I. GOTT SORGT LIEBEVOLL FÜR SEINE MENSCHEN (1.MOSE 2, 4-14) Es ist typisch für hebräisches Denken, dass zuerst generell das Ganze dargestellt wird (Kap. 1), und dann der eigentliche Mittelpunkt des Geschehens ausführlich beschrieben wird. Dabei gilt Vers 4a (wie Kap. 1, 1) als Überschrift. Sie signalisiert: Nachdem Gott alles geschaffen hat, soll jetzt die geschichtliche Entwicklung der Erde erzählt werden. Darum ist 1.Mose 2, 4bff nicht bloße Wiederholung der Schöpfungsgeschichte, sondern Weiterführung, Entfaltung, Vertiefung.
Bevor vom Hauptthema »Der Mensch« die Rede ist, beschreiben die Verse 5 und 6 den Schauplatz des Geschehens. Dabei fällt auf, dass es zwar schon eine vielfältige Vegetation gab (1, 11. 12), aber noch kein Kulturland, dessen Wachstum und Gedeihen von der göttlichen Gabe des Regens und von der menschlichen Bewirtschaftung des Landes abhängt. Von Anfang an sorgte der Schöpfergott für einen dem Menschen entsprechenden Lebensraum, den der Mensch kreativ, mit Fantasie und Liebe, gestalten soll. Dabei war die Beziehung zum Schöpfer als eine herzliche und tiefe gedacht. Sprachlich kommt dies am Gottesnamen zum Ausdruck, der erstmalig ab Vers 4b genannt wird. Es ist von »Jahwe Elohim« die Rede. Während »Elohim« Gott als »den einen wahren Gott, als den unendlich Großen und Erhabenen« (Delitzsch) beschreibt, meint »Jahwe« (dt.Übersetzung meist: der HERR) den Gott, der »für uns da ist«. Der Allmächtige ist zugleich der Liebende, und der Liebende ist allmächtig. In seiner unvergleichlichen Hoheit und Majestät will Gott den Menschen in seinen Schutz, in seine Liebe und in sein Heil einbeziehen. Der HERR möchte eine verbindliche Liebesbeziehung mit seinen geliebten Menschen eingehen und bewahren. Keine noch so faszinierende Religion kennt einen persönlichen Gott, der jeden persönlich liebt und führt und ihm die Treue hält. (Lies 1.Mose 15,7; Jes.43,3. 4; 54, 5-8. 10.) Gott allein kann und will uns »Leben und volle Genüge« schenken (Joh.10,10b).
1.Mose 2, 4. 7; Hiob 10, 8a; Psalm 119, 73. Wie wertvoll ist der Mensch? Der pure Materialwert beträgt etwa 4-5 Euro. Die »Kosten« steigen beträchtlich, wenn jemand auf die menschliche Niere, die transplantiert werden soll, spekuliert oder wenn ein Kidnapper eine halbe Million für das Leben eines Kindes fordert. Wie wertvoll ist wachsendes, ungeborenes Leben im Mutterleib? Wie wertvoll ist krankes, behindertes, altersschwaches Leben? Die Bibel greift hinein in unser Fragen. Gottes Wort gibt die verbindliche Auskunft: Der Mensch ist Gottes liebstes Geschöpf. Er kommt aus der guten Hand des Schöpfers. Der Wert des Menschen gründet im Liebes- und Lebenswillen seines Erschaffers. »Da bildete Jahwe den Menschen aus Staub vom Erdboden, und er hauchte in seine Nase Lebensatem, und so wurde der Mensch ein lebendiges Wesen.« Der pure Materialwert beträgt sogar weniger als der Wert von Lehm oder Ton. Im Urtext heißt es: Wie ein Töpfer modellierte Gott den Menschen aus »Staub«. Der hebräische Ausdruck im Alten Testament ist Inbegriff der Wertlosigkeit und Nichtigkeit. Gott schuf den Menschen sozusagen aus dem Nichts! Damit wird zum einen das Wunder und Geheimnis des Lebens deutlich und zum anderen die Erdverhaftung und die Vergänglichkeit des Menschen hervorgehoben (Ps. 49, 13. 21). Solange der Mensch nur ein Gebilde aus Staub vom Erdboden ist, so lange ist er ein Toter, eine Leiche. Erst der göttliche Lebensodem »macht den Menschen zu einem Lebewesen, sowohl nach der Seite des Physischen wie des Psychischen hin. Dieses Leben stammt direkt von Gott«, schreibt ein Ausleger. Der Mensch stellt eine wunderbare Einheit von »außen« und »innen«, von körperlichem und seelisch-geistigem Leben dar. Der Mensch kann zwar unter verschiedenem Blickwinkel betrachtet werden, besonders augenfällig in der medizinischen Wissenschaft, aber sein Dasein ist ganzheitliches Dasein, eine Einheit nach Geist, Seele und Leib. Dazu 5.Mose 6, 5; 10, 12; 1. Thessalonicher 5, 23.
Gott setzt den Menschen nicht ins Niemandsland. In seiner Fürsorge legt er einen »Garten« an, der dem Menschenpaar als herrlicher Lebensraum zugedacht ist. Der Garten liegt »in Eden«, im »Wonne-Land«, so die wörtliche Übersetzung. Trotz weniger Andeutungen im Alten Testament (z. B. Jes. 37, 12; Hes. 27,23; Amos 1, 5) lässt sich Eden geographisch nicht genau lokalisieren. Für das erste Menschenpaar war das Wonneland ein Stück »Himmel auf Erden«. Was machte die Lebensfreude der ersten Menschen aus? Zunächst lebten sie in einem herrlichen, »begehrenswerten« Fruchtgarten mit seiner Vollwertkost (V. 9). Dankbar durften sie die großartigen Gaben Gottes genießen. Doch vollwertig im tiefsten Sinn ist das Leben erst in der ungetrübten und unbeschwerten Gemeinschaft mit Gott: So gehörte zum göttlichen »Lebensodem« die Gabe des »Lebensbaumes in der Mitte des Gartens«. Es ist ein wirklicher Baum, an den aber eine besondere Verheißung geknüpft war, die Zusage eines frohen und freien Lebens. Dass dieses Leben »Weisheit«, »Gerechtigkeit«, »Gelassenheit« beinhaltet, wird besonders in den Sprüchen ausgesagt (3, 13. 18; 11, 30; 15, 4). Da Adam und Eva noch frei von Sünde waren, stellte der »Baum des Lebens« kein Problem für sie dar. Erst nachdem der »Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen« zum Todesbaum für sie geworden war, untersagte Gott ihnen den Genuss vom »Baum des Lebens«, damit Adam und Eva nicht im sündigen Zustand ewig leben müssten! - Unser Lebensbaum heute ist das Kreuz, an dem Jesus Christus unseren Tod starb, damit wir ewiges Leben bei Gott haben können. So versprach Jesus dem sterbenden Verbrecher, der neben ihm gekreuzigt worden war: »Ich versichere dir, du wirst noch heute mit mir im Paradies sein« (Luk. 23, 43). In Gottes vollendeter Welt aber werden seine Erlösten, die das neue Leben vom Holz des Kreuzes für sich in Anspruch genommen haben, den vollen Genuss vom »Baum des Lebens« haben. Lies Offenbarung 22, 1-5.
Der Strom, dessen Quell-Ort in Eden liegt, bewässerte das Land und bewirkte die Fruchtbarkeit des Paradiesgartens. Beim Austritt aus dem Garten teilt sich der Wasserlauf in vier Arme. Die beiden ersten Flussarme, »Pischon« und »Gihon« (nicht zu verwechseln mit der Gihonquelle im Kidrontal), werden in der Bibel nicht weiter erwähnt. Dagegen können wir die beiden anderen Flüsse identifizieren: Während »Hiddekel« eine alte Bezeichnung für den Tigris (Dan. 10, 4) ist, trägt »der vierte Fluss, das ist der Euphrat«, bis heute diesen Namen. Auch wenn dieses Flusspaar, entgegen der biblischen Aussage, weder von einem Quellstrom abzweigt noch auseiner Quelle entspringt, muss uns das nicht befremden, da wir heute mit anderen geographischen Verhältnissen rechnen müssen. Der biblische Bericht von der Beschaffenheit des Gartens ist vorrangig daran interessiert zu zeigen, »dass die vom Paradiesstrom gespeisten Ströme die gesamte Welt außerhalb des Paradieses bewässern. Das Restwasser des Stromes aus dem Garten Eden reicht für die ganze Welt« (H.-J. Bräumer). Geheimnisvoll weist dies hinüber zum Lebensstrom in der neuen Welt Gottes, den der Apostel Johannes hervorgehen sah »aus dem Thron Gottes und des Lammes« (Offb. 22, 1; vgl. Hes. 47, 1. 12; Sach. 14, 8). Doch spricht die Bibel nicht nur von Strömen des Lebens im Blick auf Anfang und Ende der Heilsgeschichte Gottes. Wir heute sollen nicht zu kurz kommen. Jesus Christus lädt uns ein, vom frischen und lebendigen Quellwasser des Wortes Gottes zu trinken und diesem Lebenswort zu vertrauen: »Wer von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt« (Joh.4,14; lies Jes.49,10; Ps.36,10; Joh.7,37.38; vgl. Richt. 15, 19; Jer. 2, 13). Es ist unsere höchste Verpflichtung, einer an den Giftquellen der Welt todkranken Menschheit das »Wasser des Lebens« zu zeigen.
II. GOTT ERMÄCHTIGT ZUM LEBEN IN DER BEWÄHRUNG (1. MOSE 2, 15-17) Gott selbst hat den Platz, an den er Adam und Eva stellt, bereitet. Die beiden kommen in sorgfältig vorbereitete Verhältnisse. Die Versetzung durch die Hand des Schöpfers in den Garten Eden vollzieht sich in Ruhe: Das Verb »hineinsetzen « kann auch heißen »zur Ruhe bringen«, »beruhigen«. Die Ruhe Gottes, die für den Menschenvor aller Arbeit ihren Platz erhalten hat (1.Mose 2, 1-3), wirkt sich auch im Arbeitsprozess aus. Der Lebensraum, von Gott geschaffen und ausgestattet, darf und soll vom Menschen in Ruhe erobert und schöpferisch gestaltet werden: »Bebauen und bewahren« lautet das doppelte Mandat Gottes. Es geht darum, mit dem Anvertrauten sachkundig und liebevoll umzugehen, dabei auch Neues zu entdecken und zu gestalten. Die Aufgabe des Bebauens und Bewahrens beruht auf der Einsicht, dass Menschen die Voraussetzungen, aus denen ihre Kreativität entsteht, nicht aus eigener Kraft hervorbringen. Gott selbst hat alle Voraussetzungen geschaffen: dem Menschen Lebensraum, Begabung und Befähigung geschenkt. Darum ist die Kreativität des Menschen zutiefst an den Schöpferherrn gebunden. Losgelöst von Gott kann zwar auch Kultur entstehen, aber erfülltes und gesegnetes, freies und zufriedenes Leben wird dadurch nicht geschaffen (vgl. 1.Mose 4,16-24). Umso wichtiger, dass wir unser Tun und Lassen aus der Verbundenheit mit Gott und zu seiner Ehre bewerkstelligen (lies Kol. 3, 17; 1. Kor. 10, 31). Vergessen wir nicht, Gott zu danken für jeden Tag, den wir leben dürfen; für jeden Tag, an dem wir Nahrung, Kleidung, Wohnung und Arbeit haben. Nichts ist selbstverständlich. Wer das weiß, kann seine Lebensansprüche zugunsten anderer gelassen reduzieren. Solch stille Gelassenheit brauchen wir. Was hat diese Gelassenheit mit der Anti- Sorgen-Verordnung von Jesus in Matthäus 6, 33 zu tun?
Was macht den Menschen zum Menschen? Seine Biologie? Seine Intelligenz und Schönheit? Seine Arbeit, Tüchtigkeit und Leistung? Seine Gesundheit oder seine Position? Der biblische Schöpfungsbericht nimmt eine völlig andere Wertung vor: Der Mensch ist zur Gemeinschaft mit Gott entworfen und darf mit Gott per du sein. Er hat das Lebens-Gebot Gottes: »Von jedem Baum des Gartens darfst du essen, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen darfst du nicht essen.« Dem Menschen steht die vielfältige Schöpfungsfülle offen. Er darf sich daran freuen und Gottes herrliche Gaben genießen. Gott gönnt seinen Menschenkindern nur das Beste. Mit dem Gebot, das mit der großen Freigabe aller Bäume des Gartens beginnt, beabsichtigt Gott, dem Menschen zum vollen und ganzen Menschsein zu verhelfen. Dazu gehört aber ein bestimmtes Sich-Verhalten zu Gott, das erst durch ein Gebot Gottes ermöglicht wird. Erst am Gebotenen und daran, ob der Mensch dies einhält oder davon abweicht, wird die Gesinnung des menschlichen Herzens erkannt. (Vgl. 5.Mose 8, 2; 2.Chron. 32, 31.) Noch leben Adam und Eva jenseits von »Gut und Böse«. Sie wissen weder um das Böse noch um Sterben und Tod, aber sie wissen um eine fest gezogene Grenze. Es ist eine gute Grenze, die Grenze als gegebene Gnade seiner Geschöpflichkeit und Freiheit. Gott wollte, dass der Mensch in freiem, vertrauensvollem Gehorsam mit dieser Grenze lebte. Was immer Gott gibt, was immer er vorenthält, es ist gut für seine Menschen. Nur der Allwissende kennt letzte Zusammenhänge und das Warum. Die Frage ist, ob wir mit ihm im Gespräch bleiben, ob wir ihm mit ungeteiltem Herzen vertrauen. Menschen, die Gott vertrauen, leben der hohen Bestimmung: Zur Gemeinschaft mit Christus berufen. (Lies 1.Kor.1,9; Joh.15, 4-16.)
Das Gebot Gottes, nicht vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen, bedeutete für den Menschen keine Überforderung, sondern die Herausforderung, Verantwortung wahrzunehmen. Gott selbst hatte auf die Existenz von Gut und Böse hingewiesen und damit auf die tiefste Entzweiung des menschlichen Lebens in jeder Richtung. Adam und Eva sollte es genügen, dem Wort Gottes zu vertrauen und im gehorsamen Tun seines Wortes tiefste Freude und Lebenserfüllung zu finden. (Lies Ps.19, 8-12.) Solange sie dem Wort Gottes gehorchen, braucht ihnen der Genuss vom Baum des Lebens nicht verwehrt zu werden, da die Beziehung zum Herrn des Lebens unversehrt ist. Erst durch das Zerbrechen des vertrauten Umgangs mit Gott sollte der Zugang zum Lebensbaum verwehrt werden, damit der Mensch »nicht etwa seine Hand ausstrecke und auch noch von dem Baum des Lebens nehme und esse und - in seinem dem Tod geweihten Zustand - ewig lebe« (1.Mose 3, 22). Für den Fall, dass der Mensch die von Gott gezogene Grenze überschreitet, kündigt ihm Gott den Tod an: » . . . an dem Tag, da du davon isst, musst du sterben.« Damit ist nicht an eine sofortige Hinrichtung des Menschen gedacht, sondern an den Verlust des ewigen Lebens bei Gott, auf den eines Tages der physische Tod erfolgt. Gott aber wollte, dass der Mensch im vollen Bewusstsein seines Menschseins vor ihm und mit ihm lebte. Darum setzte er in die Mitte des Gartens zwei Bäume, die es dem Menschen ermöglichten, Verantwortung zu leben und ein Mensch zu sein, der seine Bestimmung, Abbild Gottes zu sein, erfüllte. Die beiden Bäume mitten in Eden waren darum »Segensbäume« (Delitzsch). »Herr, befestige meine Schritte durch dein Wort, und gib keinem Unrecht Macht über mich« (Ps.119,133).
III. GOTT ERSCHAFFT DIE FRAU UND STIFTET DIE EHE (1.MOSE 2, 18-25) Während 1.Mose 1, 27 zusammenfassend festhält: »Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, als Mann und als Frau schuf er sie«, erfahren wir jetzt, dass Adam eine Zeit lang allein war. Wie lange er allein war, wird nicht gesagt. Nur so viel: Der Zustand des Alleinseins wird von Gott als »nicht gut« bezeichnet (vgl. Pred. 4, 9-12). Erst nach Erschaffung der Frau sprach der Schöpfer: »Siehe, es war sehr gut« (1.Mose 1, 31). Gott beendet den Zustand des Alleinseins mit dem Entschluss: »Ich will ihm eine Hilfe machen.« Das hebräische Wort »Hilfe« hängt mit einer Wortwurzel zusammen, die so viel bedeutet wie »stark sein«. Der Mann braucht ein Wesen, das ihn fördert, stärkt und stützt. Die Hilfe liegt in der Kraft gemeinsamen Handelns. Von daher muss der Mann ein Gegenüber haben, das »ihm entspricht«. »Der Mensch braucht bei relativer Verschiedenheit eine passende Ergänzung von wesentlicher Gleichheit« (H.-J. Bräumer). Bevor nun berichtet wird, wie Gott die Frau schuf, wird Adam in seiner Beziehung zur Tierwelt beschrieben. Dabei wird neben die Schöpfertätigkeit Gottes die Kreativität Adams gestellt: Gott bildete die Tiere, ordnete sie Adam zu, und dieser gab ihnen Namen. »Und genau so, wie der Mensch sie, die lebenden Wesen, nennen würde, so sollte ihr Name sein.« In der Benennung entdeckt, bestimmt und ordnet der Mensch seine Welt. Durch diese aktive Beteiligung des Menschen an der Tierwelt werden ihm seine einzigartige Geschöpflichkeit und sein Alleinsein bewusst. Gott aber will das Alleinsein des Menschen beenden; denn zum Wesen des Menschseins gehört der Nächste, das Miteinander, die Gemeinschaft. So wie Gott selbst kein »einsamer Gott« ist, soll auch der Mensch nicht vereinsamen. Welche Hilfen entdecken wir in Johannes 16,32; 15, 15; Matthäus 18,20; 12,50; Apostelgeschichte 15,36; Jakobus 1,27?
Das Wirken des Schöpfers verläuft nicht nach Schablone, sondern es ist überraschend neu und geheimnisvoll. Der Herr lässt Adam in einen Tiefschlaf fallen; wörtlich heißt es: »Und er entschlief.« Adam fällt in einen todesähnlichen Schlaf, der das Bewusstsein völlig außer Kraft setzt. Das Schaffen Gottes entzieht sich damit einem letzten Verstehen von Seiten des Menschen. Wenn 1.Mose 1,27 hervorhebt, dass Gott zwei gleichrangige und gleichwertige Menschen erschaffen hat, betont unsre heutige Textstelle »die wesenhafte Zusammengehörigkeit der beiden Personen in einem besonderen Schöpfungsakt aus dem Leib des Mannes. Die zwei Personen sind von Anfang an eine Einheit, sie kommen voneinander her« (H.-J. Bräumer). »Und Gott brachte die Frau zum Menschen.« Wie ein Brautführer führt Gott selbst die Frau dem Mann zu. Mit einem Freudenruf begrüßt der Mann das neue Geschöpf: »Diese endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch!« Damit formuliert Adam ein Doppeltes: 1. Der Mensch hat jetzt »das Gegenüber, das Du-Charakter hat« (H. Thielicke), einen Beistand, der ihm entspricht. Dabei meint die dem Mann »entsprechende Hilfe« (V.20) nicht einseitig die Frau als Geschlechtswesen, sondern die personelle Gemeinschaft von Mann und Frau im umfassenden Sinn, das gegenseitige Helfen bei der Arbeit und das gegenseitige Verstehen, die Freude aneinander und das Ausruhen beieinander. 2. Der Mensch bestätigt die grundlegende Zusammengehörigkeit von Mann und Frau. Es geht um ein eheliches Miteinander von Mann und Frau, das Gott als Einheit in der Zweiheit entworfen hat. Die Erschaffung der Frau vom Mann gilt im Neuen Testament als Typus für die Erschaffung der Gemeinde von Christus, dem zweiten Adam, her: So wie Gott die Frau im todesähnlichen Schlaf aus dem ersten Adam machte, so kommt aus dem Tod des Christus seine Gemeinde, die als Brautgemeinde ihrem Bräutigam aufs herzlichste und engste verbunden lebt. (Lies Eph.5,31.32; Joh.3,29; Offb. 19, 7.)
Vorliegender Text ist ein zusammenfassendes, in die Zukunft weisendes Wort zur Ehe, das im Neuen Testament besonders Jesus aufgreift und als verbindliches Gotteswort erklärt (Matth.19,5; Mark.10,7. 8). Fünf biblische Leitlinien lassen sich zur Frage um Ehe und Partnerschaft bündeln: 1. Die Ehe ist von Gott gewollt, gestiftet und gesegnet (1.Mose 1, 27). Wenn Gott der Begründer der Ehegemeinschaft ist, dann ist er auch ihr Begleiter und Erhalter. Von ihm, der die Liebe in Person ist, empfängt die eheliche Beziehung schöpferische Impulse gegenseitigen Gebens und Nehmens. 2. Der Ehe liegt eine Beauftragung Gottes zugrunde. Beide, Mann und Frau gemeinsam, haben die Aufgabe erhalten, sich die Erde untertan zu machen (1. Mose 1, 28). Dieser Auftrag erfordert gegenseitige Achtung und Liebe, Geduld und Tragkraft. 3. Dem Akt der Eheschließung geht ein persönlicher und sozialer Reifeprozess voraus. »Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen« weist hin auf eine gute Eigenständigkeit und Charakterfestigkeit des Mannes. Sie werden im Lauf der Jahre erworben durch Dankbarkeit, Dienstbereitschaft und Demut (vgl. Eph. 5, 25). Gewiss geht es hier um einen Wachstumsprozess auch innerhalb der Ehegemeinschaft; und doch werden die Grundlagen vor allem in den Jahren davor gelegt. Dies gilt selbstverständlich auch für die Frau (vgl. Eph. 5, 21; 1. Petr. 5, 5); aber Gott hat dem Mann eine besondere Verantwortung übertragen, der er sich nicht entziehen darf. Ein Teil der Verantwortung wird wahrgenommen, wenn der Mann »Vater und Mutter verlässt«. »Das Verlassen von Vater und Mutter von Seiten des Mannes klingt im Blick auf die patriarchalischen altisraelitischen Familienverhältnisse, wo das Verlassen der Eltern nur von der Frau gefordert wurde, provozierend. Eine Ehe ist aber nur da möglich, wo beide, Mann und Frau, aus ihrem alten Familienverband ausscheiden, um ganz frei füreinander zu sein. Es ist die Aufgabe der Eltern, ihre Kinder zur Ehe freizugeben« (H.-J. Bräumer).
4.Die Ehe stellt ein personales Treueverhältnis dar. Der Mann »wird seiner Frau anhängen, und sie werden zu einem Fleisch werden«. Zuerst ist von »seiner Frau« die Rede. Es kann gar nicht eine x-beliebige Frau sein; schon gar nicht wird an einen Partnerwechsel gedacht. Der göttliche Grundsatz steht eindeutig fest: ein Mann - eine Frau. Dabei geht es um die von Gott dem Mann zugedachte und zugeführte Frau, die in einem öffentlich-rechtlichen Akt der Eheschließung »seine Frau« wird. Dann folgt das »Anhängen«. Wörtlich übersetzt heißt es: »anschmiegen, anhaften, anleimen«. »Das Angeleimtwerden an einen anderen Menschen geschieht überall da, wo zwei Menschen ein Fleisch werden. Selbst in dem Fall, dass ein Mann zu einer Dirne geht und ein Leib mit ihr wird, ist er an diese Frau angeleimt (1. Kor. 6, 16). Wie es nur das Festgeleimtsein an einen Gott gibt (5.Mose 4, 4), so gibt es für den Menschen nur das Angeleimtsein an eine Frau. Die wörtliche Auslegung der Mann wird an seiner Frau hängen schließt damit jeden außerehelichen Geschlechtsverkehr aus. Zur Ehe gehört das Ein-Fleisch-Sein « (H.-J.Bräumer). - Der Apostel Petrus, der im Gegensatz zum Apostel Paulus verheiratet war, gibt neben wertvollen Hinweisen für eine gelungene Ehe von Christen den seelsorgerlichen Rat: »Ihr Männer, seid rücksichtsvoll zu euren Frauen! Bedenkt, dass sie der schwächere Teil sind. Achtet und ehrt sie; denn Gott schenkt ihnen das ewige Leben genauso wie euch. Handelt so, dass nichts euren Gebeten im Weg steht« (1.Petr. 3, 7). Für ein frohes und zufriedenes Zusammenleben von Christen gibt es letztlich nur ein Gebot: das Gebot wahrhaftiger, selbstloser und treuer Liebe. (Lies 1.Petr.3, 8-12; Joh.13,34.35.) Christenmenschen haben das Gerangel um Macht über Menschen und das engstirnige Bestehen auf das persönliche Recht nicht nötig (5.Mose 30,19.20; Ps.63, 9).
5. Die Ehe gilt als Modell der Liebe für die Beziehung der Christen unter- einander. Der Schlüssel zum Menschenherzen ist die einfühlsame, wahrhaftige und anhaltende Liebe, die nicht den eigenen Vorteil sucht, sondern auf das bedacht ist, was der andere braucht. Jesus selbst weist seine Leute an: »Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe« (Joh. 15, 12; vgl. 1. Joh. 3, 14-18; 4, 20. 21). Lieben wie Jesus - welch ein Programm! Wenn wir uns einmal Zeit nehmen, über diesen unseren Auftrag ehrlich nachzudenken, müssen wir uns eingestehen, wie schwach, wie unfähig, wie untauglich wir »in Sachen Liebe« sind. Es wird uns bewusst werden, dass echte und dauerhafte Liebe nur erlebbar ist in enger Verbundenheit mit dem, der die Liebe in Person ist (1. Joh.4,7. 8). Wir haben all die Worte der Bibel zum Thema Liebe schon oft gelesen und gehört, sie sitzen uns recht gut im Kopf. Gut so! Aber wie sieht meine Lebenspraxis aus? Wie kann Liebe neu, wie kann sie hilfreich und konkret werden - in Ehe und Familie, Nachbarschaft und Gemeinde, im Kollegen- und Freundeskreis? Großartige Patentrezepte gibt es sicher nicht, aber den Weg der kleinen Schritte. Es ist ein mühsamer, aber lohnender und auch ein wundervoller Weg. Einige grundlegende Schritte sollten wir überdenken und immer wieder wagen: o Die Liebe sucht zuerst das Gespräch mit dem Herrn der Liebe. Ich mache mir klar und danke Gott, dass er mich zuerst geliebt hat, dass ich täglich und augenblicklich von seiner herzlichen Liebe lebe, dass er mir immer wieder vergibt und mir unermüdlich die Treue hält. (Lies Ps. 103, 3; Jes. 43, 24b. 25; 44, 22; 1. Joh. 4, 19.) Das ehrliche und vertrauensvolle Sprechen mit Jesus bringt Klärung, Wärme, Gelassenheit und Güte in mein persönliches Leben.
Wie kann die herzliche Liebe Gottes für unser Miteinander hilfreich und konkret werden?
o Die Liebe lässt das Gespräch miteinander nicht ausgehen. Miteinander sprechen braucht Zeit. Braucht Bereitschaft zum Hören, Einfühlen, Verstehen. Statt Unterstellungen, Vorwürfen und Schelte können wir uns im behutsamen Fragen und demütigen Bitten üben: Wie meinst du das? Habe ich richtig verstanden, dass . . . ? Hilf mir zu verstehen, wie du dirµs gedacht hast. - Unsere Liebe lebt von der Vorschuss-Vergebung Gottes. Das unerhört große und unverdiente Vorrecht der Christen besteht darin: Wir dürfen immer wieder neu miteinander anfangen. Nachtragende Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen zerstören Gemeinschaft. Vergebung aber baut Brücken zum Herzen des andern und schafft Wohnstätten der Geborgenheit und Zufriedenheit. o Die Liebe überlegt sich kleine Geschenke, die den anderen erfreuen. Eine hübsche Karte, ein bunter Blumengruß, ein kleiner Zeitgutschein, stille Gefälligkeiten, ein gutes Buch, ein warmer Blick, ein winziges Lächeln, ein freundliches Wort, verstehendes, bergendes Schweigen, ein dankbarer Händedruck: Tausend Kleinigkeiten können unser Miteinander erträglicher und schöner gestalten. o Die Liebe macht sich selbst verletzbar, indem sie Offenheit und Vertrauen wagt. Besonders Christen können auf Wahrheit und Ehrlichkeit nicht verzichten. Darum gilt es, der Realität ins Auge zu sehen und sie zur rechten Zeit klar und freundlich anzusprechen. Dabei ist es möglich, dass unser Gesprächspartner sein Ohr der Wahrheit nicht öffnet. Vielleicht braucht er noch Zeit zum Nachdenken und Verarbeiten. Vielleicht werden wir sogar über eine längere Wegstrecke ein Stück Einsamkeit und Unverstandensein geduldig zu tragen haben. Entscheidend wird sein, dass wir uns nicht erbittern lassen und auch böse Aktionen und Reaktionen nicht sammeln, nicht anrechnen und nicht nachtragen (1. Kor. 13, 4. 5). Im Aufblick zu Jesus lernen wir sogar Böses mit Gutem zu überwinden: Römer 12,21; 1. Petrus 2,15.
Im Garten Eden, als die Welt noch in Ordnung war, lebte das Ehepaar Adam und Eva in glücklicher Harmonie und göttlicher Heiligkeit miteinander. Nichts musste verheimlicht, versteckt, verschwiegen werden. Alles lag offen vor Gott und voreinander. Es gab ja auch nichts, wirklich gar nichts, das schlecht oder böse gewesen wäre. Darum heißt es »und sie schämten sich nicht«. Scham konnte es im Miteinander noch nicht geben, weil sie eine Reaktion auf Ungehorsam gegenüber Gott ist. In der Welt des Ungehorsams ist Scham »die Verhüllung meiner selbst vor dem anderen um meines eigenen und seines Bösen willen« (D.Bonhoeffer). Seit dem Einbruch der Sünde in unsre Welt gehört das Schamgefühl zum Menschsein. Es hängt auch zusammen mit unsrer Gewissensbildung und stellt ein sensibles Signalsystem zum Schutz des Menschen dar. Darum gehören die schamlose Enthüllung des Menschen und der anstößige Umgang mit der körperlichen und seelischen Intimität des Menschen eindeutig zum Machtbereich des Bösen. (Vgl. 1.Mose 9, 20-27.) Christen, die sich den guten biblischen Weisungen Gottes, wie Leben und Gemeinschaft gelingen kann, anvertrauen, werden hier klar Stellung beziehen - mit Worten und mit ihrem ganzen Dasein. (Vgl. Spr.7, 1-3. 7-25.) In Verbindung mit unserem Schamgefühl gibt es aber auch eine richtige und gute Enthüllung, wenn es darum geht, mit der Sünde im persönlichen Leben herauszurücken, sie aufzudecken, sie zu bekennen. (Lies Luk. 15, 17-24; 1. Joh. 1, 5-2, 2; Offb. 3, 17-19.) Wer seine Sünde aufdeckt und sich vor dem heiligen Gott als arm und bloß erkennt, den umhüllt er mit den »Kleidern des Heils« (Jes.61,10). In der Gemeinschaft mit Gott und miteinander, im Umgang mit der Bibel und im gehorsamen Tun des Wortes Gottes werden wir stark, den Verführungsmächten zu widerstehen und Sünde zu überwinden. (Lies 1.Mose 39, 1-12; 1. Petr.5, 8-10.)
»Jesus nachfolgen, das ist die Grundmelodie des Neuen Testamentes. Ein Nachfolgen in dem Sinn, wie es dies zu Lebzeiten von Jesus auf Erden gab, ist im wörtlichen Sinn nicht mehr möglich. Jesus läuft nicht mehr sichtbar vor uns her, seine Fußspuren kann keiner mehr im Sand erkennen. Die Spuren von Jesus, denen es zu folgen gilt, liegen im Wort des Neuen Testamentes. Seit der Rückkehr des Sohnes zum Vater ist der ein Nachfolger, der in Christus ist. Paulus verwendet in seinen Briefen den Begriff von der Jesus-Nachfolge nicht, dafür gebraucht er ungefähr zweihundert Mal die Wendung in Christus. Das Kennzeichen eines Nachfolgers von Jesus ist die Zugehörigkeit zu Christus. (Lies Phil. 1, 1; 1. Petr. 5, 10. 14.) Jesus nachfolgen heißt, zu Jesus gehören und durch ihn gerecht gemacht sein. Es heißt auch, eine neue Kreatur sein: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur, das Alte ist vergangen, Neues ist geworden (2.Kor.5,17), denn am Anfang der Nachfolge steht nicht weniger als ein Schöpfungsakt Gottes. Zu Nikodemus sagte Jesus: Das Reich Gottes kann nur der sehen, der von oben her, der von neuem geboren wird. Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes eingehen (Joh. 3, 4. 5). Diese Neugeburt ist die Antwort Gottes auf die Bekehrung eines Menschen. Wo ein Mensch sagt: Herr, ich will dir gehören, hört und erlebt er die Antwort von Jesus: Du bist mein! « (H.-J. Bräumer). (Lies Jes. 43, 1-4; Röm. 8, 1.) Der Ruf in die Jesus-Nachfolge ist Angebot und Herausforderung. Die Herausforderung heißt: Lass alle alten und verkehrten Wege zurück, lass Jesus deinem Leben eine neue Richtung geben! Das Angebot besteht darin: Du musst dir nicht mehr deine eigenen Wege suchen, denn Jesus hat einen Weg für dich.
Im Wort Gottes finden wir wegweisende Worte unseres Herrn zur Nachfolge. 1. NACHFOLGER SIND WEGGERUFENE LEUTE Wir lesen in den Evangelien, dass Jesus Menschen in seine Nachfolge mit einem klaren Ruf weg vom Bisherigen rief. »Folget mir nach!« Das erlebten die Brüder Petrus und Andreas und ebenso das andere Brüderpaar, Johannes und Jakobus. »Sie verließen ihre Netze und folgten ihm nach.« Als sie diesen Schritt taten, verließen sie viel mehr als ihre Netze. Sie verließen alles, was bisher ihr Leben ausgefüllt hatte: die Familie, gewachsene Beziehungen vor Ort und ihren Lebensunterhalt. Die vier Männer hatten als Fischer im Familienverband gearbeitet; doch Jesus kam und rief sie zu sich. Beim Ruf in die Nachfolge geht es um das Aufbrechen aus dem gewohnten alten Leben, um ein neues zu beginnen. Welch vollmächtiger Anruf Gottes! Schon bei Abraham war es so und später bei vielen anderen. (Lies 1.Mose 12, 1-4; 1. Kön. 19, 19. 20.) Jesus hatte den Fischern nicht ausdrücklich gesagt, dass sie ihre Netze verlassen sollten, aber sie hatten die Realität seines Rufens verstanden. »Dieser Vers ist gerade in seiner Kürze packend. Er verrät nichts von Überlegungen, Motiven, Maßnahmen oder Gesprächen im Zusammenhang mit der getroffenen Entscheidung. Er hält nur das Ergebnis fest. Sie folgten ohne Aufschub Jesus nach. Zurück bleiben die Netze. Die Netze gewinnen fast symbolischen Gehalt, sie stehen für das ganze alte Leben. Später sagte Petrus einmal zu Jesus: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt (Matth.19,27). Das heißt, zurück bleibt auch die Familie, die Häuser, vielleicht auch das Angesehensein bei den Menschen. Sie ziehen mit Jesus. Er wird der Herr ihres Lebens« (G.Maier). Wer mit Jesus lebt, lebt mit dem, dem alle Macht gegeben ist. (Lies Matth.28,18-20; Luk.8,25; Joh.17,2.)
Ohne Aufschub und ohne Bedenken traten die vier Männer in die Nachfolge von Jesus, indem sie sich vom Bisherigen trennten. Das war eindeutig der Beginn eines ganz anderen Lebens. Mit Jesus begann ein Wanderleben mit vielen Unsicherheiten für sie (vgl. Matth. 8, 20). Auch zum Zöllner Levi sprach der Herr die wenigen Worte: »Folge mir nach«, und Levi verließ alles, stand auf und folgte ihm. Levi stand auf, um nie wieder den Platz am Zoll einzunehmen. Damit war Levis Zöllnerleben abgeschlossen, und das Jüngerleben begann. Verließ er nicht einen »lukrativen« Arbeitsplatz? Viel wertvoller war ihm die Aufforderung, mit Jesus zu leben. In der Regel geht es nicht um die äußere Trennung von allem Bisherigen, vielmehr um die innere Loslösung von allen irdischen Sicherheiten, die wir uns schufen. Nachfolger sind weggerufene und weggeholte Leute, aber mit einer klaren Bestimmung: »Er rief sie, dass sie bei ihm sein sollten« (Mark. 3, 14). Jesus ruft zu sich. Das wird Lebensinhalt und Lebensziel der Nachfolger - lebenslang - nicht nur am Anfang des Weges. Sehen wir es als ein großes Vorrecht und Geschenk, mit ihm zu leben? Allerdings wird es in unserem Leben Kämpfe und Angriffe geben, besonders dann, wenn wir mit Entschiedenheit danach verlangen, dass der Herr durch uns wirkt. Manches Verlockende und mancher Mensch wird uns von Jesus wegziehen wollen. Um die innere Loslösung geht es immer wieder, wenn wir uns Jesus ungeteilten Herzens zuwenden. Nachfolger sind von der Welt weggerufene, aber zu Jesus hingerufene Leute. Bei vielen liegt es lange zurück, seit der Ruf des Herrn sie erreicht hat. Wollen wir uns heute nicht ganz neu darüber freuen, dass er uns bei sich haben will? Wenn wir wollen, was Jesus will, dann kann uns nichts von ihm trennen. (Lies Joh. 10, 27-30; Matth. 28, 20; 2.Tim. 2, 19.)
2. NACHFOLGE HAT PRIORITÄT Wir erfahren von einem Mann, der auch von Jesus gerufen wurde, zwar nicht in den engeren Jüngerkreis, aber in die Nachfolge. Vielleicht war dieser Mann schon eine Zeit lang ein Mitläufer gewesen. Ob Jesus seinem Zögern ein Ende machen wollte, als er ihn aufforderte: »Folge mir nach«? Der Angesprochene aber zögerte und äußerte die Bitte: »Herr, erlaube mir, zuerst wegzugehen und meinen Vater zu begraben.« Ein verständlicher Wunsch. Jesus aber antwortete recht schroff: »Folge mir nach, und lass die Toten ihre Toten begraben! Du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!« Mit den Toten, die ihre Toten begraben sollen, meinte Jesus die Menschen, »die in ihrer Sünde tot sind. Von ihnen gibt es genug. Dafür gibt es nur wenige - zu wenige! - Verkündiger des Reiches Gottes. Dieser Mann aber hatte den speziellen Ruf (Du aber) zur Verkündigung« (G. Maier). (Lies Matth. 9, 37. 38; Joh. 4, 35; Jes. 6, 8.) Es gibt im Leben eines jeden Menschen kritische Augenblicke. Wenn diese ungenützt bleiben, kann Wesentliches nicht mehr nachgeholt werden. Dieser Mann hatte einen Vorwand, für ihn gab es noch andere Wichtigkeiten außer der Gottesfrage. Doch Jesus machte klar: Du hast jetzt nur eine einzige Verpflichtung: mir zu vertrauen und zu folgen. Damit befreite der Herr ihn von jedem anderen Dienst und band ihn ganz an sich. Zu Jesus und seiner Berufung gibt es keine wirkliche Alternative. Pflichten gegenüber der Familie, der Karriere im Beruf, dem Verein stehen an zweiter Stelle. Gott zuerst, alles andere wird von dieser Zentrale aus geordnet. Das Leben eines Menschen, bei dem Jesus die erste Stelle einnimmt, wird zur Verherrlichung Gottes und dient zur Verkündigung des Reiches Gottes. (Lies Matth.6,33; 2.Kor. 2,15-17; 3, 2-6.)
Philipper 3, 10-14; Apostelgeschichte 20, 24. Für Jesus-Nachfolger gibt es eine Priorität, der sich alles andere unterordnen muss. Ein »Sowohl-als-auch« ist eigentlich nicht möglich, denn Nachfolge ist das Ausschließliche, das Unvermischte, das Klare, Eindeutige. Für Paulus gab es nur eines: »Orientierung an Jesus allein!« Am Bild vom Läufer verdeutlicht er das Wesen der Nachfolge. »Hier ist alles voller Dynamik. Da ist es wichtig, dass wir erkennen: Es gibt nur eine gesegnete Dynamik auf der Basis einer gesunden Statik. Dynamik, das ist Bewegung; Statik, das ist Ruhe. Die Statik wird im Christenleben verkörpert durch das, was wir in Jesus haben: Wir haben die Erlösung durch sein Blut, wir haben Geborgenheit bei ihm, er ist unser Friede, wir sind vollkommen gemacht in ihm. (Lies Eph.1, 3-14; Joh.10,27; 20,21; Phil. 3, 15.) Dynamik, das sind die Befehlsformen: Kämpfe den guten Kampf des Glaubens, Jaget nach der Heiligung, Wirket, solange es Tag ist. (Lies 1. Tim. 6, 12; Hebr. 12, 14; Joh. 9, 4.) Ohne Statik gibt es keine gesegnete Dynamik, sondern Hektik. Die gesegnete Dynamik des Christenlebens hat eine Priorität, sie hat etwas, das zuerst kommt. Jesus kommt zuerst. Nachjagen nennt Paulus das Vorwärtsgehen mit dieser einen Priorität. Damit sagt er: Das füllt die Gedanken aus, das ist das Erste am Morgen und das Letzte am Abend. Alle Entscheidungen werden unter diesem Gesichtspunkt getroffen, alle Lebensplanungen hängen damit zusammen, alle Aktivitäten sind davon bestimmt, Werktag und Sonntag, Arbeit und Urlaub. Gibt es Dinge in unserem Leben, die wir nicht mit Jesus zusammenbringen, über die wir nicht mit ihm sprechen? Die Vorrang haben vor ihm? Vielleicht wird uns gerade jetzt so etwas klar in unserem Leben und Verhalten. Dann sollten wir ihm sagen: Herr, du sollst jetzt auch hierin Vorrang haben« (K. Schäfer). (Lies Röm.14,8; Kol.3, 1-4; 1.Kor. 2,16; Phil.2,5; Kol. 3, 23.)
3. PLANUNG VON HÖCHSTER STELLE Mit der Berufung in die Nachfolge erfuhren die Fischer, was Jesus mit ihrem Leben vorhatte. »Ich will euch zu Menschenfischern machen.« Zu Petrus sagte der Herr ganz persönlich: »Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen.« Schon mit den Menschen des Alten Bundes sprach Gott über die Bestimmung ihres Lebens. Die Berufung war immer auch mit einem Auftrag verbunden. So hörte es zum Beispiel der Prophet Jeremia: »Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten unter die Völker« (Jer. 1, 5; lies 2.Mose 3, 4-10; Richt. 6, 14). Im Neuen Bund gilt die Berufung nicht nur für Menschen mit einem besonderen Auftrag, sondern jeder Nachfolger von Jesus ist dazu bestimmt, Zeuge seines Herrn zu sein. Zum Christenleben gehört das Zeugnis von Christus. Paulus schreibt: »So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns. So bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott« (2.Kor. 5, 20; Matth. 10, 32). Nachdem Jesus einmal einen dämonisch Besessenen befreit hatte, wich der Mann Jesus nicht mehr von den Fersen. »Aber Jesus ließ es nicht zu, sondern sprach: Gehe in dein Haus zu den Deinen und verkündige ihnen, welch große Wohltat dir der Herr getan hat und wie er sich deiner erbarmt hat« (Mark.5,18. 19). - Jesus-Nachfolger sind befreite Leute, die den wunderbaren Auftrag haben, zu den Menschen zu gehen und ihnen von Jesus und seiner großen Liebe zu erzählen und ihnen im Namen dieses Herrn wohl zu tun. (Lies Apg.1, 8; 13,47-49; 16,25-34.)
Der Herr hat einen Plan für das Leben derer, die mit ihm leben. Diese Erfahrung macht schon der alttestamentliche Beter: »Du leitest mich nach deinem Rat« (Ps. 73, 24). Jeder, der sich dem Herrn anvertraut, erfährt seine ganz persönliche Führung (vgl. Ps. 139, 16). - Die Lebenswege sehen sehr verschieden aus, die Lebensbestimmung aber ist gleich: Jesusleute sind zu einem fruchttragenden Leben berufen. »Ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt.« Wie wird das Christenleben ein fruchtbringendes Leben? Im Wort Gottes finden wir Bilder aus der Natur, die uns den Weg zur geistlichen Reife zeigen: »Die gepflanzt sind im Hause des Herrn, . . . die ihre Wurzeln zum Bach ausstrecken, . . . die an seinen Quellen leben, die bringen ohne Aufhören Früchte.« »Wenn das Weizenkorn in die Erde fällt und erstirbt, dann bringt es viel Frucht.« Jesus sagte: »Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.« (Lies Ps. 1, 3; 92, 14. 15; Jer. 17, 7. 8; Joh.12,24; 15,5.) Alle Frucht wächst aus der tiefen Verbundenheit mit Jesus. Sie wächst ganz natürlich, wenn wir Jesus nachfolgen. Wenn Jesus von Nachfolge spricht, dann meint er den lebenslangen gemeinsamen Weg mit uns, der zum Ziel führt. Jesus will mit uns alle guten und alle bösen Tage durchschreiten. Er will mit uns den ganz gewöhnlichen Alltag bestehen und ebenso die langen und bangen Nächte. Er will unseren »Frust« und unsere Freude teilen. Er will in den Tagen der Anerkennung und des Erfolges bei uns sein und in den Tagen, in denen wir Ablehnung und Misserfolg erleben. Aber Jesus wird nie über unseren Kopf hinweg bestimmen, uns nie seinen Willen aufzwingen. Er möchte unser Herzensvertrauen. (Lies Ps.86,11-13.)
4. NACHFOLGE SCHLIESST LEIDENSGEMEINSCHAFT EIN Gewichtige, schwerwiegende Jesus-Worte liegen uns heute vor: »Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir.« Die Wendung »sein Kreuz nehmen« entstammt dem frühen Judentum. Der jüdische König Alexander Jannai (103-76 v.Chr.) hatte Tausende von Pharisäern ans Kreuz schlagen lassen. Schon für diese jüdischen Bekenner stellte sich die Frage: Das Kreuz nehmen oder dem Glauben absagen? Als dann 63 v.Chr. der römische Feldherr Pompejus Jerusalem eroberte und die römische Herrschaft im Land errichtete, zog mit den Römern erneut die Kreuzigungsstrafe ein, und wieder stellte sich die Frage: Sein Kreuz nehmen oder seinem Glauben absagen? Dabei entstand die Redeweise »sein Kreuz nehmen« für die Tatsache, dass der Verurteilte den Querbalken, an dem er zur Hinrichtung befestigt wurde, selbst zur Kreuzigungsstätte tragen musste. (Vgl. Matth.27,31. 32; Joh.19,16-18.) Was heißt es für uns, »sein Kreuz zu nehmen«? Wenn Jesus diese Worte für die Nachfolge verwendet, meint er, dass seine Nachfolger auch einen Leidensweg zu gehen haben. Wenn Gott uns ein Kreuz auferlegt, dann nicht, um uns unter der Last zu zerdrücken. Unter Druck beabsichtigt er zutiefst, uns im Glauben wachsen und erstarken zu lassen. »Wann immer Gott uns ein Kreuz auflegen muss, wollen wir es willig anpacken, auch wenn es durch Kampf und Schmerzen geht«, bekannte ein Christ. Jesus macht in seinem Wort deutlich, dass unsere Entschlossenheit gefragt ist. »Wer mir nachfolgen will, der nehme . . . !« Es geht um die Entscheidung zu bejahen, was an Schwerem in unser Leben kommt, und es willig zu tragen in dem Wissen und Vertrauen: »Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch.« (Lies Ps. 68,20.21; 66, 8-12; 1. Petr.1,7.)
Am schönsten wäre es, wenn der Apostel Paulus uns den Jesus-Nachfolger vorführen könnte als einen Menschen, der überhaupt nicht mehr sündigte! Aber der Apostel stellt uns ein ganz anderes Bild vor: »Er sieht den begnadigten Menschen unter keinen Umständen mehr allein. Immer ist jetzt Christus dabei. Der Begnadigte hat angefangen, ein Leben in Christus zu führen. Und als lebendiges Glied des lebendigen Christus, eben in Christus, ist der Gläubige der Sünde abgestorben. In Christus fängt es der Sünde an heiß und bang zu werden; Luther braucht hier die starken Ausdrücke, es fange hier nun ein Würgen, Schlingen und Ersäufen an, und siehe, die Gnade frisst die Sünde. Der alte Sünder ist nun so abgeschnitten wie ein Flussarm. Dieser ist noch da, aber am Austrocknen, so wie eine Vene, die man veröden lässt. Sie ist noch da, aber das Blut fließt nicht mehr hindurch. Ach man kann sichs eigentlich nicht vorstellen, was das heißt, der Sünde abgestorben sein, aber glauben - glauben darf man, dass man ein lebendiges Glied am lebendigen Leib von Christus ist und dass damit die Sünde auf Hungerration, auf den Aussterbeetat gesetzt ist wie ein Fisch aufs Trockene. Im Stande der Gerechtigkeit bleibt also, obschon man kein Sündloser ist, doch nicht einfach alles beim Alten. Das Eine ist anders geworden, dass man in Christus lebt und der Sünde abstirbt. Haltet euch der Sünde für tot, Gott aber lebend in Christus Jesus! So wie bei Todesfall Kauf und Verkauf erlöschen, so hat die Sünde kein Recht mehr auf denjenigen, der ihr abgestorben ist; auch wenn sie noch existiert, so wird er ihr hinfort nicht mehr zu Recht verpflichtet sein, sie hat ihren Rechtsanspruch verloren« (W. Lüthi). (Lies Röm. 6, 12. 13; 2.Kor. 5, 14. 15; Gal. 5, 22-26.)
5. BESCHENKTE KÖNNEN DIENEN Im Sterben des Herrn Jesus Christus wurde unser ganzes unfruchtbares Leben zu Grabe getragen. Das Todesurteil Gottes über unsere Sünde wurde an Jesus vollstreckt, damit wir nun in der Kraft seiner Auferstehung in einem neuen Leben Gott dienen können. Die wichtigste Voraussetzung im Dienst für Gott besteht darin, dass wir uns zuerst von Jesus dienen lassen: Bei Jesus sein heißt, sich von ihm dienen zu lassen. Das ist das Geheimnis echter Nachfolge und echten Dienens. Wie dient Jesus uns? Wenn wir mit dieser Frage unsere Bibel lesen, finden wir erstaunliche Antworten, die wir in unserem Leben reichlich bestätigt finden. Einer der vorrangigsten Dienste des Herrn besteht darin, dass er für die Seinen liebevoll sorgt. »Wirf dein Anliegen auf den Herrn, er wird dich versorgen« (Ps. 55, 23). Das wird er auch am heutigen Tag tun. König David hat die Dienste seines Herrn in Psalm 23 vielfältig besungen: »Er weidet mich. Er erquickt mich. Er tröstet mich. Er ist bei mir. Er bereitet mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.« Auch heute! - In Johannes 13 lesen wir, dass Jesus seinen Jüngern diente, indem er ihnen die Füße wusch. Damit gab er einen Hinweis auf seinen größten Dienst für uns: Unermüdlich reinigt er uns vom Alltagsstaub der Sünde. Jesus wird fertig mit dem Unrat schlechter Gedanken. Er vergibt böse, verletzende Worte. Er reinigt uns bis in die Tiefenschichten unserer Persönlichkeit. (Lies 1. Joh.1,9; Hebr.1,3.) - In Jesaja 46,3.4 sagt der Herr: »Ich will euch tragen bis ins Alter, ich will heben und tragen und erretten.« Starten wir heute eine kleine Entdeckungsreise durch das Wort Gottes und durch unser Leben, die uns neu bewusst macht, wie Jesus uns unablässig dient! (Lies 1.Kor. 1,5; Eph. 2,7; 3,16; Phil.4,19.)
»Jesus dient uns. Es ist die immer neue Aufgabe unseres Lebens, uns von Jesus dienen zu lassen. Zugleich aber kann unser Verhältnis zu unserem Retter Jesus kein anderes sein, als dass wir ihm, unserem Herrn, nun auch selber dienen. Echte Diener gehören zu ihrem Herrn. Mit dieser einfachen Regel wird von Jesus ein Grundzug christlicher Ethik in umfassender Weise und wesentlicher Tiefe in einem einzigen Satz ausgesprochen. Jeder Jesus-Jünger kann sein Verhalten fort und fort an dieser einen Frage prüfen: Bin ich jetzt da, wo Jesus ist?« (W. de Boor)
Dienen ist vor allem eine Herzenssache. Man kann Dienste tun, die beeindruckend wirken oder sehr unscheinbare Arbeiten, die niemand zu bemerken scheint. Entscheidend ist die persönliche Einstellung und Geisteshaltung. (Lies 1. Sam. 16, 7; Matth. 10, 42; 25, 23; Kol. 3, 23.) - Dienen heißt also, dem Herrn Jesus Christus ganz zur Verfügung stehen. Das kann auch der Ruheständler oder der berufstätige, aktive Mensch und auch derjenige, der durch Krankheit aus allen Diensten herausgenommen wurde. Jesus-Nachfolger werden nie aus dem Dienst für ihren Herrn entlassen. Die Herzensverbindung mit Jesus zu leben, ist auch in einem sehr begrenzten und angeschlagenen Leben möglich, weil wir einen Herrn mit unbegrenzten Möglichkeiten haben. Eva v. Tiele- Winckler, die sich als »Ancilla Domini« (Dienerin des Herrn) sah, dichtete: »Wird mir der Dienst genommen, den ich so gern getan, ja ruhen auch die Hände, mein Herr entlässt mich nie, ich dien ihm ohne Ende, Ancilla Domini.« Später sagte sie über die Entstehung dieses Liedes: »Jesus Christus war der Mittelpunkt meines Lebens geworden, und tiefe, stille Liebe zu ihm hielt ich als kostbarsten Schatz tief in meinem Herzen verborgen.« Solche Liebe zum Herrn bedeutet Nähe zum Herrn. »Wo ich bin, da soll mein Diener auch sein.« (Lies Joh.10,27; 14,3; 17,24.)
Echter Dienst geschieht aus Dank und Liebe. Der Beweggrund unseres Herzens entscheidet über den Wert unseres Dienens. Doch die Voraussetzung für unseren Dienst schafft der Herr selbst, der uns zuerst dient. Die Jesus-Worte vom Dienen und Nachfolgen sprechen von der Entscheidung in Freiheit: »Wenn mir einer dienen will . . . « Man kann es auch bleiben lassen. Der erhöhte Christus konnte schon im ersten Jahrhundert einer Gemeinde bezeugen: »Um meines Namens willen arbeitest du und bist nicht müde geworden« (Offb. 2, 3). Aber es gab auch Mitarbeiter, denen das Zeugnis ausgestellt wurde: »Bei dem, was sie tun, suchen sie das Ihre« (Phil. 2, 21). Die Jesus-Jünger sind Schüler, deren Meister Jesus ist und deren Leben er prägen will. Aber er übt keinen Druck aus. Wenn er der Herr unseres Leben wird, gibt er uns auch die Kraft, ihm das ganze Leben zur Verfügung zu stellen und zu fragen: »Herr, was willst du, dass ich tun soll?« Diese Frage wird nicht im weiten Weltall verklingen, sondern von Jesus persönlich beantwortet werden. (Lies Apg. 22, 6-10.) Es gibt unendlich viele Dienstmöglichkeiten und ebenso viel Bedarf. Die »Diakonia« ist geradezu ein Begriff geworden für den Dienst an Kranken und Hilfsbedürftigen innerhalb der christlichen Gemeinde. Aber der Dienst der helfenden Hände ist die eine Seite biblisch verstandener Diakonie. Die gefalteten Hände eines Beters die andere. (Lies Ps. 100, 1-5.) Das Gebet ist eine tragende Säule tätiger Nächstenliebe. Ja das Gebet selber ist Nächstenliebe pur. - Jesus krönt unseren Dienst mit einer wunderbaren Verheißung: »Wer mir dienen will, den wird mein Vater ehren.« Gott gibt denen, die seinem Sohn gedient haben, Anteil an seiner Herrlichkeit. Welch lohnende Zielvorgabe, aus der wir immer neue Kraft schöpfen können für ein Leben in der Hingabe an unseren Herrn! (Lies Hebr. 12, 28; Offb. 22, 3. 4; 14, 4; 1. Joh. 3, 2.)
Mit Lob und Dank gegenüber unserem Herrn und Erlöser wollen wir die Aussagen über die Nachfolge überdenken und zusammenfassen. Sein Ruf in die Nachfolge ist für jeden Menschen eine Chance zu neuen Ufern. Wer es erlebt hat, weiß, dass Jesus uns weggerufen hat von dem, was unser Leben bis dahin erfüllte, aber unser Herz in der Tiefe leer ließ. Jesus nun hat unserem Dasein eine neue Mitte geschenkt: seine große und ewige Liebe. (Lies Joh. 15, 9.) So gewann unser Leben Sinn und konnte auf ihn ausgerichtet werden. Diese Beziehung schuf eine bleibende Verbindung und bedeutet zugleich eine Befreiung ohnegleichen. (Lies Joh. 8, 31-36; Hos. 11, 4.) Das Kreiseln um uns selbst ist aufgebrochen. Wir können gar nicht genug danken, dass wir in seinen Augen so wert geachtet sind, dass wir uns getrost an ihn abgeben können und uns nicht mehr so wichtig nehmen müssen. Wichtig ist er, der uns gerufen hat. (Lies Jes. 43, 1-5.) - Wir wollen auch dafür danken, dass der Herr einen guten Plan, eine vortreffliche Bestimmung für unser Leben hat. (Lies Ps. 138, 1-8.) Schließlich sind die Jesus-Nachfolger zum Vertrauen und zur Treue berufen, die sich in Versuchungen bewährt und auch dann gehorsam bleibt, wenn Jesus ins Leiden führt. Auch für einen schweren Weg hält er Kraft und Gnade bereit. Nie lässt er uns allein. (Lies 2. Kor. 12, 9. 10.) Vergessen wir es nicht: Die Nachfolger von Jesus sind überreich beschenkte Leute! Jesus, der Herr aller Herren, dient uns. Staunend dürfen wir antworten: »Herr, lass mein Leben ein Dank und Lobpreis deiner Güte sein!« (Lies Eph. 1, 6. 12. 14.) »Dir zur Verfügung, mein Gott und mein Herr, dir zur Verfügung, je länger je mehr! Dir zur Verfügung in Freude und Leid, täglich und stündlich für Jesus bereit« (H. v.Redern). WENN DER GLAUBE EINSAM MACHT - DIE PSALMEN
1. EINE SCHRECKLICHE VERGANGENHEIT Aufgebracht, mit Zorn und Neid erfüllt (Ps. 106, 16), standen einige führende Männer vor Mose und Aaron. Dem Leviten Korach, Initiator dieser offenen und breit angelegten Empörung, hatte die Sonderstellung des Mose als Offenba- rungsmittler zunehmend zu schaffen gemacht. Gott aber hatte sich zu Mose und Aaron bekannt, denn sie hatte er erwählt und an diesen Platz gestellt (2.Mose 3, 1ff; vgl. Joh.15,16). Auch die Leviten hatten einen ganz bestimmten und einen sehr wertvollen Auftrag bekommen: den Dienst am Heiligtum (4.Mose 1, 48-54). Korach gehörte zur Sippe der Kehatiter (so benannt nach ihrem Stammvater Kehat). Sie mussten während der Wüstenwanderungen die Geräte der Stiftshütte auf ihren Schultern transportieren (4.Mose 3, 29-31; 4, 1-3. 15; 7, 9). Obwohl Korach an solch einer verantwortungsvollen Aufgabe beteiligt war, haderte er mit seinem Los. Das brachte es mit sich, dass er auch mit dem Urteil Gottes, das über das Volk Israel verhängt war, in Konflikt kam: Vierzig Jahre sollten sie in der Wüste umherirren, weil die Israel-Gemeinde es nicht für möglich hielt, das verheißene Land einzunehmen, das Gott selbst ihnen versprochen hatte (4.Mose 14, 1-35). Korach war das Wüstenleben offensichtlich zur unerträglichen Last geworden, sodass er seinem Unmut und Unwillen eines Tages freien Lauf ließ. Doch auch die schweren, unwegsamen Wege wollen geduldig und im Aufblick zu Gott gegangen werden! Das ist einerseits schwer, andererseits aber, wenn wir bei unserem Ja zu den Führungen Gottes bleiben, sind wir gerade auf solchen Wegen unter seiner besonderen Obhut. Wir werden dann erkennen, dass Paulus Recht hat, wenn er sagt: »Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken, denen, die nach seinem Vorsatz berufen sind« (Röm. 8,28).
Der Aufstand Korachs nahm ein schlimmes Ende (4.Mose 16,28-34). Alle Beteiligten kamen ums Leben. Zurück blieb der Schrecken, dass Gott heilig ist und Sünde in seiner Gemeinde nicht dulden kann. Bei einer späteren Zählung der Israeliten wird auf die schwere Strafe, die Gott über die Aufstandsbewegung Korachs verhängt hatte, Bezug genommen. Im Nachsatz heißt es ausdrücklich: »Aber die Söhne Korachs starben nicht alle.« Gott sah, dass nicht alle die aufrührerische Gesinnung ihres Vorfahren teilten. Sie wurden nicht gerichtet. Der Name »Korach« sollte nicht untergehen, sondern dem Geist des Widerspruchs zum Trotz künftig mit dem Lob Gottes in Verbindung gebracht werden. Die Korachiter blieben im Dienst am Heiligtum. Wir finden sie später als Lobsänger und Wächter im Haus Gottes eingesetzt (1.Chron.6,16-22; 9,19; lies Ps. 84, 4b. 5. 11). Sogar in großer Not begannen sie, »den Herrn, den Gott Israels, zu loben mit laut schallender Stimme« (2. Chron. 20, 19). Sie waren sicher auch an der musikalischen Gestaltung der Gottesdienste und Feste beteiligt. Nicht Stimmen der Unzufriedenheit mit Gottes Wegen sollten zu ihm aufsteigen, sondern ein Lobgesang der Anbetung, ein volles Ja zu den Werken und Taten des Heiligen Israels. - In den Überschriften der meisten Psalmen lesen wir: »von David«. Der Name des Königs ist fest mit diesen Liedern verbunden. Aber nicht alle stammen aus seiner Feder. Zwölfmal weist die Überschrift auf die Verfasserschaft der »Söhne Korachs« hin. Mit diesen Psalmen wollen wir uns in nächster Zeit befassen. Wir beginnen mit Psalm 42, einem Weisheitsgedicht, das in tiefer Bedrängnis entstanden ist: »Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir. Meine Seele dürstet nach Gott.« Nichts ehrt unseren Gott so, wie wenn wir in äußerster Bedrängnis nach ihm verlangen, dass er unseren inneren Durst stille. (Lies Ps. 42, 1-12.)
2. VERLANGEN NACH GEMEINSCHAFT MIT GOTT Nach den regenlosen Sommermonaten in Israel ist das Land dürr, und viele Wasserläufe sind ausgetrocknet. Bis der erste Regen fällt, leiden die Tiere große Not. »So kommt der Hirsch zu den ihm vertrauten Wasserbächen und findet kein Wasser. Aus großem Durst streckt er seine Zunge heraus, wie wenn er in der Luft Wasser suchen würde, er lechzt wie alle Kreatur nach dem Lebenselixier Wasser« (D. Schneider). Diese Beobachtung stellt exakt und treffend die geistliche Verfassung des Beters dar. Er steht auf einsamem Posten und hat großen Durst nach dem lebendigen Gott. Ohne ihn kann er nicht leben. Seine Existenz ist gefährdet, wenn dieses Verlangen nicht gestillt wird. Der Text sagt uns, dass der Psalmist sich irgendwo im Gebirge des Hermon aufhält (V. 7). Ein Grund dafür wird nicht genannt. Schmerzlich empfindet er die Trennung von seinen Glaubensgenossen im fernen Jerusalem, wo der Tempel steht und Gott seinem Volk begegnet. Dagegen findet er sich unter Menschen, die Gott lästern und den Glaubenden verspotten. Er kann dem nicht entrinnen, er muss das alles aushalten, er sitzt fest. Nur ein Ausweg bleibt ihm, den Druck seiner Last zu mildern: Er flieht ins Gebet, er klagt seine Not, spricht laut aus, was ihn so niederdrückt, er schreibt auf, was in ihm vorgeht. (Lies Ps. 62, 4-7; 63. 2-5; 84, 2. 3; 143, 1-6.) - Durst nach Gott - das ist hier nicht eine diffuse religiöse Sehnsucht nach einem höheren Wesen. Dieses Verlangen richtet sich an eine ganz bestimmte Adresse, die dem Beter nur zu gut bekannt ist. Es geht ihm um den lebendigen Gott, der sich ihm und seinem Volk sehr oft in Wort und Tat bezeugt hat. Nun ist dieser Gott ihm schmerzlich fern. Bangend fragt er: »Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue?«
Aus welchen Gründen auch immer es den Psalmdichter in die gottfeindliche Umgebung verschlagen hat - er kann offensichtlich nicht alles hinter sich lassen und dem Druck entfliehen. Es ist für ihn unerträglich, die Nähe Gottes zu vermissen und dazu die Gemeinschaft mit anderen Gläubigen, die das gleiche Ziel haben, das Angesicht Gottes zu schauen. Ebenso unerträglich ist der beißende Spott derer, die sich dem Beter überlegen fühlen. »Wo ist nun dein Gott« - zeig ihn uns doch, dass auch wir glauben und dir Gesellschaft leisten können! Der Fremde hat nichts vorzuweisen, was die Spötter beeindrucken könnte. Er leidet an der Verborgenheit Gottes und weiß doch, dass er existiert. Er erlebt, wie ihn dieser Glaube einsam macht und hält doch in diesen Tränenzeiten an ihm fest. Der Spott klingt ihm bitter in den Ohren - doch da erinnert er sich an andere Klänge: »Daran will ich denken . . . wie ich einherzog in großer Schar . . . zum Haus Gottes mit Frohlocken und Danken.« Die Trauer seines Herzens muss er ausschütten, während ihm die frohe Gemeinschaft und die Gottesdienste in Erinnerung kommen. So hatte er es erlebt. Damals war es leicht, zu loben und zu danken, sich zu freuen und den Schöpfer aller Dinge anzubeten. Sollten diese hellen Bilder nicht die Kraft haben, die augenblickliche Dunkelheit erträglich zu machen? »Die Erinnerung an Gottes Taten sind der Anfang des Getröstetwerdens« (D. Schneider). Und so geschieht es. Der von Trauer gebeugte und von Spott gebeutelte Beter hat auf einmal die Kraft, zu sich selbst zu sagen: »Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott.« (Lies Ps. 71, 4-6; 77, 6-14; 116, 7.) Das ist ein Hoffnungswort. Der Beter packt es wie ein Rettungsseil und lässt es fortan nicht mehr los.
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