Der zweite Teil des Fluchwortes über die Schlange verhängt eine grundsätzliche Feindschaft zwischen der Welt der Schlange und der Welt des Menschen. Davon wissen wir alle ein Lied zu singen: »Der alte Drache schlummert nicht. Wie er in unser Leben bricht, sinnt er zu jeder Stunde. Er trachtet uns nach Hab und Gut, nach Herz und Seele, Leib und Blut und schlägt uns manche Wunde. Er stiftet uns zur Zwietracht an, verführt zu Unrecht jedermann, zu Feindschaft, Mord und Kriegen, zerrüttet Gottes Ordnung bald und will die Erde mit Gewalt zerstören und besiegen« (D. Block). Und doch - die erbarmende Liebe Gottes lässt den Menschen nicht fallen. Es wird einen Menschensohn geben, der stärker ist als die Schlange. Zwar wird sie gegen ihn mit »groß Macht und viel List« kämpfen und ihn tödlich verletzen, doch dieser Eine wird den Tod überwinden und dem Machthaber des Todes den Kopf zertreten. (Vgl. Hebr.2,14; 2.Tim.1,10.) Welch ein Siegeswort mitten im Fluchwort über die Schlange! Wir heute wissen, wie Gott sein Wort verwirklicht hat: Er schenkte uns Jesus Christus. Es ist einzigartig, was Jesus für uns tat: Er hat »die Feindschaft abgebrochen« und den »Frieden mit Gott« aufgerichtet. (Vgl. Eph. 2, 14; Röm. 5, 1; Kol. 1, 20.) »Denn wenn wir, als wir Feinde waren, mit Gott versöhnt wurden durch den Tod seines Sohnes, so werden wir viel mehr, da wir versöhnt sind, durch sein Leben gerettet werden. « »Alles aber kommt von Gott, der uns mit sich selbst versöhnt hat durch Christus und uns den Dienst der Versöhnung gegeben hat« (Röm. 5, 10; 2.Kor. 5, 18). Heute will ich mich fragen: Wie zeigt sich die Versöhnung mit Gott in meinem persönlichen Leben? In meiner Familie, am Arbeitsplatz, in der Schule, in unserer Gemeinde? (Lies 1. Mose 13, 5-12; Matth. 5, 8. 9; Luk. 22, 24-27; Röm. 14, 13; Hebr. 12, 14.)
Wenn sich auch der Mensch durch seinen Ungehorsam aus der Lebensgemeinschaft mit Gott ausgeschlossen hat und er auf seinen physischen und geistlichen Tod zugeht, beinhalten die Strafen Gottes dennoch sein gnädiges Angebot, weiterleben zu dürfen. Denn Gott hat nicht Gefallen am Tod des von ihm losgelösten Menschen. (Vgl. Hes. 18, 23; Ps. 78, 37. 38.) Das Leben der Menschen steht nun im Zeichen des Schmerzes, der Unterordnung und Mühsal und im Zeichen einer veränderten Natur (»verflucht sei der Acker«). Und doch verbinden sich mit diesen Gottesstrafen auch Lebensfreuden. Das menschliche Dasein wird nun ein außerordentlich spannungsgeladenes Dasein zwischen Leben und Tod, Freude und Schmerz beinhalten. Der Herr wendet sich zuerst an Eva. Sie ist in ihrer Bestimmung als Frau und Mutter angesprochen. Die Strafe für Eva besteht nicht in der Mutterschaft an sich, sondern in den schmerzreichen Beschwerden beim Austragen des Kindes und in den Gefahren bei der Geburt. Und doch bleibt der Frau das Glück, das nur eine Mutter nach der Schwangerschaft und Geburt erleben kann und das sie alle Schmerzen vergessen lässt: Johannes 16, 21. Der zweite Teil der Strafankündigung an Eva betrifft die Beziehung zwischen Mann und Frau. Von jetzt an wird es große Spannungen zwischen den Geschlechtern geben, ein Siegen und Unterliegen, Hörigkeit und Unterdrückung (1.Mose 29, 31. 32. 34; 30, 1. 2; 1. Sam. 25, 2. 3; 2. Sam. 6, 14-16). Dabei gilt es zu beachten, dass das Wort »er wird dein Herr sein« keine Ermächtigung zum Herrschen im Sinn eines Pascha-Verhaltens bedeutet, sondern die besondere Verantwortung des Mannes anspricht, aus der er sich schweigend »heraus- gestohlen« hatte. (Vgl. Auslegung zu 3, 6.) Bei aller zukünftigen Not bleibt Adam und Eva aber das Geschenk der Gemeinschaft. Sie dürfen es lernen, Freude und Leid in gegenseitiger Achtung und Liebe miteinander zu teilen und zu tragen. (Lies Spr. 10, 12; 12, 4. 25; 14, 26; 31, 10-12; 1. Kor. 13, 4-7.)
Zwei Strafworte richtete Gott an die Frau, drei an den Mann. Beim ersten Strafwort spricht Gott von der unerbittlichen Härte der Arbeit. Täglich wird er auf »Dornen und Disteln« stoßen. Handfeste Schwierigkeiten, Enttäuschungen, harte Belastungen, Leerlauf und Unberechenbarkeiten werden ihm zu schaffen machen. Aber der Auftrag Gottes, die dem Menschen anvertraute Arbeit, den Garten zu bebauen, ist ihm geblieben. Adam wird nicht arbeitslos. Er kann und darf arbeiten. Das zweite an Adam gerichtete Strafwort geht haarscharf an seinem Kopf vorbei: Nicht der Mensch, sondern der Ackerboden wird verflucht. Aber nicht so, dass dieser nur noch Disteln und Dornen trägt, sondern auch Früchte hervorbringt. »Der Mensch kann weiter vom Kraut des Feldes leben, seine Arbeit steht nicht unter dem Umsonst« (H. Bräumer). Aber aus dem sorglosen Genießen der Fruchtbäume im Garten Eden wird für den Menschen ein mühevoller und ermüdender Kampf um das Überleben, das doch ganz im Zeichen seiner Vergänglichkeit steht. Der dritte Teil des göttlichen Strafwortes trifft den Menschen am empfindlichsten: die Rückkehr zum Erdenstaub, von dem er genommen war. Sterben und Tod, wie Gott es dem Menschen im Fall seines Ungehorsams angesagt hatte, sind nun unheimliche Wirklichkeit geworden. Zwar tritt der physische Tod nicht unmittelbar ein, der Mensch darf weiterleben, aber: Das Leben des Menschen ist »die langsame, doch sichere Ausreifung des Todeskeimes«, den er jetzt in sich trägt (Delitzsch). Wenn auch der gefallene Mensch auf seinen Tod zulebt, so ist dieser Tod nicht das größte Übel. Das wäre der »andere Tod«, der »zweite Tod«, die ewige Trennung von Gott, der das Leben in Person ist. Wer ihm vertraut, wird leben, selbst wenn er stirbt. (Lies Ps. 16, 8-11; 17, 15; Joh. 11, 25. 26; 1. Joh. 5, 12; Luk. 16, 22-31.)
4. Gott bekleidet den Menschen (3, 20. 21) Es ist erstaunlich und erfreulich, wie Adam auf das Strafurteil Gottes reagiert. Er protestiert nicht, und er verhandelt nicht, sondern stellt sich angesichts der angekündigten Mühsal und Vergänglichkeit auf die Seite des Lebens. Adam spricht ein Wort der Zuversicht aus. Es gibt noch Hoffnung für die Menschen. Adam gibt seiner Frau den Namen »Eva«, der heißt übersetzt »Leben«; denn sie darf Mutter aller Lebenden werden. Auch wenn die nachfolgenden Generationen unter dem Vorzeichen des Todes leben werden, ist Eva Trägerin des Lebens, und einem ihrer Nachkommen ist es zugesagt, über den Bösen zu siegen. Besonders eindrücklich ist jetzt das Handeln Gottes an Adam und Eva. Der Herr schützt sie in ihrer entblößten Verfassung und bekleidet die Beschämten, deren selbstgebastelte Schürzen rasch verwelken. Gott handelt am Menschen als Erhalter des Lebens. Noch vor der Vertreibung aus dem Paradiesgarten macht der Herr an Adam und Eva sichtbar fest, dass er für seine ungehorsamen Geschöpfe sorgt. Gott schenkt dem Menschen Kleider. (Vgl. 5.Mose 2, 7; 29, 4; 8, 4-10.) »Zum Dasein des Menschen in der Welt, in der er zu tun hat, gehört die Kleidung als ein Gut des Lebens. Wo der Mensch meint, auf Kleidung aufgrund von großer Freizügigkeit und neuer Moral verzichten zu können, schlägt er Gottes Geschenk ab und sagt sich von seinem Willen los« (H. Bräumer). Der ordentlich bekleidete Mensch ist ein lebendiges Signal für die Güte und das Herrsein Gottes. (Vgl. 1. Mose 9, 21-27; 2. Chron. 28, 15; Mark. 5, 15; Matth. 25, 36; 1. Kor. 14, 33.) Es ist dem Schöpfer nicht egal, wie Menschen und auch Christenmenschen gekleidet sind. Bin ich in meinem Auftreten und Verhalten meines Schöpfers würdig?
Die Menschen hatten sich selbst Schürzen aus Feigenblättern gemacht (V. 7). Gott aber »macht Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an«. Das Geschenk dieser Bekleidung ist auf dem Hintergrund des Todes entstanden. Denn Fellkleidung setzt die Tötung von Tieren voraus. Nicht der Mensch musste am Tag des Ungehorsams sterben, sondern Tiere mussten ihr Leben lassen, damit die Menschen bekleidet werden konnten. Auch wenn Adam und Eva die Wirklichkeit ihres eigenen Todes vor Augen hatten (V. 19), durften sie weiterleben. Gott gab seinen Menschen die Chance, vor ihm und mit ihm zu leben, um dem »anderen Tod«, dem ewigen Getrenntsein von Gott, zu entgehen. Aus diesem Grund hält Gott für uns noch eine ganz andere Garderobe bereit: die »Kleider des Heils« und »den Mantel der Gerechtigkeit « (Jes. 61, 10; vgl. Sach. 3, 3-5). Die unvergleichliche Geschichte dazu hat Jesus in Lukas 15, 11-24 erzählt. Wie der Vater im Gleichnis, so ist der Vater im Himmel. Sehnsüchtig wartet er auf unsere Heimkehr. Und wenn wir kommen, freut er sich und nimmt uns liebevoll auf. Er macht uns zu Söhnen und Töchtern seines Hauses: Wir dürfen die Schmutzkleider unserer Sünde ablegen, das Festkleid des Heils anlegen und uns den Siegelring der Sohnschaft anstecken lassen (vgl. Eph. 1, 13. 14). Dieses neue Vater-Sohn-Verhältnis macht uns stark, zur Ehre des Vaters zu leben und im Auftrag des Vaters zu handeln. »Deshalb beten wir, dass ihr mit der Erkenntnis seines Willens erfüllt werdet, um des Herrn würdig zu wandeln, fruchtbringend in jedem guten Werk und wachsend durch die Erkenntnis Gottes, gekräftigt zu allem Ausharren und aller Langmut, mit Freuden dem Vater danksagend, der euch fähig gemacht hat zum Anteil am Erbe der Heiligen im Licht« (Kol. 1, 9-13).
Freude ist ein ausgezeichnetes Mittel, das Evangelium in unsere kaputte Welt zu bringen. Viele Menschen können nicht mehr lachen. Es ist ihnen gründlich vergangen. Die Freude am Leben ist ihnen verloren gegangen. Nun trotten sie traurig weiter. Oder schenken wir ihnen die Freude des Evangeliums? »Das Lachen des Glaubens ist mehr als ein lustiger Nervenreiz. Es muss oft genug unter Tränen einstudiert werden. Man kann es nicht selten nur in Stunden großen Verzagens lernen. Von welcher Freude sollen wir denn reden? Um uns her wird blühendes Leben ausgelöscht. Es verdorrt, wie die Blumen auf der Wiese. Wir haben allein das Wort des Herrn. Das bleibt ewig. Das soll mit Vollmacht in eine traurige Welt hineingerufen werden. Es redet vom Kommen Gottes, der sich seines Volkes erbarmt. Diese Freudenbotschaft ist viel mehr als aller vergängliche Tand, der doch zerfällt. Manchmal scheint uns dies billig zu sein, bloß Worte zu sagen. Aber es sind keine billigen, sondern ewige Worte, die über alles Sichtbare hinaus gelten« (W. Scheffbuch). Und wenn wir selber zerschlagen und traurig sind? Dann dürfen wir uns darauf besinnen, dass wir einen Hirten haben, der uns kennt. Einen Hirten, der sich über uns erbarmt, der sich unserer Verwundungen annimmt; einen Hirten, der uns tröstet und trägt. Wer sich von Jesus helfen und trösten lässt, wird auch anderen helfen und sie trösten. »Gelobt sei der Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott« (2. Kor. 1, 3. 4). Wie zeigt sich das in Apostelgeschichte 16, 23-34?
5. Gott bewahrt den Menschen vor dem größten Leid Was die Schlange angekündigt hatte: »Ihr werdet sein wie Gott, erkennend Gutes und Böses«, bestätigt Gott nun: »Siehe, der Mensch ist geworden wie einer von uns, zu erkennen Gutes und Böses.« Damit bekundet Gott, dass der Mensch sein eigener Herr geworden ist und zieht die letzte und schreckliche Konsequenz - die Vertreibung des Menschen aus dem herrlichen Paradiesgarten. Gott begründet diesen Akt mit den Worten: » . . . dass der Mensch nicht etwa seine Hand ausstrecke und auch noch von dem Baum des Lebens nehme und esse und ewig lebe.« Erst jetzt wird dem Menschen der Zutritt zum Lebensbaum ausdrücklich verweigert. Diese Grenzziehung aber ist neben dem Schrecklichsten zugleich das Rücksichtsvollste. Warum? Hätte der Mensch in seinem von Gott abgefallenen Zustand auch noch vom Baum des Lebens gegessen, müsste er ewig in dieser gottfernen Verfassung leben. Das wäre das Schlimmste. Gerade vor dem Schlimmsten bewahrt Gott seine Menschen. Und doch ist die Paradiesverweisung unerbittlich und endgültig. »Und Gott trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.« Die Tür zum Paradies fiel ins Schloss. Der Rückweg war ausgeschlossen. Die Heimkehr abgeschnitten. Die Cherubim verhindern sie. »Es führt kein Weg von Adam ins Paradies zurück. Er ist abgeschnitten. Aber es gibt einen Weg vom Paradies zu uns Menschen heraus. Es ist der Weg dessen, der gesagt hat: Ich bin der Weg. Der Weg ans Kreuz. Der Weg ins Grab. Der Weg zum Ostersieg. Der Weg seiner Wiederkunft. Es ist der Christusweg. Das sei unvergessen« (W. Lüthi). (Lies Joh. 1, 1. 14; Gal. 4, 4; Luk. 2, 7; Joh. 3, 16-18; 14, 6; Hebr. 10, 19-22; 1. Tim. 3, 16.)
Da stehen sie wieder vor Jesus - die Herren Pharisäer und Schriftgelehrten. Seit Markus 3, 6. 22 haben wir nichts mehr von ihnen gehört. Ob die Pharisäer, diese »Erste Religionspartei des Judentums« (Josephus), und deren ernsthafte Hüter des Gesetzes inzwischen tiefere Einsicht in das Wesen des Sohnes Gottes gewonnen haben? Man hat den Eindruck, dass diese Kommission aus der Hauptstadt Jerusalem sich mit deutlich anderen Motiven bei Jesus versammelt hat als andere, die zu ihm kamen (z. B. Mark. 1, 40; 2, 3. 4). Wenn jene Kommission zur Überprüfung von Jesus jetzt da ist, steht dahinter einerseits eine große Treue zum Gesetz. Es war den jüdischen Verantwortlichen nicht egal, was im Volk gelehrt wurde und wie die Menschen lebten. Jeder, der zum Volk Gottes gehörte, sollte sich am Willen Gottes orientieren. Andererseits aber hatte die Sorgfalt und Treue dem Gesetz gegenüber in eine schlimme Engherzigkeit und Pedanterie geführt. Aus Angst vor Gesetzesübertretungen, aus Angst, die Heiligkeit Gottes zu verletzen, legte man das mosaische Gesetz bis in alle Einzelheiten des praktischen Lebens aus und fügte unzählige Vorschriften hinzu. So hatten die Juden eine umfangreiche mündliche Auslegungstradition entwickelt. Diese bezeichneten sie als »Überlieferungen (Satzungen) der Ältesten«, die zum unantastbaren Fundament des Judentums geworden waren. Jesus aber entzog sich diesem riesigen Netzwerk von ausgeklügelten Festlegungen (Luk. 11, 38). Denn er war gekommen, um den wahren Gotteswillen zu lehren und zu erfüllen. (Lies Matth. 5, 17. 18; Joh. 6, 38; 8, 29; vgl. Ps. 40, 7-9.) Wie wichtig für unser Glaubensleben, dass wir uns nicht auf Formen und Traditionen verlassen, sondern Jesus nachfolgen und uns leiten lassen durch das pure Wort Gottes und den Heiligen Geist. (Vgl. 2. Petr. 1, 16-21.) Welch eine Entlastung und heilige Verbindlichkeit ist uns mit Römer 8, 14. 15 und Galater 4, 5. 6 geschenkt!
Die Antwort, die Jesus der »Untersuchungskommission« gibt, deckt einen schwerwiegenden Irrtum auf: Nicht ungewaschene Hände, sondern kalte Herzen sind das Problem. Ihr meint Gott zu ehren, aber es ist nur Lippenbekenntnis. Euer Herz ist weit weg von Gott. Ihr lasst eure Frömmigkeit auf Hochtouren heißlaufen, aber es bewegt sich alles im Leerlauf. »Vergeblich dienen sie mir« (V. 7). Offenbar wollten Pharisäer und Schriftgelehrte wirklich Gott ehren und ihm dienen. (Vgl. Apg. 22, 3; Phil. 3, 4ff.) Dennoch ist es vergeblich, umsonst. Könnte es so etwas auch heute geben? »Etwa in anderen Religionen? Oder im Christentum als Werkgerechtigkeit? Oder als reine Gefühlssache? Oder in fanatischem Eifer? Oder als Verbrämung eigener Wünsche und Ideologien?«, so fragt ein Ausleger. Jesus bringt auf den Punkt, woran es liegt: »Ihr hebt das Gebot Gottes auf, um eure Überlieferung zur Geltung zu bringen.« Wir haben uns immer wieder zu prüfen, wo wir die biblischen Aussagen - zum Beispiel zu Ehe und Familie, zu Fragen der Sexualität und Würde des Menschenlebens - dem humanistischen Ideal der Selbstverwirklichung opfern (5.Mose 12, 8; Richt. 21, 25). Mit einem Beispiel aus der damaligen Lehr-Praxis belegt Jesus, wie die Schriftgelehrten eins der Zehn Gebote mit Hilfe ihrer Auslegungstradition brachen (V. 10-13). Ein Sohn konnte sich der Unterhaltspflicht seiner alten oder hilfsbedürftigen Eltern durch den Korban-Eid entziehen, ohne den Ruf der Gesetzestreue zu verlieren. Das Gelöbnis »Opfergabe an den Tempel soll das sein, was ihr von mir als Unterstützung haben solltet« galt, wie jeder Schwur, als verbindlich (4. Mose 30, 3). So konnte ein Sohn sich mit »frommen Worten« dem Willen Gottes verweigern. Wer aber die Schrift gegen Gottes Barmherzigkeit auslegt, der hebt letztlich das Wort Gottes auf. Dazu Psalm 112, 4-6; Hosea 6, 6; Joel 2, 13; Sacharja 7, 9; Lukas 6, 36; 1. Petrus 3, 8.
Jesus konnte »Tacheles reden«. Klar und deutlich sprach er an, was vor Gott nicht in Ordnung ist. Doch er tut dies, um den Menschen ihr Herz für Gott abzugewinnen. Wäre es nicht verantwortungslos, ja gemein, wenn ein Herzspezialist seinem Patienten lediglich ein Kreislaufmittel verschreiben würde, obwohl er genau weiß, dass der Erkrankte um eine Bypass-Operation nicht herumkommt?! Wenn Jesus die Bibelkenner seiner Zeit als »Heuchler« benennt, weist er damit auf ihre geistliche »Gefäßverstopfung« hin. Es ist ein Zustand, der sich langsam, aber sicher entwickelt hat. Wie kann es dazu kommen? Wir werden Heuchler, wenn wir o mehr auf unser Ansehen, auf unsere Bedeutung und Stellung achten als auf unseren Charakter. (Vgl. 1. Sam. 16, 7; Luk. 11, 43; Joh. 12, 43; 1. Petr. 1, 17.) o bestimmte religiöse Praktiken sorgfältig einhalten, während unser Herz von Gott distanziert bleibt. Gerade ernsthafte Menschen können dazu neigen, durch frommes Reden und Tun, sich selbst und andere zu täuschen über das, was in ihnen an hässlichen Begierden und egoistischen Wünschen lebt. (Vgl. Matth. 23, 23. 25. 27. 28; Luk. 6, 45.) o unsere eigenen Qualitäten hervorheben, aber die Sünden und Schwächen anderer betonen. (Vgl. Luk. 16, 14. 15; 18, 9-14.) Es ist Jesus sehr wichtig, dass wir begreifen: Gott geht es immer und zuerst um unser Herz, die Mitte unserer Person, das Zentrum unseres Denkens, Wollens, Redens und Tuns. »Gib mir, mein Sohn, dein Herz« (Spr. 23, 26a). Der Herr will, dass unser Reden und Handeln eine Einheit bilden und dass beides, Innen und Außen, Gott ehrt. »Gott will aus verzagten getroste, aus unsicheren feste, aus dunklen reine Herzen machen. Lassen wir dieses ganzheitliche Handeln Gottes an uns zu! Es dient zu unserem Heil und zum Wohl für an- dere Menschen, mit denen wir zu tun haben« (B.Winterhoff).
Die alttestamentlichen Reinheits- und Speisegesetze, auf die Jesus anspielt, konnten zwar das Unterscheidungsvermögen zwischen dem heiligen Gott und dem unheiligen Menschen schärfen, aber nicht das Innerste, das Herz des Menschen, ändern. Der Mensch ist in seinem Wesenskern »böse von seiner Jugend an« (1.Mose 8, 21). Noch radikaler drückt David es in seinem persönlichen Bußgebet aus: »Siehe, ich bin als Sünder geboren, und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen« (Ps. 51, 7). Diese persönliche Erkenntnis bestätigt nur, was weltweit von allen Menschen gilt: »Aber sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben; da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer« (Ps. 14, 3). Nicht anders verhält es sich mit der harten Diagnose, die Jesus stellt (V. 21-23). Wir brauchen ein neues Herz, ein reines Herz. Und wir dürfen Gott darum bitten: »Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist. Verwirf mich nicht von deinem Angesicht, und nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir. Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe, und mit einem willigen Geist rüste mich aus« (Ps. 51, 12-14; vgl. Hes. 36, 26. 27; Matth. 5, 8; 1. Kor. 6, 11). Das »alte Herz« mit seinen Ansprüchen macht uns noch zu schaffen. Denn jede böse Tat beginnt mit einem Gedanken (1.Mose 6,5; Jer.18, 12; Jak.1,14. 15). Wenn wir zulassen, dass unsere Gedanken sich mit Neid, Hass, Pornographie, Habgier oder Rache beschäftigen, wird das zur Sünde führen. Verunreinigen wir uns nicht, indem wir uns auf Böses konzentrieren! Befolgen wir vielmehr die Anweisungen in Jesaja 55,7 und Philipper 4, 8! Unser Leben wird sich verändern, wenn wir darüber nachdenken, was rein und liebenswert, anständig und gerecht ist. Wenn Gott uns von innen her erneuert, werden auch die »äußeren Werke« den guten göttlichen Charakter tragen. (Lies Hes. 11, 19. 20; Eph. 2, 8-10; 4, 22ff.)
Geburtstage sind Gedenktage. Doch wohl deshalb, weil der, der da geboren ist, von Bedeutung für uns ist. Geburtstage von Menschen, die uns nichts angehen, begehen wir nicht. Als Jesus, der Sohn Gottes, in Bethlehem geboren wurde, verkündete der Engel: »Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die für das ganze Volk sein wird. Denn euch ist heute ein Retter geboren, der ist Christus, der Herr, in Davids Stadt.« Mit der Geburt des Jesus-Kindes ist Gott uns ganz nah gekommen. Wir sollten einen Gott haben, der uns nicht in kühler Reserviertheit gegenübersteht und uns gute Ratschläge erteilt, sondern er wollte und will unser Dasein mit uns teilen. In Jesus begegnet Gott uns auf unserer »Ebene«. Obwohl Jesus »Gott war, bestand er nicht auf seinen göttlichen Rechten. Er verzichtete auf alles; er nahm die niedrige Stellung eines Dieners an und wurde als Mensch geboren und als solcher erkannt.« Woran lässt sich das in Lukas 2, 1-14 ablesen? Das Geheimnis der Menschwerdung Gottes besteht darin, dass Jesus ein Mensch wurde, ohne sein Gottsein preiszugeben. Er ist wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich. Als Mensch kann er uns tief und ganz verstehen - als Gott kann er uns umfassend retten. Das ist der Sinn und das Ziel seiner Menschwerdung. Jesus rettet aus Krankheits- und Sündennot (Luk. 7, 50; 8, 48; 17, 19; 18, 42), aus Todesnot (23, 42. 43), aus der verzweifelten Lage Schiffbrüchiger (Matth. 8, 25; 14, 30; Apg. 27, 20. 31. 34), aus den Bedrängnissen der letzten Zeit (Mark. 13, 13). Noch gehen wir durch manches Tränental, aber immer will der Herr uns darin als Retter begegnen. Darum heißt es: »Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden« (Matth. 5, 4).
Wir hoffen von Jahr zu Jahr, es möchten weniger Völker sein, die dem Druck der Gewalt und der Menschenquälerei ausgesetzt sind. Aber es ist zu befürchten, dass, trotz der erkämpften und erreichten Fortschritte, noch genug Schrecken und Leid die Menschen belasten wird. Was das Volk Israel damals vom Großreich Assur erlitten hat, hat sich in unzähligen Variationen im Lauf der Geschichte wiederholt. Mitten in diese Dunkelheit hinein erscheint nun ein helles Licht. »Durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes hat uns besucht der Aufgang aus der Höhe, auf dass er scheine denen, die da sitzen in Finsternis und Schatten des Todes« (Luk. 1, 77-79). Gott selbst verwandelt die dunkle Lage in eine helle und freudige: »Ein Kind ist uns geboren.« Jetzt ist Gott selber auf unsere Seite getreten. Dieses Kind bringt die große Wende, aber ganz anders, als Menschen sich Gerechtigkeit und Frieden vorstellen. Das Kind in der Krippe ist der neue Herrscher, der Herr der Welt - zweifellos. Aber nicht so, dass er schon jetzt die neue Welt Gottes im ganz großen Stil bringt, sondern so, dass er der König und Herr der Menschenherzen sein will. Wie damals im Garten Eden der Unfriede im Herzen des Menschen begann, so will Gott seine Friedensherrschaft zuerst in uns aufrichten. Sein Reich soll in unserem Herzen und Leben entstehen und zur Entfaltung kommen. Das geschieht, wenn Jesus Christus in uns geboren wird und er unser Geschick in seine gute Hand nimmt. Christus in uns, das ist »die Hoffnung der Herrlichkeit« (Kol. 1, 27): Lies Johannes 17, 22. 23. Welch ein Vermögen ist uns anvertraut! Davon darf schon jetzt, in unseren schwierigen Verhältnissen, viel sichtbar werden. Dazu Kolosser 2, 6-10.
So wirklich wie Gott Mensch wurde, so wirklich sollen Menschen wieder Kinder Gottes werden. In einem Weihnachtslied heißt es: »Sehet dies Wunder, wie tief sich der Höchste hier beuget; sehet die Liebe, die endlich als Liebe sich zeiget! Gott wird ein Kind, träget und hebet die Sünd; alles anbetet und schweiget. Gott ist im Fleische: wer kann dies Geheimnis verstehen? Hier ist die Pforte des Lebens nun offen zu sehen. Gehet hinein, eins mit dem Kinde zu sein, die ihr zum Vater wollt gehen« (G.Tersteegen). »Christ wird man nicht einfach dadurch, dass unser altes Leben neue Inhalte gewinnt. Wir werden von neuem, von oben geboren (Joh. 3, 3). Es entsteht ein neues Leben, das seinen Ursprung in Gott selbst hat und in dem wir - das Kind ähnelt dem Vater - Gottes Art an uns haben . . . Indem der Sohn bei uns erscheint, ja Fleisch wird, nicht nur unter uns wohnt, sondern in uns wohnt, sodass dann gleichzeitig wir in ihm wohnen (vgl. Joh. 15, 4-7): indem dies geschieht, haben wir - heute schon - Anteil am ewigen Leben« (G. Voigt). Das Geschenk des göttlichen Lebens brauchen wir, um immer mehr zu werden, was wir schon sind. Anders gesagt: Wir sind »Vaters Kinder«, wir sind »aus Gott gezeugt und geboren« (Joh. 1, 12. 13), seine Art lebt wirklich in uns, aber wir sind ihm noch nicht »wie aus dem Gesicht geschnitten«, sondern befinden uns noch im Wachstum bis zur Wiederkunft des Herrn Jesus Christus. Dann werden wir »sein wie er«. Die Hoffnung auf die herrliche Zukunft bei ihm hilft uns, Sünde zu überwinden, ungeistliche Gewohnheiten abzulegen und in unseren Beziehungen die Güte und Liebe Gottes walten zu lassen: zur weiteren Vertiefung 1. Johannes 3, 10-24.
Nach dem tiefgründigen und harten Gespräch mit der jüdischen Gelehrten- Kommission (V. 1), mit dem jüdischen Volk (V. 14) und mit seinen Jüngern (V. 17) brach Jesus auf »und zog in das Gebiet von Tyrus« (V. 24). Die Stadt war Inbegriff des Heidentums und verrufen seit alttestamentlicher Zeit (1. Kön. 16, 31-33; 18, 4. 19; 21, 25. 26). Nach pharisäischer Lehre gab es für Heiden bis auf wenige Ausnahmen kein Heil. Die Heiden galten als Füllmaterial der Hölle (Strack-Billerbeck). Wenn Jesus aber Heidenland betritt, gibt es dafür verschiedene Gründe: o Der Herr entwich dem Druck der Jerusalemer Behörde, weil er eine frühzeitige Hinrichtung nicht provozieren wollte. Da Jesus beständig aus der Verbundenheit mit dem Vater lebte, war auch hier »seine Stunde« noch nicht gekommen. o Die Aufnahme des Herrn in einem »Haus« erinnert an die Gastfreundschaft, die einst auch der Prophet Elia in dieser Gegend erfahren hatte (1. Kön. 17, 10ff). Jesus steht also in der Linie der alttestamentlichen Propheten (Luk. 4, 25. 26; Hebr. 1, 1. 2a). o Seine Absicht, verborgen bleiben zu wollen, zeigt an, dass er nicht im Sinn hat, vor den Schwierigkeiten im Israelland zu fliehen, um jetzt im Ausland etwa Erfolge zu sammeln. Jesus bleibt seiner Sendung auch als Verworfener treu. Das bestätigt der Ton der Abwehr in Vers 27. Sein Auftrag gilt zuerst »den Kindern« vom Haus Israel. Ihnen bietet er sogar sich selbst als »lebendiges Brot« an - bis in den Tod. (Vgl. Joh. 6, 35-40. 48-51.) - Was können wir von dieser Treue des Herrn lernen? Zur Vertiefung: Jesaja 50, 5; Lukas 22, 42; Apostelgeschichte 20, 24. o Und doch konnte der Herr im Heidenland »nicht verborgen bleiben«. Sein Heilandswirken soll auch denen zugute kommen, die in äußerste Finsternis verschleppt sind. Mission, wie Gott sie will, ist eine Gestalt der Nächstenliebe, dieallen Menschen gilt.
Jesus, der sich für eine Zeit im Verborgenen aufhalten wollte, erlebt eine Überraschung. Der Evangelist Markus zeigt diese mit seinem Lieblingswort »alsbald, sogleich« an. Damit ist gesagt: »Gott selbst schafft dieses Überraschungsmoment « (A. Pohl). Jesus, der seiner Sendung treu blieb, der nicht von sich aus die Initiative ergriff, auf Heiden zuzugehen (Matth. 10, 5. 6), bleibt aber in seinem Herzen offen für das Reden und Führen, wie der Geist Gottes es will. »Alles, was mir der Vater gibt, wird zu mir kommen, und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen« (Joh. 6, 37). Immer wieder hatte Jesus auf seiner Reise durch Israel Heiden angetroffen, die seine Hilfe erbaten. (Vgl. Mark. 3, 8; 5, 1. 2; Matth. 4, 24; 8, 5ff.) Die Frau, die jetzt vor ihm steht, »war eine Griechin« syrophönizischer Abstammung. Sie trägt - demütig bittend und der Hilfe durch Jesus gewiss - ihr ganzes Elend zu Jesus. Die Antwort des Herrn ist hart. Jesus sagt nein. Das will verkraftet sein! Erstaunliches folgt: Die Frau läuft nicht unmutig schimpfend fort, sondern sie bleibt auf ihren Knien vor Jesus liegen und antwortet: »Ja, Herr!« Sie akzeptiert das Nein des Herrn - und bleibt bei ihm. Echter Glaube sieht keinen wirklich stichhaltigen Grund, den zu verlassen, der die nicht verlässt, die sich dennoch auf ihn und sein Wort verlassen. Das tut die Syrophönizierin. Sie nimmt Jesus bei seinem Wort und bittet: Wenn ich auch nicht »Kind« im Haus Israel bin, dann lass mich doch als »Haushund« teilhaben an den Segnungen des Hauses. Die Frau hatte nicht nur den Ton der Milde (»Hündlein«) in der Antwort des Herrn wahrgenommen, sondern Jesus im Glauben als Herrn über Hölle, Tod und Teufel erkannt (Matth. 15, 28). Ihm vertraut sie sich vorbehaltlos an. Zur Ermutigung: Psalm 16, 8; 25, 1-9; 55, 23; Hebräer 10, 35; 1. Petrus 5, 7.
Nach einer großen und langen Wanderung hält Jesus sich wieder am Ostufer des Sees Genezareth auf, jenem durchweg heidnischen Zehn-Städte-Gebiet, in dem aber eine jüdische Minderheit wohnte. Das geistliche Klima scheint freundlicher geworden zu sein (vgl. Mark. 5, 17). »Und sie bringen einen Tauben zu ihm, der mit Mühe redete«, so die wörtliche Übersetzung. Ein Ausleger notiert zum Zustand des Behinderten treffend: »Ohren und Mund sind blockiert. Die Türen zum Nächsten und auch zum Allernächsten, nämlich zu seinem Schöpfer, liegen fest im Schloss. Gesprächsanstrengungen und Gebetsanstrengungen, die zusammenführen sollen, machen nur die schalldichte Mauer bewusst. Das Schlimmste hinter dieser Mauer: Man hört jetzt nicht etwa nichts, sondern nur noch sich selbst. So etwas macht einen zum Wrack. Wir Menschen zerreden uns selbst, weil wir nichts mehr hören und nicht gehört werden. Solch ein Wrack im Kleinen wird hier vor Jesus geschoben.« Die »Bühne des Geschehens« ist eindrücklich. Man erwartet von Jesus eine Demonstration, wie sie bei Heilern üblich war. Doch der Herr nimmt den Mann seelsorgerlich beiseite, sozusagen herunter, weg von der »Bühne«. Wissen nicht auch wir darum, dass Gott uns in unseren Krankheiten und Nöten zuerst auf die Seite nimmt und uns aus dem Umtrieb und Getümmel löst? Was schwer auf uns lastet - eine Erkrankung, ungelöste Probleme, Arbeitslosigkeit, Sorgen um Angehörige, Sündenschuld, Einsamkeit, Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen -, enthält eine Verheißung: Jesus ist da. Er nimmt dich beiseite. Er schaut dich freundlich an. Er möchte dein Herz berühren, dich aus deiner Verkrampfung lösen - ganz still, ganz leise, und doch ganz wirklich. »Sei stille dem Herrn und warte auf ihn« (Ps. 37, 7; lies 2. Mose 14, 14; 1. Kön. 19, 11-13; Ps. 46, 11; 62, 2. 6-9; Jes. 30, 15; Hab. 2, 20; 1. Joh. 3, 19-22).
Wir können wie dieser Gehörlose und Lallende in unseren Kummer und bei uns selbst eingeschlossen sein. Jesus aber stellt einen ganz persönlichen Kontakt her, indem er die »wunden Punkte« spürbar berührt, sodass der Mann verstehen lernt: Hier ist einer, der mich meint und zu mir persönlich durchdringt. Er kann mir helfen. Noch konnte der Mann nicht sagen, was jene Frau in ihrer Not bekannte: »Du bist ein Gott, der mich sieht« (1.Mose 16, 13). Aber Jesus möchte, dass der Mann sich nicht ausschließlich auf der menschlichen Ebene aus seiner »Verschlossenheit« holen lässt. Der Herr möchte ihn auch im Blick auf seine Gottesbeziehung ansprechen. Der Blick zum Himmel macht deutlich, dass Jesus aus der Verbundenheit mit Gott handelt und die Menschen in seine Nähe, die er zu Gott hat, mitnehmen möchte. Aber die Geste allein hilft nicht. Es ist das einfühlsam seufzende »Hefata«, das Vollmachtswort des Sohnes Gottes, das jede Art von Verschlossenheit zu durchdringen und zu öffnen vermag. Das Wort des Herrn hat große Kraft. (Vgl. 4.Mose 23, 19; Ps. 33, 6-9; 107, 20; Jes. 55, 10. 11; Jer. 23, 29; Matth. 8, 8.) Der Gehörlose kann hören, der Sprachlose richtig sprechen. Er ist von seiner Fessel gelöst. Heute will ich mich fragen: Gibt es eine Fessel in meinem Leben, die Jesus lösen möchte? Vielleicht die Fessel der Angst? Die Fessel einer heimlichen Sucht? Die Fessel des Zweifels und des Misstrauens? Schämen wir uns nicht, die Seelsorge unseres Herrn und, wo es nötig ist, auch fachgerechte menschliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Erfahrung der alttestamentlichen Beter gilt immer noch: »Er führte sie heraus aus Dunkel und Finsternis, er zerriss ihre Fesseln. Sie sollen den Herrn preisen. . . Denn er hat eherne Türen zerbrochen, und eiserne Riegel hat er zerschlagen« (Ps. 107, 14-16).
Ende gut, alles gut? Der ehemals an die Fessel der Sprach- und Gehörlosigkeit Gebundene ist frei. Ob er auch geistlich frei geworden ist? Einer, der bei Jesus bleiben und mit ihm leben will? Diese Frage muss offen bleiben. Aber geklärt werden muss sie. Denn die Wohltaten Gottes wollen Menschen helfen, ihre Beziehung zu Gott zu ordnen und zu vertiefen. (Vgl. Matth. 20, 29-34; Joh. 5, 5-9. 14; 8, 1-11; Luk. 7, 36ff.) Was nützt die wunderbarste Heilung - großartig propagiert und weit verbreitet -, wenn darüber Sünder nicht in die offenen Arme Gottes umkehren und ein ewiges Zuhause bei Gott finden? Das Schweigegebot, das Jesus aussprach, hatte also seelsorgerliche Gründe, ganz abgesehen davon, dass er das siegreiche Erlösungswerk auf Golgatha noch nicht vollbracht hatte. Erst der Auferstandene gebietet und ermächtigt zur weltweiten Verkündigung des Evangeliums. Und doch dürfen wir schon heute Zwischen-Bilanz ziehen und den Herrn staunend und dankbar anbeten: »Er hat alles wohl (od. recht) gemacht.« Der letzte Tag eines vergehenden Jahres eignet sich besonders gut, um darüber nachzudenken. Etwa mit der bescheidenen Frage: Wo und wie habe ich es erlebt, dass Jesus diese Sache, die mich bekümmerte, recht gemacht hat? Wir wollen dabei ehrlicherweise nicht versäumen, Jesus und einander um Vergebung zu bitten, wo wir Unrecht taten. Schließlich lasst uns nicht nur dankbar Rückschau halten, sondern auch nach vorne schauen - dorthin, wo unser eigentliches Ziel liegt. Wir dürfen uns von Herzen freuen, dass jeder Tag im neuen Jahr uns dem größten aller Ziele entgegenführt, an dem wir anbetend bekennen werden: »Er hat alles recht gemacht.«
zur Verfügung gestellt von: bibel.com der Homepage von Christen für Christen.